Archiv der Kategorie: Feierabend! #05

Editorial FA! #5

Es ist gar nicht so einfach in diesen „bewegten Zeiten“ mit einem 1-1/2-Monatsheft wirklich auf dem aktuellen Stand der Dinge herauszukommen. Wer weiß, wie die Welt schon wieder aussieht, wenn unsere gutgläubigen ZeitungsverteilerInnen dieses Heft in die Läden bringen: Der Kampf um die Entmachtung der Schnauzbärte ist endgültig losgebrochen, die „Ulbricht-Uni“ wurde von Fanatikerinnen über Nacht gesprengt, Feierabend!-RedakteurInnen werden massenweise zur Leiharbeit bei Leipziger Volkszeitung und Kreuzer verpflichtet…

Trotz unseres Titelbildes, was sich ehrlich gesagt einfach nur aufgrund des Blickfanges angeboten hat, ist der Paulinerkirchen-Zoff nicht unser Schwerpunkt. Dafür ist uns das Thema dann doch nicht wichtig genug und das Niveau der geführten Debatten zu peinlich. Ganz der Stimme enthalten werden wir uns allerdings trotzdem nicht.

Auch der sich, bei oberflächlicher Betrachtung, aufdrängende Zusammenhang der Begriffe NOlympia, B.A.F.F. und St. Pauli – der sich als diffuser roter Faden durch diese Ausgabe zieht – konnte uns nicht zur Konstruktion eines SPORT-Schwerpunktes bewegen. Um uns nicht auf Krampf ein Hauptaugenmerk aufzuhalsen, präsentieren wir deshalb lieber eine um so breitere Palette an Themen.

Die VS des (1-1/2-)Monats ist Heidruns APOTHEKE AM ZOO. Zwar ist sie erst mit dem letzten Heft hinzugekommen, durch den dramatischen Umfang der Chefin im fortgeschrittenen Vermehrungsstadium sahen wir uns hier jedoch zu schnellem Handeln veranlasst. Man bedenke: um so näher die Zeit für #6 dieses Heftes schon wieder heran sein wird, um so wahrscheinlicher ist, dass Heidrun nun erst recht keine Zeit mehr hat um müßig vor ihrer Apotheke herumzuposieren. Wir wünschen jedenfalls fröhliche Niederkunft.

Die Feierabend!-Redax

OLYMP(ia): Idole und Millionäre

Es ist wohl kein Zufall, dass der Gründer der neuzeitlichen olympischen Spiele, Pierre Fredy de Coubertin – ein vermögender, nationalistischer Adliger – die Spiele im 19. Jahrhundert, im Sinne ihres antiken Mythos ins Leben rief. So war ihm ein Platz im modernen Olymp sicher. Wie es sich für einen Göttersitz gehört, kommen nur diejenigen rein die, die nötigen Voraussetzungen mitbringen. In unserer Zeit also eine hohe Verwertbarkeit oder Kapital. Aber weil wir hier auf Erden genug mit uns selbst zu tun haben, sollten wir die Finger von Göttern oder ähnlichen zwielichtigen Figuren lassen.

Aktualität gewinnt das Thema Olympia dadurch, dass es den Verwaltern der Stadt Leipzig zu Kopfe gestiegen, Olympia 2012 und damit lauter zwielichtige Gestalten nach Leipzig holen zu müssen. Im Juni 2004 soll die erste Bewerberauswahl getroffen werden. Olympia kann ein paar Investoren und Großverdienern nützlich sein, aber nicht denen, die auf Lohnarbeit angewiesen sind. Olympia nach Leipzig holen zu wollen, ist entweder dumm gedacht oder bösartig. Denn was im Mythos Götter sind, sind in unserer Zeit u.a. ein ehemaliger Minister unter dem faschistischen Regime Francos und ein Geheimdienstchef die mit dem olympischen Label Milliardengewinne einfahren. Was im Mythos sportliche Fairness ist, ist längst in Leistungszwang, härteste Konkurrenz und menschliche Werbeträger umgeschlagen. Es stimmt sicherlich, dass die Gewinnerinnen hohe Summen bekommen. Doch betrifft das immer nur zwei von Millionen, die restlichen Sportler bleiben auf der Strecke. Spätestens hier ist klar, dass Olympia alles andere eine „sportliche Internationale“ ist, sondern Sport, der dem kapitalistischen System komplett untergeordnet ist. Nicht mal von dem Mythos der sportlichen und friedlichen Zusammenkunft ist viel geblieben. Bei den Sommerspielen 2000 in Sydney machten die sogenannten „Sportsoldaten“ ein Viertel der deutschen Mannschaft aus. In Atlanta hatte der Anteil der Bundeswehrangehörigen noch bei deutlich unter 20 Prozent gelegen.

Dies ist eine Veranstaltung die niemanden gut tut, aber Sport ist deswegen nicht per se abzulehnen. Denn abseits von jeglichem Missbrauch, sind gesundheitliche Vorteile des sogenannten „Breitensports“ nicht zu leugnen. Es sollte sich also niemand dazu veranlasst fühlen, aus der Ablehnung des mörderischen Leistungssports heraus, auf seine eigene körperliche Fitness zu verzichten.

Doch nicht nur die Sportler werden zum Produktionsmittel der Firma „Olympia“, bei den olympischen Spielen sind wohl zuerst die Spiele gestorben. Denn wo der Profit eines Unternehmens sich mit Sport paart, bleibt von Spiel und Sport nichts. Weder einem Athleten dürfte es wirklich Spaß machen, noch den Zuschauern. Es ist langweilig horrende Summen bezahlen zu müssen, um dann nicht mal mitmachen zu können. Seinen Lieblingssportlern sollte der Fan eher wünschen, dass ihnen Olympia erspart bleibt.

Das einzige, was Olympia wenn überhaupt, an Positivem bringen könnte, wäre… ja was? Betrachten wir die „Argumente“ der Stadtoberen einmal genauer: Zuerst einmal wird man auf den offiziellen Webseiten vor allem mit seichten Argumenten und hohlen Phrasen abgespeist. Da heißt es, man brauche Olympia, weil die „friedliche Revolution“ auch von Leipzig ausgegangen sei. Dies ist aber eine leichte Geschichtsverdrehung, die Leipzigerinnen haben gewiss nicht irgendeinen Präsidenten bekehrt, sondern demonstrierten zu einem politisch günstigen Zeitpunkt. Auch scheint es überzogen, wegen vergangener Demonstrationen den Leipzigerinnen mit der Firma „Olympia“ zu drohen.

Olympia soll Prestige und Arbeitsplätze bringen. Das Prestige wird sich wohl schnell in Mitleid für die Ortsansässigen wandeln und die Arbeitsplätze sind zuerst ehrenamtlich. Alle, die sich als Sportbegeisterte für lau abrackern werden, tragen zum weiteren Profit der Marke „Olympia“ bei. Überall wo die Olympiakarawane vorübergezogen ist, fahren private Sponsoren fette Gewinne ein, die Städte gehen pleite. Barcelona war pleite, München ist seit den Spielen zu einer der teuersten Wohnorte Deutschlands geworden und Athen (Olympia 2004) kommt schon mit den Vorfeldkosten nicht klär. Leipzig ist da einen Schritt weiter, die Stadtregierung steht auch ohne die Zusage für die olympischen Spiele 2012 vor der Pleite. Beispielsweise für Sportstätten für den Breitensport, geschweige denn kulturelle Veranstaltungen bleibt da kein Geld, aber ein Bürgerverein Pro-Olympia wurde schon mal gegründet. Wenn also die in der Stadt lebenden Menschen kein Plus machen, wer dann? Die selben wie im realen Leben eben auch.

