Archiv der Kategorie: Feierabend! #26

Die Freiheit der Supermarktregale

Ab dem kommenden Jahr will die Stadt­verwaltung Leipzig AsylbewerberInnen den „selbstständigen“ Einkauf in ausge­wähl­ten Supermärkten gestatten. Statt der bisherigen Gutscheine, mit denen aus ei­nem begrenzten Angebot zu festgesetzten Prei­sen Essen, Körperpflegemittel und Klei­dung sieben Tage im Voraus bestellt wer­­den konnte, soll es nun Chipkarten geben. Bürgermeister Fabian (Beigeordne­ter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schu­le) preist dies als „erheblichen Zu­wachs an Lebensqualität für die Asylbewer­ber“, wobei er zu vergessen scheint, dass die Stadt bereits vor einigen Jahren viel wei­ter war und die Auszahlung von Bar­geld vorschlug. Dieser Vorstoß wurde aber von der Dresdner Landesregierung damals abgeblockt. Bis 2007 gab es auch in Dres­den Kataloggutscheine, seit einigen Mona­ten wird aber endlich Bargeld ausgezahlt. Statt dass die Stadt Leipzig nun in die ge­schlagene Bresche springt und ebenfalls zur kostengünstigsten Variante Bargeld greift, soll hier nun das Chipkartensystem ein­geführt werden… einen Schritt vor und zwei zurück…

Was ist denn nun das Problematische an den Chipkarten?

Zum ersten die Entmündigung: Asylbe­wer­berInnen mit Chipkarte dürfen zwar ein­kaufen, aber sie können nicht wählen, wo. Also: keine Wahlfreiheit und lange Anfahrtswege mit den damit verbundenen Kosten für den ÖPNV!

Zum zweiten die Diskriminierung: Wenn an der Kasse der Verkäufer umständlich die Chipkarte auf Guthaben und Gültigkeit prüft, ist für alle Anwesenden klar: Hier kauft ein Asylbewerber ein. Zum dritten die Kontrolle: Jeden Monat müssen die Asyl­bewerberInnen zum Aufladen ihrer Karte zum Sozialamt fahren. Einige, denen die Bearbeiterin im Sozialamt den Umgang mit Geld nicht zutraut, werden sich ihre jeweiligen Beträge einmal pro Woche ab­holen müssen. Außerdem wird gespeichert, wann, wo und wie viel die Asylbewer­be­rIn­nen einkaufen und von Mitarbeite­rIn­nen des Sozialamtes kontrolliert. Und schließ­lich: die AsylbewerberInnen erhal­ten ohnehin nur Leistungen unter der Hartz-IV-Grenze (ca. 80%) der Sozial­hilfe). Mit den Chipkarten kontrolliert die Stadt zudem, dass AsylbewerberInnen be­stimmte Produkte nicht kaufen können. Zi­garetten und Alkohol zum Beispiel. Da­hinter steht die Vorstellung, Asylbewer­be­rIn­nen könnten nicht mit Geld umgehen.

Damit bleibt mit Katalogen, wie mit Chip­karten kein Geld für öffentliche Verkehrs­mittel, Sprachkurse, dringend benötigte An­wälte, Kindergärten und Schulkosten, Te­lefon etc. Reinhard Boos (Sächsisches In­nenministerium) drückte dies so aus: „eine gewollte Einschränkung in der freien Gestaltung des Lebens“. Auch wenn ein Ein­kauf per Chipkarte tendenziell weniger Isolierung und mehr (aber keine freie) Aus­wahl ermöglicht geht es immer noch um ei­ne rassistische Praxis, die sich fort­schreibt. Das zu ändern, hat sich die Um­tauschinitiative „Anders einkaufen“ auf die Fah­ne geschrieben. Darum: Kaufen wir ein, damit andere einkaufen können!

Tauschen wir mit den AsylbewerberInnen ihre Gutscheine/Chipkarten gegen Bargeld, damit sie wenigstens ein bißchen mehr Geld zur Verfügung haben, als die 40 € „Taschengeld“ im Monat!

 

Infos unter: www.anders-einkaufen.de

Medien & Mythen

„Versprich mir, dass Du keine Steine werfen wirst“ verlangte meine Mutter von mir, ehe ich Richtung Heiligendamm aufbrach. Bei ihr konnte ich das verstehen, schließlich hat sie zur 68er-Zeit studiert und von damals sicherlich noch ganz andere Bilder im Gedächtnis. Zum Beispiel das berühmte Bild vom blutenden Benno Ohnesorg, welcher genau 40 Jahre zuvor ermordet wurde, was die Studen­ten­revolten der 68er und die Entstehung der RAF maßgeblich beeinflusste. Was mir jedoch die Sprache verschlug, war der flapsige Kommentar meiner Groß­mutter, als ich ihr eine Woche später telefonisch aus dem Erfahrungsschatz des Erlebten berichtete. „Das finde ich richtig, dass man diesen Chaoten mal die Grenzen aufgezeigt hat, wenn die nur Steine schmeißen können…“ sagte sie sinn­gemäß. Wie sollte ich ihr auch erklären, dass in Wirklichkeit doch alles ganz anders abgelaufen ist, als sie es vermittelt bekam?

Dazu hätte ich erstmal das Hinter­grundwissen darüber gebraucht, was während des Gipfels alles geschehen war und wer wie darüber berichtet hat. Als von Zeit zu Zeit journalistisch Tätigem sind mir die Ab­läufe und möglichen Fehlerquellen des Systems bekannt, die Auftaktkundgebung am 2. Juni in Rostock lieferte ein nur zu anschauliches Beispiel für verzerrte und oft­­mals grundfalsche Kolportage in den Mas­senmedien. Darum sehe ich es als meinen Beitrag zu den Gipfelprotesten, den gegenwärtigen Zustand der Massenmedien zu beschreiben und auf die Miss­stände aufmerksam zu machen.

Die Vorbereitung

Es fällt den meisten Menschen schwer zu realisieren, dass sie in Bezug auf den G8-Gipfel von „ihren“ Medien schamlos be­logen und zu Narren gehalten wurden. Das Gipfeltreffen wurde Monate im Vor­aus sorgfältig geplant und keine der beteiligten Seiten wollte etwas dem Zufall über­lassen. Staatliche Stellen haben im Vorfeld mit „Präventivmaßnahmen“ (Stichwort §129a StGB „Bildung terroristischer Vereinigungen“) sämtliche Register gezogen. Auch Bundes­innen­minister Schäuble wurde nicht müde, diese Bedrohungskulisse durch regelmäßige Warnungen vor Terror­an­­schlä­gen noch eindringlicher zu ma­chen und hat damit umfangreiche Überwa­chungs­met­hoden ermöglicht und den schlei­chenden Einsatz der Bundeswehr im Inland weiter vorangetrieben. Dieses Vor­gehen diente wohl dem Zweck, sich nicht schon im Vorfeld mit den Argumenten der GipfelgegnerInnen auseinandersetzen zu müssen und wird auch jetzt noch weiter betrieben. Wen verwundert es da, dass durch diese Kri­mi­nalisierung ein Mobili­sie­rungs­schub in der Autonomen Szene erreicht wurde? Ent­sprechend vorherseh­bar gab es dann zur Auftaktkundgebung in Rostock auch Ge­walt zu sehen, welche v.a. im Fernsehen genüsslich ausgeschlach­tet wurde, denn sie kam erwartet.

Alles, bloß keine Inhalte

Der Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert zwar das Recht auf freie Meinungs­äußerung und die Freiheit der Presse, die etablierten Massenmedien sind aber keineswegs so frei, wie mensch sich das wünschen würde. Denn jeder Medien­konzern gibt eine bestimmte Linie vor, der sich alle Angestellten unter­ordnen müssen. Leider wagten nur sehr sel­ten und zaghaft einzelne Journa­listInnen, entgegen der eigentlichen Gepflogenheiten das Verhalten der Obrigkeit zu kri­tisieren, nie aber wurde der Polizei­einsatz als Gan­zes in Frage gestellt. Der Konkurrenzdruck innerhalb der Branche führte dazu, dass in den meisten Fällen Pressemeldungen der Kavala (die Ein­satzleitung der Polizei­kräfte rund um den G8-Gipfel) einfach unreflektiert übernom­men wurden. Schnel­lig­keit geht eben vor Sorgfalt.

Selbst wenn eine Kamera Bilder aufgezeichnet hat­te, die ein­deutig Gewalt gegen fried­liche Prote­stie­rerInnen zeigt, kommen­tierten viele Sender diese Bilder so, als sei die Gewalt von eben jenen aus-gegangen und der Einsatz von Wasserwerfern, Tränen­gas und Pfefferspray darum ge­recht­fertigt und notwendig. Am Donners­tag beispielsweise wurde die friedliche Sitz­blockade vor dem westlichen Kontroll­punkt geräumt und weil während dessen auch verein­zelt Plasteflaschen in Richtung der ver­mumm­ten „Robo­cops“ flogen, wurde daraus kurzerhand der Anlass gestrickt, der die Brutalität notwen­dig gemacht habe. Tags zuvor wurde schon per Pressemit­teilung die Lüge in die Welt gesetzt, am östlichen Kontrollpunkt – ebenfalls eine durchgehend friedliche Sitzblockade – würden sich die Demon­strantInnen mit Molotowcocktails bewaff­nen. Wie inzwi­schen leider üblich, wurde auch die Anzahl der mutmaßlich Gewalt­bereiten (festge­macht an jenen, die schwarz gekleidet waren) immer etwas höher als real, die Gesamtmasse der BlockiererInnen ständig zu niedrig eingeschätzt. In Rostock hätte es bei einigen kaputten Scheiben bleiben können, wenn es die völlig überzogene Reaktion der Polizeikräfte nicht gegeben hätte. Aber so wurde daraus die „schlimm­ste Straßenschlacht seit 20 Jahren“ (BILD vom 4.6.), für die alleine Steinewerfer verantwortlich gemacht wurden. Keine Be­haup­tung klang un­glaubwürdig genug, um nicht verbreitet zu werden. In den wenigsten Fällen machte mensch sich die Mühe, diese fehlerhafte „Berichterstat­tung“ hinterher zu korrigieren. Traurig genug, dass bei über 5.000 angereisten Jour­nalistInnen kaum jemand in der Lage war, das Geschehen einigermaßen wahrheits­­getreu wiederzu­geben.

Keine Analyse – Lügen und Gewalt

Die so genannte „Deeskalationstaktik“ war hier­für ein leuchtendes Beispiel. Auch wenn seit Rostock offensichtlich war, dass es diese Taktik seitens der Polizei nie gab (siehe Artikel Seite 12), wurde sie in der fol­genden Woche immer wieder zu Propa­gan­­dazwecken benutzt, um die Gipfelkriti­ker­Innen als Provokateure hinzustellen. Als am Montag klar wurde, dass die Kavala die An­zahl der ver­letzten und schwerverletzten Po­lizistInnen weit übertrieben hatte und statt angeblich zweien keine einzige Person mit Messern angegriffen wurde, haben die Lohnschrei­ber­linge dies im besten Falle zur Kenntnis genommen. Noch Tage danach griffen viele Berichte die angeblich 433 ver­­letzten PolizistInnenen auf, während über die Haftbedingun­gen in den GeSa (Gefangenensammel­stellen) erst Tage später berichtet wurde. Mit täglich neu ver­breiteten Einschüchterungen und Lü­gen, die von staatlichen PR-Fach­leuten lanciert schnell in der Szene Ver­breitung fanden, ist die Masse der Gegen­demon­strantInnen von Anfang an in die De­fensive gedrängt worden. Vielleicht auch, weil die TV- und Zeitungsleute ihren LeserInnen den Willen nicht zutrau­ten, die kom­­plexe Realität zu verstehen, hat man lie­ber ein Schreckgespenst und Feind­­bild „Schwar­­zer Block“ in den Vorder­grund gerückt, das eben darum so wirksam war, weil es so diffus gefasst und flexibel handhabbar ist. Diese Vor­liebe von Medien­leu­ten, Sachver­halte zu ver­einfachen und an Ein­­­zelper­sonen fest­zumachen, hat die Or­ga­ni­sa­torInnen der Zelt­lager dazu bewogen, eine strikte Infor­ma­tionspolitik zu fahren und Kamerateams nur nach Anmeldung, unter Aufsicht und nur für kurze Zeit in die Camps zu lassen. Denn wie die Praxis zeigt, sorgt der Selek­tions­drang in der Flut der Bilder und Ge­rüch­te dafür, dass nur die quotenträchtig­sten den Filter passieren können. Mit an­deren Worten: was nicht skan­dalträchtig ist, wird skandalös ge­macht. So wurde einer der friedlichsten G8-Gipfel der letzten Jahre zum inszenierten Aus­nahme­zustand.

Die Rolle der unabhängigen Medien

Mit Pauschalisierungen, der Ignoranz ge­gen­­über Polizeigewalt, Desinteresse an al­ter­nativen Praxen und Ideen, sowie dem Kampf um die besseren Bilder sollte die oh­­ne­hin zersplitterte Linke anhand der Ge­­walt­frage gespalten werden. Es steht zu hof­fen, dass durch das Internet und des da­raus resultierenden vereinfachten Zu­gangs zu einem breiten Publikum, die Mas­sen­medien diese einseitige Berichter­stat­tung irgendwann überdenken werden. Auch wenn sie nur die Vorurteile ihrer Ziel­gruppe zu bedienen glauben, ha­ben zahl­reiche TV-Stationen und Printmedien an Glaubwürdigkeit einge­büßt, was sich über kurz oder lang auch in den Zu­schauer- bzw. Verkaufszahlen zeigen wird. Hier sind alternative Modelle gefragt, die zwar auch schnell, da­für fundiert und aus ei­nem anderen Blick­winkel berichten kön­nen. Indymedia hat es vorgemacht und als ei­gentlich reines Onlinemedium in der Gip­felwoche täg­lich eine Printaus­gabe auf­gelegt, die den Camp­bewoh­nerIn­nen zu­sam­menfassende Mel­dun­gen über das Ta­­gesgeschehen und Au­gen­zeugenberichte bot. Freie Teams aus Video­aktivistInnen ha­­ben sich zusammen­gefunden (beispielsweise g8-tv.org und interpool.tv) und re­la­tiv schnell ihre Bilder ins Netz gestellt. Freie Radios waren fast überall präsent und bo­ten Einsichten, die sowohl erfri­schend tief­gründig als auch unterhaltsam ein brei­tes Publikum auf dem Laufenden hielten. Es ist wahrscheinlich, dass hiermit auch Leu­­te angeregt wurden, sich selbst zu betei­li­gen und Neuigkeiten mit Informa­tions­wert weiterzugeben. Denn die News kön­nen nur so glaub­würdig sein, wie die Per­son, die sie weiter­gibt. Diese Modelle der Ei­gen­partizi­pation müssen weiterver­folgt wer­den und ständig die herrschende Me­­dien­­realität hinterfragen, wenn künftig die Be­völkerungsmehrheit auch die Positio­nen systemkritischer Initiativen und Netz­wer­ke zu Gehör kriegen soll.

(bonz)

Unser Zaun

Selbstorganisation im Camp Reddelich

Der G8-Gipfel ist vor­­bei. Jede_r der Da­­ge­­we­senen trägt sei­­nen Ruck­sack neu­er Er­fah­rungen, Ein­drücke und Er­leb­nisse zurück in die Gegend in der er/sie ak­tiv ist, war oder hoffentlich nun sein wird. Poli­tische Gruppen und Bünd­nisse, die sich zum Teil seit über einem Jahr thematisch und mo­bi­li­sie­rend beschäfti­gen, ziehen (hof­fent­lich) ihre Schlüs­se, veröffent­lichen sie und über­le­gen nun, wie perspek­tivisch und prak­­tisch mit dem Erlebten um­zu­gehen ist, was mensch mit­nimmt und woran nun weiter­ge­­ar­­beitet wird. Seien es die neuen Bündnis­mög­­lichkeiten die sich nun auftun, der even­tuelle Zu­lauf vieler Men­schen, die eine poli­tische Spielwiese su­chen, oder die Er­fahrun­gen mit Re­pres­sionen, mit denen in­halt­lich in der Po­lit-Gruppe um­ge­­gangen wer­den muss. An­knüp­fungs­punkte gibt es mehr als ge­­nug, viele Men­­schen hat es sicher be­stärkt in ihrem poli­tischen Engage­ment und dem Ge­­fühl, nicht al­lein gegen den Kapi­ta­lismus zu kämpfen. Ja, den Ein­druck Viele zu sein, die etwas be­wegen können und ähn­liche Ziele verfolgen, haben bestimmt viele heimge­nommen.

Mit diesem und den politischen Debatten als Ein­zelperson, Gruppe oder Bündnis umzuge­hen ist eine Sache, als Zeitung danach darü­ber zu berichten eine andere. Fern­­ab der spek­ta­kulären Medienbe­richt­er­stat­tung und der damit verbundenen ver­kürz­ten Debatten um die sog. globalisie­rungs­kri­tische Linke, soll es des­halb hier, aus dem vor-Ort-Blick­winkel, um einen anderen Er­fah­rungs­bereich gehen: Selbst­organisation in Camp Reddelich. Denn die allermeisten der an­wesenden Aktivist­_in­nen sind über­zeugte Anti­­­kapita­list­­_innen und die Camps waren – neben der Unter­brin­­­gung – auch Spielwiese und Mikro­kos­mos, die geteilten Ideale auszu­leben – im selbstverant­wortlichen Miteinander.

