Schlagwort-Archive: Rezension

300

(Zack Snyder, Warner Bros. Pictures, USA)

Spätestens seit der Erfindung des sechs-lagigen Toilettenpapiers dürfte auch dem letzten Skeptiker klar sein: Die Moderne ist der lebendige Beweis da­für, dass Primitivität und Hochkultur keine ausschließenden Kategorien sind, wenn mensch sich an die Beschreibung der Geschichte macht. Und in­sofern hat die moderne Epoche auch schon alle Versprechungen erfüllt, von der tiefsten Barbarei bis zum feinsinnigsten Kunstwerk. Angesichts dieser span­nungsreichen Vergangenheit wundert es nicht, dass die Reste des Bildungsbürgertums sich aktuell auf einen abgeschotteten Zynismus zurückgezogen haben, während der letzte Pöbel gut bewacht abseits der Aufmerksamkeit höhnisch deren Abgang feiert. Es herrscht das Kleinbürgertum, allüberall! …

Der Titel des neusten hollywoodianschen Machwerks für den deutschen Markt ist so erschreckend einfach wie treffend. Die Hohlheit wird hier schon in ihrer hohlsten Weise, der Leerheit, ausgedrückt. Aber es geht in dem Filmstreifen selbstverständlich nicht um einen beliebigen Punkt in einem leeren Koordinatensystem, wie die nackte Zahl im Titel suggeriert, sondern um eine Gruppe entwurzelter, spartanischer Soldatenseelen (Hopliten), deren genaue Anzahl ansonsten ziemlich egal ist. Der Einfall persischer Heere unter der Drohung, alles und jeden und für alle Zeiten zu versklaven, zwingt die „300“ in eine aussichtslose Schlacht. Die dann auch einen Großteil der erzählten Zeit des Films ausmacht. Doch dieser Trupp aus hart disziplinierten und von ihren Frauen & Kindern getrennten Superhelden ist gar kein wilder Haufen oder glückliches Kollektiv, wie der überbordende Pathos von Blut, Land und Ehre imaginiert, sondern ein ganz gewöhnliches Kommando, eine Spezial-Force unter Führung des spartanischen Königs höchstselbst. Der Zusammenhang erscheint so selbstverständlich wie die unzähligen Darstellungen aus der Zeit der historischen Großdramen des Holly­woods der 50er und frühen 60er. Selbstverständlich kämpft der oberste Führer ganz vorn, selbstverständlich schweißen dessen charismatische Reden alle zusammen. Doch auffällig bei „300“ ist: Die Filmemacher legten scheinbar Wert darauf, die Dif­fe­ren­zierung zwischen einfachem Soldat und königlichem Führer möglichst auszuschalten. Während sich der überlieferte Historienschinken noch auf einfache Klassengegensätze stützte, soll unser spartanischer König „nur“ einer unter vielen sein, gleichzeitig jedoch DER Besondere, derjenige Held mit der ausgezeichneten Mission bleiben.

„Angst ist die Mutter des SOLDaten.“

Solch Widersprüchlichkeit wäre freilich span­nungsreicher Stoff für einen Film. Doch anstelle moderner Sozialpsychologie zogen Dramaturg und Regisseur offensichtlich früh­mit­tel­­alter­liche Korporations-Theorien zu Rate. Denn damals lehrte man tatsäch­lich, dass ein organisiertes Ganzes (bspw. eine Gruppe) sich aus einem Kopf und seinen Gliedern zusammensetze, wobei der Kopf zwar die Glie­der, diese aber nicht den Kopf repräsentieren könnten (corpus-caput-Schema). (1) Die Folgen für die Handlung von „300“ sind fatal. So vor­gestellt, werden die 300 Soldaten zu willenlosen Helfershelfern, deren psychologischer Haushalt völlig durch die königliche Psyche bestimmt ist. Das ist vielleicht „produk­tions-ökonomisch“ in Hinsicht auf die Ersparnis von Nebenrollen, aber letztlich ziemlich billig. Quasi mo­ti­va­tionslos verrichten die Spartaner ihren „Dienst“, schlachten Gegner um Gegner ab, schichten Leichenberge, pflegen ihre Wunden und Schil­de, stets wartend und bereit, den nächsten mörderischen Befehl des Königs wortlos auszuführen. Und wo es keine Heimlichkeiten, keinen Einspruch, keine Unzufriedenheit gibt, keine individuierende Geschichte, da gibt es eben auch wenig zu erzählen. Dieser Umstand wiegt umso schlimmer, als es in dem Film ja nicht um eine muntere Urhorde auf der Gänse­blümchenjagd geht, sondern um einen modernen Kampf-Verband, der durch die Psyche des spartanischen Königs einzig motiviert, eine selbstmörderische Kampagne startet. Und hierin liegt dann auch über­haupt die unausgesprochene Aktualität des mythischen Stoffs der Schlacht an den Thermopylen, deren Gehalt der Film „300“ völlig verfehlt. Denn inmitten der Gegenüberstellung von militärisch kultivier­tem Griechen und barbarisch übermächtigem Perser, ist ja ein Zwangs-Kollektiv Protagonist, das moralisch völlig unentschieden ist zwischen Ge­walt zum guten Zwecke (Special-Force) und absolut sinnloser Gewalt (Selbstmordkommando). Doch anstatt diesen Abgrund dem Zuschauer zu verdeutlichen und zu übersetzen, anstatt den Kontext zu erzählen, bleibt der Film sprachlos, und hüllt all die brennenden Fragen in eine bi­zarre Stilistik, die nichts als Mode und Trend verrät. Die ohnehin durch die viele Weichzeichnerei verwischten Details, erreichen so nicht einmal die Ebene des Banalen oder Profanen. Das Apfelessen am Rande des Schlacht­feldes, der unverblümte Blick auf den nackten Hintern des Königs, die sexuelle Diskriminierung der Königin, alles gerinnt zur trivialen Ausstaffage einer pathologischen Handlung.

Der Film endet, wie er von An­fang an enden musste, im Selbstmord des Königs, dargestellt als kollektiver Selbstmord der gesamten 300. Der Attentatsspeer verfehlt sein Ziel, knapp, aber wahrscheinlich hätte auch dieser letzte Mord keine größeren Auswirkungen auf das Handlungsende gehabt. Die symbolische Verwundung des Gott­königs Xerxes bereitet es nur vor: Denn zum Schluss bekommt der/die gemarterte ZuschauerIn noch ein blühendes Morgengrauen voll kriegslüster­ner Spartaner serviert. Mensch kann nach Hause gehen, das „Perserprob­lem“ haben die Spartaner (in der nächsten Generation) dann doch noch gelöst. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn angesichts der faulen Dar­­stellung, die sich an dem Glanz der eigenen technischen Effekte befriedigt und jede inhaltliche Auseinandersetzung scheut, wundert es schon, wenn da nebenbei eine Ratsversammlung inszeniert wird, bei der die Köni­gin im Namen der 300 Soldatenmütter fordert, mehr Truppen in den Ira… ähm.. zu den Thermo­pylen zu entsenden. Diese haarsträubende, explizite Aufpfropfung kann mensch einfach nur als billige Propaganda für die gegenwärtige Kriegspolitik der USA verstehen. Sie ist aber noch harmlos im Vergleich zu einer anderen, impliziten. Es wird nämlich auch eine verräterische Negativ-Figur in eine völlig belanglose Nebenhandlung projiziert, die das hehre Ansinnen der für Blut und Boden streitenden Spartaner restlos hintertreibt. Der „Volksschädling“ würden hierzulande böse Zungen zischen. Ein einsamer, spartanischer Krüppel, dessen körperliche Voraussetzungen es nicht zulassen, in der Phalanx zu kämpfen. Unser charismatischer spartanischer König will ihn deshalb nicht in sein Kommando aufnehmen. Der Verstoßene ist schwer enttäuscht, rennt zum Feind über, lässt sich durch eine Mischung von Sex & Drugs & Rock´n´Roll zum Überlaufen bewegen und verrät so die „300“, die wenig später in der tödlichen Falle stecken.

Bieten uns die Filmemacher damit etwa einen anderen Ausweg aus dem selbstmörderischen Unterfangen? Hätten die 300 Spartaner ohne den Verrat vielleicht doch das gesamte persische Heer vernichtet und wären so der eigenen Ka­ta­strophe entgangen? Vermutlich nicht, denn der ganze Pathos des spar­tanischen Königs beruht auf seiner schicksalshaften Todesweihung. Er MUSS für die Sache sterben, und damit auch der gesamte, psychologisch an ihn gekettete Kampfverband – darin besteht ja eben das Pathologische, Unentwickelte der Handlung. Die Frage des Verrates bleibt ihr so also auch äußerlich, aufgepfropft, belanglos. Aber wozu ist es dann an­gesprochen? Soll etwa darauf verwiesen werden, dass es überall, selbst bei den Ameri… ähm.. Spartanern, Verräter gibt, die mensch noch dazu an ihrer äußeren „Miß“-Gestalt identifizieren kann? Es ist nicht die Bösartigkeit der Filmemacher, sondern ihre hohle Inszenierung, die aus sprachloser, trivial-pathologischer Leere besteht – ihre inhaltslose Form, die solcherlei bösartige Aufpfropfungen ermöglicht.

Fazit: Den MacherInnen von „300“ ist ein einmaliges Kulturprodukt gelungen, dass all den Hohlköpfen dieser Welt Freude bereiten dürfte. Anstelle von komplizierten Kontexten dominiert der technische Effekt, anstelle ethischer Fragen des kollektiven Überlebens und individuellen Hoffens blinder Selbstmord-Pathos, anstelle von kritischer Aufklärung der naive Mythos. In zynischer Art & Weise liegt der Film damit voll im Trend der Zeit.

