Archiv der Kategorie: Feierabend! #35

Desorientiert gegen Deutschland

„Still not loving Germany“-Demonstration in Leipzig

Die Veranstalter_innen hatten wohl mit mehr Zuspruch gerechnet. Aber obwohl vom Lautsprecherwagen aus stolz verkündet wurde, man hätte im Vorfeld euro­paweit mobilisiert, waren es doch nur knapp 500 Leute, die sich am 10. Oktober zusammenfanden, um unter dem Motto „Still not loving Germany“ durch die Leipziger Innenstadt zu marschieren. Weder griechische Anarchos noch britische Kommunist_innen waren in der Menge auszumachen, und auch die Berliner Autonomen waren an diesem Tag mit der Verhinderung eines zeitgleich in der Hauptstadt stattfindenden Naziaufmarsches genug beschäftigt. Sogar viele Ortsansässige schienen angesichts der ungemütlich nasskalten Witterung lieber zu Hause geblieben zu sein.

Zahlreich vor Ort war hingegen die Polizei, die sich allerdings zurückhielt. Für die direkte Betreuung der Demo waren relativ zivil in Lederjacken gekleidete Beamte zuständig, während die hochgerüsteten Sondereinheiten sich auf die umliegenden Seitenstraßen verteilten. So verlief die Demonstration erwartungsgemäß ruhig. Die Passant_innen verfolgten das Geschehen mit Kopfschütteln, manch eine(r) reagierte sichtlich erbost („Geht mal arbeiten!“), während für viele wohl gänzlich unklar blieb, was ihnen da vermittelt werden sollte. Kein Wunder, gingen von dem Demonstrationszug doch für unbedarfte Beobachter_innen reichlich widersprüchlich erscheinende Signale aus. Auch die Demonstrant_innen selbst schienen nicht genau zu wissen, wogegen es denn gerade ging: Gegen Nationalismus oder doch nur gegen deutschen Nationalismus?

Eine gewisse Inkonsistenz war da vorprogrammiert. Auf die obli­ga­torischen Israelfah­nen war mensch schon vor­­bereitet, aber auch ameri­ka­nische, britische und sowjetische Nationalflaggen wur­­den stolz geschwenkt. Sonst könnte ja noch wer auf die Idee kommen, man hätte was gegen Nationalstaaten im allgemeinen… Um den Flag­gen­wald noch ein wenig dichter zu machen, wurden vor Beginn der Demo zusätzlich kleine Papierfähnchen in der Menge verteilt. Niedlich war auch das mit „No border, no nation“ beschriftete Plakat, welches ein etwas übereifriger Demonstrant zusätzlich mit je einer kleinen USA- und Israelfahne aus Papier dekoriert hatte. Auf inhaltliche Widersprüche muss man eh keine Rücksicht nehmen, wenn es nicht um Inhalt, sondern nur um Style geht.

Passend dazu übten sich auch die Redebeiträge (z.B. der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff) eifrig im Differenzieren: Natürlich seien Nationalstaaten und Nationalismus generell ein Ausdruck der falschen Verhältnisse, aber in Deutschland seien die Verhältnisse eben ganz besonders falsch. Die praktische Schlussfolgerung lautet dann: „Nationen abschaffen, fangen wir mit Deutschland an!“ (1) Als ob die Weltrevolution ausgerechnet hier anfangen würde! Da hätte mensch noch mal bei Lenin nachlesen sollen. Der wusste schon vor 100 Jahren: Die Deutschen können keine Revolution machen, weil in Deutschland das Betreten des Rasens verboten ist.

Ohnehin herrschte bei den meisten Redebeiträgen ein an Adorno geschulter Sozio­logenslang vor, was auf Dauer etwas ermüdend wirkte. Eine Rede z.B. mit dem Hinweis zu beenden, dass bei aller Kritik am Nationalismus im allgemeinen die deutschen Spezifika nicht vernachlässigt werden dürften (wie es die Sprecher der ehemaligen Antinationalen Gruppe taten), ist gut gemeint, aber etwas mehr Mut zum Populismus wäre insgesamt doch wünschenswert gewesen.

