Archiv der Kategorie: Feierabend! #33

Vom Ende der Arbeit

Ein kurzes Plädoyer gegen die Leistungsmoral

Im Superwahljahr 2009 werden wir es wieder bis zum Erbrechen ertragen müssen, das Loblied auf die Heilige Arbeit. Parteiideologen aller Fraktionen vereinigen sich zu einer plärrenden Kakophonie mit einer einzigen Botschaft: Arbeite, Mensch! Es ist kaum zu glauben, wie einig sich doch die angeblich so zerstrit­te­nen Parteien des deutschen Parlamentarismus von NPD über CDU bis SPD und LINKE in diesem Punkt sind. Wie besessen starren sie auf das nationale, volkswirtschaftliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bzw. die Steuererträge und säuseln fortwährend: Mehr, mehr, mehr! Ganz so, als wäre der größte Segen der modernen technischen Revolutionen die knechtische Abhängigkeit und nicht die freiwillige Unabhängigkeit von der Arbeit. Dem armen Proleten ist eine zweite Natter an den Lohn­beutel gesprungen. Neben den Chefs und Verwaltern der Kapitalerträge schwingt nun auch der Staat seine Peitsche über den arbeitenden Massen und treibt sie beständig zu noch mehr Leistung an. Dabei haben Milliarden von Händen und Geistern in weniger als zwei Jahrhunderten mehr Wunderwerke und unvorstellbaren Luxus geschaffen, als jemals zuvor, hat die rationale Arbeitsteilung und technische Innova­tion das Quantum der nötigen Arbeit fortwährend minimiert.

Es liegt daran, dass viele Politiker Europa lieber als Sündenbock missbrauchen, anstatt sich dem Grundproblem zu stellen: Die Arbeit verschwindet. Das will kein Politiker seinen Wählern erzählen.“ – Jeremy Rifkin (1)

Doch anstatt dererlei Errungenschaften unserer Eltern und Älteren sinnvoll einzusetzen und zweckmäßig zu nutzen, nachhaltig mit unseren natürlichen Voraussetzungen und Ressourcen umzugehen, proklamieren die politischen Parteien eine verschwenderische Ver­brauchskultur, um möglichst viele Menschen, oh Segen, möglichst lange in lohnabhängiger Arbeit zu halten. Aber würde nicht JedeR gerne weniger arbeiten, wenn die Arbeitszeit nicht gleichzeitig die Höhe des Lohnes bemessen würde? Doch anstatt bspw. für den 4-Stunden-Tag und vernünftige Löhne zu kämpfen, können sich die Herren und Damen in der EU nicht einmal auf eine maximale Arbeitszeit von 65 Stunden pro Wo­­che einigen. Ein Grund mehr, keiner/m dieser Fa­na­ti­kerIn­nen der Arbeit eine Stimme zu geben. Offensichtlich ist denen die Arbeit derart zum Selbstzweck geraten, dass sie wie der dümmste Bauer ernsthaft glauben, dass man die Saatkartoffeln selbst und nicht deren Früchte ernten könnte. Und der Zweck dieser Art von ständiger „Mehrarbeit“ steht tatsächlich in Frage, wenn er nur zur Entschuldung der staatlichen Budgets und zur Rückversicherung riskanter Finanzspekulationen nutzt. Noch dazu wenn die Formen der kapitalistischen Lohnarbeit die Menschen zu­einander isolieren, demütigen, erniedrigen und ihre natürlichen Kräfte ohne Regene­rationszeit verheizen. Ganz zu schweigen von dem zügellosen Raubbau an den Ressourcen unseres Planeten. Was wir dagegen brauchen sind qualitative Veränderung in den Arbeits- und den daran gekoppelten Lebensverhältnissen anstelle von rein quantitativem Wachstum, dessen Verteilung obendrein nach wie vor unfair und ungerecht verläuft. Unter solchen Bedingungen den Arbeitswahn noch anzuheizen, ist nicht nur dumm sondern auch grob fahrlässig gegenüber unseren Kindern und Kindeskindern. Ja wozu arbeiten wir überhaupt, wenn die Werte, die wir erschaffen, nicht mal mehr unsere Kinder erreichen? Der Zweck der Arbeit, also das Ziel, welches wir mittels der Arbeit anvisieren, scheint uns in der kapitalistischen Arbeitswelt völlig entraten zu sein. Stattdessen arbeiten wir, um Geld zu verdienen: Hauptsächlich für die ohnehin Ultrareichen und die stets klam­men Staats­kassen. Pfennigfuchsend klauben wir dann noch unseren miesen Restlohn zusammen und hoffen darauf, uns mit dem bisschen Geld ohne Verschuldung all das erkaufen zu können, was uns ja eigentlich die menschliche Arbeit vermitteln sollte: Essen, Luxus, Mobilität, Frei­heit – Glück. Oder anders ausgedrückt: Das Ende der Arbeit. Denn in wel­chen Bereich der Gesellschaft und auf welche Art der Arbeit wir auch schauen, überall ist als lohnender Sinn der Arbeit doch ihr Zu-Ende-gehen mitge­setzt, verbunden mit einem Wohlgefühl von Zufriedenheit und Los-Gelassenheit, von Genuss und Müßiggang – am Abend nach der Schicht, am Sonn­tag nach der Gartenarbeit, nach erfolgreichem Ab­schluss eines Projektes, bei der Ausstellung einer vollendeten kreativen Schöpfung. Es steckt eben ein tieferer Sinn hinter der Arbeit, als uns die kapitalistischen Verhältnisse glauben machen. Der Mensch arbeitet sich an seiner Umwelt ab, nicht um der Arbeit selbst wegen, auch nicht wegen des Geldes, sondern um seine vielfältig gesteckten Ziele zu erreichen und seine Welt so einzurichten, dass sie ihm oder ihr bequem, gefällig und heimisch wird. Arbeit und Geld sind hierfür nichts als die Mittel. Und dieser Sinn der Arbeit lässt sich derzeit utopisch kaum besser fassen, als wenn wir von ihrem Ende redeten.

Das ist die Hoffnung, an die wir uns seit Jahrzehnten geklammert haben. Die kapitalistische Logik sagt, dass technologischer Fortschritt und gesteigerte Produktivität alte Jobs vernichtet, dafür aber mindestens genauso viele schaffen. Aber die Zeiten sind vorbei.“ – Jeremy Rifkin (2)

Jacques Derrida hat in einem Vortrag 1998 in Amerika ein ähnliches Thema aufgegriffen (3), als er über die Veränderung an den Universitäten sprach. Nach ihm sollten wir für einen neuen Blick auf die Arbeit so tun, als ob das Ende der Arbeit schon am Ursprung der Welt stünde. So verrückt, wie die Post­modernisten oftmals sind, etwas Spannendes verbirgt sich in diesem virtuellen Blick zurück. Denn aus dieser Perspektive erblicken wir plötzlich, dass in den mythischen Ursprungserzählungen über unsere Welt, ein utopischer Gehalt bereits enthalten ist, der von Ausgang und Ende der Arbeit kündet. Wie bspw. die christlich müßig­gän­ge­rische Metapher vom Garten Eden, dernach am Ursprung der Welt die Arbeit und ihr Ende gleichzeitig und mühelos verlaufen. Erst nach Paulus’ kosmologischer Entrückung von Paradies und Welt, der Trennung von Diesseits und Jenseits, erscheint das irdische Leben als ein Ver­dammt­sein zur Arbeit und unausweichlicher Buße. Worauf uns Derrida mit dieser historischen Spur aufmerksam machen will, ist, so meine ich, ein zumindest kulturgeschichtlich überlieferter Zusammenhang zwi­­schen dem Sinn, den wir der Arbeit bei­­messen und dem Zweck, für den wir sie auf uns nehmen. Genauer: Wir arbeiten beständig am Ende der Arbeit, um im Moment des Erreichens, unsere gesteckten Ziele zu erfüllen und wir setzen uns stets Aufgaben vor, um im Augenblick ihrer Lösung, die Arbeit auch beenden zu können. Derrida denkt hier sicher auch an Marxens Begriff der nicht entfremdeten Arbeit, doch will er nicht abstrakt die kapitalistische Lohnarbeit als fremdbe­stimmte auszeichnen, sondern sie ganz kon­kret um eine seines Erachtens wichtige Bestimmung ergänzen, um die gegenwärtigen Veränderungen in der Arbeitswelt besser begreifen zu können. Denn wenn wir uns mit Niedergang der großen Fabriken, mit dem maschinellen und digitalen Fortschritt beschäftigen und die moderne Cyber-Welt der Roboter, die menschenlose Fabrikation betrachten (4), müssen wir in kein Klagelied über den Verlust der Vollbeschäftigung verfallen. Im Gegenteil, mit einer geschärften Perspektive auf ein mögliches Ende der Arbeit, erkennen wir, dass es ja gerade der Sinn der technischen Innovation war, die menschliche Arbeit zu erleichtern und hier nahezu zu beenden. Der Mensch erfindet sich eben keine Werkzeuge, allein um sie durch bessere zu ersetzen, sondern vor allen Dingen, um die Mühe und notwendige Arbeitszeit abzusenken. Solcherlei philosophische Klugheit hält Derrida für uns bereit: Das Ende der Arbeit nach mehr als 200 Jahren irrwitziger Produktivität auch geschehen zu lassen. Was nicht heißt, dass es in Zukunft überhaupt keine Arbeit mehr geben wird, sondern nur, dass wir uns die Gelassenheit leisten können, dem Verschwinden der kapitalistischen Lohnarbeit unaufge­regt zu zusehen, und eher auf die Chancen zu achten, die sich daraus ergeben. Klar, wir werden immer für bessere Lebensbedingungen arbeiten und kämpfen müssen. Eine Welt ohne Arbeit wäre ja eine, die andere für uns hergestellt haben und die wir nur bedenkenlos verbrauchen. Und eine solche Haltung zur „Arbeitslosigkeit“ ist geradezu kindisch, wie der Glaube der Kapitalisten, dass „nur“ das Geld für ihren Luxus arbeiten würde. Optimistisch betrachet, können wir uns aber in dieser unserer Welt viel weniger Arbeit leisten, als uns so manche Ideologen glauben machen wollen. Stattdessen sollten wir uns mehr Zeit nehmen, Gedanken und Ideen darüber zu erspinnen, wie sich Güter und Waren auch ohne Lohnabhängigkeit besser verteilen lassen und wie wir den Herren und Damen Funktionären des kapitalistischen Wirtschaftssystems endlich verklickern können, dass unser neues Ar­beitsethos nicht das ewige Leistungsdiktat sondern das heilsame Ende der Arbeit verspricht.

