Archiv der Kategorie: Feierabend! #06

Wer liest meine Liebesbriefe?

Oder: Wie man sich vor seinen Chef schützt

Nein, ich will nicht, dass wer meine Liebesbriefe liest. Denn „Gibt es etwas, das stärkeren Spott rockt als ein Liebesbrief?… Man stelle sich die lächerliche Wirkung vor, sollte der Brief seinen Empfänger verfehlen und in die Hände der Portiersfrau fallen!“ – so sieht das auch Raoul Vaneigem in seinem Buch „An die Lebenden“, über das man hier auch ein paar Töne verlieren könnte. Für dieses Mal soll das aber unterbleiben. Nein – es geht ganz allgemein darum, dass ich eigentlich keine Lust habe, dass irgendwelche sabbernden Postbeamten oder was-weiß-ich-wer meine intimen und bisweilen auch recht romantischen Bekenntnisse lesen. Irgendwie wäre mir das peinlich – mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich auch nicht will, dass meine eventuell verschiedenen Liebschaften nun unbedingt mitkriegen, was die jeweils anderen zu lesen bekommen.

Zum Glück gibt es heute Email und der Postbeamte ist durch Computer ersetzt worden, die keinerlei Interesse an meinen amourösen Schriften haben. Und natürlich setzt sich niemand an meinen Computer und stöbert in meinem Postfach rum… oder?… wobei… wenn ich da bei uns in der Firma die Administratoren sehe, mit ihren pickligen Gesichtern und den seltsam unmodernen Klamotten, den Bauch voll Pizza und Cola… so sehr viel lieber als der sabbernde Postbeamte sind die mir auch nicht. Und wenn ich mir dann noch vorstelle, dass meine Email-Nachrichten an jedem Computer, den sie auf ihrem Weg zur Empfängerin passieren, zwischengespeichert werden und dass diese Administratoren überall sitzen und sich ihre einsamen Nächte in den Rechenzentren dieser Welt mit meinen Liebesbriefen verkürzen, dann fühle ich mich schon wieder gar nicht mehr wohl beim Schreiben.

Ganz andere Leute als ich haben ja auch hin und wieder das Gefühl, das Landeskriminalamt oder die Staatsschutzabteilung der lokalen Polizei interessiere sich für ihren Email-Verkehr. Dass die amerikanische National Security Agency (NSA) über ihr auch in Europa installiertes Echolon-System ohnehin fast alles mitliest, fällt da schon fast gar nicht mehr ins Gewicht – die sitzen ja soooo weit weg. Na klar haben die schwer zu schuften. Große, schwere Rechner sortieren dort automatisch, was für die entsprechende Kundschaft interessant sein könnte, und da fallen meine Liebesbriefe wahrscheinlich vorher unter den Tisch, sofern ich bestimmte Sätze, wie „Die Flugzeuge in meinem Bauch machen mich zu einer Geisel deiner Liebe und zerstören die Wolkenkratzer, auf denen ich mich gestern noch sicher wähnte“ vermeide – na ja, wir ahnen ja zumindest, was zu schreiben Menschen in solchen Situationen in der Lage sind. Die Texte von Herbert Grönemeyer sprechen Bände.

Was diese Computer allerdings nicht so recht sortieren können, sind verschlüsselte Nachrichten. Wie sollten sie? Um zu entscheiden, ob es sich dabei um einen harmlosen Geburtstagsgruß oder die Verabredung zum wilden Streik oder gar um das ultimative Signal zum Sturz der Regierung handelt, müsste man sie ja erst entschlüsseln, was eigentlich nur der oder die rechtmäßigen Empfänger können sollten.

Aber wer verschlüsselt denn schon seine Email? Ja wer eigentlich? Und warum? Oder besser: Warum nicht? Irgendwann hatten wir ja sicher alle schon mal das Gefühl, eine oder viele bestimmte oder unbestimmte Personen sollten das, was ich da grade geschrieben habe, besser nicht lesen, egal ob es um die Verabredung zum nächsten Nato-Gipfel oder das romantische Geständnis an das aktuelle Objekt unserer Begierde (ob nun obskur oder nicht spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle). Bei mir ist da zu allererst mal mein Chef. Nein, ehrlich, ich habe keine Lust anlässlich meiner Kündigung eine inhaltliche Analyse meines privaten Mailverkehrs vorgesetzt zu bekommen.

Geht denn das? Klar geht das. Ganz einfach geht das. Dafür gibt es sie ja, die großen Magnetbänder, auf denen jeden Abend der Inhalt der Festplatten im Rechenzentrum gesichert wird Dann sind da natürlich noch andere Institutionen, von denen ich weiß, dass sie gerne fremde Post lesen und – egal was es ist – dazu habe ich so gar keine Lust – wer weiß, in welcher Situation mir irgendein Staatsbeamter ein Stück Papier unter die Nase halten wird, von dem ich dann wünschen werde, es nie geschrieben zu haben. Nein, deswegen verschlüssele ich, soviel ich kann. Nicht nur Liebesbriefe und Einladungen zu terroristischen Aktionen (nein, so was verschicke ich ohnehin nie), sondern jeden Mist. Warum? Weil unter dem ganzen Mist die interessanten Sachen natürlich weniger auffallen. Und vielleicht unter meinen Belanglosigkeiten auch die Sachen, die meinen Kollegen erpressbar machen würden, untergehen, wer sieht einem verschlüsselten Text schon an, ob der Inhalt dem Verfasser in einer unpassenden Situation irgendwie auch unangenehm sein könnte? Ich nicht Mein Chef nicht Die Administratoren mit den pickligen Gesichtern auch nicht. Und ich schätze mal, auch mit dem Schutz der Staates beauftragten Behörden haben so ihre Schwierigkeiten damit. Je mehr verschlüsselt wird, desto größer sind die Schwierigkeiten.

Wie? Ihr habt nix zu verbergen? Klar habt ihr das. Jeder hat das. Lest einfach alles noch mal von vorn.

Und wie geht das nun?

Das wohl am weitesten verbreitete Verschlüsselungsprogramm heisst PGP – Pretty Good Privacy. Es ist bis zur Version 6.5.8 open source gewesen, das heißt, der „Programmtext“ war nicht geheim, jeder und jede konnte den Programmcode lesen und auf Fehler oder Hintertüren überprüfen, weswegen ich immer diese Version empfehle (aktuell ist allerdings Version 8.0, die sich aber in den angewendeten Verschlüsselungstechniken nicht von vorherigen Versionen unterscheidet). Außerdem wird sehr viel über PGP gesprochen und geschrieben, so dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass es da irgendwelche Hintertüren gibt Ach ja – außerdem ist es natürlich freeware – das heißt, es kostet euch nix. Einfach runterladen und los geht´s… Ja, es gibt inzwischen auch andere Programme, wie den Gnu Privacy Guard (GPG), der fast die gleichen Verschlüsselungstechniken verwendet, aber meiner Auffassung nach ein wenig kompliziert zu bedienen ist, sofern man keiner von diesen pickligen Administratoren ist – die lieben so was natürlich!

Um zu verstehen, was jetzt zu tun ist, muss man ein wenig verstehen, wie PGP funktioniert. Ein Schlüssel – ja, das Teil, das zum Ver- und Entschlüsseln benutzt wird – besteht aus zwei Teilen. Einem privaten und einem öffentlichen Schlüssel. Der öffentliche Schlüssel taugt im wesentlichen zum Verschlüsseln, und ihr solltet ihn allen Leuten geben, von denen ihr der Meinung seid, sie sollten ihre Nachrichten an euch verschlüsseln (die müssen dann natürlich auch das Programm PGP installieren, und sich am besten damit auch gleich ein solches Schlüsselpaar basteln). Zum Entschlüsseln taugt der öffentliche Schlüssel nicht, weswegen ihr ihn nicht gut verstecken müsst, sondern ganz im Gegenteil allen Leuten geben solltet, die ihr so kennt. Es gibt im Internet sogar Server, von denen man einen öffentlichen Schlüssel für eine bestimmte Person wie eine Telefonnummer in einem Telefonbuch suchen kann – sofern er hinterlegt ist. Klar – ihr habt ja ein Interesse daran, dass euch möglichst alle nur noch verschlüsselt schreiben, also brauchen sie euren öffentlichen Schlüssel.

Etwas anders sieht es mit dem privaten Schlüssel aus. Der ist für euch allein, den er taugt zum Entschlüsseln von Nachrichten, die mit eurem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt wurden. Deswegen ist der auch noch mal mit einem Passwort – dein sogenannten „Mantra“ – geschützt, das ihr euch ausdenken und natürlich gut merken müsst. Eine schlechte Idee ist es auf jeden Fall, dieses „Mantra“ aufzuschreiben und es auf einen Klebezettel an den Bildschirm zu pappen.

Nun, und wenn ihr so gut vorbereitet seid, geht es los mit dem verschlüsselten mailen. Am besten nutzt ihr ein Email-Programm, das PGP von gleich unterstützt wird, wie Eudora oder Outlook, oder PM-Mail, das seinerseits eine PGP-Unterstützung mitbringt. Die Handhabung der Email ist in diesen Programmen fast so leicht wie vorher zum Ver- bzw. Entschlüsseln sind jeweils ein Mausklick oder ein Tastenanschlag mehr notwendig als ohne.

Wenn es dann noch Fragen gibt, die ihr in der mitgelieferten Hilfe nicht beantwortet findet, gibt es im Internet gute Dokumentationen für PGP und GPG. Eine ganz gute und übersichtliche Zusammenstellung findet ihr auf www.heise.de/ct/pgpCA/

Dort findet ihr auch Links zu Download-Seiten für das Programm PGP.