Derlei theoretische Trockenübungen dürften aber auch ein Indiz dafür sein, dass manchen An­­ti­­deutschen die alten Parolen nicht mehr so flott über die Lippen kommen. Denn auch szeneintern gab es Kritik. So verteilten z.B. Leute von der Hallenser Gruppe No Tears For Krauts Flugblätter (2), in denen sie hart mit den Organi­sator_innen der Demonstration in´s Gericht gingen. Die seien irgendwo in den 90er Jahren hängengeblieben, das Deutsch­land, gegen das sie ihre Kritik richteten, sei „schon seit gestern nicht mehr existent. Immerhin seien z.B. die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen auch schon fast 20 Jahre her, der oft beschworene „rechte Konsens“ sei ein Hirngespinst, vielmehr hätte sich mittlerweile eher ein „antirassistischer Konsens“ durchgesetzt. Kurz: Die Demo­veranstalter_innen wüssten „offensichtlich nicht so richtig, warum sie Deutschland nicht lieben sollen.“

In eine ähnliche Kerbe haute auch Hannes Gießler in einem Cee-Ieh-Artikel (3), dessen Inhalt sich grob mit den Worten „So schlimm ist es doch gar nicht“ zusammenfassen lässt. Dabei schien Gießler in den letzten drei Jahren mit seiner Theoriebildung nicht wesentlich weiter gekommen zu sein: Schon anlässlich der Fußball-WM 2006 erschöpfte sich sein Vorbehalt gegen den neuen deutschen Party-Nationalismus (4) darin, dass dieser doch irgendwie „borniert“ sei. Wer am Nationalismus nur das zu kritisieren hat, der hat im Grunde gar keine Kritik, sondern reduziert politische Meinung zur bloßen Geschmackssache. Das ist die Kehrseite des antideutschen Rumreitens auf dem deutschen Sonderstatus: Wenn man doch mal bemerkt, dass der deutsche Nationalismus gar nicht so besonders ist, kann man schon mal die Orientierung verlieren. So wird die „Du-bist-Deutschland“-Werbung für Gießler zur antirassistischen Kampagne, und auch an der gängigen Abschiebepraxis hat er wenig auszusetzen: Die sei schließlich nicht rassistisch, sondern rein pragmatisch motiviert. Als ob für die Beurteilung einer bestimmten Praxis der Geisteszustand der Verantwortlichen entscheidend wäre und nicht vielmehr das, was hinten rauskommt…

Für so viel „ideelles Deutschlandfahnenschwenken“ wird Gießler wiederum von den No-Tears-For-Krauts-Schreiber_innen gedisst. Aber auch die haben Probleme mit der Suche nach einem Feind, der den Dauerzustand moralischer Empörung rechtfertigen könnte. Viel fällt ihnen dabei nicht ein. Nur im multikulturalistischen „Antirassismus“ meinen sie, noch den alten völkischen Nationalismus weiterleben zu sehen. Dort würde „die antiimperia­listische Liebe zum Volk“ konserviert. Im Zentrum stünde dabei „längst nicht mehr das Individuum, das für seine Handlungen verantwortlich gemacht und kritisiert werden kann. Die Menschen in der Dritten Welt, die hiesigen Migranten und die von Abschiebung Bedrohten werden – und das zeigt nicht zuletzt die Narrenfreiheit, die Sexis­ten mit Mi­gra­tions­hintergrund in so man­chem besetzten Haus genießen – in­zwi­schen in Blut-und-Boden-Manier als Exemplar ihrer Kultur begriffen: Sie kommen halt aus einem anderen Kulturkreis.“

Das kann natürlich mit Recht kritisiert werden, in erster Linie, weil solches Denken gerade nicht antirassistisch ist. Was aber an einem linksalternativen Multikul­tura­lismus, der Antirassismus auf die Forderung reduziert, alle sollten sich doch bitteschön liebhaben, so neu oder gefährlich sein soll, können die Autor_innen nicht erklären. Dieser Mangel an ernsthaften Gegnern wirkt auf Dauer natürlich frustrierend. So erklärt sich wohl der vorwurfsvolle Tonfall, den die No-Tears-For-Krauts-Autor_innen zum Ende ihres vierseitigen Pamphlets gegen die Demo­orga­nisator_innen anschlagen: „Ihnen geht es nicht um Wahrheit; ihnen geht es nicht darum, die Frage ´was deutsch ist´ kritisch – und vor allem: auf der Höhe der Zeit – auf den Begriff zu bringen.“

