Archiv der Kategorie: Feierabend! #07

Proteste gegen den G8-Gipfel

Demo-Tourismus oder Vorgeschmack einer libertären Gesellschaft?

In der Zeit vom 1. bis zum 3. Juni fand in Evian, dem malerischen französischen Ort am Genfer See, aus dem das berühmte Sprudelwasser kommt, das jährliche Treffen der Regierungschefs der sieben (einfluss-)reichsten Staaten der Welt sowie Russlands statt. Unter dem Titel „G8“ sprachen sie in „gemütlicher Runde“ über ihre Vorstellungen von der Gestaltung der Welt.

Seit einigen Jahren formiert sich immer breiterer Widerstand gegen diese Treffen, was die G8, vor allem nach den großen Protesten 2001 in Genua, die im Tod von Carlo Giuliani gipfelten, dazu zwang, große Städte zu meiden und in unzugängliche Gegenden auszuweichen. Nachdem der Gipfel 2002 hoch oben in den kanadischen Rocky Mountains stattfand, wurde in diesem Jahr das kleine und durch die Lage zwischen Genfer See und den Savoyer Alpen gut abzuriegelnde Evian als Austragungsort der sich ach-so-wichtig gebenden Plauderrunde gewählt.

Auch diesmal riefen verschiedenste Bündnisse, Gruppen und Einzelpersonen dazu auf, den G8 Gipfel mit phantasievollen Aktionen, Demonstrationen und Blockaden zu begleiten bzw. zu behindern. Zwar ist von einigen Seiten immer wieder der Vorwurf zu hören, ein solches „Gipfel-Hopping“ habe nicht gerade sonderlich subversiven Charakter, sondern fördere eine Art selbstgefälligen Demo-Tourismus, und gäbe darüber hinaus dem Treffen der Mächtigen deutlich mehr Aufmerksamkeit und Wichtigkeit als ihm bei genauem Hinschauen zukomme – als Medienspektakel, welches lediglich dazu dient, längst gefasste Beschlüsse der Welt mit lautem „Trara!“ zu verkünden. Doch bieten die in diesem Zusammenhang aus dem Boden sprießenden Camps zur Unterbringung, Versorgung und Koordinierung der von weit her anreisenden Demo-TouristInnen durchaus punktuell die Möglichkeit, gemeinsam einen kleinen Vorgeschmack eines anderen (besseren?) Zusammenlebens zu erträumen und teilweise auch zu erleben.

So entstanden bereits im Vorfeld des Gipfels, begünstigt durch den in mehreren angrenzenden Staaten lohnarbeitsfreien Himmelfahrtsdonnerstag, verschiedene Camps bzw. „Villages“ (frz. für „Dörfer“) in Genf und Lausanne, da in diesen Städten auch die meisten der offiziellen GipfelteilnehmerInnen (1) untergebracht waren, sowie in der Nähe des kleinen Dörfchens Annemasse an der französischschweizer Grenze, zwischen Genf und Evian.

Eines der Dörfer in Annemasse war das VAAAG – „village alternatif, anticapitaliste et anti-guerres“ (alternatives, antikapitalistisches und Anti-Kriegs-Dorf ), an dessen Gestaltung mehrere Tausend Menschen teilnahmen. Geplant wurde das Dorf schon Wochen im voraus von verschiedenen anarchistischen, libertär-kommunistischen und anarchosyndikalistischen Gruppierungen aus ganz Europa, dem „Zusammenschluss der anti-autoritären und anti kapitalistischen Kämpfe gegen die G8“ (ZAAKG8) (2). Deren Ideen für eine libertäre/egalitäre Gesellschaft nach Abschaffung von Kapitalismus und Lohnarbeit möchte ich im Folgenden vorstellen…

Quand on aura aboli le capitalisme et le salariat! (3)

Wenn Kapitalismus und Lohnarbeit abgeschafft sind…

Wir werden eine egalitäre Gesellschaft errichten, zu deren Aufbau und Funktionieren jede ihren Beitrag leistet und in der jede ihre Bedürfnisse befriedigen kann (4). In der jede die Möglichkeit hat, an den Entscheidungen teil zu haben, die sie direkt oder indirekt betreffen. In der jede die Bildung erhält, die sie benötigt, und das gemeinsame Wissen mit allen anderen teilt. Es gilt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Freiheit der anderen die Garantie für die eigene Freiheit ist. Ziel ist es, Produktion, Verteilung und Konsum so zu gestalten, dass eine jede das erhält, was sie benötigt, und entsprechend ihrer Möglichkeiten, Bedürfnisse und Wünsche an der Produktion teilnimmt und konsumiert…

Es ist klar, dass das aktuelle ökonomische System, welches auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln beruht, aufgrund der sozialen Klassenunterschiede, die es hervorruft und voraussetzt, abzulehnen ist. Wir wollen, ausgehend von unseren eigenen Idealen, ein vollkommen neues schaffen: Mit einer Ökonomie, die auf sozialer Gleichheit beruht, auf Freiheit, Solidarität und der Selbstorganisierung jeder einzelnen in freier Vereinigung mit anderen.

Die sozialen Rollen und Aufgaben jeder Mitwirkenden müssen neu definiert werden. Wenn jede Zugang zu Bildung und Allgemeinwissen hat, wird jede die Entscheidungen, die sie betreffen, in voller Kenntnis der Sachlage bewältigen können. Abhängig von den Bedürfnissen und Wünschen der anderen sowie den eigenen, wird eine jede in Absprache mit den anderen über den Beitrag entscheiden, den sie leistet, um ihre soziale Rolle als Produzentin zu erfüllen, und darüber, was sie als Konsumentin erwartet. Meine Aufgaben innerhalb der Produktion werden sicherlich von unerwünschten Zwängen begleitet sein. Diese werde ich jedoch in dem Maße akzeptieren können, wie ich sie gleichberechtigt mit den anderen teile und sie als notwendig für die Befriedigung der Bedürfnisse aller erkenne.

Eine solche Neustrukturierung von Produktion, Verteilung und Konsum wird eine neue Art der Bewertung von produzierten Gütern mit sich bringen. Bisher bilden hierfür Angebot und Nachfrage, das Gesetz des Marktes, die Grundlage. Stattdessen könnten die für die Herstellung aufgewandte Mühe sowie die Auswirkungen der Produktion auf die Produzierenden und die Umwelt zur Bewertung der Güter herangezogen werden.