(clov)

Wallenstein-Trilogie

(Jürgen Engel, Schauspielhaus Leipzig, D)

… Und damit auch die Langeweile und der schlechte Hunger auf das Event, das sich gerade dadurch vom Happening unterscheidet, dass es im Vollzug jede Überraschung ausschaltet, nur geschehen läßt, was jedeR bereits weiß und schon erwartet. Wenn dann noch grenzenlose Beliebigkeit die letzte Möglichkeit auf ein ganz gerades Spektakel verdirbt, bleibt wirklich nichts als der Griff in die Schatulle der alt bewährten Rauschmittel oder ein Termin beim biochemischen Designer …

 

Dass Leipzig in vielerlei Hinsicht zurückgeblieben ist, dürfte nicht neu sein. Indiz hierfür ist die aktuelle Umsetzung des größten Bauprojek­tes der jüngeren Stadtgeschichte, das auf Plänen aus den Dreissiger Jahren beruht, der Umbau der Universität nach dem Vorbild der Zwanziger oder etwa der Einsatz von Lohnabhängigen als 24h-Streifen nach Manier längst überkommener Milizen. Da wundert es kaum, dass das Leip­ziger Schauspielhaus etwas verspätet zum Schillerjahr ruft. Die Geschichte passt halt nicht zu jedem beliebigen Zweck. Die Wallenstein-Trilogie als buntes Spektakel, so kreischen die Plakate ihre Parolen. Die große Bühne Leipzigs lädt anläßlich des 50jährigen Bestehens seit Wiedereröffnung 1957 ein. Auch damals stand Wallenstein auf dem Programm. Und so möchte der Intendant Jürgen Engel, der gleichzeitig Regie führte, es auch verstanden wissen. Die Aufführung 2007 sei eine „Reminiszenz“ an die von 1957. Noch so eine mysteriöse Rückbezüg­lichkeit, schließlich dürfte kaum jemand aus dem heutigen Publikum damals zu­gegen gewesen sein oder sich gern an die bleiernen 50er zurückerinnern. Doch die Phrase Engels, der nun endlich abtreten sollte, bleibt hohl, denn das aufgeführte Stück hat gar keine Stoßrichtung, also auch keine konservative. Es wabert völlig bedeutungslos dahin zwischen der Beliebig­keit der Mittel und der Willkür der dargestellten Haltungen. Es trivia­lisiert das Drama des glühenden Patrioten Schiller so sehr, dass sich der/die interessierte ZuschauerIn hinterher fragen musste: So schlecht kann doch Schiller gar nicht gewesen sein!? Doch gehen wir ins Detail:

Getrieben vom Hunger auf Geld und Event, entschloss sich das Leipziger Schauspielhaus, bekannt für seine Außen-Auftritte und dem Drang nach erlebnisreichen Spielorten außerhalb des großen Hauses, die Wallenstein-Triologie Schillers gemäß seiner Dreiteilung auf drei Spielorte zu verteilen. Angefangen in der Baumwollspinnerei (Plagwitz) über die große Hausbühne (Zentrum) zum Völkerschlachtdenkmal (Stöt­teritz) und verbunden durch Shuttle-Busse der LVB sollte den Zu­schauerInnen ein lebhafter Theatertag geboten werden. Das Interesse war dementsprechend und angesichts des relativ kostengünstigen Eintrittspreises von 17 Euro sehr rege. 50 Jahre Stadttheater, Schiller, Wallen­stein – die Erwartungen auf Happening, Spektakel und ein Stückchen aufgeklärter Kultur zog nicht nur die Theater-Groupies an. Und der An­fang versprach auch vieles. Mensch stieg irgendwo der Linie 14 zu und wusste sofort: Dies ist kein gewöhnlicher Haufen von Straßenbahn-NutzerInnen, sondern eine Gruppe mit besonderer Mis­sion. Endstation Plagwitzer Bahnhof. Die Special-Force formierte sich und steuerte, durch die innere Dynamik wie von unsichtbarer Hand bewegt, zielsicher Richtung Baumwollspinnerei. Mob-Action im Anzug und mit Ausgeh­schuhen, in akkuraten Blüschen und legeren Hemden, herrlich. Der Spielort war auch gut gewählt. Meine Bezugsgruppe wälzte sich über den langgezogenen Innenhof der Spinnerei bis zu einem der hinteren Ge­bäude und dann durch einen ziemlich heruntergekommenen Trep­penaufgang im Gieszer-Style in eine riesige Fabrikhalle fort. Leider reichten dort schon zwei unbewaffnete Kartenabreisser, um meinen wilden Haufen auszubremsen und letztlich aufzulösen. Wieder vereinzelt standen wir nun in dieser düsteren, großen Halle, deren Dach von schweren Metallsäulen gehalten wurde. Überall hatte die Ausstattung unbenutzte Flutsandsäcke in diversen Fluchtlinien und Arrangements aufgeschichtet und am Rande erstreckte sich eine beinahe endlose Kleiderstange, an der jedeR ganz anarchistisch seine/ihre Klamotten deponieren konnte. Erwartungsvoll folgte ich den wegweisenden Sand­sackbarrieren in den hinteren Teil der Halle. Um die Bühne hatten die fleißigen Techniker des Hauses eine runde und nach vorn hin offene Tribüne aufgebaut. Freie Platzwahl. Beim Setzen fühlte ich mich ein wenig an die alten Hör­säle der Universität erinnert. Die Enge und der kalte Sitz aus blan­kem Holz, ich sah aufs Etikett: Oper Leipzig. Wohl eine ältere Bestuhlung. Im Programmheft stand: „1. Teil – Die Piccolomini. Aufführungsdauer: 1h 30 min. Keine Pause.“ Vorlesungslänge. Perfekt. Ich sah auf eine hohe Wand mit offenem Putz, einen großen Vorhang und ein breites, ziemlich angestaubtes Weinregal. Die Spannung stieg, der Auftakt war gelungen.

„Das bist DU: Ein Feigling und Verräter an der Heimat!“

Doch was dann kam, lässt sich kürzer paraphrasieren: Bleierne Gänge, großes Stühlerücken, totes Stel­lungs­piel und ein derart langweiliges Dialog-Gehaspel, dass der harte Stuhl bereits nach 30 Minuten schmerzlich drückte. Die Inszenierung war grotesk! Anstelle der von Schiller vorangestellten Einstimmung durch seine prosaisch-rhythmischen Texte zum Söld­nerlager Wallensteins, stieg Engel sofort in die intrigante Handlung ein. Mit der Folge, dass kaum einer der ZuschauerInnen wirklich reali­sierte, worum es in dieser überhaupt gehen sollte. Albrecht von Wallen­stein (Waldstein), böhmischer Adliger und aufgestiegen zum Herzog von Friedland und obersten Befehlshaber des schlagkräftigsten kaiserlich-katholischen Söldnerheeres, lagerte vor Pilsen, seit Wochen einge­gra­ben und ließ die Männer ruhen. Kein Wunder, denn nach der ersten modernen Frontenschlacht bei Nürnberg und dem gewaltigen Blut­vergiessen bei Lützen (1632), waren Ausrüstung und Landsknecht völlig erschöpft. Die schwedische Expansionsarmee war zwar weitestgehend geschlagen, deren König Gustav II. Adolf selbst auf dem Schlachtfeld gefallen, aber die eigenen Verluste höher denn je. Wir befinden uns mitten in den greulichsten Kapiteln des Dreissigjährigen Krieges, inmitten der Brutstätte moderner Kriegsführung. Denn Wallenstein ist ein moderner Kriegsfürst, ein Warlord, der durch die Schlachterfolge und Ausplünderungen ganzer Landstriche, durch kaiserliche Titel- und Landgeschenke, letztlich durch seine militaristische Wirtschaftspolitik, zu den einflußreichsten Kriegsprofi­teu­ren seiner Zeit empor gestiegen war. Keiner aus dem kaiserlich-katho­lischen Lager außer Wallenstein sah sich 1631/32 in der Lage, ein schlagkräftiges Heer auszuheben, um sich den auf Wien zurückenden, prote­stan­tisch orientierten Schweden in den Weg zu stellen. Dement­sprechend erhielt er vom Kaiser Ferdinand II., der nach dem Verlust eines Großteils seiner Eroberungen nun auch seine Erbländereien bedroht sah, weitreichende diplomatische und militärische Vollmachten.

Doch bis auf die Sandsack-Arrangements im Einlaßbereich hat Engels Inszenierung diese notwendigen, historischen Kontex­tualisierungen völlig ausgeblendet. Schillers Stück, das historisch einsetzt, als man 1633/34 von Wien aus versucht, den gefähr­lichen Wallenstein zu entmachten, ist im ersten Teil reduziert auf ein minimalistisches, teilweise unerträg­lich psychologisierendes Sprach­spiel um Loyalität und Intrige. Ein be­wußt gewollter theaterhistorischer Anachronismus!? Will Engel uns damit etwa sagen: SO langweilig war das Theaterspielen einst? Durch den Mangel an Kontext jedenfalls fällt auch jede Aktualisierung und Über­setzung in die Gegenwart aus, und die handelnden Figuren ver­weisen dadurch auf keinerlei Hintergrund, nur auf sich selbst, sie führen gar keine Haltungen vor. Schillers dra­ma­­turgische Überlegung, die Darstellung des Söldnerlagers der Wallenstei­ner an den Anfang zu setzen, wird in der Inszenierung all zu achtlos ans Ende verschoben. Es wird hierdurch gar nicht recht deutlich, worum es Schiller bei der Betrachtung der loyalen und illoyalen Offiziere um Wallen­stein herum geht: Deren Gewissens- und Gesinnungslosigkeit nämlich. Sie stehen stellvertretend für all die entwurzelten Söldnersee­len, die seit über einem Jahrzehnt Europa verheerten, für ihre völlige Auf­ga­be von Idealen und Überantwortung an eine militärische Hierarchie, an deren Spitze die profitorientierte, charismatische Führerfigur Wallenstein agiert, der eigentlich nur noch an verquere astrologische Deutungen und seinen De­gen glauben kann und hierdurch absolut blind geworden ist gegenüber den realpolitischen Ereignissen, die nun seine Machtposition bedrohen. Die Entleerung der konfessionellen und politischen Motive durch die privatwirtschaftliche Re-Organisation des Kriegswesens, das ist das zentrale Thema Schillers und nicht ein triviales Hin und Her von Vertrauen, Enttäuschung und Manipulation. Das „Jesus Maria!“ der Katholiken gegen das „Gott mit uns!“ der Protestanten, diese Schlach­­tenrufe sind unter dem Eindruck des über ein Jahrzehnt fortdauernden Menschen­schlachtens auf den Lippen der Söldnerhaufen kalt geworden, und stattdessen rufen sie nun: ‚Heil unserem Führer‘ und verherrlichen ihr elendes, entwurzeltes Dasein. Zielsicher ver­fehlt Engel diesen Gehalt des Stücks und bleibt so auch sprachlos gegenüber der Brisanz, die darin noch immer steckt. Für Schiller beginnt das Drama des Krieges gerade da, wo aus einem Kampf für eine gute Sa­che sinnlose Gewalt wird. Die Figur des Max Piccolomini ist hier auch keine Ne­ben­handlung um Liebe, Sex und Zärtlichkeit, wie Engels Ins­ze­nierung viel zu oft suggeriert, sondern geradezu DAS Kontrastmit­tel, mit welchem Schiller die Haltlosigkeit der Söldner Wallensteins an­zeigt. Seine Flucht in die Liebe zu Wallensteins Tochter Thekla ist die Flucht vor der Ehrlosigkeit, Rohheit und Untreue verlorener Mör­der­seelen, die ihn kameradschaftlich und väterlich umgeben. Von hier ver­steht sich auch, warum sich Max im zweiten Teil pathetisch in den Selbst­mord stürzen MUSS. Würde er desertieren, ob nun mit Thekla allein oder mitsamt seinen Kürassieren, der sinnlos gewordene Krieg hätte wieder einen Hoffnungsschimmer. Solcherlei Happy End fällt aber für Schiller aus, denn die schlimmste Zeit des Dreis­sigjährigen Krieges steht noch bevor. Erst 1648, mit den Beschlüssen des Westfä­lischen Frie­dens, endet der verheerendste mittelalterliche Krieg um Einfluß und Vor­macht in Kontinentaleuropa, und die 30 Jahre lang geschundene Erde kann endlich wieder aufatmen.