Mag sein, aber ist das nicht ein wenig viel verlangt? Auf die Frage „was deutsch ist“ haben schließlich auch die völkischen Nationalist_innen in den letzten 200 Jahren keine befriedigende Antwort geben können – die konnten höchs­tens sagen, „was nicht deutsch ist“ (nämlich z.B. die Franzosen, Polen, Engländer usw.). Es dürfte sinnvoller sein, die Denkkategorien des Gegners kritisch auseinanderzunehmen, anstatt sie „kritisch auf den Begriff zu bringen“. Dann würde man eventuell auch merken, wie hohl diese Kategorien sind. Es gibt kein „deutsches Wesen“, das „deutsche Volk“ ist eine Fiktion, die nur den Zweck hat, das gemeinsame Unterworfensein unter eine Staatsräson ideologisch zu überhöhen. Die Bundesrepublik Deutschland ist nichts Besonderes, sondern ein stinknormaler Nationalstaat. Dass dieser Staat noch immer existiert und dass man selber darin leben muss, ist Grund genug, um dagegen zu sein.

(justus)

 

(1) antide2009.blogsport.de/contributions/

(2) nokrauts.antifa.net/

(3) www.conne-island.de/nf/169/29.html

(4) www.conne-island.de/nf/133/3.html

Leipzig schwarz-rot (Teil 1)

Ein Rückblick auf 20 Jahre autonome Linke in Leipzig

Jubiläen wohin man schaut. Aber nicht nur das fiese Schweinesystem (verkörpert vom wiedervereinigten Deutschland) feiert seinen Jahrestag. Auch für die Leipziger autonome Linke bedeutete die Wende einen entscheidenden Einschnitt. Da kann mensch schon mal nostalgisch werden, auch wenn´s um Ereignisse geht, bei denen man selbst nicht dabei war. In den nächsten Ausgaben des Feierabend! wollen wir deshalb auf die letzten 20 Jahre zurückschauen, die Entwicklungslinien nachziehen, die die heutige Leipziger Linke prägten. Wie war das denn in der glorreichen Hochphase der Hausbesetzungen? Wo nahm der „Mythos Connewitz“ (den wir hier natürlich auch bedienen) seinen Anfang? Was war noch gleich die „Leipziger Linie“ und was lief beim BesetzerInnenkongress 1995? Und wie kommt es eigentlich, dass jedes Jahr zu Silvester so viele Polizisten am Connewitzer Kreuz rumstehen?

Wurzeln in der DDR

Die Hausbesetzungen in Leipzig begannen nicht erst mit der Wende. Stille Besetzungen, das sogenannte „Schwarzwohnen“, waren schon in der DDR eine gän­gige Praxis. Von den Behörden still­schwei­gend geduldet, geschahen sie weniger aus politischen Zielsetzungen heraus, sondern als pragmatische Antwort auf den Wohnungsmangel. Trotzdem boten die so besetzten Wohnungen und Häu­ser auch Freiräume für alle, die nicht ins Schema des „guten“ DDR-Bürgers pass­ten: Punks, Künstler_innen, Alternative.

Jede westliche Subkultur fand im Osten ihr Pendant, auch wenn es meist ein paar Jahre dauerte, bis die jeweils neuesten Entwicklungen jenseits des „Eisernen Vorhangs“ ankamen. Punks tauchten ab Anfang der 80er im Stadtbild auf, die erste Leipziger Punkband Wutanfall gab 1981 ihr Konzertdebüt. Erschien Punk anfangs nur als Ausweg aus dem grauen Alltag, dem staatlich geplanten kulturellen Einheitsbrei, so führte die ständige Schikane durch Bullen und Stasi rasch zu einer Politisierung (1). Der Anarchismus bot sich als Gegenmodell zum Staatssozia­lismus an, auch wenn (ähnlich wie heute) viele Punks wohl nicht genau wussten, was mit „Anarchie“ eigentlich gemeint war.