Es wird nicht jede die gleichen Wünsche und Bedürfnisse haben, und es werden nicht alle Lust haben, den gleichen Beitrag zum Wohlbefinden aller zu leisten. Wenn die Gesellschaft nicht in der Lage ist, die Wünsche einer jeden zu befriedigen, werden wir ein neues System einheitlicher und gleichberechtigter Verteilung finden müssen. Einige werden es vorziehen, ihre Bedürfnisse einzuschränken, weniger zu konsumieren und weniger zu produzieren. Andere werden bereit sein, mehr Anstrengung für die Produktion aufzuwenden, um sich und anderen mehr Wünsche erfüllen zu können. Darüber hinaus wird es bestimmte Bedürfnisse geben, die von einer großen Zahl (wenn nicht sogar von allen) geteilt werden und deren Befriedigung notwendig für das Funktionieren der Gesellschaft insgesamt ist.

Es wird die Aufgabe der miteinander verbundenen freien Vereinigungen von Einwohnerinnen, von Produzentinnen und von Konsumentinnen sein, die Bedürfnisse zu bestimmen, die notwendigerweise zu erfüllen sind, damit jede auf bequeme Art und Weise leben kann. Dies sind unter anderem die Wasser- und Energieversorgung der Einwohnerinnen und der Produktionsstätten, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen, wissenschaftliche Forschungseinrichtungen sowie öffentliche Transport- und Kommunikationsmittel samt entsprechender Infrastruktur, in gewissem Maße auch die Versorgung mit bestimmten Nahrungsmitteln und anderen gebräuchlichen Konsumgütern. Wenn wir eine egalitäre Gesellschaft errichten wollen, müssen diese Güter und Leistungen jeder einzelnen zur Verfügung gestellt werden, und zwar ohne eine andere Einschränkung als die durch ihre Verfügbarkeit auferlegte – wobei jede nach ihren Möglichkeiten daran mitwirkt, sie zur Verfügung zu stellen.

Was die individuellen Bedürfnisse angeht, könnte es als egalitär bezeichnet werden, wenn jede entsprechend der Mühe konsumiert, die sie für die Bereitstellung von Gütern und Leistungen aufzuwenden bereit ist. Auch hier werden wir die Art der Bewertung der von jeder aufgebrachten Mühe neu definieren müssen. Tatsächlich basiert zur Zeit das Einkommen aus Lohnarbeit ebenfalls auf Angebot und Nachfrage, auf den physischen und intellektuellen Fähigkeiten einer jeden, auf dem Zugang zu Wissen und Bildung sowie auf der produzierten Menge. Dieses System schafft ungleiche soziale Klassen: Diejenigen, welche die Bildung und das Wissen unter sich aufteilen, dominieren die anderen, gemeinsam mit denen, die das Kapital besitzen. Auch die Arbeitszeit scheint keine gute Art der Bewertung zu sein: Einige ziehen es vor, kürzer und intensiver zu arbeiten, andere jedoch verteilen ihre Mühe lieber über die Zeit. Im Übrigen sind gar keine allgemeinen Regeln nötig, anhand derer die aufgewandte Mühe bewertet wird. Stattdessen wird es die Sache der freien Vereinigungen von Produzentinnen sein, hierfür Kriterien aufzustellen, indem sie sich untereinander absprechen.

Zur Zeit leben wir in einer Gesellschaft, in der körperliche Arbeit meist als von intellektueller Arbeit getrennt betrachtet und letztere überbewertet wird. Im sozialen System existiert jedoch eine deutliche Ungleichheit der Klassen in Bezug auf Bildung und Wissen. Jene, welche durch (Aus-)Bildung ihre intellektuellen Fähigkeiten entwickeln konnten und dadurch einen größeren Zugang zu Wissen erlangt haben, profitieren von diesem Vorteil, indem sie sich einen besseren Platz in der Gesellschaft anmaßen und sich von der mühevollen körperlichen Arbeit befreien. In einer egalitären Gesellschaft werden körperliche und intellektuelle Aufgaben besser verteilt sein und als gleichwertig betrachtet werden.

Die Gestaltung von Produktion, Verteilung und Konsumtion sowie des Beitrages jeder einzelnen werden sich in jeder freien Vereinigung von Produzentinnen, von Konsumentinnen und von Einwohnerinnen von Grund auf herausbilden. Davon ausgehend wird es zu Absprachen und Verständigungen mit anderen freien Vereinigungen kommen, und letztendlich werden bestimmte Vorgehensweisen nicht „von oben“ vorgegeben, sondern durch die Basis festgelegt. Wenn jede in gleichem Maße an für die Produktion notwendigen Aufgaben teilnimmt und die Möglichkeiten der Mechanisierung und Automatisierung weiterentwickelt werden, kann der Teil des Lebens, den jede den gesellschaftlichen Aufgaben widmet, zeitlich reduziert werden. Dies führt dazu, dass wir mehr freie Zeit haben, um individuell und kollektiv aufzublühen, aufzuleben, aufzuleuchten (frz.: s’épanouir). Wir werden mehr Zeit zum Feiern haben!

lilo

(1) Inklusive der JournalistInnen, DolmetscherInnen und einer großen Menge die mächtigen acht Männer hofierenden Begleitpersonals nahmen etwa 10.000 Gäste am G8-Gipfel teil.
(2) frz.: CLAAACG8 – „Convergence des luttes anti-autoritaires et anti-capitalistes contre le G8“ … siehe auch im Internet unter: www.claaacg8.org
(3) Es handelt sich bei diesem Text um eine Übersetzung aus dem Französischen. Der Originaltext entstammt dem Heft „le journal de la CLAAACG8!“ numéro 2, mai 2003.
(4) Anm. d. Red.: Zur Vereinfachung der Lesbarkeit verwendet der Übersetzer hier ausschließlich die weibliche Form. Menschen anderen Geschlechts dürfen sich jedoch stets mitgemeint fühlen.

global gesehen

Von Pommes, Bomben…

…und den Worten

Wir leben in aktiven Zeiten. Überall auf dem Gebiet der politischen Äußerungen herrscht Bewegung. Die Forderung nach Frieden angesichts der kriegerischen Mittel aktueller ‚Diplomatie’ zieht sich durch die gesamte gesellschaftliche Breite.

Ob nun die regenbogenfarbene Peace-Fahne vom Fenstersims weht oder wir am Montag gemeinsam um den Leipziger Innenstadtring laufen, friedensbewegt sind zur Zeit fast alle.

Wenn auch die Art des Friedens, den wir fordern und die Adresse an die wir unseren Protest richten zum Teil stark voneinander abweichen. Doch nicht nur Fahnen schwenken und zur Demonstration gehen, sind heutzutage Mittel, um in der Öffentlichkeit eine Meinung zu äußern. Es geht auch ganz anders. So startete z.B. der Verein „Sprache in der Politik“ (1 ) am 30. März 2003 einen Aufruf (2) zu einer Sprachdemo, in dem sie vorschlagen, dass „alle Deutschsprachigen [.….], anstelle der englischen wieder vermehrt französische Lehnwörter“ verwenden.