„Bevor der Feind mit UNS ein Ende macht, werden wir mit dem Feind ein ENDE machen!“

Selbiges tue auch ich, als dann das Black endlich kommt. Schöne Be­sche­rung. Ich schaue in das Programmheft: Zwei Stunden Pause und dann fast drei Stunden Aufführung des zweiten Teils auf der großen Büh­­ne des Hauses. Ich bekomme ein schlechtes Gefühl im Magen, suche meinen Begleiter, wir eilen zum Shuttlebus, brausen in die Innenstadt und suchen einen Imbiss. Als wir dann kurz vor Beginn des zweiten Teils im Foyer des Schauspielhauses stehen, haben wir das gemein­same Buf­fett verpasst. Ein Blick auf die Preisschilder genügt, um zu sehen: Gut so! Während wir im vollen Saal nach unseren Plätzen suchen, denke ich: ‚Wenn sie jetzt, beim Heimspiel, nicht zeigen können, was Theater heute kann, haben sie‘s völlig verrissen. Und „Teil 2: Wallensteins Tod“ beginnt tatsächlich höchst spektakulär, denn die Bühne dreht sich und die Lichtarsenale des Hauses schichten einen vieldeutigen Raum, der durch zivile Absperrbänder, wie mensch sie aus Büro, Amt und Agen­tur zur Genüge kennt, in mehre­re Bereiche zerteilt ist. Sogar die Ko­stüme sind aus ihrer rein historisch illustrativen Rolle des ersten Teils übersetzt worden. Wallenstein trägt einen deutschen Soldatenmantel, der sowohl an Verdun als auch an Stalin­grad erinnert. Ich atme ganz tief durch und genieße das dynamische Spiel, das durch die Drehbühne entsteht. Die Dialoge rauschen vor­bei, die Intrigen spinnen sich weiter. Wallenstein verhandelt mit den Schweden, während im Lager fernab der Bühne die Revolte tobt. Der Versuch, sich mit dem schwedischen Heer gegen den Kaiser aus Wien zu stellen, wird entdeckt und die kaisertreuen Offiziere sammeln sich. Wallenstein bleibt nur die Flucht mit den wenigen, noch Treue hal­ten­den Regimentern vor seiner eigenen Armee zur Festung bei Eger. Jetzt muss er mit den Schweden paktieren und ihr diplomatisches Diktat be­din­gungslos akzeptieren. Doch in seiner entseelten Blindheit verkennt er, auf wen er sich verlassen kann und wer falsches Spiel mit ihm treibt.

Es endet, wie es enden mußte, Meuch­ler aus dem schottischen Dragoner-Regiment töten ihn im Schlaf. Der Vor­hang fällt, die Menge klatscht höflich und ich frage mich, warum. Bis mir beim Blick auf den Pro­gramm­plan auffällt, dass die Schauspie­lerInnen im dritten Teil gar nicht wieder auftreten. Ich zwinge mir eini­ge Klatscher ab und errege dann etwas Unmut, weil ich vor der zweiten Applauswelle meinen Platz verlas­sen will. Mir hats eben nicht gefallen, kann ja auch mal möglich sein. Als ich an der Garderobe umständlich in meinen Mantel schlüpfe und dabei scheinbar eine Frau hinter mir leicht touchiere, gibts dann sogar noch etwas Aufregung. Ein Mann, der scheinbar mein verfrühtes Ver­lassen des Zuschauerraumes beobachtet hatte, anders jedenfalls kann ich mir seine Aggression nicht erklären, schimpft auf mich ein. Ich zucke mit den Schultern und lasse ihn stehen. Kleinbürger sind und blei­ben die schlimmsten Pöbler. Auf dem Weg zum Völkerschlachtdenkmal dis­kutiere ich mit meinem Begleiter, zumindest darin hat sich die Auftei­lung der Spielorte bewährt. Wir fragen uns, welche Wirkung das Ge­sehene wohl auf das Publikum haben könnte. Mein Gegenüber sieht eine klare Verbindung zwischen dem Ausbleiben von inhaltlicher Ver­­mittlung und der gereizten Stimmung im Anschluß. Einig sind wir uns darüber, dass durch die entkon­textualisierte Darstellung von auf­klä­­re­rischer Bildung keine Rede sein könne. Die Mängel des ersten Teils setz­ten sich auch im zweiten, trotz der effektvolleren und zumindest tech­nisch übersetzten Inszenierung fort. Denn was vorerst nur als Über­sichtstableau, als Nabelschau des sittlichen Verfalls der ganzen Truppe erschien, wird im zweiten Teil zur psychologischen Introspektion eines ehrgeizigen Kriegsfürsten, den der Verlust an jedem Ideal geradewegs in die schick­sals­haften Fänge unausweich­licher Entwicklung treibt. Die Macht, an ihrem absoluten Gipfel angelangt, schlägt um in pure Hilflosigkeit, sie ist heillos. Doch anstelle der Aktualisierung solcher inhalt­lichen Spuren des Stoffs an der Gegenwart, wird auch im zweiten Teil jeder aktuelle Bezug von Engels Crew tunlichst vermieden. Die Handlung plätscherte über das krampfhaft bei sich verharrende Spiel der Schau­spielerInnen dahin und ich fragte mich dabei ernsthaft, inwieweit das bunt gemischte Publikum erahnen konnte, was Schiller letztlich zu DIESEM Stoff und DIESEM Drama getrieben hatte. Was sich im ersten Teil als sprachloses Ausblenden des notwendigen historischen Kontextes erwies, zeigte anschliessend deutlich, dass es in der Aufführung gar nicht darum gehen sollte, sich ein gemeinsames Verständnis der inne­ren Spannungen von Gewalt, Krieg, Soldaten­tum und Führerschaft zu verschaffen, sondern um billige Unterhaltung. Wallensteins innere Zwei­fel waberten haltlos in den Köpfen des Publikums, irgend­wo im Nirgend­wo zwischen Luther, Ham­let, Faust und Pfarrer Führer. Die vorgeführte Haltung blieb pathologisch, psychologisch über­zeich­net, und konn­te so keine Verbindung herstellen zwischen der Ohnmacht gegenüber dem selbstver­schuldeten Un­­heil Wallensteins und eben jener Ohnmacht des Ein­zelnen gegenüber der Über­macht des Ob­­jek­­tiven, wie sie sich uns heute ent­gegenstellt.

Derart nachsinnend, rauschten mein Begleiter und ich durch das spät däm­mernde Stötteritz zum architektonisch monumentalen Ungetüm namens „Völki“, an dessen Fusse der dritte und abschließende Teil statt­finden sollte. Allein der Gedanke an die lächerliche Überhöhung der so­ge­nannten „Völkerschlacht bei Leipzig“ ließ erneutem Unbehagen Platz. Was wür­de uns erwarten? Ein gigantisches Feuer­showspektakel? Oder gar Meuten von Trachtenvereinen auf der Suche nach Identität? Mir gruselte und einzig beruhigen konnte mich der Gedanke, dass die Sprachlosigkeit zu Anfang und die Pathologie danach deutlich an­kün­digten, dass Engel gar keine politische Inanspruchnahme Schillers be­zweckte und deswegen auch dessen glühenden Nationalismus in seiner Inszenierung wortlos begrub. Es war dementsprechend auch vom Ende keine deutschtümelnde Wendung mehr zu erwarten. Ich kramte nach dem Programmheft: „3. Teil Wallensteins Lager“, Aufführungsdauer: 30 Minuten. Ups, ganz schön kurz. Dafür gondelten wir grad durch die halbe Stadt? Außerdem waren eine Menge Namen aufgelistet, viele StatistInnen und einige StudentInnen der Schauspielschule.