(clov)

 

(1) Aus dem Interview „Langfristig wird die Arbeit verschwinden“ der Stuttgarter Zeitung vom 29. 04. 2005, u.a. nachlesbar hier: www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/916564?_skip=0

(2) Ebenda

(3) Jacques Derrida, „Die unbedingte Universität“, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2001

(4) Mehr dazu hier: Jeremy Rifkin, „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 2005

Abgewrackt!

Alles schien so einfach – Die Krankheit heißt „Krise“, der heilende deutsche Tab­lettencocktail „Konjunkturpaket“. Um die ganze Medikation ertragen zu können, sollte die kleine süße „Abwrackprä­mie“ die geballte Chemie dann genießbar machen: Sie galt als finanzielles Schmankerl für die Bevölkerung, die gleichzeitig Milliarden in die Banken fließen sah, als arbeitsplatzerhaltende Maß­nahme für eine Wirtschaft, die stark auf die Automobilindustrie baut, als Me­tho­­de zur Förderung des Umweltschutzes und zudem als taugliches Mittel für die Jagd nach Wählerstimmen. Doch die Pille ist ziemlich bitter geworden: Als „Umweltprämie“ hatte eine autobaufördernde Maßnahme so­wieso nie eine Chance. In einem exportorientierten Wirtschaftszweig kann auch die Förderung von Neukäufen bei deutschen Staatsbür­ger_in­nen den Niedergang einiger Autofirmen nicht aufhalten, sondern maximal hinauszögern. Kurzarbeit ist inzwischen für viele Arbeitnehmer_innen die­ser Branche Realität geworden und die ganzen Leihar­bei­ter_innen, die als Erste abtreten mussten, können sich auch kein neues Auto kaufen. Schluss­end­lich ha­ben auch die Autokäufer inzwischen erkannt, dass sie dabei nicht wirklich Geld spa­ren. So taugt der Beschluss der beiden Koalitionspartner in­zwischen nicht mal mehr zum Wahlkampf, sondern enttarnte sich schnell als Stimmenfang. Was der Name der Prämie andeutet ist also auch inhaltlich Programm: Die Sache ist abgewrackt. Unsinnig, ausge­lutscht, unbrauchbar – auf den Müllhaufen der Geschichte damit. Und obendrein sollten da auch alle diejenigen hin, die immer noch wollen, dass sich der Patient Kapitalismus erholt.

(momo)

„Keine graue Masse“

Theater-1-Euro-Jobber und FA! im Gespräch über Wölfe, Hartz 4 und Egoismus

Eigentlich stehen sie meist als Servicepersonal in der Straßenbahn und hieven Kinderwägen über die Schwelle. Eigentlich tragen sie Overalls und sammeln Großstadtreste auf. Und uneigentlich feierten Gerhard Schröder und andere Agendaisten Hartz 4 als Entlastung der Sozialsysteme, während Betroffene und Zuschauer eher über Stigmatisierung und stattlich subventionierte Armut debattierten. Nun gibt es tatsächlich Jobs für einen Euro pro Stunde, die etwas mit Selbstwertgefühl zu tun haben und gleichzeitig als Sprachrohr für Hartz4-Empfänger fungieren können. Dresden schmuggelte 2004 einige Arbeitslose in das Theaterstück „Die Weber“ und löste damit eine heftige Debatte in theatralen Fachkreisen aus. Wenn man wirklich jeder Stimme Gehör verschaffen will, ruft dies quasi eine Inflation der Meinungen hervor und delegitimiert den Kunstgedanken von einmaliger Bedeutsamkeit. Laientheater ist ja ganz nett anzuschauen, aber als bezahlter Job für fachfremde Hartz-4-Empfänger – wo gibt’s denn sowas?! Na in Leipzig. Matthias Schluttig bekam in Zusammenarbeit mit dem soziokulturellen Zentrum „Die Villa“ wieder eine Zusage vom Arbeitsamt und fertig war die Grundlage für das nächste bezahlte 1-Euro-Job-Theaterprojekt. Von den ersten Improvisationsübungen und Gruppenspielen angefangen, bis hin zum eigens verfassten Drehbuch, mussten sich die Darsteller immer wieder einer Selbstbefragung unterziehen: Wie würde es uns ohne Hartz 4 gehen? Was passiert, wenn die Krise im Sozialsystem angekommen ist? Wie sieht meine eigene Geschichte aus? Dafür beschwören sie eine brutale Zukunftsvision herauf, in der der Kampf um das Überleben um sich greift. Die Welt hat sich in Ober- und Unterschicht aufgespalten, von der arbeitenden Mittelschicht sind nur noch Rudimente übriggeblieben, dafür kommen die Wölfe der Stadt immer näher und streunen zwischen den Abfällen der Menschheit. Der Hunger zwingt die Armen zur Solidarität, man rottet sich zusammen, der satte Feind kann sich nicht mehr länger sicher sein. Und während die Rebellengruppe den Angriff auf die Tyrannen plant, soll ein junges Mädchen den Anführer Johann Schmidt verraten, in den sie sich letztlich verliebt und alles noch ein wenig komplizierter wird. Der Untergrundorganisation bleibt nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorn. Der finale Kampf zwischen Arm und Reich endet trotz Blutvergießen mit der offenen Frage: Können wir Machtstrukturen wirklich ändern?

Ein halbes Jahr später stehen die 25 Teilnehmer unter dem Regisseur Matthias Schluttig im Spinnwerk vor vollendeten Tatsachen. Ihr Stück „Egoismus“ ist fertig. Und es ist sehenswert. Gewesen.

FA!: Euer Stück heißt ganz einfach „Egoismus“. Warum?

Daniel (ACHIM): Ich denke, es gibt verschiedene Arten von Egoismus und zudem handelt der Mensch prinzipiell immer egoistisch in dem Sinne, dass er von eigenen Bedürfnissen geleitet wird. Wenn es keine Bedürfnisse gäbe, würde der Mensch gar nicht mehr handeln. Die Arten des Egoismus bestehen einmal in der Konkurrenz, also man versucht, eigene Interessen gegen die der anderen durchzusetzen und sich Vorteile zu verschaffen, und zum anderen eine Art von solidarischem Egoismus, man schließt sich mit Leuten zusammen und versucht auf diesem Weg, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Diese beiden Arten stellen wir im Stück dar. Es gibt Menschen, die sich zusammentun, um gemeinsam über die Runden zu kommen, aber am Ende drif­tet man wieder aus­ein­ander. Die Gruppe zer­bricht nach dem Sieg und jeder kehrt zu seinem individuellen Egoismus zu­rück.

Matthias (Regisseur): „Egoismus“ war für mich am Anfang nur ein Arbeitstitel, um Material zu sammeln. Wenn wir die emotionale Behaftung von Egoismus einmal weglassen und die negative Bedeutung nur noch für das Wort Egomanie einsetzen – der Gegenpool von Egomanie wäre Altruismus – dann gelangen wir zu zwei Varianten: Jemand, der ausschließlich an sich denkt auf Kosten anderer oder eben ein altruistischer Mensch, der auf eigene Kosten für das Gemeinwesen handelt. Irgend­wo auf dieser Skala sollte man den Begriff Egoismus wertfrei verorten, weil es durch­aus einen gesunden Egoismus gibt, den der Mensch braucht. Im Laufe des Stückes habe ich keinen besseren Titel gefunden.

FA!: Worin besteht die konkrete Zukunftsvision in eurem Stück und wie viel Realität steckt schon darin?

Ronald (KANZLER): Die Realität besteht wahrscheinlich in dem real existierenden Turbokapitalismus. Das Stück spielt in 10 Jahren, aber keiner weiß heute, was in 10 Jahren sein kann. Es wird beispielsweise nicht klar, warum der Kanzler in dem Stück das Gas abdreht, wahrscheinlich weil in 10 Jahren das Gas zu teuer ist. Da muss man als Herrscher eben Prioritäten setzen und dreht den Leuten das Gas ab, die keine Lobby haben. Aber gleichzeitig wird die Arroganz der Macht vorgeführt, weil die Mächtigen heute nicht damit rechnen, dass so etwas passieren könnte wie in unserem Stück [Anmerk.: Revolution], dass die Hungernden und Frierenden sich einmal erheben.

Hendrik (PRIESTER): Es ist wohl eher ein Negativszenario, ein Horrorszenario und keine Prophezeiung, die zeigen soll, so wird es auf jeden Fall kommen, sondern nur: das könnte passieren und so könnten Menschen auf bestimmte Situationen reagieren. Wir zeigen die Gefahr.

FA!: Die Figur Johann Schmidt gilt als Anführer der Untergrundorganisation, er ist also dramaturgisch gesehen ein absolut zentraler Handlungsträger. Warum wurde er im Stück nicht stärker gewichtet als die anderen Figuren?