Mit diesem Vorgehen werden klare Feindbilder konstruiert und gleichzeitig Normen festgelegt, was ‚pc’ (politically correct) ist und was nicht. Angesichts der politischen Lage wäre es daher nur logisch, dass der friedliebende Mensch den französischen Ausdrücken (Gallizismen) mit Sympathie gegenüber steht, während er die englischen Formen (Anglizismen) als Sprache der Kriegstreiber erkennt und ablehnt. Den Anspruch, als Leitkultur für Europa zu dienen, hätten die USA mit Ihrer Politik verwirkt. Denn, „wer unrechtmäßige, z.T. sogar unmoralische Politik betreibt, kann kein Vorbild sein“. Mit dieser friedlichen Sprachdemo könne also deutsch-französische Solidarität geübt und den USA ihr Ansehensverlust auf dem internationalen Parkett vorgeführt werden.

Soweit die Argumentation des Vereins der Sprachpfleger. Die ernsthafte Absicht ihres Aufrufes wird bestärkt durch eine Liste mit französischen Ersetzungen für englische Ausdrücke, die im deutschen Sprachgebrauch verwendet werden.

Hier tauchen Wortpaare wie ‚Bonvivant für Playboy / Chef für Boss / Formidable für Cool / Sofa für Couch / Tristesse für Sadness’ auf. Bei einigen stellt sich die Frage, ob der ‚Boss’ nicht schon immer eher der ‚Chef’ war und das ‚Sofa’ nicht seit jeher die gebräuchlichere Bezeichnung für eine ‚Couch’.

Andere Anglizismen, wie ‚Sadness’ (Traurigkeit) oder auch ‚Basement’ (Keller) dürften den wenigsten als typische Formulierungen innerhalb der deutschen Sprache aufgefallen sein. Demnach erübrigt sich die Ersetzung durch die französischen Formen ‚Tristesse’ und ‚Souterrain‘.

Die Aufstellung macht den Eindruck eines beliebig zusammengewürfelten Worthaufens. Zu mehr als einer kleinen Vokabelliste oder der Belustigung, lässt sich dieser Vorschlag wohl nicht verwenden. Oder kann sich jemand vorstellen, das einschlägige Nacktfotomagazin „Playboy“ würde sich aus Solidarität in „Bonvivant“ umbenennen oder Thomas Gottschalk wäre bereit sich von einem ‚Showmaster’ in einen ‚Conférencier’ umschulen zu lassen? Und wer würde die neuen Formen tatsächlich verwenden? Wahrscheinlich niemand. Es ist daher zu kurz gedacht, Protest durch den Boykott einer Sprache auszudrücken. Zumal die USA und Großbritannien neben Australien zwar die größten Länder mit Englisch als Muttersprache sind, daneben aber immerhin noch 45 Nationen Englisch als Amtssprache (3) verwenden.

Wer ist hier der Feind: Das Mittel Sprache, dessen sich bedient wird, um kriegerische Machenschaften zu legitimieren oder die Institutionen und Menschen, die die Sprache zu manipulatorischen Zwecken nutzen?

Es wirkt zudem sehr opportunistisch, die USA und Großbritannien auf die dunkle Seite der Macht zu stellen und im Gegenzug, u.a. die Regierungen von Frankreich und Deutschland als die Guten zu präsentieren. Diese Darstellung betrachtet einen zu kurzen Zeitraum. Um die Glorifizierung zu entblößen, bedarf es nur eines kleinen Rückblickes in die Jahre 1998/99, als die rot-grüne Regierung mit allen Mitteln der Propaganda und Argumentehascherei die öffentliche Meinung auf den ‚unabwendbaren’ Kriegskurs im Kosovo einzuschwören versuchte.

Auch damals war die Wortwahl ein deutlicher Ausdruck der Politik, die im jeweiligen Land gemacht wurde. Doch niemand rief dazu auf, deutsche Worte durch…, „ja durch was denn nun?“ zu ersetzen. Welche Sprache wäre es wohl, deren Sprecher in einem Staat lebten, der nicht schon einmal Krieg geführt, Menschen getötet und unterdrückt oder ausgebeutet hätte? Daher ist es ein unzulässiger Ansatz, den Protest gegen eine Regierung und ihre Politik über den Boykott der Sprache der EinwohnerInnen auszudrücken.

Viel kritikwürdiger aber ist hier das Verhältnis zwischen den wenigen Mächtigen und den vielen Ohnmächtigen. Wenn die Entscheidungsträger in den Regierungen sagen: „Wir müssen Krieg führen!“, die Menschen auf der Straße aber rufen: „Wir wollen Frieden!“ und am nächsten Tag die Bomben über Bagdad fallen, ist es mit der real existierenden Demokratie nicht mehr weit her. In dem Moment, wo eine Regierung solch eine Entscheidung fällt, um ihre Macht zu demonstrieren oder Standortvorteile zu wahren, hat sie sich ihrer schalen Legitimation selbst enthoben. Jede ohnmächtige Stimme, die durch ein System von oben und unten produziert wird, sollte alle verantwortbaren Mittel nutzen, gegen diese gewählte „Diktatur“ aufzubegehren

.

Wie verhängnisvoll dieses Verhältnis von Macht und Ohnmacht ist, wird einmal mehr offensichtlich in den Schatten, die die koloniale Vergangenheit des „alten Europa“ in die Gegenwart wirft. Die UN (speziell Frankreich und Deutschland) sieht sich derzeit gezwungen, in die Massaker im Kongo einzugreifen – militärisch, versteht sich. Der in solchen Situationen bereits erfahrene Joschka (Joseph) Fischer spricht von einer „humanitären Katastrophe“. Eingeführt wurden die Prinzipien „Ethnie“ und „Massaker“ aber durch die Europäer selbst, als sie den „wilden Stämmen“ vor 100 Jahren mit Macheten und Maschinengewehren „die Zivilisation“ brachten. Wenn sie heute wieder auftauchen – mit Maschinengewehren und Panzerwagen – unterscheidet sie nichts von den paramilitärischen „Banden von Bunja“ … die Gewalt entscheidet und wird entscheiden. Eine Lösung ist das nicht.