Als wir dann am Wasserbecken direkt vor dem Denkmal zwischen Fackelspalieren entlang liefen, wurde mir doch wieder etwas mulmig. Das legte sich erst, als ich von dem schwimmenden Bundeswehr-Brückenteil, das als Bühne diente, die wilden Stakkatos eines MCs vernahm, der auf den Beinamen Wallensteins als „Friedländer“ einen Song rappte. Wir traten näher und sahen nun auf einen bunten Haufen Söldner, die zu modernen Rhythmen tanzten, stampfen und allerlei Ver­renkungen machten. Ich dachte sofort an die neueren Formen des Körpertheaters und plötzlich wurde mir der dramaturgische Hintergedanke der Spielstättenteilung deutlich. Engel hatte mit jedem Teil eine andere technische Umsetzung des Inhaltes anvisiert. Erst das psycho­logische Stehtheater des 19., dann die Selbstinszenierung der Thea­termittel im 20. und abschließend den theatralen Körperkult des anbrechenden 21. Jahrhunderts. Doch anstelle von Kritik stand nur der Effekt, scheinbar dachte er wirklich, die Höhepunkte all dieser Phasen des modernen Theaters markiert zu haben. Allein, ohne den Inhalt blieb solche Inszenierung der eigenen Mittel selbst völlig sinnlos. Auch die Unterhaltung war einfach schlecht. Zum Ende war das Spektakulärste eigentlich der kurze Auftritt zweier echter Pferde, die nochmals Nachricht vom Kaiser brachten und die Söldner zu Ordnung rufen sollten. Doch die mahnenden Worte blieben ungehört. Die Revolte stand im Raum, in allen drei Teilen, allein ihre Inszenierung war viel zu trivial, um sie hervorbrechen zu lassen. Und von Schiller blieb ohne das Nationale nichts übrig als ein Scherbenhaufen nichtssagender Vieldeutigkeit.

Fazit: Es lohnt allemal mehr, den Text Schillers selbst zu lesen, als sich diese hohle Inszenierung des Leipziger Schauspielhauses anzusehen. Aus ihr lässt sich leider nichts lernen, als dass Theater überflüssig ist. Auch der eventhungrige Zuschauer oder die spektakelsüchtige Besucherin wird kaum viel Freude finden. Zu hölzern und ohne Hingabe an den Stoff vollzieht sich das Spiel. Alles in allem ein Reinfall, und wer trotz­dem noch hingehen will, soll­te zumindest das Programmheft der Dra­ma­turgin B. Roth erwerben. Wenig­stens hier finden sich auf­schluß­rei­che Spuren zu den Hintergründen, die auf der Bühne keine Rolle spielen. Für echte Schillerianer ist die Leipziger Aufführung aber sowieso sekun­där, denn Peter Stein hat für 2007 eben jenen Wallenstein in einer 10stündigen Aufführung mit dem Berliner Ensemble inszeniert (1). Trotz des hohen Eintrittspreises ist hier zumindest zu erwarten, dass die Inszenierung das Drama Schillers nicht an Qualität unterbietet.

… Mensch kann diesen Mangel an kultureller Erschütterung durchaus auch als eigene Qualität begreifen. Ich schlage hierzu den Begriff der Hohlkultur vor. Hohlkulturen nun haben ebenso wie andere Kulturformen Produkte, in denen sie sich ausdrücken: Artefakte wie ein reich verzierter Opferdolch oder etwa ein Intel-Pentium-D805-DualCore und Dokumente wie die Reden Ciceros oder etwa die amtsdeutsche Begründung bei der Ablehnung von Asylanträgen. In diesen Kulturprodukten wird die wesentliche Form selbst anschaulich. Für unseren aktuellen Fall: Es zeigt sich dessen Hohlheit. Unter der zahllosen Flut an Produkten der gegenwärtigen Hohlkultur hatte ich deshalb, streng unwissenschaftlich und am Leben orientiert**, zwei aus­ge­wählt, um die aktuelle kulturelle Hohlheit in ihrer dreifachen Dimension der Sprachlosigkeit, Trivialität und Pathologie der geneigten Leser­In­nenschaft zu exemplifizieren.

(clov)

 

* Die eingefügten Zitate sind aus Heiner Müllers nachwievor brandaktuellem Text: „Wolokolamsker Chaussee I-V“, Maximilian Verlag , München 1988

** Den „Genuß“ des Filmes „The 300“ verdanke ich einer Entdeckung im WorldWideWeb. Denn das chinesische Staatsfernsehen hackt nicht nur alle möglichen Sateliten, um regelmäßig europäischen Fußball oder amerikanischen Basketball ins ganze Reich zu übertragen, sondern streamt (klick and play) nebenbei auch alle möglichen alten und neuen Hollywood-Schinken (Player gibts kostenlos unter: www.sopcast.com). Zur Wallenstein-Aufführung des Leipziger Schauspielhauses dagegen wurde ich von einem guten Freund eingeladen. Denn wenn ich selbst zwischen Schiller und Goethe entscheiden müßte, wäre mir der kosmopolitische Geheimrat allenthalben lieber als der verkrampfte Nationalist.

Peter Ullrich: „Begrenzter Universalismus“

Das Thema Israel polarisiert die Linke. Wenn es um den Nahostkonflikt geht, sind viele nur zu rasch dabei, den is­rae­li­schen Staat entweder in Grund und Bo­­den zu verdammen oder sich be­dingungs­los damit zu solidarisieren. An­ge­­sichts dessen ist es durchaus sym­pa­thisch, dass sich der Soziologe Peter Ullrich nicht in die­se fest­gefahrenen Front­ver­läufe ein­reihen will, sondern am Marxschen ka­te­go­­ri­schen Imperativ fest­hält, dass das „Wohler­gehen jedes Ein­zel­nen die Voraus­setzung für das Wohl­er­gehen aller“ zu sein habe. In seiner kürz­lich erschienenen Broschüre „Be­grenz­ter Universalismus“ un­ter­sucht Ullrich, wie sich das Verhältnis der so­zia­lis­tischen oder kommunistischen Ar­­bei­ter_innen-Be­wegung zum Judentum und zu Israel seit ihren Anfängen gestaltet hat.

Das Bild, das sich dabei ergibt, ist wi­dersprüchlich. Im Frühsozialismus z.B. von Proudhon waren viele antisemitische Ele­mente enthalten – den üblichen Ste­reotypen entsprechend wurden Juden mit Reich­tum und Wucher in Verbindung ge­bracht und als „Schmarotzer“ be­trach­tet. Ähnliche Äußerungen lassen sich auch bei Karl Marx (der selbst aus einer jüdischen Familie stammte) und Michail Bakunin finden. Zwar setzte in der Arbeiter_innen-Bewegung zum Ende des 19. Jahrhunderts hin eine stärkere kritische Auseinan­dersetzung mit dem Antisemitismus ein, dieser wurde aber nach wie vor nur als untergeordnetes Problem wahr­ge­nom­men, das sich im Zuge des unaufhalt­samen Fortschritts der Geschichte schon von selbst erledigen würde.

Auch das Verhältnis zum Zionismus war ambivalent. Zum einen entstanden am Anfang des 20. Jahrhunderts zionistische Organisationen, die versuchten, das Projekt der nationalen Selbstbestimmung mit sozialistischen Ideen zu verbinden. Auch in sozialdemokratischen Kreisen stand man dem Zionismus meist positiv gegenüber. Dagegen verurteilte u.a. Lenin zionistische Bestrebungen und die Bildung eigener jüdischer Organisationen, da er dies als eine Abkehr vom Klassenkampf sah, die die Einigkeit des Proletariats untergrub. Dieser Antizionismus der Bolschewiki nahm unter Stalin weit be­droh­lichere For­men an. So wur­den beim so genannten „Ärzte-Komplott“ von 1953 einige Ärzte jü­discher Abstammung beschuldigt, sow­jetische Führer ermordet oder deren Ermordung geplant zu haben – sie wurden schließlich hingerichtet. Der Anti­zionismus wurde hier zum offen anti­semitischen Verschwörungsglauben. Ähnlich der Politik der Sowjetunion, die auch nach der Stalin-Ära ihre anti­zio­nis­tische Ausrichtung beibehielt, gestaltete sich die Politik der DDR.

Mit einer Betrachtung der Trotzkisten so­wie der 1968 entstehenden „Neuen Linken“ und deren (eher ablehnendem) Ver­hältnis zu Israel endet die Broschüre. Ins­gesamt bietet Ullrich einen guten Ab­riss der geschichtlichen Entwicklung. Dass er sich dabei weitgehend auf die (staats)­sozialistische Parteilinke be­schränkt, ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass deren Geschichte weit besser erforscht und dokumentiert ist. Dennoch wäre es interessant gewesen, auch die anar­chistische Linke einzube­ziehen. Obwohl es schön wäre zu glauben, in der anarchis­tischen Bewegung hätte Anti­semi­tis­mus keine Rolle gespielt, wäre hier eine nähere Untersuchung sicherlich auf­schluss­reich.

(justus)

Beißen Revierköter, die bellen?

Gedicht-Foto-Band Leipziger KünstlerInnen

Sie sind vor allem Eines: Authentisch. Sie streunen um die Ecken und Kanten dieser Stadt, erkennen ihre Viertel am Geruch und erneuern beständig ihre Mar­ken, die sie an allen Ecken hinter­lassen. Revier­köter, die echten, nicht die künstlich aufgemotzten der Kultur­industrie, kläffen sich – wenn sie Grund dazu haben – gegenseitig an oder heulen gemein­schaftlich in Richtung des halb­herzigen Mondes. Sie würden auch gerne mal kräftig zubeißen, den ergrauten Leip­ziger Kul­tur­be­­trieb or­dent­­lich durch­­schüt­teln.

Das Rudel, wel­­ches sich in der vor­lie­gen­den Pu­bli­kat­ion ver­sam­melt hat, ist über­schaubar: Fünf Wort­akrobaten und zwei Zellu­loid­künstler­Innen. Wenn es zum ent­scheidenden Biss auch nicht ganz reicht, gelingt es den AutorInnen doch zumindest, das Bein zu heben und den Kultur­ver­äußerern ans Gewand zu pin­keln.

2007 fanden sich fünf Künstler zusammen, um den Geburtstag von Hauke v. Grimm mit einer gemeinsamen Veranstaltung zu begehen. Um diese zu be­wer­ben, ver­anstalteten sie ein Foto­shooting, mit befreundeten Fotografen. Die zahlreichen dabei entstandenen Bilder sollten nicht im Dataspace vergammeln und so war die Idee zu dem Buch „RevierKöter LE-Allstar-Team“ geboren.

Das LE-Allstar-Team sind: Bob der Brau­meis­ter, Kurt Mondaugen, Michael Schwe­ßinger, Volly Tanner, Hauke von Grimm, so­wie die beiden Fotografen „Schmieda“, ei­gent­lich Frank Schmied­bauer und Nora Blum­berg. Zwischen den Buchdeckeln dieser handlichen Mischung aus Lese- und Bilder-Buch finden sich biographische Selbst­zu­schreibungen der Mitwirkenden, gefolgt von ihren Schriften und Fotos, Schwarz auf Weiß.