Julia (MARIE): Wir wollten alle Geschichten erzählen – von jeder Figur – vom Anfang bis zum Ende. Deswegen hatten wir gar keine Zeit, uns nur um den Anführer zu kümmern.

Matthias (Regisseur): Ich wollte nicht, dass nur eine Person so ein Gewicht im Stück innehat, damit wären die anderen Personen zu Statisten verkommen. Es ging schließlich darum, den 6monatigen Arbeitsprozess für alle Teilnehmer so lustbetont wie möglich zu gestalten – es wäre in diesem Prozess weder schön noch produktiv gewesen, wenn Johann Schmidt zwei Drit­tel der Pro­ben­zeit bekommen hätte und der Rest als graue Masse verblieben wäre. Es gab die klare Prämisse: keine graue Masse im Stück, sondern jede Figur erhält ein Gesicht und eine Geschichte und jeder bekommt die Möglichkeit, eine kleine Entwicklung zu erleben.

Daniel (ACHIM): Man kann es auch auf einer inhaltlichen Ebene verteidigen. Bei der Betrachtung historischer Prozesse ist man oft stark auf die Anführer fixiert. Bei uns taucht die Masse eben nicht nur als Masse auf, sondern auch als Akteur – sie ist eben kein passives Objekt eines Rädelsführers.

FA!: Am Ende eures Stücks hängt der Kapitalismus in den Seilen. Wofür steht dieses Symbol?

Ronald (KANZLER): Alles ist in einer Art Schwebe. Es hat eine Revolution stattgefunden, der bisherige Herrscher ist durch seinen Günstling getötet worden. Der Herrscher, und hier zeigt sich eben der Egoismus, hängt bis zur letzten Sekunde an seiner Macht. Das zeigt sich ja in den letzten Jahrzehnten – und hier wieder der Bezug zur Realität – in der Bundesrepublik ebenso, die Herrschenden hängen bis zum Schluss an ihrer Macht, bis sie endlich runter geprügelt werden von ihrem Thron. In unserem Stück verbleibt der Wirtschaftskapitalismus in der Schwebe – es könnte also weitergehen.

FA!: Warum kein Lösungsvorschlag?

Hendrik (PRIESTER): Weil wir das gar nicht liefern können. Es wäre vermessen.

Thomas (Licht und Bühne): Wir hatten drei Möglichkeiten, wie das Stück enden könnte. Möglichkeit A hieß, der Rebellenführer Johann Schmidt übernimmt die Herrschaft und wird von ihr korrumpiert. B war ein schwarzes Ende und C ein offenes Ende. Es war purer Pragmatismus, dass wir uns für C entschieden haben.

FA!: Was hat die Bühnenarbeit im Vergleich zu anderen 1-Euro-Jobs in euch bewegt?

Daniel (SONNTAG): Ich hab schon viele Jobs gemacht – vom Kindergarten bis Müllaufsammeln – das Projekt hier war eine Abwechslung, eine große Erfahrung mit tollen Menschen. Als ich das erste Mal von der Bühne runterkam, war mein Selbstvertrauen extrem in die Höhe geschossen. Ich hab dadurch gelernt, mich ab und zu in den Arsch zu treten.

Julia (MARIE): Ich bin Schauspielerin von Beruf, deswegen ist dieses Projekt sehr wichtig für mich. Es hat mir viel gegeben. Ich habe eben eine Krankheit. Diese Krankheit heißt Theater. Deswegen nutze ich jede Gelegenheit. Wenn du verstehst, dass du die Herzen der Zuschauer berühren kannst, hast du ein unvergessliches Gefühl, dass du sehr stark bist und dass du alles kannst. Das ist eine Sucht.

Hendrik (PRIESTER): Ich war sehr erstaunt von dieser Gruppendynamik, die ich so nicht kannte. Das ist ein sinnvoller 1-Euro-Job, es gibt da durchaus Jobs, deren Sinnhaftigkeit eher fragwürdig ist und nur darin besteht, die Leute daran zu hindern, Zuhause zu bleiben. Mit diesem Stück prägen wir die Kultur von Leipzig, wir geben der Stadt etwas wieder. Ideal.

Matthias (Regisseur): Ich glaube, bei manchen Übungen sind einige Teilnehmer extrem an die Grenzen gekommen. Du kannst deine Persönlichkeit auf der Bühne nicht überspielen, sie ist immer da. Der erste Schritt bestand also darin, zu begreifen, dass man aus seiner Haut nicht rauskommen kann. Danach folgt das Bekenntnis zu seiner Stimme, zu seinem Körper und zu seinen Bewegungen. Das muss man einsetzen können. Man lernt.

FA!: Es ist dein 3. Projekt in der Richtung. Warum hast du dich wieder dafür entschieden?

Matthias (Regisseur): Ich hab damals 2005 das erste 1-Euro-Job-Theaterprojekt in Leipzig zusammen mit der „Villa“ aus dem Boden gestampft. Es hat gedauert, das Amt davon zu überzeugen, aber es wurde bewilligt und es gibt mittlerweile viele Nachfolgeprojekte. Es interessiert mich, wie die Teilnehmer ihre Visionen entwickeln und wie sich das ausdrückt. Natürlich gibt es genügend Werkmaterial, aber mich interessieren die Themen, die jetzt aktuell sind. Die Bühne ist ein Ort, von dem aus man Botschaften senden kann. Für die Frage der Authentizität ist es besser, wenn man sich die Rolle so baut, wie man sie eben spielen kann.

FA!: Gab es Umstellungsschwierigkeiten?

Matthias (Regisseur): Die Gruppe muss natürlich ihre eigenen Gesetze aufstellen. Wie gehen wir mit Themen um wie Pünktlichkeit oder Achtung vor dem anderen? Und da gab es ziemlich intensive Phasen, wo diese Grenzen ausgetestet und benannt wurden – bis ein, zwei Spieler das Projekt verlassen haben.

FA!: Wofür steht der 1-Euro-Job in unserer Gesellschaft?

Thomas (Licht und Bühne): Zu 90% ist der Job kein Einstieg ins geregelte Arbeitsleben. Es ist meistens eine pure Be­schäftigungsmaßnahme, die vielleicht aus einem sozialen Kalkül heraus entstanden ist, aber in der Realität nicht den gewünschten Effekt hat. Es ist halt die Nachfolge der ABM-Stelle, allerdings mit einigen Einschränkungen – weniger Geld und härtere Zuteilung.

Ronald (KANZLER): Es ist ja auch egal, wie man es nennt. Hartz 4 könnte man auch als eine Art Stigma­tisierung auffassen, ich mach es nicht. Hauptsache ist doch, ich werde beschäftigt und mit ein paar Euro bezahlt.

Daniel (SONNTAG): Es hat eine gute Nebenwirkung: Man weiß danach, was man nicht machen möchte.

Matthias (Regisseur): Hartz 4 ist so ein Topf, indem alles Zuhause ist, sowohl die Leute, die keine Lust haben zu arbeiten und sich eine freie Zeit machen, vielleicht für eine Sinnsuche, aber auch die Leute, die gerne möchten, aber wegen einem Bandscheibenvorfall irgendwie in die 1-Euro-Job-Schiene reingerutscht sind und nicht mehr herauskommen.

Daniel (ACHIM): Um es knapp zusammenzufassen: Arbeit ist scheiße, keine Arbeit aber auch. Letztlich ist der 1-Euro-Job auch nur eine Zwangsmaßnahme, die in unserem Fall positive Seiten hatte. Hartz 4 verschärft bestimmte Probleme, aber letztlich ist der Sozialstaat selbst das Problem, ein Teil des schlechten Ganzen. Dessen Zweck ist schließlich nicht, den Leuten ein angenehmes Leben zu ermöglichen, sondern sie für den Arbeitsmarkt verfügbar zu halten – dafür zu sorgen, dass sie nicht total verwahrlosen und gar nicht mehr zu verwenden sind, und zu verhindern, dass sie irgendwann Rabatz machen. In unserem Stück machen sie halt Rabatz.

Das Gespräch für den Feierabend! führte

amu.

Thor Steinar ist verkauft

Die Nazi-Marke Thor Steinar hat ihren Besitzer gewechselt. Was erst im März breiter bekannt wurde, ist schon seit November 2008 Realität: Die hinter der Marke stehende Mediatex GmbH wurde an den arabischen Großinvestor Faysal al Zarooni, der sich ansonsten auf Immobi­lien­geschäfte und Beratungsdienstleistun­gen spezialisiert hat, verkauft. Der neue Eigentümer aus Dubai hat seinen Berater und engen Mitarbeiter Mohammed M. Aweidah als neuen Geschäftsführer von Mediatex eingesetzt. In Nazikreisen ist nun die Aufregung groß: Einige meinen, die alten Geschäftsführer Uwe Meusel und Axel Kopelke hätten sie verraten und sich jahrelang aus der Szene bereichert, ohne dieser was zurück zu geben. Weitere sind am Überlegen, ob die Marke jetzt boykottiert werden sollte, da sie ja nun keinem „ech­ten Deutschen“ mehr gehöre. Wiederum andere finden die Klamotten so cool, dass ihnen der Besitzer egal ist, oder heben die kollektive Identifikationswirkung von Szene-Klamotten heraus. Und schlussendlich gibt es auch solche, die das abgehen auf derlei Marken nie verstanden haben und sich eher das „braune Hemd“ als Identi­fika­tionsmerkmal zurückwünschen. Großes Kino – kruder Film. Solange sich die rechte Szene jedoch in ihrer Ablehnung nicht einig ist, solange muss sich auch die Ladenschluss-Kampagne nicht umorien­tieren und kann diese Marke weiter den Faschisten zuordnen.

