Archiv der Kategorie: Feierabend! #23

Kopfpolaroid

Text von Franziska Anna Faust

Ströme aus schwarzem Porzellan durchfließen die Adern, dringen durch unsichtbare Poren aus der Haut und verdichten sich an der Oberfläche zu milchigem Asphalt. Um die klaffenden Wunden bilden sich Schorfe aus Kristall und ebenerdige Türme; die Kapillaren der Lunge durch­ziehen die ein­gesogene Luft, wie Wurzeln die Erde atmen, wie Ideen, die Jahrhunderte fangen und präparieren. Demonstrationen an jeder Ecke. Wolfsmilchgewächse der Zivilisation. An einer Straßenecke hatte die Stadt es zugelassen, dass der Wildwuchs herrscht. Ein vom Fortschritt unbefleckter Saum an Möglich­keiten; nur die Hunde hatten stillschweigend darauf geschissen.

Es sind Augen­Blu­­men, ziselierte Keramiken von anderen Sternen für die Einen, die Anhäufung von melancholisch de­pres­sivem Gram für Andere.

Ich bin in meine Einsamkeit hineingeboren. Der sanfte Duft der Jahre umgibt mich wie Schein, aromatischer Schein, destillierte Konzentration von Aufmerksamkeit gegen sich selbst. Die Zufälligkeit von Tagen und Jahren ist es, die milde Bekömm lichkeit von zertretenem grün­glänzen­dem Glas und safran farbenem Benzin. Ich bin zur Einzigkeit geboren, genau wie ihr.

Elefantenfarbener Marmor, die Faltigkeit und Rauhe eines baumlosen Felsens, der sich aus der Mitte einer schwarzen Wüste erhebt. Kleine Wolken sind an Nylonfäden über mich gespannt, Saiten aus gehärtetem Kuhdarm, auf denen der Wind wie auf einer Harfe spielt. Kleine abgerissene Engelsfinger, die wild zuckend keinen Ton anstimmen. Der meskalingetränkte Äther tropft in meine Nüstern und ich bebe vor Erstaunen über die Seichtheit des Lebens. Biblische Motive haben sich ins Gegenteil verkehrt, violettanthrazite Blutergüsse zieren meine Schultern, meine Schuld trage ich als Diadem auf meiner Stirn. Man belasse mich in meiner Reinheit, unverhohlene Menschheitszunge, gepierct von Scham und Arroganz und einzigartiger Zerstörung. Ich bin nicht Gott und nicht ich selbst – Gefälligkeit, Humor, Absonderung – was ist es, was ihr an mir glaubt?

Schaumgeborene Ideen lassen Zweifel aufkommen, gierig sauge ich an den Zitzen einer Zeit, die mich erzieht. Das Skelett siamesischer Fünflinge bildet ein Pentagramm, in das ich mit Füßen trete: Ich gebe nichts zu und ich schwöre nichts. Mit Granit, Metadon und Tellermie­nen ist der Pfad gepflastert, über den ich zu meiner Verlobung schreite, irgendeiner hatte unabsichtlich „Anarchie!“ geschrieen. Ikonen haft glasige Blicke werfe ich auf meine Umwelt und er­war­te Genugtuung, nicht Selbstaufopferung. Der Mutterkuchen aus braunem Schorf ist abgefallen, die Wunde von Staub bedeckt. Ich spritze mir die Menschen intravenös und verdaue sie in Büchern.

Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf, die Clownerie und die Gehässigkeit, mit der ich selbst Pflanzen verachte. Gorgonzola farbene Finger zeigen auf mich und Stimmen rufen: „Gleich­gül­tigkeit!“, doch das stimmt nicht. Ideen ranken sich wie wilder Wein um mein Bewusstsein; benommen und halb schwerelos koste ich von ihnen, sammle sie und lagere sie in Kisten ein, Kisten, die eigentlich Notizbücher sind, so wie dieses, in dem du gerade liest. Ich trau mich kaum zu sagen, dass die Welt einst schön zu sein schien; sie war nicht anerkannt aus aller Munde schön. Aber dort taumelt noch ein Weberknecht im Licht des Leuchtturms, dem rot-weiß geringelten Wurm, der mich am Rande der Wüste in die Höhe erhebt. Der Elfenbeinturm, in dem ich lebe und Tag um Tag auf meine Einöde hinabschaue, auf diesen gedörrten Boden, auf dem vertrocknete Kadaver liegen, gebleichte Knochen, die irgendwann in ferner Nähe die Nahrung anderer Zeiten bilden werden. Das Pathos hat ebenso seine Berechtigung wie das Pathologische. Ich bin hier, um zu leben, noch, um nicht zu sterben!

Spanien im „Kampf der Erinnerungen“

Berneckers und Brinkmanns „Kampf der Erinnerungen“ (Verlag Graswurzelrevolution) beschäftigt sich mit dem aktuellen Forschungsstand der Erinnerungskultur in Spanien.

Den Anfang macht ein 70seitiger Abriss über den Spanischen Bürgerkrieg: Kriegsverlauf, internationale (Nicht)Einmischung, die Konflikte im republikanischen und nationalistischen Lager, die Rolle der durch Stalin gesteuerten kommunistischen Partei, die Rolle der Kirche, Anarchismus in der Praxis: die soziale Revolution… Nach dem Niederwerfen des Militärputsches am 19.7. 1936 durch sich selbst bewaffnende Arbeiter und Bauern kam es zu spontanen und dezentralen Kollektivierungen in Landwirtschaft und Industrie. Die Kollektivist/innen waren zu einem großen Teil in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, mit zwei bis drei Millionen Mitglieder, organisiert, gehörten aber auch zur Basis der, der sozialistischen Partei nahestehenden, UGT. Es fand eine soziale Revolution statt, um eine sozialistische, rätedemokratisch strukturierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu errichten, die sich gegen die Grundlagen der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Ordnung wandte.

Auch die unter Anderem durch den Kriegsdruck stattgefundenen Wandlungen in den anarchistischen Organisationen, werden beleuchtet … So stellen die Autoren angesichts der Übernahme von Ministerposten durch Anarchist/innen fest: „In dem Maße, in dem die Spontanität der Massen kanalisiert und kontrolliert wurde, nahm die Revolution von ihren ursprünglichen, herrschaftsfreien Zielen Abstand; sie engte ihren eigenen Aktionsraum zusehends ein und erweiterte damit das Wirkungsfeld des Staates, der als übermächtige Struktur schließlich in alle gesellschaftlichen Bereiche vordrang“.

Es folgt eine Darstellung der Repression des Franco-Regimes, wie der Siegerdiskurs installiert und die Diktatur ideologisch legitimiert wurde. Im Anschluß wird der Umgang mit der Repression in der postfaschistischen Gesellschaft beleuchtet. Auch regionale Erinnerungsdiskurse im Baskenland oder Katalonien werden angesprochen. Zu diesem ganzen Komplex haben wir dem Autor Walther Bernecker im Rahmen eines Interviews mit Radio Blau einige Fragen gestellt.

Beim „Syndikat A“ (www.syndikat-a.de) ist zum Thema Soziale Revolution in Spanien vor kurzem eine einführende Broschüre herausgekommen und auf www.fau.org und in der Libelle-Bibliothek gibts auch mehr an Texten und Büchern zu lesen.
Walther L. Bernecker/Sören Brinkmann:
Kampf der Erinnerungen – Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006
Verlag Graswurzelrevolution, 378 Seiten, 20,50 EUR, ISBN 3-939045-02-0
www.graswurzel.net

 

Interview

Herr Bernecker, können Sie kurz den Hintergrund ihres Buches anreißen?

 

Es geht um die Frage: Wie gehen post­diktatoriale Gesellschaften mit ihrer diktatorialen Vergangenheit um und konkret, wie geht die spanische Gesellschaft mit dem Bürgerkrieg um.

 

Sie hatten bereits einige Veröffentlichungen zu den Themen Bürgerkrieg und Revolution in Spanien. Wie kamen sie dazu? Was hat sie da fasziniert?

 

Also da gibt es zwei Antworten: Die eine Antwort ist rein biographisch, sozusagen lebensweltlich und hängt mit meiner Vergangenheit zusammen. Ich bin in Spanien aufgewachsen, dort auf die Schule gegangen und habe von daher schon immer eine enge Beziehung zu Spanien. Die zweite Antwort ist, dass ich zur Zeit meines Studiums voll in die 68er Bewegung reingekommen bin. Ich gehörte dieser Bewegung an und wir Studenten haben damals alle immer für Autonomie gekämpft, wir haben für Selbstverwaltung plädiert. Und immer wieder kam die Rede auf die Spanische Revolution, auf den Anarchismus in Spanien, auf die Selbstverwaltungskollektive im Spanischen Bürgerkrieg. Aber Tatsache ist, dass keiner von uns so recht darüber Bescheid wußte. Ich bin ja Historiker von Beruf, damals war ich Geschichtsstudent. Da ging ich auf die Suche nach Materialien und stellte fest, dass das ein Thema ist, das noch über­haupt nicht bearbeitet wurde. Ich spreche jetzt wohlgemerkt von der Zeit Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre. Und dann entschied ich, mich mit diesem Thema intensiver zu beschäftigen. Ich wurde ja damals immer wieder gefragt, wie es sich mit dem Anarchismus in Spanien verhielt. Auch ich wußte es damals nicht so genau. Und das ist gewissermaßen der Hintergrund meiner Beschäftigung mit diesem Thema, das mich dann viele Jahre, ja Jahrzehnte nicht mehr losgelassen hat. Ich habe darüber promoviert und auch eine Reihe von Veröffentlichungen vorgelegt und im Grunde beschäftige ich mich noch heute damit.

 

Nun der „Kampf der Erinnerungen“: warum ausgerechnet zur jetzigen Zeit dieses Thema und welche Erinnerungen kämpfen überhaupt miteinander?