Die Autoren

Der erste, der sich die Ehre gibt, ist Bob, der Braumeister: Wie alle anderen auch, hat er schätzungsweise zwischen 25 und 40 Jahre im Lebenslauf zu füllen. Bob, bürgerlich auch Oliver Dietrich genannt, gewann schon im zarten Alter von sieben Jahren einen Rezitatoren-Wettbewerb. Er ver­mittelt uns Einblicke, die wir eigentlich gar nicht haben wollen, so z.B. in das Universum des WG-eigenem Wasserklosetts.

Kurt Mondaugen holt den Leser schleunigst in die schnöde und doch lebensbedrohliche Welt der „ALG II-Veteranen der ersten Stunde“ zurück. Er lässt uns an seinen Erfahrungen bei einem Ein-Euro-Prak­tikum teilhaben und macht verständlich, wieso der Um­gang mit Forma­lin­leichen bisweilen zusätzliche Opfer fordert – PISA sei dank.

Michael Schweßinger, der die längste Biografie zu sich und seinen verschiedenen Ichs verfasst hat, lässt sein ethnologisch versiertes Ich sprechen. Er berichtet in einer sehr aufschlussreichen Abhandlung von seinen wissenschaftlichen For­schun­gen zu den Sitten und Bräuchen des indigenen Lin­denauers an sich.

Volly Tanner eröffnet der geneigten Leserschaft schwarz-rot gefärbte Einblicke in die Leipziger Bohème, die im­mer wie­der aufsteht und unverdrossen gegen die Mauer in den Köpfen an­rennt.

Hauke von Grimm schließlich bringt dem Leser ein­dringlich nahe, warum er Geburtstage hasst und was das mit Pegel­trinkern im Familienkreis zu tun hat und vor allem, warum man sich mit süf­figen Geburtstags­geschenken bei ihm nachhaltig unbeliebt machen kann.

Die Fotografen

Schmieda hat mich zugebenermaßen von den beiden Motivkünstlern am ehesten überzeugt. Auf den angenehm großen Fotos spielt er mit Motiven, Licht, Schärfe, Schatten und Strukturen. Die von ihm abgelichteten Künstler werden hinter ihren Mikrofonen hervorgezerrt: wirre Haare, glasige Augen, offen stehende Münder werden sichtbar.

Nora Blumberg, die Jüngste und einzige Frau in der Runde, scheint eine Vorliebe für Fotostrecken zu haben. Diese sind teils gelungen, allerdings gehen durch die Vielzahl und die dadurch erzwungene Kleinheit der Fotos leider einige interes­sante Effekte unter. Ihr bestes Foto ist zu Recht auf der Titelseite ab­gebildet.

Alle zusammen

Die verschiedenen Texte verweben sich beim Lesen ineinander, ergänzen sich, kurz: treten in Beziehung zueinander. Zwischen den Zeilen schwebt beständig ein vages, zurück­haltend einladendes „Wir“. Der Leser begleitet das jeweilige Ich, das zweifelt, stirbt, trinkt, kläfft und sich nach durch­wachten Nächten die zerkratzte Schnauze kühlt.

Es handelt sich um bissige Straßenköter-Vorstadt-Poesie, schwankend zwischen Träumen von Revolte und Selbstreflexion. Die eigenwilligen Texte – erschienen im alternativen Leipziger Verlag Paperone – lesen sich wie Hass-Liebeserklärung an den Leipziger Westen, Süden und Osten. Angenehm wirkt auch das großzügige Layout, welches durch den durchgängigen Schwarz-Weiß-Kontrast besticht.

Was bleibt, ist ein Schwanken zwischen dem Wunsch, von und mit Kunst leben zu können und der ungeheuchelten Ver­achtung der Konsum-Kultur-Industrie. Michael Schwe­ßinger dazu: „Um die Antithese ein­zunehmen, braucht man immer noch die These, also ohne Kultur­industrie auch keine „alternativen“ Entwürfe, das gehört schon irgendwie zusammen.“

(hannah)

Blumberg, Nora/Grimm, Hauke von (Hg.): „Revierköter – LE-Allstar-Team“, Paperone Edition, Leipzig, 2007, 109 Seiten, 9,95 Euro.

Alles nur ein Spiel?!

Über das umstrittene Amateurtheaterstück ULTRAS

Im Thalia-Theater Halle plaudern die „Ultras“ aus dem Nähkästchen. 10 nette Typen zaubern da einen unterhaltsamen Theaterabend auf die Bretter, in dem sie beschreiben wie die bösen Polizisten sie verprügeln, wie sie Transparente für ihren Lieblingsverein den Halleschen Fuß­ballclub (HFC) gestalten und wie sie am Marathon für krebskranke Kinder teilnehmen. Das ganze ist so gut inszeniert, so witzig, spritzig umgesetzt, dass ich beinahe im Programmheft übersehe, dass die Figuren auf der Theaterbühne und ihre Schauspieler die selben Namen tragen. Ich will gerade aufstehen und mich der standing ovation nach der 5. Vorstellung anschließen – habe nur eben kurz das Programmheft überflogen, da wird dieser unterhaltsame, flache Abend plötzlich verwirrend emotional. Ich ahne plötzlich warum das muskulöse Vater-Sohn-Gespann neben mir meine lauten Lacher über die Selbstironie der Hooligans mit so giftigen Blicken bedacht hatte – weil es gar keine Selbstironie in dem Stück gab. Mein Gewissen löst die erste unangenehme Emotion des Theaterabends aus. Ich fühle mich manipuliert von diesen Kumpels auf der Bühne, die so gut spielten, noch dazu in einem soziokulturellen Projekt, wo ich sonst ängstliche Amateure erwarte. Sie hatten nicht gespielt.

Knappe anderthalb Stunden Theater beschreiben den Alltag und die Geschichten einer Gruppe von „Halle-Ultras“, lose an den zeitlichen Rahmen von drei Fußballbegegnungen des HFC mit anderen Teams gekoppelt. Auf der Drehbühne steht eine Fankurve, die sich rotierend in eine Wand mit Dönerbude verwandeln kann. Den Text für dieses Projekt schrieb Dirk Laucke, ein junger anerkannter Dramatiker mit einer Vorliebe für konfliktträchtige, aktuelle, soziale Themen. Das Geld für das Projekt lieferte die Bundeskulturstiftung mit 67.000 Euro.

Zwölf echte Ultrafans erspielen rasant und selbstbewusst skizzenhafte Situationen mit kurzen, pointierten Dialogen. Dazwischen moderieren sie die Übergänge an, improvisieren mit den abendlichen Gegebenheiten und verstehen es gekonnt, die Zuschauer in ihren Geheimpakt hinein zu ziehen, eine einmalige Insider-story. Dass da Amateure auf der Bühne stehen, versuchen sie nicht zu vertuschen. Der Slang ist heimatlich im Klang und ordinär in der Wortwahl. Das psychologische Mit­einander nach Stanislawski brauchen sie nicht, sie erzählen einfach nur aus ihrem Leben. Der Eine ist ARGE-Mitarbeiter, ein Anderer schafft auf dem Bau, für die Beschreibung des Seelenlebens reichen wenige Vokabeln. Trotzdem ist es kraftvoll und archaisch wenn die neun HFC-Fans es schaffen die Zuschauer des Thalia-Theaters zur Teilnahme an einer ihrer Choreographien zu bewegen. Hier wird die Begeisterung für den Sport spürbar, aber auch der schmale Grat zur Massenhysterie der jeder Grund recht ist.

Die Idee für das Projekt hatte Intendantin Annegret Hahn. Sie wollte einen kulturellen Beitrag zur präventiven Arbeit der Stadt Halle gegen die immer wiederkehrenden gewalttätigen Auseinandersetzungen der HFC-Fans leisten. Sie fragte Dirk Laucke, der sich dann gemeinsam mit Projektleiterin Kathrin Westphal in den HFC-Block begab und zu recherchieren begann. Zu Beginn seiner Arbeit saß er mit seinen Spielern im Fan-Bus. Jetzt haben diese sich von ihm distanziert und werfen ihm vor, er habe sie mit seinem zugespitztem Text in die rechte Ecke gedrängt. Gleich zu Beginn des Stückes stimmt ein „Sportjournalist“ die Zuschauer auf diese Arbeitsweise ein, indem er sie darauf vorbereitet, dass sämtliches Material des Stücks in der Realität gesammelt wurde – hier wird „dokumentarisches Theater“ gespielt. Sowohl im Publikumsgespräch als auch in der 3sat Kulturzeit und dem bereits umfangreichen Web-Diskurs wiederholen und verteidigen die Macher ihr Werk, dessen Ziel von Anfang an nur gewesen sei, das Leben der HFC-Fans auf die Bühne zu holen, einfach so.

An dieser Stelle lohnen sich zwei Fragen: „Was macht dieses Theaterstück?“, und „Was macht es nicht?“

Das Theaterstück gibt neun HFC-Fans die Gelegenheit ihre Sicht auf die Randale, die Pressereaktion, auf ihren Fan-Alltag und ihre Liebe zum HFC kund zu tun. Auf der Bühne geschieht das vor allem auf der Textebene, die Sachverhalte werden be­sprochen, auch die kritischen Themen wie Antisemitismus, Gewaltbereitschaft und Rechtsextremismus. Dafür wurde als An­ta­gonist ebenjener Sportjournalist ein­ge­setzt. Das Stück bringt uns diese Typen näher, so nah dass sie für einen wie mich, der keine Vorkenntnisse über die Ultraszene hat, zu Sympathieträgern werden, deren Freud und Leid ich auf der Bühne teile.