Angeblich soll es 7800 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch dies sind natürlich keine Langzeitarbeitsplätze, sondern vorübergehend wie das Großereignis. Kurz vor den Spielen werden mehr Helfer gebraucht werden und danach geht es ab in den nächsten Leiharbeitsjob. Hartz und Rürupp lassen höflichst grüßen…

Die Drohung der Olympiaplaner, die Stadtentwicklung würde sich um zehn Jahre nach vorn entwickeln, sollte uns zu Denken geben. Denn ein überdimensionales Unternehmen wie dieses, verlangt einen kompletten Umbau, die langfristige Veränderung der Infrastruktur ganzer Städte zum Zweck der kurzzeitigen Nutzung. Gewiss ist, dass die Stadtentwicklung getrennt von der Lohnentwicklung verlaufen wird; eine moderne Architektur – und Löhne zum im Altbau wohnen. Bezahlbare Wohnungen und Lebenshaltungskosten dürften dann äußerst knapp sein, denn: „Die Olympische Spiele werden die ganze Stadt prägen, verändern und in den Dienst der Spiele stellen. Ganz Leipzig wird somit Olympisches Dorf.“ Eben dies soll auch noch folgendes bringen: „den Wegzug von Interessenten aus Leipzig zu verhindern.“

Jedoch werden sich noch vor Ankunft der ersten Leistungssportler, vor allem die LeipzigerInnen in und um Lindenau überlegen müssen, ob sie sich Mieten nach Olympia leisten können: „Das Olympische Dorf wird im Leipziger Stadtteil Lindenau geplant. Es soll auf mehr als 40 Hektar ein modernes Stadtquartier mit einem differenzierten Angebot an Geschosswohnungen und Einfamilienhäusern entstehen.“ Dass das Olympiadorf kein Platz zum Wohnen für Normalsterbliche sein soll, machen die Planer deutlich: „Im eigentlichen Wohnbereich des Olympischen Dorfes entsteht auf über 240.000 Quadratmetern Geschossfläche Wohnraum für rund 16.000 Teilnehmer. Funktionaler und gestalterischer Schwerpunkt des neuen Stadtquartiers ist der Bereich am südöstlichen Ende des Olympischen Dorfes an der Einmündung Plautstraße in die Lützner Straße. Während der Olympischen Spiele konzentrieren sich hier auf einer Geschossfläche von knapp 60.000 Quadratmetern die Mensa, gastronomische Einrichtungen, das Sport- und Informationszentrum der Nationalen Olympischen Komitees, medizinische Einrichtungen, Betriebs- und Personalräume, Büroräume und ein Freizeit- und Vergnügungszentrum.“ Es ist also klar: wo man Konkurrenzkampf betreibt, kann kein anderes Leben sein. Wünschen kann man es wirklich niemanden,. dass die Spiele (sie spielen mit denen, die hinterher die Zeche zahlen müssen) vor seiner/ihrer Haustür stattfinden.

Letztlich kann Olympia als ein Versuch des Mitgliedes der Hartz-Kommission, des Leipziger Oberbürgermeisters Tiefensee betrachtet werden zu beweisen, dass die Hartz-Pläne doch ein paar Leiharbeitsplätze „schaffen“. Die negativen ökonomischen, kulturelle und soziale Auswirkungen, (von den ökologischen gar nicht gesprochen) sind da egal. Soweit die Ansichten der Planer von Olympia. Antworten wir ihnen, dass wir ihre Spiele nicht spielen wollen. Wehren wir uns gegen Krieg und Kapitalismus, egal in welchem Gewand sie auftreten, innenpolitisch, außenpolitisch oder sportlich!

hannah

Zitate aus: www.Olympia-leipzig2012.de

Informationen zur NOlympiaKampagne auf: www.nein-zu-olympia.de

Umkämpfte Räume

Beim Durchforsten meines heimischen Bücherbestandes nach Titeln, denen eine Rezension im Feierabend! angemessen wäre, fand ich vor einigen Tagen das 1998 erschienene Buch ,,Umkämpfte Räume, Städte & Linke“, herausgegeben von der Gruppe Stadtrat.

Mehr als 15 Beiträge und 2 Interviews versuchen, das Thema des Buches zu umreißen. Die Stadt als spezieller Ort, an dem Menschen leben und arbeiten, ist nicht erst seit heute ein umkämpfter Raum. Hier stellen sich die Widersprüche des kapitalistischen Systems manchmal nackter und härter da als irgendwo sonst, als Beispiel wäre der Kampf gegen Obdachlosigkeit und Armut zu nennen. Der zweite Teil des Untertitels, „die Linken“ verweist auf einen roten Faden zwischen doch sehr unterschiedlichen Beiträgen. Spielen Linke überhaupt noch eine Rolle in der Umwandlung des Lebensraumes Stadt, wird noch gekämpft und wenn ja, welche Ansätze gibt es? Eine fürwahr unerquickliche Frage für marginalisierte, (selbst-)isolierte Linke, die beim täglichen Theoretisieren schon fast das Intervenieren in sozialen Konfliktpunkten verlernt oder aufgegeben haben. Ein Kritikpunkt an den Beiträgen des Sammelbandes, den selbst die Herausgeberinnen ausmachen, ist die nahezu ausschließliche Fixierung auf deutsche Großstädte, obwohl nicht hier die größten Städte zu finden sind und obwohl auch nicht hier die „härtesten“ Kämpfe geführt werden. Man kann es sogar noch eingrenzen, meistens, vom Thema abgesehen, dreht es sich um Berlin und Hamburg. Die HerausgeberInnen helfen sich damit, indem sie anmerken, dass man jeden Beitrag auch überregional lesen kann und man vorherrschende Probleme und Diskussionen wiederfindet.

Bevor ich kurz die einzelnen Beiträge des Buches darstelle, möchte ich schon einmal meine Kritik an dem Buch deutlich machen. „Umkämpfte Räume“ ist ein sehr ambitioniertes und interessantes Buch, die Themenvielfalt ist erstaunlich groß. Neben der im Jahre 1998 noch unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der nahenden EXPO 2000, die einen großen Teil des Buches ausmacht, findet man Beiträge zu feministischen Diskursen über die Stadt, zu Drogenpolitik, Migranten, Behinderten. Es geht um Sicherheits- und Ordnungspolitik, Partyszene und Umstrukturierung, sowie den Kampf der Hausbesetzer und Autonomen in der Stadt. Am Schluss des Buches sind zwei internationale Beiträge zu lesen. Zum einen macht uns Dario Azzellini mit der Gestalt des Superbarrio in Mexiko bekannt. einer Art Held für die Armen und Benachteiligten, zum anderen beschreibt Nadine Gevret die französischen Banlieus (Vororte), die in Deutschland meist nur unter dem Stichwort Jugendgewalt und Ausschreitungen gesehen werden. So gelungen und interessant aber auch einige Beiträge sind, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen. dass sich das Buch vornehmlich auf einer theoretischen, akademischen Ebene, auf der das Geschehen in der Stadt versucht wird, in ein Konzept zu bringen, oder in der Beschäftigung mit vergangenen Kämpfen verharrt. Das ist natürlich eine etwas unredliche Kritik von meiner Seite, da ein theoretischer Ansatz unerlässlich ist und man von einem fünf Jahre alten Buch nicht erwarten sollte, dass es sich mit der Zeit danach beschäftigen kann. Nichtsdestotrotz ist „Umkämpfte Räume“ ein guter Überblick oder auch spannender Einstieg in ein wichtiges linksradikales Politikfeld.

Nun noch im Einzelnen zu einigen Beiträgen, damit ihr nicht die Katze im Sack kauft… Am Anfang des Buches sind zwei feministische Artikel zu finden, in denen der Raum Stadt kritisiert wird, diese Kritik geht aber über die angeblich „unsicheren“ Städte hinaus und hinterfragt die gesellschaftlichen Hintergründe, anstatt für mehr Polizei oder Videoüberwachung zu plädieren. Auf die darauffolgende Thematik EXPO 2000, die als „Zurichtung der Stadt auf Sicherheits- und Kapitalinteressen“ gesehen wird, gehe ich nicht weiter ein. Es liegt schon etwas zurück. Vielleicht der beste Beitrag des Buches stammt von Detlef Hartmann, der in „Metropolitane Stadt und sozialer Krieg“ einen Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Kapitalismus erkennt und dabei vor „linkem Reformismus“ warnt. In einem anderen Artikel wird die Rolle der radikalen Linken kritisiert, welche sich nicht für wirkliche Bedürfnisse der Mieter während der Umstrukturierung des Prenzlauer Bergs (Berlin) interessierte. Im Artikel von Udo Sierck, der die Ausgrenzung von Behinderten deutlich macht, bekommen auch Linke ihr Fett weg, eigentlich traurig, aber leider begründbar. Als letztes Beispiel sei noch das Interview mit einigen Leuten von den NachtTanzDemos in Frankfurt/Main genannt, in dem das Verhältnis von illegaler Party und Widerstand kritisch angegangen wird.