 

Also das Thema ist höchst aktuell. Ich muß ein klein wenig ausholen dabei: Natürlich erinnert sich eine Gesellschaft immer ihrer Vergangenheit. Aber im spanischen Fall ist es etwas anders gekommen. Am Ende des Bürgerkriegs bestand für die unterlegenen Republikaner und zwar für die Republikaner aller Schattierungen, damit meine ich Kommunisten, Anarchisten, Sozialisten, Liberale, Demokraten, nicht die Möglichkeit, ihre Vergangenheit in dem Sinne aufzuarbeiten, daß man darüber publiziert, dass man darüber diskutiert. Die Unterlegenen hatten keine Chance der Aufarbeitung. Spanien ist also bis zum Tode Francos 1975 ein Land geblieben, wo über die Frage, was im Bürgerkrieg eigentlich geschehen ist, nicht frei diskutiert werden konnte. Die einzige Sichtwiese die es gab, war immer die offizielle Sichtweise der Sieger. Das hat sich nach 1975 geändert, aber nicht radikal. 1975 wurde zwar die Zensur abgeschafft, aber auch dann ist man in der spanischen Gesellschaft nicht frei mit dem Thema umgegangen, weil es so etwas wie einen unausgesprochenen Pakt gab. Man spricht von einem Pakt des Schweigens. Der Pakt des Schweigens bestand darin, in den Jahren nach Francos Tod im Übergang zur Demokratie diese Themen, also den Bürgerkrieg, die Repression, die Auseinandersetzungen, die Kämpfe, den Bruderkrieg, nicht zu thematisieren, nicht in der Gesellschaft Rechenschaft zu fordern, von den Leuten die noch lebten, damit die Gräben wie sie in den 30er Jahren bestanden in den 70er Jahren nicht wieder aufgerissen würden, damit der Übergang in die Demokratie einigermaßen glimpflich vor sich gehen konnte. Und an diese Maxime hat man sich in Spanien gehalten, mindestens bis weit weit in die 80er und eigentlich bis in die 90er Jahre. Und erst als sich die Demokratie definitiv stabilisiert hatte und auch eine neue Generation herangewachsen war, da hat man begonnen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Nämlich der Frage, wie sich die spanische Gesellschaft an ihre Vergangenheit erinnert.

Und auf die Frage, welcher Kampf ist das eigentlich, so möchte ich erst einmal einleitend sagen, dass es im Wesentlichen natürlich zwei Sichtweisen gibt: Es gibt die Sichtweise der Sieger, die gibt es bis heute. Und was heute immer stärker zum Tragen kommt, ist die Sichtweise der Besiegten, die endlich, 70 Jahre nachdem der Bürgerkrieg begonnen hat, wirklich die Chance haben in Form von Memoiren, in Form von Literatur, in Form von historischen Darstellungen, ihre Sichtweise durchzusetzen, ihre Sichtweise zum besten zu geben. Und in der Tat: Wenn man sich die Literatur anschaut, dann ist sie überwiegend von Testimonialliteratur geprägt, also von Leuten, die unmittelbar selber betroffen sind, oder von Historikern, die zumeist versuchen, die Perspektive der republikanischen Seite darzustellen. Das aber ist ein Phänomen der letzten ungefähr sieben bis neun Jahre, nicht länger, und wenn wir also bedenken, dass der Bürgerkrieg 36 bis 39 war, und wir sprechen jetzt von einem Phänomen Ende des 20./Anfang des 21. Jahrhunderts, dann sehen wir, welche enorme Zeitspanne verfließen mußte, bis in Spanien endlich definitiv und ernsthaft und ohne Voreingenommenheit über die Probleme diskutiert wird.

 

Welche neuen Erkenntnisse haben sie in ihrem Buch verarbeitet?

 

Wir haben in diesem Buch die historischen Erkenntnisse, der letzten fünf bis sieben Jahre verarbeitet, das sind Dinge, die man vor zehn Jahren noch gar nicht wußte, zum Beispiel die Anzahl der von Franco umgebrachten Personen. Hier konnte man in der Literatur die abenteuerlichsten Zahlen lesen. Das begann bei einer Million Toten über 500 000 oder 300 000 Toten. Heute weiß man ziemlich genau, dass es sich um eine Größenordnung von 140 000 handelt.

Ein weiteres Beispiel: Wie wurden die unterlegenen Republikaner behandelt? Also das ganze System der Konzentrationslager, der Arbeitsbataillone, der Verfolgung, der sozialen Erniedrigung…

 

Sind auch die militärischen Opfer dabei?

 

Nein, ich spreche nicht von den an der Front Gefallenen, ich spreche von denen, die liquidiert worden sind. Aber wir haben auch eine Zahl von denen, die auf republikanischer Seite umgebracht wurden, da bekanntlich auf republikanischer Seite nicht gerade nur gute Menschen waren. Da liegen die Zahlen inzwischen bei ungefähr 50.000*. Also man sieht an der Relation, ungefähr das dreifache an Toten durch die franquistische Seite.

 

Gibt es einen eigenen anarchosyndikalistischen Erinnerungsdiskurs?

 

Diese Erinnerungsdiskurse sind zum großen Teil nicht parteipolitisch, sie sind auch nicht ideologisch in dem Sinne, dass es einen gesonderten Diskurs gäbe, sagen wir der Anarchisten, der Sozialisten, der Kommunisten. Es hat in der Übergangszeit so etwas gegeben. Es hat auch Auseinandersetzungen auf der Seite der Linken gegeben, die unterschiedliche Vorstellungen hatten, was z.B. auf die Mahnmale geschrieben wird, wie man mit den früheren Verbrechern umgehen soll. Aber das waren eher die Ausnahmen. Wir gehen in unserem Buch auf einzelne Beispiele ein. Im Großen und Ganzen muß man aber sagen, geht der Diskurs auf Seiten der unterlegenen Republikaner, in einem weiten Sinne nicht parteipolitisch differenziert, gegen den Diskurs der Sieger vor. Und insofern lässt sich praktisch die Frage gar nicht beantworten, ob es einen eigenen anarchosyndikalistischen Aufarbeitungs- oder Erinnerungsdiskurs gibt. Im Großen und Ganzen, möchte ich meinen, gibt es den nicht. Es gibt auch keinen eigenen sozialistischen oder eigenen kommunistischen. Die Repression der Franquisten war gegenüber den Anarchosyndikalisten genauso wie gegen die Sozialisten oder Kommunisten oder Liberalen. Hier wurde kaum differenziert und deswegen würde es auch wenig Sinn machen, anhand der alten ideologischen Gräben unterschiedliche Diskurse zu führen.

 

Wenn Sie sich die aktuelle Debatte um den rechtsextremen Bestseller Pio Moas anschauen: Ist das ein Rückschlag im Kampf der Erinnerungen?

 

Das ist ein Phänomen. Die ernsthafte Historiographie in Spanien ist heute überwiegend linksliberal. Das Leute wie Pio Moa oder Fesal Vidal oder ähnliche Revisionisten derartigen Erfolg haben, ich meine quantitativen Erfolg, was die Verkaufszahlen dieser Bücher betrifft, das hängt sicherlich damit zusammen, dass es sich hierbei um eine Art Gegenbewegung gegen den Mainstream der Historiographie handelt. Und diese kommt sehr gut an bei einem Großteil der historisch-politisch interessierten Öffentlichkeit, die aber eben nicht die Bücher der etablierten Historiker, sondern gerade die vereinfachte Sicht der Dinge lesen möchte und zwar aus einer konservativen Perspektive. Die ist ja sehr stark in Spanien, wenn man bedenkt, dass die konservative Partei einen Großteil der Bevölkerung erreicht.

 

Ist der Spanische Bürgerkrieg inzwischen erschöpfend erforscht?

 

Der Bürgerkrieg ist sicherlich ein Thema, das außerordentlich gut erforscht ist. Wir haben aber schon wiederholt in der Vergangenheit gesagt, jetzt müsste doch alles erforscht sein, und das war eben nicht der Fall. Zum Beispiel die Frage einer genauen Quantifizierung und auch Systema–tisierung der Repression. Das ist bis heute noch nicht erschöpfend geschehen. Wir wissen heute nur ungefähr von 50 bis 60 % der Provinzen, wie die Repression erfolgte, also 40 % sind noch gar nicht erforscht. Die klassischen Themen sind weitgehend aufgearbeitet: Militärge–schichte, internationale Geschichte, innenpolitische Fragen, sozioökonomische Fragen der Sozialen Revolution. Mögli–cherweise wird es hier auf lokaler und regionaler Ebene immer noch was zu tun geben, aber die großen Fragen sind beantwortet. Wo auch noch viel zu tun sein wird, ist an dem was wir Kulturgeschichte nennen können, und zwar auf beiden Seiten, sowohl auf der republikanischen Seite, wie auf der nationalen Seite. Und ich denke, dass ich mich auch an dieser Diskussion beteiligen werde, wenigstens mit einem kleinen Körnchen Forschung. Also ich habe schon vor bei diesem Thema zu bleiben.

 

 

KFM

* in dieser Zahl sind auch die Opfer innerrepublikanischer Konflikte enthalten, wie z.B. die Repression der stalinistischen Geheimpolizei, wobei es dahingehend keine gesicherten Zahlen gibt.

Muscha heißt Beschützer

– Porträt eines als Kind von den Deutschen verfolgten Sinto –

Ich war bereits zwölf Jahre alt und konnte mehr verstehen, als die Erwachsenen glaubten. Nur eines konnte ich nicht verstehen, warum die Menschen so dumm sind, um Kriege zu führen und sich selbst zu vernichten. Das hatte doch der liebe Gott bei der Erschaffung des Menschen bestimmt nicht gewollt. Die Tiere ermorden sich ja auch nicht massenweise. Solche Gedanken kommen einem, wenn man einsam in einem Zimmer ausharren muss.

Mein Zimmer wurde nun nicht mehr bewacht und verschlossen und angebunden war ich auch nicht mehr. Das war auch nicht nötig, denn für eine Flucht wäre ich viel zu langsam gewesen. Auch hatte ich immer noch ganz schöne Schmerzen im Bauch und in den Beinen. Natürlich bekam ich auch Besuch. Mutti und Vati kamen getrennt zu den Besuchszeiten.