Partizipa­tion

Selbstorganisation muss gut vorbe­reitet sein; wer sich einbringen will, muss wissen wovon geredet wird. Inhaltliche Vorberei­tung lief vielerorts indivi­duell, in­nerhalb der Gruppe, des Bünd­nisses oder bei der Planung und Ge­staltung der Barrios. Barrios, das waren im Camp erkennbare Gebiete – das Dorf im Dorf – die relativ unabhängig in Aufbau und Struktur agierten, sich inhaltlich je nach selbstge­setztem Schwer­punkt (wie z.B. Ya Basta!) engagierten und als Ori­en­­tie­rung für große Gruppen galten. Dreh- und Angel­punkt der praktizierten Basisde­mo­kratie waren neben den Barrios jedoch die Bezugs­­gruppen, die wahl­weise aus dem Freun­des­kreis, der Politgruppe oder ande­ren Zusammen­hängen bestan­den und viel­fach auch vor Ort neu gefunden wurden (wo­für es sogar Bezugs­gruppen­­findungs­treffen gab). Sinn­stiftend, da sie dem/der Ein­zel­nen das Gefühl von Sicherheit, Orien­­tierung und Partizipa­tion geben kön­nen – weil mensch unter Vertrauten mehr aufein­ander achtet, Grenzen ab­spricht, gemeinsam bestimmte Aktio­nen plant und währenddessen auch schneller handlungs­fähig ist.

Das Bezugs­gruppen-Konzept ist zwar nicht neu, allerdings hat es im Rah­men der Proteste eine neue Dimen­sion er­hal­ten: denn zum einen waren die mög­lichen Aktionen vielfältiger und zahl­rei­cher und zum anderen waren sie als klein­ste informelle Zelle wichtiger Bestandteil für Infofluss und Partizi­pation. Denn im Camp gab es dann sog. Deli­plena (Dele­gier­tenplena), bei denen sich Vertreter der Bezugs­gruppen und Barrios regelmäßig im Zirkuszelt einfan­den, um die aktuelle Si­tua­tion, orgatechnische Probleme und ge­mein­sames Agieren zu besprechen bzw. zu planen. Frei nach dem Räteprinzip gibt es eine Rückkopplung zwischen Deliplena und Bezugsgruppen, so dass bei jeder Ent­schei­dung alle beteiligt werden können. Mein Eindruck war hier, dass jenes funk­tionierte und die getroffenen Ent­schei­dun­gen breit disku­tierte und getra­gene waren, ohne die Aktionsfähigkeit durch debattie­ren zu behindern. Beispiel­haft dafür war sowohl der nächtliche Camp-Alarm, wo sich innerhalb kür­zester Zeit viele Leute an den Eingän­gen sammelten und für den Fall der Camp-Räumung Barri­ka­den bauten, als auch die Blockade­ak­tio­nen, wo früh morgens ca. 6000 Leute das Camp Reddelich organi­siert und ziel­strebig Richtung Zufahrts­straße am Ost­gate verließen.

Letzteres jedoch war auch von langer Hand geplant und im Vorfeld von einem breiten Bündnis organisiert, das unter dem Na­men „Block G8“ unzählige Ak­ti­­vi­st_innen im Vorfeld und durch mehrere täglich stattfin­dende Blockade­trainings auf die Aktion vor­bereitete. An­ge­fangen vom Durch­brechen der Bullen­kette anhand der „Fünf-Finger-Taktik“, bis hin zu rechtli­chen Fragen und dem Ge­walt­frei-Kon­sens von Block G8 wurde alles ausführlich diskutiert und praktisch er­probt, so dass die meisten gut vorbereitet in den Mitt­woch starteten. Dass das Kon­zept aufging ist allgemein bekannt, dass es während der dreitägigen Blockade­aktion dann zum Konflikt zwischen den Bünd­nis­organisa­tor_innen und den Bezugs­grup­pen kam, den unter­schied­lichen Ziel­setzungen geschuldet. Dieser ent­brannte um die Frage der Auf­recht­­erhaltung der Blockade über Nacht, wobei die Ein­schätzung von Block G8 war, den Gewalt­freiheits-Konsens nicht erhal­ten zu können und deshalb die Aktion lieber zu beenden. Basisdemo­kratie und Selbst­organisation zeigte sich jedoch genau an diesem Punkt auch, denn die meisten der abendlich an­we­senden Bezugsgruppen waren ge­kom­men um zu bleiben. Das taten sie dann auch und setzten die Aktion unab­hängig von Block G8 – jedoch gewaltfrei und mit Er­folg – bis Freitag fort. Die Diskussions­kultur erschien dann auch entspannter und basisdemokratischer. Insgesamt entstand der Eindruck, dass es trotz der Menge an Leu­ten mit den verschiedensten Bedürf­nissen und Vor­stellungen, gemeinsam ge­schafft wurde, dem gerecht zu werden und das Blockade-Ziel erfolgreich aufrecht zu erhalten. Gleichberechtigung, Rück­sicht­­nahme und die allseitige Bereitschaft zu Ver­ant­wortung für sich selbst und andere waren dabei die Schlüsselwörter, ohne die die im Nach­hinein allgemein positive Ein­schätzung zur Aktion sicher nicht zu­stande ge­kommen wäre.

Infrastruktur

Neben den unzähligen inhaltlichen Debat­ten, bei denen versucht wurde durch Kon­sens oder Spielfeldabgrenzung dem breiten Spektrum (mit den unter­schied­lichen Ziel­setzungen in Bezug auf Protestkultur) ge­recht zu werden, wirkte das Camp Redde­lich auf jeden Fall auch orgatechnisch gut vorbereitet. Die Camp­AG, bestehend aus ca. 35-40 aktiven Menschen, die als Einzel­personen oder in verschiedensten Grup­pen engagiert sind (1), hatten es geschafft, die wichtigste Infrastruktur im Vorfeld aus­reichend bereit zu stellen. Ab Mitte Mai wa­ren schon Leute zwecks Aufbau vor Ort; an­ge­fangen bei der Strom-, Wasser- und Ge­sundheits­versorgung, der viel­fältigen Vo­küorga bis hin zu der liebevoll einge­rich­teten Bar und den selbstgebauten Du­schen – Anfang Juni war alles vor­handen. Zudem gab es ein Infozelt (Concierge), wo die neuesten Infos an großen Wänden stän­dig aktuali­siert wurden, das Legal Team (EA) vor Ort, dass sich um die Men­schen in den Gefan­genensammelstellen küm­­merte und rechtliche Fragen klärte, ein indy­media-Zelt und einen alternativen Radio­wagen. Auch gab es den First-Aid-Be­reich und die Trauma-Support-Gruppe, die sich bereits vor über einem Jahr zusam­men­fand, um sich im Rahmen des G8-Gip­fels der Opfer von Gewalt und Repres­sion anzunehmen. Darüber hinaus organi­sierten sie auch Infoveranstaltungen, bei denen die psychologischen Auswir­kungen von Gewalt erläutert wurden, wie sie sich bei Traumatisierten ausdrücken und Tipps ga­ben, wie mensch in der Be­zugs­gruppe mit den Erfahrungen Einzel­ner umgehen sollte.

Wie fähig zur Selbst­organisation die verschiedensten organi­sier­ten und nicht­organisierten Akti­vist_innen tatsächlich sind, zeigte sich dann in dieser Woche, wo mensch sich nach Möglichkeit und Schwer­punkt einbrachte: da gab es den Be­reich für Betroffene sexueller Diskrimi­nierung (awareness group und antisexist­ group), die Walz-Handwerker_innen­grup­pe ‚Axt und Kelle‘ und die bunten Barrios, die ihr Know-How einbrachten und sich bei Workshops, dem Kulturpro­gramm oder Trans­portdiensten engagier­ten. Die Zahl der spontanen fleißigen Hände, die dann auch noch Campschutz, Abwasch und an­dere alltäglich anfallende Tätig­kei­ten und Schichten übernahmen, schien nicht zähl­bar, aber zahlreich. Bis hin zu wichtigen Details, wie einer Werkzeug- und Material­sam­mel­stelle, kollektiven Han­dy-Lade- und Fahrrad-Verleih-Statio­nen war tat­säch­lich für alles gesorgt.

Größen und Grenzen

Dass die Selbstorganisation in Reddelich selbst dann noch funktionierte, als die Zahl der Campenden sich am Dienstag auf na­he­zu 8000 verdoppelte, lag zum einen na­türlich an der guten Vorbereitung Vieler und dem Willen, gemeinsam was auf die Bei­­ne zu stellen. Zum anderen je­doch ste­hen und fallen die Konzepte mit den Men­schen, die sie dann vor Ort mit Leben er­fül­len, wobei unsere Stärke ein­deutig im Mit­einander lag. Dass die Mehr­zahl der An­wesenden fähig sind, ihr Ideal­bild vom ge­sellschaftlichen Zu­sam­­men­­le­ben im Rah­men der Campwo­che auch um­zu­­set­zen war mein Eindruck, obgleich es auch Au­genwischerei wäre, alle Kon­­flikt­punkte die es gab wegzu­loben. Verglichen mit dem Ge­samt­ablauf waren diese jedoch margi­nal, wie zum Beispiel die vom ansäs­si­gen Flei­scher verkauften Grill­­waren, die für den einen oder die an­dere sicher Frust­ra­­tions­anlass waren, aber eben auch zum ge­­lebten Miteinander ge­hö­ren. Vor allem beim Punkt Finanzierung stoßen unsere Kon­­­zep­te aber wohl auf Gren­zen. Denn ins­­gesamt fehlen noch ca. 50.000 Euro um die angefallenen Kosten für Aktionen, Camps und Alternativgipfel zu decken. Da­mit diese erlebnisreiche Wo­che aller­dings nicht für einige Wen­ige zum ver­hängnisvollen Schul­denberg wird, wäre es super, wenn ihr mit dem Zu­sam­­men­krat­zen einiger Groschen weiter­hin solida­risch seid und spendet unter dem Stich­wort:

G8-De­fizit an den

Förder­­verein Frieden e.V.

Konto-Nr: 1900 726 793

Sparkasse Köln/Bonn

BLZ: 370 501 98

Zudem könnt ihr Solidarität und Vergnü­gen auch verbin­den, indem ihr auf die Soliparty des ‚Leipziger Bünd­nis gegen G8‘ am 11.08. in die G16 schaut.

Natürlich gäbe es noch so viel zu be­­richten, sowohl zur Aktions­wo­che, den unzähligen inhalt­lichen Debatten und Gesprä­chen, als auch zur Überschattung der scheinbar hei­len Camp-Welt u.a. durch ständig kreisen­de Hub­schrauber, Perso­nal­­ausweise-kon­trollierende Bullen auf dem Weg dorthin und der Gefahr geräumt zu werden. Leider nicht mehr an dieser Stelle, denn hier bleibt nur zu verweisen, dass auch unab­hän­gig der G8-Proteste dieses Ex­perimen­tierfeld des Zusammen­lebens anderer Art im Kleinen erfahren werden kann: In den verschie­denen, alljährlich statt­findenden Camps wie z.B. dem A-Camp (vom 23.7.-30.7. in Burg Lutter und vom 20.-29.7. in Österreich). So­lidarität im Kleinen, die Bewusstsein und Han­deln prägt und über punktuelle Groß­events und den kleinen Mi­kro­kosmos hin­austrägt, kann sicher­lich auch unsere All­tagswelt positiv beeinflus­sen und die Wort­hülse des ‚solidarischen Mit­einanders‘ mit mehr Leben füllen. Die ständig propagierte mög­­liche andere Welt fängt im Kleinen, All­täglichen an und wird so hoffentlich zur großen Bewegung. Das Ge­fühl, nicht nur ver­einzelt diesen Traum zu verfolgen, son­dern viele zu sein, trage ich aus dem Camp in meinem Rucksack je­denfalls mit hinaus.

(momo)

(1) Bündnispartner bei der CampAG: dissent!, Parteijugenden, Gewerk­schafts­jugenden, attac, Inter­ventio­nistische Linke (IL), regionale G8 Bünd­nisse, Friedens­bewegung, Umwelt­bewe­gung und christliche Basisgruppen

Die Gewalt geht vom Staate aus

Wer Anfang der 90er geglaubt hatte, mit dem Zusammenbruch der zen­tra­listischen Verwaltungsdiktaturen der Kommuni­stischen Partei wür­de die Welt in ein neues, humanistisches Zeitalter ein­treten, ge­prägt von Abrüstung und Befriedung der jahr­zehnte­lang forcierten Stell­vertreter-Konflikte rund um den Globus; wer sol­cher­lei Hoff­nung hegte, muss heute, nach nicht einmal 20 Jahren erschüttert fest­­stellen: Das 21. Jahrhundert kündigt sich düster an. Das neo­li­be­rale Kind des alten Liberalismus ist noch ge­wis­sen­loser als der Va­ter. Es hat sich von den idealistischen Überschüssen des Humanis­mus, der Wohlfahrt und der nationa­len Distribu­tion völlig frei ge­macht, der Staat erscheint ihm instru­menteller als jemals zuvor. Des­sen durchgesetztes und in die Rechts­­staatlichkeit eingeschlossenes Ge­walt­monopol wurde zum einzi­gen realen Garant optimaler Ver­wertungsbedingun­gen durch die immer lückenlosere Kontrolle der innenpolitischen Konflikte und der „Ökonomi­sierung“ der Außen­po­li­tik (1).

Die tech­nologische Differen­zierung der staatlichen Ge­walt­potenziale, ins­be­sondere die systematische Aufrüstung der Polizei, sind dabei das Schlüsselmoment und die asymmetrische Kriegsführung Aus­­druck dieser neuen, gewaltigen Über­macht, die nicht nur billiger son­­dern auch effizienter als die überkommene Militärge­walt der ste­hen­­den Heere ist. Dass dabei die Militarisierung der Polizeiein­heiten not­wendig wird, liegt auf der Hand. Und Deutschland schrei­tet hier be­sonders schnell vor­an. Wenn die deutsche Polizei von „Störern“ spricht, unterscheidet sich das kaum noch von der Be­zeichnung „Ter­ro­rist“. Der Schutz der angeblich so frei­heitlichen Grundordnung ist längst zur Tyran­nei systematischer Ge­walt umge­schlagen, die poli­zei­liche Über­wachung und Über­griffe, Verschleppungen und men­schen­un­würdige Inhaftierungen recht­fertigt, Folterungen verschweigt und jede außerparlamen­tarische Opposition kriminalisiert. Während innerhalb der deut­schen Polizei noch der Taser getestet und über Gum­migeschosse dis­kutiert wird, experimentiert man andernorts längst mit Mikro­wellen-Waffen und Impuls­granaten. Der Markt der „nichttöd­lichen“ Waffen ist ein riesiges Geschäft. (2)

Die vierte Macht im Staate, die mediale Öffentlichkeit, steht der­weil völlig fassungslos daneben, repetiert die Fakten und feiert selbst­­­herr­lich ihren plan- und zwecklosen Turmbau zu Babel. Diese Dis­son­anzen im Machtgebälk des modernen Rechtsstaats wur­den nir­gend­­wo anders so deutlich, wie unlängst während der Pro­teste gegen das G8-Treffen in Heiligendamm. Und das Skan­da­lon dieser uner­träg­lichen Selbst­inszenierung der Macht war weder die Anwendung der Notstandsgesetze von 1968 (3), noch die völlige Aushöhlung des Versammlungsrechts und anderer ver­fas­sungsrechtlicher Grund­sätze, auch nicht die gewalttätigen Über­­griffe einiger Polizeieinheiten, schon gar nicht DAS für Deutschland so symbolisch brennende Auto und die Aggres­sion einzelner DemonstrantInnen, sondern diese Ent­schleierung der konventionellen Medien, ihre absolute Sprachlosig­keit und Des­­information. Dies gilt insbesondere hin­­sichtlich der Ein­schät­zung und Bewer­tung der „Gewalt“, wie sie rund um den G8-Gip­fel stattgefunden hat. Genug Anlass also, einige Aspekte der von der Polizei ausgelösten und von den Massenmedien inszenierten „Ge­waltdebatte“ in der Nachbe­reitung ein­gehender zu betrachten.

Deutschland und der Polizeistaat der Zukunft

Ohne Zweifel, der Kampf gegen den transnational agierenden Terro­ris­mus islamistischer Fundamentalistengruppen hat die Fragen um die innere Sicherheit moderner Staaten nach­haltig verändert. Die Re­formen dies­bezüglich gehen derzeit ständig ein­her mit der schritt­weisen Unter­­wanderung ver­fassungs­rechtlicher Prin­zipien und der suk­zes­siven Umkehr der Beweis­pflich­tig­keit. Doch das er­schrec­kend­ste an diesen Ent­wicklungen ist, welche Vorreiter­rolle Deutsch­land DURCH seine greu­liche Ge­schichte hier ein­neh­men kann. Denn wenn Deutsch­land einst einen stän­digen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erhalten sollte, dann sicher nicht wegen der Erfolgsgeschichte von Bundes­wehr­ein­sätzen oder deren militärischem Potenzial, sondern wegen der deutschen Ver­dienste im Rahmen polizeilicher und paramili­tärischer Einsätze, ins­­be­sondere in Hin­blick auf Entwicklung und Transfer neu­er Tech­no­­logien. Die deutsche Polizei ist ein echter Export­schla­ger. Man geht sicher nicht zu weit, wenn man behauptet, dass kei­ne andere Staats­regierung in systema­tischer Weise über so gut tech­no­logisch ge­­rüstete und so gut geschulte Polizei verfügt wie die deut­sche.