Nun, natürlich steht in „Umkämpfte Räume“ noch viel mehr, vielleicht findet ihr ja mal Zeit hineinzuschauen. Es lohnt sich nämlich.

kao

Stadtrat (Hg.), „Umkämpfte Räume, Städte & Linke“, Verlag Libertäre Assoziation/Verlag der Buchläden Schwarze Risse – Rote Straße, Hamburg, Berlin, Göttingen 1998

Rezension

Mobile Wagentage in Leipzig vom 13.-16.03. 2003

Nachdem die Ex-Windscheid-Leute nun knapp ein Jahr Ruhe hatten, könnte es jetzt wieder stressig werden. Die Stadt will die Leute an die Raschwitzer Straße schicken – idyllisch unter Hochspannungsleitungen, zwischen S-Bahn, B2 & Umspannwerk. Ein paar Leute sind erst mal auf dem Gelände des Künstlerprojektes BIMBO TOWN untergekommen: Bisher hat sich das Ordnungsamt dort nur aufs Fotos sammeln beschränkt. Allerdings ist dies auch nur eine Übergangslösung.

Um auf diese für sie unerträgliche Situation aufmerksam zu machen, haben die Leipziger Wagenleute beschlossen vom 13.-16.03. die Wagentage in Leipzig auszurichten. Die Wagentage sind ein halbjährliches Treffen von Leuten, die in zu Wohnzwecken umgebauten Bauwägen, LKWs u.ä. wohnen und das jedes mal in anderen Stadt stattfindet. Für Futter, Barbetrieb, Unterhaltung etc. wird natürlich gesorgt. Treffpunkt ist das BIMBO TOWN in der Fockestr. 80 (B6 Abfahrt Connewitz, R.-Lehmann-Straße). Achtet bitte darauf nur mit polizeikontrollenresistenten Fahrzeugen anzureisen und lasst den Wuffi auch mal wieder zu Hause!

Einer der Hauptevents wird die am 15. 03. 03 stattfindende Demonstration sein. Weitere Infos folgen!

Lokales

Die klassische „Ente“

Absichtlich verbreitete Falschnachrichten – nerven so manchen Internetbenutzer, Doch „Enten“ sind keine Erfindung des Internetzeitalters. Tom Appleton machte sich auf die Spur der großen klassischen Zeitungsente.

Die klassische „Ente“ stammt von den Märchenbrüdern, Jakob und Wilhelm Grimm. „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“, so behaupteten sie, seien echt deutsch bzw. „ächt hessisch“. „In diesen Volks-Märchen“, schrieben sie im Vorwort zu ihrer berühmten Sammlung, „liegt lauter urdeutscher Mythus.“ Im Vorspann des Buches zeigten sie dazu das Bild einer „alten Märchenfrau“, Dorothea Viehmann, genannt die „Viehmännin“. Diese „Märchenfrau von Niederzwehren“ sollte stellvertretend für alle anderen auf die Quellen der Grimm-Märchen verweisen: alte, des Lesens unkundige Bäuerinnen, Ammen, also Leute aus dem Volk, die auf einen Fundus mündlich tradierter Geschichten aus längst vergangener Zeit zurückgreifen konnten. Es sollte der Eindruck entstehen, als hätten die beiden jungen Männer (damals beide Mitte zwanzig) an den Lippen ländlicher Analphabetinnen gehangen und Wort für Wort ihre Äußerungen mitgeschrieben.

Die „Kinder- und Hausmärchen“ wurden ein Hit, sie wurden das deutsche Volksbuch. Dass sich der Inhalt der Sammlung von einer Auflage zur nächsten änderte, oder dass Wilhelm Grimm (der jüngere der beiden Brüder) die bereits gedruckten Märchen (zwischen 1812 und 1857) weiter bearbeitete, um den „richtigen Märchenton“ genauer zu treffen, störte niemanden. Nicht einmal die Germanistik, stieß sich daran, dass die Grimms für ihre Sammlung außer der einen „Märchenfrau“ offenbar keine weitere Quelle nennen konnten. Auch, dass sie ihre ursprünglichen Aufzeichnungen verbrannt hatten, weckte keinen Argwohn. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts – 40 Jahre nach dem Tod der Grimms – gab es einen ersten Hinweis auf die wahre Quellenlage. Hermann Grimm, der Sohn Wilhelms, zeigt, dem Literaturwissenschaftler Johannes Bolte die eigenen Exemplare der Erstauflage aus dem Besitz der Brüder. An den Seitenrand hatten sie hier zu jedem Märchen handschriftliche Notizen gesetzt. „Aus Cassel“, „aus Hessen“, stand dort etwa. Es waren, wie sich zeigte, irreführende Hinweise. Denn aus den dazugehörigen Namen der Märchenlieferantenlnnen ging hervor, dass diese Geschichten fast ausschließlich aus dem Kreis der engsten Freunde der Grimms stammten. Insbesondere handelte es sich um die Familien Wild und Hassenpflug, mit denen sie eheliche Bande knüpften. Die Quellen der Geschichten waren keineswegs alte Leute vom Land, sondern junge, gebildete Yuppies, die in der Stadt Kassel oder in ihrer näheren Umgebung wohnten. Und die Märchen selbst waren weit davon entfernt, authentisch deutsch zu sein. Die Familie Hassenpflug, z.B. war hugenottischer Abstammung und die Umgangssprache zuhause war Französisch. Als diese Fakten ans Licht kamen, um 1900, im Kaiserreich, schwieg man sie einfach tot. Schließlich konnte niemand ein Interesse daran haben, die Erkenntnis an die große Glocke zu hängen, dass das urtümlichste deutsche Volksbuch aus französischen Quellen abgekupfert war.

Frankreich galt zu dieser Zeit, lächerlicher Weise, als „Erbfeind“ der Deutschen. Hermann Grimm trug daher noch ein wenig zur bewussten Spurenverwischung bei, indem er um 1895 eine weitere Amine, „die alte Marie“, aus dem Hut zog. Diese alte Dienerin im Haushalt der Wilds, von der angeblich viele der Märchen stammten, stellte sich bei genauerem Hinsehen (allerdings erst 1975, also 80 Jahre später) als eine Tochter der Wilds heraus, nicht als eine Dienerin. Auch war sie nicht alt, sondern jung, wie alle Quellen der Grimms, ja, sogar die jüngste der Töchter. Selbst die einzig echte, „alte“ Märchenquelle, Dorothea Viehmann, war, wie sich 1955, zur Feier ihres 200. Geburtstags, herausstellte, zur Zeit der Erstauflage von Grimms Märchen noch keine 60. Und auch sie war keine deutsche Bauersfrau, sondern eine, gebildete Bürgerin. Eine Hugenottin auch sie, deren erste Sprache Französisch war. Die Märchen der Gebrüder Grimm stammten mitnichten aus den Urtiefen der deutschen Mythologie, sondern aus der Märchensammlung des Charles Perrault und manch anderen, schriftlichen, französischen Quellen. Gegen die schlichte Einsicht, dass es sich hier um einen literarischen Betrug, um eine Fälschung handelt, wehrt sich nicht allein die Germanistik, sondern wenn man so will, die gesamte deutsche Nation – bis heute. Grimms Märchen sind zwar ursprünglich keine deutschen Volksmärchen gewesen, aber sie sind es geworden. Die Konterfeis der Grimms zieren denn auch, fast wie zur Belohnung, den 1000 D-Mark-Schein, Deutschlands höchste säkulare Seligsprechung. Doch mit dem Euro ist dies wohl auch irrelevant.

Information

Stoppt den Krieg, bevor er beginnt?