(momo)

Letztlich keine Handhabe

Wächterhaus Zschochersche Straße 59/61

Ärger im Kiez! Anfangs mit Lorbeeren und Lobeshymnen zuhauf behängt, sah sich der Verein HausHalten im vergangenen Winter plötzlich auch mit unschmeichelhafter Presse konfrontiert. Von genervten Anwohner_innen, Schlägereien und Konzerten, die von Polizeikräften beendet wurden, war die Rede oder vielmehr das Gerede, und immer ging es dabei um das Wächterhaus an der Ecke Zschochersche/Industriestraße in Plagwitz. Jedoch hat sich kaum jemand die Mühe gemacht, die Hintergründe zu beleuchten. Anlass genug für den Feierabend!, die Lupe auszupacken und den Gerüchten des Boulevards auf den Grund zu gehen.

 

Schon zu Beginn unserer Artikelreihe über die Leipziger Wächterhäuser hatten wir in der #29 auf die konzeptionellen Mängel und möglichen Schwachstellen des Konzeptes hingewiesen. So z.B. auf das Fehlen von konkreten Nutzungskriterien, durch die der Verein HausHalten den selbst gesteckten Anspruch der sozialen Stadtentwicklung auch ernsthaft einlösen könnte, oder die nachrangige Behandlung der Interessen der „WächterInnen“ und deren fehlende Mitbestimmungsmög­lichkeiten. Nichtsdestotrotz sehen wir nach wie vor auch die Chancen und Freiräume, die der HausHalten e.V. mit seinem Konzept für die Nutzer_innen eröffnet. Viele Aspekte rund um die Fragen und Probleme von Selbstorganisation lassen sich anhand der verschiedenen Hausprojekte beleuchten. Am hier vorliegenden Beispiel der Zschocherschen Straße 59/61 wollen wir deshalb rückblickend einige Konfliktlinien aufzeigen, die durch das Zusammenwürfeln verschiedener Nutzungsansätze leicht entstehen und von daher bei der Koordination eines kollektiven Hausprojektes nicht unterschätzt werden dürfen.

Einzigartige Mischung

Bei dem Objekt in der Zschocherschen Straße 59/61 handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine Ausnahme im Portfolio des Vereins, beherbergen die Häuser doch mit elipamanoke und Kultiviert Anders! zwei Vereine, die mittlerweile feste Größen im Kulturbetrieb des Leipziger Westens geworden sind. Das Projekt umfasst zwei Häuser. Das eine, direkt am Kanal, wird nur im Untergeschoß von eli­pa­ma­no­ke genutzt, da sich der Rest in einem baulich äußerst heruntergekommenen Zustand befindet. Der Höhenunterschied zwischen Kanal und Straße bedingt ein weiteres Kuriosum, nämlich dass der Keller gleich drei Etagen hat.

Über den beiden Vereinen im Erdgeschoss, die sich vor allem der Förderung und Vernetzung von jungen aufstrebenden Künstler_innen verschrieben haben, sind vier Wohnungen mit rund 220m². Die Bewohner_innen zahlen einen monatlichen Betrag, bei dem HausHalten aber nicht möchte, dass er Miete genannt wird, weil ihm kein Mietvertrag nach dem BGB zugrunde liegt, sondern lediglich eine Nutzungsvereinbarung. Das zweite Obergeschoss wird von Student_innen der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) vereinnahmt, die hier ihre Ateliers betreiben und in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen auch Rundgänge unter dem Motto „Tag des offenen Ateliers“ anbieten. Das Stockwerk darüber teilen sich eine psychologische Beratungsstelle und das Designatelier Scalare, das allerdings teilweise schon wieder ausgelagert wurde, weil den Betreiber_innen die verfügbare Fläche zu klein wurde und die erhofften Synergieeffekte ausblieben. Im vierten Stock hat erst im März das Atelier für Ausdrucksmalen wesensART eröffnet. Hier kann mensch es laut Eigenwerbung jeden Dienstag und Donnerstag ab 19 Uhr „mit einem großen weißen leeren Blatt aufnehmen“.

Bedenkt mensch, dass bei diesem Hausprojekt 2006 erstmals Räumlichkeiten nicht nur an Vereine und Künstler_innen, sondern auch an Einzelpersonen vergeben wurden, welche diese ausschließlich als Wohnraum nutzen, lässt sich schon erahnen, dass diese unterschiedlichen Nut­zungs­konzepte zu Reibungen führten. Doch die Probleme fangen nicht erst zwischen den „Wächter_innen“ an, sondern bereits an der Frage um Mit- und Selbstbestimmung gegenüber dem HausHalten e.V.. Im Sommer 2007 kam das Haus groß in die Medien, als die Minister für Bau und Stadtentwicklung sämtlicher EU-Mitgliedsstaaten zu Gast in Leipzig waren und bei dieser Gelegenheit auch das besagte Wächerhausmodell besichtigte. Allerdings nicht zur Freude Aller: Die meisten Nutzer_innen empfanden es als wenig prickelnd, dass ihnen diese Veranstaltung von HausHalten ungefragt „überge­stülpt“ wurde, ebenso wie die Preisübergabe anlässlich des Wettbewerbs „Deutsch­land – Land der Ideen“. Die Begründung des Vereins dazu lautete lediglich, dass dies das einzige Wächterhaus sei, in dem auch die dem Anlass entsprechenden Räumlichkeiten vorhanden seien.

Konfliktlösung?

Die fehlende Vermittlung zwischen den ver­schiedenen Nutzungsansätzen und der mangelnde Blick des Vereins auf Mit- und Selbst­bestimmung der NutzerInnen waren es dann auch, die die Lösung der auf­kommenden Probleme zusätzlich erschwerten. Ausgangspunkt von Spannungen im Haus war zum einen, dass sich die ursprünglich eingereichten Konzepte der Vereine Kultiviert Anders! und elipamanoke bei laufendem Betrieb schnell weiterentwickelt hatten. Konkret bedeutete dies, dass dort seit längerem schon regelmäßig Bands und DJs auftreten, teilweise auch bis weit nach Mitternacht. Dies führte dazu, dass sich die Anwohner_innen häufiger über Lärmbelästigung beschwerten. Als zusätzlich explosiv erwies sich jetzt die stark unterschiedliche Nutzung innerhalb des Hauses. Angesichts der Tatsache, dass kaum Maßnahmen zur Dämmung der entstehenden Schall- und Geruchsbelästigung (durch Zigaretten) bei den Veranstaltungsräumen getroffen wurden, sahen sich die Hausbewohner_innen mehrmals pro Woche mit den unangenehmen Folgen konfrontiert. Diese wurden an HausHalten herangetragen, der Verein beschränkte sich nach Gesprächen darauf, die betreffenden Vereine abzumahnen und mit Kündigung zu drohen, die im Falle des Kultiviert Anders! Ende letzten Jahres auch ausgesprochen wurde. An einer aktiven Vermittlung zwischen den Nut­zer_innen bestand vorerst wenig Interesse. Haus­Halten wollte zwar eine Einigung der Konfliktparteien untereinander erreichen, doch ohne die eigene Mitverantwortung an den Verhältnissen wirklich einzu­räumen.

Inzwischen wurde eine Vereinbarung erreicht. Viele Details sind allerdings nicht bekannt, da die beteiligten Parteien uns gegenüber verschiedene Angaben machten und die Verantwortlichen von Haus­Halten sich nicht öffentlich äußern, mit der Begründung, keine alten Wunden aufreißen zu wollen. Sie sehen es als Erfolg ihres Konzeptes, dass es seit mehreren Monaten keine Beschwerden mehr gab. Eine Konsequenz, die sie aus diesem Konflikt zogen, ist, jetzt verstärkt darauf zu achten, dass die in Frage kommenden Nutzer_innen sich untereinander kennen, bevor ihnen zugesagt wird. Überhaupt ist HausHalten bemüht, die Komplikationen herunterzuspielen – es wird darauf verwiesen, dass es bei 13 Häusern nur in diesem Wächterhaus Probleme unter den Nut­zer_innen gab. Nicht eingehen wollte man auf die traurige Tatsache, dass erst das „Quartiersmanagement Leipziger Westen“ als externer Vermittler einbezogen werden musste, um überhaupt alle Parteien an einen Tisch zu bekommen. Es wird schon als Erfolg angesehen, dass nun innerhalb der Hausgemeinschaft über die Intensität, Länge und Häufigkeit der Veranstaltungen ein Konsens gefunden wurde. Jedenfalls hat Kultiviert Anders! eingelenkt und macht nur noch einmal im Monat Veranstaltungen, die länger als 22 Uhr dauern. Zur Belohnung für ihr überarbeitetes Konzept haben sie jetzt einen neuen Nutzungsvertrag.

Alles in Butter? Denkste!