Eines Tages, vielleicht war es auch in der Nacht, standen plötzlich Fremde in meinem Zimmer, um mich abzuholen. Einen Pfleger erkannte ich wieder. Es war der Mann, der mir vor der Operation die Bauchfusseln abrasiert hatte. Er sagte mir, ich solle ganz leise sein, nicht sprechen und nur das tun, was man mir sage. Neben der Tür stand noch ein Mann, den ich schon einmal bei meinen Eltern gesehen hatte. Es war Onkel Peter. In der Tat ging ich auch freiwillig mit ihnen mit. Es wurde nicht gesprochen. Nur durch Zeichen verständigten sie sich.

Später habe ich erfahren, dass der SS-Mann Bartelt meine Eltern davor gewarnt hatte, dass man mich nach der Operation in das KZ Bergen-Belsen bringen wollte. Dort hätte ich in meinem Alter niemals überlebt. Die sozialdemokratischen Widerstandskämpfer wussten das und setzten alles auf eine Karte, um mein Leben zu retten. Diese Menschen bezeichnete man mir gegenüber als Angehörige des Roten Kreuzes. Jedenfalls brachte man mich an den Goldberg in der Nähe von Halle, wo man mich in einem Gartenhäuschen versteckte. “

(aus dem Buch: „Und weinen darf ich auch nicht…Ausgrenzung, Sterilisation, Deportation – Eine Kindheit in Deutschland“, 2002)

Ein Kinder-Leben

Am 6. Januar 1932 wurde Josef Muscha Müller in Bitter­feld geboren und es sollte 54 Jahre dauern, bis er dort auf eine Spur seiner Herkunft stieß. Doch eins nach dem anderen: Er konnte noch nicht ganz alleine laufen, da holten Otto und Minna Hinz, die von Königsberg nach Halle gekommen waren, wo sie sich weiterhin im kommunistischen und sozialdemokratischen Spektrum bewegten, den Kleinen aus dem Kinderheim in Grölwitz bei Halle und nahmen ihn in Pflege. Obwohl Sinti-Kinder nicht adoptiert werden durften, arrangierte eine Frau vom Jugendamt diese Rettung. Später sollten noch andere Rettungen folgen, denn Muscha zählte als „Zigeuner“ in Nazi-Deutschland zum „unwerten Leben“. 1940 wurde er von der Berliner „rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle“ registriert. In der Schule wurde er vom Lehrer und den Mitschülern gedemütigt und misshandelt und noch Ende 1944 von einem Dr. Rothmaler sterilisiert. Bei einer späteren Konfrontation mit dem Arzt sollte dieser dazu bemerken: „Und das was ich getan habe, habe ich getan für das deutsche Volk!“

Vom Krankenhaus aus sollte das Kind in das KZ Bergen-Belsen verschleppt werden, der Widerstandskreis der Eltern konnte ihn jedoch davor bewahren, indem sie ihn bis Kriegsende versteckt hielten. Dabei kam es nach mehreren Gestapo-Verhören zum Suizid eines der widerständigen Aufpasser, „Onkel Peter“, der verhindern wollte, dass er selbst das Versteck preisgibt. Nach der Befreiung klärten die Eltern ihn über seine Herkunft auf und rieten ihm gleichzeitig, nicht über sie zu sprechen, da sie weiterhin eine Rassenverfolgung in Deutschland befürchteten.

Erst 1986 sollte der damals 54-jährige jedoch bei einem Besuch in Bitterfeld zufällig von seinem Taufnamen „Muscha“ erfahren, eine Nonne zeigte ihm die Kirchenbücher, in denen noch ein weiterer Name auftauchte: Vinzenz Rose Müller – wahrscheinlich ein Zwillingsbruder, ein Stück Hoffnung auf ein Stück Familie. Leider fand er ihn aber bis heute nicht. Ein in den 50ern gescheiterter Adoptionsversuch eines kleinen Jungen durch Muscha und seine Frau verstärkte zusätzlich sein lebenslang wiederkehrenden Gefühl der Einsamkeit.

Doch der inzwischen 74-jährige hat eine Berufung: Kinder. In einer Berliner Kinderpsychiatrie arbeitete er als Pädagoge, auch nach der Rente noch ehrenamtlich. Er geht aber auch in Kindergärten und Schulen, um aus seiner Kindheit zu erzählen. Dabei veranstaltet er immer eine Art Rollenspiel, bei dem er sich selbst und die anderen in bestimmte Situationen bringt und verschiedene Personen dargestellt werden, selbst in die Haut seiner Peiniger schlüpft Muscha.

Diesen Stil benutzte er auch kürzlich auf zwei Veranstaltungen der „Zeitzeugengespräche“ in Jena und Leipzig, für die er als „Ersatz“ für den erkrankten Hugo Höllenreiner eingesprungen war. Weniger glücklich verliefen leider die Mobilisierung und inhaltliche Vorbereitung zu dieser Reihe. Für die ca. 50 BesucherInnen war die sicher ungewohnte Art der Wissensvermittlung nichts desto trotz sehr aufschlussreich, da die Perspektive eines Kindes erfahrbar werden konnte. Vor der Leipziger Veranstaltung am 2. Juni bekam ich freundlicherweise die Gelegenheit, ein Gespräch bzw. Interview mit Muscha zu führen, das nun hier in Teilen zu lesen sein wird. Am Ende des Abends sagte Muscha, und das bedeutet „Beschützer“: „Ich bitte euch von ganzem Herzen, lasst so was nie wieder zu, wenn ihr davon erfahrt. Kämpft dagegen an, wenn man gegen wehrlose Kinder vorgeht.“

Interview

FA!: Bist du eigentlich inzwischen als Verfolgter anerkannt?

Ja, ich bin anerkannter „Verfolgter des Nazi-Regimes“, nach 30 Jahren Kampf. Ich war in der DDR seit 1947 anerkannt, als jüngstes verfolgtes Kind. Und dann wollte ich die Überschreibung im Westen haben, die habe ich nicht bekommen. Ich war als junger Mann in deinem Alter in einem Prozess, da sagte die Richterin zu mir: „Verschwinden sie sofort, sie sind kein Verfolgter!“ Und ich wollte etwas sagen. – „Halten sie ihren Mund und sie fliegen raus hier! Und wer ist eigentlich die Dame?“ – „Na ja, meine Begleitung.“ Sie war Journalistin, das habe ich der aber nicht gesagt. Aber in ihrem Artikel bei der taz ging es knallhart gegen das Gericht. Später bin ich mit Hans-Joachim Vogel und so zusammen gekommen, das waren also SPD-Leute. Die sagten: „Das kann doch nicht wahr sein!“ – „Es ist aber Tatsache, ich habe das auch schriftlich, dass ich nicht anerkannt wurde.“ Und da haben sie im Abgeordnetenhaus einen Beschluss gefasst und haben die Gesetzgebung zur Anerkennung geändert. Und als die Mauer wegging, wurde ich auf einmal anerkannt. Aber eine Entschädigung habe ich nie bekommen. Na ja, ich habe gut verdient. „Und eine Rentensache?“ – „Ja, das könnten wir eventuell machen. Aber nicht so, wie die jüdischen Verfolgten!“ Ich habe in Hamburg, aber auch in Amerika die Sinti und Roma vertreten, in Polen zum Weltkongress, um wenigstens etwas zu kriegen.

FA!: Konntest du nach dem Krieg mit deinen Pflegeeltern über die Geschehnisse sprechen?

Na ja, am Anfang habe ich natürlich gefragt, warum der – sag ich jetzt mal – Neger, wir kannten keinen anderen Ausdruck dafür, zu mir gesagt hat: „Jetzt bist du frei, du schwarzer Zigeuner.“ – „Was ist ein Zigeuner?“, fragte ich. Und da haben sie mich erst mal aufgeklärt und mir gesagt, dass sie nicht meine Eltern sind. Da habe ich natürlich einen vollen Schock gekriegt und wollte es nicht glauben und habe geschrien. Erst später habe ich das richtig begriffen, als sie es mir wieder gesagt haben: „Deine Eltern sind nicht mehr da.“ Sie konnten mir nicht sagen, ob sie tot sind. Aber sie waren auch noch nicht verfolgt worden, denn das war ja erst 1932, die Machtübernahme war ja später.

FA!: Habt ihr auch über den Widerstand gesprochen?

Ja, es kam öfter mal zu Gesprächen. Da hatte ich doch z.B. mal in einer Weinkammer gestöbert und Flugblätter gefunden. Und da habe ich dann gefragt: „Ich kann mich erinnern, wie ihr gemeckert habt, weil ich die Flugblätter gefunden habe. Warum waren die denn da drin?“ Das ist eine Frage von einem 12-jährigen Kind. Dann hat der Vater gesagt: „Pass mal auf: Wir haben dir doch immer erzählt, dass die Kollegen, die da immer kamen, Sportkameraden sind. Das waren aber keine Sportkameraden, das waren Kameraden des Widerstandes.“ Und dann hat man mir auch erklärt, was der Widerstand war, wer die Nazis waren. „Du hast doch gesehen, wenn sich die HJ mit dem Kommunistischen Jugendverband geprügelt haben. Und da war ein Widerstand auch zwischen den Erwachsenen gegen die Nazis.“

Die Sache mit der Sterilisation kam so: Ich bin total verknallt gewesen und bin zum Papa gegangen und habe gesagt: „Du, ich hab da ´ne dufte Mieze und wir wollen heiraten. Und da hat er gesagt: „Was willst du machen?“ – „Na heiraten, wie du, ganz einfach.“ – „Sag mal, weißt du, wieso du damals im Krankenhaus warst?“ – „Was hat denn das damit zu tun?“ – „Da bist du doch operiert worden.“ – „Ja, am Blinddarm.“ – „Schau doch mal nach, ob das stimmt.“ – „Wieso?“ – „Mein Junge, du sollst dir das mit dem Heiraten überlegen, du bist sterilisiert worden. Und die Ehe ging damals auseinander denn sie wollte dann zuletzt doch ein Kind haben. Das war eine schwierige Situation für Sterilisierte. Von den Frauen, die man sterilisierte, haben sehr viele Selbstmord begangen. Die haben auch teilweise heftigere Schmerzen gehabt als Männer und die psychische Belastung haben sie einfach nicht überwunden. Ich habe es eben durch mein Aufgabengebiet überwunden – nicht ganz, es kommt immer wieder zum Vorschein. „Da, guck mal, das ist eine Familie.“ Ich sehe in ihnen meine Familie, ob er das ist, oder du das bist. Ich sehe es nur so, aber es ist nicht meine Familie. Oder an Weihnachten, wenn andere feiern, dann sitzen wir beide alleine da, die Müllerin und ich, immer alleine. Wo werden wir denn eingeladen? Dadurch, dass ich ein bisschen bekannt geworden bin, habe ich natürlich einen Kreis, aber ich bin eben ein Sinto.