Vor allem die Sternwartenstraße entwickelte sich zu einem wichtigen Anlaufpunkt, wo Punks und die etwas älteren Langhaarigen aufeinandertrafen. Mitte der 80er Jahre hatten sich dort zunächst Student_innen in einem leerstehenden Haus eingerichtet. Bis zur Wende wurden nach und nach weitere Häuser in der Straße besetzt. „Ohne dass es einer der Beteiligten so richtig darauf anlegte, wurde hier Hausbesetzerleben praktiziert, offene Türen, Fehlfarben-Musik im Hausflur und unterm Dach der neue Proberaum von Wutanfall“ (2). Auch der Mockauer Keller, ein offener Jugendtreff der evangelischen Gemeinde, war ein Anlaufpunkt für oppositionelle Politaktivist_innen, Punks und sonstige Subkulturen. Regelmäßig fanden Konzerte statt, über anarchistische Ideen wurde dort ebenso diskutiert wie über Kriegsdienstverweigerung und Umweltschutzfragen. Neben diesen festen Treffpunkten gab es unzählige informelle Grüppchen und Freundeskreise, in denen oppositionelles Gedankengut gepflegt wurde.

Das ist unser Haus!

Ab Mitte der 80er entwickelte sich Connewitz zum Zentrum der „Szene“. Connewitz war ein überalterter Stadtteil, der in den 70er und 80er Jahren eine starke Abwanderung zu verzeichnen hatte. Um diese Entwicklung zu stoppen, wurde ein Sanierungskonzept entwickelt, das den Komplettabriß des Viertels vorsah. Die maroden Gründerzeithäuser sollten durch Plattenbauten ersetzt werden. Mit dem Abriss wurde 1988 begonnen, die Wende beendete dann das Projekt. Bis zum Baubeginn wurden die leerstehenden Wohnungen an Student_innen vergeben, die andere Leute, auch Künstler_innen und Aussteiger_innen nachzogen. Ab 1985 häuften sich die stillen Besetzungen. Die Wende verstärkte diese Entwicklung noch. Die Besitzverhältnisse vieler Häuser waren unklar, Polizei und sonstige Behörden waren in dieser Übergangsphase ohnehin überfordert von der neuen Situation. Hausbesetzungen waren also kein Problem und kamen nicht nur in Conne­witz, sondern auch in anderen Vierteln (z.B. Lindenau) vor.

Im März 1990 besetzte eine Gruppe von Aktivist_innen in rascher Folge 14 Häuser in Connewitz. Die Akteure kamen vor allem aus dem Umfeld des Neuen Forums (3). Der Zeitpunkt war gut gewählt. Die Ergebnisse der bis dato üblichen Stadt­pla­nungspolitik waren nicht mehr zu übersehen: Zu dieser Zeit waren aufgrund jahrzehntelanger Vernachlässigung fast 50% der Wohnungen in Leipzig in schlechtem Zustand, 30.000 davon völlig unbewohnbar. Auf der im Januar 1990 stattfindenden „Volksbaukonferenz“ wurde das Problem erstmals in der breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Anders als bislang wollte man nun auch die Bürger_innen in die Planungsprozesse einbeziehen. Nicht ohne Erfolg, wie die Zahl von etwa 1000 aktiven und passiven Teilnehmer_innen zeigt. Als allgemeiner Tenor der Diskussion schälte sich rasch die Forderung nach Abkehr von der Plattenbauweise und dem Erhalt von Altbauten heraus.

Für eine wirksame Sanierungspolitik fehlte aber das Geld. Die „Instandbe­set­zer_innen“ konnten sich als Basisinitiative zum Erhalt historischer Bausubstanz erfolgreich in die Bresche werfen. Parallel zur rechtlich nicht ganz ein­wand­frei­en Aneig­nung bemühte mensch sich um einen legalen Status. Als Trägerverein wurde die Conne­witzer Alter­­native ge­grün­­det, die sich als stadt­teilori­en­tier­tes Selbst­­­hil­fe­pro­jekt mit sozialer und kultureller Ziel­set­zung ver­stand. Die­sem Selbstbild entsprachen Projekte wie die Volksküche, ein Hausprojekt für Mi­grant_innen und ein Dritte-Welt-Laden, hinzu kamen Kultureinrichtungen wie das Café K.O. Backwahn oder die Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Durch ihr medienwirksames Auftreten konnte sich die Connewitzer Alternative in der Öffentlichkeit erfolgreich als Vertretung aller Connewitzer Hausbesetzer_innen präsentieren.