Das hat histo­rische Gründe, auf die Meinhof nicht zu unrecht an­spielte, als sie emphatisch vom „deutschen Polizeistaat“ redete. Denn seit den Versailler Verträgen 1918 hat der deutsche Staat sich innen­poli­tisch durch den Ausbau seiner Polizeigewalt stabili­siert, um die dik­tier­te militärische Schwä­che zu kompensieren. Die Fusion von SA und Polizei 1933 gab der Tyrannei der NSDAP erst die um­fassenden Kon­troll­mit­tel in die Hand. Polizeieinheiten ge­hör­ten insbesondere an der Ostfront ganz selbstverständlich zu den SS-Kommandos, die das Land ver­heerten und Menschen mas­sen­­weise massakrierten. (4) Um sol­chen paramilitärischen Be­strebun­gen der deutschen Polizei vor­­zu­greifen, beschlos­sen die Al­liier­ten 1949 ihre Förderali­sierung. Es war dies eine bewußte Kor­­­rektur der Versailler Verhandlungen, de­ren Wirkung nun spätestens mit der Grün­dung der umfassen­den Bun­despolizei 2005 aufgehoben wur­de. Nicht ohne Grund bilden die Grenz­schutzgruppen und para­militärischen Einheiten des Zolls die Basis dieser neuen Staatspolizei. Schon die Adenauer-Regierung ver­folg­te eine Politik der neuen Stär­ke durch Auf­rüstung der Grenz­schüt­zer. Es ist auch kein Zu­fall, dass das Anti-Terror-Kom­man­do GSG9 aus der neunten Grenz­schutz­­­grup­pe der BRD ent­stand. Und der Grenz­schutz wurde eben we­gen seiner bundes­zen­­tralen Hierarchie und seiner paramili­tä­rischen Rüstung schon seit den 70ern immer wie­der gegen politische De­mon­stra­tionen und zur Abschie­bung von Migran­tInnen ein­ge­setzt.

Ein zweites Moment der Militarisierung der deutschen Polizei fin­det sich auf der Ebene der länderspezifischen Polizeien, genauer bei den lokalen Bereitschaftspoli­zeien. Durch deren Spezialisie­rung auf den Ausnahmefall nach dem Vorbild des bayrischen USK (Unter­stützungskom­man­do), haben sich dort hochgerüstete Spe­zial­einheiten wie die berüchtigte Berliner 23. und die verschiede­nen neue­ren BFE-Kom­mandos (Beweissicherungs-Festnahme-Ein­­heiten) entwickelt. An­ge­sichts der spezialisierten Ausbildung und dem einseitigen Einsatz sol­cher Einheiten kann man hier kaum noch von klassischen Polizei­aufgaben sprechen. In der Ver­men­gung von Staatsschutz und Bürger­schutz sind sie eigentlich die politische Polizei der Zukunft. Schon heu­te nehmen sie bei fast allen politischen Veranstaltun­gen eine zen­trale Rolle ein. Sie sind auch die Verbindungsglieder zu den paramili­tärischen und mili­tärischen Armen des Innen- und Verteidungs­minis­te­­riums. Diese kontinuierliche Militarisierung bestimmter Einheiten der Po­li­zei wird ergänzt durch die Intensivierung von Datenaufnahme und -zentrali­sierung und die praktische Relativierung ver­fassungs­mäßiger Grundsätze durch Son­derartikel, Ausnahme-Para­graphen und verwaltungsrechtliche Willkür. In dieser Gemen­ge­lage wird deut­lich, welche neue Qualität die Mono­polisierung der Gewalt bei der Polizei eigentlich bedeutet, denn die stetige Eskalation der zum Einsatz gebrachten Gewaltmittel hat die Möglichkeiten au­ßer­­parlamentarischer Meinungs­be­kundungen und Machtde­mon­stra­tionen zusehends ausgehöhlt. Wenn mensch heute von De­mo­kra­tie spricht, ist damit oft nicht viel mehr gemeint, als die auto­matisierte Zustimmung zum bürokratischen Parteiensystem.

Die Mär von der Deeskalation

Allzu leichtfertig wurde von den meisten Me­dien am Abend nach den Ausschrei­tun­gen von Rostock das Ammenmärchen der Kavala (5) kolportiert, demnach die deeskalierende Linie der Polizei erst durch das aggressive Auftreten der Demonstran­tInnen scheiterte und man dement­spre­chend gezwungen war, hart durchzugrei­fen. Da­bei konnte jedeR im Vorfeld be­obachten, mit welchen re­pres­si­ven Maß­nahmen die Polizei die Stimmung anheiz­te. Er­innert sei nur an die größte Raz­zienwelle der letzten Jahrzehnte, von der bis heu­te jeder Fahndungserfolg fehlt (6); des­weiteren an die verhinderte An­ti-ASEM-Demonstra­tion in Hamburg am 28. 05., bei der die Ver­­anstal­terInnen aufgrund des massiven Polizei­auf­­gebotes die Ver­samm­lung abbrechen mussten; dann an die um­fassenden Ver­samm­lungsverbote, den 12km-Sperr­zaun, die tempo­räre Aus­set­zung des Schengener Ab­kom­mens, letztlich an die Ge­fährder­anschreiben, die über­­mäßigen Kontrollen und Schi­ka­nen bei der An­reise, den per­­ma­­nenten Einsatz von Hub­­schrau­bern, Panzern und Wasser­werfern bis hin zum provoka­tiven Über­flug der Camps der Demonstran­tInnen durch Kampfflie­ger der Bundes­wehr. Zwei Jahre lang hatten sich Polizei, Militär und Sicher­­heitsdienste auf den Gipfel vorbe­rei­tet. 16.000 bis an die Zäh­ne bewaffnete PolizistInnen, 1.600 Sol­da­tInnen und eine un­­be­­kannte Anzahl an sonstigen Einsätz­kräften wa­ren aufgeboten, um vom Terrorangriff bis zur Sonnenbrille jede Be­drohung von Recht und Ordnung abzuwehren.

Angesichts dieser ex­orbi­­tanten In­s­zenie­rung staatlicher Gewalt hat man von liberaler Sei­te nicht um­sonst im Vorfeld schon die Kostenfrage aufgeworfen. Und umso lächer­­licher erschien jedem einigermaßen nüchternen Be­o­bach­ter die nachträgliche Behauptung, die Einsatzleitung hätte sich im Ver­lauf der Großdemonstration unerwarteter Gewalt­tätigkeit und Ag­gres­­sion von Seiten einiger Demonstrations­teil­neh­merIn­nen gegen­über gesehen. Gegenteilig genügt ein Seiten­blick in die Ge­schichte der Gipfel­proteste von Seattle, Göteborg bis Genua, um zu erse­hen, wie niederschwellig die Aus­schrei­tun­gen in Rost­ock letztlich wa­ren. Dass einzelne Polizeieinheiten hier­bei in Be­dräng­nis gerie­ten, ist keines­wegs durch die klugen Stra­tegien und das taktische Arse­nal eines unsichtbaren Fein­des zu erklären, son­dern einzig durch die un­ver­ant­wortlichen Befehle einer anschei­nend über­for­derten Ein­­satz­­leitung. Bekannt ist heute, dass neben zwei schwer ver­­letzten Poli­zisten, die vorübergehend sta­tionär be­han­delt wer­den mussten, die meisten Verletzungen bei der Polizei durch soge­nann­tes „friendly fire“, also insbeson­dere durch die Gas­an­griffe aus den eigenen Rei­hen verursacht wurden.

Auch bei der Polizei sollte mensch sich des­halb die Frage stellen, ob hier nicht bewußt die Si­cher­­heit einzelner Beam­­tIn­nen ge­fährdet wurde, um die Ko­sten für den Sicher­heits­auf­wand zu recht­fertigen. Schließ­lich war es die Strategie der Polizei, mit Greif­trupps und un­ter Einsatz von Schlag­stöc­ken, Pfefferspray und Trä­nen­gas im­mer wieder in den Demonstrationszug und die Kund­­­­gebung zu in­ter­venieren, die den gesamten Ver­samm­­lungs­ver­lauf beständig eskalierte. Gerade dieses „Stärke zeigen“ unter dem Vor­­­­wand, die Sicherheit der Demonstran­tInnen zu schützen und das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf Versammlung durch­­zu­set­­zen, wurde um so fadenscheiniger, je offensichtlicher die Polizei die ganze De­mon­stration in Kol­lektiv­haft für die Über­griffe einzel­ner GewalttäterInnen nahm. Im Grunde hat die Polizei am Sams­tag in Rostock nahezu ihr ge­samtes Gewaltpo­ten­tial zum Ein­satz ge­bracht, und wer an­ge­sichts von martialisch aussehenden, para­mili­tä­­­risch gerüsteten Po­li­zistInnen be­hauptet, deren Präsenz hätte so et­­was wie eine fried­liche Stimmung bezweckt, ver­kennt ein­fach den Fakt, dass es am 02. Juni für die Demonstration ei­gent­lich nur eine Be­­­drohung gab, nämlich die schwer be­waffnete Polizei selbst. Die Mehr­zahl an potentiellen Ge­walttäterInnen trug grün bis schwar­­ze Uni­­form und führte mindestens drei nicht­tödliche Waffen­systeme mit sich. Hätte es an diesem Tag wirklich eine de­­eskalierende Strategie der Polizei gegeben, hätte die Groß­de­­mon­stration gegen den G8-Gip­­fel in Heiligendamm zu einer der fried­lichsten in der Geschichte der Gip­felproteste werden kön­nen, die meisten Schäden wären kaum aus­­reichend gewesen, um einen Versicherungsvertreter ins Schwit­zen zu bringen. Dass die La­ge dann trotzdem nicht völlig aus dem Ru­der lief, ist allerdings nur dem diszi­plinierten Ver­hal­ten der De­mon­stran­tInnen und de­­ren Beharr­lichkeit zuzu­schrei­ben.

Die hohe Zahl an ver­letzten De­mon­stran­tInnen und Ingewahrsam­nahmen steht dabei in kras­sem Mißver­hält­nis zu der strafrechtlich überführten Tä­terInnen­zahl. Die Führungsebene der po­li­zeilichen Ein­satz­leitung hatte letztlich nur das Inter­esse, den si­cher­heitstechnischen Auf­wand hin­­reichend zu rechtfertigen. Dass sie hierfür nicht nur die Krimi­na­­li­sierung der inter­nationalen Pro­test­bewegung, sondern auch die Ge­fährdung von Leib und Leben der DemonstrantInnen UND der Beam­­tInnen in Kauf nahm, zeigt deut­­lich, worin die Ge­fahr der Ver­­mengung von Polizei und Militär we­sent­lich be­steht. Denn durch die Militarisierung der poli­zei­lichen Aus­­bil­dung und Aus­rüstung trägt der Staat heute eine Gewalt auf die Straße, die sich seit Jahren poten­ziert. Diese beständige und für Deutsch­­land äußerst typische Spirale ist die systema­tische und stra­tegische Es­kalation, und nicht das Wer­fen von Pflastersteinen, einer eher alternativlosen, niederschwelligen Tak­tik, die sich seit ih­rer Erfin­dung kaum verändert hat.

Who the fuck ist the black block?

Am auffälligsten war die mediale Desin­for­mation hinsichtlich der Ana­­lyse und Dar­stellung des sogenannten „sogenannten schwar­zen Blocks“. Undifferenziert und in teilweise un­erträg­licher Art wurden Ge­­walt­tä­terInnen mit Autonomen und Teilnehme­rInnen des „so­ge­nannten schwarzen Blocks“ gleichgesetzt. Auch hier über­nahm die Pres­­se größten­teils einfach die Erklärungen der polizei­lichen Einsatz­lei­tung. Der Zusammen­hang ist allerdings komp­lexer als eine Erbse. Denn zuerst einmal war auch den national in­spirierten BürgerInnen die Autonomie mal ein liebes Kind, und die sogenannten „lin­ken Auto­nomen“ standen und stehen abstrakt für nicht mehr und nicht we­ni­ger als für die Unabhängigkeit von staat­licher Verwaltung und Partei. Das macht sie zum radi­kalen Teil der Bewegung und äußert sich in ihrem militanten Auf­treten, denn ihre Autonomiebe­strebun­gen werden beständig di­ffamiert und behindert.

Man kann also davon aus­gehen, dass „Auto­no­me“ sowohl an den Ausschreitungen als auch am „sogenannten schwar­­zen Block“ beteiligt waren. Umgekehrt läßt sich aber das Phäno­men nicht darauf reduzieren, weil der schwarze Block selbst gar kein handlungsfähiges Subjekt, sondern eine tak­tische Erschei­nung ist, mehr Produkt der Eskalation polizeilicher Ge­walt, als ei­ne Summe indi­vidueller Kalküle. Die Mehr-Block-Stra­te­­gie ist zwar einerseits eine Entwicklung der Gipfelproteste selbst ge­­we­sen, um den ver­schiedenen Sicherheitsbedürfnissen und der un­ter­­schied­lichen Risikobereitschaft unter den Demon­strantInnen ge­recht zu werden. Und wenn man bedenkt, aus wie vielen Regionen der Welt Menschen zu den Gipfelprotesten anreisen und wie arg es teil­­weise um die polizeiliche Willkür in vie­len Herkunftsländern be­stellt ist, wird deutlich, wie differen­ziert man die kollektiven Sicher­heits­­fragen bei solchen Groß­veranstaltungen behandeln muss. In die­sem Zusammenhang steht der „schwar­ze Block“ für die­jenigen Teil­neh­­­merInnen mit der höchsten individuellen Ri­si­ko­be­reit­schaft. An­de­rer­seits aber taucht das Phä­nomen des „schwar­zen Blocks“ mitt­ler­­weile auch auf vielen anderen poli­tischen Demon­strationen und unab­hängig von Mehr-Block-Stra­tegien auf. Die schwar­ze Uniformie­rung und Vermummung der DemonstrantInnen ist dabei überhaupt das einzige Kriterium, diesen oder jene zum „sogenannten schwarzen Block“ zu zählen, da hier oftmals nicht mal eine direkte Verbindung zur zentralen Demonstration vor­liegt, etwa durch Bündnisabsprachen oder Einordnung in größere Strategien. Wei­test­gehend sind diese lo­sen Blockbildungen Reak­tionen auf die systematische Abfilmung, das pausen­lose Foto­grafieren von AktivistInnen bzw. auf die in­ter­ven­tionistische De­mon­strationsführung durch die Polizei. (7) Der Ein­satz solcher völ­lig neuen Überwachungs­- und Kontroll­mittel fällt lo­gisch mit der Entstehung der globalen Anti-G8-Bewe­gung zusam­men, deshalb diese zwei Wurzeln des „sogenann­ten schwarzen Blocks“.

In Deutsch­land ist die Es­ka­lation von Kontrolle und Über­wa­chung der Demonstrationen be­son­ders problematisch, da hier be­reits ein weltweit einmaliges Gesetz die Ver­sammlungs­frei­heit ein­schränkt. Das sogenannte passive Be­­­waff­nungsgesetz und das Verbot von jeder Art der Vermummung (8). Dem Ge­setz liegt der Trug­schluß zugrunde, dass von der Poli­zei gar keine Gewalt ausgehen kön­ne und die DemonstrantIn­nen des­we­gen keines Schut­zes bedürften. Sieht man allerdings, mit welcher Flächen­wirkung die Polizei Fern­waffen an jenem Sams­tag zum Einsatz brachte und hierdurch hun­derte Unbeteilig­te, teilweise sogar die eigenen, gut geschützten Ein­heiten verletzte, kann man sich nur an den Kopf fassen, wenn De­mon­strantInnen gleichzeitig verbo­ten wird, bspw. Tücher mitzu­füh­ren, um sich vor schweren Gas­schäden auch nur ansatz­weise zu schüt­zen. Tat­sächlich ist der black block aber außer­halb von Mehr-Block-Stra­­te­gien und ohne Ein­bindung in Bünd­nisabsprachen nicht viel­mehr als eine willkür­liche Zusam­men­rottung von Demon­stran­tIn­nen mit erhöhter Gewalt- und ge­ringer Ri­sikobereitschaft am Ran­de von politischen Ver­sammlungen. Die Feind­­bild-Projek­tio­nen der Poli­zei geben die­sem Phänomen mehr Sub­stanz als Ge­halt in ihm selbst steckt.

Oftmals verbirgt sich nämlich hin­ter de­ren aggressiven Ak­tio­nen nichts weiter als individuelle Frust­be­wältigung anstelle ter­ro­­ristischer Motivation. Das zeigt schon das be­ständig gleich­blei­ben­de, niederschwellige Niveau der zum Ein­satz ge­­brachten Gewalt­mit­tel. Die Behauptung, der „soge­nann­te schwar­ze Block“ würde in der Anwendung der Ge­walt­mittel beständig eskalieren, ist einfach eine Lüge. Denn auch am 02. Juni konnte die Polizei keine der Be­­haup­­tungen belegen, dass von Seiten der De­mon­­strantInnen an­de­re Gewaltmittel als das Wer­fen von Steinen und Flaschen ein­ge­setzt wurden. Der Fund zwei­er Tränen­gas­­kar­tu­schen mit kyrillischen Schrift­­zeichen nahm der Hardliner Beck­stein zwar zum Anlaß, von Gas­an­griffen der De­monstran­tInnen zu fa­seln, real konnte aber die Ein­satzleitung nicht bestätigen, dass die Gra­naten NICHT aus dem ei­­ge­nen Ar­senal stammten. Auch die an­geb­­lichen zwei Messer­attac­ken und der Fund beson­ders prä­parierter Wurfgeschosse blieb ohne Be­weis. Ganz zu schweigen von nicht belegten Säureattacken und Brand­­sätzen. Von einer systema­tischen Eskalation kann hier also keine Re­­de sein. Und es macht stark den Eindruck, als ob man mit sol­­cher fälschlichen Skan­da­li­sierung der gewalttätigen Übergriffe durch DemonstrantInnen gezielt Stim­mung und Angst unter den Beam­­­tInnen schüren wollte.