FA!: Ich habe noch eine grundsätzliche Frage: Was ist für dich Rassismus?

Die größte Schweinerei, die es überhaupt gibt. Wir sind nur ein Planet, ein Planet. Es gibt eine wunderbare Tierwelt, eine wunderbare Vegetation, aber einen unberechenbaren Menschen, der auf dem Planeten ist und es wird ihn auch immer wieder geben.

Also, ich würde mir wünschen, dass es dahin geht, dass alle Menschen gleich sind egal welcher Hautfarbe, egal, welcher politischen Einstellung, sie darf nur nicht kriegerisch sein. Wir müssen alle einfach gleich sein, so wie wir geschaffen wurden, so sollten wir bleiben.

FA!: Aber wie kommt man denn da hin? Wie kann man dem Rassismus begegnen?

Ich weiß es nicht. Wenn der Mensch selbst es nicht will, er würde es vielleicht schaffen, aber er will es nicht. Schon ist der Unterschied da, der Nachbar ist der Türke, „Das sind die Türken, die sind ja ein dreckiges Volk!“, so geht das wieder los bei uns in Berlin. Oder vorhin: da habe ich meinen Spaß gemacht mit denen, die nur schwarze Klamotten tragen. Aber ich habe nicht gesehen, dass die irgendwie feindlich sind oder dass ich eine Abneigung gegen sie habe. Warum soll ich auch eine Abneigung haben, wenn ich überhaupt nicht weiß, was das für Menschen sind, was die überhaupt machen. Wenn das überall so wäre, dann könnte man sagen, es ist gut so, das ist der Planet des Friedens. Aber er ist es nicht.

FA!: Es ist ja eigentlich auch eine antifaschistische Tätigkeit, wenn man in die Schulen geht, so wie du das machst, so anschaulich und intensiv – wie reagieren die Kinder auf dieses Thema?

Also, ich muss sagen, die Kinder haben sehr gut reagiert. Das liegt aber daran, dass die das spielen. Manchmal hat das auch mit Erwachsenen geklappt. Die Kinder haben mir Briefe geschrieben, ich sollte wiederkommen, alles in der BRD hauptsächlich. Ich bin Stamm-Zeitzeuge an vielen Schulen. Das läuft ganz gut, jedenfalls besser, als ich es erwartet hatte. Die Kinder empfinden das richtig, manchmal habe ich Szenen erlebt, da haben sie so geweint, dass ich aufgehört habe, zu erzählen. Das ist so: ich trete dann auch irgendwie weg, ich bin in dem Moment dann nicht mehr da. Ich erlebe das noch einmal. Deswegen kommen dann auch immer wieder einmal diese Gefühlsausbrüche zum Vorschein, dass ich auf einmal nicht mehr sprechen kann und gegen die Tränen ankämpfe, denn das tut weh.

FA!: Du machst aber immer noch weiter?

Na ja, pass mal auf, mit 35 Jahren ist man ja schon ein bisschen langsam… Dass ich hier bin, ich wurde ja angerufen und habe Ja gesagt. „Du musst doch ein Ding am Koppe haben, wie kannst du denn das so auf die Schnelle machen?“ Das wird langsam zuviel, das ist schon anstrengend. […]

Ich gehe auch zu den Baptisten und mache da Kinderstunden. Also, das, was ich noch kann. Meine Frau ist gehbehindert, daran muss ich auch denken. Ich habe auch gesagt: „Müllerin, ich glaube, es wird das letzte mal sein.“ Es ist praktisch wie ein Abschied.

Tipps zum Umgang mit Strafbefehlen

Wie verhalte ich mich, wenn ich einen Strafbefehl bekommen habe?

Normalerweise folgt nach der von Euch selbstverständlich nicht wahrgenommenen Beschuldigtenvernehmung und der Anklageerhebung durch die Staatsanwaltschaft die Prozesseröffnung. Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen Prozess zu umgehen und der/dem Beschuldigten einen Strafbefehl zuzustellen. Das ist quasi ein Urteil ohne eine vorhergehende Verhandlung, dss heißt, der Strafbefehl legt die Rechtsfolgen der Euch vorgeworfenen Tat fest, also beispielsweise, dass ihr 30 Tagessätze à 10 Euro zahlen sollt.

Dies wird in letzter Zeit häufiger praktiziert, da die Staatsanwaltschaft darauf hoffen kann, dass mensch sich nicht dagegen wehrt – entweder aus Unwissenheit oder aus Fristversäumnis.

Allerdings wird Euch auf diesem Wege die Möglichkeit eines „fairen“ Verfahrens genommen, Ihr könnt bestimmte Entlastungszeugen nicht präsentieren, seid der Möglichkeit beraubt, mit einem/einer Anwalt/ Anwältin Eurer Wahl eine Prozessstrategie zu besprechen und vergeigt im Zweifel einen eventuellen Freispruch oder eine geringere Strafe.

Aus diesem Grund solltet Ihr Euch immer (erst einmal) gegen einen Strafbefehl wehren!

In jedem Fall solltet Ihr innerhalb von zwei Wochen (nach Zugang des Strafbefehls) zunächst einen formlosen Einspruch gegen den Strafbefehl bei dem dort bezeichneten Amtsgericht unter Nennung des Aktenzeichens einlegen Das steht auch alles in der Belehrung, die Ihr mit einem Strafbefehl, quasi als Beipackzettel, erhaltet. Dabei müsst und solltet Ihr auch nicht begründen, warum Ihr euren Einspruch einlegt.

Der Einspruch kann auch nur auf den Strafausspruch, also die Höhe der Strafe, beschränkt werden. Eine solche Beschränkung des Einspruchs auf die Höhe des Strafmaßes solltet Ihr aber wirklich erst nach Absprache vornehmen beziehungsweise, wenn Ihr selber Ahnung davon habt. Da Ihr bis in die Hauptverhandlung hinein die Möglichkeit habt, von einem „Teil“-einspruch Gebrauch zu machen, solltet Ihr also grundsätzlich immer einen vollumfänglichen Einspruch einlegen. Nach Rücksprache mit einem/einer Anwalt/Anwältin, einer Rechtshilfeor­ga­ni­sation etc. könnt Ihr diesen dann ja immer noch in der Verhandlung begrenzen.

Ihr könnt bei­spiels­­weise schreiben: „Hier­mit lege ich Ein­spruch gegen den Straf­befehl des Amts­­­­gerichts … mit dem Aktenzeichen … ein.“

Wichtig ist aber wirklich, dass dies innerhalb der zwei Wochen passiert, ansonsten könnt Ihr nicht mehr gegen den Inhalt des Strafbefehls vorgehen, da dieser dann rechtskräftig wird! Entscheidend ist der Posteingang bei Gericht!!! Also: Wenn Ihr einen Strafbefehl am Mittwoch bekommt (entscheidend ist das Zustellungsdatum auf dem Umschlag!), dann endet die Frist zwei Wochen später am Mittwoch um 24.00 Uhr. Dabei sind die Postlauf­zei­ten von bis zu drei Tagen unbedingt zu beachten.

Am sichersten ist, den Einspruch in den (Nacht-)Briefkasten des jeweiligen Amtsgerichts einzuwerfen oder das Ganze gegen Empfangsbe­kenntnis beim Pförtner/bei der Pförtnerin oder in der Poststelle des Gerichts abzugeben.

Nachdem also ein Einspruch eingelegt ist, habt Ihr erst einmal Zeit gewonnen, die Ihr nun nutzen solltet, Euch im Hinblick auf die weitere Vorgehensweise zu beraten und zu informieren.

Ihr könnt dies bei Eurer örtlichen Ortsgruppe der Roten Hilfe, Eurem Ermitt­lungs­ausschuss oder als Anfrage bei der Adresse: info@rote-hilfe.de machen. Gemeinsam könnt Ihr dann überlegen, ob in Eurem Fall ein/eine Anwalt/Anwältin zu Rate gezogen werden sollte oder ob dies nicht nötig ist.

Was Ihr noch wissen solltet: Einen Einspruch kann mensch jederzeit, das heißt auch noch während der Verhandlung bis zur Urteils­ver­kün­dung, zurücknehmen. Dann entstehen auch keine weiteren Kosten. In dem Fall, wo er nicht zurückgenommen wird, kommt es zu einem ganz normalen Prozess, bei welchem der Strafbefehl die Anklageschrift ersetzen wird. Solltet ihr verurteilt werden, müsst Ihr dann auch die Gerichtskosten tragen.