Seltsam nur, dass die Bewohner_innen aus dem ersten Stock dies erst durch uns erfahren haben. Eine Kommunikation unter den Nutzer_innen findet ihren Angaben nach nicht bzw. nur spärlich statt. Eine Bewohnerin ist kürzlich ausgezogen, weil sie den Lärm nicht mehr ertragen wollte, der Rest macht einen reichlich re­sig­nierten Eindruck. Zwei Jahre lang habe mensch sich erfolglos immer wieder über die Zumutungen Lärm und Qualm beschwert – auch seien wiederholt verantwortliche Personen der Vereine eli­pa­ma­no­ke und Kultiviert Anders! direkt angesprochen worden (etwa wegen Bauholz, das den Weg versperrte), jedoch wären keine erkennbaren Reaktionen erfolgt. Nicht gerade förderlich muss es gewesen sein, dass vergangenen August das Haus­pro­jekt als Ganzes in Frage stand und HausHalten sich der Vermittlerrolle im Kon­flikt entzog und allen Parteien mit Kündigung drohte. Wie blanker Hohn mutet es da an, dass die übrigen Nut­zer_innen zunächst zum neuen Nutzungs­kon­zept des Kultiviert Anders! befragt wurden, es jedoch zuerst am 30.10. und später erneut ablehnten, woraufhin sie vom HausHalten e.V. nicht weiter mit einbezogen wurden. Die Bewohner_innen haben zwar bemerkt, dass es in den letzten Wochen erkennbar weniger laut geworden ist, ärgern sich aber nach wie vor, dass es so lange dauert, ehe sich etwas ändert. Das hat auch Auswirkungen auf die Plenumskultur. Gab es ver­gangenes Jahr, als die Krise akut war, fast alle zwei Wochen Hausplena (bei denen in der Regel auch nur die selben drei oder vier Nut­zer_innen anwesend waren), so gibt es inzwischen gar keine mehr. JedeR kommt nach Bedarf zum Haussprecher, der die Rolle des Sprachrohrs gegenüber HausHalten einnimmt oder nutzt das schwarze Brett im Haus­flur. Dringende Punkte lägen momentan nicht vor – lapidarer Kommentar des Haussprechers: „Letztlich hast du ja eh keine Handhabe“. Ein Nutzer aus dem Erdgeschoss resümiert: „Am Anfang wurde viel versprochen, jetzt nach über zwei Jahren haben wir zwar viel Spielraum und Freiraum und müss­ten eigentlich Zimmerlautstärke ein­hal­ten, solange es aber die anwohnende Be­völkerung nicht stört, hat HausHalten kein Problem damit. Klar sind wir mal hier und dort ins Fettnäpfchen getreten und muss­ten die Fehler dann auch ausbaden, da hätten wir uns von HausHalten mehr Un­terstützung gewünscht. Wenn nach außen alles schön ist und die Weste rein bleibt für Haus­Halten, dann ist alles cool, aber sobald irgendwie ein kleines Problem auf­tauchte, wurde es doch sehr spitzfindig.“

Bleibt zu hoffen, dass demnächst die hausinterne Kommunikation wieder stärker in Gang kommt und die Vereine Kultiviert Anders! und elipamanoke, die das Bild der Wächterhäuser in der Öffentlichkeit zu einem wesentlichen Teil mitprägen, noch möglichst lange und ungestört ihren eigentlichen Kernzielen nachgehen können: Ein Forum für Kultur, Kunst und Medien zu schaffen, sowie jungen Kulturschaffenden und neuen Ideen einen Freiraum zu bieten, um eine soziale Stadtentwicklung im Viertel weiter voran zu treiben.

(bonz)

 

www.kultiviertanders.de

www.myspace.com/elipamanoke

www.haushalten.orgde/haushalten_chronik.asp

Autonomes Abwracken in Dresden

Das hätte sich die Bundesregierung vorher überlegen sollen: Ganze 42 Fahrzeuge der Bundeswehr gingen am Morgen des 13. März – nach einem auf dem Gelände der Dresdner Offiziersschule verübten Brand­anschlag – in Flammen auf. Dabei entstand ein Sachschaden von etwa 2 Millionen Euro.

Während die linken Chaoten in diversen Inter­net­foren ihrer klamm­­heim­lichen Schadenfreude Ausdruck verliehen, zeigte sich Oberstleutnant Johannes Derichs, der Kommandant der Offiziersschule, betroffen: “Ein Anschlag auf die Bundeswehr ist auch ein Anschlag auf die Gesellschaft”, erklärte er der Presse.

Zwei Tage nach dem Anschlag erreichte den MDR per Post ein Bekennerschreiben, welches von einer bis dahin unbekannten Initiative für ein neues blaues Wunder unterzeichnet war. Nach Angaben der Polizei spricht diese sich in dem Schreiben “allgemein gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr und für die Abrüstung von Kriegswaffen” aus, kommt also allem Anschein nach aus dem antimilitaristischen Spektrum. Eine neugegründete Ermittlungsgruppe “Albertstadt” nimmt sich jetzt der Sache an. Linke Aktivist_innen sollten schon mal ihre Biblio­theksausweise zurückgeben und ihre heimischen Bücherregale leerräumen, um nicht als mögliche „intellektuelle Rädelsführer” ins Fadenkreuz der Fahnder zu geraten.

(justus)

May-Action – IT WORKS!

Endlich mal wieder was los in L.E.! Und das zum Ersten Mai und ganz ohne Nazis. Grund genug für die gesamte Feierabend!-Redax in kleinen Teams überall vor Ort zu sein, um zu sehen, wie erfolgreich sich das Sterndemo-Konzept eines breiten Bündnisses von politischen Gruppen umsetzen ließ.

FA!-Zentrale: Saluta, geneigtes Publi­kum! Ich melde mich hier aus der FA!-Zentrale, um Euch durch den Tag zu füh­ren. Und was für ein Tag das ist! Die Sonne strahlt makellos, und wie mir eben be­richtet wurde, haben sich an den verschiedenen Treffpunkten zum heutigen Mai-Sternenmarsch bereits hunderte Akti­vistIn­nen versammelt. Anlass dieser alternativen Mobilisierung zum 1. Mai ist die allgemeine Unzufriedenheit über das alljährliche Bratwurstfest der Zen­tra­l­gewerkschaften und deren Forderung nach immer noch mehr Arbeit im Rahmen kapitalistischer Verwertungslogik. Stattdessen wollen die Veranstal­terIn­nen hier und jetzt ein klares Zeichen ge­gen den Arbeitswahn und die Aus­beutung der menschlichen Arbeitskraft setzen. Unter verschiedenen Motti werden die AktivistInnen aufeinander zu­laufen und dann vom Südplatz ge­mein­sam unter einem arbeits­kritischen Slogan durch die Innenstadt zum Jo­hannisplatz zie­hen. Wir sind gespannt, ob das Kon­zept aufgeht. Noch eine letzte Info, ehe ich zu unserem Redak­tionsteam am Connewitzer Kreuz schalte: Heute morgen waren gerade mal 100 Menschen bei der DGB-Demonstration. Allein das sollte den Funktionären zu denken geben! Aber nun ans Kreuz, von wo justus und clov live berichten …

justus: Hier sind schon gut 400 Leute vor Ort. Noch ist alles ruhig. Halt! Da passiert was! Ein Punk erklärt herum­stehenden Polizisten, sie seien Scheiße – die bieten im Gegenzug an, ihn in Gewahrsam zu nehmen. Eine Eskalation wird zum Glück vermieden…

clov: Ich sehe auch gerade 12 Konflikt­manager_innen auflaufen. Die sollen wohl das Alkoholverbot durchsetzen. Beim Verlesen der ganzen Demoauf­lagen bin ich fast eingeschlafen.

FA!-Zentrale: Am Kreuz scheint ja schon einiges los zu sein. Wie sieht es in der Johannisallee aus?

wanst: So langsam sammeln sich etwa 150 pinkbunte und dunkle Leute in praller Sonne. Ein selbstgebasteltes Papp­schild beschreibt die Stimmung: „Wir sind niedlich! – Was seid Ihr?“. Vom Lauti aus werden gerade einige Polizist­Innen aufgefordert, nicht zwi­schen der Demo rumzulaufen. Am Rande werden Taschen nach Alkohol durch­sucht.

bonz: Ein Skandal! Gerade noch recht­zeitig konnte eine Sektflasche, ein po­tentieller Molli, konfisziert werden. Die Auflagen und der Aufruftext wurden verlesen. Ah, es geht los!

FA!-Zentrale: Und jetzt noch schnell zum West­platz. Wie ist die Lage bei Euch?

momo: Also hier haben sich gerade rund 100 Leute versammelt. Wir stehn zwar noch planlos auf dem Fußweg rum, aber das wird sich hoffentlich bald ändern.

k.mille: Einige schwarzgekleidete Men­schen bringen gemächlich ihr Front­trans­parent – „Still not Loving Police“ – in Stellung. Demoauflagen werden ver­lesen. Die Stimmung ist entspannt. Wir geben zurück an die Zentrale.

FA!-Zentrale: Wahnsinn! Wenn ich mich nicht irre, ist die Mobilisierung ein voller Erfolg. Zusammen demonstrieren derzeit über 650 Menschen für eine alternative antikapitalistische Perspektive durch Leipzig. Die breite Kompromiss-Linie der Ver­an­stal­ter­Innen hat sich offenbar gelohnt. Es ist lange her, dass eine solche Menge von AktivistInnen in Leipzig an einer eigenständigen Pro-Demo teilge­nom­men hat. In wenigen Minuten müssten sich die drei Demonstra­tionszüge am Südplatz ver­einigen. An alle Teams: Seid Ihr schon vor Ort?

momo: Ja, unser Demozug vom West­platz ist der erste am Südplatz. Aber im Moment sind wir noch ein eher kläg­liches Häufchen.

k.mille: Oh was, so schnell?! Da ist man mal für einen Moment bedürfnis­orientiert …

justus: Unser Demozug nähert sich jetzt von Connewitz aus. Die Polizei ist deutlich in der Unterzahl, die Stimmung dementsprechend entspannt.

clov: Jo, alles chillig hier. Mir fehlts persönlich etwas an Inhalten. Sehe nur wenige Fahnen und ganze zwei Trans­parente. Außer dem 8.Mai-Aufruf kursiert auch nur der allgemeine Demo-Flyer. Schade, eine verpasste Chance.

wanst: Nach der Kundgebung am Bay­rischen Platz mit Reden, die u.a. for­der­ten „Schafft mehr Läden“ und einer ABBA-Coverband ging es weiter zur Karli mit einem schlecht ausgesteuerten Jingle, der für nächste Woche zum „Rock am Kreuz“ aufrief. Wir sind kurz vor dem Südplatz. Ich höre schon Gejubel. Die Demo legt jetzt einen Schritt zu.

droff: Es bleibt hoffentlich bewegt. Gera­de wurde der letzte Demozug von der Jo­hannesallee mit Jubel­rufen empfangen. De­mo komplett! Jetzt kann´s richtig losgehen.