Aber im black block lauern hinter den Tü­chern und Brillen keine ein­ge­schworenen Verbrecher­grup­pen, die ihre Freizeit damit ver­brin­gen, mit neuen Angriffs­mög­lich­­keiten und Waffen zu experi­men­tieren und dabei sind, sich zu fa­na­­tischen Terror­gruppen zu ent­wickeln, sondern oftmals Men­­schen, die sich sonst in ihrem poli­tischen Alltag sehr rege en­ga­­gieren, und die mehr wol­len, als nur über die Ver­besserung der politischen, ökono­mischen und sozialen La­ge zu reden und da­­rüber die notwendigen Taten zu ver­ges­sen. Men­­schen, die Angst vor Verfolgung und polizeilicher Ge­walt haben und sich deshalb schützen. Menschen, die sich kämp­fe­risch und soli­darisch für die verschiedenen Ziele der Bewegung einsetzen. Und in dieser ak­zep­tierten Mili­tanz sind sie auch ein le­gi­timer Teil der­selben. Wenn die großen Verbände im breiten Spek­trum des mobili­sie­­ren­den Bünd­nisses, wie Linkspartei und attac, ge­gen den mili­tan­ten black block auf der Großdemonstration pole­mi­­sierten, dann nur in reichlicher Selbst­über­schä­tzung der Einblic­ke in die ei­gene de­zen­tra­lisierte Ba­sis. Denn so einfach wie die Po­li­­zei Zivil­fahnder und Provoka­teure unter ihn mischen konnte, so einfach konnte mensch als attaci oder Gewerk­schaf­terIn sich den schwar­zen Pul­li überstreifen, die Sonnen­bril­le aufsetzen, ein Tuch vors Gesicht ziehen und Teil des Blocks wer­den.

Der Rechtsstaat im Ausnahmezustand

Noch viel offensichtlicher als die Lü­ge von der deeskalierenden Stra­tegie der Polizei war während der G8-Proteste in Heiligen­damm der perfide und widersprüchliche Vor­wand, die Polizei agie­re einzig mit dem Einsatz von syste­ma­tischer Gewalt und nicht­töd­lichen Waffen, um die Sicherheit der De­mon­stran­tInnen und ihr Recht auf Versammlungsfreiheit erst her­zu­stellen. Wie wenig Wert man allerdings wirklich auf den Rechts­schutz der protestie­renden Bewegung legte, wurde in der Be­handlung der in Gewahr­sam Ge­nom­menen und Verhafteten all zu deutlich. Der Republika­nische Anwältinnen- und Anwältever­ein (RAV) (9), der sich als „Legal Team“ in aufopferungsvoller und be­wun­­derns­werter Weise um die Rechtsfolgebetreuung der inhaftierten De­mon­­strantInnen küm­merte, sprach schon am Sonntag von desas­trö­sen Arbeits­be­din­gungen und sah den Rechtsstaat durch die poli­zei­lichen Maß­nahmen völlig außer Kraft gesetzt. Denn schon wäh­rend der Groß-Veranstaltung kam es immer wieder zu Übergriffen der Polizei auf Unbeteiligte. SanitäterInnen, PressevertreterInnen und An­wäl­tIn­nen wurden bei ihrer Arbeit massiv behindert und erlit­ten teil­weise selbst Verletzungen durch die Polizei. Die miesen Unter­brin­­gungsverhältnisse in den Haftzellen, von denen die einen be­­­­haup­­ten, es wären Käfige, die anderen, es wären viereckige Gitter­ge­­­stelle ge­­we­sen, versuchte man im Nachhinein damit zu recht­fer­ti­­gen, dass ja niemand hätte absehen können, das es zu so vielen Verhaf­tungen kom­men würde. Das Argument ist allerdings so blau­äugig, das man es kaum glauben kann und denkt man dabei noch an die eben­falls schlech­ten Unterbringungen und über­mäßigen Arbeitszei­ten der Beam­­tInnen, liegt der Schluß nahe, dass solche wich­tigen As­pek­te auf der Sicherheitsagenda der Kavala gar keine oder nur eine sekundäre Rol­le gespielt haben müssen. Es sind dies schon die di­rekten Auswir­kun­gen einer men­schen­ver­achtenden militä­rischen Logik und es ist be­­zeich­­nend, dass das Bundesver­fassungs­ge­­richt am Mitt­woch das weit­­reichende Ver­sammlungsverbot der Poli­­zei rund um Heiligen­damm mit dem Kom­mentar bestätigte, die Einsatzlei­tung hätte hier Fak­ten ge­schaf­fen, unter deren Eindruck sich die Ver­fas­sungs­schütze­rInnen ge­nötigt sahen, einer so weit­rei­chen­den Be­schnei­dung des Ver­samm­­­lungsrechtes zustimmen zu MÜSSEN. Man hatte sichtlich Bauch­schmerzen.

Ein weiterer Umstand, der die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit durch die exekutive Gewalt illustriert, ist der Sachverhalt, dass es ab­­­­­ge­­­­se­hen von den wenigen überführten DemonstrantInnen vor allen Din­­gen für die gewalttätig gewordenen PolizistInnen zu kei­ner­lei Rechts­folgen kommen wird. Wenn Parlamentarier schon groß­mäulig zur Denunziation von gewalttätigen Demonstran­tInnen auf­ru­fen, so soll­­te dies doch viel mehr noch für die pro­fessionalisierte Poli­zei gel­ten. Fleissig pflegt man dagegen den Mythos vom „guten Bul­len“, oh­ne die realen Entwicklungen in den verschiedenen Ein­heiten nä­her zu betrachten. Die polizeiliche Ge­walt wird durch solch stil­le Dul­­dung nur noch zusätzlich bestätigt. Dabei sind durch Presse und Ein­­zel­personen dutzende Zeu­genaussagen und Ton- bzw. Video­auf­nah­­men verfügbar, deren Ge­halt Anlaß zu näheren Ermittlungen gä­be. Allein, vieles ist un­brauchbar, weil die uniformierten Gewaltä­te­rInnen vermummt, ohne Dienstnummern und Namen agierten. So­lange also die De­monstrantInnen dazu angehalten sind, sich im Sin­ne des fried­lichen Miteinanders nicht zu vermummen und durch die Ver­­schleie­rung ihrer Identität Mißtrauen zu erwecken, solange ist sel­bi­ges auch von der Polizei einzufordern, insbesondere wenn es um Einheiten in Nahkampfeinsätzen geht. Wie Vertrauen durch reale Vorleistungen, so wachsen Unrechtsgefühle durch reale Un­ge­rechtigkeiten.

Radikal und militant: Zum Ende des bewaffneten Kampfes

Eine Frage wurde bisher bewußt ausgespart: Die der Gewalt von Sei­ten einiger DemonstrantInnen selbst. Das hat System, denn die Ge­walt stellt sich am Beispiel der G8-Proteste in Heiligen­damm in ei­nem asymmetrischen Verhältnis dar, wie es für die Kon­flikte der post­industriellen Nationen nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges in meh­rerer Hinsicht typisch geworden ist. Auch in Heili­gen­damm stan­den die völlig unbewaffneten DemonstrantInnen einer rie­sigen Ge­­walt-Maschinerie gegenüber. Die mediale Be­richt­­er­stattung stellte die­ses asymmetrische Verhältnis allerdings um­­gekehrt proportional dar und kam so gar nicht über ober­fläch­liche Betrachtungen hinaus. Denn der bewaffnete Wider­stand ist vor allen Dingen in Europa in den letzten Jahrzehnten permanent rückläufig und insbesondere in den postfaschistischen deutschen Satellitenstaaten wurde er komplett zer­schlagen. Und an­ge­­sichts der Überwachungs- und Kontrollappa­ra­te des mo­der­nen Staates, an­ge­sichts des Mangels an wirkmächtigen po­li­tischen Zielen und breiter sozialer Bewegungen, ist es aktuell nicht nur aus­sichtslos sondern auch sinnlos und wenig zweckmäßig ge­­wor­den, den Staat im bewaffneten Kampf herauszufordern. Schon die erste Ge­­ne­ration der RAF war zu einer mehr symbolischen Kon­flikt­­­aus­tra­gung übergegangen, als sie die Strategie propagierte, durch fort­gesetzte Ak­tionen die Polizeimacht in der Gesellschaft „nur noch“ auf­­zei­gen zu wol­len.

Diese Strategie des „Aufzeigens“ kann man heute als weitestge­hend gescheitert betrachten. Neben der systematischen Auf­­rüstung und Mili­­tarisierung der Polizei hat sie vor allen Dingen die Krimi­nalisierung des Widerstandes er­­leichtert und zur Entsolidari­sie­­­rung mit der Bevöl­ke­­rung ge­führt. Mensch wird sich also in Zu­kunft stärker bemühen müs­sen, zwischen Militanz und Terror zu un­ter­­scheiden, insbesondere auch vor dem Hintergrund notwendiger Ab­­grenzungen zu den men­schen­­­ver­achtenden Überfällen durch terro­ristische Fundamentalis­tInnen und FanatikerInnen, wenn mensch die Be­wegung wie­der auf brei­tere Füße zu stellen trachtet. Ein offensi­ver An­griff auf unbeteiligte Po­li­­zeieinheiten mit Flaschen und Steinen ist sicher­lich nicht mit Bom­­­benanschlägen und Raketenbeschuß zu ver­­­gleichen, dennoch wird auch hier der Schaden an Leib und Le­ben von BeamtInnen – denn auch sie sind nicht gleich Gewalt­täterIn­nen, nur weil sie eine Uniform tragen – billigend und un­verhältnis­mäßig in Kauf genom­men, und eine Gewalt­ausübung ver­herrlicht, de­ren Zwecke für sich sinnlos sind.

Schlimmer noch, indem die Polizei so zum Opfer gemacht wird, gibt man der Aus­­blendung ihrer Täter­rolle zusätzlich Raum. Man demonstriert so auch keinerlei kollektive Stär­ke sondern lediglich die eigene Hilf­lo­sig­keit. Denn was hat man mehr erreicht, wenn man eine Hun­dert­­schaft Beam­tInnen für kurze Zeit flüchten sieht, als die Be­frie­­digung niederer in­di­vidueller Bedürf­nisse? Wer die mediale Sym­­bol­kraft und die hetze­rische Ausschlach­tung sol­cher sinnlosen Übergriffe einfach ausblendet, um ganz ge­pflegt seinen klei­nen Stein zu werfen, der hat letztlich mit Po­li­tik nicht viel am Hut. Sol­ches Ver­halten ist unsolidarisch. Dafür gibt es kei­ne ideo­lo­gische Rechtfertigung und historisch betrachtet war je­der ernst­­hafte Wi­derstand erst in dem Moment wirkungsvoll, wie es ge­­lang, Polizei­kräfte und SoldatInnen in selbigen zu involvieren. Auch hier wird mensch neue „Kanäle“ finden müssen. Dies ist keine ge­mäßig­te Posi­tion, sondern die notwendige Kritik an einem falschen Be­wußt­sein von Militanz. Militant ist, wer bewusst, vor­bereitet und ziel­gerichtet die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit über­schreitet und sich dem Walten der exekutiven Gewalt entgegen stellt. Es ist mehr als der bloß lauthals pro­­tes­tierende Ungehorsam der Untertanen. Und kei­ne Frage, ohne die­sen kämpferischen Ein­satz der AktivistInnen wird es in Zukunft noch schwerer wer­den, Alter­nativen zur herrschen­den Meinung Gehör oder gar Tat­kraft zu verschaffen. Um so mehr soll­te man darauf achten, nicht durch unsinnige Aktionen die eigene Be­we­gung zu sabo­tieren und sich den Rechtsfolgen blindlings auslie­fern.

Dies gilt auch für die me­dial aufgepfropfte „Gewaltdebatte“, de­ren hohler Kern nur den radikalen von dem gemäßigten Teil der Be­we­gung spalten will. Gewalt, das ist im politischen Sinne immer schon der Einsatz falscher, unan­gemessener Mittel gewesen und hat des­halb am rechten Rand und im Staat sein Zuhause. Von hier, nicht von links geht die Gewalt hauptsäch­lich aus. Und in diesem Zusam­men­­hang haben die dies­jährigen Protes­te gegen die G8 auch posi­tive Zeichen setzen können. Denn die gut vorbe­reiteten und des­halb er­folg­reichen Blockaden der Kam­pag­ne Block G8 mit ca. 10.000 Men­schen, die sich praktisch über die vom Bundes­ver­fas­sungsgericht zeit­gleich bestätigte Bannmeile rund um den Zaun hin­weg­­setzte, war ein deutliches Signal eines militanten aber nicht gewalt­tätigen Wider­standes, dessen Echo in vielen Win­keln der Republik Ge­­hör fand. (10) Radikal zu denken, bedeutet an den eigenen Grenzen hell­wach zu sein und Subversion, die Kunst nach Innen einzudringen ohne an­zu­ecken.

(clov)

 

(1) In dieser Allgemeinheit ist hier v. a. D. gemeint, dass (a) im Inneren kaum noch rechtsfreie Räume bestehen, aus denen heraus soziale Konflikte wir­­­kungs­voll Eigentumsverhältnisse in Frage stellen könnten, und (b) die inter­nationale Diplomatie sich spätestens nach dem Wegfall der Block­konfron­ta­tion nur noch auf die Verhandlung ökonomischer In­te­res­senlagen be­schränkt hat. Dass die Bundesregierung bspw. den Klima­schutz beim G8 so stark the­ma­tisiert hat, hängt damit zusammen, dass die deutsche Industrie in vielen Bereichen klima­freundlicher Technologien weltweit marktführend ist.

(2) Vgl. hierzu die Textsammlung unter: www.uudo.de/wiki/index.php/PolitikUndGesellschaft/WaffenGegenZivilisten

(3) www.dhm.de/lemo/html/dokumente/KontinuitaetUndWandel_gesetzNotstandsgesetze/index.html

(4) Vgl. auch FA!#23: „Innere Sicherheit D“, S. 1,14ff;

(5) Name der zentralen Einsatzleitung der Polizei während des G8-Gipfels

(6) Fingiert wurde hier ein Zusammenhang zwischen der vom Verfassungsschutz gesuchten Militanten Gruppe (MG) und einem Aufruf der sogenannten „Militanten Kampagne zum G8-Gipfel Heiligendamm“. Im Grunde sind veraltete Haftbefehle gegen drei Mitglieder der MG durch 18 weitere ergänzt worden, um so die Durchsuchung von über 40 Projekten und die Beschlagnahme von Computern, Daten und anderen Materialien zu rechtfertigen. Bis heute wurde keine dieser 21 verfolgten Personen ermittelt.

 

(7) Vernachlässigt wurde hier der Zusammenhang zu antifaschistischen Demonstrationen, bei denen Uniformierung und Vermummung auch dem Schutz vor Verfolgung durch rechte Extremisten dienen.

(8) Gesetz über Versammlungen und Aufzüge (Versammlungsgesetz) von 1978, §17a; online unter: www.gesetzesweb.de/VersammlG.html

(9) Kontakt über: www.rav.de

(10) Zum Erfolg der Blockaden gibt es sehr unterschiedliche Meinungen, ich denke jedoch, auch wenn es nicht gelang, den G8-Gipfel zu stören, so konnte man doch sehr eindrucksvoll demonstrieren, dass in einer Demokratie auch das Verfassungsgericht nicht das letzte Wort haben kann und selbst tausende PolizistInnen entschlossenem, klugem und kollektivem Vorgehen nichts als blanke Gewalt entgegen zu setzen haben.

Rechte und Recht

Wer will, kann es im Grundgesetz nachlesen: die BRD ist ein Rechtsstaat, mit Gewalten­tei­lung, unabhängiger Justiz und Gleichheit vor dem Gesetz. Soweit die Theorie. In der Pra­xis aber scheinen manche gleicher als an­dere zu sein: Seit Wochen geistern Meldungen durch die Presse, es hätte in den 90er Jahren in Sachsen Vorfälle von ver­suchtem Mord, Be­stechung und „Prosti­tutions­service“ für Po­li­tiker gegeben. Dies hätte nie an die Öffent­lich­keit gelangen sollen, denn die Ermitt­lun­gen wurden vom Verfassungsschutz betrie­ben, der dazu nicht befugt ist. Rasch folgten Kon­se­quenzen: der zuständige Chef bei der Ver­fassungsaufsicht wurde entlassen. Die ge­sam­melten Akten­berge wurden ein Jahr lang von einem parlamentarischen Ausschuss ge­sich­tet und danach ver­nichtet… In die Vorfäl­le sollen viele verstrickt sein: Politik, Justiz und Ver­waltung; damit etwas zu tun gehabt ha­ben will keiner und so genau wollen es die Meisten wohl auch nicht wissen.

Um­so genauer wussten Medien und Polizei da­für schon im Vorfeld des G8-Gipfels, dass sie es mit Schwer­verbrechern zu tun haben, ge­gen die auch ohne Beweise vorgegangen wer­den kann und wurde. Aus Seifen­blasen­schaum wurde Säure, aus Anti-Kriegs-Reden Ge­walt­aufrufe. Wochen vorher wurden Woh­n­ungen und linke Projekte durchsucht, Briefe ab­gefangen und geöffnet – auf Verdacht… Wäh­rend des G8-Gipfels selbst wurde die Rei­se- und Versammlungs­freiheit ein­ge­schränkt, die Bundeswehr im Inneren einge­setzt, Men­schen wegen ihrer Anwesenheit an­ge­griffen, festgenommen und misshandelt. Die Ver­hafteten erhielten einen Vorge­schmack auf Zustände in anderen Ländern: sie verbrachten die Zeit einge­pfercht in Kä­fige, ohne medizinische und andere Versor­gung, dafür mit Dauer­be­leuchtung und-Über­wachung. Für sie galt die Gewalten­tei­lung nicht: von der Polizei gestellte Richter ent­schieden ohne Anwälte. Der geschaffene re­­pressive Raum wird von den staatlichen Be­hör­den fleißig genutzt: in der Woche nach dem Gipfel wurden erneut Wohnungen und Pro­jekte durchsucht. Man vermutet dort ter­rori­stische Vereinigungen, finden wird man wohl anderes…Ein Schelm, wer da an poli­tisch motivierte Rechts­auslegung denkt…

(hannah)

Die Illusion von Freiheit

Erich Fromm und die Vermittlung zwischen Marx und Freud

Da wir in einer Gesellschaft leben, die auf den drei Säulen Privateigentum, Profit und Macht ruht, ist unser Urteil äußerst vorein­ge­­nom­men. Erwerben, Besitzen und Geld­machen sind die geheiligten und unver­äußerlichen Rechte des Individuums in der Industrie­ge­sell­schaft.“ (1)

Erich Fromm – sowohl radikaler Human­ist und Optimist im Zeitalter der Auf­klärung, als auch selbsternannter Marxist und Freudianer – verbrachte zweifelsfrei die meiste Zeit seiner wissenschaftlichen Forschung mit den Studien von Freud und Marx. Sein Interesse galt dabei immer dem Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Psyche des Menschen.