Das Theaterstück unternimmt hingegen nicht den Versuch einer Aufarbeitung. Die HFC-Fans bereuen nichts, sie rechtfertigen und verharmlosen nur. Die Macher haben ihren Spielern während des Prozesses keinen psychodramatischen Rollenwechsel zugemutet. Keiner der HFC-Fans musste in die Rolle eines querschnittsgelähmten Familienvaters schlüpfen, der versehentlich zwischen die Stadionfronten geraten ist. Das Stück meidet angst- und haßerfüllte Situationen, als seien Emotionen nicht der Treibstoff des Theaters sondern giftiger Nebel. Die kritischen Themen bleiben dadurch fein auf der rationalen Ebene, mehr noch, sie werden im Gegenteil durch den Sprachwitz der kecken Schauspieler sogar noch mit positiven Emotionen aufgeladen. Das Stück bietet darum nicht den leisesten Ansatz einer Katharsis – einer Reinigung. Weder in den Spielern, noch in den Zuschauern.

Ein wirkliches Signal für einen Aufbruch zu mehr Toleranz hätte stattdessen eine bewusste Fiktionalisierung von Figuren und Story, ein Rollentausch mit Opfern, die reale Erfahrung von negativen Gefühlen auf der Bühne sein können. Wenn die Zuschauer merken, die da oben auf der Bühne haben sich da echt was zugemutet, die erweitern ihren Horizont.

Die Bühne kann mehr als nur Realität widerspiegeln, sie kann ihr etwas hinzufügen. Moreno, der Erfinder des Psychodramas nannte das den „Surplus-Effekt“.

So aber bleibt mir die peinliche Scham, die ich auch beim Lesen von Nabokovs „Lolita“ verspürte, wo ich mit einem Pädophilen mitfiebere: Wie kann mir Einer symphatisch sein, der „Juden-Jena“ brüllt und sich damit verteidigt, dass alles was im Stadion gebrüllt wird, per Definition unpolitisch und nur bloße Provokation sei. Bin ich jetzt schief gewickelt, weil ich dem Typ Menschlichkeit zugestehe, nachdem ich ihn 90 Minuten auf der Bühne kennen gelernt habe?

Und dem muskulösen Vater-Sohn-Duo bleibt die berauschende Bestätigung, dass ihre „Ultras“ sogar zur Schauspielerei taugen. Das Publikum ist tief gespalten. Die einen distanzieren sich, zu ihnen gehört die Bürgermeisterin der Stadt Halle, die von der Intendantin forderte, das Stück müsse entweder geändert oder abgesetzt werden. Zu ihnen gehört auch die Bundeskulturstiftung, der plötzlich leid tut, dass ihr Geld diesmal keinen Preis gewinnt. Die anderen verteidigen das Stück. Stimmen aus dem Webforum und diversen Kritiken klingen so: „Künstler sollten die ungeschminkte Wahrheit zeigen.“, „Künstler brauchen nicht zu moralisieren.“, „Das Theater braucht mündige Zuschauer, die sich bewusst mit dem Stoff auseinander setzen.“, „Dank dem Thalia-Theater wird der Diskurs um den HFC nun öffentlich geführt und die Täter aus der Fankurve sitzen in den samtenen Sesseln während der Publikumsdiskussion und können nicht weg!“

Die Frage ob die HFC-Ultras nun rechtsradikal, antisemitisch, ausländerfeindlich und chauvinistisch sind, kann das Stück nicht glaubwürdig verneinen. Die Macher fügen der Wiederholung von bereits Erlebtem nichts Neues hinzu.

(M S)

Knietief im Diskurs

Peter Ullrich: „Die Linke, Israel und Palästina. Nahostdiskurse in Großbritannien und Deutschland“, Karl Dietz Verlag 2008

Über das Verhältnis der Linken zu Israel und Palästina und dem Nahostkonflikt sind gerade in Deutschland schon viele Bücher geschrieben worden. In der Regel waren diese selbst Produkte der von den „Antideutschen“ losgetretenen Debatte, die die deutsche Linke in den letzten Jahren (seit 2001, um genau zu sein) spaltete wie keine andere. Peter Ullrich ist als politischer Aktivist in der linken Szene involviert (er ist u.a. bei der Leipziger Kamera aktiv), er kennt also nicht nur den „objektiven“ Blickwinkel des außen­stehenden Wissenschaftlers. Dennoch und gerade deshalb unternimmt er in seiner 2008 als Buch erschienenen Doktorarbeit „Die Lin­ke, Israel und Palästina“ den Versuch, die Debatte im Ganzen darzustellen und die Faktoren aufzuzeigen, die dieser ihre besondere Dynamik verliehen (und immer noch verleihen) – die kulturellen Prägungen der Akteure und die „diskursiven Gelegenheitsstrukturen“, auf die sie sich beziehen. Um die Spezifik der Diskussion in der (anti)deutschen Linken in den Blick zu bekommen, stellt er dieser den innerhalb der britischen Linken geführten Diskurs gegenüber.

Dabei wird schnell deutlich, wie groß die Un­terschiede sind. So wurde die Debatte hier­zulande vor allem in Bezug auf den Natio­nalsozialismus und die Shoah heftig ge­führt. Die auch in der deutschen Lin­ken lange Zeit vorherrschende Identifikation mit den Palästinenser_innen (als Opfer der israelischen Besatzung und als „antiim­perialistische“ nationale Befreiungsbewegung) wurde dabei zunehmend kri­tisch betrachtet. Die antisemitischen An­­teile und Anschlussmöglichkeiten auch des linken „Antizionismus“ wurden prob­le­matisiert, innerhalb der Linken etablierte sich auch eine nicht mehr zu ignorierende Pro-Israel-Fraktion.

Dagegen herrscht in der britischen Linken ein weitestgehend pro-palästi­nen­sischer und antizionistischer Konsens vor. Prägend wirkt hier Ullrich zufolge vor allem die koloniale Ver­gan­genheit des bri­tischen Em­pire. Hinzu kommt ein Anti­im­pe­­ri­alismus marxistisch-leninistischer Prägung, der vor allem in den zahlreichen trotz­ki­stischen Klein- und Kleinst­parteien, die ei­nen großen Teil der britischen radikalen Linken ausmachen, vorherrschend ist. Innerhalb dieses Teils des linken Spektrums vertritt lediglich die Alliance for Wor­kers´ Liberty eine Position, die vom Recht beider Seiten auf „nationale Selbst­be­stimmung“ ausgeht. Hingegen sucht die Socialist Workers Party, die größte trotz­ki­stische Partei, seit einigen Jahren verstärkt den Schulterschluss mit den britischen Mus­limen, die nach dem 11. September ver­stärkt von rassistischer Ausgrenzung und Übergriffen betroffen waren. Diese Ko­operation auch mit bekennenden Is­la­misten wird von der libertären Linken (u.a. der anarchistischen Gruppe Class War), aber auch von der eher im linkslibe­ralen Spektrum zu verortenden Initiative Engage kritisiert.

Auch wenn es das Hauptziel der Untersuchung ist, die diskursiven Grundmuster dar­zustellen, welche die Debatten um den Nah­ostkonflikt prägen, und weniger, in­ner­­­halb des Diskurses eine eigene Position stark zu machen, verzichtet Ullrich nicht darauf, problematische Punkte als sol­­che zu benennen. Dies sind aus seiner Sicht vor allem Tendenzen zur voll­kom­me­­­nen Identifikation mit einer Kon­flikt­partei und deren Folgen – für die britische Linke z.B. die Solidarität mit Grup­pie­­rungen wie der Hamas und die damit ein­hergehende Ignoranz gegenüber An­ti­se­mi­tismus, Homophobie und sonstigen re­ak­tionären Einstellungen, aber auch die aus einer Überidentifikation mit Israel erwachsenden Gefahren eines anti-arabischen Rassismus. Trotz aller Zerwürfnisse innerhalb der deutschen Linken, die aus der insbesondere von den „Antideut­schen“ angestoßenen Debatte resultierten, konstatiert Ullrich dabei einen Lernprozess, der zu einer Modifizierung allzu festgefahrener und starrer Überzeugungen ge­führt hat – insbesondere antisemitischen Elementen auch des linken Diskurses wird mittlerweile wachsamer begegnet. In diesem Sinne: Weiterstreiten!

(justus)

„Alles zu ihrer Sicherheit“

Rezension: „Kontrollverluste – Interventionen gegen Überwachung“

Die Leipziger Kamera (1), eine Initiative die sich seit 2003 intensiv gegen Überwachung engagiert, hat pünktlich zur diesjährigen Buchmesse eine Aufsatzsammlung zu Alltag, Theorie und Praxis des Kampfes gegen Überwachung vorgestellt. Dafür hat die Gruppe eine ganze Reihe, zum Teil sehr unterschiedlicher Beiträge, aus verschiedenen Spektren zusammengetragen und präsentiert einen recht umfassenden Einblick in das weite Feld der Überwachung und ihrer Kritik.

Während das erste Kapitel „Was geht?“ einen eher theoretisch-analytischen Überblick über den gesellschaftlichen Kontext, die Entwicklung und die politische Bedeutung von Überwachung gibt, beschäftigen sich die folgenden Kapitel mit den Möglichkeiten und Grenzen der juristischen Mittel. So etwa mit der zunehmenden Repression unter dem Label §129a, der Situation von besonders durch Repression Betroffenen (wie z.B. Migrant/-innen, Arbeitnehmer/-innen und Jugendlichen) und schlussendlich mit möglichen Interventionen und den Erfahrungen, die verschiedene Gruppen mit ihren unterschiedlichen Aktionsformen gesammelt haben.

Die inhaltliche Klammer dieser 33 Beiträge – oder wie Wolf-Dieter Narr es in seinem Vorwort nennt: „33 kritische Bespic­kun­gen des verrotteten, in Private-Public-Partnership gegrillten Sicherheitsbratens“ – bildet die Frage nach Ursachen, Notwendigkeiten und Nutzen von Überwachung für einen flexiblen, post­fordistischen (2) Kapitalismus. Im ersten Kapitel wird speziell unter dem Gesichtspunkt der Erzeugung von Gouverne­mentalität (3) in einer scheinbar individualisierten, „freien“ Gesellschaft nach einer Antwort gesucht.

Im Kapitel „Was geht nicht?“ finden sich Auseinandersetzungen mit der „neuen bürgerrechtlichen Bewegung“ à la „AK Vorratsdatenspeicherung“, wobei der Frage nach Möglichkeiten, aber vor allem Grenzen juristischer Mittel gegen die neuen Sicherheitsgesetze nachgegangen wird. Hier bekommt der Band – wobei das Thema differenziert dargestellt wird und auch juristische Mittel nicht negiert werden – doch einen Geschmack fundamentaler Staatskritik, der, besonders in Zeiten auch linken Jubels für das Verfassungsgericht als schützende, gute und absolute Instanz, erholsam ist.