Ein LVZ-Artikel vom 24./25.März 1990 berichtete wohlwollend: „Im illegalen Handstreich (…) läuft das Unternehmen Connewitzer Alternative (…) nicht. Geschäftsführer Hohberg erarbeitete ein seriöses Projekt für das Vorhaben. Bei Häusern, deren Zustand auf der Kippe steht, konsultiert er Gutachter. Alle besetzten Gebäude gehören übrigens der GWL, und die gab ihren Segen. Auch auf eine Stadtbezirksrätin und den ABV [Abschnittsbevollmächtigten der Polizei] kann man bauen. Nicht zuletzt im eigenen Interesse. Für militante Krawallmacher soll sich in Alt-Connewitz kein Platz finden. Man will sich links-alternativ ausrichten.“ Alles harmlos also… So harmlos, dass für Interessierte in dem Artikel gleich noch eine Telefonnummer zur Kontaktaufnah­me mit den Besetzer_innen angegeben wurde.

Der Verein geriet allerdings bald in eine ernsthafte Krise. Schuld daran war der autokratische Führungsstil des Vorsitzenden Hohberg, dessen Neigung zu Alleingängen u.a. dazu führte, dass sämtliche Nutzungsverträge auf seinen Namen liefen. Nachdem es darüber zu offenen Konflikten kam, setzte sich Hohberg ins Ausland ab und verschwand spurlos.

Die Szene vernetzt sich

Während sich so im Leipziger Süden ein Biotop alternativer Lebensweisen herausbildete, versackte die „Friedliche Revolution“ zusehends im nationalen Taumel. Neben fahnenschwenkenden Deutsch­­land­fans prägten auch Neonazis immer mehr das Bild der Demonstrationen. Und nicht nur dort stellten sie für Menschen mit der falschen Hautfarbe ebenso wie für Punks und Alternative eine alltägliche Bedrohung dar. Antifaschistischen Widerstand zu organisieren, war also dringend nötig.

Die ersten Antifagruppen hatten sich schon zu Vorwendezeiten aus losen Freundeskreisen heraus gebildet, daraus entstand nun die Antifaschistische Jugendfront. Diese orientierte sich in ihrer Praxis (Recherche, Schutz- und Abschreckungsmaßnahmen gegen Nazis, Aufklärung usw.) stark am Vorbild der westdeutschen autonomen Antifa. Damit einher ging freilich auch eine zunehmende Professionalisierung und die Herausbildung von Aufgabenteilung und informellen Hierarchien.

Es waren aber vor allem die Reaktions-Konzerte, welche die weitere Entwicklung der Leipziger Szene prägten. Die Initiative dazu kam von Leuten aus dem Mockau­er Keller, das erste Konzert fand im Dezember 1989 in der naTo statt. Ein unmittelbarer Erfolg war es, dass das für den folgenden Tag geplante Gründungstreffen des Ortsverbandes der Republikaner verhindert werden konnte (4).

Wie der Name schon sagt, waren die Reaktions-Konzerte eine Antwort auf die negativen Entwicklungen der Wendezeit. Sie sollten selbstorganisierte Kultur, Musik und Politik verbinden, einen Anlaufpunkt für die „Szene“ schaffen, den Austausch von Informationen und den Aufbau subkultureller Strukturen ermöglichen. Dem eigenen Anspruch gemäß wurde von den ohnehin niedrigen Eintrittspreisen ein bestimmter Betrag an politische Initiativen gespendet, bei Konzerten wurde (erfolgreich) versucht, allzu agressives Slam­dancen usw. zu unterbinden. Obwohl die Reaktions-Konzerte damit deutlich von der Do-It-Yourself-Ethik der Hardcore-Szene ins­piriert waren, bildeten sie einen Anlaufpunkt für alle Arten von Subkulturen: Skater, Gothics, Metalfans usw. Über zwei Jah­re hinweg fanden die Reaktions-Konzerte in verschiedenen Lokalitäten statt. Nach­dem bekannt wurde, dass das ehemalige „Erich-Zeigner-Haus“ (das heutige Conne Island) von der Stadt verkauft wer­den sollte, nutzten die Aktivist_innen die Chance. Nach spektakulären Aktionen wie einer zeitweiligen Besetzung des Rat­hauses wurde ihnen das Gebäude zur Nut­zung als Veranstaltungsort überlassen. Die Reaktions-Konzerte fanden so 1992 ein dauerhaftes Domizil.