Im Jahr 1900 als Kind orthodoxer jüdischer Eltern geboren, wendete er sich schon früh hin zu einer Art „humanis­tischer Religiösität“, die weniger ortho­dox, sondern vielmehr vom Zen-Buddhis­mus, der Mystik Meister Eckards und den Schriften von Marx geprägt war. Die Erfahrungen der zwei Weltkriege, die er z.T. im Exil mitverfolgte und die allge­meine Enttäuschung über die gescheiterte kommunistische Revolution prägten auch sein wissenschaftliches Interesse maß­geblich, so dass er versuchte, mittels der analytischen Sozialpsychologie einen Brückenschlag zwischen Individual­psychologie und Gesellschaftstheorie zu vollziehen. Eine Verbindung, die vor allem erklären sollte, warum die Menschen nicht – wie von Marx prophezeit – vom Sein zum Bewusstsein gelangen und sich selbst aus ihrer Klassenlage befreien, sondern sich stattdessen vielmehr von Autoritaris­mus und einem starken Führer anziehen lassen. Durch seine gesellschafts­theo­retischen Erkenntnisse, seine Arbeit im Frankfurter Psychoanalytischen Institut (2) und die praktischen Erfahrungen bei der Arbeit als Psychoanalytiker, entfernte sich Fromm auch zunehmend von bestimmten Freudschen Annahmen, wie der Libido-Theorie und wurde zu einem der be­kanntes­ten Revisionäre Freuds, obgleich er sich selbst zeitlebens als Freudianer bezeichnete. Dem gegenüber verlor er nie seinen positiven Bezug zu Marx und der Einstellung, die Ausbeutungsverhältnisse überwinden zu müssen, um eine humanis­tische Gesellschaft jenseits des Kapital­ismus zu errichten. Seine eigenen sozial­psychologischen Theorien, die vor allem in „Der Furcht vor der Freiheit“, „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ und „Haben oder Sein“ zum Ausdruck kommen, geben auch Einblick in seine Kritik bezüglich der Entwicklung der Gesellschaft in Zeiten von Nationalsozialismus und Kapital­ismus, sowie in seine Vorstellungen verschiedener Lebensauffassungen. Sig­nifi­kant – im Vergleich zu anderen Philosophen seiner Zeit, insbesondere der Frankfurter Schule – ist dabei jedoch seine unerschütterlich optimistische Grund­haltung, ob der Möglichkeit zur Verän­derung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich durch die Werke ziehen.

Die ungeklärte Verbindung zwischen Basis und Überbau

Als überzeugter Marxist und Anhänger der kommunistischen Revolution versuchte Fromm in seiner Synthese zwischen den individualpsychologischen Annahmen Freuds und der Gesellschaftstheorie Marx’ zu erklären, warum die objektiven ökono­mischen Verhältnisse (das Sein, die Basis) scheinbar nicht im Bewusstsein der Menschen als problematisch empfunden werden; also weshalb sich die Menschen anpassen und zu überzeugten Anhängern des Systems werden – obgleich sie nicht profitieren – statt gegen die Ausbeu­tungsverhältnisse mobil zu machen. Gleichzeitig wollte er damit jedoch nicht die Marxsche Theorie der Möglichkeit zur Überwindung dieses Systems in Frage stellen, sondern vielmehr durch die Erläuterung des psychischen Mechan­ismus ein größeres Verständnis fördern, wie schwierig (aber nicht unmöglich) der Weg vom Sein zum Bewusstsein ist. Er beschreitet damit einen Weg, der von Marx selbst nie begangen wurde, da sich für diesen der Übergang von der ‚Klasse an sich‘ zur ‚Klasse für sich‘ eben einfach und irrtümlich durch das Bewusst-werden der Klassenlage ergibt. Dieses Bewusst-werden wird nach Fromm jedoch haupt­sächlich durch drei Faktoren behindert: den gesellschaftlich modifizierten Trieb­apparat, den Gesellschaftscharakter und das gesellschaftliche Unbewusste.

Der gesellschaftlich modifizierte Triebapparat

Fromm vertrat die These, dass der menschliche Triebapparat bereits in gesellschaftlich veränderter Form er­scheint, also die tiefsten inneren Bedürf­nisse des Einzelnen bereits Anpassungen bzw. Sublimierungen der eigentlichen Triebe an die gesellschaftlich erreichbaren Bedürfnisse sind. Ausgangsbasis für diese These sind Freuds Analysen zum Selbster­hal­tungs­trieb und Sexualtrieb. Der Selbsterhaltungstrieb bezeichnet dabei essentielle Bedürfnisse wie Hunger, Schlaf und Fortpflanzung. Während der Sexual­trieb bei Freud die sexuellen Begierden beschreibt, bilden bei Fromm hingegen die Leidenschaften wie Selbstver­wirk­lichung aber auch die Sehnsucht nach Zwischenmenschlicher Liebe den zweiten Strang der ursprünglichen Triebe. Der Sexualtrieb unterscheidet sich vom Selbsterhaltungstrieb darin, dass er nicht zwingend existierende Mittel benötigt (er ist z.B. durch Phantasien komprimierbar) und zudem aufschiebbar, verdrängbar, sublimierbar und austauschbar ist.

Eben weil die Bedürfnisse dieses Triebes sehr anpassungsfähig sind und vielfältig befriedigt werden können, schließt Fromm daraus weiter, dass sich die Menschen auch bezüglich der Art zu Leben in der Gesellschaft an die ihnen zur Verfügung stehenden und erreichbaren Mittel anpassen und ihre eigentlichen Bedürfnisse so sublimieren. Da wir durch unsere Familie und den Rest der Gesell­schaft von vornherein Sublimierungs­möglichkeiten für Bedürfnisse angeboten bekommen, die eben nicht mehr die eigentlichen und ursprünglichen Leiden­schaften befriedigen, sondern den gege­benen Möglichkeiten entsprechen, wer­den wir uns jener auch nicht mehr bewusst. So ist die menschliche Psyche von vornherein gesellschaftlich veränderte Psyche und der Triebapparat ein bereits gesellschaftlich modifizierter Triebapparat. Ein Beispiel dafür ist der Erwerbstrieb, der eigentlich nicht existiert, sondern lediglich einen Ausdruck des Bedürfnisses nach Anerkennung oder Selbstverwirklichung darstellt. Dass die meisten Menschen im kapitalistischen System jedoch davon überzeugt sind (und waren), diesen Trieb zu verspüren, ist für Fromm ein Beweis, wie die eigentlichen Bedürfnisse bereits an die gesellschaftliche Realität angepasst bzw. sublimiert wurden, um den Anforde­rungen im Kapitalismus gerecht zu werden. So kann er erklären, warum die Menschen nicht zu einem Bewusstsein über ihre objektive Klassenlage gelangen: weil die Bedürfnisse, Interessen und Wünsche des Einzelnen bereits an die ökonomischen Gegebenheiten angepasst sind und der eigentliche Widerspruch zwischen dem möglichen gutem Leben und der Realität nicht mehr zum Aus­druck kommt.

Der Gesellschaftscharakter

Ausgangspunkt für Fromms eigene, dynamische Konzeption des Gesellschafts­charakters ist die Freudsche Charakter­konzeption. (3) Fromm hält allerdings nicht viel von Freuds Libido-Theorie – sprich seiner Sexualisierung der unbe­wussten Vorgänge – und verwirft deshalb auch seine Erklärung zum Ursprung der verschiedenen Charaktere. Stattdessen setzt er die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren begünstigende Charakter­eigenschaften als Ausgangsbasis zur Herausbildung der sog. Gesellschafts­charaktere, welche wiederum den Kern der Charaktereigenschaften beschreiben, den die meisten Mitglieder einer Kultur gemeinsam haben. Oraler und analer Charakter sind demnach nicht das Ergebnis sexueller Erregung, sondern Spiegelbild gesellschaftlicher Realitäten in Form von Verhaltensmerkmalen, die sowohl Aufschluss über Familie und Gesellschaft geben, als auch das optimale Funktionieren der Gesellschaft garan­tieren. So beschreibt der Gesellschafts­charakter im Grunde die gebündelten und verallgemeinerten Bedürfnisse des modifi­zierten Triebapparates, die sich in Verhal­tens­merkmalen und Charakter­eigen­schaften manifestieren.

Am bereits erwähnten sog. Erwerbstrieb (hinter dem eigentlich andere Bedürfnisse stehen) lässt sich dies gut verdeutlichen: Die Arbeit gilt unter den Menschen durch die moderne Industriegesellschaft weniger als Mittel zum Zweck, sondern als angestrebtes Ziel an sich, mit denen Werte wie Pünktlich­keit, Ordentlichkeit und Disziplin einhergehen, die notwendig sind, um z.B. den Produktionsprozess reibungslos und dauerhaft fortzuführen. Die Interna­lisierung seitens der Mehrzahl der Mitglie­der der Gesellschaft, diese Werte an­zu­stre­ben, verdeutlicht, wie sehr sich die Men­sch­en bereits von ihren ursprünglichen Be­dürfnissen entfernt haben und wie sich dies sogar in den Verhaltens- und Char­ak­ter­merkmalen widerspiegelt. Sicherlich gibt es solche individuellen Charak­tereigenschaften auch unabhängig von den ökonomischen Bedingungen, den­noch kann man die gewachsene Be­deutung dieser Werte anhand der ökono­mischen Umstände erklären. Der Gesell­schafts­charakter, als Bündel der „ge­wün­schten Eigenschaften“ wird zum Ver­mittler zwischen den ökonomischen Be­dingungen und der Psyche der Menschen. Fromm führt einige Beispiele in ver­schie­den­en historischen Epochen an, bei denen der (anfangs ungewollte, dann ge­sell­schaft­lich internalisierte) Wertewandel deut­lich wird; insbesondere aber bezieht er sich auf den Gesellschaftscharakter des Ka­pitalismus, den er weitestgehend mit Freuds analem Charakter vergleicht, bei dem vor allem das Besitzen, Haben und Hor­ten von Eigentum eine zentrale Rolle spielt. Im Vergleich zum frühen, cal­vi­nis­tisch geprägten Kapitalismus, in dem Spars­amkeit ein hoher Wert war, gehen die Tendenzen jetzt hin zu einer pseudo-he­donistischen Verhaltensweise, in der größt­möglicher Konsum an Bedeutung ge­winnt. Ebenso zählen in diesem Ge­sell­schafts­system Werte wie Rationalität und Sou­veränität weitaus höher als Mitleid und zwischenmenschliche Beziehungen, zudem wird Liebe heute zunehmend ver­ding­licht und rationalisiert:

Als die Haupt­charakterzüge des bürgerlichen Geistes glauben wir annehmen zu dürfen: Einerseits die Einschränkung des Genusses als Selbst­zweck (speziell der Sexualität), den Rückzug von der Liebe und die Ersetzung dieser Positionen durch die lustvolle Rolle des Sparens, Sammelns und Besitzens als Selbst­zweck, der Pflichterfüllung als obersten Wert, der rationalen ‚Ordentlichkeit‘ und der mit­leid­­losen Beziehungslosigkeit zum Mit­men­schen.“ (4)

Allerdings unterscheidet Fromm hier noch einmal zwischen den jeweiligen Lebensumständen der Mitglieder der Gesellschaft und kommt zu dem Schluss, dass die beschriebenen „analen Charakter­züge“ im Gesellschaftscharakter des Kapi­tal­ismus eher denen des Kleinbürgertums ent­sprechen, wohingegen das mittellose Pro­letariat eher mit oralen Charakter­zügen vergleichbar wäre. (5) Im Grunde be­schreibt Fromm den Ge­sell­schafts­charak­ter als Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft, wo menschliche Energie und die offene Veranlagung zur Aus­prä­gung verschiedener Charaktere so um­ge­formt wird, wie es der derzeitigen Ge­sell­schafts­form „nützt“.

Das gesellschaftliche Unbewusste

Ein weiteres Element, das zwischen Basis und Überbau vermittelnd wirkt, ist das gesell­schaftliche Unbewusste. Sowohl Marx als auch Freud gehen davon aus, dass wir in einem sog. ‚falschen Bewusstsein‘ le­ben und unsere Wirklichkeit nicht immer der tatsächlichen Realität ent­spricht. Freud hebt damit hauptsächlich auf das individuelle Unbewusste ab, in dem die verdrängten und sublimierten libidinösen Kräfte schlummern, die durch den Widerstand des Ichs und des Über-Ichs nicht zu Tage treten. Fromm erweitert Freuds Theorie dahingehend, dass er nicht nur sexuelle Triebe und Gefühle als verdrängt erachtet, sondern alle Tatsachen und Ideen, die dem Weltbild – meistens den herrschenden ge­sell­schaftlichen Normen – zuwiderlaufen. Denn das Weltbild dient als eigener Bezugsrahmen, der Sicherheit und Orientierung ge­währ­leistet, weshalb das, was mit den gesell­schaft­­lichen oder fa­mi­liären Sitten unvereinbar ist, ab einem gewissen Punkt ins Un­be­wusste verdrängt wird, um diese Sicherheit nicht zu ge­fährden.

Weil hier die menschliche Subjektivität durch die ge­sell­schaftlichen, objektiven Faktoren bestimmt wird, die wiederum in­direkt das Handeln beeinflussen, lebt der Durchschnittsmensch in der Illusion, frei zu sein. Fromm spricht in diesem Zu­sammenhang von dem gesellschaftlichen Un­be­wussten, dem kol­lektiven Verdrängen der „objektiven“ ge­sell­schaftlichen Umstände (wenn sie dem eigenen Weltbild zu­widerlaufen) aus Angst vor Iso­lation aus gesellschaftlichen Grup­pen. Auch Marx geht von ei­nem ‚falschen Bewusstsein‘ aus, aller­dings sind die Faktoren, die das Bewusstsein beeinflussen, nicht wie bei Freud die trieb­tech­nischen Bedürfnisse, sondern die ge­sell­schaftlichen, öko­no­mischen und historischen Verhältnisse. Da er ja prinzipiell davon aus­geht, dass das Sein das Bewusstsein be­stimmt, ist es logisch, dass die gesellschaftlichen Produktions­ver­hältnisse auf die Le­bens­praxis und diese wiederum auf das Be­wusstsein wirken. Fromm stärkt nun, durch seine These des ge­sellschaftlichen Un­be­wussten, Marx’ Argument und bringt sie mit den Freudschen An­nahmen zum individuellen Unbewussten in Verbindung.

Wenn Marx bedeutend sagt: „Die Forderung die Illusion über einen Zus­tand aufzugeben, ist die Forderung einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf“ (6), dann plädiert er für eine Bewusstwerdung ins­besondere der ‚Klasse an sich‘ zur ‚Klasse für sich‘, um die ge­sellschaftlichen Verhältnisse zum Umsturz zu bringen und die Menschen von ihrer Illusion zu befreien. Für diese Be­wusst­werdung argumentiert Fromm auch, sieht aber hauptsächlich die drei erläuterten Elemente der menschlichen bzw. gesellschaftlichen Psy­che, die die Vermittlung zwischen Basis und Überbau zwar er­klären, jedoch im Marxschen Sinne auch erschweren: das ge­sellschaftliche Unbewusste, das (im ideellen Überbau angesiedelt) die Impulse vergräbt, die nicht mit den gesellschaftlich gegeben Werten übereinstimmen; der Gesell­schafts­­charakter, der die herrschenden Verhaltens- und Charaktermerkmale als gewünschte und ureigenste zwischen Basis und Überbau vermittelt; und die ge­sellschaftlich modifizierte Triebstruktur, die von der Basis aus be­reits die eigentlichen menschlichen Bedürfnisse und Triebe in ge­sellschaftlich realisierbare modifiziert.

Mit dieser Erklärung, die Fromm nur mit Hilfe der Freudschen psychoanalytischen Er­kenntnisse fassen konnte, kann er die Wechselwirkung zwischen Sein und Bewusstsein, zwischen objektiven Verhältnissen (Basis) und subjektiven Bedürfnissen (Überbau) einleuchtend erklären und durch das Wie der Vermittlung Marx untermauern. Warum es bisher nicht zu der von Marxisten prophezeiten Revolution ge­kommen ist, wird so auch deutlich: denn mit den beschriebenen Hin­dernissen, die zwischen der Klasse an und für sich liegen, ist eine Bewusstwerdung schwierig zu vollziehen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass es dem Proletariat dann ökonomisch besser ging und dementsprechend durch Konsumbefriedigung die eigentlichen Bedürfnisse relativ gut sublimiert wurden. Allerdings lässt Fromm auch die Hoffnung auf Umsturz der Ver­hältnisse offen, denn er geht davon aus, dass bei zunehmenden ob­jektiven Widersprüchen die libidinösen Leidenschaften, die noch als ‚Kitt‘ fungieren und sich an die gesellschaftliche Realität an­passen, dann zur Sprengkraft werden und wiederum verändernd auf die ökonomischen Verhältnisse einwirken können. Leider verrät Fromm an dieser Stelle nicht, wie die optimistische Wendung in den Rahmen seines Konzeptes integriert werden kann, wo die Menschen doch nun neben der ökonomischen Ab­hängigkeit auch psychisch der gesellschaftlichen Realität ausgeliefert sind. Einige Handlungsansätze, die den Weg weg vom kapitalistischen Denken bereiten können, bietet Fromm jedoch in „Haben oder Sein“ an. Trotz der Ungeklärtheit der theoretischen Einbettung, gibt sein Optimismus und die herzerfrischende Philosophie dem Zusammendenken von Gesellschaft und Psyche eine neue erfahrenswerte Dimension und untermauert zudem die eigene politische Motivation.