Der Angriff auf den Irak ist im vollen Gange

In den Reden der Friedensdemonstrationen wird oft behauptet, es gelte einen Krieg der Staatengemeinschaft gegen den Irak zu verhindern. Dies ist unglücklich formuliert, geht es doch darum, den Irakkrieg zu beenden. Denn, wie sich mancher erinnern wird, deklarierten die USA und Großbritannien nach dem Golfkrieg 1992 Flugverbotszonen über dem Irak, was dessen Luftverteidigung lahmlegte, um die im Norden lebenden Kurden zu schützen. De facto schützen sie aber türkische Luftangriffe auf kurdisch-bewohntes Gebiet und bombardieren abwechselnd mit der Türkei. Da im Bombenhagel nichts wächst, ist das Land sehr öd geworden. Ihren Anteil daran haben auch die militärischen Attacken des Irak gegen die kurdischen Gebiete inklusive Giftgaseinsatz. Selbst die Kampfflieger wissen nicht mehr, was sie abschießen sollen. Der angeblich „neue Krieg“ kann als eine weitere Operation betrachtet werden, um mit Bodentruppen einmarschieren zu können.

Der dann offene Krieg, der wenn er kurz ist, ein Wirtschaftsmotor ist, die zu erschließenden Ressourcen und die Kontrolle darüber, würden die US- Wirtschaft ankurbeln. (Die USA sind hoch verschuldet und müssten um sich zu entschulden, dreieinhalb Monate lang alle produzierten Güter und Dienstleistungen an ihre Schuldner abtreten.) Wenn die US-Wirtschaft floriert, ist der für die EU wichtige Export nach Nordamerika gesichert. Gelingt dies nicht, besteht die Gefahr, dass u.a. mit einer Dollarkrise die Krise des kapitalistischen Systems offen zu tage tritt. (Der Dollar basiert nicht mehr auf einen realen Gegenwert, sondern auf der militärischen Macht der USA, die papiernen Wertversprechen einzulösen.) Diese Krise äußert sich u.a. in globalen Absatzschwierigkeiten aufgrund hoher Produktivität, die Arbeit für alle unnötig macht, und dem Zwang zu wachsen, um Profit machen .zu können. Eine systeminterne Alternative zum Dollar könnte der Euro sein, doch nur wenn auch er militärisch gedeckt werden kann, was dann für die EU ein triftiger Kriegsgrund wäre…(1) Dauert der offene Krieg aber zu lange, „leidet“ auch die Wirtschaft. Krieg ist im Kapitalismus verankert.

Im Durchschnitt werden über dem Irak seit 1991 jeden zweiten Tag Bomben abgeworfen. Laut dem britischen Verteidigungsminister hat die Royal Air Force (RAF) zwischen März und November 2002 mehr als 124 Tonnen Bomben abgeworfen. Von August bis Dezember 2002 gab es 62 Attacken von US-amerikanischen F-16 Flugzeugen und RAF-Tornados – angeblich zielen die Bomben auf irakische Luftverteidigungen, aber viele „verirren“ sich in bevölkerte Gebiete, wo zivile Tode unvermeidlich sind. Während die Blair-Regierung behauptet, es seien „noch keine endgültige Entscheidungen getroffen“, haben die Royal Air Force (RAF) und US-Bomber ihre Patrouillen über dem Irak verstärkt. Die Bombardements auf den Irak haben sich verdreifacht. Die Bombardierung, die 1991 einsetzte, ist ein vor der Weltöffentlichkeit „geheim“ gehaltener Krieg – nach dem Motto: Was die Tagesschau nicht sendet, gibt es nicht.

Die US-amerikanische und britische Regierungen rechtfertigen sich, sie hätten ein UN-Mandat, um die „Flugverbotszonen“ zu überwachen, die sie nach dem Golf-Krieg deklarierten. Diese „Zonen“, die ihnen die Kontrolle über einen großen Teil des irakischen Luftraum geben, seien legal und von der UN-Sicherheitsrats-Resolution 688 gestützt. Das ist laut Dr. Boutros-Ghali, der 1992 Generalsekretär der UN war, als die Resolution 688 verabschiedet wurde falsch. „Die Frage über Flugverbotszonen wurde nicht debattiert.“

Wieso kooperieren die USA und Großbritannien mit der Türkei, die der US-amerikanischen „Weltordnung“ nicht kritiklos gegenüber steht? In Anbetracht der Ölfelder im mittleren Osten .und in Zentralasien ist die Türkei ein strategisch wichtiges Mitglied der Nato und Empfänger von militärischem Gerät von den USA, auch sind US-amerikanische und britische Bomber in der Türkei stationiert. Der Aufstand der kurdischen Bevölkerung der Türkei ist in den Augen der USA eine Bedrohung der „Stabilität“ der türkischen „Demokratie“.

Im März 2001 protestierten die RAF-Piloten im kurdischen Irak dagegen, dass immer wenn die Türkei die Kurden im Irak angreifen wollte, die Patrouillen zurück zum Stützpunkt gerufen und der Bodenbesatzung befohlen würde, den Radar auszuschalten. Die Türkei macht nichts anderes als US & Royal Air Force in ihrer humanitären Maske. Die einen bombardieren, während die anderen Pause machen. Die Bezeichnung „Kampf“ täuscht allerdings. Der Irak hat keine moderne Luftverteidigung mehr. So meint „Kampf“, Bomben oder Raketen auf eine Infrastruktur werfen, die von einem 12 Jahre altem Embargo plattgemacht wurde.

Das Wall Street Journal berichtete, dass die USA einem „echten Dilemma“ gegenüberstehen: der Luftwaffe gehen die Ziele aus. „Wir sind unten beim letzten Schuppen“, protestierte ein Beamter. Die Ergebnisse solcher Attacken sind die Reste eines LKWs, ein Schuh, die Skelette von 150 Schafen, und sechs Menschen. Als Einzelheiten dieser Attacke in London vorgetragen wurden, sagte ein Beamter: „Wir nehmen uns das Recht zu harter Aktion, wenn wir bedroht werden.“

Offiziell ist nun klar, dass die USA eine Schlacht gegen den Irak vorbereiten. Das Pentagon sagt, wenn Bagdad nicht schnell aufgebe, dann muss es das Ziel von „überwältigender Feuerkraft“ sein. Im Rahmen des offiziellen „Anti-Terror-Kriegs“ soll das türkische Regime nun mit einem Bestechungsgeld von 6 Milliarden „belohnt“ werden, wenn es der US-„Koalition“ gegen den Irak beitritt.

hannah

Krieg

Die Grünen und die „Schwarzen“

Samstag Abend in Jena. Die Uhr hat gerade Mitternacht geschlagen. Cornelius ist mit einer Freundin unterwegs. Er geht von der Bar Grünowski in Richtung AfroCenter. Dort wollen sie sich noch mit ein paar Leuten treffen. Nur, Cornelius wird leider an diesem Abend dort nicht mehr ankommen. Den Beiden kommt ein schwarzer Wagen entgegen. Keiner nimmt Notiz. Es steigen zwei Männer und eine Frau aus. Nichts besonderes, auch nicht in Jena und auch nicht um diese Uhrzeit. Die drei Personen gehen auf Cornelius und seine Begleiterin zu. Sie fragen nach den Ausweisen der Beiden. Schon etwas ungewöhnlicher. Die Angehaltenen möchten wissen, mit wem sie es zu tun haben. Denn auch für gelangweilte Neonazis sind angebliche Ausweiskontrollen nicht nur in Jena beliebter Auftakt zu gewalttätigen Übergriffen.

Aber es sind keine Neonazis und Cornelius wird am nächsten Tag nicht mehr sicher sein, was schlimmer gewesen wäre. Es sind Polizisten, Polizeibeamte bei einer Routinekontrolle. Und die wollen die Ausweise der Beiden sehen, bloß selber ausweisen, das sehen sie nicht ein. Cornelius` Bekannte ist schnell eingeschüchtert, sie zeigt ihre Papiere. Ja, so sollte man sich verhalten, wann immer die Staatsgewalt die Bürgerpflichten von uns Untertanen einfordert. Was sonst geschieht, dass hat dieser aufmüpfige Cornelius für uns ausprobiert:

Er verlangte die Dienstmarken der drei angeblichen Beamten zu sehen. Nach mehreren Aufforderungen zeigten sogar zwei von ihnen ihre Hundemarken. Nur leider konnte Cornelius diese nicht lesen. Sein Fehler: Schließlich war das Blechlein lediglich zwei Meter von seinen Augen entfernt und ein freundlicher Polizeibeamter hielt sogar seine Taschenlampe drauf. Cornelius kam die Idee, die Polizei zu rufen, um die Identität der drei zu klären. Aber wo kommen wir denn da hin, wenn jeder immer gleich die Polizei anruft, bloß weil er wissen will, wer da zu später Stunde seine Papiere sehen will. Und außerdem, die Polizei war schließlich vor Ort.