Rote Hilfe Leipzig

Die Rote Hilfe ist eine Solidaritätsorganisation, die politisch Verfolgte aus dem linken Spektrum unterstützt, die z.B. wegen presserechtlicher Verantwortlichkeit für staatsverunglimpfende Schriften, wegen Teilnahme an spontanen Streiks oder wegen Widerstand gegen polizeiliche Übergriffe vor Gericht gestellt werden. Ebenso denen, die in einem anderen Staat verfolgt werden und denen hier politisches Asyl verweigert wird. Zusammen mit dem Angeklagten bereiten sie den Prozeß vor und machen besonders seinen/ihren politischen Hintergrund in der Öffentlichkeit bekannt. Die Rote Hilfe engagiert sich gegen die Verschärfung der Staatsschutzgesetze, gegen weiteren Abbau von Rechten der Verteidigung, gegen Isolationshaft, gegen weitere Beschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Ihr gehören nur Einzelpersonen als Mitglieder an.

www.rote-hilfe.de

Editorial FA! #23

Sand zwischen den Zehen, Sonnenbrand auf der Nase und die Sommerausgabe des Feierabend! in den Händen. So schön kann das Leben sein. Aber nur wer den Weg an den Strand fand, konnte in den letzten Wochen Ruhe finden. In der Stadt herrschte Ausnahmezustand. Das Fußballjubelfest wurde flankiert von aufgestockter Polizeipräsenz und immer dreisterer Überwachung und Rasterung. Daher haben wir für dieses Heft den Schwerpunkt Innere Sicherheit gewählt (u.a. Seite 2-6, 14-16). Nächstes mal wollen wir uns mit Emanzipation (Seite 22) beschäftigen und hoffen in diesem Sinne auf Beiträge von LeserInnen, die sich gerne von ihrer Rezipientenrolle emanzipieren wollen. Für alle, die in Konflikt mit der Staatsmacht geraten, gibt es ab #23 eine neue Rubrik der Roten Hilfe Leipzig (Seite 13). Als ‚ausgezeichnete‘ Verkaufsstelle hat sich diesmal das „Liberterz – Benefiz für Libertäre Projekte in Leipzig“ erwiesen. An dieser Stelle vielen Dank an alle HelferInnen und Gäste für den schönen Abend. Bis zum nächsten Fest,

Eure Feierabend!-Redaktion

 

PS: Wer auch so wie wir auf die dreiundzwanzig abgeht, sollte dieser Zahl auf den Grund gehen.

Bewegungskoordination

Bestandsaufnahmen und Begriffstützen vom 29. BUKO-Kongress

Die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) ist ein unabhängiger Dachverband, dem über 150 Dritte-Welt-Gruppen, entwicklungspolitische Organisationen, internationalistische Initiativen, Solidaritätsgruppen, Läden, Kampagnen und Zeitschriftenprojekte angehören. Der Ursprung lag in den Solidaritätsbewegungen mit den Befreiungskämpfen im Süden. Sie versteht sich als Ort linker, herrschaftskritischer Debatten und sucht den offenen Dialog mit anderen Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen.“ www.buko.info

Ein Internationalismus nach dem Internationalismus

Bis 2002 hieß die seit 1977 existierende Plattform noch „Bundeskoordi­nation entwicklungspolitischer Aktionsgruppen“. Die Kritik an früheren romantisierenden, nicht selbstkritischen Vorstellungen einer einheitlichen Seite der guten Unterdrückten führte auch in der Ausrichtung, z.B. den Arbeitsschwer­punkten, wie Rassismus und Flüchtlingspolitik, Weltwirtschaft, Alternativer Handel und die Pharma-, Rüstungsexport- und die Biopiraterie-Kampagnen, zu Veränderungen. Neben der drei bis vier mal im Jahr erscheinenden Zeitschrift „alaska“ hat die BUKO bisher auch schon diverse Positionspapiere und das Buch „radikal global“ ( Verlag Assoziation A., Hamburg-Berlin 2003) publiziert. In Abgrenzung zum Lobbyismus vieler Nicht-Regierungs-Organisationen nach 1989 wird eine Alternative zum Kapitalismus nicht ausgeschlossen, sondern nach wie vor angestrebt. Funktionsträger von Politik und Wirtschaft werden weiterhin nicht als Dialogpartner, sondern als Reproduzenten der Verhältnisse aufgefasst. Gefahren, wie die Konsens-Sucht einer vermeintlichen Zivilgesellschaft, in der alle gewinnen könnten und eine Pseudo-Vereinnah­mung detaillierter Forderungen zur Imagepflege der Macht­inhaberInnen müssen beachtet werden. Die zentralen Zielsetzungen der BUKO sind eine emanzipatorische Perspektive, eine antirassistische, antisexistische Haltung gegen jede Form struktureller Gewalt, Armut, Antisemitismus u.ä. im gemeinsamen Suchen von Handlungsperspektiven. Solidarität statt Almosen umschreibt den nicht karitativen, sondern politischen, autonomen Anspruch an die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bewegungen auf der Welt, der aber auch dafür sorgen soll, dass kritische Stimmen aus unterdrückten Ländern mehr Gehör finden. Daran geknüpft ist die generelle Ablehnung einer Teilhabe an den Machtverhältnissen, also deren Kritik und Kontrolle durch Widerstand von unten. Statt Doktrin steht aber der Netzwerkcharakter der Organisation an erster Stelle.

Seit 2005 ist die BUKO erfreulicher- und schwierigerweise selbstfinanziert. Deswegen wurde eine Kampagne ins Leben gerufen, nach der in diesem Jahr noch 150 mal 100 oder 1500 mal 10 Euro benötigt werden, damit die Vernetzungsarbeit weiter unabhängig laufen kann. Spenden in jeder Höhe und Tiefe werden gern entgegengenommen unter: VzF e.V./BUKO, Ev. Darlehensgenossenschaft Kiel, Konto­nr. 234 389, Blz. 210602 37, Verwen­dungs­zweck „BUKO braucht Kohle“.

buko 29: re:control – antworten, abweisen, aneignen

Vom 25. bis zum 28. Mai wurden in der TU Berlin Foren zu den Komplexen G8, Stadt/Sicherheit, Migration/Kolonialismus und Energie in mehreren Phasen abgehalten; insgesamt fanden über 100 Veranstaltungen mit WissenschaftlerInnen, Initiativen und Organisationen, wie z.B. The Voice, FelS, IMI, WEED, Gruppe B.A.S.T.A., Kein Mensch ist illegal u.v.m. und mit über 500 Interessierten statt. Leckere Bio-Küche, eine berli­nale Abschlussparty – fertig und voll kehrte ich zurück. Leider war es nicht möglich, an allen gewünschten Veranstaltungen teilzunehmen, da vieles parallel lief und sich stark auf bestimmte Zeiten konzentrierte. Aber auch ein gutes Gespräch auf der Zentral­wiese, der Sound der Samba-Trommel-Protest-Test-Kombo oder der herumliegende Lesestoff waren anregend, doch nun zu inhaltlichen Eindrücken:

Genderkicks

In einem gut besuchten Treffen zum Thema „Sicherheit, Geschlechterverhältnisse und feministische Bewegungsperspek­tiven“ wurde u.a. darauf hingewiesen, dass eine gemeinorientierte Produktion von Sicherheit sowieso nicht möglich ist und es um den Kampf gegen strukturelle Gewalt gehen sollte. Die Kriminalisierung von Prostitution und Migration durch Razzien, Denuntiations-Hotlines u.a. führt neben den Problemen Zwangsprostitution und Menschenhandel zu einer auch durch die Männerfußball-WM weiter verstärkten prekären Lebenssituation vieler Frauen. Die in einigen Städten installierten „Verrich­tungs­kabinen“ zeugen davon genauso, wie auf einer anderen Ebene die „Abpfiff-Kam­pagne“(www.abpfiff-­zwangs­­­­­­­­­­­­­­­pros­­ti­­tu­­tion.net). Mittler­weile staat­lich instrumentalisiert wird dort versucht, gegen die genannten Prozesse vorzugehen. „Darüber hinaus sollte für diejenigen, die als Zeuginnen in Prozessen aussagen, ein gesicherter Aufenthaltsstatus unabhängig vom Prozessausgang angestrebt werden.“ Diese Forderung der Kampagne allerdings ist zynisch und traurig zugleich: nach der Zwangsprostitution also noch drei Monate angstvoller Aufenthalt in Deutschland, um als Zeugin auszusagen, und dann wieder zurück, Abschiebung nach Gebrauch.

Stereotype Zuschreibungen von Gewalt und Territorialverhalten zu Männern und Sicherheitsstreben und Opferrollen auf Frauen klammern die konkreten Bedingungen von Gewalt aus, legitimieren die gängigen Maßnahmen und suggerieren passive Opfergruppen ohne Stimme. Demnach müssen Gegenperspektiven den Gedanken der Opfer mit Stimme, wie er z.B. bei den französischen „sans papiers“ praktiziert wird, aufnehmen, eine eigene Agenda erstellen, die Vernetzung vorantreiben und gegen die alltäglichen visuellen und sozialen Gewaltformen konfron­tativ, souverän und kreativ vorgehen.

Wir sind gekommen, um zu bleiben!

VertreterInnen der migrationspolitischen Organisationen Kanak Attak und Transit Migration riefen zu einem Diskussionsforum unter dem Motto „No Integration“. Dem Zauberwort Integration wird seit geraumer Zeit von Gruppen wie Kanak Attak („Integriert uns am Arsch!“) und dem österreichischen Kulturverein Kanafi eine Absage erteilt. Da die Herrschenden inzwischen den positiven Bezug zum Begriff adaptiert und umgewandelt, also die Definitionsmacht übernommen hätten, sei nun in den Debatten von Rechten keine Rede mehr. Die sogenannte Ghetto- bzw. Parallelgesellschaft würde als Argument für einen Imperativ der Integration missbraucht, obwohl Migration ein prinzipiell exzessiver Prozess, also nicht integrierbar sei. Außerdem seien die verschiedenen MigrantInnennetzwerke die wichtigsten Orte der Integration und nicht die Politik. Dort finden ja alle Integration wichtig, nur sei damit zunehmend die aktive Assimilation von MigrantInnen gemeint, die sich in eine illusionierte Mehrheitsgesellschaft zu integrieren hätten. Dabei werden auch immer nur bestimmte MigrantInnengruppen thematisiert und zugleich unzulässige identitäre Zuschreibungen vorgenommen.

Demgegenüber fordert z.B. Kanafi das Recht auf eine flexible, selbstbestimmte Identität, gleiche Rechte und Respekt statt Toleranz. Sie lehnen nicht ab, Teil dieser Gesellschaft zu sein, das sind sie sowieso, auch wenn das einigen nicht passt.

Ob man überhaupt Rechte einfordern solle oder nicht eigentlich den Rechtsstaat an sich ablehnen müsse, wurde heftig diskutiert. Von PraktikerInnenseite wurde aber eingeräumt, die Frage auf Rechte zu richten, die eine Verbesserung der Lebenssituationen ermöglichten und insgesamt weiter führen. Eine Forderung nach Rechten ohne die Bedingung der Integration sei schließlich sehr wichtig. Es wurde auch auf den engen Zusammenhang zur Frage des nationalen Sozialstaates hingewiesen. Auch prägt dieser mit seinen Sonderregeln einen europäischen Prozess des Sozialabbaues und der Grenzverfestigung, die Praxis müsse daher auch mindestens auf europäischer Ebene laufen, wie es u.a. das Frassanito-Netzwerk anstrebt.