(momo)

Nur in einer Gesellschaft, in der es keine Ausbeutung gibt und die daher nicht auf irrationale Annahmen zurückgreifen muß, um die Ausbeutung zu vertuschen oder zu rechtfertigen, nur in einer Gesellschaft, in der die grundlegenden Widersprüche gelöst sind und in der die gesellschaftliche Wirklichkeit unverzerrt erkannt werden kann, kann der Mensch vollen Gebrauch von seiner Vernunft machen und erst dann kann er die Wirklichkeit unentstellt erkennen, das heißt, erst dann kann er die Wahrheit sagen.“ (7)

Literatur von Fromm: „Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud“, „Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie“, „Die Furcht vor der Freiheit“, „Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung“, „Haben oder Sein“

(1) Fromm (1976) „Haben oder Sein“
(2) Das Psychoanalytische Institut wurde 1929 gegründet und befand sich in den Räumen des Frankfurter Institutes für Sozialforschung (IfS), das unter der Leitung von Max Horkheimer stand. Ab 1930 war Fromm Leiter der sozialpsychologischen Abteilung, die – wie alle Institute – unabhängig waren, jedoch im ständigen Austausch standen. Fromms Freundschaft und Zusammenarbeit mit Horkheimer und dem IfS verminderte sich erst im New Yorker Exil, u.a. bedingt durch Fromms Entfernung zur kritischen Theorie hin zu mehr Soziologisierung der Freudschen Psychoanalyse, diversen Geldstreitigkeiten und Auseinandersetzungen mit Adorno.
(3) Dort entwirft Freud verschiedene Charaktere, die insbesondere bei neurotischen und perversen Menschen zum Ausdruck kommen und Ergebnis einer gestörten kindlichen Entwicklung in Bezug auf die eigene Sexualität sind. In dieser Konzeption entsteht der orale Charakter z.B. durch Entzug von der Mutterbrust und der anale Charakter resultiert aus Störungen der sexuellen Faszination dem eigenen Stuhl gegenüber.
(4) Fromm (1970): „Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie“
(5) An dieser Stelle wird seine idealisierte Sichtweise besonders deutlich, da er mit dem oralen Charakter vor allem die Lebensweise des Seins verbindet. Da er allerdings auch selber feststellte, dass das nicht der Realität entspricht, weil auch innerhalb des Proletariats anale Charakterzüge zu finden sind, erklärte er sie mit der Prägung durch die traditionelle Familie, die den vorherrschenden Gesellschaftscharakter an ihre Kinder weitergibt.
(6) Marx in Fromm (1962): „Jenseits der Illusionen“
(7) Fromm (1980): „Sigmund Freuds Psychoanalyse – Größen und Grenzen“

Editorial FA! #26

Herzlichen Glückwunsch! Du hast es geschafft, a) richtig lange auf die nächste Ausgabe zu warten und b) dieses rare Bleiwüsten-Exemplar auch noch unter Dönerresten, Kronkorken oder lauter verstaubten Leseexemplaren zu finden! Aber es wird NOCH besser, denn a) gibt’s jetzt drei neue Verkaufsstellen und damit ca. 13% mehr Chancen, den Feierabend! erfolgreich zu konsumieren und b) werden beim näxten Mal gaaanz sicher wieder mehr Löcher in Bilderform ins Heft gerissen. Ausreissen solltest Du auch den ABO-Schnipsel am Ende, dann wird auch der Einkauf neuer Hefte viel einfacher.

Diesmal gibt’s also einen Feierabend! voller „No-BILD-Areas“. Denn nach schlaflosen Nächten der wenigen Da­heim­gebliebenen in Sorge um unsere Schreiberlinge auf Sondereinsatz an der Küste, füllten sich die Seiten erst langsam, dann aber heftig (S. 7-15). Am Ende kassierten selbst die Kurz­mel­dungen Platzverweise und auch unsere liebe Resi blieb auf der Strecke. Apropos, wenn Du in Dir Zeichen-Talente verspürst, das Feierabend!-Maskottchen würde sich über neue Substanz und Lebenshauch freuen. Kontakt per Mail über: FeierabendLE@web.de

Als NeueinsteigerIn wärst Du nicht mal allein, denn nachdem unsere Re­dak­tions­tür schon länger durch einen aufdringlichen Zeh klemmte, haben wir den Kerl einfach fest aufgenommen. Er prokrastiniert am Ende sein Debüt (S. 25).

Letztlich: Die Schatten des Feierabend! reichen nun bis ins italienische Pisa (Biblioteca Franco Serantini). So sieht unsere Globalisierung aus.

Euer Feierabend!

Kleine Schritte, große Sprünge – Anarchie als Alltag

Interview mit Horst Stowasser zur Situation der libertären Bewegung in der BRD

Horst Stowasser, Jahrgang 1951, fand in seiner Jugend in Argentinien zum Anar­chismus und lebt heute als freier Journalist in Neustadt an der Weinstraße. In seinen Publikationen befasst er sich mit dem Thema Anarchismus in Ge­schichte und Gegenwart. Im Frühjahr diesen Jahres veröffentlichte er zwei neue Bücher: „Anti-Aging für die Anarchie“ sowie „Anarchie!“, das erst kürzlich auf Platz 1 der deutschen Sachbuch-Besten­liste stand. Derzeit engagiert er sich beim Aufbau eines generationsübergreifenden Wohn- und Lebensprojektes (www.eil­hardshof.de) in Neustadt.

Feierabend!: Herr Stowasser, was sagen Sie zum Wetter aktuell?

Horst Stowasser (HS): Das Wetter passt zur Situation der libertären Bewegung in Deutschland…

FA!: Können Sie das näher beschreiben?

HS: …etwas triste aber mit der Aussicht auf Besserung. Wir bleiben beim „Du“, ja?

FA!: Wie würdest Du die Aussichten auf Besserung beschreiben?

HS: Ja, wollen wir mal von der Metapher mit dem Wetter wegkommen. Ich glaube, dass die meisten Probleme der Libertären hausgemacht sind, selbst gemacht, selbst verschuldet. Als ich ein junger Libertärer war, da war es immer der böse Klassen­feind und die Polizei, die schuld an allem waren. Und heute sind es die Faschos oder die Prekarität. Aber ich finde, dass unsere Bewegung viel zu sehr im eigenen Saft schmort, auf sich selbst bezogen ist, sich selbst reflektiert, sich gegenseitig kritisiert und sich dadurch im Laufe der Zeit so ein richtig bequemes Insidernest ge­schaffen hat, aus dem sie nicht raus kommt. In manchen Szenen glaube ich, auch gar nicht raus will.

FA!: Ja, womit glaubst Du hängt diese Auf-Sich-Selbst-Bezogenheit zusammen? Ist das theorieimmanent oder hat es sich so entwickelt aus praktischen Engpässen, die passiert sind?

HS: Es ist in der Theorie mit Sicherheit nicht so angelegt, denn der Anarchismus ist – bzw. es gibt ja nicht den Anarchismus – aber sagen wir mal: der „Mainstream-Anarchismus, ist ja eigentlich eine Idee, die sich nichts weniger auf die Fahnen geschrieben hat, als die Gesellschaft, die ganze Gesellschaft zu verändern. Dagegen ist diese Rückbeziehung auf sich selbst, die Nabelschau, das Kultivieren von immer perfekter ausgedachten Verhaltens­weisen, szenespezifischen Sprachen oder sonstigen Ritualen eigentlich ein Zeichen der Schwäche, der Isolierung – und zwar schon immer. Das war historisch in den anar­chistischen Bewegungen nach großen Niederlagen und Einbrüchen so, ein Symptom der Rat­losigkeit. Bei­spiels­­weise nach der Pariser Kom­mune, die Phase des indi­vi­duellen Ter­rors, der in eine Sack­gasse führte. Es hat 20, fast 30 Jahre gedauert, bis sich danach wieder etwas Kon­s­truktives wie der Anar­cho­­syndi­kalismus heraus­bilden konnte. Der hat dann tat­säch­lich inner­halb von wenigen Jahren in einem er­sten großen Ex­peri­ment mit Millionen Men­schen gezeigt, dass es funk­tio­niert. Nach dem Krieg allerdings war der Anar­chis­mus praktisch am Boden, de facto völlig aus­gerottet, zu­mindest in Deut­schland.

Aber es gab auch Länder, in denen der Anarchismus ganz normaler Alltags­bestandteil von Gen­erationen gewesen war, von vielen Men­schen, nicht von ein paar Tausend, ich rede jetzt mal von Hundert­tausenden oder Millionen. Das hinterlässt natürlich Spuren in Gesellschaft und Kultur. Wenn ich heute in Italien oder Frankreich oder Spanien über Anarchismus rede, dann ist das etwa so, wie wenn man hier über Sozial­demokratie oder die Evangelische Kirche redet. Der Anar­chismus hatte in solchen Phasen immer etwas „Normales“, er war verwurzelt und zwar nicht nur ideen­geschichtlich sondern auch sozial-prak­tisch, d.h. er hat es verstanden, lebendige Dinge erschaffen, die im alltäglichen Leben der Menschen eine Bedeutung hatten. Also ganz kon­krete Dinge, so dass die Chance bestand, auch diejenigen Menschen für anar­chistische oder anar­chische Struk­turen zu begeistern, die sich theoretisch selbst nicht als Anarchisten bezeichnen würden.

FA!: Überhaupt diese Bezeichnung „Anarchismus“, was würdest Du eigent­lich darunter verstehen? Inwiefern kenn­zeichnet das eine Art von anderer sozial­istischer Bewegung oder Theorie als die der Marxisten?

HS: Also, die bewussten Anarchisten, die sich selbst so nennen, das sind ja Über­zeugungs­menschen, und da gibt’s für die meisten eine ganz einfache Formel: A=S+F, heißt Anarchismus gleich Sozialismus plus Freiheit. Und das ist genau der springende Punkt, ganz vereinfacht: Dem autoritären Sozialismus fehlt das freiheitliche Element oder anders ausgedrückt, das Vertrauen in die Selbstverwaltungskräfte der Men­schen. Der klassische Marxismus – es gibt natürlich auch ein paar nette libertäre Marxisten darunter – aber der „Main­stream-Marxist“ glaubt, er wüsste die ganze Wahrheit und müsste die Menschen zwangsbeglücken. Die Menschen sind noch nicht reif, also werden sie halt reif gemacht. Das ist selbstverständlich ein unfreiheitlicher Ansatz.

Trotzdem gibt es natürlich auch eine große Deckungsmenge in den sozialen Pro­jektionen. Der Anarchismus ist ja schließ­lich auch eine soziale Bewegung, und nicht nur eine andere Lebens­philosophie. Er will ja auch die Wirtschaft zum Beispiel völlig auf den Kopf stellen, die Ökologie und viele andere Dinge anders anpacken, die natürlich auch dringend einer radi­kalen Wende bedürfen – und zwar unabhängig davon, ob die Anarchisten nun gerade eine attraktive Idee haben oder nicht.

FA!: Allerdings will der Marxismus auch eine komplette gesellschaftliche Umwälzung vonstatten gehen lassen.

HS: Einspruch… also komplett ja eben nicht, weil es nach der marxistischen Theorie nach wie vor klare Hierarchien geben wird. Und die Frage der Hier­archien hängt wiederum sehr stark mit wirtschaftlichen Strukturen zusammen. Ich glaube auch nicht, dass man ein wirklich sozialistisches Wirtschaftssystem durch Zentralisierung hinkriegen kann, das muss dezentral laufen, um die Menschen dahin zu bekommen, dass sie Vertrauen in ihre eigenen Kräfte ent­wickeln und freiwillig anders leben wollen. Das ist der Schlüssel.

Man sagt oft, die anarchistische Utopie ist ja ganz nett, aber im Ganzen ist es Spinnerei, zu naiv gedacht, denn wir bräuchten dafür einen völlig neuen Menschen. Aber das entspricht überhaupt nicht der Dialektik des Anarchismus, die im Grunde sagt: Indem wir virulente Projekte schaffen, in denen die Menschen in kleinen Schritten die Angst verlieren, den Respekt vorm Staat, gewinnen sie gleichzeitig das Vertrauen in die eigene Kraft.

FA!: Also ist eine Umwälzung im anar­chistischen Sinne eine Umwälzung der kleinen Schritte?

HS: So sehe ich das zumindest. Was ja nicht heißt, dass natürlich in bestimmten Momenten auch eine Revolution im um­stürzlerischen Sinne gebraucht wird. Aber das, was man gemeinhin unter Revolution versteht, ist ein Miß­ver­ständnis, ein semantisches. Die meisten Leute verstehen unter Revolution Bar­rikaden­bau und Pulverdampf. Das darf man nicht mit der eigentlichen Re­volution verwechseln. Die Revolution, die Umwälzung, ist immer ein Prozess, der kleine Schritte und große Sprünge macht.

FA!: Welche Bedeutung nimmt im diesem Zusammenhang das Lieblingskind der Anarchisten ein, die Spanische Revolution 1936-39?

HS: Wenn wir diese „Revolution“ mal genau betrachten, die hat ja nicht erst 1936 stattgefunden, das ist ein Märchen. Das Ganze hat mindestens 20 Jahre vorher angefangen. Die Vorarbeit, die da geleistet wurde, diese kleinen Schritte, haben den Erfolg erst möglich gemacht. Dass eine revolutionäre Situation bestand, dafür konnten die Anarchisten am wenigsten. Die Faschisten haben ja schließlich geputscht. Hätten die Anarchisten einfach nur gesagt: Wir sind in der Lage, diesen Putsch militärisch niederzuschlagen; dann hätte es vielleicht eine Woche gedauert und der Atem wäre aus gewesen. Aber die Leute hatten sich 20 Jahre auf die Revolution vorbereitet. Wie übernehme ich eine Fabrik? Wie manage ich den Warenfluss? Geldfluss, Import, Export, Ressourcen?

Die Arbeiter hatten wirklich Betriebs­wirtschaft gebüffelt. Das ist sicher nicht so spektakulär wie Barrikadenkämpfe aber notwendiger Teil einer richtigen sozialen Revolution. Und das hatte im Umkehr­schluss zur Folge, dass die Menschen plötzlich massenweise, millionenweise gesagt haben: OK, da machen wir mit, das ist besser als was anderes, wir vertrauen den Anarchisten. Es ist ein Mythos, dass das alles Anarchisten waren. Die Mil­lionen, das waren viele Mitläufer, aber Mitläufer im positiven Sinn, die wurden nicht gezwungen. Und das ist der Unter­schied …

FA!: Also da hatte der Anarchismus eine gewisse Integrativkraft entwickelt. Wie ist das eigentlich heute?

HS: Der Anarchismus hatte eine At­traktivität, weil die Menschen, die sich so bezeichneten, Schulen und Kindergärten bauten, Lebensmittelkooperativen hatten, Streiks führen konnten und die Fabriken besetzt haben. Denen glaubte man halt einfach, dass sie auch die Gesellschaft besser „managen“ würden als der Staat. Wenn ich dagegen sage, Anarchisten, das sind Menschen, die machen eine tolle Zeitung wie den Feierabend! und organi­sieren so ein nettes Ladenlokal wie die Libelle, dann hätte auch ich wohl meine Zweifel, ob sie deswegen beispielsweise auch ganz Leipzig managen könnten. Soweit zu kommen, das ist ein Prozess, der braucht seine Zeit. Das ist natürlich auch eine Frage der Selbstdarstellung nach außen.

FA!: Und wie würde das allgemein heute aussehen, gibt’s da überhaupt Möglichkeiten? Du hast ja auch immer wieder Kritik an der „Versumpfung“ in der Subkultur formuliert?

HS: Die Frage ist die, was wollen wir denn erreichen? Wollen wir diese Gesellschaft revolutionieren, wollen wir Millionen Menschen ansprechen oder wollen wir im Schmollwinkel sitzen und sagen, ihr seid alle Spießer, wir sind besser, ihr könnt uns mal den Buckel runterrutschen, wir schaffen uns hier unseren Freiraum. Das ist ohne Zweifel legitim, aber um die Frage zu beantworten: Selbstverständlich gibt es solche Möglichkeiten, ich kenne auch eine ganze Reihe davon, die sind nur nicht so spektakulär …

Also ich bin ja ein Anarchist, der eher dazu neigt zu sagen: Ich finde das, was der Anarchismus zu einem Thema sagt, eine tolle Idee, aber lasst es uns erstmal ausprobieren. Ja und manchmal sind die Ideen dann gar nicht so toll und phan­tastisch, zumindest die Aus­führungs­bestimmungen, die daran hängen. Man muss immer testen: Verbessere ich eine Idee oder begehe ich mit der Verbesserung Verrat am Grundsätzlichen, an der Substanz? Das ist immer ein heikler Weg, aber man sollte offen sein und un­dog­matisch. Von daher ist der Anarchismus wie eine lebendige Wundertüte und ich hoffe, die wird er auch noch lange bleiben.

FA!: Ok, vielen Dank für das Gespräch, super Sache …

(u.a. k.rotte)

„…bei Streik hätte ich nicht unterschrieben…“*

Am 24. April 2007 standen bei der QuelleNeckermann Versand Service GmbH in Leipzig für einige Stunden die Räder still. ArbeiterInnen hielten vor den Werkstoren eine spontane Protest­ver­sammlung ab. Die KollegInnen kamen gerade aus einer Versammlung, auf der ihnen die Ge­schäfts­leitung erklärt hatte, ab Herbst seien 42 Stunden pro Woche zu arbeiten. Und 314 KollegInnen seien überflüssig. Für 299 gäbe es das einmalige „Angebot“ für einen Aufhebungsvertrag mit einer Abfindung von 9000 Euro plus 1000 Euro pro Beschäftigungsjahr (max. 21000 Euro).

Der Stein des Anstoßes

Die bisher bei Karstadt geltende Betriebs­vereinbarung (1) soll abgeschafft werden. Mit ernster Miene wurden den An­gestell­ten die neuen Arbeitsbedingungen erläu­tert und Änderungsverträge in versiegelten Um­schlägen verteilt: Ge­zwungen von der allmächtigen Hand des internationalen Wettbewerbs müsse der Konzern 314 der 1170 ArbeiterInnen (2) feuern und den Verbleibenden die Mehr­arbeit zum Stundenlohn von knapp 8 € aufbürden.