Im Kapitel „Sind wir alle 129a?“ kommen Aktivist/-innen zu Wort, die vom Verfahren um die so genannte Militante Gruppe (siehe auch FA! #27) betroffen sind. Sie berichten, wie die umfassende Überwachung ihr persönliches Leben beeinflusst und analysieren die Strategie des Bündnisses, das sich für die Einstellung des 129a-Verfahrens einsetzt. Auch Menschen, die sich schon intensiv mit diesem Thema beschäftigt haben, finden mit dem Bei­trag zu dem Verfahren gegen das „Critical Art Ensemble“ (4) noch ein paar neue Informationen über staatliche Repression gegen Systemkritiker/innen in Zeiten des Terrorwahns in den USA.

Weiter geht’s im Kapitel „Was noch?“ mit Berichten über spezifische Repression gegen Migrant/-innen und Flüchtlinge, gegen Arbeitnehmer/-innen sowie dem bisher recht wenig beachteten Bereich der Be­fugnisse und (fehlenden) Kontrolle der immer weiter in die Sicherheitsarchitektur in­tegrierten privaten und freiwilligen Sicherheitsdienste und deren Bedeutung für die Formung des öffentlichen Raums sowie über Zwangsbeschäftigte in Hartz-4-Programmen. Auch hier wird der Blick, durch einen Beitrag zu den so genannten „ASBOS“ (5) in Großbritannien, über den nationalstaatlichen Tellerrand gelenkt und man lernt, wie schnell bei unseren europäischen Nachbarn skurrile Ordnungswidrigkeiten zu Straftaten werden können.

Die letzten beiden Kapitel „Was sagen?“ und „Was tun?“ sind praxisorientiert und thematisieren die „Rhetorik und Realität von Überwachung“, die möglichen Konsequenzen daraus sowie die Praxis verschiedener überwachungskritischer Gruppen. Dabei reicht das Spektrum von Tipps zur Computer- und Kommunikationssicherheit bis hin zu Gruppen, die versuchen, im überwachten öffentlichen Raum zu intervenieren, wie die „Surveillance Camera Players“ (6) oder „LIGNA“ (7). Auch „gipfelsoli“ (8) liefert einen, nicht zuletzt in Hinblick auf den kommenden G8-Gipfel in Italien, praxisrelevanten Artikel zur europäischen Sicherheitsarchitektur.

Alles in allem ein lohnenswertes Buch, dem es gelingt das umfangreiche Feld der Überwachung und ihrer Kritik von unterschiedlichen Seiten zu beleuchten, ohne dabei in das häufig inhaltsleere Gezeter über den „totalitären Überwachungs- und Sicher­heits­staat“ zu verfallen. Vielmehr schafft es der Band praxisnah zu bleiben ohne aber eine tiefere Analyse der sozialen Folgen, Bedingungen und Ursachen von Überwachung zu vernachlässigen.

Rote Hilfe OG Leipzig

Kontrollverluste – Interventionen gegen Überwachung, Leipzig Kamera (Hrsg.), Unrast Verlag, Münster, 2009 – ISBN 978-3-89771-491-5, S. 256 mit Abbildungen, 18 €

(1) leipzigerkamera.twoday.net

„Die „Leipziger Kamera. Initiative gegen Überwachung“ ist seit 2003 in der Stadt des bundesdeutschen Pilotprojektes zur Videoüberwachung öffentlicher Plätze aktiv. Zu ihren Projekten zählen überwachungskritische Stadtrundgänge, das Festival „DEL+CTRL“, die Veranstaltungsreihe „Salon Surveillance“ und Aktionen wie die Verleihung des „Erich Mielke Gedächtnispreises“ und das „Making-Trouble“-Wochenende zusammen mit den Space Hijackers aus London.“

(2) Postfordismus: seit den 1970ern dominierende Wirtschaftsform gekennzeichnet durch Flexibilisierung der Produktion, Entbürokratisierung der Verwaltung, Wegfall/Privatisierung staatlicher Sicherungssysteme, Individualisierung aller Bereiche der Lebensorganisation.

(3) Gouvernementalität meint hier einfach die Produktion normen-konformen Verhaltens durch Internalisierung (Anm. der Redaktion)

(4) critical-art.net, caedefensefund.org

(5) ASBO heißt „Anti-Social-Behavior-Order“. Das sind konkrete Verbote, die von Polizei und kommunalen Verwaltungen beantragt und von Gerichten ausgesprochen werden. Sie richten sich gegen „unangemessen“ empfundenes Verhalten, was allerdings keine Straftaten sein müssen. Verstöße gegen ASBOS sind jedoch Straftaten. „Oft werden Fotos der Beschuldigten (mit Namen und Adresse) sowie den Auflagen in Schaukästen, auf Plakaten an Bussen oder im Internet veröffentlicht.“

(6) notbored.org/the-scp.html

(7) www.ok-centrum.at/ausstellungen/open_house/ligna.html

(8) gipfelsoli.org, euro-police.noblogs.org

WEITER so? – Bitte nicht!

Am 30. Oktober erschien in Leipzig eine neue Wochenzeitung namens weiter, mit einer Startauflage von 1.500 Exemplaren zum Preis von je einem Euro, gefördert von der Jugendpresse Sachsen. Im Format und Layout stark an Kreuzer und ähnliche Magazine angelehnt, bietet die Erstausgabe sechzehn Seiten Geschichten aus Leipzig, also abzüglich Titel und Anzeigen ganze 12 Seiten Text.

Kommen wir zum Inhalt, der nach eigenem Bekunden der Redaktion explizit po­li­tisch sein möchte, ohne sich in einer bestimmten Ecke zu positionieren. „Aufmischen und Aufreger bringen“ wollen die ausnahmslos jungen Journalistik-Stu­dent_innen und zugleich die Lücken füllen, die durch die hiesige Zeitungslandschaft nicht gedeckt werden, da es ihrer Ansicht nach noch „kein wirkliches politisches Stadtmagazin“ gibt. Da fängt es schon an und hört bei der Lektüre leider auch nicht mehr auf, das bedrängende Gefühl, dass hier Dilettanten am Werke waren. So sind die beiden Artikel zur Quelle-Pleite wenig informativ, statt Fakten gibt es Mitleid für die kommenden Er­werbs­losen. Auf einem verschwenderisch großen Stadtplan sind gerade mal sechs Adressen von Second-Hand-Läden verzeichnet (geschmackloser Weise ist einer davon das Tierheim). In weiteren „Berichten“ erfahren die geneigten Leser_in­nen, dass es in der Stadt u.a. Füchse und Wasch­­bären gibt, die auch dem Straßen­ver­kehr zum Opfer fallen. Potzblitz – wenn mensch das geahnt hätte! Ebenso, dass manche Menschen verwundert reagieren, wenn sie von Wild­frem­den in der Straba angequatscht werden – das nennt sich wohl Undercover-Reportage und ist daher schon eine Seite wert. Die Satireseite wiederum bemüht sich, aus der pho­netisch­en Nähe von „Nägeln“ und „nageln“ Kapital zu schlagen – Gähnen muss hier schon mit Gewalt unterdrückt werden.

Gekrönt wird die publizistische Bauchlandung aber von der Titelstory, welche mit vier Seiten immerhin ein Drittel des Inhalts ausmacht. Auf entsetzlichem Niveau werden Zusammenhänge, brisante Fakten, Positionen oder gar Erkenntnisse sorgsam vermieden. Der Autor verzettelt sich hilflos zwischen der Tatsache, dass es in Leipzig Drogenkri­mi­nalität gibt und der (zumindest für ihn) unerhörten Ankündigung, dass die Polizei in Sachsen Stellen abbaut. Die Gewerkschaft der Polizei darf sich weitschweifend ausheulen, der Ordnungsbürgermeister Rosenthal gar vergeblich Fixerstuben fordern, ergänzt durch nichtssagende Balkendiagramme, die auch mit dem Inhalt nur entfernt in Verbindung stehen. Das Klagelied „den Polizeibeamten geht´s so schlecht“ findet sein Finale in der Forderung, dass mehr Polizeipräsenz wichtig wäre für die Moral der Polizisten und der Bürger. Würg! Soll weiter wirklich mehr als nur ein kostspieliger Ofenanzünder werden, müssen die Verantwortlichen also noch eine ganze Menge lernen. Wir empfehlen zuvorderst intensive Feierabend!-Lektüre, denn so kann es nicht weiter gehen!

(bonz)

„Oh ja Mann, das ist Pop!“

Theater aus dem Off: Das Licht am Ende des Tunnels

„Was kommt danach?“ Diese verdammte Rezension kommt nach dem Theaterstück an einem Abend in der Libelle, nachdem alternative Szeneleute den Spendenkorb aufgestellt hatten, nachdem sie sich familiär in den Armen lagen und 10 Minuten nach 8 angefangen hatten.

Der Titel weckt Assoziationen wie „Nah-Tod-Erfahrung“, Abrechnung mit dem Leben, Himmel oder Hölle, aber auch Hoffnung, dass da überhaupt irgendwas ist und nicht einfach nur das schöne Leben vorbei ist.

Zudem wird bei dem Titel, dem Ambiente und dem Publikum schnell klar – hier hat sich die freie Szene was komplett Neues ausgedacht, anstatt die Rrrräuber oder Leonce und Lena zum 10. Mal neu zu inszenieren. Gleichzeitig erwacht aber auch Skepsis, ob die dramatische Struktur, die Textqualität und die Schauspieler einem denn die erwartete Unterhaltung und eine „Message“ liefern oder ob man gutwillig mitfiebern muss, dass auch alles reibungslos abläuft.

Zur großen Erleichterung, ja Überraschung zieht einen das Bühnengeschehen vom ersten Moment an in seinen Bann. Es entwickelt sich ein Theaterstück über das Leben, vital, spritzig, amüsant, stilsicher und straff getimt.