Auch wenn schon wieder von „Friedensabkommen“ (LVZ, 30.6.03) die Rede ist, liegt es doch auf der Hand, dass diese Formulierung viel zu weit greift. Dieser Frieden meint hier nur die Aufteilung der militärischen Zuständigkeiten zwischen den Konfliktparteien. Dieses einfache Beispiel verdeutlicht wie uneindeutig die Wortwahl der politischen Sprecher ist. Oftmals dienen ihre konsumentengerecht verpackten Ansprachen in den skandalabhängigen Medien nur dem Wahlkampf oder der Profilierung innerhalb der Partei. Angesichts dieser Demagogie, ist die einzige Alternative; nicht weiter auf diese Stimmen zu hören und statt dessen die Kommunikation zwischen Menschen – egal welcher Sprache – die eine hass- und gewaltfreie Gesellschaft wollen, zu beginnen. Also: Hör nicht auf die Stimme, sondern sprich selbst!

wanst

(1) Eine Gruppe von Sprachwissenschaftlern, die den vermehrten Einfluss von englischen Wörtern im deutschen Sprachgebrauch kritisch betrachten und für den Erhalt von deutschen Formen plädieren.
(2) vollständiger Aufruf unter: www.sprache-in-der-politik.de
(3) Wird in Bürokratie und Institutionen verwendet. Meist neben der Muttersprache, die zweite Sprache.

P.S.: Im Übrigen war der Verein „Sprache in der Politik“ nicht der einzige Aufrufer zu einem derartigen Sprachboykott. Auch auf der anderen Seite des großen Teiches wurde versucht die Sprache der politischen Gegner, in diesem Falle Frankreich, demonstrativ aus dem US-amerikanischen Alltag zu vertreiben. So gab es in einigen Fast- Food-Restaurants (Schnellimbiß) anstatt „french fries“ (hierzulande „Pommes Frites“) „freedom fries“ („Freiheits- Fritten“). Das Französische Fremdenverkehrsamt nutzte diesen lächerlichen Patriotismus gleich zu Werbezwecken aus. Sie präsentieren mit Woody Allen einen US-Amerikaner, der offen dazu steht; keinen „freedom kiss“ ausführen zu wollen, wenn es ihm um einen „french kiss“ (Zungenspiel) geht. Wie sollte der wohl auch aussehen!?

Krieg

Die Diktatur der Ästheten

Die ästhetische Gestaltung unserer Umwelt trägt heute vorwiegend elitären Charakter. Im Sinne derer, die Macht und Geld haben, werden gestalterische Ideen umgesetzt. Die Masse hat sich diesen Vorstellungen unterzuordnen. Grafittimaler rebellieren gegen diese Diktatur der Ästhetik. Legitim?

Meinen Frankreichaufenthalt vor einigen Jahren verbrachte ich vorwiegend knipsend. Ausgerüstet mit einem Fotoapparat lief ich durch die Straßen Albis und hielt Ausschau nach Styles (1) und Farben, nach gutem Graffiti. Ich ging wohl mit anderen Augen durch die Stadt, als die meisten Touristen, denn mich interessierten keine Berge, Strände oder Kakteen. So etwas langweilte mich. Mich interessierten die Bilder und Botschaften, die ich an den Wänden und Zügen finden konnte. Graffitis, deren Platzierung eine besondere Dreistigkeit des Malers vermuten ließen, weil sie an gewagten Orten gemalt waren, freuten mich besonders.

In den darauf folgenden Tagen ging ich mit zwei Bekannten erneut in die Stadt. Es dauerte nicht lange und wir unterhielten uns über Graffitis. Einer meinte, er empfände illegale Graffitis als Schmierereien und als respektlos gegenüber den Bewohnern und Hausbesitzern. Schöne, bunte Bilder an legalen Plätzen seien etwas anderes. Sie wären im Einverständnis der Besitzer des Untergrundes. Aber diese dahingerotzten, silbernen Großbuchstaben und vor allen Dingen, diese bloßen Schriftzüge würden nichts anderes als Zerstörung bedeuten.

Natürlich widersprach ich ihm vehement. Ich empfand, im Gegenteil, die Tristheit und Einfallslosigkeit vieler Architekten und deren Auftraggeber wären eine Verschandelung meiner Umwelt. Immer die gleichen Plakate, von immer den gleichen Zigarettenmarken seien nicht nur eine optische Plage, sondern auch von der Botschaft her beschissen. Bombings und Tags (2) seien, voraus gesetzt die Qualität stimmt, öffentliche Kunst. Sie würden etwas sehr persönliches aussagen, zur Kreativität aufrufen und nicht versuchen, irgendwelche Menschen dazu zu manipulieren, Gifte zu inhalieren. Wie könne mensch nur so intolerant sein. Weshalb versuche mensch nicht zu verstehen, was das alles bedeutet, warum Maler malen und weshalb das manchmal schnell gehen müsse. Wie könne mensch sich beschweren, gebombte Bilder zu erhalten. Der Spießbürger selber würde sie doch produzieren. Er wäre doch der Erste, der die Situation ausnützte, wenn sich der Maler für ein aufwendigeres Bild Zeit nähme. Ich meinte auch, dass ich mir von niemand irgendwelche, ästhetischen Kriterien aufzwingen lassen würde. Vor allen Dingen nicht von Hauseigentümern und Spießbürgern.

Was ich dabei nicht bemerkte, war, dass ich selber versuchte, Anderen meine ästhetischen Kriterien aufzuzwingen. Zwar hatten all die vorgebrachten Argumente ihre Berechtigung, doch hatte ich es unterlassen, auch die Position der Anderen, in erster Linie der Hausbewohner und Fahrgäste von Zügen, mit einzubeziehen. Ehrlich gesagt, waren mir diese Leute zu diesem Zeitpunkt auch herzlich egal.

Meinen Bekannten konnte ich mit dieser Einstellung nicht überzeugen. Mich selber überzeugen diese Argumente heute nicht mehr. Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und ich habe mich während dieser Zeit mit der anarchistischen Idee der Herrschaftslosigkeit auseinandergesetzt. In einem Satz formuliert, besagt diese Idee, dass niemand das Recht hat, die Freiheit des Anderen zu beschneiden, solange dieser ebenfalls die Freiheit des Anderen respektiert. Allerdings ist das Thema etwas komplexer und es bedarf einen eigenständigen Text, um es befriedigend abhandeln zu können. Da entsprechende Texte bereits im Rahmen des Feierabend! Veröffentlicht wurden, möchte ich, bei weiterem Interesse an diesem Thema, auf diese verweisen.

Wenn ich heute mit jemandem über Graffiti diskutiere, so argumentiere ich aus dieser Idee heraus, dass niemand das Recht hat, die Freiheit des Anderen zu beschneiden, solange dieser die Freiheit der Anderen respektiert.

Und deswegen meine ich, dass sich Maler diese Arroganz im Denken, gegenüber Hausbewohnern und Fahrgästen von Zügen, nicht leisten können. Ich glaube, dass es unablässig ist, immer auch den Standpunkt der Anderen in seine Überlegungen mit einzubeziehen, und wenn uns diese Anderen noch so sehr zuwider sind. Anders kann ich mir eine freie Gesellschaft, basierend auf freien Vereinbarungen, nicht vorstellen. Graffitis auf Häuserwänden, z.B. jene, welche die Bewohner eines Hauses ablehnen, bedeuten das Ausüben von Gewalt und Herrschaft gegenüber diesen Menschen. Sie engen diese Menschen in ihrer Freiheit ein, selbst zu bestimmen, wie das Gebäude aussehen soll, indem sie wohnen. Wenn nur ein Einverständnis der Menschen, die jene Wände wohl am häufigsten sehen müssen, nämlich die Hausbewohner, ein Graffiti legitimiert, wie ist es dann einem Maler auch in Zukunft möglich, zu produzieren?