Ab Oktober sollen mit 63 Prozent der Belegschaft bei einer 7-Tage-Woche 11,75 Stunden mehr gearbeitet werden. Schmack­­­­­haft gemacht werden soll dieses Angebot mit einem zwei­jährigen Schutz vor betriebs­bedingter Kündigung und dass es brutto knapp 200 € mehr im Monat sein sollen.

Daneben wurde noch er­wähnt, dass die abzubauenden Stellen schon bei der Agen­tur für Arbeit gemeldet seien und mensch sich also keine Sorgen machen brauche, sich mit der Arbeitslos-Meldung zu ver­spä­ten.

Die Arbeit in den größten Abteilungen, in der die Bestellungen versandfertig ge­macht werden, ist angespannte, konzen­trier­te Monotonie. Während der Schicht steht mensch zwischen mehreren Rut­schen in einer Lagerhalle und sortiert die an­kommenden Artikel zu Paketen zusam­men. Langeweile kommt auf beim stän­di­gen Heben und Strecken, während im Kopf die Zahlenkolonnen vorbei wan­dern. Gedankliche Ablenkung kann schnell zu Fehlern führen, dann gibt’s bei ge­­ringster Fehlerquote, wie zwei Fehler bei 1000 Paketen, Abmahnungen und Kün­di­gungen. Eine knappe halbe Minute darf es dauern, dann muss ein Paket zusam­men­­gestellt und verschnürt sein, wobei es nach Ansicht der oberen Etage keinen Un­terschied macht, BH’s und Bekleidung zu packen oder Küchenmaschinen und 60-tei­lige Geschirrservice. In letzter Zeit ha­ben die schwergewichtigen Sendungen beständig zugenommen und die Prämien­tabelle wurde beständig nach unten korri­giert. In betriebsinternen Umfragen gab die Mehrzahl an, das einzige was sie an der Arbeit bei Quelle schätzten, sei, dass der Lohn jeden Monat aufs Konto kom­me.

Spontane (?) Empörung

Aus oben erwähnter Belegschaftsver­samm­­lung, welche von der Geschäftslei­tung – um den Widerspruchsgeist am Stand­ort Leipzig wissend – erst am Vor­abend angekündigt wurde, entwickelte sich eine spontane Versammlung vor den Werks­toren und dann ging es vorzeitig ins Wo­chen­ende. Vorsorglich hatten alle den Nachmittag frei bekommen – wobei die Mehr­zahl an diesem Tag wohl sowieso nicht mehr in die Hallen zurück gekehrt wäre. Die Strategie der Konzernleitung vor­aus denkend, hatten einige Leipziger Kolle­gInnen schon am 5. April eine Solidari­tätskundgebung vor der Leipziger Kar­stadt-Filiale organisiert. Mit Unter­schrif­­ten­listen sollte den ArbeiterInnen im Quelle-Call-Center Nürnberg im Kampf gegen Lohn­senkungen und verlängerter Arbeitszeit der Rücken gestärkt werden.

Ein Arbeitskampf kommt selten allein

In Nürnberg wurde den ArbeiterInnen im Call-Center Quelle Weiterbeschäftigung für 1100 Euro Brutto bei einer 42-Stunden-Woche statt wie vorher 37,5 Stunden gebo­ten. Oder eben der Abschied aus dem Un­ter­nehmen. Dagegen setzen sich die Kolle­gInnen vor Ort unter dem Motto: „Arbeit darf nicht arm machen“ zur Wehr. (3) Die „neuen Arbeits­be­dingungen“, um einige hundert Euro aufpoliert (1.456/1.555 Euro) wurden knapp drei Wochen später auch in Leipzig unter­breitet.

Die Arbeitskämpfe bei Quelle waren jedoch nicht die einzigen. Verblüffend ähnlich stellte sich die Problematik bei der Telekom dar: die Wochenarbeitszeit sollte ohne Lohnausgleich um mindestens 4 Stunden steigen, der Lohn um 9 Prozent sinken und nur zu 80 Prozent fix sein, der Rest wird an eine Erfolgsquote gebunden. Am 20. Juni kam es nach mehrwöchigem Streik – dem ersten in der Geschichte des Unternehmens – zum Kompromiss zwi­schen ver.di und der Telekom: Das Einkom­mens­niveau sinkt um 6,5 Prozent und die wöchentliche Arbeitszeit wird um 4 auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich er­höht…

Der Stein kommt ins Rollen

Zurück zu Quelle Leipzig: Am Montag nach der Protestversammlung erwarteten nicht wenige KollegInnen, dass ge­streikt werden würde. Gleichzeitig sah rund die Hälfte der Belegschaft keinen anderen Ausweg als die bittere Kröte, sprich neuen Verträge zu schluc­ken. Man­che sahen sich ge­zwungen, einen Aufhe­bungsvertrag zu unter­schreiben, weil es für sie nicht mehr möglich ist, unter den neuen Bedin­gungen zu arbeiten. Dieser Spa­gat der Haltungen fand sich innerhalb des Betriebsrats und unter den ver.di-Mitgliedern wieder: Sowohl in der Ange­stellten-Vertretung als auch der Gewerk­schaft, die circa 300 Arbeite­rInnnen vertritt, warben einige für einen Arbeits­kampf und den Boykott der Än­derungs- und Aufhebungsverträge, währ­end andere sich gezähmt zeigten und mit ihrer eigenen Unterschrift ein entmu­ti­gen­des Zeichen setzten. ver.di riet zur Unter­schriftsver­wei­gerung und zum Gang vor das Arbeits­gericht, falls es zu betriebs­be­dingten Kündigungen komme. Wäh­rend aktive GewerkschafterInnen für ei­nen Streik eintraten, lehnte ver.di offiziell eine Arbeitsnieder­le­gung ab. Die Begrün­dung: der Organisationsgrad sei zu niedrig und man fürchte auf Schadensersatz ver­klagt zu werden, falls der Streik nicht ge­won­nen würde. So gab es keinen Streik­auf­ruf von irgend­einer Seite. Letztendlich hätten kämp­ferische KollegInnen im Betrieb die Sache selbst in die Hand nehmen müssen. Dazu hätten sie die Unterstützung des Solikrei­ses, der MLPD und anderer ge­habt.

„Zögern Sie nicht … So ein Angebot kommt so schnell nicht wieder“ (4)

Derweil griff die Personalleitung in die Humorkiste und verteilte Faltblätter, in denen die Aufhebungsverträge und die schmalen Verträge als kurzfristiges Sonder­angebot angepriesen wurden. Noch während der 14-tägigen Bedenkzeit wurde der Druck auf die ArbeiterInnen stetig erhöht; Vorarbeiter sprachen die Kolle­gInnen an, ob sie nicht lieber bald unter­schreiben wollten.

Das Management gab sich alle Mühe, zu einem Wettlauf auf die „knappen“ Arbeits­plätze anzustacheln. Mensch wurde ge­drängt, Nummern zu ziehen, die dann per Be­triebslautsprecher aufgerufen wur­den. Ins­gesamt hatten innerhalb der Frist bis zum 4. Mai ¾ der ArbeiterInnen den einen oder anderen Vertrag unterzeichnet. Man­che griffen zum Strohhalm 42-Stun­den-Woche, um das Familienein­kommen zu ret­ten, andere widerwillig mit Rück­sicht auf ih­re Gesundheit und/oder ihre Familie zur Ab­findung und einige kamen zu Ver­trauens­leuten und zum Betriebsrat, um sich zu erkundigen, ob man die Unter­schrift zu­rück ziehen könne. 200 Kolle­gInnen aller­dings entschieden sich für die dritte Mög­lich­keit: sie behielten durch keinerlei Unter­schrift ihre bisherigen Verträge nach Tarif.

…die Mehrheit und die Minderheit…

Zwei Tage nach der Protestversammlung berief ver.di eine offene Mit­glieder­ver­sammlung ein, an der 170 Personen teilnah­men und die einige Neueintritte zur Folge hatte. Man be­riet sich unter­einander, was da über­haupt geschehen war – die Konzern­leitung war schon vorher mit ihrer Drohung, die Stundenlöhne auf 6,50 € zu kürzen nicht durchgekommen und hatte nun eine Nacht­- und Nebel­aktion gene­ralstabs­mäßig vor­bereitet und durchzogen. Es wurde bera­ten und aufgeklärt, was in den neuen Verträ­gen überhaupt drin steht und aufgerufen, nicht zu unterschreiben. Da­nach wollten mehrere ihre Unterschrift widerrufen.

Auf der Betriebsversammlung am folgen­den Donnerstag, den 26.04. – welche erst auf den späten Nachmittag verlegt wurde, wohl aus der Angst es würde danach so­wieso nicht mehr gearbeitet – wurde von Vorgesetzten den Kollegen nahegelegt, doch lieber „frei“ zu nehmen. Unter App­laus zerfetzte eine Arbeiterin ihre beiden „Angebote“ der „Arbeitgeberseite“. Derweil ist es stiller geworden, denn es gibt einiges zu verdauen. Die vergangenen Er­eig­­nisse werden ausgewertet, um weitere Schluss­folgerungen ziehen zu können. Bei denen, die nicht unterschrieben haben, über­wiegt die Haltung, dass es nun einfach reicht und die Vorschläge der Chefs nur der Anfang vom Ende sind. Solidaritäts­bot­­schaften fanden ihren Weg von Nürn­berg – wo die Auseinandersetzungen eben­falls noch nicht beendet sind – nach Leipzig.

Die ArbeiterInnen im Soli-Kreis fordern Anerkennungsverträge und wollen für den Erhalt aller Arbeitsplätze eintreten, für den Zusammenhalt der gesamten Beleg­schaft. Stiller Protest zeigt sich am deut­lichsten an der Zahl der Krank­mel­dungen. Die ge­wöhn­liche Quote von 10 Prozent wurde im Mai vor allem von jenen mit Auf­hebungs­verträgen in der Tasche deutlich überschritten…

(hannah)

 

* Äußerung einer Mitarbeiterin nach der Unterschrift unter ihren Änderungsvertrag. Interview mit Betriebsrätin G.K.

(1) Stundenlohn von 9,42 €, wöchentliche Arbeitszeit von 31 Std., 6 Wochen Urlaub und weitere Regelungen, wie Urlaubsgeld, Frei bei familiären Ereignissen, entsprechend dem TV Einzelhandel Sachsen.

(2) 70 Prozent der Angestellten sind Frauen, über 50 Schwerbehinderte.

(3) Derzeit ist der Konflikt um das Call Center Quelle in Nürnberg noch nicht beigelegt, nun sollen bis Ende 2007 741 MitarbeiterInnen entlassen werden. Am 19. Juni stimmten 97,6 % der Beschäftigten für Streik.

(4) Zitat aus Mitarbeiter-Info Leipzig 20.4. 2007, Quelle-Neckermann Logistik, auf dem die Konditionen der freiwilligen Kündigung genannt werden.

Wallenstein-Trilogie

(Jürgen Engel, Schauspielhaus Leipzig, D)

… Und damit auch die Langeweile und der schlechte Hunger auf das Event, das sich gerade dadurch vom Happening unterscheidet, dass es im Vollzug jede Überraschung ausschaltet, nur geschehen läßt, was jedeR bereits weiß und schon erwartet. Wenn dann noch grenzenlose Beliebigkeit die letzte Möglichkeit auf ein ganz gerades Spektakel verdirbt, bleibt wirklich nichts als der Griff in die Schatulle der alt bewährten Rauschmittel oder ein Termin beim biochemischen Designer …

 

Dass Leipzig in vielerlei Hinsicht zurückgeblieben ist, dürfte nicht neu sein. Indiz hierfür ist die aktuelle Umsetzung des größten Bauprojek­tes der jüngeren Stadtgeschichte, das auf Plänen aus den Dreissiger Jahren beruht, der Umbau der Universität nach dem Vorbild der Zwanziger oder etwa der Einsatz von Lohnabhängigen als 24h-Streifen nach Manier längst überkommener Milizen. Da wundert es kaum, dass das Leip­ziger Schauspielhaus etwas verspätet zum Schillerjahr ruft. Die Geschichte passt halt nicht zu jedem beliebigen Zweck. Die Wallenstein-Trilogie als buntes Spektakel, so kreischen die Plakate ihre Parolen. Die große Bühne Leipzigs lädt anläßlich des 50jährigen Bestehens seit Wiedereröffnung 1957 ein. Auch damals stand Wallenstein auf dem Programm. Und so möchte der Intendant Jürgen Engel, der gleichzeitig Regie führte, es auch verstanden wissen. Die Aufführung 2007 sei eine „Reminiszenz“ an die von 1957. Noch so eine mysteriöse Rückbezüg­lichkeit, schließlich dürfte kaum jemand aus dem heutigen Publikum damals zu­gegen gewesen sein oder sich gern an die bleiernen 50er zurückerinnern. Doch die Phrase Engels, der nun endlich abtreten sollte, bleibt hohl, denn das aufgeführte Stück hat gar keine Stoßrichtung, also auch keine konservative. Es wabert völlig bedeutungslos dahin zwischen der Beliebig­keit der Mittel und der Willkür der dargestellten Haltungen. Es trivia­lisiert das Drama des glühenden Patrioten Schiller so sehr, dass sich der/die interessierte ZuschauerIn hinterher fragen musste: So schlecht kann doch Schiller gar nicht gewesen sein!? Doch gehen wir ins Detail:

Getrieben vom Hunger auf Geld und Event, entschloss sich das Leipziger Schauspielhaus, bekannt für seine Außen-Auftritte und dem Drang nach erlebnisreichen Spielorten außerhalb des großen Hauses, die Wallenstein-Triologie Schillers gemäß seiner Dreiteilung auf drei Spielorte zu verteilen. Angefangen in der Baumwollspinnerei (Plagwitz) über die große Hausbühne (Zentrum) zum Völkerschlachtdenkmal (Stöt­teritz) und verbunden durch Shuttle-Busse der LVB sollte den Zu­schauerInnen ein lebhafter Theatertag geboten werden. Das Interesse war dementsprechend und angesichts des relativ kostengünstigen Eintrittspreises von 17 Euro sehr rege. 50 Jahre Stadttheater, Schiller, Wallen­stein – die Erwartungen auf Happening, Spektakel und ein Stückchen aufgeklärter Kultur zog nicht nur die Theater-Groupies an. Und der An­fang versprach auch vieles. Mensch stieg irgendwo der Linie 14 zu und wusste sofort: Dies ist kein gewöhnlicher Haufen von Straßenbahn-NutzerInnen, sondern eine Gruppe mit besonderer Mis­sion. Endstation Plagwitzer Bahnhof. Die Special-Force formierte sich und steuerte, durch die innere Dynamik wie von unsichtbarer Hand bewegt, zielsicher Richtung Baumwollspinnerei. Mob-Action im Anzug und mit Ausgeh­schuhen, in akkuraten Blüschen und legeren Hemden, herrlich. Der Spielort war auch gut gewählt. Meine Bezugsgruppe wälzte sich über den langgezogenen Innenhof der Spinnerei bis zu einem der hinteren Ge­bäude und dann durch einen ziemlich heruntergekommenen Trep­penaufgang im Gieszer-Style in eine riesige Fabrikhalle fort. Leider reichten dort schon zwei unbewaffnete Kartenabreisser, um meinen wilden Haufen auszubremsen und letztlich aufzulösen. Wieder vereinzelt standen wir nun in dieser düsteren, großen Halle, deren Dach von schweren Metallsäulen gehalten wurde. Überall hatte die Ausstattung unbenutzte Flutsandsäcke in diversen Fluchtlinien und Arrangements aufgeschichtet und am Rande erstreckte sich eine beinahe endlose Kleiderstange, an der jedeR ganz anarchistisch seine/ihre Klamotten deponieren konnte. Erwartungsvoll folgte ich den wegweisenden Sand­sackbarrieren in den hinteren Teil der Halle. Um die Bühne hatten die fleißigen Techniker des Hauses eine runde und nach vorn hin offene Tribüne aufgebaut. Freie Platzwahl. Beim Setzen fühlte ich mich ein wenig an die alten Hör­säle der Universität erinnert. Die Enge und der kalte Sitz aus blan­kem Holz, ich sah aufs Etikett: Oper Leipzig. Wohl eine ältere Bestuhlung. Im Programmheft stand: „1. Teil – Die Piccolomini. Aufführungsdauer: 1h 30 min. Keine Pause.“ Vorlesungslänge. Perfekt. Ich sah auf eine hohe Wand mit offenem Putz, einen großen Vorhang und ein breites, ziemlich angestaubtes Weinregal. Die Spannung stieg, der Auftakt war gelungen.