Gleich mit dem Prolog von „Charon“ dem Fährmann beweist der Typ von einem Schauspieler (Daniel Grunewald): Wir sind ehrgeizig, wir sind poetisch, belesen und haben hart geprobt. Dann plumpst der „Baumgärtel“ (Robert Raithel) auf den schmalen Streifen Teppich zwischen den Schuhspitzen der ersten Reihe und der Wand wo das Leben im linken Szenetreff dann wirklich aufhört. Er plumpst in den Limbus – die Vorhölle, die im Stück uminterpretiert wird, nicht als der Ort an dem man gerichtet wird – eine Entscheidung zu hören bekommt, sondern in ein Möbiusband aus einem Bild von M.C. Escher, oder dem endlosen Bürotrakt aus Kafkas Prozess – wo die Widerwärtigkeiten des Lebens sich potenziert wiederholen.

Hier an diesem hypothetischen Ort beginnt dann etwas künstlerisches, vielleicht ein Rockmusical? oder eine Collage szenischer Improvisationen. Auf jeden Fall kommen zwei weitere Figuren hinzu, die brilliante Angélique Saad als eine Figur mit gespaltener Persönlichkeit: „Pauline“ und „Florence“, und Lorenz Fiedler als der Trottel „Häppi“.

Die drei hätten jetzt auch in einem Fahrstuhl stecken bleiben können, es wäre nicht viel anders abgelaufen – als Zuschauer hat man einfach viel Spaß dabei zu zuschauen, was für freakige Momente zwischen diesen drei Charakteren entstehen können. Sie singen, zitieren, zittern, persiflieren – nur kann man sich hinterher schlecht dran erinnern, weil die Handlung eben keine chrono-logische Entwicklung aufweist. Sie alle suchen nach einem Ausgang (Sinn) aus dem Limbus und scheitern, sie hechten aus der linken Tür, um dann (nach einem Barfußsprint durch Eis und Schnee) zur rechten Tür wieder auf das Bühnchen zu fallen. Sie erstarren beim Blick in das Kühlschranklicht – der wie die sprechende Türklinke bei Alice im Wunderland die Erlösung symbolisiert, doch eine mächtige Stimme aus dem OFF verhindert jede Flucht / Erlösung.

Was nicht passiert – und was man vor lauter szenischen Überraschungen auch nicht vermisst – ist eine ernsthafte un­pa­the­tische Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Die schmerzlichen Seiten, die Angst vor dem Tod, die Trauer, den Verlust bekommt man nicht zu sehen. Das Stück bleibt thematisch an der philosophischen Oberfläche, statt den sinnlichen Symptomen des Todes nach­zuspühren. Der Verweis auf den Existenzialismus und Samuel Becketts Lucky, der an einem Hundehalsband seine Bestimmung findet, passt in den Diskurs und beweist das Diskursive.

Die vielen Songs werden mit einem so genialen, künstlerischen Understatement dargeboten, dass man sich als Zuschauer schon wieder wundert, warum man von den Originalinterpreten eigentlich mehr erwartet. Diese Leute wissen genau was sie da tun. Schade nur, dass sich die Libelle als Aufführungsort schon wieder verabschiedet, denn dort hatte man in einer Stadt wie Leipzig noch das Gefühl im Theater-Limbus zu sitzen, alles Andere kennt man schon.

(M S)

outside the box: Raus aus der Schublade

outside the box

„Feministische Gesellschaftskritik“ hat sich die Zeitschrift Outside The Box auf die Fahnen geschrieben, deren erste Ausgabe nun, im Dezember 2009, erschienen ist. Damit schickt das Heft sich an, eine klaffende Lücke im (ohnehin nicht allzu dichten) linken Blätterwald zu füllen. Denn eben solch eine Verbindung von feministischer und sonstiger kritischer Theorie suchte mensch bisher vergebens.

In weiten Teilen scheint es noch ein wenig so, als wollten sich die Autor_innen selbst erst mal einen Überblick über den Stand der Diskussion verschaffen. Eine lesenswerte Einführung in die feministische Philosophie (anhand von Beauvoir, Irigaray und Butler) liefert z.B. der Artikel von Kristina Biene Holme. Anna Kow fasst die bisherige Debatte über das Verhältnis von Sex und Feminismus übersichtlich und von einer vernünftigen und sympathischen Position her zusammen. Ebenfalls interessant und informativ ist das Interview mit der Journalistin Kirsten Achtelik und der Filmemacherin Sarah Diehl zum derzeitigen Stand der Abtrei­bungsdebatte und -gesetzgebung. Das Fazit ist zwiespältig. Zwar sind Abtreibungen bis zum dritten Monat und unter bestimmten Bedingungen darüber hinaus straffrei. Diese Regelung wird aber durch den moralischen Druck, der von religiösen und sonstigen Abtreibungs­geg­ner_innen auf Ärzt_innen und betroffene Frauen ausgeübt wird, in Frage gestellt. Dass Abtreibungen straffrei sind, nützt wenig, wenn kein Arzt bereit ist, eine solche vorzunehmen (abgesehen davon, dass die dazu nötigen Kenntnisse kein normaler Teil der gynäkologischen Ausbildung sind). Auch das Dilemma der staatskritischen Linken in dieser Frage wird deutlich benannt: Die Entkrimina­li­sierung von Abtreibungen lässt sich relativ einfach fordern, der Ruf nach positiven Rechten wird dagegen als staatsaffirmativ abgelehnt. Ohne verbindliche Regelungen droht aber das alte Elend nur weiter verschleppt zu werden.

Ein echtes Ärgernis ist dagegen der Text „Die negative Dialektik des männlichen Subjekts“ von Martin Dornis. Das „männliche“ bzw. „bürgerliche Subjekt“, das Dornis uns da präsentiert, scheint so was wie der dunkle Zwillingsbruder des Hegelschen Weltgeists zu sein: Wo letzterer nach voller Selbstbewusstwerdung strebt und so die Geschichte vorantreibt, strebt Dornis´ „männliches Subjekt“ nach Beherrschung seiner inneren und äußeren Natur, was die Herrschaft über die als passiv-naturhaft vorgestellten Frauen einschließt. Dornis übernimmt hier eben das Männer- und Menschenbild, das er vermutlich kritisieren will, und erhebt es zur eigenständigen Realität, zum eigenmächtig in der Geschichte wirkenden „Subjekt“. Bei der vom Autor angepeilten „materialistischen Kritik der Ge­schlech­terverhältnisse“ kommt so auch nur ein vermeintlich kritisch gewendeter Idealismus heraus.

Nachdem das „männliche Subjekt“ erst mal als verantwortlicher Akteur benannt ist, kann Dornis diesem nach Belieben allerlei Eigenschaften und Tätigkeiten zu­schreiben. Etwa so: „Das liberale männliche Subjekt träumt noch vom Glück aller auf Kosten von Frauen […] Das spätka­pitalistische Subjekt träumt dagegen von über­haupt nichts mehr als von der Ewigkeit des selbst produzierten Schreckens […]“. Die nicht ganz uninteressante Frage, wo dieses „Subjekt“ herkommt, wird mit einem knappen Hinweis auf die „Be­din­gungen der ka­pitalistischen Verge­sell­schaf­­tung“ abgehakt. An­­­­sons­­­­ten scheint Dornis dem „Sub­jekt“ die göttliche Ga­be der creatio ex nihilo, der Selbster­schaffung aus dem Nichts zuzuschreiben, wenn er z.B. sagt: „Das Subjekt wurde wesentlich zum Subjekt, indem es seine Endlichkeit an die Frauen delegierte“, oder: „Das spätere bürgerliche Subjekt schmie­dete in dieser Zeit [der Hexen­ver­folgung] seine Freiheit und Autonomie“. Wie kann das Subjekt etwas schmie­den oder delegieren, wenn es noch gar nicht existiert?

Indem er das männliche Selbstbild für bare Münze nimmt, übernimmt Dornis ganz nebenbei auch das entsprechende Frauenbild – Frauen tauchen hier bloß als Opfer des „männlichen Subjekts“ auf (etwa wenn es heißt: „Die Zerstörung der Individualität hat ihre wesentliche Ursache darin, dass die Individuierung den Frauen vorenthalten und an ihnen vollzogen wurde“). Auch wenn er sicher anderes im Sinn hatte, reproduziert Dornis die sexistische Trennung von „aktiv-kulturschaffendem“ Mann und „passiv-naturhafter“ Frau.

Zum Glück bleibt es bei diesem einen Ausrutscher – ein paar Seiten vorher hat Andrea Trumann weitaus Substanzielleres zum Thema zu sagen. Marianne Pabst und Virginia Spuhr dagegen verzetteln sich in ihrem Artikel über „Emanzipation“ etwas bei der Erörterung der diversen Vorstellungen von „Befreiung“ – irgendwo zwischen dem Lutherschen und dem Kant­schen Frei­heits­begriff geht da schon mal der rote Faden verloren. Ein ähnliches Problem hat auch Georg Domkamp, der in seinem Text versucht, alles was sich zum Themenfeld „Frauen – Drittes Reich – rechte Szene“ sa­gen ließe, zu­mindest mal anzureißen. Der Artikel des Antifaschistische Frauenblocks Leipzig zeichnet dagegen ein ambivalentes Bild von der Lage der „Frau­en in der DDR“: Trotz rechtlicher Gleichstellung und staatlich geförderter Integration in die Arbeitswelt bestanden auch in der DDR die patriarchalen Verhältnisse fort. Abgerundet wird das Heft durch Rezensionen, Comics usw., wobei beson­ders Sylvia Ehls Text zu feministischen Uto­pien positiv heraussticht. Kenntnisreich und unterhaltsam wird da der Bogen vom Mittelalter bis zur modernen Science-Fiction geschlagen – dieser Artikel hätte von mir aus gerne doppelt so lang sein dürfen.

Es bleibt nur zu wünschen, dass dieses unterstützenswerte Zeitungsprojekt mit den nächsten Ausgaben noch ein wenig inhaltliches Profil hinzugewinnt. Die Debatte ist jedenfalls eröffnet, in der OutsideTheBox-Redaktion ebenso wie hoffentlich auch in einer breiteren interes­sierten Öffentlichkeit. Zumindest ich bin schon gespannt auf die nächste Ausgabe.

(justus)