In der Feierabend!-Ausgabe Nummer 1 vom September 2002, in dem Artikel „Farbeffekte“, schildert der Autor eine Begebenheit mit einer älteren Dame, die ihn beim Malen erwischt. Anstatt aber zur üblichen Predigt auszuholen oder die Polizei zu alarmieren, bleibt sie stehen und fängt an, sich für das Graffiti zu interessieren. Der Maler erklärt ihr, was es mit dem Bild auf sich hat und es hat eine Vermittlung statt gefunden. Eine solche Dame wird in Zukunft vielleicht erfreut sein, ein frisches Graffiti auf ihrer Hauswand zu entdecken. Natürlich findet mensch wenig solch aufgeschlossene Menschen. Die meisten predigen, schimpfen und drohen. Die allermeisten aber rufen die Polizei und kassieren ein Kopfgeld.

Deshalb sollte mensch nicht warten, bis eine aufgeschlossene Person, mitten in der Nacht vor einer bemalten Wand anhält und nach der Botschaft fragt. Mensch könnte für die Akzeptanz von Graffiti werben, in Zeitungen, auf Plakaten, Aufklebern und Flyern vermitteln und erklären. Zu versuchen, die Position des Kontrahenten zu verstehen und eine gemeinsame Basis zu finden, könnte nicht nur den staatlichen Denunzierungsaufrufen entgegen wirken, es wäre auch ein weiterer Schritt in Richtung herrschaftslose Gesellschaft. Bleibt die Frage offen, wie mensch sich gegen die ästhetische Diktatur der Städteplaner, Architekturverantwortlichen und Werbenden zur Wehr setzt, wo Macht und Geld ein unvergleichbares Ungleichgewicht geschaffen hat.

Anmerkungen:
(1) Style: Der Stil eines Graffitis. Also ob es z.B.
reduziert oder üppig, weich oder kantig in seiner
gemalten Form ist.
(2) Bombing/gebombtes Bild: Graffiti mit großen
Buchstaben, reduziert in Farbe und Form. Oft in
starken, farblichen Kontrasten, wie Schwarz und
Silber gemalt.
Tag: Meistgehasste Form des Graffitis. Eine Art
Unterschrift des Malers.

Kunststück

Heraus zum Logowettbewerb

Getreu nach dem Motto „Leipzig kommt“, erhebt sich ein neuer geistiger Erguss direkt in die Herzen der Menschen. Da mensch zurzeit ja nicht viel zu lachen hat und der ausgemachte Feind, die wirtschaftliche Rezession, ihr bestes dazu beiträgt, wurde ein Patentrezept gesucht. Die Idee ist alt, scheint aber immer noch gut zu greifen. Brot und Spiele für das Volk und alles wird wieder gut. Wer spielt, der lacht und wer lacht, ist glücklich.

Vergessen die Zeiten von Schatten und Dunkelheit. Die Erleuchtung in Form einer Fackel wird nach Leipzig geholt, um endlich wieder Licht und Glanz über dieser Stadt scheinen zu lassen. Natürlich hat jede Erleuchtung ihren Preis. Ein paar Kameras hier, ein paar Wachdienste dort, weniger Projekte dafür mehr Grünflächen im Hinterhof, wir werden es schon überleben…

Angesichts der bevorstehenden Repressalien für alle, die nicht glänzen wollen, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich ein paar SpielverderberInnen finden, die versuchen, den ungewohnten Spieltrieb von allen Seiten zu ergründen. Nicht, dass wir nicht gerne spielen, nur suchen wir uns die Spiele meistens selber aus und nehmen es mit den Regeln auch nicht ganz so ernst.

Um nun aber den zukünftigen Besuchern des neuen Kolosseum von Leipzig unsere Kritik näher zu bringen und sie vor einem erneuten Brand Roms, …ähm Leipzigs, zu bewahren, brauchen wir für unsere Kampagne ein total schrecklichschönes wohlgeformtes Logo und umwerfend hinreißendes Motto. Wir hoffen das es noch genug LeserInnen mit viel Phantasie und Kreativität gibt und rufen zum Malen, Basteln, Fotografieren und was wissen wir nicht alles, auf.

Eure Logo und Mottovorschläge für unsere Antiolympia-Kampagne könnt Ihr an folgende Emailadresse schicken: aok-leipzig@gmx.net

Für die fünf schicksten Logos gibt’s Sachpreise der übelsten Sorte und total viel Pomp und Gloria. Das aber nur so am Rande.

Natürlich freuen wir uns auch über jede andere Unterstützung und wollen noch einmal jede(n) zu unserem wöchentlichen Plenum donnerstags 20.00 Uhr in der B12 einladen. Neuigkeiten und Infos gibt wie immer unter www.nein-zu-olympia.de .

Antiolympisches Komitee Leipzig

Kunststück

Hilfe! Anarchie ausgebrochen!

Auf dem entfernten „Planeten der Habenichtse“ Anarres macht sich ein Physiker auf nach Urras, dem verfeindeten Mutterplaneten, auch wenn er dadurch auf seiner Heimatwelt zum Verräter wird.

Science Fiction, das sind Raumschlachten, grüne Männchen, gruselige mordlüsterne Monster, der Kampf des Helden auf Leben und Tod… zumindest könnten solche Klischeebilder erste Assoziationen sein. Natürlich gibt es Romane, deren Schwerpunkt genau aus diesen Grundpfeilern besteht, jedoch zeigt Science-Fiction-Literatur viele verschiedenen Facetten, wenn mensch genauer hinschaut. In ihr werden potentielle Zukünfte der Menschheit oder anderer erfundener Gesellschaften gezeigt. In „Planet der Habenichtse“ kommt die Erde (hier: Terra) nur am Rande vor, als eine Welt die sich selbst zugrunde gerichtet hat. Die Handlungsorte sind der Planet Urras und sein Mond Anarres. Auf diesem Mond ist seit zwei Jahrhunderten Realität, was auf unserer Erde nur kurze Zeiträume Bestand hatte und in der Schulgeschichte keinen Platz bekam, eine Gesellschaft, die sich ohne Staat und Markt selbst organisiert. Eine solche Organisierung kann viele Gesichter haben. Wie eine solche Gesellschaft aussehen könnte, dies zu beschreiben, ist das Verdienst der Autorin, Ursula K. LeGuin und gleichzeitig politischer und philosophischer Background ihres Romans.