Und nun können euch (und mich sowieso) die pickelgesichtigen Administratoren oder Schlapphüte oder was weiss ich wer mal am A… Ihr könnt doch schreiben, was ihr wollt. Und wem ihr wollt. Aber manchmal wird ja auch so was peinlich Dagegen hilft dann auch Verschlüsselung nicht. Höchstens der Hinweis: „Vor dem Lesen vernichten!“

tv

Lifestyle

Die Großstadtindianer (Folge 5)

Streifzüge – Kalles Version

So trug es sich zu, dass das kleine, rotseitige Buch unserer Geschichte in meine Hände gelangte. Finn hatte mir leicht entsetzt in die Augen gestarrt, als ich seinen ersten Versuch, eine Episode unserer Geschichte aufs Papier zu bannen, für gescheitert erklären musste. Zu lang, keine Zusammenhänge, keine Spannung. Fad und öde wie zu lasch gepökelter Hering. Finns Gerede von Selbstkritik und Cliché, von Mystifizierung und Verklärung sollte doch nur das eigene Misslingen kaschieren. Unser Menschenhäuflein war kein netter Jugendverein, kein Timur-Trupp, sondern eine moderne Lebensgemeinschaft, flexibel und mobil, sozial und gut organisiert Wir waren vorbereitet auf all die Gefahren, die draußen lauerten. Ob gegen Baggereien und Rumgepöbel – diese ganz soziale Ausgrenzung und Xenophobie überall; gegen leere Taschen und den Frust der Erwerbsarbeit – diese ständige Existenzangst; gegen das Hickhack der Beste zu sein und den alltäglichen Neid des einen auf den anderen; gegen die Ordnungshüter, die einem auf Schritt und Tritt auf den Füßen standen, so dass man sich kaum noch bewegen konnte; oder gegen diese ganzen Gedanken vom Boulevard, die nur Angst und Pessimismus verbreiteten; gegen all das waren wir gerüstet. Inmitten der Dunkelheit hatten wir ein wenig Licht – gegen das Elend anzukämpfen, des Ohnmächtigen Schrei zum Laut verhelfen – Partisanen eines fernen Glücks. So entschloss ich, Kalle Bökelfink, ein Beispiel fabelhafter Tat zu geben.

Die Stadt wurde schon längere schon längere Zeit von einigen Halunken heimgesucht, als es sich begab, dass zwei von ihnen über jedes erträgliche Maß hinausschossen. In der flußnahen Pinte „St. Klaus“ kam es zur Schlägerei. Nach einigen rotzigen Pöbeleien fielen die beiden muskelgewaltigen Radaubrüder über den unbeteiligt dabeistehenden Addi her und verletzten ihn schwer. Keiner der anwesende Landratten half, und als der Wirt endlich Alarm gab, waren die Halsabschneider längst getürmt. Ein unglaublicher Vorfall. Addi lag im Krankenhaus, sein Boss war sauer über die Fehltage und die Täter? Unbekannt. Der große Rat der Gemeinschaft wurde einberufen. Wenn jemand unserem marokkanischen Freund helfen konnte, dann wir! Bei den Beratungen wurde jedoch viel zu lange diskutiert, so dass schließlich verschiedene Fraktionen darüber stritten, ob man als erstes die Leute an Addis Arbeitsplatz mobilisieren oder doch lieber die in seinem Umfeld oder gleich direkt gegen die Raufbolde vorgehen sollte. Während bei dem Gedanken an eine unmittelbare Konfrontation einige sich ängstigen, gab es doch auch genug Mutige unter uns, die bereit und willens waren, der Bedrohung die Stirn zu bieten. Am nächsten Morgen zog ein kleines Grüppchen los, die Burschen aufzuspüren. Mir, Kalle Bökelfink, zur Seite stand „Little“ alias Boris.

Es dauerte drei Tage, dann hatten wir ihr Versteck ausgespäht. Eine Mietskaserne, leicht abseitig, hinter der Siedlung am Stadtrand. Sie waren zu fünft. Vier Männer und eine Frau. Aber keine Anzeichen politischer Aktivität. Auch keine typischen Symbole. In die Wohnung zu gehen, war zu gefährlich. Außerdem wollten wir nur den beiden Schlägertypen einen Denkzettel verpassen. Sie gingen jetzt regelmäßig in einen Klub, drei Straßen weiter. Ein sauberer Laden mit stinknormalen Leuten. Als wir die beiden das erste Mal sahen, rümpfte „Little“ kräftig die Nase und nur meine kräftigen Arme konnten ihn zurückhalten. „Wir legen einen Hinterhalt, nachts“, zischte ich, und Boris´ Gesicht hellte sich auf. Die anderen nickten und wir zogen uns zurück, um Kriegsrat zu halten. Die Falle sollte folgendermaßen zuschnappen. „Little“ würde den Klub betreten, sich ein Bier besorgen und zu den Zielobjekten begeben, sie provozieren und dann rechtzeitig türmen, um die beiden in unsere Arme zu treiben. Dann gäb´s eine Abreibung nach Seemannsart und eh´ die beiden noch merkten, was ihnen widerfährt, wären wir wieder verschwunden. Ein guter Plan, den wir da am abendlichen Feuer ausgeheckt hatten. Alle waren zufrieden. Wir stärkten uns an dem reichlichen Mahl und genossen den guten Marke „Eigenanbau“. Eine klare Nacht zog herauf. Am Himmelszelt erschien Orion, der Jäger. Mir wurde die letzte Wache vor dem Aufbruch aufgetragen. Als ich den Turm hinaufstieg, blies der Wind mir eine frische Brise ins Gesicht. Ich starrte in die dunkle Nacht, in Gedanken an den aufziehenden Kampf. Die Gefahr war nah, doch ängstigte sie nicht. Den Mond hielt ich mit festem Blick umschlungen. Er mir vor wie ein mahnender Leuchtturm für den Seefahrer, vor der Küste warnend und doch Leben und Menschen verheißend. Ich, Kalle Bökelfink, schloss die Augen…

Wenn „Little“ dann nicht gestolpert wäre, hätte auch alles nach Plan geklappt. Als er jedoch aus der Vordertür stürzte, fädelten sich seine Füße an einer abstehenden Bodenplatte ein, und Boris flog der Länge nach hin. Jeden von uns, die wir in der dunklen Ecke lauerten, durchfuhr ein jäher Schreck Schon blitzten die Gesichter der beiden Typen im Türrahmen auf. Es blieb keine Zeit. Ich stürzte vor, auf Boris zu, um ihn zu verteidigen. Die anderen hinterher. Nach einem kurzen Handgemenge, bei dem auch die beiden Übeltäter einiges einstecken mussten, ergriffen sie heillos die Flucht. Doch auch wir mussten schnellstens verschwinden, zwei Häuserblocks weiter näherten sich schon die Sirenen. Ich half dem stöhnenden Boris hoch und versuchte ihn zu stützen. Der war längst nicht mehr so gut auf den Plan zu sprechen. „Mann, Kalle, Mann… Mann, Mann, Mann…“, wiederholte er immer wieder, während wir in Richtung Heimat humpelten. „Aber hast du die rennen sehen?“, ich blinzelte zu „Little“ hinüber, der glättete das schmerzverzerrte Gesicht und grinste breit: „Ja!“ Eine plötzlich entstehende, tiefer werdende Schmerzfalte auf der Stirn ließ ihn nicht weitersprechen. Auch ich versuchte zu lachen, dabei stieß meine Zunge gegen einen meiner vorderen Zähne. Die leichte Berührung hatte gereicht, ihn aus seinem Zahnfleischbett zu hebeln. Ich spukte ihn aus. Boris sah mich verwundert an und schüttelte den Kopf. Ich, Kalle Bökelfink, legte meine Zungenspitze zwischen die neue Zahnlücke und blies die Luft melodisch hindurch. Es war das Lied einer missglückten Schlacht, die Sage von einem halben Sieg und die Geschichte ihrer Helden. Wir hatten sie in die Flucht geschlagen und bei meiner Seeräuberehre, sobald würden die sich nicht mehr blicken lassen.

(Fortsetzung folgt)

clov

…eine Geschichte

Das Ende der Barbarei

Am 8. Mai jährt sich der Tag der Befreiung vorn Nationalsozialismus

Zum 58. Mal jährt sich nun die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor den alliierten Streitkräften, die Befreiung vieler Menschen vom nationalsozialistischen Terror. Dieser offizielle Schlusspunkt des Hitler-Regimes sollte ein Tag des Feiern sein und ein Tag des Nachdenkens darüber wie und wodurch eine solche Barbarei entstehen konnte und welchen Charakter diese Barbarei trug.

Das Unfassbare war geschehen, ein rational arbeitendes Vernichtungsprogramm, das seinen Unterpfand in jahrhundertelang staatlich gepflegten deutschen Tugenden und tradierten Mythen hatte, wurde geplant und durchgeführt. Tugenden wie Disziplin, Ordnung, und Fleiß, der Wahn schaffender Arbeit kontra raffendem Kapital und die richtigen rassebiologischen Merkmale, sollten Deutsche über alles erheben. Mittels germanischer und antiker Mythen wurden die Idealvorstellungen der nationalsozialistischen Elite in romantische Rituale getaucht. Deutsche Tugenden, Brutalität und Romantik führten zum SS-Staat. Das Ziel war nach Eugen Kogon, Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald, ein aristokratisches Staatswesen, nach dem Muster der hellenischen Stadtstaaten zu etablieren. So schilderte im Spätherbst 1937 ein SS-Führer der Ordensburg Vogelsang: „5 bis 10 von 100 der Bevölkerung, ihre beste Auslese, sollen herrschen, der Rest hat zu arbeiten und zu gehorchen. Die Auslese der neuen Führungsschicht vollzieht die SS […] durch die Junkerschulen und die Ordensburgen […]; negativ durch die Ausmerzung aller rassenbiologisch minderwertigen Elemente und die radikale Beseitigung jeder unverbesserlicher politischen Gegnerschaft […]“ (1). Mitternächtliche SS-Fahnenjunkerweihen, die Himmler an den (vermeintlichen) Gebeinen Heinrich I. abhielt und der Besuch eines Konzentrationslagers am nächsten Tag gehörten zusammen. „Von der Symbolik des Sonnenrades führte der Hakenkreuzweg geradlinig zu den glühenden Öfen von Auschwitz.“ (Eugen Kogon) Das erhellt auch die Verbindung zwischen Weimar und Buchenwald – Kultur und Barbarei, den einen Tag wandelt der SS-Sturmführer auf den Spuren Goethes, den anderen stößt er Häftlinge in die Fäkaliengrube. Bei der Abholzung des Ettersbergs wurde kulturbewusst die bekannte „Goethe-Eiche“ bewahrt und zum Hohn der Inhaftierten als Lagermittelpunkt gewählt

Das Irrationale wurde rational durchgeplant und führte zu unermesslichem Leid in den Konzentrationslagern (KL). Menschenunwürdige Lebensumstände, Hinrichtungen, seelische und körperliche Folter, die Liste der Bestialitäten ließe sich fortführen. Für Millionen Menschen, politische Häftlinge, Homosexuelle, Sinti und Roma, Juden, polnische Partisanen, russische Kriegsgefangene, Gefangene aus anderen eroberten Ländern, Bibelforscher, Kriminelle und „Asoziale“, wurden die KL zum Friedhof. 6 Millionen Juden wurden dort in die systematische Massenvernichtung geführt, ein Verbrechen, zu dem es in der Menschheitsgeschichte bisher keinen Vergleich gibt, man spricht auch von der Singularität von Auschwitz.