Mit den Ansprüchen einer angeblichen Mehrheit und dem Schlagwort Integration wird erneut eine Hierarchie aufgebaut und nicht auf Konflikte reagiert. Deswegen sollte der positive Bezug auf den Begriff von emanzipatorisch motivierten Menschen überdacht werden.

Wir sind hier, weil ihr unserer Länder zerstört!

Die verschiedenen Perspektiven auf das Thema Migration in linken Diskursen, die auch für die Anti-G8-Mobilisierung relevant sind, werden oft in die Pole „Festung Europa“ und „Autonomie der Migration“ eingeteilt. (Gregor Samsa in analyse& kritik Nr. 506, 19.05.06). Die einen führen an, dass jährlich immer weniger Asyl­be­wer­­­­ber­­In­nen über­haupt hier an­kä­­­men, dann auch fast immer nicht anerkannt. In Europa werden jährlich eine halbe Million abgeschoben, die „freiwilligen“ Ausreisen nicht mitgezählt. Die EU hat vor kurzem die deutsche Drittstaatenregelung übernommen, auch Libyen, Marokko und Weißrussland (die nicht einmal die Genfer Konventionen unterschrieben haben) sollen bald als sichere Drittstaaten gelten, von denen aus bei einer Einreise in die EU kein Asyl gewährt wird. Die Sicherung der Grenzen, u.a. durch Abschiebe- und Auffanglager in Marokko, der Ukraine oder etwa Mauretanien tun ihr übriges zur berechtigten Kritik an der europäischen Ab­schottungs­politik.

Die Autonomie der Migration beschreibt dagegen einen Formwechsel von Migration (nämlich die undokumentierte Einreise ohne Asylverfahren) durch die Änderung der Bedingungen. Es seien heute keineswegs weniger Flüchtlinge, die nach Europa einreisten. Die Politik zielte außerdem eher auf eine weitere Entrechtung billiger „Arbeitsnomaden“ als auf die Schließung der Grenzen. Die alltäglichen Kämpfe seien die eigentlichen sozialen Bewegungen und die permantente Entmündigung von MigrantInnen in der Opferrolle müsse aufhören.

Diese Ansichten schließen eigentlich nicht aus, sowohl MigrantInnen als handelnde Subjekte zu begreifen, als auch die strukturellen Ursachen der alltäglichen Benachteiligung bis hin zur Frage der globalen Verteilungsgerechtigkeit zu bekämpfen. Wichtig zu bedenken ist aber auch, dass nicht jeder Alltagskampf von Migran­tInnen auch emanzipatorisch ist. Die gemeinsame Vernetzung gegen den G8-Gipfel und darüber hinaus beinhaltet also hohe Anforderungen aber auch unge­kannte Potentiale.

Mobilisierungspläne zu Migration und G8

Auf dem BUKO-Kongress wurden aus genannten Gründen mehrere Mobili­sierungs­workshops angestrengt, die die Themen Migration und Anti-G8-Mobilisierung verknüpfen wollten. Die Bremer No-Lager-Gruppe hatte eine Aufrufvorlage „Für globale Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für alle“ im Gepäck, in der sie sich im Anschluss an die Strategie in Genua 2001 und an das 3. Europäische Sozialforum in London „gegen die neokoloniale Ausbeutung im Süden und rechtliche, soziale und politische Ausgren­zung im Norden“ ausspricht. Sie schlagen vor, die Forderungen als eine zentrale Säule der Mobilisierung festzulegen und eine Großdemonstration unter dem Titelmotto am Vortag des Gipfelbeginns zu veranstalten.

Vor Ort fand dieser Vorschlag durchaus Anklang, obwohl statt einer Großde­mons­tration in Ros­tock auch eine Demo mit konkreten Forderungen, an einem Flughafen oder Mi­gran­t­Innen-Heim, eine nachhaltige Wir­kung erzielen könnte. Neben weiteren Aktionen wurde vorgeschlagen, eine Art Tagesforum europäischer Migrati­ons­organisationen zu veranstalten, wenn schon mal alle da sind. Existentiell war für alle, dass mehr Input von Migran­tInnen-Gruppen erreicht werden muss. Eine breite Mobilisierung in diesem Bereich muss beachten, dass eine Demonstration für viele die einzig realisierbare Aktionsform ist. Einen gemeinsamen Bezugspunkt, vielleicht sogar einen Forderungskatalog zu erarbeiten, aber nicht nur bei den Menschenrechten stehen zu bleiben, ist wichtig; und auch Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Nazis sollten in diesem Zusammenhang Beachtung finden. Auf dem Anti-G8-Camp und auf dem europäischen Mo­bi­lisierungstreffen im Oktober werden diese Punkte hoffen­tlich weiter verbunden.

Dissenzen zum G8-Gipfel ´07

Beim Großplenum eines Spektrums, von dem sich der größte Teil seit dem letzten G8-Gipfel 2005 in Schottland als „Dis­sent“-Netzwerk bezeichnen würde, wurden vor allem bündnispolitische Probleme besprochen. Z.B. ist ein Gegengipfel von attac u.ä. mit angefragten Gästen wie Antonio Negri oder Jürgen Habermas in Planung. Von mehreren Anwesenden wurde ohne Widerspruch bekundet, dass sie daran nicht teil­­neh­men wollen würden, wenn dieser, wie es Gerüchte sagen, während des G8-Gip­fels stattfinden würde, da zu die­sem Zeitpunkt andere Aktivitäten im Vordergrund stehen werden. Der Dialog mit NGO´s und anderen zivilgesellschaft­lichen Institutionen sei dennoch wichtig, um eine Großdemon­stra­tion in Rostock am Samstag der Gipfeltage zu realisieren. Ersten Informationen zu Folge soll der Gipfel in Heiligendamm vom 8. bis zum 10. Juni 2007 über die Bühne gehen, die Demo wäre also am 9.Juni. Akut sind lokale Besonderheiten, wie der spätsommerliche Wahlkampf 2006 in Meck­lenburg-Vorpom­mern, der als „Testfall für das Verhalten linker Kreise“ gelten soll, vor allem weil am 17. Juli George Bush nach Stralsund kommen wird. Aber auch der Nato-Mi­li­tär­flug­hafen Rostock Laage und das „Bom­bodrom“ bei Witt­stock, ein Übungs­­­­­­ge­lände für kombinierte Luft- und Bodeneinsätze und allgemein Themen wie die Gen-Politik, AIDS oder ein etwaiger Krieg im Iran sollten bei der programmatischen und inhaltlichen Planung beachtet werden. Das nächste Treffen des dissent!-Ple­nums soll auf dem Anti-G8-Mo­­bi­­­li­­­­sie­r­ungs­camp, dass vom 3. bis zum 14. August (www.camp06.org) an der Ostsee bei Ros­tock stattfindet, am ersten Samstag (05.08.) sein.

(clara)

Vaterlandsver(t)räter aller Länder …

Also, ich hab´ schon einen Vater. Aber Land besitze ich nicht, höchstens besetze ich es. Über 70 Prozent „der Deutschen“ sollen laut einer Emnid-Umfrage sowohl stolz auf Deutschland sein, als auch glauben, diese Entwicklung sei nicht von Dauer; Soviel zu  Statistiken. Und? Schon Deutschland geworden? Oder lieber Mitglied des „Fanclub im Land der Ideen“, wie eine internationale Kampagne vorschlägt? Köhler und mit Einschränkung selbst Gysi haben ja schließlich auch ihr OK für einen positiven Patriotismus gegeben. Ist es normal, nur weil alle es tun?

Das „Land der Ideen“ wird u. a. vom Auswärtigen Amt und führenden Unternehmen international propagiert, um Wirtschaft und Kulturindustrie zu stärken. Der positive Bezug auf die Nation fungiert dabei wie so oft als identitätsbezogener Katalysator. Identifikation ist aber ein komplexer, psychologischer und sozialer Prozess, der auf jeden Fall mehr durch Voraussetzungen und Erfahrungen, Gefühlen und Einstellungen des eigenen Lebens und derer, die daran Teil haben, geprägt wird, als durch Blut und Boden oder die Illusion eines gemeinsamen Ursprungs (lat. natio: Geburt). Ohne Staats- und andere konstruierte Grenzen lässt sich doch besser herausfinden, mit wem und worin ich mich identifiziere, z. B. über kulturelle Vorlieben, die mensch weltweit teilen kann, aber auch über die Arbeit. Diese leisten die meisten aber, wahrscheinlich eher weniger nationalbegeistert, für ein System, das auf Abgrenzung und innerer „Stärke“ beruht; wo Sozialabbau, Liberalisierung und „Wehrhaftigkeit“ nicht nur in Europa weiter vorangetrieben und die Welt außerhalb der „zivilisierten“ Mächte extrem ausgebeutet werden. So reproduzieren sich Staaten, so heißt Reichtum weiterhin auch Armut.

Der derzeitige Fahnenwahn lässt die realen Verhältnisse jedenfalls blass erscheinen: Mehrwertsteuer beschlossen, Hartz 4 „optimiert“; Brot und Spiele halt. Indem zur Abwechslung den „Objekten der Begierde“ die gelbe Farbe gekürzt wird, lässt sich dem Fetisch übrigens auf eine wirklich lockere Art begegnen : ) Die meisten Nationalartikel werden jedenfalls nach der WM nicht im Müll landen, dafür die Hemmschwelle, mit dem Argument Deutschland sowohl Abgrenzung, als auch Ausbeutung zu rechtfertigen. Nicht zu vergessen die gestärkten „nationalsozialistischen“ Positionen: Gewalt und menschenverachtende Ideologien bekommen in diesem Klima mehr „Spielraum“. Da nützt selbst der Stolz, kein Nazi zu sein, nichts. Neulich las ich auf einem Auto den Spruch: „Wer Deutschland liebt und Einigkeit, der trinkt auch mal ´ne Kleinigkeit!“ Ist´s gar der billige Alkohol, der mir sagt, zu wem ich gehöre? Abgestandenes Bier schmeckt schal!

