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Die Großstadtindianer (Folge 5)

Streifzüge – Kalles Version

So trug es sich zu, dass das kleine, rotseitige Buch unserer Geschichte in meine Hände gelangte. Finn hatte mir leicht entsetzt in die Augen gestarrt, als ich seinen ersten Versuch, eine Episode unserer Geschichte aufs Papier zu bannen, für gescheitert erklären musste. Zu lang, keine Zusammenhänge, keine Spannung. Fad und öde wie zu lasch gepökelter Hering. Finns Gerede von Selbstkritik und Cliché, von Mystifizierung und Verklärung sollte doch nur das eigene Misslingen kaschieren. Unser Menschenhäuflein war kein netter Jugendverein, kein Timur-Trupp, sondern eine moderne Lebensgemeinschaft, flexibel und mobil, sozial und gut organisiert Wir waren vorbereitet auf all die Gefahren, die draußen lauerten. Ob gegen Baggereien und Rumgepöbel – diese ganz soziale Ausgrenzung und Xenophobie überall; gegen leere Taschen und den Frust der Erwerbsarbeit – diese ständige Existenzangst; gegen das Hickhack der Beste zu sein und den alltäglichen Neid des einen auf den anderen; gegen die Ordnungshüter, die einem auf Schritt und Tritt auf den Füßen standen, so dass man sich kaum noch bewegen konnte; oder gegen diese ganzen Gedanken vom Boulevard, die nur Angst und Pessimismus verbreiteten; gegen all das waren wir gerüstet. Inmitten der Dunkelheit hatten wir ein wenig Licht – gegen das Elend anzukämpfen, des Ohnmächtigen Schrei zum Laut verhelfen – Partisanen eines fernen Glücks. So entschloss ich, Kalle Bökelfink, ein Beispiel fabelhafter Tat zu geben.

Die Stadt wurde schon längere schon längere Zeit von einigen Halunken heimgesucht, als es sich begab, dass zwei von ihnen über jedes erträgliche Maß hinausschossen. In der flußnahen Pinte „St. Klaus“ kam es zur Schlägerei. Nach einigen rotzigen Pöbeleien fielen die beiden muskelgewaltigen Radaubrüder über den unbeteiligt dabeistehenden Addi her und verletzten ihn schwer. Keiner der anwesende Landratten half, und als der Wirt endlich Alarm gab, waren die Halsabschneider längst getürmt. Ein unglaublicher Vorfall. Addi lag im Krankenhaus, sein Boss war sauer über die Fehltage und die Täter? Unbekannt. Der große Rat der Gemeinschaft wurde einberufen. Wenn jemand unserem marokkanischen Freund helfen konnte, dann wir! Bei den Beratungen wurde jedoch viel zu lange diskutiert, so dass schließlich verschiedene Fraktionen darüber stritten, ob man als erstes die Leute an Addis Arbeitsplatz mobilisieren oder doch lieber die in seinem Umfeld oder gleich direkt gegen die Raufbolde vorgehen sollte. Während bei dem Gedanken an eine unmittelbare Konfrontation einige sich ängstigen, gab es doch auch genug Mutige unter uns, die bereit und willens waren, der Bedrohung die Stirn zu bieten. Am nächsten Morgen zog ein kleines Grüppchen los, die Burschen aufzuspüren. Mir, Kalle Bökelfink, zur Seite stand „Little“ alias Boris.