Doch das NS-System konnte sich nicht ewig halten, mit dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad kam die Kriegswende, alsbald gewannen die Alliierten sowohl an der West- wie auch an der Ostfront die Oberhand. Am 6. April nahm die Rote Armee mit einem Zangengriff Berlin ins Visier. In zähen und verlustreichen Kämpfen gelang es ihr in das Stadtzentrum vorzudringen. Am gleichen Tag, den 30. April 1945, als Rotarmisten auf der Spitze des Reichstags die Rote Fahne hissten, beging Adolf Hitler in seinem Bunker Selbstmord. Großadmiral Dönitz übernahm die Führung, beabsichtigte eine Teilkapitulation gegenüber den Westmächten und wollte den Kampf gegen die Rote Armee noch fortsetzen, um möglichst viele „deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordringenden bolschewistischen Feind zu retten“. Er hoffte zudem auf ein Bündnis mit den Westmächten gegen die Sowjetunion. Vergebens, auch wenn es gelang noch große Truppenverbände in den Raum der westlichen Alliierten zu überführen.

Am 25.4. begegneten sich an der Elbe sowjetische und US-amerikanische Truppen, am 2.5. kapitulierte Berlin, am 7.5. die deutsche Wehrmacht in Reims. In der Nacht vorn 8. auf den 9. Mai wurde in Berlin-Karlhorst offiziell die Kapitulation der deutschen Wehrmacht besiegelt (2).Dieser Tag ging als „Tag der Befreiung“ in die Geschichte ein. Dieser Terminus ist nicht allgemein beliebt. Noch 1975 verweigerte sich die Mehrheit des deutschen Bundestags einer Veranstaltung am 8.Mai mit der Begründung, dass dieser Tag in der DDR als „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde. Gedenkveranstaltungen wurden auf andere Tage gelegt. Von der Rechten wird der Tag oftmals als „Tag der Niederlage“ umgedeutet und die „eigenen“ Opfer beschworen und hervorgehoben. Auch von linker Seite wird diese Begrifflichkeit kritisiert: man wollte nicht mit einer feiertagswütigen Volksgemeinschaft feiern, die die Befreiung aller Deutschen, ohne Unterscheidung von Opfern und Tätern, propagiert und zunehmend die deutschen Kriegsopfer in den Vordergrund schiebt Wenn mensch sich die Debatten zu dem Thema anschaut, dann fällt auf, dass die Bombardierung Dresdens öfters beklagt wird als die rauchenden Schlöte Auschwitzs.

Markstein dieser gleichsetzenden Entwicklung war der 8.Mai 1985, als Helmut Kohl mit Ronald Reagan nach dem Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen den SS-Friedhof in Bitburg besuchte. In Berlin wurde die „Straße der Befreiung“ umbenannt, die Gedenkstätte Seelow verlor ihren Beinamen „Gedenkstätte der Befreiung“. (3)

In dieselbe Kerbe der Normalisierung schlägt die SPD, die am 8.Mai 2002 eine Diskussion mit Martin Walser und Gerhard Schröder (4) über „Nation, Patriotismus, demokratische Kultur in Deutschland 2002“ veranstaltete. Ausgerechnet die Befreiung von Millionen von Menschen vom deutschen Sensenmann wurde hier für ein neu erwachtes sich geläutert gebendes Deutschland instrumentalisiert, dass wieder eine Nation unter vielen sein und in der Weltgeschichte mitspielen will. Die Normalisierung des deutschen Selbstverständnisses geht einher mit der. Militarisierung der Außenpolitik. Auschwitz, die deutsche Vernichtungsmaschine, wird zu den Akten gelegt, man hat schließlich daraus gelernt und konnte bereits mit diesen Lehren im Kosovo den ersten Angriffskrieg (5) führen. Und die rot-grüne Bundesregierung ist fleißig dabei, die Bundeswehr zu einer weltweiten Interventionsarmee umzubauen.

Die Rolle des Faschismus als Krisenbewältigungsstrategie sollte nicht unterschätzt werden, er entspringt der kapitalistischen Produktionsweise und ist eine mögliche politische Form ihrer Verwaltung. Solange es Kapitalismus gibt, gibt es auch die Möglichkeit im Krisenfall, wenn die Demokratie den Prozess der Verwertung und permanenten Gewinnmaximierung nicht mehr adäquat verwalten kann, faschistische Lösungsansätze zu suchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit faschistoide Anknüpfungspunkte in unserer Gesellschaft bereits gegeben sind. Ein Beispiel für den Zusammenhang von bürgerlicher Demokratie und Faschismus sind die Arbeitswahn-Ideologie und die Hetze gegen „Sozialschmarotzer“ und Arbeitslose. In der derzeitigen Krise wird häufig der Sündenbock in denen gesehen, die nicht arbeiten wollen und der Gesellschaft parasitär das Geld wegnähmen. Während hier „nur“ Maßnahmen wie Arbeitszwang und Leistungskürzungen stattfinden, war der Nationalsozialismus konsequenter, da wurde das „arbeitsscheue Gesindel“ ins KZ gebracht. Eine Folge der Krise ist oft die Suche nach einem Sündenbock, dies können Arbeitslose, Ausländer oder andere Minderheitengruppen sein. Spezifisch für den Nationalsozialismus war der eliminatorische Antisemitismus, der in den Juden die Verursacher kapitalistischer Krisenhaftigkeit, d.h. konkret des Elends dieser Zeit, ausgemacht hatte. Dies mündete in Pogrome und nach Jahrhunderten von Antijudaismus und Antisemitismus im christlichen Abendland in die Massenvernichtung des „jüdischen Volkes“, dass als „parasitär“ von „normalen Völkern“ abgegrenzt wurde. Dabei spielte es keine Rolle, dass das Judentum eine Religion ist und schwerlich als Volk konstruiert werden kann. (6)

Es gilt also Relativierungen des Nationalsozialismus, geschichtsrevisionistische Tendenzen, antisemitische Reflexe, die Militarisierung deutscher Außenpolitik und natürlich das Treiben der Nadelstreifen- wie Straßen-Rechten nicht tatenlos hinzunehmen. Antikapitalistische Kritik und das Anstreben einer selbstorganisierten Gesellschaft reichen nicht aus. Wer die Emanzipation (7) der Menschen unterstützen will, muss möglichen Formen der Barbarei (8) entgegentreten.

kater francis murr

Eugen Kogon: „Der SS-Staat Das System der deutschen Konzentrationslager“
ISBN 3-453-02978 Heyne-Verlag
(1) Aus Eugen Kogon, „Der SS-Staat“, S.42
(2) www.documentarchi v.de/ns/1945/kapitulation.html
(3) www.ruhr-uni-bochum.de/bsz/512/512mai8.html
(4) auf www.bgaa.net (Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus) finden sich Gegenpositionen zu dieser Veranstaltung
(5) Werte Friedensfreunde: OHNE UN-Mandat; tja nicht nur der „Öl-Junkie“ Bush kann das, auch die „Marionette der Windkraft-Industrie“ Fischer…
(6) viele Texte auf www.antisemitismus.net/antisemitismus/theorie/texte-01.htm; Lektüre-Tip: Moishe Postone „Antisemitismus und Nationalsozialismus“
(7) Selbstbefreiung
(8) Dazu gehören auch religiöse Fundamentalismen, deren stärkste heutzutage der Islamische Fundamentalismus ist. Würden islamistische Gruppen ihre Gesellschaftsvorstellungen, die als einzige Alternative zum kapitalistischen System gedacht werden, durchsetzen, ließe sich meines Erachtens durchaus von einem Faschismus sprechen; für Hintergrundinformationen siehe auch das Dossier in der Jungle World 52/2002 „Wir sind die Moslems von morgen“ über die junge Generation islamistischer Eliten in Deutschland www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/52/29a.htm

Exkurs: Leipzig – Warten auf die Befreiung

Die ungarische Jüdin Judith Magyar Isaacson überlebte Auschwitz-Birkenau. Sie wurde bei der Selektion zur Zwangsarbeit in das Buchenwald-Außenlager Hessisch Lichtenau gebracht. In einem der letzten Transporte der SS kam sie Anfang April nach Leipzig.

Die nächsten zweieinhalb Tage verbrachten wir weder als Gefangene noch in Freiheit. Die Deutschen waren geflohen und die Amerikaner noch nicht da. Die Blockälteste ließ uns nach oben gehen, wo wir-in einem kleinen Küchenschrank köstliche Konserven fanden, die früher der SS vorbehalten waren: Schweinebraten, Gänseleberpastete und Sardinen. Wir dachten, es könne vielleicht die letzte Möglichkeit sein, sich satt zu essen und verschlangen gierig all die schönen Sachen. Kein Wunder, dass wir die halbe Nacht damit zubrachten, sie oben und unten wieder herauszulassen.