Der allgemeine Naziterror machte auch vor Connewitz nicht Halt, gerade ab dem Herbst 1990 kam es fast täglich zu Übergriffen. Insbesondere die Häuser in der Stöckartstraße waren das Ziel von Angriffen, die teilweise generalstabsmäßig geplant mit Molotowcocktails und Eisen­stangen durchgeführt wurden. Die Stadtoberen ignorierten das Problem. Die Connewitzer Alternative bemühte sich zwar um eine Sicherheitspartnerschaft mit der Polizei, die jedoch scheiterte, weil die Polizei bei Faschoangriffen meist nur verspätet oder gar nicht auftauchte. Die schlecht bezahlten und dürftig ausgerüsteten Beamten hatten wohl auch wenig Lust, ihre Haut im Kampf gegen Nazis zu riskieren. Klar, dass mensch sich da eher auf sich selbst verließ und sich gegen die regelmäßigen Attacken ebenso handfest zur Wehr setzte. Manche beließen es dabei, mit Mehlbeuteln zu werfen, die Mehrheit sah es angesichts der Brutalität der Angriffe aber nicht ein, sich in der Wahl der Mittel solche Beschränkungen aufzuerlegen. An dieser Differenz zwischen „Pazifisten“ und „Militanten“ sollten sich noch einige szeneinterne Konflikte entzünden. Aber dazu mehr im nächsten Heft…

justus

 

(1) Dass u.a. auch Imad (als Gitarrist bei Wutanfall und L´Attentat eine zentrale Figur der Szene) als Informeller Mitarbeiter beim MfS geführt wurde, wie sich nach der Wende herausstellte, sorgte noch für einiges böses Blut. Siehe z.B. www.conne-island.de/nf/5/12.html.

(2) Zitat aus Ronald Galenza/Heinz Have­meister (Hrsg.), „Wir wollen immer artig sein – Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR von 1980 bis 1990“, Schwarzkopf & Schwarzkopf 2005, S. 217.

(3) vergleiche dazu D. Rink, „Der Traum ist aus? Hausbesetzer in Leipzig-Connewitz in den 90er Jahren“, in: Roth/Rucht (Hrsg.), „Jugendkulturen, Politik und Protest – Vom Widerstand zum Kommerz?“, S. 119-140.

(4) siehe Galenza/Havemeister 2005, S. 256, sowie C. Remath/R. Schneider, „Haare auf Krawall“, Connewitzer Verlagsbuchhandlung 1999.

Tröten gegen Pfeifen

Nicht nur Red Bull und das Rote Kreuz waren auf dem Augustusplatz vor Ort, auch die örtlichen Burschenschafter wollten am 14. Oktober die Immatrikulationsfeier der Uni Leipzig zu Beginn des neuen Semesters nutzen, um neue Mitglieder für ihre rechtskonservativen Männerbünde zu werben. Da standen sie nun, mit schlechten Frisuren, deutschnationalem Gedöns und einem Frauenbild von Anno dazumal im Gepäck (siehe FA! #17), und warteten auf Abnehmer. Der Ansturm hielt sich in Grenzen.

Da es nun mal keine vernünftige Lebensperspektive bietet, ständig nur zu saufen und sich mit dem Säbel gegenseitig klaffende Wunden in die Backen zu hauen, standen auch einige Gegenaktionen auf dem Programm. So waren dem Bur­schenschaftsstand direkt gegenüber Müllcontainer zur fachgerechten Entsorgung des Werbematerials bereitgestellt. Einigen Menschen erschien diese Variante aber zu umständlich. Sie nutzten die Gelegenheit, um den Burschen erst ihre Werbezettel zu entwenden und sie anschließend mit Wasserbomben einzudecken. Die Polizei hatte nur einen von der Situation sichtlich überforderten Beamten auf dem Platz abgestellt, so dass die Täter unbehelligt entkommen konnten. Auch die von den Burschenschaftern herbeigerufene, wenig später mit mehreren Mannschaftswagen anrückende Verstärkung wusste nichts so recht mit sich anzufangen und begnügte sich damit, das Geschehen vom Rande aus zu beäugen.