Der Rest ist schnell erzählt; es ging dann alles auch ganz rasch. Einer der „Ordnungshüter“ schlug dem, inzwischen von den Beamten als gefährlich eingestuftem Cornelius, vorsorglich das Handy aus der Hand. Nun müsse er eh mit aufs Revier kommen, sagten sie. Noch bevor dieser sein Einverständnis kundtun konnte, packten die Beamten ihn bei den Schultern. Sie schlugen ihn ins Gesicht, pressten ihn gegen ihr Auto, legten ihm Handschellen an und drückten ihn auf den Boden. Wenn er nicht endlich kooperierte, würden sie ihm Pfefferspray ins Gesicht sprühen. Seine Begleiterin wurde weggeschubst. Ein Passant, der die Szene teilweise mitbekommen hatte, fragte was denn los sei. Auf die Auskunft hin, dass es sich lediglich um eine Ausweiskontrolle handle, konnte er sich nur wundern, dass man dafür so viel Gewalt benötigte. Dann wurde auch er weggeschubst.

Schnell weg, dachten sich dann die Beamten. In Windeseile wurde Cornelius in das Auto gepackt. Mittlerweile hatte er eine aufgeplatzte Lippe. Sie waren auch im Auto nicht gerade sanft zu ihm. Auf den Revier zogen sie ihm aus dem Wagen. Frech wie Cornelius war, wollte er nicht aussteigen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er mit den Handschellen und unter den Schmerzen einfach nicht aussteigen konnte.

Es folgten weitere Schläge und Tritte auf dem Revier, bis Cornelius sich mit Fußschellen in einer Zelle wieder fand. Aber Cornelius hatte wohl irgendwo mal gesehen, dass man im Gefängnis zwei mal telefonieren darf. Das wollte er nun tun. Er würde seinen Anwalt anrufen und dann seine Frau. Und dann würde sich alles klären. Die Anrufe wurden verweigert, Cornelius beschimpft, Anzeige erstattet: Wegen Beschädigung von wichtigen Arbeitsmitteln der Polizei (er hatte ihr Auto mit Blut besudelt) und wegen Widerstandes gegen die Polizei. Nach langem hin und her, durfte er dann doch anrufen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden konnte Cornelius das Polizeigebäude wieder verlassen.

Diese hässliche Begebenheit ist leider kein Einzelfall. Ist mir selbst noch nicht passiert, dachte ich, als ich davon hörte. Aber ein wichtiges Detail fehlt in meiner Schilderung: Cornelius heißt nämlich nicht etwa Cornelius Müller oder Cornelius Schmidt, sondern CorneliusYufanyi. Und schon klärt sich alles auf:

Cornelius Yufanyi hat schwarze Hautfarbe. Dass er seit längerem in Deutschland lebt und Familie hat, konnten die Beamten nicht wissen. Was sie auch nicht wussten, Cornelius Yufanyi ist auch Menschenrechtsaktivist. Er hat Zeugen für den brutalen Übergriff und erkennt seine wenigen Rechte. Dieser Fall ging bereits durch mehrere Medien. Rassistische Polizeikontrollen sind nicht selten. Flüchtlingsorganisationen und andere Anlaufstellen hören 2-3 mal im Monat von solchen Vorfällen und die Dunkelziffer dürfte erschreckend sein.

Die meisten trauen sich nicht an die Öffentlichkeit, weil sie vielleicht ein Asylverfahren laufen haben und eine Kontrolle Abschiebeknast bedeuten kann. Die restlichen Betroffenen werden durch Drohungen mit Anzeigen oder dem Hinweis auf laufende Ermittlungen mundtot gemacht. Ermittlungen, die sich in der Regel gegen die Opfer richten. Die Polizei gibt sich auf Nachfragen empört. Auch in einem Interview des Weimarer Lokalsenders Radio Lotte gab sich die Polizei unschuldig und gekränkt.

Doch wer schützt hier wen? Darf man immer und überall, wird man nach seinem Ausweis gefragt, geschlagen und beschimpft werden? Und wenn mich nun die Polizei erwischt, wenn ich mal blau mache oder die Uni schwänze? Aber ich bin ja nicht farbig. Angst vor den Grünen brauchen in Deutschland (fast) nur die Schwarzen, Braunen, Gelben und Roten haben.

syl

www.humanrights.de
bei google unter: Jena, Afrika, Center

Rassismus

Pjotr Kropotkin – Die Eroberung des Brotes

Heute leben wir Seite an Seite, ohne einander überhaupt zu kennen. An einem Wahltag treffen wir einander bei den Wahlveranstaltungen; dort hören wir das lügenhafte oder phantastische Wahlprogramm eines Kandidaten an und gehen wieder nach Hause. Der Staat hat die Aufsicht über alle Fragen von öffentlichem Interesse; er allein hat die Aufgabe, darüber zu wachen, dass wir nicht das Interesse unseres Nächsten verletzen und gegebenenfalls den Schaden wiedergutzumachen, indem er uns bestraft.“ [S. 45] (5)

 

Nachdem im letzten Heft der Klassenbegriff im Zentrum stand (der Diskurs wird auf S. 14/15 fortgesetzt), wollen wir in diesem wieder ein Schlaglicht auf die Geschichte und Ideen anarchistischer Theoriebildung werfen. Neben einem einführenden Exkurs sollen dabei in erster Linie Anregungen zur eigenständigen Beschäftigung geboten werden.

Wie bei vielen Anarchisten des 19. Jahrhunderts finden wir auch bei Pjotr Kropotkin, der zwischen 1842-1921 lebte, eine bewegte und von Höhen und Tiefen gekennzeichnete Biographie. Einer russischen Hochadelsfamilie entsprungen, diente er zuerst dem Pagenkorps Alexander des II., war dann mit dem Kosakenheer des Zaren in Sibirien unterwegs, bevor er Mathematik und Geographie in Moskau studierte. Durch seine geographischen. Arbeiten erlangte Kropotkin einige wissenschaftliche Reputation und von hieraus speist sich auch seine Vorstellung einer auf naturwissenschaftlicher Methodik fußenden Gesellschaftstheorie. Während seiner ersten Europareise knüpfte er Kontakt zur damals erstarkenden anarchistischen Arbeiterbewegung, ein Umstand, der sein sozialrevolutionäres Engagement weiter verstärkte. Nach seiner Festnahme und Inhaftierung (ohne Prozeß) 1874 und der späteren Flucht von der Peter-Paul-Festung, hatte die russische Tyrannei aus einem hochadligen „Gardeoffizier“ einen der glühendsten Verfechter der anarchistischen Bewegung gemacht. Wie viele der damaligen Anarchisten genötigt, ruhelos durch Europa zu ziehen (immer wieder verfolgt und verhaftet), findet er bei den Schweizer Uhrmachern aus dem Jura und den Tuchmachern aus Verviers (Belgien), damals dem Leitbild kommunaler Produktion und anarchistischer Organisation verpflichtet, immer wieder fruchtbares Asyl, um in Untersuchungen, Reisen, unzähligen Vorträgen, Zeitungsartikeln und Texten. sein Denken zu entfalten. Wie auch schon bei Proudhon, scheint der ganze Werkkorpus in wenig zufriedenstellender Form für die deutschsprachige Leserschaft aufbereitet. Was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Kropotkin sowohl in russisch und französisch als auch deutsch und englisch schrieb. Ein Großteil der Artikelsammlungen ist vergriffen oder wird nicht mehr verlegt, auch sollen einige mehr schlechte als rechte Übersetzungen aus dem Französischen umherschwirren. Trotz alledem lassen sich, im Unterschied zu Proudhon die systematischen Eckpunkte der Philosophie Kropotkins ziemlich klar entdecken und beschreiben.