Nach der Niederschlagung eines odonischen Aufstands auf Urras wurde den Überlebenden erlaubt auszuwandern und den unwirtlichen Wüstenmond Anarres zu besiedeln. Odo, eine Sozialreformerin, die ihre anarchistischen Ideen niederschrieb und viele Menschen beeinflußte, erlebte diese neue Heimat nicht mehr. Eine Million AnarchistInnen jedoch nahmen die Möglichkeit wahr und bauten auf dem Mond, der bisher nur für den Bergbau genutzt wurde, eine Gesellschaft nach ihren Prinzipien auf, eine Gesellschaft basierend auf freier Kooperation und gegenseitiger Hilfe. Doch stehen dem Ideal viele Hürden entgegen. Nicht nur, dass Anarres für menschliche Besiedlung wenig geeignet ist: ihm fehlt die reiche Flora und Fauna, die Vielfalt der Natur von Urras, was zu Jahren des Hungers und der Not führt. Auch das Verfestigen von Strukturen, das Entwickeln einer Bürokratie, die das Prinzip der Gleichheit untergräbt, das ritualisierte Nachbeten odonischer Formeln gefährden eine anarchistische Gesellschaft.

Zweihundert Jahre nach der Revolution entscheidet sich der Physiker Shevek, den weitgehend abgeschotteten Mond zu verlassen und dem Ruf des verfeindeten Mutterplaneten Urras zu folgen.

Urras gleicht sehr der Erde des kalten Krieges mit seinen kapitalistischen, staatssozialistischen und labilen 3.Welt-Systemen, die für Stellvertreterkriege herhalten müssen. In Shevek ruht eine Idee, die die Raumfahrt revolutionieren könnte, und die im Koordinierungsgremium von Anarres, auf Widerstand stößt. Er möchte die Grenzen aufbrechen und Urras die Idee des Teilens bringen, je länger er jedoch auf Urras verweilt, desto mehr muß er erkennen, dass er dort fremd ist, dass seine Ideen Eigentum des Staates werden sollen, dass es dort nicht um Menschen, sondern um Macht geht…

Ursula K. Le Guin zeichnet ein faszinierendes Bild zweier Gesellschaftsformen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, beleuchtet den Menschen als Individuum und soziales Wesen und sein Zurechtkommen in gesellschaftlichen Systemen und nicht zuletzt die Frage inwieweit ein Mensch Gesellschaft verändern kann. Eine der wenigen positiven Utopien, eins der herausragenden Werke der Science Fiction-Literatur, ein Plädoyer für eine soziale Utopie, scheinbar fremd und trotzdem seltsam nah.

kater francis murr

Ursula K. LeGuin: „Planet der Habenichtse

– in der Buchhandlung erhältlich –

Spontan zur Demonstration

Der Streit um die Nutzung des ehemaligen Bimbo-Town-Geländes in der Fockestraße 80 geht in eine neue Runde. Am Freitag, den 28. Mai 2003, versuchten Polizei und Ordnungsamt durch erhöhte Präsenz und Beschlagnahmungsdrohungen (bzw. Androhung von Ingewahrsamnahme) eine für den Abend vorbereitete Party mit/und Konzert zu unterbinden. Der Passus in der Allgemeinverfügung lautet: „Die Untersagung der Durchführung dieser Veranstaltung ist geeignet, um drohenden Gefahren für die Sicherheit und Ordnung abzuwehren.“ Und ist im Wesentlichen auf das öffentliche Plakatieren für die Veranstaltung bezogen. Unter dem Druck der Ordnungskräfte entschlossen sich die BewohnerInnen des Wagenplatzes kurzerhand, Party und Konzert ins nahegelegene ZORO zu verlegen. So und aufgrund einiger heißer Drähte kam es, daß zwischen 23 und 24 Uhr spontan zirka 100 Leute, trotz alledem gut gelaunt, vom Wagenplatz zum ZORO zogen. So mancher und so manche machte seinem/ihrem politischen Unwillen Luft und beteiligte sich an den Sprechchören gegen Kapital und Arbeit und für mehr Wagenplätze (so z.B.: „Gegen Arbeitshetze und Gesetze, für mehr Bauwagenplätze“). Da sich auch die Polizei zurückhielt und in ihren Autos eher wie ein aufgescheuchter Schwarm Insekten ohne Stacheln wirkte, blieb die spontane Demonstration gegen die Repression der städtischen Ordnung friedlich und erinnerte an einen größeren, gemeinsamen Spaziergang durch die Nacht. Die Party im ZORO soll dann auch noch ordentlich in Fahrt gekommen sein.

Nichtsdestotrotz schwebt die angekündigte Räumung wie ein Damoklesschwert über dem Wagenplatz. Die Stadt beharrt weiter auf der Verlegung in die Raschwitzer Straße und seit dem endgültigen Auszug des Bimbo-Town-Projektes halten die BewohnerInnen der Fockestraße 80 den Platz offiziell besetzt. Zur Zeit ist die Lage allerdings noch ruhig. Anlaß also, um sich zu informieren, zu organisieren und Solidarität zu üben. Eine gute Möglichkeit, um über die Probleme des Platzes ins Gespräch zu kommen, bietet das am Montag regelmäßig für alle hungrigen Mäuler stattfindende „öffentliche Festmahl“ gegen 20 Uhr. Unter der Telefonnummer 2285756 können aktuelle Informationen erfragt werden, und sollte es kurzfristig Aktionen der städtischen Behörden geben, wird sich der Hilferuf vom Wagenplatz aus schnell verbreiten. Also, ruhig Blut und einen klaren Kopf. Haltet Euch bereit!

clov

Die Großstadtindianer (Folge 6)

Streifzüge – zur Kritik

Als ich Kalles Kapitel fertig gelesen hatte und er mich erwartungsvoll und lobessicher ansah, hätte ich die Seiten am liebsten aus dem Notizbuch herausgerissen. Sicher auch ein wenig wegen meines verletzten Stolzes. Ganz bestimmt aber, weil ich nicht glauben konnte, daß Kalle gerade in dem schwierigen Verhältnis zur Gewalt so verklärt, so kritiklos gedacht hatte. Eine harmlose Rempelei, für die Addi mit einem Urlaubstag wegen eines verstauchten Knöchels löhnen mußte; und an der er im Übrigen nicht ganz unschuldig war. Der Alleingang gegen jede Abmachung. Und nicht zuletzt der Zahn, den Kalle sich quasi selbst ausschlug, als er versuchte, eine harmlose Tür zu öffnen. Das Ganze aufgebauscht zu einer Blut-und-Ehre-Geschichte, Zahn um Zahn … nach einigem persönlichen Hickhack haben wir dann doch noch sehr lang und ausführlich über die ganze Sache diskutiert und uns auf die obige Formel der Kritik geeinigt. Danach war unsere erste Idee, die Diskussion als Weiterführung der Geschichte wiederzugeben. Als jedoch Boris, Moni und Schlumpf von dem Projekt mit dem Büchlein und unserem Streit erfuhren, mußten wir kurzerhand auf eine Gruppendiskussion umplanen, so sehr hatte die Idee die drei entflammt. Außerdem wollte jeder von ihnen in Kürze selbst eine Anekdote zum besten geben. Ein verheißungsvoller Gedanke, der mich schon jetzt entzückt.