FA!-Zentrale: Also, der versammelte Demonstrationszug bewegt sich jetzt fröhlich und ausgelassen in Richtung Stadtring. Die Stimmung ist dank des guten Wetters und der vielen Leute ausgezeichnet… Halt, ich höre gerade, dass der Demonstrationszug von der Polizei direkt am Polizeipräsidium aufgehalten wurde. Was ist da los, Leute?!

justus: Zwei Reihen Polizei in voller Montur haben die Straße blockiert! Vom Lauti­wagen aus wird die Menge aufgefor­dert, ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.

clov: Abgekartetes Spiel! Nach der LVZ war die Stimmung am Höhepunkt. Jetzt sit­zen wir im Schatten des Polizeipräsi­diums fest. Die einzige Stelle, wo die Polizei mit ihren wenigen Kräften dichtmachen konnte. Scheiß Provo!

momo: Ach, es hätte so schön sein können. Aber nein, da fehlt noch der Aufhänger für die Presse morgen, damit die Demo schlecht- und die Bullen gutgeredet werden können!

FA!-Zentrale: Ich höre gerade, dass die Demo weitergeht. Offensichtlich hat die Polizei erkannt, wie überflüssig es war, die bisher ausgesprochen friedliche Demonstration weiter zu provozieren. Ein Punkt für die Ordnungs­behörden. Wie ist die Stimmung nun? Wir schalten ein letztes Mal zur De­mons­tra­tion …

wanst: Ja, wir haben am Roßplatz noch ein­mal Halt für Reden zu Uni und Ar­beit gemacht. Auf der geänderten Rou­te geht´s jetzt zum Johannisplatz, wo noch etwas Musik und Chillout sein soll. Trotz Alkoholverbot bin ich auch schon nicht mehr ganz nüchtern und freu mich auf die Wiese.

FA!-Zentrale: Unser Fazit zum heutigen 1. Mai: Die Sache mit der dreige­teilten Demo hätte echt schiefgehen können. Es war aber nicht so. Im Gegenteil: Stun­den­­lang konnten die un­ter­schied­lichen po­litischen Grup­pen die öffent­l­ichen Räu­me der Stadt mit ihren Inhalten besetzen. Außer­dem zeigte das Teilneh­mer­Innen-Ver­hält­nis von beinahe 1:10 zwischen der DGB-Demo und dem alter­na­tiven Sterndemo, dass es richtig war, ein Zeichen gegen die Pro-Arbeits-Demo des DGB zu setzen. Denn die meisten politisch­en Akti­vist­Innen in Leipzig haben begriffen, dass es nicht um mehr, sondern um eine andere Art der Arbeits­orga­ni­sation, nicht nur um eine Re­form, sondern um eine Revolution der Ver­hält­nisse gehen muss. Sicher, die breite Kom­pro­miss-Linie hat nicht alle in jedem in­halt­­lichen Punkt befriedigt, aber die schiere Masse der Teil­­nehmer­­Innen war heute ein weithin sicht­bares Zeichen der Hoffnung.

Weiter so, wünscht deshalb allen der Feierabend!

Keine Nazis. Nirgends.

Rechte Umtriebe beim Wave-Gotik-Treffen

Das alljährlich zu Pfingsten stattfindende Wave-Gotik-Treffen ist ein gutes Geschäft für die Stadt Leipzig. Dass das Festival nicht nur ein Anlaufpunkt für jährlich etwa 20.000 „Schwarze“, sondern auch für Neonazis ist und immer wieder einschlägige Bands im Programm auftauchen, wird deswegen gern übersehen. So werden dieses Jahr neben Camerata Mediolanense (1) und der rechtsoffenen Black-Metal-Band Dies Ater (2), auch Fire & Ice auftreten, eine Neofolk-Band, deren Frontmann Ian Read lange Zeit in der britischen Neonazi-Szene aktiv war.

Read war – zusammen mit Tony Wakeford und Gary Smith – Gründungsmitglied der Band Sol Invictus. Wakeford (der zuvor bei der ebenfalls rechtslastigen Band Death In June mitgewirkt hatte) war zu dieser Zeit Mitglied der National Front, Smith spielte Bass bei der Naziskin-Band No Remorse und war Mitglied von Combat 18, dem terroristischen Arm des Nazinetzwerkes Blood & Honour (3). Read und Smith waren nicht nur Bandkollegen, sondern wohnten einige Zeit auch zusammen. Und Read war kein bloßer Mitläufer: 1990 wurde er bei einer Konferenz in London gesichtet, bei der sich diverse Größen der rechten Szene trafen – er leitete bei diesem Event den Sicherheitsdienst (4).

Neben solchen Aktivitäten in der Neonazi­szene war Read auch in verschiedenen satanistischen und heidnischen Gruppen aktiv. Auch wenn er sich mittlerweile eher als „Großmagier“ denn als Straßenkämpfer inszeniert, macht er keinen Hehl aus seiner sozialdarwinistischen Weltsicht, die er in Statements wie dem folgenden kundtut: „Sowohl Boyd Rice (5), vor dem ich großen Respekt habe, als auch ich sind elitär und haben wenig mit dem ´kleinen Mann´ zu tun, der die Erde bevölkert…“ Fragt sich nur, was Read ohne den „kleinen Mann“ täte – wenn er keinen mehr hätte, auf den er verächtlich herabschauen könnte, würde er womöglich merken, was für ein armes Würstchen er selber ist.

Das Zitat ist übrigens dem „Gothic- und Dark Wave-Lexikons“ entnommen (6), herausgegeben u.a. von Peter Matzke (seines Zeichens WGT-Pressesprecher). Reads hirnrissige Aussage wird dort so kommentiert: „Sätze, die verwirren in der bürgerlichen Wohlstands- und Spaßgesell­schaft…“ Kritik sieht anders aus. Die Vermutung liegt nahe, dass Peter Matzke selbst den zitierten Lexikon-Artikel zu Fire & Ice verfasst hat. Der Fakt, dass Matzke sich 2003 für ein Interview mit dem neurechten Käseblatt Junge Freiheit bereit fand (7), lässt sich bestenfalls als Zeichen politischer Ignoranz bewerten. Dort machte er in ganz ähnlichem Stil „die Ablehnung des Wertesystems der europäischen und amerikanischen Wohlstandsgesellschaft“ als „geistige Basis der Szene“ aus und erklärte: „Diese Szene rekurriert auf dezidiert europäische Kulturtraditio­nen, sie lebt etwas, das vor allem der nordeuropäischen (…) Denkart entgegenkommt. Unter den fast 20.000 Besuchern des Treffens habe ich bislang erst einen einzigen farbigen Gast ausmachen können.“ Das hören die völkischen Nationalisten von der JF sicher gern.

Es ist also vielleicht kein Zufall, dass regelmäßig rechte bis neonazistische Bands im Festivalprogramm auftauchen, wie z.B. 2001 Von Thronstahl, deren Frontmann Josef Klumb sich damals längst als antisemitischer Verschwörungstheoretiker geoutet hatte, oder dass der VAWS (Verlag und Agentur Werner Symanek, u.a. für Druck und Vertrieb der Nazipostille Unabhängige Nachrichten zuständig) mit seinem Stand auf dem Festivalgelände präsent sein kann, während dies antifaschistischen Gruppen mit Hinweis auf den „unpolitischen“ Charakter des Treffens verweigert wird. Womöglich sind vor allem kommerzielle Interessen dabei ausschlaggebend – einem Esel, der Gold scheißt, schaut man lieber nicht ins Maul. Einfach hinnehmen muss mensch das aber nicht.

Ein gewisses Augenmaß ist bei der Gegenwehr allerdings nötig – ein Beispiel, wie man es besser nicht macht, lieferte das WGT 2007. Da versammelten sich auf das Gerücht hin, die im UT Connewitz spielende Gruppe Stormfagel sei eine Naziband, ca. 50 AntifaschistInnen vor dem Gebäude. Konzertbesucher wurden aufgehalten, auf rechte Symbole gefilzt und teilweise tätlich angegangen. Später am selben Abend wurde eine mit „Grufties“ gefüllte Straßenbahn mit Pflastersteinen beworfen, ein Festivalbesucher wurde dabei am Kopf getroffen – ein Zusammenhang mit der vorhergehenden Antifa-Aktion ist nicht belegt, lässt sich aber vermuten. Mit der Antifa ist es eben wie mit der „schwarzen Szene“: Hier wie dort lassen sich ein paar Idioten finden. Pauschalurteile helfen in jedem Fall nicht weiter, und auf schlampiger Recherche (8) beruhende Haudrauf-Aktionen sind eher kontraproduktiv, wenn sie sich gegen einige in einer Masse politisch eher desinteressierter FestivalbesucherInnen versteckte Neonazis richten. Überhaupt sollte mensch sich dabei nicht nach Äußerlichkeiten richten: Hinter Rüschenhemden verbergen sich schließlich nicht gleich reaktionäre Ideologien, ebensowenig wie vom „nazimäßigen“ Stil mancher Elec­tro­nic­BodyMusic-Fans mit Militärhosen und Kurzhaarschnitt auf deren politische Einstellung geschlossen werden kann – und auch Menschen mit Death-In-June-Buttons sind nicht unbedingt Nazis. Anti­faschistInnen sollten also eher auf Aufklärung setzen, um den Festival-Be­sucher­Innen ihr Anliegen zu vermitteln. Denn wenn man Neonazis aus der „schwarzen Szene“ raushaben will, dann ist es in erster Linie die Szene selbst, die dafür sorgen muss.