Es dauerte drei Tage, dann hatten wir ihr Versteck ausgespäht. Eine Mietskaserne, leicht abseitig, hinter der Siedlung am Stadtrand. Sie waren zu fünft. Vier Männer und eine Frau. Aber keine Anzeichen politischer Aktivität. Auch keine typischen Symbole. In die Wohnung zu gehen, war zu gefährlich. Außerdem wollten wir nur den beiden Schlägertypen einen Denkzettel verpassen. Sie gingen jetzt regelmäßig in einen Klub, drei Straßen weiter. Ein sauberer Laden mit stinknormalen Leuten. Als wir die beiden das erste Mal sahen, rümpfte „Little“ kräftig die Nase und nur meine kräftigen Arme konnten ihn zurückhalten. „Wir legen einen Hinterhalt, nachts“, zischte ich, und Boris´ Gesicht hellte sich auf. Die anderen nickten und wir zogen uns zurück, um Kriegsrat zu halten. Die Falle sollte folgendermaßen zuschnappen. „Little“ würde den Klub betreten, sich ein Bier besorgen und zu den Zielobjekten begeben, sie provozieren und dann rechtzeitig türmen, um die beiden in unsere Arme zu treiben. Dann gäb´s eine Abreibung nach Seemannsart und eh´ die beiden noch merkten, was ihnen widerfährt, wären wir wieder verschwunden. Ein guter Plan, den wir da am abendlichen Feuer ausgeheckt hatten. Alle waren zufrieden. Wir stärkten uns an dem reichlichen Mahl und genossen den guten Marke „Eigenanbau“. Eine klare Nacht zog herauf. Am Himmelszelt erschien Orion, der Jäger. Mir wurde die letzte Wache vor dem Aufbruch aufgetragen. Als ich den Turm hinaufstieg, blies der Wind mir eine frische Brise ins Gesicht. Ich starrte in die dunkle Nacht, in Gedanken an den aufziehenden Kampf. Die Gefahr war nah, doch ängstigte sie nicht. Den Mond hielt ich mit festem Blick umschlungen. Er mir vor wie ein mahnender Leuchtturm für den Seefahrer, vor der Küste warnend und doch Leben und Menschen verheißend. Ich, Kalle Bökelfink, schloss die Augen…

Wenn „Little“ dann nicht gestolpert wäre, hätte auch alles nach Plan geklappt. Als er jedoch aus der Vordertür stürzte, fädelten sich seine Füße an einer abstehenden Bodenplatte ein, und Boris flog der Länge nach hin. Jeden von uns, die wir in der dunklen Ecke lauerten, durchfuhr ein jäher Schreck Schon blitzten die Gesichter der beiden Typen im Türrahmen auf. Es blieb keine Zeit. Ich stürzte vor, auf Boris zu, um ihn zu verteidigen. Die anderen hinterher. Nach einem kurzen Handgemenge, bei dem auch die beiden Übeltäter einiges einstecken mussten, ergriffen sie heillos die Flucht. Doch auch wir mussten schnellstens verschwinden, zwei Häuserblocks weiter näherten sich schon die Sirenen. Ich half dem stöhnenden Boris hoch und versuchte ihn zu stützen. Der war längst nicht mehr so gut auf den Plan zu sprechen. „Mann, Kalle, Mann… Mann, Mann, Mann…“, wiederholte er immer wieder, während wir in Richtung Heimat humpelten. „Aber hast du die rennen sehen?“, ich blinzelte zu „Little“ hinüber, der glättete das schmerzverzerrte Gesicht und grinste breit: „Ja!“ Eine plötzlich entstehende, tiefer werdende Schmerzfalte auf der Stirn ließ ihn nicht weitersprechen. Auch ich versuchte zu lachen, dabei stieß meine Zunge gegen einen meiner vorderen Zähne. Die leichte Berührung hatte gereicht, ihn aus seinem Zahnfleischbett zu hebeln. Ich spukte ihn aus. Boris sah mich verwundert an und schüttelte den Kopf. Ich, Kalle Bökelfink, legte meine Zungenspitze zwischen die neue Zahnlücke und blies die Luft melodisch hindurch. Es war das Lied einer missglückten Schlacht, die Sage von einem halben Sieg und die Geschichte ihrer Helden. Wir hatten sie in die Flucht geschlagen und bei meiner Seeräuberehre, sobald würden die sich nicht mehr blicken lassen.

(Fortsetzung folgt)

clov

…eine Geschichte

Die Großstadtindianer (Folge 4)