Wir trafen uns also am Abend auf dem Dach des Wohnhauses. Kalle hatte eine erste Kostprobe des diesjährigen Holunderblütenweins vorbereitet, Moni einen mühlsteinförmigen Käse in der Käserei erworben und ich aus unserem eigenen Mehl drei Brote gebacken. Die Diskussion unter einem phantastischen Sternenzelt dauerte die halbe Nacht, und ich kann sie hier leider nur ungenügend, auf Grundlage einer Mitschrift wiedergeben, die im späteren Abend nicht zuletzt wegen des schweren aber äußerst mundenden Weins immer unsauberer wurde: …

Kalle: Ich glaub‘ halt, daß man sich ab und an auch wehren muß, als damals die Kameraden vom Oststurm vorm Tor standen, hat auch keiner daran gedacht, daß alles hier aufzugeben.

Schlumpf: Ich weiß nicht …

Finn: Wenn wir hier gewaltbereiter gewesen wären, hätte die Lage viel schneller eskalieren können. Außerdem Kalle, ging dem Ganzen ja eine Kette von Provokationen voraus.

Kalle: Die wär’n auch so irgendwann gekommen, glaub‘ mir.

Moni: Das Problem ist doch, daß gerade diese Leute auf politischen Widerstand mit Gewalt antworten. Was bei uns aus einer Folge von Provokationen erwächst, ist bei denen schon von Anfang an mitgedacht.

Finn: Aber wer sind DIESE Leute, Moni?

Moni: Sexisten, Rassisten und Faschisten. Frauen im Schnitt weniger. Das kann man doch klar belegen.

Boris: Titel! Nichts als Titel. Ideologische Negativsubjekte. Selbst ein Arbeitgeber kann in Folge wechselnder Lebenslagen zum Arbeitnehmer werden. Das Leben ist im Fluß …

Moni: … Man muß das doch benennen können! Ich kenne genug Sexisten, auch einige Rassistinnen. Und die Leute damals, Finn, die vor unserem Tor standen, das waren organisierte Faschisten.

Finn: Woher weißt Du das so genau?

Moni: Demonstrationen, Flugblätter, Aktionen – aus ihrem politischen Handeln und ihrer Ideologie. Hier hat doch schon immer unsere Kritik angesetzt.

Kalle: Und unser Kampf gegen die Strukturen, die Logistik, die Kader …

Schlumpf: Drei von den jüngeren habe ich wiedererkannt. Wir haben mal zusammen ein Feuerchen gemacht. Am Badesee. Da kamen sie mir ganz nett vor, ein bißchen naiv, aber ganz harmlos.

Boris: Die haben sich halt beeinflussen lassen. Da fällt der Groschen vielleicht noch. Gerade solche sollten wir aufklären.

Kalle: Ja, vor allen Dingen, wenn sie mit Knüppeln vor Deiner Tür stehen …

Finn: Du bist unfair, Kalle. In Deiner Geschichte zieht ihr auch los, um den ‚Anderen‘ einen Denkzettel zu verpassen, „einen Hinterhalt legen“. Ich kann den Unterschied gerade nicht sehen.

Kalle: Die hatten es verdient!

Boris: Wir …

Schlumpf: Aber Addi hatte doch schon den ganzen Abend Stunk gemacht und …

Finn: … er war sturzbetrunken. Jemand hat ihm ein Bein gestellt. Nicht fein, aber davon geht doch die Welt nicht unter.

Boris: Wir… wir kannten die doch. Langjährige Kameraden.

Finn: Eben. Euer politischer Widerstand ist in Gewalt umgeschlagen. Murphy sei dank, ging die Sache glimpflich ab.

Moni: Finn, verharmlost Du das nicht? Addi hatte schließlich Glück. Die ganze Geschichte hätte auch viel böser enden können.

Boris: Es reicht eben nicht, nur ihre Ideologie zu kritisieren. Man muß auch handgreiflich werden, da hat Kalle schon recht.

Schlumpf: Physische Gewalt mit einbegriffen? Da renn ich doch lieber weg.

Finn: Ich glaub‘ auch nicht, daß jemals jemand durch den berüchtigten Schlag auf den Hinterkopf auf ganz neue Ideen gekommen ist. Jedenfalls nicht unmittelbar … oder wollt ihr den ‚Anderen‘ darniederstrecken, am Ende vernichten?

Boris: Und doch muß man sich schützen können.

Moni: Und nicht erst, wenn es zu spät ist!

Finn: Aktive Prävention, heißt dann für Euch: Dem ‚Anderen‘ eins überbraten, bevor der anfängt?Das ist doch absurd.

Kalle: Der Kampf wurde schon längst begonnen, Finn. Gegen Arbeiterinnen, Kommunisten, gegen Schwarze und Jüdinnen, gegen Anarchisten, Frauen und Ausländer, gegen indigene Stämme, gegen Volksgruppen, Minderheiten und das ‚Abnorme‘. Wieviele wurden umgebracht, Finn, wieviele.

Moni: Ich denke auch, daß man hier Gewalt von Gewalt unterscheiden muß. Man darf solchen Ideen nie wieder eine Chance geben.

Schlumpf: Und die Menschen dahinter total verteufeln?

Boris: Nein. Natürlich nicht. Aber sie sind es schließlich, die für ihr Tun und Lassen in Verantwortung gesetzt werden müssen. Das heißt auch, sich an heißen Kartoffeln die Finger zu verbrennen.

Finn: Ich glaub‘ halt nicht, daß das große Lernerfolge zeitigt. Jeder hat doch viel mehr davon, wenn man ihm erklärt, warum es besser ist, heiße Kartoffeln nicht anzufassen.

Kalle: Gerade Leute, die für ihr offenes Ohr und ihr Verständnis berüchtigt sind? Ich weiß nicht.

Boris: Aber ganz unrecht hat Finn nicht. Das Gespräch abzubrechen, ist auch ein gewisses Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Im Gespräch hat man immer noch die besten Chancen, den ‚Anderen‘ abzubringen, vom Besseren zu überzeugen.