Die Freiheit kam am dritten Tag, nicht in Gestalt einer siegreichen Armee mit Trommeln und Generalen, wie wir es uns erträumt hatten, sondern in Gestalt eines staubbedeckten amerikanischen Fernmelders. Wir stürmten sofort hinaus, als er auf der Straße auftauchte, eine winzige uniformierte Gestalt auf einem Motorrad. Die polnischen Mädchen zogen ihn vom Sitz und küssten ihn ab, doch wir standen dabei und konnten es kaum fassen. „Nun mal langsam Mädels“, protestierte er mit errötetem Gesicht. „Tausende von anderen werden morgen hier einfallen. Entschuldigt mich bitte, ich muss ein paar Telefonkabel verlegen.“ Im nächsten Moment verschwand er wie eine Traumgestalt. Am folgenden Tag, dem 20. April 1945, wurden wir offiziell befreit, doch wir waren noch immer zu benommen, um es vollständig glauben zu können. Die deutschen Soldaten waren geflohen, die Zivilisten versteckten sich. Die Hauptverkehrsstraßen waren allesamt in der Hand von motorisierten amerikanischen Soldaten, die Zigaretten und Schokoladenriegel in die Massen befreiter Sklaven schleuderten, die in einem Gewirr aus verschiedenen Sprachen jubelten und sangen. Ganz Europa schien vertreten. „Wie beim Turmbau zu Babel!“, sagte Magda kopfschüttelnd. „Ich kann´s kaum glauben.“

aus einer Zeitung zum Tag der Befreiung, die 1995 in Göttingen herausgegeben wurde: www.gwdg.de/-gwgoe/extrablatt/

In den Mai

In den Mai … mit FEIERABEND!

Nach dem geschichtlichen Exkurs im letzten Heft, welcher uns zu den Schriften Kropotkins führte, widmen wir uns hier und jetzt wieder der Aktualität. Aber was könnte in diesen Tagen aktueller sein, als die systematische Gewalt von sogenannten „präzisen“ Bomben, die schicksalsgleich über dem irakischen Staatsgebiet niedergehen und das konkrete Leid so vieler Menschen heraufbeschwören, dass die Vorstellung eines zukünftigen, möglichen, größeren Leids dagegen verblasst. Streckt die Waffen, möchte man den irakischen Militärs zurufen, macht diesem Spuk ein Ende, und dabei erwische ich mich bei dem heimlichen Groll, dass sich die US-amerikanische Politik der Macht und des Geldes wieder einmal gegen einige Vernunft durchgesetzt hat. Doch soll trotz alledem der militärische Krieg nicht Thema des folgenden Artikels sein. Vielmehr rückt in den heutigen Tagen wieder verstärkt die politische Ordnung unserer Gesellschaft ins Zentrum der Kritik. Engagierte Friedensbewegte, ob Frau oder Mann, Kind oder Greis, kommen immer seltener um die Erkenntnis herum, wie Politik (Macht) und Ökonomie (Geld) sich in unserer Gesellschaft fatal verzahnen. „Heraus ihr Menschen in den Häusern, auf die Steige, auf die Straßen! Auf zum Ersten Mai!“ – die Maiparolen waren stets im doppelten Sinne hoffnungsvoll: Widerstand gegen die gegebene Ordnung ist nötig und andere Vergesellschaftungsformen sind möglich. In diesem Sinne …

Wenn mit dem Wonnemonat Mai die schönsten Frühjahrstage des Jahres näherrücken, die erste Maiwoche ins Blickfeld (außerparlamentarischer) politischer Aktivität gelangt, müssen sich heute Engagierte mit der rauhen Wirklichkeit konfrontieren. Sicher, der Erste Mai ist vielen als staatlicher Feiertag bekannt, doch schon bei der Frage nach den Gründen seines Bestehens (s. Artikel auf S. 1 bzw. S.6/7) wird bei einigen das Bewusstsein lückenreich. Ganz zu schweigen von solch sekundärem (weil nicht staatlicher Feiertag) Anlass wie der Befreiung vom deutschen Faschismus am 8. Mai (s. S. 8/9) oder gar einer Demonstration gegen spezifische Formen der Arbeit in Erfurt am 6. Mai (s. S45). Aber letztere sind ja auch nicht durch den Staat von der Arbeit befreit. Warum eigentlich nicht? Mensch kann halt nicht zu jedem Anlass feiern und nicht arbeiten. Aha! … So? … Aber warum nicht!? Gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Tag, der zum Widerstand gegen die Auswirkungen unserer kapitalisierenden Ökonomie aufruft, dem Tag, der an die faschistischen Schrecken – Auswüchse nationalsozialistischer Ökonomie erinnert, und einem Tag, der den Stigmatisierten unserer sozialen Hierarchien gewidmet ist? Und ist nicht die Erwerbslosigkeit ein Stigma unserer Gesellschaft; der faschistische Umschlag eine reale (weil geschichtlich belegte) Möglichkeit des Nationalstaates; ist es nicht die Organisierung der Arbeit, die unsere individuellen und kollektiven Geschichten wesentlich prägt?

Aber die Wirklichkeit ist hart. Massenhaft könnte man die Trauben nennen, die sich am letzten Apriltag vor dem Supermarkt ballen, um an das begehrte Grillmaterial heran zu kommen, kreativ die verschiedenen Pläne für den freien Tag, aktiv den Verdauungsspaziergang nach dem Mittagsschläfchen, mächtig die Kraft, die mensch aus so einem erholsamen Tag ziehen kann … aber die Aktionen am 1. Mai: Massenhaft? Aktiv? Kreativ?? Mächtig??? Nein. Und am 6. und 8.? Vergessen. Die Wirklichkeit ist gnadenlos. Die Zeit, in der die Maikundgebungen die tiefen Gräben zwischen Nord und Süd, Ost und West überflügelten und so manches schwache Herz erzittern ließen, sind längst vorbei. Und angesichts der Agitationen, der sich die Massen teilweise ausgesetzt sahen, angesichts der Vermarktung weltweit ist das vielleicht auch gut so. Also doch lieber das kühle Bierchen, das erste Bad im Freien, abends Zucchini oder Schwein auf dem Grill und natürlich ein paar liebe Leute, davon gibt es Menschseidank noch immer genug.

So will ich Dir denn nicht von Massendemokratie, Großdemonstration, politischer Ökonomie, Streiks, Arbeit, Ohnmacht, dezentraler Aktion usw. sprechen, sondern von einem perfekten Maitag einem Tag, der politisch ist, weil das Problem der Arbeit jeden einzelnen von uns betrifft; einem Tag, der durch Abwechslung erholt, weil jeder einzelne auch ein bisschen müde vom Alltag ist; einem Tag, der Freude und Wissen stiftet, weil er die Begegnung mit dem Anderen ermöglicht. Von einem Tag also, an dem die Sonne strahlt, von einem lauen Abend und einer klaren Nacht möglich durch den Willen jedes einzelnen allein. Na ja, ich geb´ zu, das mit dem Wetter ist eine kleine Schwierigkeit, aber ich glaube fest daran, dass am ersten Mai in europäischen Breiten überdurchschnittlich gutes Wetter war und sein wird. Von einem solchen Tag will ich Dir erzählen.

Die Vorbereitung…

… ist natürlich um so fruchtbarer, je gründlicher sie erfolgt. Über die Jahre jedoch kannst Du mehr und mehr aus der eigenen Maierfahrung schöpfen. Mein Minimalvorschlag Zuerst, nichts anderes vornehmen! Ja nicht arbeiten! Weiterhin unentbehrlich sind natürlich einige liebe Menschen, nur mit ihnen kann der Tag gelingen. Keine Einzelgänge. Für den politischen Teil sollten auf jeden Fall auch Leute „von Arbeit“ einbezogen werden. Halt auch mal über persönliche Gräben springen! Im Vorfeld wird es nötig sein, sich mit den anderen Interessierten zu verständigen und konkrete Probleme am Arbeitsplatz zu sichten. Amtsträger der Gewerkschaften bieten meist einige erste Informationen und Kontakte. Hier allerdings nur vorsichtig verwickeln lassen, um Agitation zu vermeiden, lieber selbständig was machen. Hast Du Deine soziale Gruppe gefunden, mit der Du den ersten Maitag verbringen willst, könnt Ihr zu planen anfangen.

1. Die aktive Teilnahme an der nächsten erreichbaren Kundgebung [1];

2. Eure eigene Aktion, bei der Ihr über den Inhalt und die Form in Gänze bestimmen könnt;

3. Den Weg zum und das Picknick am nächsten Badesee (Pool?);

4. Ort und Versorgung für den Grillabend.

Zur Teilnahme an der Demonstration ist wesentlich nicht viel Vorbereitung erfordert, ein Transparent mit eigenem Inhalt (Kinder malen unheimlich gern!), bestenfalls ein paar Handzettel (evtl. mit konkreten Hinweisen, die Probleme des eigenen Arbeitsplatzes betreffend) und ein Proviantbeutel + ein bis zwei Wasserflaschen.

Für Eure eigene Aktion ist etwas mehr gefordert. Welche Themen wollt Ihr verbinden? Was erreichen? Wen ansprechen? Auch hier bietet sich eine Verbindung mit Eurem eigenen Arbeitsplatz an. Aber was machen? Der Phantasie sind eigentlich nur durch den Gesetzeshüter und Euch selbst Grenzen gesetzt. Die Leute in der Stadt oder im Dorf sind an Feiertagen meist in guter Stimmung und offen für kreative Ideen und Gedanken und je mehr Ihr seid, um so mehr Spaß ist garantiert.

Für den Badeausflug ist eigentlich nur Ort und Mobilität zu planen, der Einkauf kann mit dem Grilleinkauf verbunden werden und sollte am besten schon 2-3 Tage vor dem Feiertag erledigt sein, um sich nicht am Maivorabend völlig stressen zu lassen und am nächsten Morgen gar mit dem falschen Fuß aufzustehen. Beim Einkauf nicht das Frühstück am 1. Mai vergessen!!!