Eine Heimat, ein Springer und ein paar Gläser IV

‚Ich war beim letzten Male noch nicht ganz zu Ende gekommen.‘ Während ich am Bleistift kaute, das rotseitige Büchlein vor mir, schoss der Gedanke durch meinen Kopf. ‚Aber die erste Episode war immerhin fast fertig, ein wenig zu idyllisch und ein Schuss zuviel Realismus, trotzdem, für den ersten Versuch…‘ Ich schrieb den Gedanken auf und erinnerte mich noch einmal an den letzten Tag, als Kalle und ich mit Boris, Schlumpf und Schmatz losgezogen waren, um Buggemüller wegen seiner Wagenladung Gläser in der Kneipe „Zum Fass“ zu treffen. Der Wirt hatte mir das Brett in die Hand gedrückt, nachdem Kalle und Buggemüller sich lauernd gegenüber setzten. Boris, Schlumpf und Schmatz warteten am Wagen. Kalle gewann weiß, und ich zweifelte keine Sekunde an seinen Künsten. Buggemüller war ein einfältig geradeaus-denkender Linienspieler, gegen Kalles ausgefeilte Springertaktiken hatte er kaum eine Chance: Er musste ihn mittlerweile ein Dutzend mal geschlagen haben, und Buggemüller konnte einfach nicht begreifen, wie es einem „jungen Kerl ohne Erfahrung“, wie er sagte, gelang, ihm eine derartige Schmach zuzufügen. Doch von vorn.

Um an die Einweckgläser der Fabrik im Osten der Stadt heranzukommen, die Buggemüller in unregelmäßigen Abständen zur Deponie fuhr, mussten wir damals seine Schwachstellen herausfinden. Die Suche währte nur kurz. Sein ehrgeiziger Charakter verband sich mit seinem wöchentlichen Hobby zu einer der menschlichsten Schwächen auf unserer Scholle: er konnte einfach nicht verlieren. Schon gar nicht im Schachspielen! Es war ein leichtes gewesen, ihn zur Wette um seine Wagenladung zu reizen. Damals waren wir einfach zum sonntäglichen Treffen gegangen, und Kalle hatte Buggemüller herausgefordert. Der nahm selbstsicher an. Und der ganze Schachstammtisch sah zu. Kalle gewann zweimal. Matt und Matt. Buggemüller kochte vor Wut und sein feistes Gesicht lief rot an. Er presste zwischen den verbissenen Lippen nur ein Wort heraus. „Revanche!!!“ Das war der Moment, an welchem er sicher um fast alles gewettet hätte. Als Kalle ihm erklärte, dass wir nur die Gläser haben wollten, die er in jenem Monat von der Fabrik holte, stutzte er kurz und grinste dann verächtlich: „Top, die Wette gilt!“ Buggemüller müller hatte wohl erkannt, dass ihn das wenig kostete, im Gegenteil bezahlten Feierabend versprach. Kalle machte jedoch der aufkeimenden Euphorie Buggemüller ein jähes Matt und wir gewannen unsere erste Ladung Gläser. Dabei hatten wir Buggemüllers Ehrgeiz richtig eingeschätzt. Er konnte es einfach nicht ertragen, nicht gegen Kalle gewinnen zu können. Der Köder hatte gestochen. Und so verabredeten wir mit ihm, ein weißes Tuch an seine Lkw-Antenne zu binden, wenn er, wieder einmal Gläser geladen hatte, zur Kneipe zu fahren und dort auf uns zu warten. Es war schon zu einem Ritual geworden, und Buggemüller nutzte die gewonnene Zeit nach den verlorenen Spielen, um seinen Lohn und seine Ehrsucht im Alkohol zu ertränken.

Ich hörte Kalles Stimme: „Springer auf F5, Herr Buggemüller, haben Sie das nicht gesehen?“ und blickte zu ihm. Er war mittlerweile in eine tiefgrübelnde Haltung verfallen und brütete über seiner aussichtslosen Stellung. „Du Bastard“, zischte es zwischen seinen Zähnen hervor, „ich geb auf!“ Er warf mit einem für seine Handmaße fast zärtlichen Schubs seinen König um und wischte dabei ein Pferd vom Brett: Beim Bücken sagte Kalle zu ihm: „Vielleicht beim nächsten Mal, Herr Buggemüller!?“ Der Fleischberg schwieg einen Moment, fixierte den sich aufrichtenden Kalle und sagte dann gebrochen kurz: „Ja!“ Ich trat zum Tisch. „Wir laden jetzt die Gläser ab. Schönen Feierabend Herr Buggemüller. Wir sehen uns beim nächsten Mal.“ Er antwortete monton kurz: „Ja!“, und als Kalle ihm die Hand entgegenstreckte, war sein Blick in die Ferne entrückt. Erst als wir schon fast draußen waren, hörten wir das bekannt selbstbewußte Brummen und Tönen seiner Stimme, die wieder Sicherheit atmete. „Beim nächsten Mal schlag ich den Burschen. Bestimmt!“ Kalle schmunzelte mir zu, ich zwinkerte zurück.