Schlumpf: Schließlich wollen wir es selber ja auch besser machen, als die. Politischer Widerstand bedeutet deshalb für mich auch in gewisser Form Gewaltlosigkeit gegen andere Körper und Geister. Ich will weder das Bewußtsein noch die Tatkraft eines anderen manipulieren, sondern ich will, daß er selbst weiterkommt.

Moni: Du hast ja recht, aber trotzdem müssen wir uns und Schwächere schützen und gerüstet sein, damit ihre Gewalttätigkeit wirkungslos bleibt. Das ist ja kein Spiel, irgendwann kann man einfach keinen Schritt mehr zurückgehen, dann bleibt nur noch, sich zur Wehr zu setzen.

Finn: Aber erst dann. Vorher steht die Kritik der Ideen und Mittel ihrer Umsetzung, der Widerstand gegen politische Wirkungsmacht und kulturelle Repression. Die Taktik des Ausweichens und Aussprechens. Gewalt resigniert am Menschen. Das sollte mensch auch niemandem vorleben und schon gar nicht kritiklos verherrlichen.

Kalle: Da sind wir uns doch einig, oder?

(Fortsetzung folgt.)

clov

…eine Geschichte

Aufstand der Ameisen

Am 6. Mai fand in Erfurt eine Demonstration „Gegen die Arbeit – Für das Leben“ statt, zu der eine Initiative von Arbeitenden und Nichtarbeitenden aus Thüringen aufgerufen hatte. So wanderten an die 100 Leute durch die Erfurter Innenstadt, und trommelten, skandierten und hielten Transparente hoch gegen die Arbeit.

Auch in Leipzig hatten sich im Vorfeld Gruppen und Einzelpersonen zusammengefunden, um diese Demonstration zu unterstützen. Eine Textsammlung zur Arbeit und Arbeitslosigkeit findet ihr auf www.linxxnet.de/ameisen. Auch weiterhin soll es Aktionen gegen (Lohn-)Arbeit, Agenda 2010 & Co. geben, mehr dann hier im Feierabend! oder auf obiger Internetseite.

Für viele Menschen ist Arbeit und Geld die natürlichste Sache der Welt. Wir halten diesen Zusammenhang für hoch problematisch“

(Aktivist der Erfurter Vorbereitungsgruppe)

kater francis murr

3 Streiktage bei der DeTeWe

Die DeTeWe Service Center GmbH ist ein recht kleines Unternehmen. Dort arbeiten knapp 70 Leute, davon 25 per Leiharbeit (und diese noch von drei oder vier verschiedenen Verleihern) – und etwa genauso viele Frauen wie Männer. Der Betrieb wurde am 19., 20. und 23. als einzigster Metallbetrieb in Berlin-Ost bestreikt.

1. Tag: Mit einem der Geschäftsführer an der Spitze überrumpeln die meisten Leiharbeitenden die Streikposten. Die Rest der Belegschaft streikt.

2. Tag: Die Streikenden und einige hinzugekommene Unterstützende wollen sich nicht überrumpeln lassen. Die Leiharbeitenden werden abgefangen und in Gespräche verwickelt und die Zugänge bleiben gesperrt – nur 3 übereifrige Leiharbeiter bahnen sich über Zäune kletternd den Weg an ihre Arbeitsplätze.

3. Tag: Die Geschäftsführung hat das Wochenende genutzt und eine einstweilige Verfügung erwirkt, daß niemand am Streikbruch gehindert werden darf. Auch zwei der bisher Streikenden aus der Stammbelegschaft arbeiten wieder. Die Mehrzahl der Leiharbeitenden jedoch nicht – obwohl sie nun niemand mehr daran hindern dürfte. Sowohl heute, wie auch am zweiten Streiktag, bleibt Streikbruch eine reine Männersache. Eine Streikbrecherin gab es nicht.

Offenbar hat der Streik etwas bei den Beteiligten verändert. Und wie wichtig es ist, daß der Streik genutzt wurde, die Bindungen zwischen Stammbelegschaft und Leiharbeitenden zu festigen, anstatt sich gegeneinander ausspielen zu lassen, wird sich bei zukünftigen Konflikten erweisen. Notiz: „Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, AÜG, §11 – Sonstige Vorschriften über das Leiharbeitsverhältnis: … (5) Der Leiharbeitnehmer ist nicht verpflichtet, bei einem Entleiher tätig zu sein, soweit dieser durch einen Arbeitskampf unmittelbar betroffen ist. In den Fällen eines Arbeitskampfs nach Satz 1 hat der Verleiher den Leiharbeitnehmer auf das Recht, die Arbeitsleistung zu verweigern, hinzuweisen.“

Angriff auf CNT Toulouse

Die gesellschaftliche Situation in Frankreich ist gegenwärtig eine besondere. Seit mehreren Monaten kommt es überall zu Streiks, vor allem im öffentlichen Sektor, und dort hauptsächlich im Bildungswesen – so auch in Toulouse. Auf den Demonstrationen in der südwestlich gelegenen französischen Stadt, die mit 390.000 EinwohnerInnen etwas kleiner ist als Leipzig, versammelt der gemeinsame libertäre Block, auf Initiative der CGA (1) und der CNTAIT hin, regelmäßig zwischen 100 und 300 Menschen. Das Motto lautet: „Generalstreik gegen das Kapital“.

Der Donnerstag, 5. Juni, wurde vorgesehen für die Aktion „Tote Stadt“ – das heißt es sollten umfassende Blockaden errichtet werden. Streikposten für die alle Zugänge zur Stadt wurden organisiert. In der Stadt war derweil eine gewisse Spannung wahrzunehmen, die sich in Provokationen gegen die Streikenden entlud.

Während in der Stadt ein Auto, mit beleidigenden Phrasen bedeckt, zum Haß gegen die kämpfenden ArbeiterInnen aufrief, schritten Unbekannte auch zur Tat. So wurde das Lokal der CNT in der Rue St. Rémésy stark demoliert. Die Beschädigungen begleitete ein anonymer Hinweis, der sich gegen die Streikenden richtet, „die das Land lähmen“.

Der Ursprung dieser bedauerlichen Vorfälle kann niemandem verborgen bleiben. Er ist zu suchen in den para-staatlichen Nischen, die den unternehmerschaftlichen Sphären nahe stehen, die zu allen Provokationen und zu aller Gewalt bereit sind, um die Streikbewegung zu stoppen. Die anarchistischen GewerkschafterInnen erklären indes, dass sie sich nicht einschüchtern lassen – Rentenreform, Sozialreform, Sparzwang – da gibt‘s nichts zu verhandeln, alles ablehnen! Wie das Kräftemessen zwischen einem bedeutenden Teil der Bevölkerung und der Regierung ausgeht, bleibt abzuwarten.

 

A.E.

(1) CGA – Confédération des Groupes Anarchistes