Gegenseitige Hilfe – ein Entwicklungsfaktor menschlicher Evolution

Laut Theoriegeschichte stellt der Ansatz Kropotkins den dar, den Anarchismus (natur-)wissenschaftlich zu begründen; Wie ist das zu verstehen? Im Streit mit dem damals heraufziehenden Sozialdarwinismus, der mit der Darwinschen Terminologie des „Kampfes ums Dasein“ die zeitgenössischen Praktiken der Ausbeutung und Unterdrückung legitimierte, wollte Kropotkin die evolutionstheoretischen Ansätze Darwins vertiefen, die Idee der gegenseitigen Hilfe, wir sie schon bei Proudhon in Form des Mutualismus kennengelernt haben, verstärken, die Gegenseitigkeit zweifelsfrei als Entwicklungsfaktor der Evolution nachweisen und somit die Theorie Darwins umgewichten. Hinter diesen hehren Absichten indes versteckt sich im Wesentlichen das anarchistische Argument gegen die liberalen Staatstheorien: dass nämlich der Mensch immer schon in Gesellschaft ist und nicht aus dem Naturzustand (Krieg aller gegen alle) via Vertrag in eben diese eintritt. Kropotkin versucht nun einen solchen Naturzustand zu konstruieren, in welchen neben dem Selbsterhaltungstrieb auch ein „Sozialtrieb“ („Sozialinstinkt“) ambivalent angelegt ist. Dabei macht er ihn für die hauptsächlichste Anpassungsleistung des Menschen als Art verantwortlich. Kooperations- und Selbstbehauptungswillen prägen ein natürlich ambivalentes Feld, aus dem der zwischen Individuation und Sozietät schwankende Mensch erwächst. Ein sehr naturalistisches Weltbild, wenn man es mit dem „vernünftigen“ (1) seiner Zeit vergleicht. Aber ohne Zweifel, der liberale Naturzustand war durchbrochen, zugunsten einer sozialen (libertären) Natürlichkeit. Dadurch allerdings scheint die Trennlinie zwischen Natur und Gesellschaft merkwürdig verschoben: Ist es denn nicht natürlich, dass mensch Natur korrumpieren lässt? Kann mensch sich nicht via Vernunft gegenüber der Natur emanzipieren?

Unkritischer Idealismus

Der wissenschaftliche Idealismus, welcher Kropotkins Schriften prägt, ist so unkritisch, dass ihn nur sein Forscherethos und seine guten Ideen vor einer vernichtenden Kritik bewahren. Er übertrug Beobachtungen aus dem Tierreich auf das Verhalten von Menschen, verglich Physik mit Gesellschaftstheorie und proklamierte eine naturwissenschaftlich exakte Methode (2). Ein Positivist sondersgleichen! Und damit bei weitem nicht der einzige seiner Zeit. Aber dennoch einer der einflussreichsten Theoretiker des Anarchismus. Im Widerspruch von Inhalt und Form hat sich doch der Inhalt über die Zeit getragen. Ich lass´ ihn am besten selbst reden:

[Die anarchistische Gesellschaft] sucht die vollständige Entwicklung der Individualität, verbunden mit der höchsten Entwicklung der unter allen Gesichtspunkten freiwilligen Verbindung für alle möglichen Stufen, für alle denkbaren Ziele: eine stets wandelbare Verbindung, die in sich selbst die Grundlagen für ihre Dauer trägt und die Formen annimmt, die in jedem Augenblick am besten den mannigfachen Bestrebungen aller entsprechen.“ (3)

Bei diesem Geschichtsidealismus wird auch deutlich, dass Kropotkins Untersuchungen und Studien keine kritische Geschichte der Idee der „gegenseitigen Hilfe“ darstellen. Geschichte ist für ihn empirische Forschung und dementsprechend nur die Suche nach Belegen für eine ‚richtige‘ These. Im Erkenntnissubjekt Pjotr Kropotkins verbinden sich empiristischer und idealistischer Geist zu einem Gemenge, aus welchem die Qualitäten der Texte (Subtexte) ihre innere Spannung entfalten. Der Charakter seiner Arbeiten ist wohl am ehesten mit dem Begriff ‚Anthropologie einer Idee‘ umschrieben. Sozietät ist immer vorausgesetzt. Kropotkin untersucht unsere Geschichte der Gesellschaftsformen, indem er formal freiheitliche (libertäre) von herrschaftlichen trennt. Dementsprechend findet sich bei ihm ein Geschichtsfaden, der die Horde, mit der Gemeinde, der freien Stadt und modernen Kommunen verbindet und ein zweiter, der von der Familie, dem Römischen Reich, der Römischen Kirche bis zu den Ausprägungen des modernen Staates im 16. Jahrhundert reichen soll. Kropotkins Schriftwerk ist voll von Parallelen und Vergleichen und in diesem Sinne lesenswert, weil sich die geneigte Leserin dem Glauben stärken kann, gegenseitige Hilfe sei zur kulturellen Ausprägung fähig. Und dass es so ist, dafür liefert Kropotkin viele gute Gründe, Beispiele und Anekdoten. Aber ist bei einem solchen unkritischen Idealismus die Vorstellung einer anarchistischen Gesellschaft überhaupt haltbar?

Anarchistischer Kommunismus

Aus den Wirren seiner Zeit, der Französischen Revolution und ihrer Nachbeben, dem krassen Elend vieler Menschen, der Ausbeutung und Unterdrückung trotz steigender Produktion, letztlich aus dem Organisierungswillen der ohnmächtigen Massen zog Kropotkin den Schluss, dass die nächste revolutionäre Phase auf jeden Fall kommen würde. Dabei kritisierte er die sozialistische bzw. marxistische Strategie vor allen Dinge dahingehend, dass sie sich immer auf Machtübernahme und Agitation zuspitzte, anstatt in den ersten Stunden der „Revolution“ vor allen Dingen an die Neuorganisation der stillstehenden Produktion, an die Versorgung der Bevölkerung mit Brot, Kleidung und Nahrung zu denken. Hier liegt seines Erachtens der Hauptgrund dafür, dass solche politischen Restrukturierungsprozesse immer wieder vor nennenswerten Erfolgen verebbten, von der Reaktion eingeholt wurden, der Rückhalt in der Bevölkerung sank. Um in solchen revolutionären Phasen eine freiheitliche anstelle einer herrschaftlichen Organisation zu etablieren, bedurfte es vor allen Dingen der sofortigen Expropriation (Enteignung), der Produktionsmittel, Produkte und des Bodens (Wohnraum) und damit einhergehend der Abschaffung jeder Entlohnung. Dabei denkt Kropotkin sehr konkret und schon in diesem Sinne ist sein Buch „Eroberung des Brotes“ (4) lesenswert. Gegen abstrakten Kollektivismus und zentralistische Bürokratie (wesentlich kritische Punkte des Staatssozialismus sind hier schon vorweggenommen) beharrt er auf lokaler Autonomie. Konkrete Bedürfnisse können nur in konkreten Verhandlungen, konkret befriedigt werden. Nach Kropotkins Meinung würde der revolutionäre Impuls eine Freiwilligkeit aufdecken, die zu einer verantwortlichen Neuorganisierung der kommunalen Strukturen in weitestgehend autonome Kommunen führen könnte, wenn man sie denn nur ließe. Dabei kommt sein von Idealismus durchdrungenes Menschenbild wieder zum Tragen. Der Mensch in seiner Ambivalenz von Egoismus und Geselligkeit, ließe sich schon zur Freiwilligkeit bewegen, würde er nur der individuellen und sozialen Vorteile ansichtig. Die Organisationsüberlegungen Kropotkins sind deshalb auch eher als Faustregeln formuliert. Ist es soweit, schließt euch zusammen, die einen werden schon Gefallen daran finden, die Warenhäuser einer Inventur zu unterziehen, andere die Wohnungen listen, dritte die Produktion in der Fabrik wieder aufnehmen, vierte aufs Land zu den Bauern fahren. Jeder bekommt das aus den Lagern, dessen er bedarf, gibt´s wenig, zu wird egalitär rationiert, gibt´s zu viel, deren Kommunen getauscht.