Kaum waren wir durch die Tür getreten, vermischte sich das Brummen mit dem Gezeter einer reifen Frau, welches in Salven über die Straße hackte. Wir sahen uns an. Das war doch Charlotte Götz, oder Oma Lotte, wir wir sie liebevoll nannten. Sie besuchte uns an und wann und tauschte Einweck gegen den besten Kuchen der Stadt. Beim Handwagen hatte sich eine kleine Ansammlung gebildet. Ich hörte Schlumpf schrille Töne aus seiner Flöte blasen. Schmatz jagte seinen zottligen Schwanz, Boris stand ein wenig abseits, und Oma Lotte redete wie wild auf Oberwachtmeister Otto (Spitzname „00“) ein. Der hatte sich vor Schlumpf aufgebaut, um ihn wohl des Betteln zu bezichtigen. Doch Oma Lotte musste bereits eine ganze Weile zetern, denn der Wachtmeister war schon auf dem Rückzug. Als wir hinübergingen, hörten wir noch die letzten Worte, die sie dem flüchtenden Otto hinterherwarf „Kleine Kinder, Arme und dann am besten noch alte Omas, wart´, das werd´ ich Deiner Mutter erzählen! Kunstbanause!!!“ Wir bedankten uns für ihre Hilfe, und während des Umladens der Gläser gaben Schlumpf und Schmatz noch ein Konzert extra für Oma Lotte. Schlumpf spielte wie toll auf seiner kleinen Flöte und Schmatz jaulte und tanzte. Die Heiterkeit steckte nicht nur Charlotte Götz, sondern auch uns an, und so waren die Gläser flugs auf dem Handwagen und in den Kiepen verstaut. Samt Gummis und Deckel eine fette Beute! Wir verabschiedeten uns von Oma Lotte und traten den Heimweg an, den Berg hinauf in Richtung unserer Heimat. Am Tor empfing uns, vom Aussichtsturm winkend, Moni. „Wir sind alle zum Essen eingeladen, bei Fabian und Ilba. Aber vorher spült ihr noch die Gläser aus, bitte Jungs! Die stinken so …“, sie kniff sich in die Nase, „Pfui, pfui!“ Das Ende eine kleinen Episode. Ein Anfang. (Fortsetzung folgt.)

clov

…eine Geschichte

Die Großstadtindianer (Folge 3)

Eine Heimat, ein Springer und ein paar Gläser III

„Land voraus!“ rief Kalle zur allgemeinen Erheiterung unserer kleinen Expeditionsgruppe aus, und machte dabei die Handbewegung eines Spähers. Und tatsächlich, hinter der Straßenbiegung tauchten die großen Fenster der Kneipe auf. „Zum Fass“ stand in fetten Lettern an der Hauswand. Daneben parkte ruhig und verlassen das Zielobjekt unserer Begehrlichkeiten, der kleine Transporter von Buggemüller. Das weiße Tuch, unser Signal, hing noch träge an der Radioantenne. Schlumpf, der sich schon eine Weile von mir ziehen ließ, sprang vom Wagen, eilte ein paar Schritte voraus und baute sich, klein wie er war, vor uns auf. „Irgendwann irgendwann zahl ich euch das heim!“, er wankte brummend wie der Buggemüller, „Revanche?!!!“, und imitierte seinen jaulenden Ton. Wir prusteten laut los. Kalle rief frohlockend: „Ja natürlich, Buggi!“ Boris trat zu Schlumpf und stülpte ihm kurzerhand seine Kiepe über den grasgrünen Kopf. Als der Druck seiner kräftigen Arme nachließ, begann die Kiepe prompt zu laufen. Schmatz, der kaum einen Meter von der Seite Schlumpfs wich, verstand die Welt nicht mehr und tobte mit wildem Gebell um den tippelnden Holzkorb. Es hätte nur noch gefehlt, dass Schlumpf über seinen zotteligen Gefährten gestolpert wäre und die groteske Szene hätte ein jähes Ende gefunden. Ein einmaliges Paar, dachte ich bei mir, und dabei hatte ihre Freundschaft unter ganz anderen Vorzeichen begonnen.