1. MAI – morgens

Relativ früh aufstehen und während des ausführlichen Frühstücks über konventionelle Medien [2] informieren. Wer schon zum Frühstück zusammen trifft, kann sich im gegenseitigen Austausch einstimmen. Pünktlich zur Demonstration aufbrechen, die Gewerkschaften warten nicht lang. Aktive und befriedigende Teilnahme bedeutet auf einer fremdbestimmte Demonstration vor allem, den eigenen Inhalt selbstbewusst zur Wirkung zu bringen. Sowohl das Aufnehmen von Informationen, das Gespräch mit Leuten (anderer Meinung, was äußerst häufig der Fall ist), als auch kreative Formen der Demonstration (Tanz, Musik, Theater etc.) tragen zum eigenen Wohlgefühl und auch zu dem Anderer bei, stärken zudem die Außenwirkung der Demonstration und vertiefen die eigenen Wissenspfründe. Das Publikum bei Maidemonstrationen ist oft bunt gemischt, von Kindern bis zu Greisen, so dass die Laufstrecken relativ kurz sind. Während der abschließenden Kundgebung kann man den Reden folgen, was nicht selten langweilig und die eigenen Vorurteile bestätigend ist (Vorsicht vor Wahlagitationen!!!), oder sich noch ein wenig im Meinungsbild umsehen, hier und da an einem Stand die Schriften sichten und ein zweites Frühstück einlegen.

1. MAI – mittags

Die Teilnahme an den Großkundgebungen ist m. E. gerade deshalb wichtig, weil sich mit ihrer medialen Repräsentation eine solidarische Funktion verbindet. In den sogenannten Peripheriestaaten und den Staaten der Dritten Welt stellt die Großdemonstration neben der Propaganda der Tat (militante bis paramilitärische Aktionen) oft die einzige Möglichkeit dar, politische Macht zu entfalten, um die eigenen Rechtsformen (Arbeitsrecht/Sozialrecht) weiterzuentwickeln. Die früher international, heute global genannte Verständigung darüber, dass jeder einzelne Mensch letztendlich zusammen mit vielen anderen in einem Boot sitzt; dass letztlich jeder aus den Fehlern des Andern zu lernen vermag [3]; dass politischer Reorganisierungsdruck im nationalen Rahmen heute undenkbar scheint, für diese Verständigung können die gemeinsamen Kundgebungen ein Funke sein [4].

Trotz alledem ist selbst die aktive Teilnahmen an solchen Großdemonstrationen nicht selten unbefriedigend, weil mensch sich fragt: Und nun? War das schon alles? Um dieses aufsteigende Gefühl der Ohnmacht beim zweiten Frühstück gleich wieder aus de Gliedern zu treiben, lautet meine Empfehlung für die frühen Mittagsstunden, bevor die Sonne die letzte Motivation ausdörrt: selbstbestimmte Aktion. Je konkreter desto besser. Das Sensibilisieren Deiner und Eure Mitmenschen für bestimmte Probleme und Zusammenhänge kann genauso fruchtbar sein wie konkretes Eingreifen [5]. Welcher konkrete Inhalt welcher Form bedarf, darüber müsst Ihr Euch in Eurer Gruppe selbst verständigen, schließlich müsst Ihr Euch auch zusammen klar sein, wie weit Ihr im einzelnen gehen wollt, zudem verfügt eben Ihr am Besten über den eigenen Inhalt. Lange Rede, kurzer Sinn: Geht nach den Kundgebungen nicht nach Hause, sondern macht was! Der 1. Mai ist schließlich ein politischer Tag, und jeder einzelne hat das Recht, seine Meinungen, Bedürfnisse und Interessen zur Geltung zu bringen. Erfolg (fruchtbares Gespräch, glückliche Verhandlungen, gelungene Aktion) und Spaß (mit lieben Freunden, Spiel u. Aufmerksamkeit) bei einer selbstbestimmten Aktion sind gutes Rüstzeug gegen Ohnmachtsgefühl und Pessimismus und stärken zudem die eigenen Resistenzen gegen den übermächtigen Alltag.

1. MAI – nachmittags

Irgendwann ist dann aber auch der letzte Funke Aktivismus aufgebraucht Der Magen knurrt und die Beine werden schwer. Gut, dass das Picknick am Badesee geplant war. Richtig abkühlen, den Bauch vollschlagen und ein wenig ausruhen. Was gibt`s Schöneres, als wenn mensch dabei noch einmal die Ereignisse und Erlebnisse des langsam vergehenden Tages Revue passieren lassen kann, sich Freunde zum Austausch und zur Diskussion anbieten, die Ähnliches und Selbes erlebt haben. Jetzt noch in einem guten Buch geschmökert, das eine oder andere Flugblatt erschlossen, etwas Ballspiel oder einfach nur die Beine lang gemacht, und der Grillabend wird zum Sahnehäubchen des Tages.

1. MAI — abends

Wenn dann nachts die Feuer glühet, die Glut im Grill brütet – die wachsame Maisonne sich mit einen Zwinkern verabschiedet und die Nacht in all ihrer klaren Schwärze heraufzieht – wenn freundschaftliches Geplauder in unentwirrbaren Blasen über der abendlichen Stille liegt und sich die Gedanken in jener Unendlichkeit der Augenblicke spiegeln, warum sollten Pessimismus und Hoffnungslosigkeit dann noch Macht haben, warum sollten dann nicht Lösungen für Probleme gefunden werden, der Zusammenhang vom 1., 6. und 8. Mai plötzlich deutlich vor den Augen erscheinen, warum nicht die Kraft gewonnen sein, neue Möglichkeiten wirklich werden zu lassen. Warum, frage ich, sollte ein glücklich erlebter,weil erfolgreicher und fruchtbarer, Erster Mai nicht das ins Werk setzen, was kühne Träumer einst ersonnen; warum nicht zum kühnen Traume selbst beleben, Kräfte schenken, um dem Alltagsdruck ein Spänchen Freiheit abzutrotzen. Und ist es nicht jeder einzelne von uns, dem die Macht zukommen sollte, über die Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens, seine Möglichkeiten zu erkennen und in die Tat umzusetzen? Deshalb sage ich Feierabend! In den Mai …

clov

P.S.: Eine gründliche Nachbereitung kann sehr zweckmäßig sein.

(1) In allen großen Städten veranstalten diese traditionell die Gewerkschaften, es gibt aber auch immer wieder Demonstrationen von Personen und Bündnissen.
(2) Alternative Medien bestechen selten durch Aktualität und sind zudem weniger greifbar.
(3) Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass niemandem gedient ist, wenn die Geschichte der Europäer oder das US-Modell nur nachgeahmt wird.
(4) Es steht zu erwarten, dass an diesem 1. Mai vielerorts auch Anti-Kriegs-Demonstrationen stattfinden. Da auch hier Solidarität und Verständigung nötig sind, bietet sich die Möglichkeit, die ohnehin nahe beieinander liegenden Themen der ökonomischen Organisierung und der militärischen Gewalt (politischen Macht) in einer machtvollen, weil globalen und dezentralen Demonstration zu verbinden. Bei alledem sei jedoch nicht vergessen, dass die mediale Repräsentation, direkte Kontakte und Aktionen nicht ersetzen kann.
(5) Z.B. den Boss beim Mittagsschlaf zur Rede stellen, Blockieren von Produktionsbetrieben (z.B. Rüstung), Kasernen oder öffentlichen Einrichtungen (auch Bahn etc.) usw., Streiks oder etwa Vernetzung mit anderen Gruppen und Assoziationen (auch der Mobilitätsvorteil der westlichen Hemisphäre sollte genutzt werden, um Maiaktionen an anderen Orten der Welt zu unterstützen).

Theorie & Praxis

Am 6. Mai zur Demo „Gegen die Arbeit Für das Leben!“ in Erfurt!

Schluss mit der Zwangsjacke, die sich Arbeit nennt

Wer bisher Feierabend! aufmerksam gelesen hat, weiß, dass wir der (Lohn-)Arbeit keine große Sympathie entgegenbringen. Nicht weil wir nicht auch tätig sein und wirken wollen, was diese Zeitung ja beweist, sondern weil uns die Form, in der in dieser Gesellschaft Arbeit organisiert wird, nicht gefällt und unser Leben bedroht.

Lohnarbeit und Selbstausbeutung sind gesundheits- und damit lebensschädlich (1). Gefährliche Arbeitsunfälle sind nicht selten und werden mit der Verunsicherung der Arbeitsverhältnisse noch zunehmen. Oft ist aber auch schon mit der Verrichtung der Arbeit ein gesundheitlicher Schaden verbunden Dies betrifft beispielsweise alle BildschirmarbeiterInnen, die früher oder später Augenschäden davontragen und eine Brille brauchen oder einen Orthopäden wegen Rückenschäden aufsuchen müssen.

All diese Probleme treten nicht erst nach langjähriger Arbeit auf, sondern auch. schon nach wenigen Monaten. Schnell ergibt sich ein Teufelskreis aus Stress, Haltungsschäden und/oder chronischen Erkrankungen, mehr Stress und neuerlichen Beschwerden, wie z.B. bei PflegerInnen zu beobachten ist.

Das Problematische dabei sind nicht allein die Schmerzen, sondern auch, dass Menschen durch ihre Arbeit im Freizeitbereich (der immer mehr zusammenschrumpft) eingeschränkt und so an der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben massiv behindert werden. Sie können z.B. nicht mehr ihren Hobbys wie Fahrradfahren oder Zelten nachgehen, um nur zwei zu nennen. Hinzu kommen psychische Probleme, dass man sich ausgeschlossen fühlt, sich immer weniger getraut, sich über die Arbeitsumstände zu beschweren, da man fürchtet dann als einer der Ersten den Job zu verlieren. Selbst jemand der nicht arbeiten geht, kann sich dem Zwangssystem dadurch nur scheinbar entziehen. Denn man vermeidet bestimmte Gefahren, hat aber meist nicht das nötige Kleingeld um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Nur die wenigsten können dauerhaft von Luft und Überzeugung leben. Abgesehen davon, dass arbeitenden Menschen meist dieses Geld auch nicht haben oder wenn sie es haben, die Zeit fehlt, es auszugeben. Arbeitslosigkeit ist demnach nicht Befreiung von der Arbeit, sondern die Kehrseite der Medaille, die gerade im Zuge der politischen Entwicklung ebenso mit dem Zwang zur Verwertung verbunden ist. Stichworte sind hier Maßnahmen wie PSA, Arbeitsleihfirmen, Billiglohn, Ich-AG, sinnlose Fort- und Ausbildungsmaßnahmen.