Dabei spielt bei ihm die friedliche, auf Freiwilligkeit beruhende Partizipation die größte Rolle. Will der olle Graf auf seinem Schloss hocken bleibt, soll er doch – seine Frau wird spätestens dann Terz machen, wenn niemand mehr gegen Lohn putzen kommt. Und wer sollte das tun, wenn es des Geldes nicht bedurfte, um an die existenzsichernden Güter zu gelangen? In Kropotkins Überlegungen zur Ökononomie einer solchen autonomen Kommune spielte vor allen Dingen die Ökonomie als Ökologie, auch der eigenen Körper eine zentrale Rolle. Handgreifliche und geistige Tätigkeit wechseln sich nach Bedarf des Individuums ab, Arbeitszeitverkürzung steht im Vordergrund. Es ist eher eine soziale als eine politische und eher eine kommunale als eine nationale Ökonomie.

Kropotkins Glaube an die ungeheuren Produktivkräfte seiner Zeit, an den technischen Fortschritt, an die zur Geselligkeit und gegenseitiger Hilfe fähige Natur des Menschen, sein tiefes Misstrauen gegen akkumulierendes (anhäufendes) Privateigentum, gegen das ausbeutende Lohnsystem, seine Inspiration durch die kreative, politische Aktivität seiner damaligen Zeitgenossen, beflügelte seine Gedanken hin zu den Vorstellungen einer Gesellschaftsform, in der der Mensch beides, Individuation (Konkurrenz) und Sozialität (Vertrauen), in Konflikt und Harmonie, freiwillig und friedlich, ohne systematisch physisches und psychisches Elend und Leid ausleben könnte. Eine Möglichkeit in einer Welt, in der an den weiten Rändern eines westlichen Horizontes, das physische Elend ertragen wird, während der „Zivilisierte“ im Zentrum sein psychisches Leid zum Psychiater schafft? Ein Idealismus ohne Zweifel, aber einer, für den es sich zu kämpfen lohnt!

Wenn Sie mit uns wollen, dass die völlige Freiheit des Individuums und damit auch sein Leben respektiert werde, dann müssen sie notwendigerweise die Herrschaft von Menschen über Menschen, egal welcher Gestalt, ablehnen und die so lange verhöhnten Grundsätze des Anarchismus akzeptieren. Sie müssen mit uns nach Gesellschaftsformen suchen, durch die dieses Ideal am besten verwirklicht und jeglichen Sie empörenden Gewaltakten ein Ende bereitet werden kann.“ [S.55] (5)

clov

(1) Geistesgeschichtlich ist es nach Kant und Hegel bürgerliche Konvention, dass Verhalten und Erkenntnis vernunftgesteuert werden. Es gibt keinen Grund, einen Sozialtrieb anzunehmen, gesellschaftliche Organisation ist Ausdruck allgemeiner Vernunft, alle haben die sittliche Pflicht sich anzupassen, und insofern sie zur Vernunft fähig sind, werden sie die rechtmäßige Ordnung schon einsehen… … …???
(2) Kropotkin unterwirft sich damit dem Forschungsideal seiner Zeit, Dinge als tote zu beobachten und ihre Prozesshaftigkeit (Dynamik) mit der eigenen Logik und Kausalität der eigenen Sprache zu erklären und zweitens dem ideologiekritischen Vorwurf, wie er denn seine Beobachtungsperspektive als objektive rechtfertige. Derlei Kontroversen über die „richtige“ Gesellschaftsanalyse finden sich heute im methodischen Streit der interpretativen (qualitativen) und quantitativen Soziologie, wobei erstere vor allen Dingen auf die Beweglichkeit der Forschungsobjekte im Forschungsprozess selbst hinweist.
(3) Pjotr Kropotkin, Der Anarchismus. Seine Philosophie – sein Ideal, Berlin, Der freie Arbeiter, 1923 (Ersterscheinung: 1896), S.6
(4) Pjotr Kropotkin, Die Eroberung des Brotes, Trotzdem-Verlag, Grafenau, 1999
(5) Pjotr Kropotkin, Der Anarchismus – Philosophie und Ideale, in: Ders., Die Eroberung des Brotes und andere Schriften, Hauser, München,1973
Desweiteren: Kropotkin zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989; * Anm. von mir

Theorie & Praxis

Live vom Tatort Stadion!

Wanderausstellung über Rassismus im Fußball kommt nach Leipzig

 

Natürlich könnte man das „Bündnis aktiver Fußballfans“ (Baff) auch anders kennenlernen als durch eine Vorstellung im Feierabend!. So finden sich zum Beispiel im Fanzine des Roten Stern Leipzig (RSL), Prasses Erben Nr. 16, einige Informationen darüber, wer und was sich hinter Baff verbirgt. Da ich aber davon ausgehe, dass sich nicht die ganze Welt für den RSL interessiert, regelmäßig Prasses Erben liest, oder sich eventuell auch nichts aus Fußball macht, soll hier ein kleiner Einstieg geboten werden. Gerade rechtzeitig zum zehnjährigen Geburtstag sowie der Ankunft der Wanderausstellung „Tatort Stadion“ in Leipzig – dazu später noch mehr.

Zur Geschichte

Im August 1993 von interessierten Fans aus 15 verschiedenen Vereinen gegründet, stand vorerst ein Schwerpunkt im Zentrum der Arbeit und Diskussion der BAFF-Mitglieder: Die schleichende und doch manchmal schon massive Übernahme der Fußball-Fankultur durch Neonazis, welche in den 80ern deutlich war und nach der Wiedervereinigung noch zunahm. So wurden also begleitend zu faschistischen Morden auf den Straßen auch in den Stadien fremdenfeindliche Spruchbänder sichtbar und rassistische Chöre hörbar. Außerdem nutz(t)en rechtsradikale Fans immer wieder Spiele, um sich danach als Mob zu formieren. Das Fass zum überlaufen brachte 1993 ein A-Jugend-Länderspiel gegen England, das just zu Hitlers Geburtstag angesetzt war. Dagegen formierte sich breiter, teilweise militanter Widerstand, der schließlich von Erfolg gekrönt war, zwei Wochen vor dem Termin sagte der englische Fußballverband das Spiel ab. Nicht genug für viele, die begonnen hatten, sich zu engagieren: Im August des selben Jahres wurde beschlossen, dem Rassismus im Stadion fortan mit kontinuierlicher Arbeit zu begegnen. Das „Bündnis antifaschistischer Fanklubs und Faninitiativen“ wurde ins Leben gerufen, wobei das „antifaschistische“ 1995 dem „aktiven“ weichen sollte.

Nach einem Fankongress 1994, auf dem von 130 teilnehmenden Fans kontrovers über weitere Themen diskutiert wurde, etablierte sich Baff langsam. Es wurden Demonstrationen veranstaltet, das Amt eines Pressesprechers kam hinzu, und im Januar 1998 wurde Baff zum Verein. Nach der Fußballweltmeisterschaft 1998 in Frankreich arbeitete Baff verstärkt mit dem DFB zusammen, das Thema „Rassismus im Fußball“ wurde nämlich auch von den Funktionärscliquen als imageschädigend erkannt. Ende gut, alles gut?

Zur Situation

Das Thema „Rassismus“ sollte natürlich nicht das einzige bleiben. In Arbeitsgruppen wurden auf dem ersten Fankongress schon weitere mögliche Schwerpunkte der Arbeit von Baff sichtbar. In einer Grundsatzerklärung (Jahreswende 95/96) werden Ziele von Baff benannt: „Baff tritt Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Diskriminierung und Sexismus im Zusammenhang mit Fußballspielen aktiv entgegen.“ (1) Das zweite Thema ist »die zunehmende Kommerzialisierung des Profifußballs“, dazu gehören die Umwandlung von Stehplätzen in Sitzplätze und die mediengerechte Ansetzung von Ligaspielen zu ungünstigen Zeiten für die Fans, womit sich die ganze Fankultur immer mehr ändert. Die Einnahmequellen der Bundesligaclubs sind eben schon lange nicht mehr die zahlenden Fans, sondern Werbeeinnahmen und der Verkauf von Fernsehübertragungsrechten… Und noch durch einen dritten Punkt sieht sich die Fangemeinde stigmatisiert. In den Sicherheitskonzepten für die Stadien(Absperrungen, Videoüberwachung, hochgerüstete Polizeieinheiten im Stadion) kommen die klassischen Besucher von Fußballspielen nur noch als Bedrohung vor. Zur Zeit sind ca. 50 Gruppen und 200 Einzelpersonen im Baff organisiert. Also, es gibt viel zu tun!