Moni war es gewesen, die Schlumpf eines Morgens zwischen dem Heu entdeckte und ihn zum Frühstück einlud. Aber der Rotzlöffel türmte. Am nächsten Morgen saß er auf den Stufen des Bauwagens, baumelte mit seinen dünnen Beinchen und schwieg vor sich hin. Da der kleine Junge scheinbar nicht reden wollte, ließen wir ihn in Ruhe und stellten ihm nur einen Teller Essen zur Seite. Moni und ich machten uns ganz schöne Sorgen, Kalle winkte aber nur ab: „Wer ein großer Freibeuter werden will …“ Er kam wieder, sehr zum Missfallen von Schmatz, der damals in der Blüte seines Hundelebens stand und es ganz und gar nicht ertragen konnte, dass da noch jemand gefüttert wurde. Er nutzte jeden unbeobachteten Augenblick, um Schlumpf, so nannten wir den Kleinen kurzerhand, böse knurrend anzufeinden. Als Schmatz sogar eine Gelegenheit missbrauchte, um Schlumpf vom Gelände zu jagen, entschlossen wir uns schweren Herzens, ihn an die Kette zu legen. Vorläufig. Schmatz litt beträchtlich unter dieser Freiheitsberaubung, das war ihm anzusehen. Wenige Tage später jedoch, kam Boris an den Frühstückstisch und sagte: „Schmatz ist weg!“ Alle sahen sich fragend an, doch niemand hatte ihn von der Kette gelassen. Auch Schlumpf tauchte in den nächsten Tagen nicht auf. Vor allem Kalle nahm sich das Ganze sehr zu Herzen und baumelte den ganzen Tag Trübsal blasend in seiner Hängematte. Nach drei Nächten kamen sie dann. Zusammen. Einer an der Seite des anderen, und beide waren von oben bis unten derart mit Dreck überzogen, dass sogar ich die Hände über dem Kopf zusammen schlug. Schlumpf trat zu uns und fragte zum Erstaunen aller: „Darf ich bei euch wohnen?“ Ich überlegte noch, da spürte ich schon einen unsanften Knuff von Moni, die direkt hinter mir stand. Just fiel mir ein, dass ja Opa Hinrichs Dachwohnung im Wohnhaus nach seinem Tod ungenutzt geblieben war. Sicherlich wären einige Handgriffe nötig, aber das würde schon gehen. Und im Haus hatte sicher auch niemand etwas dagegen. „Ok. Aber jetzt geht erst mal unter die Dusche. Beide!“ Ich wusste auch schon, wer diesen Job mit dem Gartenschlauch liebend gern übernehmen würde. Kalle verstand es als Seetaufe und kam nach einer geschlagenen Stunde sichtlich zufrieden zu mir: „Den Meuterern hab´ ich´s gegeben.“ Er konnte schon wieder lachen.

Während ich mich noch so erinnerte, erreichte unser Trupp gut gelaunt die Kneipe. Ich wandte mich zu Kalle: „Jetzt kommt´s auf dich an.“ „Aye, aye!“, er ging entschlossen in Richtung Tür. Ich folgte ihm. Boris, Schlumpf und Schmatz blieben draußen, bereit den Wagen von Buggemüller zu entladen. Im Schankraum empfing uns eine dichtklebrige Dunstwolke aus Rauch, Alkohol und viel, viel Schweiß. Buggemüller saß an einem der hinteren Tische, seine Wangen glühten bereits vom Alkohol und vor Ehrgeiz. Als er Kalle erblickte, wuchtete er seinen feisten Körper in die Höhe und machte einen grimmigen Schritt auf ihn zu. „Diesmal“, er jaulte vor Erregung, „diesmal bist du dran!“ Kalle trat an seinen Tisch, setzte sich und streckte ihm seine Hand entgegen: „Um die Ladung draußen auf ihrem Wagen?!“ Buggemüller lachte etwas abschätzig, zerrte an seinem Gürtel, schlug dann aber mit seiner schwulstigen Pranke ein. „Die Wette gilt!“ Ich nickte bestätigend und ging zur Theke. Das Spiel konnte beginnen.

(Fortsetzung folgt…)

clov

…eine Geschichte

Die Großstadtindianer (Folge 7)

Hitzefrei!