Es ist nicht möglich, die kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen, ohne das Gehäuse zu zerschlagen, das der Kapitalismus sich zu seinem Wachstum gemäß seinen besonderen Bedürfnissen gebaut hat.“

Erich Mühsam

Damit sich möglichst viele gegen den Zwang zur Lohnarbeit und gegen die Zumutungen, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt, wenden, müssen Alternativen her. Deshalb reicht Protest gegen die Arbeit nicht aus, wir müssen Alternativen zum bestehenden System denken und entgegen aller Widerstände zu realisieren beginnen. Entscheidend ist dabei, dass dies im Alltag geschieht, dort wo man sich gerade befindet. Nicht die arbeitenden Menschen und nicht die Arbeitslosen sind für die Misere verantwortlich zu machen, sondern unsere passive Erduldung dieses Systems.

Es geht um unser Lebensgefühl, unsere Freiheit, unsere Selbstverwirklichung, das Leben leben zu können und nicht einfach nur dahin zu vegetieren. All dies wird von der Zwangsjacke, die sich Arbeit schimpft, und oft als Lohnarbeit aber auch in den Zwängen der Selbständigkeit auftritt, bedroht.

Gezwungen die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um die Miete bezahlen und auch mal wegfahren zu können, bleibt immer weniger Zeit zur Muße und eigener schöpferischer Tätigkeit, geht das Familienleben den Bach runter und mensch fühlt sich wie der Hamster im Laufrad. Die erdrückende Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren, die nächste Woche kein Geld mehr zu haben, zwingt uns in dieses Rad. Doch der Mensch ist kein Hamster! Und selbst Hamster haben besseres verdient.

Auch wenn es schwer fällt, aus der kapitalistischen Routine auszubrechen, neue Wege zu finden, andere Möglichkeiten zu suchen: Gibt es denn eine Wahl? Auf die Rente wartend, hat sich schon mancher tödliche Krankheiten oder irreparable Beeinträchtigungen der eigenen psychischen und physischen Konstitution zugezogen und womöglich gibt es ja bald keine Rente mehr, auf die mensch sich freuen kann.

Jetzt gegen die Arbeit rebellieren, für eine selbstorganisierte Gesellschaft kämpfen, ein besseres Leben suchen und gestalten! Deshalb unterstützt FA! die Demonstration „Gegen die Arbeit – für das Leben!“, die am 6. Mai in Erfurt stattfinden wird. Den Mobilisierungsaufruf und aktuelle Informationen findet ihr auf ameisen.arranca.de

(1) Im Trikont (aktueller Begriff für „3.Welt“, bedeutet drei Kontinente: Afrika, Lateinamerika, Asien) sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen bei weitem schlechter, als in den westlichen Postindustrieländern, tödliche Arbeitsunfälle keine Seltenheit. Dass dies auch in westeuropäischen Ländern möglich ist, zeigt Spanien, mit vier toten ArbeiterInnen täglich.

In den Mai

Leben in der Bude

Wagenplatz-Demonstration. Zwischenkundgebung Höhe Thomaskirche, Samstag, den 15.03.03: „Deshalb fordern wir endlich ein dauerhaftes und akzeptables Platzangebot von der Stadt Leipzig.“

So oder ähnlich lautet die Kernforderung des kleinen Grüppchens, das bis jetzt noch auf dem ungenutzten Gelände der Fockestraße eine provisorische Bleibe hat. Die Stadt ist nur bedingt gesprächsbereit – die Antwort bereits gefunden: Umzug in die Raschwitzer Straße – unter Hoch- und Umspannung, zwischen Schiene und Bundesstraße. Schöne neue Welt. Diese Lösung ist unakzeptabel. Darüber sind sich die bunt gemischten Demonstranten einig. Deshalb ist seit Mittwochabend reger Verkehr auf dem Gelände der Fockestraße 80 zu beobachten. Aus Solidarität treffen Menschen ein. Kochen, singen, spielen, bereiten Workshops, Demo und Party vor. Mancher Wagen, der da durchs Tor rollt, kommt von weit her. Leben auf Rädern. Kein Vermieter, kein alltäglicher Straßenlärm. Mobil und selbständig. Die Wagenplätze sind die sozialen Knotenpunkte dieser Lebensform, das fällt bei diesen Wagentagen auf. Und schon allein deshalb gehören sie geschützt und verteidigt.

Als dann der lange Schwanz rollender Wohnräume langsam auf den Augustusplatz einbiegt, sich zur runden Burg formiert, ein Seil zum Tanzen gespannt wird, die Küche Suppe verteilt, die Pink-Silver-Tanzgruppe einen letzten flotten Schritt wagt, die fürchterlich gepanzerten Demoordner den letzten Demonstranten symbolisch verhaften, die Bühne endlich lärmt, zwei überdimensionale Puppen über den Platz toben, wagen sich auch einzelne Passanten in den inneren Kreis der Wagen… …und staunen nicht schlecht über dieses bunt schrill lebensfrohe Häuflein Menschen, das da für ein Stückchen Lebensglück demonstriert. Und wer wollte ihnen das verwehren?!

clov

P.S.: Die Party war trotz der „außergewöhnlichen“ Musikwahl ein echter Fetz!

Lokales

In Polen und anderswo

In den vergangenen Wochen gingen tausende polnische Bauern auf die Barrikaden. Es kam zu Straßenblockaden, Zusammenstößen mit der Polizei, und Regierungsgebäude wurden gestürmt.

Der Grund: Im Zuge der EU-Osterweiterung und der damit verbundenen Liberalisierung sinkt das Lebensniveau der Bauern drastisch. Ende letzten Jahres, veröffentlichte Eurostat die Prognose, dass bei der Einbeziehung von 15 EU-Staaten, das reale Einkommen der LandarbeiterInnnen um 3 Prozent sinkt. Unter Einbeziehung von Polen und anderen Beitrittskandidaten in die Berechnung, ergab sich eine Verschlechterung des Einkommens um 10 Prozent.

Im Jahr 2002 sank das Einkommen um weitere 23%. Mit anderen Worten: LandarbeiterInnen, die ohnehin arm sind, mussten innerhalb von zwei Jahren eine Einkommensverschlechterung von einem Drittel hinnehmen. Dieser Trend zeigt sich nicht nur in Polen; in Tschechien gab es in diesem Jahr eine ähnliche Entwicklung, während die Einkommen der deutschen Bauern drastisch anstiegen. Polen und BRD sind über den Agrar- und Arbeitskräftemarkt eng miteinander verbunden.

Es ist offensichtlich, dass die EU und die Agrarmultis den Bauern den Kampf angesagt haben. Bis zu 25% der polnischen Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Dies ist mehr als der Markt verträgt. Um die Profite wieder ansteigen zu lassen und die Arbeit zu reduzieren, soll industrielle Landwirtschaft großflächig eingeführt werden.

Kämpfe dagegen gab es bei Smithfield. Die Firma wollte die Massenproduktion von Schweinefleisch einführen, machte aber den Fehler, Interessierte einzuladen, sich die Produktionsweise in den Vereinigten Staaten anzusehen. Entsetzt kehrten diese zurück Smithfield griff zu politischem Druck, drängte die Regierung kleine Schlachthäuser zu schließen. Das Unternehmen stellte Tausende von ArbeiterInnen ein und kündigte diesen, als Warnung für die anderen. Ein Politiker, der für die EU arbeitete, erklärte dem Parlament, die polnischen Schlachthäuser entsprächen nicht den europäischen Standards und mindestens 70 Prozent müssten geschlossen werden.

Die Monopolisierung der Fleischindustrie führte zu einem fünffachen Anstieg von vergifteten Nahrungsmitteln und machte das Abpacken von Fleisch zu der gefährlichsten Beschäftigung in den USA. (Ganz abgesehen von dem Leiden der Tiere.) Ungeachtet dessen, dass die meisten Leute biologische Nahrungsmittel von kleinen Höfen bevorzugen, macht die industrielle Landwirtschaft weiter Fortschritte, unterstützt von der EU, dem Staat und den Supermärkten.

Warum den Supermärkten? Weil die Supermärkte, die im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden schießen, die Kleineren verdrängen. Wenn Supermärkte polnische Produkte kaufen, verlangen sie die billigsten Preise und Zahlung mit mehreren Monaten Verzug. Viel polnische Lieferanten geraten so in Existenzprobleme während sie auf Außenstände von HIT, REAL, GEANT oder CARREFOUR warten.

Welche Möglichkeiten haben die polnischen Bauern? Es gibt nicht viele Jobs; unter der nicht-bäuerlichen Landbevölkerung gibt es eine offizielle (!) Arbeitslosenquote von 23% (32% bei Frauen). Die Rate ist in Wirklichkeit höher, da einige derer, die früher in nähen Städten gearbeitet haben, arbeitslos geworden sind und zu ihren Verwandten aufs Land zurückkehrten, um diese zu unterstützen. Einen Bauernhof zu führen, (sogar einen kleinen Hof mit nur einem Hektar Land) bedeutet, dass man ganz und gar nicht „arbeitslos“ ist.

Die versteckte Arbeitslosigkeit ist unter den Kleinbauern am höchsten. Da sie nicht mit den Großunternehmen konkurrieren können, verkaufen viele ihr Land oder führen moderne Geschäftsmethoden, wie die Beschäftigung von billigen Arbeitern (UkrainerInnen) ein und gehen meist selbst ins Ausland um dort zu arbeiten. Das Lohngefälle an der deutsch-polnischen Grenze ist größer als das an der US-mexikanischen Grenze.