Unterdessen war der Stand der Burschen­schafter schon von einigen jungen, mit Schärpen aus Baustellenabsperrband und Papiertröten ausgerüsteten Menschen umstellt worden. Selbst durch den massiven Einsatz von Konfetti gelang es freilich nicht, ein wenig Leben in die verkniff­­e­nen Mienen der Burschen zu zaubern. Auch als diese sich zum Flugblattverteilen auf dem Platz verstreuten, wurden sie – zum Schutz und zur Erheiterung der Pas­sant_innen – weiterhin von fröhlich trötenden Menschen eskortiert. Größerer Schaden konnte so erfolgreich vermieden werden. Lediglich einige Vertreter_innen des Ordnungsamtes sorgten noch für Stress und nahmen die Personalien eines jungen Mannes auf, der ohne Genehmigung Flugblätter verteilt hatte. Nach einer Stunde war das Ganze schon wieder vorbei. Die Menschenmenge drängte ins Gewandhaus, wo nun die eigentlichen Feierlichkeiten begannen, die Burschen bauten ihren Stand ab und verzogen sich. Man sieht sich dann im nächsten Jahr.

(justus)

G16, was nu?

Seit Anfang September ist es endgültig: der gemeinnützige Verein Stadt­teil­förderung, Wohn- und Kultur e.V. wird nach über 10-jährigem Bestehen Eigentümer des ehemaligen Fabrikgeländes in der Gießerstraße 16 (G16). Eigentlich sollte der Kaufvertrag schon im Juli unterzeichnet werden, aber die Rechnung wurde ohne den Kassenwart der Stadt Leipzig gemacht. (siehe FA! #34) Für 190.000 Euro war das Gelände jahrelang ausgeschrieben und so schien das (anscheinend einzige) Kaufangebot des Vereins über 57.000 Euro wohl nicht lohnenswert. In letzter Sekunde änderte die Stadt ihren Verkaufswillen und knüpfte diesen an die Bedingung, dass erst wenn der Verein bereit ist, zusätzliche 9.000 Euro zu zahlen, es auch zum Verkauf kommen wird. Zurecht kann das als Erpressungsversuch gesehen werden, da ein Mietvertrag von den Be­wohner_in­nen nie unterschrieben wurde.

„Was soll’s, Geld hin oder her, Hauptsache die Gieszer gehört endlich uns“, meinten die Einen. Andere versuchten mit „Den Mist lassen wir uns nicht bieten, jeder Cent ist schon einer zuviel.“ Unterstützung zu finden.

Letztendlich aber war der Verein Anfang November die 66.000 Euro los und Veranstaltungen finden auch bis auf weiteres nicht statt. Während sich die G16 zuvor noch in einem geduldeten Status befand, mehr oder weniger in Ruhe gelassen wurde von Behörden und Co., ist der legalisierte Status heute eher geprägt von aufwendigen Bau­maß­nahmen und ver­waltungs­tech­nischen Auflagen. Eine große Hürde heute ist der Nutzungs­änder­ungs­antrag, da die G16 jetzt als ein privater und öffentlicher Raum angesehen wird, wo gefälligst auch Standards, Recht und Ordnung herrschen müssen. Ein Architekt und Rechtsanwalt müsste her, der mit dem Projekt Gieszer auch was anfangen kann und sich im Text der Vorschriften und Verbote sowie seiner Auslegung auskennt. Neben dem Stress mit den Ämtern sind dann auch die notwendig gewordenen Baumaßnahmen wie Wände verputzen, fliesen, alte Stromleitungen raus, neue rein, Entrümpelung, Brandschutzarbeiten uvm. nicht zu vergessen.

Viel Arbeit aber wofür? Lang erkämpfte Freiräume und linke, selbstorganisierte Projekte wie die Gieszer16 müssen auch weiterhin offen bleiben. Sie bieten unkommerzielle Alternativen sowie ein Spiel- und Experimentierfeld nicht nur für all die gescheiterten Existenzen, die auch Ende Dezember wieder den Weg nach Plagwitz finden werden.

(droff)