(justus)

 

(1) siehe z.B. www.geister-bremen.de/brosch4.htm.

(2) siehe de.indymedia.org/2009/03/243865.shtml?c=on#c560282. Die Band hält sich zwar mit eindeutigen Statements zurück, hat aber gute Kontakte zum neonazistischen Black-Metal-Bands wie Totenburg oder Absurd.

(3) Tony Wakeford versucht heute, seine Kontakte zur Neonaziszene zu vertuschen. In einem unter www.fluxeuropa.com/tw_int_brownbook.htm zu findenden Interview gibt er immerhin zu, dass Gary Smith Gründungsmitglied bei Sol Invictus war. Zu Combat 18 siehe z.B. www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,19322,00.html.

(4) www.stewarthomesociety.org/wake-ford.html

(5) seit Anfang der 80er mit dem Industrial-Projekt NON aktiver Musiker, Mitglied der Church Of Satan und wie Read bekennender Sozialdarwinist mit Kontakten zur rechten Szene.

(6) Peter Matzke & Tobias Seeliger (Hrsg.), „Das Gothic- und Dark Wave-Lexikon – Die Schwarze Szene von A-Z“, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Neuauflage 2003, S. 216.

(7) zu finden unter www.jf-archiv.de/archiv03/253yy24.htm.

(8) siehe z.B. de.indymedia.org/2007/05/178817.shtml. Der betreffende Artikel ist zwar mit „Grufties gegen rechts“ unterzeichnet, mir ist allerdings keine „Grufties gegen rechts“-Gruppe in Leipzig bekannt.

Auf zur zentralen Einheitsgemeinde!

Klage gegen Gemeindegebietsreform in Sachsen-Anhalt endgültig gescheitert

Dass der deutsche Bundesstaat vom Prinzip des Föderalismus und damit von einer Mitbestimmung durch die Betroffenen nicht viel hält, sieht mensch schon an dem Fakt, dass immer mehr Entscheidungskompetenzen auf die nächst höhere, europapolitische Ebene verschoben werden, anstatt die Autonomie und Selbstbestimmung auf den unteren Ebenen sicherzustellen. In Sachsen-Anhalt geht Staat nun exemplarisch noch einen Schritt weiter. Was hier bisher freiwillige Verhandlungssache zwischen den kommunalen Gemeinden war – der Zusammenschluss in größere Verwaltungseinheiten – wird nun per Dekret durchgesetzt. Die juristische Zwangsmaßnahme heißt Gemeindegebietsreform (2007/08), nach der eine kommunal organisierte Gemeinde mindestens 10.000 EinwohnerInnen (!!!) umfassen muss, um überhaupt so etwas wie Selbstverwaltung ausüben zu können, und wurde maßgeblich von der SPD vorangetrieben. Fast 200 Gemeinden hatten dagegen vor dem Landesgericht Sachsen-Anhalts geklagt. Doch ohne Erfolg. Richter Schubert verkündete am 21.04. 2009, dass der Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit des Landes ausreichend wäre, um so massiv in die Selbstverwaltung der Kommunen einzugreifen. Er berief sich dabei auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1988. Mensch könnte diese einheitliche deutsche Rechtsprechung auch so lesen: Da es billiger ist, wenn weniger mehr entscheiden, darf prinzipiell immer zentralisiert werden. Ob solche Einsparungen dann auch wirklich den Betroffenen dienen, prüft freilich kein Gericht der Welt und darf getrost bezweifelt werden.

Fakt ist: Gemeinden, die sich nun bis Ende Juni keiner größeren Verwaltungseinheit anschließen, werden dann zwangsangegliedert. Schöne neue Welt! Der historische Trend könnte eindeutiger nicht sein. Denn nicht nur in Deutschland wurden seit 1945 tausende von Gemeinden aufgelöst und zentralisiert, die Mitbestimmung von unten beständig beschnitten. Drastischstes Beispiel ist Dänemark. Hier schrumpfte die Anzahl der Gemeinden von 1400 (1950) auf sage und schreibe 98 (2007). Dass solche Zwangsmaßnahmen zur Zentralisierung von Entscheidungen in den Händen weniger mit einer föderal organisierten Mitbestimmung von unten nach oben wenig zu tun haben und letztlich der transparenten Kontrolle von Gemeindebudgets entgegenarbeiten, sollte jedem vernünftigen Mensch einleuchten. Deshalb: Ein Hoch auf die EinwohnerInnen des unterfränkischen Ermershausen, die 1978 Widerstand gegen ihre Auflösung leisteten, das Rathaus besetzten und Barrikaden errichteten. Mehrere Hundertschaften der Bereitschaftspolizei mussten das 800-Seelen-Dorf damals erstürmen, um die Gemeinde zu entmachten. Dass der Mut der Betroffenen in Sachsen-Anhalt ähnlich groß ist, bleibt nur zu hoffen.

(clov)

Reisebericht: Turkey – Imagined Community II

Von der Istanbuler Bronx in die Anatolische Einsamkeit

Ich bin umgezogen. Mich hat es aus dem touristenüberwucherten, hippen Avantgarde-Viertel Galata (FA! #32 „Turkey – Imagined Community”) in das Istanbuler Armenviertel Tarlabasi im Stadtteil Beyoglu, auch Taksim genannt, verschlagen, der seit jeher von Ungläubigen bewohnt wurde. Tarlabasi ist die Bronx von Istanbul und sein Ruf eilt ihm voraus. Wenn ich erzähle, dass ich dort lebe, reichen die Reaktionen von betretenem Schweigen bis hin zu ungläubigem Entsetzen. Kurden, Rum (Griechen), Roma, Drogen, Transsexuelle, billige Absteigen ist, was die Mehrheit Istanbuls allgemein mit Tarlabasi verbindet. Was ich damit verbinde?

Faltige, gegerbte Gesichter mit Kippenstummel zwischen zahnlosen Lippen, den billigsten und lautesten Wochenbazar Istanbuls jeden Sonntag direkt vor der Tür mit Türmen von frischem, lachenden Obst und Gemüse und geklauten Klamotten. Das Lachen der ungeschminkten Transen vor mir an der Kasse im Supermarkt, in dem ich nie genug Geld dabei hab und trotzdem alles bekomme. Der Panzer und die permanente Polizeipräsenz in der Nähe des DTP-Büros („Partei der demokratischen Gesellschaft“: Partei für die nationale Anerkennung der Kurden und eine friedliche Lösung der Kurdenfrage). Dutzende kleine Barbiergeschäfte, in denen eitle Männer und die, die es noch werden wollen rasiert und gestylt werden. Der kurdische Bakkal-Verkäufer, der Plastikhandschuhe für die Hygiene trägt und immer eine mit mir raucht, wobei er sich manchmal ein Loch in seine Handschuhe brennt. Der braune Stuhl vor unserem Haus, auf dem jeden Tag unser Apfelverkäufer sitzt und minikleine gelbe und rote Äpfelchen loszuwerden sucht, die manchmal von vorbeiziehenden halb­starken Horden, aus den Kisten geklaut werden, während der Alte nachsichtig lächelt. Im ca. 2,5 m² großen Elektronikladen, der von oben bis unten und von vorne bis hinten mit Dingen voll gepackt ist, hat weder ein Kunde, geschweige denn der Besitzer Platz, auch nur einen Fuß in den Laden zu setzen. Und die verschmitzt lächelnde alte Frau mit den weißen Haaren, die in der Unterführung neben der Mülltonne die paar Habseligkeiten verkauft, die sie (gefunden) hat, neben ihr ein Mann, der nicht mal Habseligkeiten hat, sondern nur eine Waage, auf der mensch sich wiegen kann.

Und dann gibt es da noch den kurdischen, alten Schneider, der in jungen Jahren in Paris gearbeitet hat. Hinter Fensterscheiben, die aussehen, als hätten sie ihren letzten Putz vor 20 Jahren erhalten, sitzt er vor seinem Schneidertisch auf dem sich Spulen, Garne und Klamotten türmen. Als wir das erste Mal von Jungs aus dem Viertel durch einen Moschee-Innenhof zu ihm gelotst wurden, um unsere verschlissenen Klamotten reparieren zu lassen, hat er anstatt der Kleidung zunächst unser Gesicht vermessen. Er mache Physiognomie-Studien, sagte er und presste kurz und fest beide Daumen gegen eine Stelle oberhalb unserer Augenbrauen. Er bat uns etwas zu schreiben, um aus unserer Handschrift auf unsere Persönlichkeit zu schließen. Ich schrieb und sein erster Kommentar: „Hässlich, sehr hässlich”. Ich lächelte ihn verlegen an. Ich war noch nie be­sonders stolz auf meine Buchstaben-Trümmerhaufen-Handschrift, die ein bisschen der Steno-Schrift meines vom Dokumentationsgeist besessenen Großvaters ähnelt und die ich manchmal selbst nicht entziffern kann. „Ich sollte die Dinge langsamer angehen”, so der gut gemeinte Ratschlag des Schneider-Psychologen, „nicht so sehr durchs Leben hetzen”. Ich muss grinsen und an Leipzig und Projektneurosen denken.