ArbeitsimmigrantInnen

In Almeria (Andalusien) wird die meiste Landarbeit von MarokkanerInnen erledigt, die für einen sehr viel geringeren Lohn als die Ortsansässigen arbeiten. Laut einer Studie werden 92% der Landarbeit in Almeria von Immigranten verrichtet. Diese sind meist Illegale aus Marokko und verantwortlich für das „Wirtschaftswunder“. Die meisten leben unter unhygienischen Umständen, in besetzten hergerichteten Hütten ohne Wasser, Elektrizität und Toiletten. Sie arbeiten bei extremer Hitze und sind ständig Pestiziden ausgesetzt. Sie hatten sich organisiert und mit einigen Streiks für verbesserte Lebensumstände gekämpft. Sie erreichten eine leichte Verbesserung der Lebensumstände und die Legalisierung von 100.000 marokkanischen LandarbeiterInnen. Daraufhin begannen die Arbeitgeber sich verstärkt nach gefügigeren und billigeren Arbeitern umzusehen, zum Beispiel Polen und Rumänen.* Die Landbesitzer reagierten darauf, indem sie Agenten nach Litauen schickten, die „nettere“ ArbeiterInnen finden sollten.

hannah

*Diese stehen im Ruf, schwere Arbeit für wenig Geld zu machen. In Frankreich organisierten Frucht- und Gemüseproduzenten 2001 eine Demo mit dem Motto: „Wir wollen polnische Arbeiter!“ Sie verlangen die Erhöhung der zugelassenen Fremdarbeiter verträge.
Info: Arbeiter-Initiative Warschau;
www.ip.hardcore.lt

Soziale Bewegung

Internationales AnarchistInnen-Treffen in Warschau 27. 06. – 30. 06. 2003

Der Grundgedanke dieses Treffens ist die Verbundenheit unter den AnarchistInnen und Anti-Autoritären in Osteuropa und darüber hinaus zu festigen. Wir wollen Infos und Erfahrungen austauschen, Kontakte knüpfen, bestehende Projekte weiterentwickeln und neue Gebiete der Kooperation und der Widerstandsarbeit auftun.

Zusätzlich zu den Vernetzungstreffen und Diskussionen, wollen wir ein paar Aktivitäten beifügen, die offen sind für allgemeine Beteiligung. Dies wird Ausstellungen, eine Demonstration gegen das Visa-Regime, Video-Vorführungen, ein Referat über die Geschichte der polnischen AnarchistInnen und vieles mehr beinhalten. Alle daran Interessierten sind natürlich aufgerufen, dies mit zu organisieren.

An einem Punkt wird unsere besondere Aufmerksamkeit dem verschärften Grenzregime gelten, mit dem die Menschen im Osten Polens durch die Verschiebung der EU-Außengrenzen nun bald konfrontiert sein werden und möchten etwas mehr Zeit dafür einplanen, neue Strategien im Kampf gegen diese neuen Barrieren zu entwickeln. Der Zeitpunkt für dieses Treffen ist nicht willkürlich gewählt. Zum selben Zeitpunkt treten die neuen verschärften Visa-Gesetze an der EU-Außengrenze Ostpolens in Kraft. Dieses Treffen ist ein Akt des Widerstandes – internationale Solidarität ist der beste Weg die Grenzen zu bekämpfen, die die Staaten zwischen uns ziehen!

Da wir einen dezentralen Organisationsprozess bevorzugen, möchten wir die TeilnehmerInnen ermutigen an den Workshops teilzunehmen, sich mit ihren Themen und Ideen einzubringen bzw. eigene Aktionen zu organisieren. Wichtig für uns ist, rechtzeitig davon zu wissen, um gewisse organisatorische Dinge wie Infos und Platz vorbereiten zu können. Wenn Ihr einen aktiveren Part übernehmen wollt – lasst es uns wissen!

WAS? ICH SOLL IRGEND ETWAS ORGANISIEREN? ICH MÖCHTE WISSEN, WAS FERTIG FÜR MICH IST, WENN ICH KOMME!

Ihr wollt doch nicht nur irgendwelchen langweiligen Leuten aus Warschau zuhören? Um so mehr Ideen Leute aus verschiedenen Gegenden einbringen, um so interessanter wird es. Bis jetzt haben wir noch nicht so viele Leute am Start, aber wir erwarten wie immer, dass nach diesem Aufruf sich einige Leute mit Ideen und Vorschlägen melden. Deshalb kann das folgende vorläufige Programm bis jetzt nur eine grobe Orientierung geben.

TÄGLICH: Ausstellungen zu Themen wie 100 Jahre Anarchismus in Polen, weltweiten No-Border- und anderen Aktionen, Video-Dokus, Vorstellungen der an der Konferenz teilnehmenden Gruppen und Projekte und natürlich Info-und Literaturstände.

Bisher angedachte Treffen & Workshops: Anarchistisch-Feministisches Treffen, Anti-Sexistische Arbeit, Treffen von AnarchosyndikalistInnen und Leuten, die in Arbeiterbewegungen involviert sind, Osteuropa-Vernetzung (organisiert von alteree), Kampagne gegen die EU und ihre Grenzpolitik (Entwicklung einer gemeinsamen Kritik und gemeinsamer Strategien), Computer für Sabotage & Widerstand nutzen (Vorstellung von Projekten, wie hacktivism-Aktionen, NoBorder-Computer-Kampagnen, einer russischen Anti-Job Webseite etc.)

Wenn Ihr Euch an diesem Treffen beteiligen wollt, meldet Euch so zeitig wie möglich an und gebt uns Bescheid, mit wie vielen Leuten Ihr Euch in welcher Form beteiligen wollt. Es ist leider immer noch normal, dass Leute ohne Vorwarnung im letzten Moment auftauchen und dann verärgert sind, weil kein Essen, Schlafplätze und DolmetscherInnen für sie organisiert worden sind.

Die Hauptsprachen auf dem Treffen werden Englisch, Polnisch und Russisch sein. Das heißt nicht, dass keine Infos in anderen Sprachen erhältlich sein werden. Im Allgemeinen ist es gut, Infos in verschiedenen Sprachen zu schicken, die dann von uns weitergeleitet und gepostet werden können.

KONTAKT:
hydrozag@poczta.onet.pl
cube@zigzag.pl gratisworld@mail.ru
www.alter.most.org.pl/iam

Soziale Bewegung

Keine Scherze am 1. April…

Seit April werden die Personal-Service-Agenturen (PSA) bundesweit eingeführt Teils wird das Arbeitsamt selbst diese Funktion übernehmen, teils werden (so im Arbeitsamtsbezirk vertreten) schon bestehende Zeitarbeitsfirmen ihr Arbeitskräftereservoir mit tariflich untertariflich bezahlten Erwerbslosen auffüllen können. In Leipzig übernimmt, Berichten der Financial Times Deutschland (3.4.03) zufolge, die Firma Manpower die Agentur. Für den 1. April war bundesweit zu einem Aktionstag aufgerufen worden.

In Hamburg versammelten sich vor dem Arbeitsamt etwa fünfzig Menschen bei einer Kundgebung. Zeitgleich brachte Radio Freies SendeKombinat eine Sendung zu Hartz und übertrug Berichte vom Geschehen. Eine Passantin erklärte, ihr sei soeben die Leistung gesperrt worden, und dass es schwer sei, Würde und Mut nicht zu verlieren.

Etwa zwei dutzend Frankfurter Mitglieder der FAU übten sich erneut in der Besetzung von Firmenfilialen. Mit dieser besonderen Art der Aufmerksamkeit wurden beide Zeitarbeitsverbände – die TEAM BS Betriebs-Service GmbH (Bundesverband Zeit-Arbeit, BZA) und die DEKRA Arbeit GmbH (InteressenGemeinschaft Zeitarbeit, iGZ) – bedacht. Beide Unternehmen hatten sich beim örtlichen Arbeitsamt um die Zulassung als offizielle PSA beworben. Die AnarchosyndikalistInnen forderten die Firmen auf, ihre Bewerbungen zurückzuziehen, und kündigten Widerstand gegen die misslichen Tarifverträge (FA! #5) an. Diese untergraben die gesetzlich vorgesehene gleiche Entlohnung von Zeitarbeiterinnen und Stammbelegschaft um 20 Prozent! So wendet sich das Hartz-Konzept nicht nur gegen Erwerbslose, sondern auch gegen Erwerbstätige.

In Berlin fanden sich vor dem Arbeitsamt Nord (Stadtbezirk Wedding) circa 250 Menschen ein, um gegen das zweite Gesetzespaket zu protestieren. Nach der Auftaktkundgebung ging es in einer Demonstration weiter zu den Niederlassungen von Randstad und Adecco, und schließlich zum Sozialamt ‚Wedding Die aktuelle „Arbeitsmarktreform“ und das Lohnsystem generell wurden mit einer Sklavenversteigerung in Szene gesetzt.

Von Protesten und Aktionen in Leipzig ist hingegen noch nichts bekannt geworden. Sind die versprochenen ,,blühenden Landschaften“ etwa letzter Rettungsring vor dem Verzweifeln im hier und jetzt?!

A.E.

Hartz-Gesetze

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Der Erste Mai naht und mit ihm der Geruch von Grillwürstchen im Park, der Qualm brennender Autos in Berlin, der mollige Mief einer verstaubten Tradition des vergangenen Jahrhunderts mit seinen staatstragenden Promenaden eines (F)DGB.

Viel Schindluder wurde – und wird noch! – getrieben am ersten Tag des Wonnemonats, ob staatstragender „Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“ einer Altherrenclique, ob korporativer „Tag der Arbeit“ eines Sozialstaats oder „Revolutionärer 1. Mai“ einer sporadischen Jugendbewegung (inklusive Geländespielen mit den Sicherheitsorganen der Republik)… gemein ist diesen so verschiedenen Stilblüten eines ihnen ist der Tag ein Jahresereignis, ein Strohfeuer symbolischer Politik und verheißungsvoller Sonntagsreden. Ein Tag ohne morgen, ein Tag des Vergessens … und das heute, da eine Alltagspraxis notwendig ist wie je!