„Das bist DU: Ein Feigling und Verräter an der Heimat!“

Doch was dann kam, lässt sich kürzer paraphrasieren: Bleierne Gänge, großes Stühlerücken, totes Stel­lungs­piel und ein derart langweiliges Dialog-Gehaspel, dass der harte Stuhl bereits nach 30 Minuten schmerzlich drückte. Die Inszenierung war grotesk! Anstelle der von Schiller vorangestellten Einstimmung durch seine prosaisch-rhythmischen Texte zum Söld­nerlager Wallensteins, stieg Engel sofort in die intrigante Handlung ein. Mit der Folge, dass kaum einer der ZuschauerInnen wirklich reali­sierte, worum es in dieser überhaupt gehen sollte. Albrecht von Wallen­stein (Waldstein), böhmischer Adliger und aufgestiegen zum Herzog von Friedland und obersten Befehlshaber des schlagkräftigsten kaiserlich-katholischen Söldnerheeres, lagerte vor Pilsen, seit Wochen einge­gra­ben und ließ die Männer ruhen. Kein Wunder, denn nach der ersten modernen Frontenschlacht bei Nürnberg und dem gewaltigen Blut­vergiessen bei Lützen (1632), waren Ausrüstung und Landsknecht völlig erschöpft. Die schwedische Expansionsarmee war zwar weitestgehend geschlagen, deren König Gustav II. Adolf selbst auf dem Schlachtfeld gefallen, aber die eigenen Verluste höher denn je. Wir befinden uns mitten in den greulichsten Kapiteln des Dreissigjährigen Krieges, inmitten der Brutstätte moderner Kriegsführung. Denn Wallenstein ist ein moderner Kriegsfürst, ein Warlord, der durch die Schlachterfolge und Ausplünderungen ganzer Landstriche, durch kaiserliche Titel- und Landgeschenke, letztlich durch seine militaristische Wirtschaftspolitik, zu den einflußreichsten Kriegsprofi­teu­ren seiner Zeit empor gestiegen war. Keiner aus dem kaiserlich-katho­lischen Lager außer Wallenstein sah sich 1631/32 in der Lage, ein schlagkräftiges Heer auszuheben, um sich den auf Wien zurückenden, prote­stan­tisch orientierten Schweden in den Weg zu stellen. Dement­sprechend erhielt er vom Kaiser Ferdinand II., der nach dem Verlust eines Großteils seiner Eroberungen nun auch seine Erbländereien bedroht sah, weitreichende diplomatische und militärische Vollmachten.

Doch bis auf die Sandsack-Arrangements im Einlaßbereich hat Engels Inszenierung diese notwendigen, historischen Kontex­tualisierungen völlig ausgeblendet. Schillers Stück, das historisch einsetzt, als man 1633/34 von Wien aus versucht, den gefähr­lichen Wallenstein zu entmachten, ist im ersten Teil reduziert auf ein minimalistisches, teilweise unerträg­lich psychologisierendes Sprach­spiel um Loyalität und Intrige. Ein be­wußt gewollter theaterhistorischer Anachronismus!? Will Engel uns damit etwa sagen: SO langweilig war das Theaterspielen einst? Durch den Mangel an Kontext jedenfalls fällt auch jede Aktualisierung und Über­setzung in die Gegenwart aus, und die handelnden Figuren ver­weisen dadurch auf keinerlei Hintergrund, nur auf sich selbst, sie führen gar keine Haltungen vor. Schillers dra­ma­­turgische Überlegung, die Darstellung des Söldnerlagers der Wallenstei­ner an den Anfang zu setzen, wird in der Inszenierung all zu achtlos ans Ende verschoben. Es wird hierdurch gar nicht recht deutlich, worum es Schiller bei der Betrachtung der loyalen und illoyalen Offiziere um Wallen­stein herum geht: Deren Gewissens- und Gesinnungslosigkeit nämlich. Sie stehen stellvertretend für all die entwurzelten Söldnersee­len, die seit über einem Jahrzehnt Europa verheerten, für ihre völlige Auf­ga­be von Idealen und Überantwortung an eine militärische Hierarchie, an deren Spitze die profitorientierte, charismatische Führerfigur Wallenstein agiert, der eigentlich nur noch an verquere astrologische Deutungen und seinen De­gen glauben kann und hierdurch absolut blind geworden ist gegenüber den realpolitischen Ereignissen, die nun seine Machtposition bedrohen. Die Entleerung der konfessionellen und politischen Motive durch die privatwirtschaftliche Re-Organisation des Kriegswesens, das ist das zentrale Thema Schillers und nicht ein triviales Hin und Her von Vertrauen, Enttäuschung und Manipulation. Das „Jesus Maria!“ der Katholiken gegen das „Gott mit uns!“ der Protestanten, diese Schlach­­tenrufe sind unter dem Eindruck des über ein Jahrzehnt fortdauernden Menschen­schlachtens auf den Lippen der Söldnerhaufen kalt geworden, und stattdessen rufen sie nun: ‚Heil unserem Führer‘ und verherrlichen ihr elendes, entwurzeltes Dasein. Zielsicher ver­fehlt Engel diesen Gehalt des Stücks und bleibt so auch sprachlos gegenüber der Brisanz, die darin noch immer steckt. Für Schiller beginnt das Drama des Krieges gerade da, wo aus einem Kampf für eine gute Sa­che sinnlose Gewalt wird. Die Figur des Max Piccolomini ist hier auch keine Ne­ben­handlung um Liebe, Sex und Zärtlichkeit, wie Engels Ins­ze­nierung viel zu oft suggeriert, sondern geradezu DAS Kontrastmit­tel, mit welchem Schiller die Haltlosigkeit der Söldner Wallensteins an­zeigt. Seine Flucht in die Liebe zu Wallensteins Tochter Thekla ist die Flucht vor der Ehrlosigkeit, Rohheit und Untreue verlorener Mör­der­seelen, die ihn kameradschaftlich und väterlich umgeben. Von hier ver­steht sich auch, warum sich Max im zweiten Teil pathetisch in den Selbst­mord stürzen MUSS. Würde er desertieren, ob nun mit Thekla allein oder mitsamt seinen Kürassieren, der sinnlos gewordene Krieg hätte wieder einen Hoffnungsschimmer. Solcherlei Happy End fällt aber für Schiller aus, denn die schlimmste Zeit des Dreis­sigjährigen Krieges steht noch bevor. Erst 1648, mit den Beschlüssen des Westfä­lischen Frie­dens, endet der verheerendste mittelalterliche Krieg um Einfluß und Vor­macht in Kontinentaleuropa, und die 30 Jahre lang geschundene Erde kann endlich wieder aufatmen.

„Bevor der Feind mit UNS ein Ende macht, werden wir mit dem Feind ein ENDE machen!“

Selbiges tue auch ich, als dann das Black endlich kommt. Schöne Be­sche­rung. Ich schaue in das Programmheft: Zwei Stunden Pause und dann fast drei Stunden Aufführung des zweiten Teils auf der großen Büh­­ne des Hauses. Ich bekomme ein schlechtes Gefühl im Magen, suche meinen Begleiter, wir eilen zum Shuttlebus, brausen in die Innenstadt und suchen einen Imbiss. Als wir dann kurz vor Beginn des zweiten Teils im Foyer des Schauspielhauses stehen, haben wir das gemein­same Buf­fett verpasst. Ein Blick auf die Preisschilder genügt, um zu sehen: Gut so! Während wir im vollen Saal nach unseren Plätzen suchen, denke ich: ‚Wenn sie jetzt, beim Heimspiel, nicht zeigen können, was Theater heute kann, haben sie‘s völlig verrissen. Und „Teil 2: Wallensteins Tod“ beginnt tatsächlich höchst spektakulär, denn die Bühne dreht sich und die Lichtarsenale des Hauses schichten einen vieldeutigen Raum, der durch zivile Absperrbänder, wie mensch sie aus Büro, Amt und Agen­tur zur Genüge kennt, in mehre­re Bereiche zerteilt ist. Sogar die Ko­stüme sind aus ihrer rein historisch illustrativen Rolle des ersten Teils übersetzt worden. Wallenstein trägt einen deutschen Soldatenmantel, der sowohl an Verdun als auch an Stalin­grad erinnert. Ich atme ganz tief durch und genieße das dynamische Spiel, das durch die Drehbühne entsteht. Die Dialoge rauschen vor­bei, die Intrigen spinnen sich weiter. Wallenstein verhandelt mit den Schweden, während im Lager fernab der Bühne die Revolte tobt. Der Versuch, sich mit dem schwedischen Heer gegen den Kaiser aus Wien zu stellen, wird entdeckt und die kaisertreuen Offiziere sammeln sich. Wallenstein bleibt nur die Flucht mit den wenigen, noch Treue hal­ten­den Regimentern vor seiner eigenen Armee zur Festung bei Eger. Jetzt muss er mit den Schweden paktieren und ihr diplomatisches Diktat be­din­gungslos akzeptieren. Doch in seiner entseelten Blindheit verkennt er, auf wen er sich verlassen kann und wer falsches Spiel mit ihm treibt.

Es endet, wie es enden mußte, Meuch­ler aus dem schottischen Dragoner-Regiment töten ihn im Schlaf. Der Vor­hang fällt, die Menge klatscht höflich und ich frage mich, warum. Bis mir beim Blick auf den Pro­gramm­plan auffällt, dass die Schauspie­lerInnen im dritten Teil gar nicht wieder auftreten. Ich zwinge mir eini­ge Klatscher ab und errege dann etwas Unmut, weil ich vor der zweiten Applauswelle meinen Platz verlas­sen will. Mir hats eben nicht gefallen, kann ja auch mal möglich sein. Als ich an der Garderobe umständlich in meinen Mantel schlüpfe und dabei scheinbar eine Frau hinter mir leicht touchiere, gibts dann sogar noch etwas Aufregung. Ein Mann, der scheinbar mein verfrühtes Ver­lassen des Zuschauerraumes beobachtet hatte, anders jedenfalls kann ich mir seine Aggression nicht erklären, schimpft auf mich ein. Ich zucke mit den Schultern und lasse ihn stehen. Kleinbürger sind und blei­ben die schlimmsten Pöbler. Auf dem Weg zum Völkerschlachtdenkmal dis­kutiere ich mit meinem Begleiter, zumindest darin hat sich die Auftei­lung der Spielorte bewährt. Wir fragen uns, welche Wirkung das Ge­sehene wohl auf das Publikum haben könnte. Mein Gegenüber sieht eine klare Verbindung zwischen dem Ausbleiben von inhaltlicher Ver­­mittlung und der gereizten Stimmung im Anschluß. Einig sind wir uns darüber, dass durch die entkon­textualisierte Darstellung von auf­klä­­re­rischer Bildung keine Rede sein könne. Die Mängel des ersten Teils setz­ten sich auch im zweiten, trotz der effektvolleren und zumindest tech­nisch übersetzten Inszenierung fort. Denn was vorerst nur als Über­sichtstableau, als Nabelschau des sittlichen Verfalls der ganzen Truppe erschien, wird im zweiten Teil zur psychologischen Introspektion eines ehrgeizigen Kriegsfürsten, den der Verlust an jedem Ideal geradewegs in die schick­sals­haften Fänge unausweich­licher Entwicklung treibt. Die Macht, an ihrem absoluten Gipfel angelangt, schlägt um in pure Hilflosigkeit, sie ist heillos. Doch anstelle der Aktualisierung solcher inhalt­lichen Spuren des Stoffs an der Gegenwart, wird auch im zweiten Teil jeder aktuelle Bezug von Engels Crew tunlichst vermieden. Die Handlung plätscherte über das krampfhaft bei sich verharrende Spiel der Schau­spielerInnen dahin und ich fragte mich dabei ernsthaft, inwieweit das bunt gemischte Publikum erahnen konnte, was Schiller letztlich zu DIESEM Stoff und DIESEM Drama getrieben hatte. Was sich im ersten Teil als sprachloses Ausblenden des notwendigen historischen Kontextes erwies, zeigte anschliessend deutlich, dass es in der Aufführung gar nicht darum gehen sollte, sich ein gemeinsames Verständnis der inne­ren Spannungen von Gewalt, Krieg, Soldaten­tum und Führerschaft zu verschaffen, sondern um billige Unterhaltung. Wallensteins innere Zwei­fel waberten haltlos in den Köpfen des Publikums, irgend­wo im Nirgend­wo zwischen Luther, Ham­let, Faust und Pfarrer Führer. Die vorgeführte Haltung blieb pathologisch, psychologisch über­zeich­net, und konn­te so keine Verbindung herstellen zwischen der Ohnmacht gegenüber dem selbstver­schuldeten Un­­heil Wallensteins und eben jener Ohnmacht des Ein­zelnen gegenüber der Über­macht des Ob­­jek­­tiven, wie sie sich uns heute ent­gegenstellt.

Derart nachsinnend, rauschten mein Begleiter und ich durch das spät däm­mernde Stötteritz zum architektonisch monumentalen Ungetüm namens „Völki“, an dessen Fusse der dritte und abschließende Teil statt­finden sollte. Allein der Gedanke an die lächerliche Überhöhung der so­ge­nannten „Völkerschlacht bei Leipzig“ ließ erneutem Unbehagen Platz. Was wür­de uns erwarten? Ein gigantisches Feuer­showspektakel? Oder gar Meuten von Trachtenvereinen auf der Suche nach Identität? Mir gruselte und einzig beruhigen konnte mich der Gedanke, dass die Sprachlosigkeit zu Anfang und die Pathologie danach deutlich an­kün­digten, dass Engel gar keine politische Inanspruchnahme Schillers be­zweckte und deswegen auch dessen glühenden Nationalismus in seiner Inszenierung wortlos begrub. Es war dementsprechend auch vom Ende keine deutschtümelnde Wendung mehr zu erwarten. Ich kramte nach dem Programmheft: „3. Teil Wallensteins Lager“, Aufführungsdauer: 30 Minuten. Ups, ganz schön kurz. Dafür gondelten wir grad durch die halbe Stadt? Außerdem waren eine Menge Namen aufgelistet, viele StatistInnen und einige StudentInnen der Schauspielschule.

Als wir dann am Wasserbecken direkt vor dem Denkmal zwischen Fackelspalieren entlang liefen, wurde mir doch wieder etwas mulmig. Das legte sich erst, als ich von dem schwimmenden Bundeswehr-Brückenteil, das als Bühne diente, die wilden Stakkatos eines MCs vernahm, der auf den Beinamen Wallensteins als „Friedländer“ einen Song rappte. Wir traten näher und sahen nun auf einen bunten Haufen Söldner, die zu modernen Rhythmen tanzten, stampfen und allerlei Ver­renkungen machten. Ich dachte sofort an die neueren Formen des Körpertheaters und plötzlich wurde mir der dramaturgische Hintergedanke der Spielstättenteilung deutlich. Engel hatte mit jedem Teil eine andere technische Umsetzung des Inhaltes anvisiert. Erst das psycho­logische Stehtheater des 19., dann die Selbstinszenierung der Thea­termittel im 20. und abschließend den theatralen Körperkult des anbrechenden 21. Jahrhunderts. Doch anstelle von Kritik stand nur der Effekt, scheinbar dachte er wirklich, die Höhepunkte all dieser Phasen des modernen Theaters markiert zu haben. Allein, ohne den Inhalt blieb solche Inszenierung der eigenen Mittel selbst völlig sinnlos. Auch die Unterhaltung war einfach schlecht. Zum Ende war das Spektakulärste eigentlich der kurze Auftritt zweier echter Pferde, die nochmals Nachricht vom Kaiser brachten und die Söldner zu Ordnung rufen sollten. Doch die mahnenden Worte blieben ungehört. Die Revolte stand im Raum, in allen drei Teilen, allein ihre Inszenierung war viel zu trivial, um sie hervorbrechen zu lassen. Und von Schiller blieb ohne das Nationale nichts übrig als ein Scherbenhaufen nichtssagender Vieldeutigkeit.

Fazit: Es lohnt allemal mehr, den Text Schillers selbst zu lesen, als sich diese hohle Inszenierung des Leipziger Schauspielhauses anzusehen. Aus ihr lässt sich leider nichts lernen, als dass Theater überflüssig ist. Auch der eventhungrige Zuschauer oder die spektakelsüchtige Besucherin wird kaum viel Freude finden. Zu hölzern und ohne Hingabe an den Stoff vollzieht sich das Spiel. Alles in allem ein Reinfall, und wer trotz­dem noch hingehen will, soll­te zumindest das Programmheft der Dra­ma­turgin B. Roth erwerben. Wenig­stens hier finden sich auf­schluß­rei­che Spuren zu den Hintergründen, die auf der Bühne keine Rolle spielen. Für echte Schillerianer ist die Leipziger Aufführung aber sowieso sekun­där, denn Peter Stein hat für 2007 eben jenen Wallenstein in einer 10stündigen Aufführung mit dem Berliner Ensemble inszeniert (1). Trotz des hohen Eintrittspreises ist hier zumindest zu erwarten, dass die Inszenierung das Drama Schillers nicht an Qualität unterbietet.

… Mensch kann diesen Mangel an kultureller Erschütterung durchaus auch als eigene Qualität begreifen. Ich schlage hierzu den Begriff der Hohlkultur vor. Hohlkulturen nun haben ebenso wie andere Kulturformen Produkte, in denen sie sich ausdrücken: Artefakte wie ein reich verzierter Opferdolch oder etwa ein Intel-Pentium-D805-DualCore und Dokumente wie die Reden Ciceros oder etwa die amtsdeutsche Begründung bei der Ablehnung von Asylanträgen. In diesen Kulturprodukten wird die wesentliche Form selbst anschaulich. Für unseren aktuellen Fall: Es zeigt sich dessen Hohlheit. Unter der zahllosen Flut an Produkten der gegenwärtigen Hohlkultur hatte ich deshalb, streng unwissenschaftlich und am Leben orientiert**, zwei aus­ge­wählt, um die aktuelle kulturelle Hohlheit in ihrer dreifachen Dimension der Sprachlosigkeit, Trivialität und Pathologie der geneigten Leser­In­nenschaft zu exemplifizieren.

(clov)

 

* Die eingefügten Zitate sind aus Heiner Müllers nachwievor brandaktuellem Text: „Wolokolamsker Chaussee I-V“, Maximilian Verlag , München 1988

** Den „Genuß“ des Filmes „The 300“ verdanke ich einer Entdeckung im WorldWideWeb. Denn das chinesische Staatsfernsehen hackt nicht nur alle möglichen Sateliten, um regelmäßig europäischen Fußball oder amerikanischen Basketball ins ganze Reich zu übertragen, sondern streamt (klick and play) nebenbei auch alle möglichen alten und neuen Hollywood-Schinken (Player gibts kostenlos unter: www.sopcast.com). Zur Wallenstein-Aufführung des Leipziger Schauspielhauses dagegen wurde ich von einem guten Freund eingeladen. Denn wenn ich selbst zwischen Schiller und Goethe entscheiden müßte, wäre mir der kosmopolitische Geheimrat allenthalben lieber als der verkrampfte Nationalist.