Wahlkampf

Jede befahrbare Strasse der 20 Millionen Metropole ist behangen mit bunten Plastik-Fähnchen auf denen Glühbirnen und Pfeile gedruckt sind. Sie hängen über Brücken, zwischen Straßenlaternen, Moscheen und anderen Gebäuden und schmücken die Autobahnen. Die Szenerie hat etwas Karnevaleskes. Nur feiert niemand. Es ist Wahlkampf…und Plastikmüll-Potlatch. Gekämpft wird gegen die Umwelt und ansonsten gegen alles andere, was unrecht ist. Klientelismus par excellence. Erdogans AKP („Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung”: islamisch-konservativ ausgerichtet, derzeit stärkste Fraktion im türkischen Parlament) beliefert ihre frierenden Wähler in spe schon mal mit ausreichend Kohle, um ihnen die um 80% gestiegenen Heizgas-Preise zu ersparen. Manche bekommen neues Einrichtungsmobiliar, andere Kühlschränke. Der Fall einer Familie wurde bekannt, die sich über den neuen Kühlschrank theoretisch gefreut hätte, wenn sie denn ans Stromnetz angeschlossen wäre.

Das faszinierendste an diesem Wahlkampf sind die politisierten Massen, die in Bewegung gesetzt werden. Zehntausende strömen zu den einzelnen Kundgebungen und schwenken, als ginge es um ihr Leben, die Fahnen zu Phrasen wie: „Wir werden die Armut in Ostanatolien abschaffen“.

Dort tobt indes seit Monaten die „Schlacht um die Festung Diyarbakir“, der Hauptstadt des türkischen Kurdistans. Im Fernsehen werden unaufhörlich Bilder von Demonstrationen und Gefechten zwischen PKK („Kurdische Arbeiterpartei“: kämpft mit Waffengewalt für politische Autonomie kurdisch besiedelter Gebiete in der Türkei) und Sicherheitskräften mit Toten und Verletzten gesendet, die an Bürgerkriegszustände erinnern. Die der PKK nahe stehende Kurdenpartei DTP, die seit wenigen Jahren Sitze im Parlament hat, hat eigene Wege gefunden dem anhaltenden Konflikt zu begegnen. Die Reformversprechen der AKP, etwa ein freierer Gebrauch der kurdischen Sprache, konterte die DTP geschickt mit einer Ansprache auf Kurdisch im türkischen Parlament. Da das jedoch weiterhin verboten ist, entpuppte sich die von der AKP versprochene neue Freiheit rasch als hohles Versprechen. Die PKK ihrerseits hat in den vergangenen zwölf Monaten wiederholt versucht, mit Gewalttaten Präsenz zu demonstrieren.

Anatolien

Ein Schlagloch reißt mich aus meinem seligen Schlaf. Ich blinzele aus dem Busfenster, der Sonne mitten ins Gesicht. Draußen ist es staubtrocken. Die kubischen Häuser, Palmen, der Boden und Olivenhaine, alles erscheint in demselben Farbton, als hätte jemand mit einer Riesendose Puderzucker über die Landschaft gestreut. Ich schwitze. Nach zweieinhalb Monaten nasser Plörre in Istanbul und einigen gescheiterten Versuchen der Beton-Megapolis für ein paar Tage zu entfliehen, eine Genugtuung. Auf der Straße laufen Muslime mit violetten, lose um den Kopf gebundenen Tüchern und Salvar-Hosen, die bis zum Knie eng wie eine Leggins sind und dann breit wie ein Rock werden. In all den winzigen Dörfern, an denen wir vorbei tuckern, scheinen die Menschen zu arbeiten. Frauen bücken sich über das Feld, während ihnen eine abgemagerte Kuh zuschaut, Ziegel werden getragen, Weizensäcke geschleppt, Teppiche geschüttelt, immer wieder Schäfer und kleine Menschengruppen, die irgendwo im Nirgendwo die Straße entlang spazieren. Seelenruhig. Vorbei an kilometerlangen Steinfeldern, am Horizont schroffe Bergketten und sonst nur Himmel. Dann brechen plötzlich Hochhaus-Bauten aus der Erde. Mitten im Nichts. Brachiale Siedlungsmethoden. Die Erde blutet.

Deutsche Bürokratie auf türkischen Klos

Klopause. Der Bus wird mit einem an einen Besen befestigten Schlauch von oben bis unten geschrubbt, als ginge es um ein re­ligiöses Waschritual. Am Kloschalter sitzt ein etwa 50-jähriger Mann, der mir, nachdem er sich nach meiner Herkunft erkundigt hat, einen Brief aus seiner Kabine entgegenstreckt. „In amtlicher Sache“ steht in deutsch darauf. Ein Scheidungsbescheid mit Zahlungsaufforderung. Was die wollen, will er wissen. Bestimmt werde er sich nicht bei denen melden. Seine Frau…in Ham­burg…dann wieder ein Klokunde auf der anderen Fensterseite, der uns neugierig beobachtet, während er auf sein Rückgeld wartet…er neunmal dort gewesen…keine dauerhafte Auf­ent­halts­genehmigung…ich verstehe nur Brocken, sowohl auf deutsch als auch auf türkisch. Er will, dass ich ihm den Brief vom Anwalt übersetze. Der deutsche Staat schafft es sogar, seine verklausulierten Phantasien in ein Klohäuschen im tiefsten Ana­to­lien zu transportieren und mich dazu zu bringen, den Krampf auch noch zu übersetzen. Dabei wäre es nicht mal das Klopapier wert.

Staudamm im Paradies

Wir leihen uns ein Auto und fahren nach Hasankeyf. Eineinhalb Stunden von der Hauptstadt des türkischen Kurdistan am Tigris liegt das Paradies. Hier soll der Garten Eden gewesen sein. Grüne, saftige Wiesen vor schroffen Bergketten. Felshänge erheben sich aus dem Strom des breiten Flusses, alle paar Meter Löcher im Fels, dahinter Höhlenlabyrinthe. Die PKK-Rebellen sollen hier unter anderem ihre Rückzugsgebiete haben. Nur noch wenige kennen die unterirdische Geographie. Wir halten vor einer alten Mauer. Kinder rennen uns entgegen. Die Mädchen haben riesige Sträuße von irgendeinem Kraut in ihren Armen. Ich habe den Namen vergessen, aber die halbgeschälten Stiele, die sie uns kiloweise anbieten, sind extrem lecker. Wir tollen mit ihnen über die Wiesen, dann zeigen sie uns die Reste osmanischer Grabmäler, Hammams (türkisches Bad) und Burgen aus Zeiten des Reichtums.

Die Geschichte von Hasankeyf vor der christlichen Zeitrechnung liegt im Dunkeln. Danach befand es sich unter wechselnder Herrschaft durch die Oströmer und ihr byzantinisches Reich und die Sassaniden, die das zweite persische Großreich gründeten. 0m Lauf der islamischen Expansion eroberten die Araber diesen Ort. Seitdem lebten die Christen unter islamischer Hand. Später wurde Hasan­keyf von den Mongolen überrannt, die die Stadt verschonten. Anfang des 15. Jahrhunderts beanspruchten die Osmanen das Gebiet für sich. Im 16. Jahrhundert soll die Stadt an die 10.000 Einwohner gehabt haben, davon 60% Christen. Mit der Zeit hat Hasankeyf immer mehr an Größe und Bedeutung verloren. Außer bei den Kurden, wo es den Status einer Kultstätte bzw. eines nationalen Erbes behielt. Während des Genozids an den Armeniern 1915-17 war Hasankeyf Vernichtungsort, da sich Deportationsrouten dort kreuzten. Hassankeyf heute ist ein Dorf, das vom Tourismus lebt, die sich die alten Höhlenlabyrinthe anschauen. Keiner kann mehr genau sagen, wie diese Höhlen entstanden sind. In manchen wohnen noch immer Familien.

Wir sprechen mit einem etwa 50-jährigen Mann, der ein kleines Café am Tigrisufer des Dorfes betreibt und uns hungrigen Mäulern Tomaten und Brot bringt. Er ist in einer der Höhlen geboren und erzählt uns von dem seit Jahren von der türkischen Regierung geplanten Staudamm-Projekt, das das Dorf samt seinen Schätzen, Höhlen und angrenzenden Gebieten in eine pittoreske Unterwasserlandschaft für Tiefseetaucher verwandeln soll. Im März 2007 entschied sich die deutsche Bundesregierung gemeinsam mit der Schweiz und Österreich zur Übernahme einer Exportkreditgarantie. Die Türkei habe sich zu Maßnahmen verpflichtet, die weit über die bisher bei Staudammprojekten geübte Praxis hinausgehen, hieß es. Zu den Zugeständnissen zählen ein detaillierter Umsiedlungsplan sowie die Zusicherung von Arbeitsplätzen für die betroffene Bevölkerung, die Umsetzung bedrohter Kulturdenkmäler aus Hasan­keyf in einen Kulturpark sowie die Garantie eines Mindestdurchflusses gegenüber den Unterliegern Syrien und Irak, von deren Umsetzung bislang nicht viel zu erkennen ist.

Der Cafébesitzer erzählt von Uta Roth, der Grünenvorsitzenden, die Hassankeyf eine Woche vor uns besucht und bestaunt hat. Sie kam im Auftrag der deutschen Regierung, die das Projekt bis dato maßgeblich mitfinanzieren wollte. Aufgrund anhaltender internationaler Proteste und der ungenügenden Einhaltung der geforderten Auflagen durch die Türkei, hat die deutsche der türkischen Regierung mitgeteilt, das sie nicht mehr an der Finanzierung interessiert sei, worauf die türkische Regierung geantwortet hat, dass ihr das herzlich egal sei und sie das Projekt auch ohne die Hilfe Deutschlands in Angriff nehmen werde. Aber auch die Schweizer haben ihre Gelder bis auf weiteres eingestellt. Bis auf weiteres. Viele der Bewohner sind überzeugt, dass das Projekt trotzdem gebaut wird.

Was er machen werde, fragte ich den Cafébesitzer und eigentlich erwartete ich keine Antwort. Er hatte trotzdem eine: „Sagt euren Leuten in Europa, dass sie uns erwarten können, wenn der Staudamm gebaut wird“.

(Klara Fall)