Tatort Stadion

Der Anlass dieser Vorstellung von Baff im Feierabend! ist, wie schon oben angedeutet, die von diesem Bündnis erarbeitete Ausstellung „Tatort Stadion“. Auf das oftmals gespannte Verhältnis zum Roten Stern Leipzig möchte ich hier nicht eingehen, daran interessierten Lesern sei aber wärmstens das Heft Prasses Erben Nr. 16 empfohlen, dort wird diese Angelegenheit ausreichend beleuchtet. Die Ausstellung wird in Leipzig von verschiedenen Gruppen und auch Einzelpersonen, getragen. Worum geht es genau? „Tatort Stadion ist ein erster Versuch, Diskriminierung und. Rassismus im deutschen Fußball in seiner Kontinuität und Militanz nachzuzeichnen. Tatort Stadion ist ein Beginn sozialhistorischer Aufarbeitung, die eine ständige Fortschreibung erfordert. Wie in der Gesamtgesellschaft sind ausländerfeindliche oder rassistische Parolen und Transparente in den Stadien aktuell, genauso wie Antisemitismus oder Sexismus. Es wird aufgezeigt, dass aus den genannten Problemen immer wieder gewalttätige Übergriffe erwachsen. Rassismus und Diskriminierung sind europäische Probleme, die nicht auf einzelne Länder, Verbände und Vereine beschränkt werden können. Darüber hinaus gibt es einen Einblick in die Verbindungen von Hooligan-Szene und rechten Fangruppierungen zur neonazistischen Ideologie und politischen Gruppierungen. Tatort Stadion greift aber auch Gegenbewegungen in den Fanszenen, bei Vereinen und Verbänden auf. Faninitiativen und Fanzeitungen zeigen kreative Alternativen auf, wie antirassistisches Engagement in Stadien aussieht und gerade der Fußball unterschiedliche Menschen zusammenführen kann. Ziel von Tatort Stadion ist es, eine Grundlage dafür zu schaffen, dass für rassistische und neonazistische Strömungen in den Fankurven sensibilisiert wird, um sie effektiv bekämpfen zu können.“

„Tatort Stadion“ ist also ein Versuch, die rassistische Seite des Fußballs zu dokumentieren und eine Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Nach Einschätzung von Baff war dieses Anliegen bislang auch schon erfolgreich. Nach dem Besuch von 12 Städten und mehr als 25000 Gästen ist man mit der Resonanz zufrieden. Natürlich ist die Ausstellung im Verlaufe ihres einjährigen Bestehens mehrfach überarbeitet worden, da leider ständig neue Vorfälle zu dokumentieren sind.

Das Rahmenprogramm von Vorträgen und kulturellen Angeboten, welches die Ausstellung in Leipzig abrundet, kann sich sehen lassen. Am 20. 3. 2003 etwa referiert Dietrich Schulze-Marmeling über „Jüdische Fußballer und Antisemitismus in Deutschland und Österreich“, er beschäftigt sich sowohl mit der Geschichte jüdischer Vereine als auch den Biographien einiger Fußballer vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung.

Zwei Beiträge beleuchten kritisch die „Männerdomäne“ Fußball. So ist am 23. 3. das Thema „Fußball und Homophobie – Schwule im Stadion“ sicher für eine breite Öffentlichkeit völlig neu. Am darauffolgenden Tag stehen die beim „Männerkult Fußball“ nicht ausbleibenden Diskriminierungen von Frauen, ob als Spielerinnen oder Fans, sowie die teilweise mit diesem „Kult“ einhergehenden Ideale und unappetitlichen Verhaltensweisen von Fans auf dem Programm.

Ein guter Anknüpfungspunkt für den Komplex Olympia, denn am 26. 3. fragt Dr. Petra Tzschoppe: „Olympische Spiele – Spielen Frauen gleichberechtigt mit?“ Wie wird der Anspruch der olympischen Charta bezüglich der Frauen in der Realität umgesetzt? Am 30. 3. heißt es „2012 – Spiele ohne uns“, das „Anti-Olympische Komitee“ lädt zur Diskussion über die Olympiabegeisterung Leipzigs und erklärt, warum und wie man etwas dagegen unternehmen könnte (2). Ein weiterer Themenkomplex behandelt, um es vorsichtig zu verlieren, übersteigertes Fanverhalten, bzw. deren Lebenseinstellung. Am 27. 3. findet eine Diskussion über die Kultur der „Ultras“ statt und am nächsten Tag lässt der Titel „Fußball und Gewalt – Hooligans, die Linke und staatliche Gewalt“ einen interessanten Vortrag über eine ganz andere Gesellschaftsrelevanz des Fußballs erwarten.

Man muss nicht unbedingt fußballvernarrt sein – ein Besuch lohnt sich bestimmt.

kao

(1) Ganz lustig ist es, dass im folgenden Satz nachgeschoben wird, Beleidigungen seien nicht per se verdammenswert. Ganz ohne scheinen Fans halt die 90 Minuten nicht zu überstehen.

(2) Mehr dazu auf den Seiten 6 und 7.

D.I.Y.-Revolutionscamp

Theorie, Direct Action und Anders Leben auf der Burg Lutter vom 14.04.-21.04.2003

Beim D.I.Y. -Revolutionscamp handelt es sich einfach gesagt um eine ,,Fortbildung“ für Linksradikale. Es geht darum Wissen zu vermitteln und Erfahrungen weiterzugeben, um Spezialisierung aufzubrechen und mehr Menschen eine breitere Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. Darüber hinaus ist das Treffen eine Chance, sich zu vernetzen und die Isolation von Aktionsgruppen und Einzelpersonen zu überwinden. Ein wesentliches Konzept des Camps ist es, die Zersplitterung unseres Alltags zu überwinden und Theorie, politischer Praxis und Leben als eine Einheit zu begreifen.

Wir möchten ein Grundgerüst mit vorbereiteten Themen, Kulturprogramm und Infrastruktur stellen, das genügend Freiraum für selbstorganisierte Workshops, AK’s und Diskussionen bietet. Der generelle Charakter des Camps basiert auf Selbstorganisation, d.h. bring Dich ein, statt einfach nur zu konsumieren. Folgende Themen sind angedacht:

Theorie: Vision & Utopie, Wertkritik, Arbeitskritik, Queertheorie, bolo’bolo & Subcoma, Subsistenzperspektive, Motivationsfrage…

Direct Action: Lock-ons bauen, Tripods bauen und aufstellen, Baumklettern, Pressearbeit, Anti-Repressionsarbeit, Organisationsstrukturen und Kollektive, Bezugsgruppensysteme, Entscheidungsfindung, Hacktivism, PGP, Pink and Silver, radical cheerleadering, Theater der Unterdrückten, verstecktes Theater, Scanner und eigene Kommunikation, eigene Medien, Internet, Zeitung- und Radio machen, Layout, Aktionsvideos drehen, Subvertising, Kommunikationsguerilla, Spaßguerilla, Verwendung und Bau von Puppen für Demos und Aktionen, movement action plan (map),

Anders Leben: Bildungssyndikat, Food-coop, Tips und Tricks sich der Lohnarbeit zu entziehen, Umsonstläden, Tauschringe, Selbstverteidigung, Körperarbeit, Capoeira, Einfälle statt Abfälle, Wie senke ich meine Lebenshaltungskosten, aber nicht meine Lebensqualität, alternative Wohnformen, Bauwagenplatz, Kommunen, Subsistenzproduktion, Woher nehme ich meine Motivation und Energie?

Wenn Du zu den genannten oder nicht genannten Themen Referentln sein kannst und Lust hast, das Camp zu bereichern, dann melde Dich doch einfach bei uns. Der derzeitige Vorbereitungsstand kann über folgende Adresse abgerufen werden: www.da-camp.de.vu

Die Kontaktadresse des Camps ist: D.I.Y-Revolutionscamp
FAU
c/o Alte Münze 12
49074 Osnabrück

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