(rabe)

Fußballproduktion in Kinderhänden

Heißt „fair“ dann doch nur „Ablasshandel“?

Deutschland im Fußballfieber und die Mar­ketingmaschinerie läuft auf Hochtouren. Unübersehbar leuchtet das WM-Logo auf riesigen Werbetafeln, im Fernsehen und auf etlichen Produkten. Alles was Geld und Namen hat, ist auf den Sponsorzug aufgesprungen und versucht damit seinen Umsatz weiter zu steigern. Allein Adi­das hat für den Titel „offizieller FIFA-Spon­sor“ 45 Millionen gezahlt, bei einem Jahresumsatz von 6,6 Milliarden Eu­ro sicherlich eine Kleinigkeit. Was jedoch außerhalb der Öffentlichkeit steht, sind die Ar­beitsbedingungen derer, die die Sport­ar­tikel herstellen, auf dem dann der jew­eilige Markenname glänzt. Die Ar­beits­bedingungen in der Fußballpro­duk­tion in Pakistan sind dabei ein Beispiel der Aus­wirkungen kapitalistischer Verhältnisse.

Von Kindern für Kinder

Drei Viertel aller Fußbälle weltweit kommen aus Pakistan, genauer aus dem Distrikt Sialkot im Nordosten des Punjabs. Jährlich werden dort bis zu 35 Millionen Fußbälle gefertigt. Kaum eine/r weiß, dass abgesehen vom offiziellen WM-Ball, 80% aller Fußbälle von Hand genäht werden, mindestens die Hälfte davon durch Kinderhände. Ungefähr zehn Millionen Kinder arbeiten in der pakistanischen Wirtschaft – illegaler Weise – um zum Familieneinkommen beizutragen. Der Verdienst ist gering und liegt bei den Näher/innen zwischen 35-40 Euro monatlich, da sie für einen genähten Ball nur 50 Cent bekommen (2% des Fußballverkaufspreises). Das deckt weder die Grundbe­dürf­nisse, noch erreicht es den gesetzlichen Mindestlohn. Um eine Großfamilie ernähren zu können, müssen daher auch viele Kinder arbeiten. Die Sportartikelindustrie bietet sich an, zumal sie die pakistanische Industrie dominiert und Kinder ungesehen im Hause nähen können. Wenn man 3-4 Bälle täglich nähen muss, bleibt außer Essen und Schlafen keine Zeit für Schule oder um einfach Kind zu sein. Hätten sie andererseits Zeit für Bildung, wäre kein Geld da um diese zu finanzieren.

Ausgelagert

Weil Kinderarbeit offiziell verboten ist, arbeiten die meisten von ihnen versteckt in Häusern oder auf den Dächern als outgesourcte „kostengünstige“ Heimarbeiter/innen. Genau wie die Frauen und Mütter nähen sie zu Hause, während die Männer gemeinsam in der Werkshalle arbeiten*. Hinter den Mauern der Großbetriebe direkt arbeiten verhältnismäßig wenige, während in Kleinstbetrieben und Heimarbeit viele Menschen tätig sind. Die größeren Firmen haben aus Kostengründen zeitintensive Produktionsteile wie das Nähen ausgelagert, da in den 70er Jahren ein Gesetz verabschiedet wurde, welches Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeiter/innen zwingt, einen Beitrag zur Rentenversicherung und eine Bildungsabgabe für die Arbeiter/innen zu zahlen. Das war ein entscheidender Grund für Großbetriebe die damaligen Vorarbeiter zu motivieren, sich selbstständig zu machen. Heute arbeiten 90% der Arbeiter/innen out­ge­sourct für diese Großbetriebe. In diesen 7000 Klein­- und­ Kleinst­­be­­trie­ben ar­bei­ten ins­ge­samt zwi­schen 38000 und 42000 Menschen, meist im Umland der Industriestadt Sialkot. Früher verdingten sich die meisten Pakistani in der Landwirtschaft, doch weil viele nicht genug Land besitzen, um ihre Waren auf dem Markt zu verkaufen, nehmen sie jetzt hauptsächlich die Auftragsarbeiten der Großunternehmen an. Die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung in den kleinen Betrieben ist stark abhängig von der Auftragslage.

Markenmacht

Insgesamt gibt es von den 10 000 in Pakistan angesiedelten Sportartikel-Firmen nur zwischen 35 und 50 Großbetriebe, die mehr als 5000 Leute beschäftigen und hauptsächlich exportieren. Sie haben eine marktbeherrschende Position und einen jährlichen Umsatz von 2,5 – 3,5 Millionen Euro. Doch im Verhältnis dazu verdient Adidas, der größte Hersteller in Pakistan 200-mal pro Jahr. Im Grunde lassen neben vielen no-name-Marken auch alle global player wie Adidas, Nike, Reebok und Puma in Pakistan herstellen. Sie vergeben Verträge mit kurzer Laufzeit an mehrere große Hersteller/ Zulieferer und wechseln nach Belieben, um die innerpakistanische Konkurrenz für Kostenvorteile zu nutzen. Der Unterbietungs-Wettbewerb der Firmen wird dann am Ende der Produktionskette auf dem Rücken der Lohnarbeiter/-innen ausgetragen. Dass dies letztlich zu Kinderarbeit führt interessiert dann niemanden mehr. Bei einem reinen Jahresgewinn von 383 Millionen (Adidas) purer Hohn.

Image-Make-up

Im Zuge der Fußball WM 1998 wurde schon einmal Kinderarbeit in den Zulieferbetrieben öffentlichkeitswirksam kritisiert. Aus Angst ums Image entstand das so genannte „Atlanta-Abkommen“, welches von der FIFA und dem Weltartikelverband der Sports­­wearindustrie (WFSGI) initiiert wurde, um Kinderarbeit „abzuschaffen“. 65 Sialkoter Firmen erklärten sich zur Teilnahme bereit, fassten ihre Mitarbeiter in Nähzentren zusammen und feuerten diejenigen, die unter 14 Jahre waren. Etwa 7000 Kinder konnten zu dieser Zeit aus der Fußballproduktion „entfernt“ werden, doch ist es heuchlerisch von einer Beseitigung der Kinderarbeit zu sprechen. Solange die Löhne der „Erwachsenen“ keine Grundbedürfnisse decken, werden Kinder weiterhin versteckt zu Hause arbeiten müssen, weil nicht ansatzweise an Ursachen gerüttelt wurde.

Des Weiteren wurde ein Großteil der Kosten für diese Maßnahme auf das Her­stellerland abgewälzt, was die Pro­duktionskosten damit unweigerlich erhöhte. Die Konsequenz einiger Markenfirmen daraus war die Abwanderung auf den chinesischen Markt. Seit einigen Jahren sind die Betriebe in China nun auch zur großen Konkurrenz für die pakistanische Wirtschaft geworden und bekannte Marken nutzen bewusst die Standortlogik, um weiter Herstellungskosten der Zu­lieferer zu senken und Löhne zu drücken.

Handlungsansätze

Bestehende Handlungsansätze sind zum einen die Förderung unabhängiger Kontrollen in den Betrieben und der Versuch mit gezielten Aktionen am Image der Marken zu kratzen, so dass die Situation ihrer Zulieferbetriebe nicht länger vertuscht werden kann. Zum anderen gibt es den Fair-Trade-Ansatz mit dem Transfair-Siegel. Der beinhaltet einen Preisaufschlag der an die Näher/-innen (die damit fast das doppelte verdienen) und an die Herstellerfirma geht, die damit Maßnahmen wie Beleuchtung und Belüftung und andere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen realisieren. Ein weiterer Teil des Fair-Trade-Aufschlages wird in Gesundheits- und Bildungsmaß­nahmen investiert und ein letzter Teil wird in Form von Kleinkrediten an Arbeiter/-innen vergeben, die sich eine andere ökonomische Existenz aufbauen wollen. Firmen mit dem Fair-Trade-Siegel müssen sich verpflichten, unabhängige Prüfer zu- zulassen, Kinderarbeit abzuschaffen, Arbeitsbedingungen zu verbessern und unabhängige Gewerkschaften anzuerkennen. Der Handel mit fairen Bällen läuft an, doch ist der Absatz bisher zu gering, um den Familien wirklich eine Perspektive bieten zu können.

Kann das alles sein?

Fair Trade als Lösung aller Probleme? Natürlich verbessert fairer Handel von Bällen real die Lebens- und Arbeitsbe­dingungen der Menschen, aber reproduziert er nicht andererseits auch die Form des kapitalistischen Wirtschaftens? Der Konsument soll Bewusstsein bekommen, und kann sich zeitgleich vom schlechten Gewissen freikaufen? Eine Art Ablasshandel für die Menschen in den Industrieländern, die es sich leisten können, faire Produkte zu kaufen? Was ist mit den Billigarbeiter/innen und Hartz-4-Empfänger/innen hier, deren Kinder sicher nicht mit fairen Bällen kicken – sind das dann Ausbeuter?

Natürlich sind „wir“ verglichen mit den Lebensumständen in Pakistan wohlhabend, denn dort zeigen sich die Auswirkungen einer kapitalistischen Weltordnung x-mal härter. Sicherlich gibt es hier auch eine ganze Reihe von Menschen, die sich die Bälle leisten können oder sie sich zumindest leisten wollen, wenn sie die Situation kennen. Als Industrieland sind wir global gesehen Ausbeuter, als Menschen darin stehen wir in der großen Mehrzahl jedoch ebenso auf der Seite der Ausgebeuteten. Gerade deshalb kann und darf ein Fair-Trade-Ansatz nicht dort stehen bleiben.

Die Marke mit dem Gewinn in Millionenhöhe zu zwingen, für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne zu sorgen, wäre dabei ein Schritt, der weiter greift und zumindest an der Verteilungsgerechtigkeit ansetzt.