Was uns heute aufgetischt wird als „Reform des Arbeitsmarktes“ (Hartz), als „Renten“ (Riester) und „Gesundheitsreform“ (Rürup), ist schon harter Tobak: gewerkschaftlich organisierte Lohndrückerei (Tarifverträge für Leiharbeit), Arbeits- und Mobilitätszwang durch Personal-Service-Agenturen, Verschieben des wirtschaftlichen Risikos auf de facto abhängige Ich-AGs, Kürzung der Arbeitslosenhilfe, Ausbildung als Bargeldgeschäft, Altersvorsorge am privaten Kapitalmarkt, und und und! Es ist zwar noch nicht ausgemacht, ob all das 1:1 umgesetzt werden kann, ob dieser Krieg nach innen so geführt werden kann – einige Maßnahmen sind seit April mit einem zweiten Gesetzespaket Wirklichkeit –, zumindest aber ist eine Drohkulisse errichtet. Die psychologische Kriegführung ist spätestens mit der „Faulenzer“-Kampagne in Gang gekommen: Einschüchterung und Angststarre überall. Dass Wort und Tat aller Beteiligten nicht gegen Erwerbslosigkeit, sondern gegen die Arbeiterinnen gerichtet sind, dürfte jedem klar sein, der kein Wachs in den Ohren hat Das Signal ist klar: schluckt die Kröten, kein Mucks, keine Lohnerhöhung, sei froh dass Du Arbeit hast!

Freiheit & Brot!

Eben diesen Ring der Angst zu durchbrechen, die Testballons des sozialen Rollbacks wieder runterzuholen, dazu kann der Tag ein erster Schritt sein. So könnte der Erste Mai – und wir mit ihm, denn niemand außer uns gestaltet ihn – aus dem Schatten seiner selbst treten.

Angefangen hat das, was heute zum staatlich anerkannten Feiertag mutiert ist, im vor vergangenen Jahrhundert Am ersten Mai 1886 streikten in den USA 340.000 Arbeiterinnen in 12.000 Fabriken, um die Einführung des Achtstundentags zu erzwingen. Bereits Mitte des Jahrhunderts hatten sich eight hours leagues gegründet, die die Forderung australischer Arbeiterinnen aufgriffen: „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden was wir wollen!“ 1868 verabschiedete der US-Kongress ein dieser Forderung entsprechendes Gesetz, er zeigte sich allerdings machtlos, diesem Geltung zu verschaffen. Die Begrenzung des Arbeitstags konnte nur nur direkten Aktionen durchgesetzt werden. Die wirtschaftliche Depression in den 70er Jahren richtete die noch jungen Gewerkschaften in den USA zugrunde. Die Angriffe der Bosse – 1871 zehnprozentige Lohnkürzung bei den Eisenbahnern – aber konnten (aus existentiellen Gründen) schlicht nicht hingenommen werden. Gegen den landesweit ausbrechenden Streik setzte die Regierung das Militär ein – damit drohte 2002 übrigens auch Präsident G. W. Bush den HafenarbeiterInnen an der Westküste (FA! #3). Die Ereignisse des Jahres 1886 (siehe Kasten unten) waren den Autoritäten der USA Anlass genug, die Bewegung mit einer ungekannten Welle der Repression und Verfolgung zu überziehen. Drei Jahre später, 1889, wurde auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris der erste Mai 1890 zum „Internationalen Arbeitertag“ erklärt und eine „große internationale Manifestation“ angeregt Die Resolution wurde im Deutschen Reich sowohl von der Polizei als auch von der organisierten Arbeiterschaft „als indirekte Aufforderung zum Streik interpretiert“ (Halfbrodt, S. 11). Diesem Ansinnen stellte sich die SPD-Leitung wiederholt entgegen, so am 13.4.1890 als sie forderte, „auf Arbeitsruhe ganz zu verzichten und die Aufforderung [formulierte], sich auf die Verabschiedung von Petitionen zu konzentrieren.“ Die Erfahrungen von 1868 in den USA nahm die Parteileitung nicht zur Kenntnis. Natürlich konnte das Bemühen um Legalität über alles lächerlich erscheinen: man mobilisierte die ArbeiterInnen weltweit und das nur, um den etablierten Mächten eine Petition zu überreichen und sich dann noch bei ihnen zu bedanken, dass sie einen freundlicherweise empfangen haben. Die Basis war dennoch so verunsichert, dass es nur in München und Hamburg zu einem Generalstreik kam. In anderen Städten – darunter auch Leipzig – beteiligten sich nur etwa zehn Prozent der Arbeiterinnen. Die Besitzenden reagierten mit massiven Aussperrungen, so dass die Streikbewegung selbst als Niederlage eingeschätzt werden musste.

Bedeutender als die Umsetzung aber war die Diskussion um den Ersten Mai in der SPD. Die oppositionellen Strömungen der Jungen und der Lokalisten, die sich der Zentralisation in Partei und Gewerkschaft widersetzten, fanden zwar keine Mehrheit. In den 90er Jahren kam es aber über der Frage des Streiks nicht nur zwischen Anarchisten und Sozialdemokraten, sondern auch innerhalb der Zweiten Internationale zu Verwerfungen. So beschloss die SPD auf dem Parteitag in Halle (Oktober 1890), alle Maiaktionen auf den ersten Sonntag im Mai zu verlegen und so „Konflikte mit Staat, Kapital und der eigenen Basis zu vermeiden“ (ebd., S. 20), und stellte sich gegen die Sektionen aus Funkreich und Österreich Letztlich wurde der Streik am 1. Mai auch von der SPD-Führung anerkannt, aber nie durchgeführt. Man berief sich auf die ungünstige konjunkturelle Lage, die grundsätzlich immer ungünstig erschien, auch wenn (wie 1890) das genaue Gegenteil der Fall war. Ganz so, als müssten die Kapitalisten ihr O.K. zum Streik geben – es drängen sich da heute gewisse Parallelen auf. An der Basis aber wurde immer wieder gestreikt, unter tatkräftiger Mitwirkung und wohlwollendem Beifall des anarchistischen Lagers der ArbeiterInnenbewegung.

Nach der Niederschlagung der Novemberrevolution 1919 und der Errichtung eines demokratischen Staates unter maßgeblicher Beteiligung der Sozialdemokratie wurde der 1. Mai kurzzeitig – und seit 1933 endgültig – zum allgemeinen Feiertag erklärt Was den Anschein einer Errungenschaft haben mag, zielte vor allem auf die Befriedung und Kontrolle sozialer Konflikte. In der nachträglichen Legalisierung einer bereits gängigen Praxis nahm der Staat die Achtstundenbewegung unter seine Fittiche, hegte sie ein und konnte denn auch gegen die Teile der Bewegung vorgehen, die sich damit nicht zufrieden gaben. Ähnlich der „Erhebung“ der revolutionären Marseillaise in den Stand der Nationalhymne Frankreichs, versteinert und tötet auch der Status als legaler Feiertag den Charakter des Ersten Mai als Aktionstag von unten – die Legalität integriert ihn in die herrschende Ordnung, macht ihn zum säkularen Sonntag, wiegt uns in der trügerischen Sicherheit des modernen Sozialstaats und behauptet einmal mehr den umfassenden Anspruch des Staates auf unser aller Leben. In diesem Sinne wäre über eine weitere Kampagne nachzudenken.

Nicht betteln, nicht bitten …

Wenn der „rheinische“ Sozialstaat heute angesichts des mangelhaften Wirtschaftswachstums rückgebaut wird, ist´s höchste Zeit, in die Gänge zu kommen, nicht nur auf´m Papier und am Sonntag, sondern vor allem auf der Straße und auf Arbeit! Wie schon Marconi Almeida, Organisator des „Brazilian Immigrant Centers Workers Rights Project“ im Mai 2002 auf einem Symposion der Industrial Workers of the World hinwies, müssen die Arbeiterinnen sich organisieren und darauf vorbereitet sein, sich mit Streiks, sowohl zur Bewahrung der aktuellen Rechte, als auch zur Rückgewinnung eines größeren Teils unseres Lebens für unsere eigenen Zwecke, einzusetzen. Sich dabei an der Vergangenheit gesellschaftlicher Friedhofsruhe zu orientieren, ist nicht nur aussichtslos, sondern kaum wünschenswert. Wer wollte sich schon in den eigenen Ambitionen beschneiden? Wir haben – auf der Straße – eine neue, andere Welt zu gewinnen! Oder wie es Emile Pouget, freilich im Rahmen der damaligen Zielsetzung, 1901 formulierte: „Gewiss, der Achtstundentag ist kein Ideal. Er ist eine Etappe. Überschreiten wir sie!“

A.E.

Materialien:
Halfbrodt, „Generalstreik, Achtstundentag und erster Mai“, Edition Blackbox, Bielefeld 1997. Zu beziehen über FAU-MAT, Fettstr. 23, 20357 Hamburg.
Hausmann, „Die deutschen Anarchisten von Chicago – oder: Warum Amerika den 1. Mai nicht kennt“, Wagenbach-Verlag, Berlin 2000.

Kasten: Der erste Erste Mai

In den 1880ern wurde die Achtstundenkampagne wieder aufgenommen und vereinte teils gar rivalisierende Organisationen – mit einem Generalstreik am 1. Mai 1886 sollte der Forderung Nachdruck verliehen werden. In Chicago versammelten sich etwa 80.000 Menschen, darunter auch die ArbeiterInnen der Mähmaschinenfabrik McCormick – sie streikten schon seit Februar gegen eine zehnprozentige Lohnkürzung. Die Mobilisierung hielt über den Tag hinaus an. Am dritten des Monats kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei, die McCormicks Streikbrecher schützte, und der ausgesperrten, streikenden Stammbelegschaft – zwei Tote blieben zurück. Daraufhin wurde für den folgenden Tag auf dem Haymarket eine Protestkundgebung anberaumt. Kurz vor Beendigung der Versammlung, es waren nur noch 300 Leute anwesend, marschierte die Polizei mit zwei Hundertschaften auf … das erste Bombenattentat in der Geschichte der USA tötete sieben und verletzte weitere 70 Polizisten, die übrigen feuerten wahllos in die Menge und erschossen vier Demonstranten. Wer den Sprengsatz geworfen hat, ist bis heute ungeklärt. Dennoch wurden in den folgenden Stunden hunderte Menschen verhaftet und verhört, acht Protagonisten der anarchistisch-sozialistischen ArbeiterInnenbewegung wurde der Prozess gemacht: vier wurden – trotz weltweiter Proteste – hingerichtet, einer brachte sich selbst um´s Leben, drei wurden nach der Revision des Urteils (1893) freigelassen.

In den Mai