Doch bleiben wir bei der umgesetzten Transfair-Handlungsalternative, bei dem die Konsumierenden den Aufschlag zahlen, aber weiterhin für die gleichen Firmen hergestellt wird. Im Grunde fördert dieses Konzept auch die kapitalistische Wirtschaftslogik und etabliert lediglich eine Art von „sozialer Absicherung“ darin. Die Frage die sich daraus stellt ist, ob mit der „Befriedung“ revolutionäre Ansätze und Widerstandspotential der Arbeiter/innen geschwächt wer­den, oder ob sie Freiräume schafft, sich emanzipieren zu können.

Und warum versucht diese Organisation eigentlich nicht, mit der kapitalistischen Logik des Wirt­schaftens im Klei­nen zu brechen? Selbstverwaltete Betriebe, Genossenschaften oder politisch unterdrückte linke Bewegungen sind sicherlich unter­stützens­werter als Großbetriebe, die zeitgleich für andere Marken nähen lassen. Ansätze diesbezüglich gibt es bereits, meist von kleineren NGOs, die zum Beispiel eine faire Kaffeeproduktion in Chiapas fördern und somit gleichzeitig die zapatistische Bewegung unterstützen.

Ein anderes Problem im Zusammenhang mit dem Transfair-Siegel ist die Konkurrenz unter den produzierenden Arbeiter/innen. Denn solange der Absatz hier nicht so umfassend ist, ist er dort keine finanzielle Absicherung und der Streit bzw. die Konkurrenz um den zu produzierenden „fairen Ball“ bleibt groß.

Fair Trade bedeutet definitiv eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen in Pakistan, und jede/r der/die es sich leisten kann, sollte das fördern. Vor allem aber Bewusstsein für die Situation bei den Menschen hier zu schaffen, ist ein wichtiger Schritt, um Druck ausüben zu können, damit sich die Lebensbedingungen weltweit verbessern. Solidarität ist gefragt im Kampf gegen die miesen Arbeitsbedingungen. Fair Trade ist dabei ein Schritt zur Lösung, jedoch kein Teil der Lösung, denn die Ursache wird nicht angegriffen. Solange sich Adidas einen Werbevertrag mit David Beckham 161 Millionen US-Dollar kosten lassen kann, während eine Fußballnäherin 50 Cent für 4 Stunden Arbeit bekommt, läuft in dieser Welt entschieden etwas falsch.

(momo)

* Frauen arbeiten nicht in den Betrieben wegen des religiösen Purdah-Systems der Geschlechtertrennung.

Radioball

Politische Choreographie im „öffentlichen“ Raum

Am Leipziger Augustusplatz nach dem Achtelfinale (24. Juni). Inmitten der Schwarz-Rot-Gold gekleideten Men­schenmassen befinden sich verstreut ca. 50 Personen, die zeitgleich verschiedene Ges­ten machen. Sie winken, spielen Ball, setzen sich hin und betrachten ihren aus­ge­zogenen Schuh, strecken die Finger in den Himmel. Die Radio-Ball-Spieler demonstrieren nicht, sie machen durch kreative Aktionen auf Missstände aufmerksam, durchbrechen die Norm und Kontrolle im geregelten Bereich der zunehmend privatisierten Sicherheitszone. Was sie verbindet, sind Kopfhörer und die Sendung auf Radio-Blau, wo neben Vorschlägen für diese Gesten auch verschiedene Beiträge gesendet werden. Das Ziel ist Aufmerksamkeit für Themen, die in der WM-Hysterie leicht vergessen werden, wie die Arbeitsbedingungen in der Fußball- und Turnschuhproduktion (siehe S. 20/21), Menschenhandel im Fuß­baller­geschäft aber auch die Macht der Wer­bung und Rassismus.

„Nicht bestimmungsgemäßes Verweilen“ im öffentlichen Raum, das für Aufsehen sorgt. Die Bandbreite der Reaktionen von außen ist groß: zwischen Interesse, Irritation, Ignoranz und Pöbelei ist alles dabei. Ver­anstalter und Initiatoren des Projektes sind das ENS (Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen), INKOTA, Eine Welt e.V. Leipzig und Radio Blau. Das notwendige know-how bekamen sie von der Gruppe LIGNA, die 2003 selbst ein Ra­dioballett im Hauptbahnhof organisierte.

(momo)

Panoptismus im Zentralstadion

Bei der zeitgenössischen Fußballstadienarchitektur hätte der von der Aufklärung beseelte Erfinder des Pano­pticons (Anm. d. Red.: gebräuchlicher ist Panoptikum) Jeremy Bentham wohl vor Begeisterung gejubelt. Sein Panopticon sollte als ringförmiges Gebäude, in dem die Wärter alles und alle sehen, das Modell für Zucht-, Arbeits- und Schulhäuser abgeben. Im Panopticon hatte jedes Subjekt seine Einzelzelle. Die Fußballfans von heute sind in vier Sektoren A, B, C und D gepfercht. Seit kurzem verschwinden die Stehplätze zugunsten der Sitzschalen. Dahinter steckt durchaus erzieherisches Kalkül. Die tobenden Fanmassen werden durch die Sitze vereinzelt und an Bewegungen gehindert. Wer aufspringt und grölt, wird sich über kurz oder lang den Hals brechen. Auch die Stadien sind ringförmige Gebäude in denen unsichtbare Wärter im Raum der Polizeiaufsicht an zwei Bedienplätzen auf acht Farbmoni­toren, im Raum des Stadion­sprechers und beim Brandschutzbeauf­trag­ten alles sehen. Honeywell Security Deutschland installierte im Leipziger Zentralstadion in „allen Stadien- und Vorfeldbereichen ins­gesamt 68 hochauflösende Farbkameras“. „Die ausgewählten Zoomobjektive mit langer Brennweite erlauben eine lückenlose Überwachung aller Tribünenplätze mit großformatigen Darstellungen der Personen.“ (1)

Elke Weiße, ehemalige Geschäftsstellenleiterin des FC Sachsen Leipzig, beschrieb die Technik griffiger in der Provinzpostille hallo Leipzig! zur Eröffnung 2004: „Die Videoüberwachung klappt bereits vorzüglich. Wenn jemand gähnt, kann man problemlos die Goldkrone sehen“, so die Geschäftstellenleiterin belustigt. „Das Sicherheitsaufgebot wird so groß sein, dass der Polizei schon derjenige auffällt, der den Arm hebt“, spitzt es der Vize-Manager Uwe Thomas zu. (2)

Dank Lichtwellenleiter können sogar Aufnahmen mobiler Polizeikamerateams und der Polizeikameras aus der Innenstadt in die Videozentrale übertragen werden. Das digitale System erlaubt „zeitnahe Ausdrucke von aktuellen Aufnahmen auf einem Drucker zu erstellen“ und die Sicherung der Aufnahmen auf CD-Rom-Datenträgern. (3) Wenn es sich dabei nur um das Bild der Goldkrone handelt, ist der Stadion­besuch glimpflich verlaufen. Denn nach Sachsen-Justizminister Geert Mac­ken­­­roths (CDU) Aussage soll hinter dem Poli­zisten gleich noch ein Staatsanwalt, „der Haftbefehle beantragt oder Durchsu­chungen durchführt“, und ein Richter sitzen. Das Fernziel sei, „dass bei leichteren Vergehen der Täter nach dem Schlusspfiff seine Strafe bekommen habe“, äußerte der Minister gegenüber der Presse. (4)

Digitale Bildaufzeichnung ist auch offen für immer neue programmierte Fähigkeiten. Der ehemalige SPD-Innenminister Otto Schily hat biometrische Erkennungssoftware zur WM bereits im Mai 2005 auf einer Pressekonferenz angekündigt. (5) Die Dresdner Firma Cognitec hat im holländischen Stadion des PSV Eindhoven ein biometrisches Gesichtserkennungsverfahren getestet. Diese Systeme melden dann automatisch Alarm, wenn sie ein Gesicht erkennen, das in einer entsprechenden Datei gespeichert ist. Dabei kann es sich um bekannte Ge­walt­­täterInnen handeln, doch sehr häufig geraten Personen hinein, gegen die nur vage oder unhaltbare Ver­dachts­momente bestehen. Gerichtlich geregelt ist dieser Bereich selten. Hinzu kommt noch, dass sensibler Software Fehler unterlaufen. Was hier gebaut und geplant wird, sind gedankliche Fehlgeburten von politischen Popu­list­Innen und technischen, juristischen und politischen Techno­kratInnen, die oft nicht sonderlich mit dem korrespondieren, was tatsächlich technisch oder juristisch machbar, geschweige denn sinnvoll ist. Für die, die immer noch glauben, dass Videoüber­wachung eine – wie auch immer verstandene – Sicherheit erhöhe, sei darauf hingewiesen, dass diese Technik bei weitem nicht die Ziele erreicht, die ihre Befür­worterInnen behaupten. Britische Studien sprechen aus, was vielen schon klar ist: „Videoüberwachung hat keine Auswirkung auf Gewaltverbrechen.“ Denn diese werden entweder im Rausch oder Affekt begangen oder geplant, und dann an unüberwachter Stelle oder maskiert.

Jeremy Benthams panoptisches Prinzip baute darauf, dass sich die Eingesperrten normgerecht verhielten, weil sie nicht wissen, ob sie gerade der kontrollierende Blick trifft oder nicht. Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden dabei durch die Architektur und die eigene Normanpassung reproduziert. Ihr Ziel haben die Architekten und Technokraten schon erreicht. Das zentrale Sicherheitsproblem der Stadien ist beseitigt, denn die Masse der einkommensschwachen Fußballfans kommt durch die hohen Preise und die Modalitäten der Ticketvergabe nicht mehr ins Stadion. Die Lust würde ihnen dort auch vergehen, da sie auf den Schalensitzen festsitzen und sich nicht bewegen kön­nen. Bier ist auch verboten. Die Ränge sind frei für die Funk­tio­närInnen, Spon­­soren und Part­ner­In­nen der FIFA.

(leipziger kamera.)

initiative gegen überwachung

 

(1) www.pro-4-pro.com/de/Security/Company-4248149/4248149_2_gsm0404.html

(2) hallo! Leipzig, März 2004, S. 17

(3) www.pro-4-pro.com/de/Security/Company-4248149/4248149_2_gsm0404.html

(4) www.netzeitung.de/servlets/page?section=704&item=333232

(5) www.heise.de/newsticker/meldung/print/59911