Nach dem ganzen Hin und Her wegen Kalles Geschichte, der Nacht auf dem Dach und dem Umstand, dass Schlumpf, Moni und Boris sich von nun an an dem Projekt beteiligen, die ein oder andere Geschichte in das kleine schwarze Büchlein mit den rotschimmernden Seiten schreiben wollten, war es irgendwie wieder bei mir gelandet. Und ich beschloss, in aller Kürze noch eine kleine Anekdote zu skizzieren, bevor ich das Buch weitergab.

„Pfui, pfui! s ist viel zu heiß.“ Moni lugte über ihrer Sonnenbrille zu mir herüber. „Findest du nicht auch, Finn?“ „Mhm…“, ich sah von meinem Buch auf und suchte mir eine bequemere Liegeposition in Kalles Hängematte: „Selbst im Schatten treibt einem jede Bewegung den Schweiß auf die Stirn. Unerträglich.“ Sie überlegt: „Sollen wir Baden gehen? Hast du Lust?“ Keine schlechte Idee, dachte ich, bei der Gluthitze war eh nichts mit Konzentrieren, und die dicke Luft trieb nur bunte Blasen ins Gehirn, „Warum nicht, ich …“

Kalle kam um die Ecke und unterbrach mich. „Auf dem Feld sieht´s echt nicht gut aus. Ist kein Seemannsgarn, was die Bauern sagen. Die Dürre setzt den Pflanzen ziemlich zu. Das gibt eine magere Ernte, sag ich euch. Verflixt und zugenäht. Da müssen wir uns für den Winter noch was überlegen.“ ,Nicht heute, Kalle“, ich mochte nicht dran denken und drehte mich ein wenig von ihm Weg. „Hallo Herr Faulpelz!“ Kalle rüttelte kräftig an der Hängematte, „Wollten wir nicht“, er betonte das Wort extra, „HEUTE das Eingeweckte zu Oma Lotte brin­gen? Sie wird sicher warten. Auf, auf Ma­trose, eine Maid in Seenot heldenhaft zu retten.“

In seinem Überschwang bewegte er die Hängematte so heftig, dass ich auf Boden und Nase landete. „Au, KALLE“, ich rappelte mich auf, während Moni ihr Schmunzeln zu verbergen suchte. „Ver­dammt noch Mal. Es ist viel zu heiß, um zu arbeiten. Und für Deine Neckerein ist es das auch“, ich las etwas missmutig das Buch vom Boden auf. „So unrecht hat Finn nicht, Kalle. Mit den Holzkiepen bis zu Oma Lotte, bei der Brüterei!“ Moni sah zu mir herüber, und ich sank wie zur Bestätigung auf die Hängematte zurück.

„Mhm…“ Kalle überlegte. „…ach Potzblitz, wozu gibt’s die Telekommunikation. Ich meld´ uns für morgen an.“ Er sah mich erwartungsvoll an. Ich nickte schwächlich, um ihn bei seiner Entscheidung zu unterstützen. „Aye, aye.“ Kalle verschwand. „Puh, das hätte beinahe ein böses Ende genommen. Danach wäre ich sicher nur noch eine Pfütze mit Mineralien und Spurenelementen gewesen.“ Ich dehnte meine Glieder. „Daß das den Kalle nicht juckt, mit der Hitze, meine ich.“

„Tja, was so ein richtiger autonomer Freibeuter ist, der ist die schattenlosen Planken seines Schiffs ge­wohnt.” Moni versuchte dabei das Gesicht so zu verziehen, wie Kalle es bei einem solchen seiner Lehrsätze über Piraten tat. Ich grinste: „An dir ist auch eine richtige Seemannsbraut verloren gegangen.“

Sie sah mir kurz in die Augen, schob sich dann die dunklen Gläser wieder weit über ihre Augen, lehnte sich zurück und sagte trocke­ner als die Luft: „Ich bin niemandes Braut. Damit du das weißt. Ich …“

Diesmal un­terbrach Kalle Moni, als er wieder um die Ecke bog: „Habt ihr Lust, schwimmen zu gehen? Ich sehne mich nach weiten Was­sers Wogen. Und da wir ja für heute ar­beitslos sind, können wir doch auch glatt Spaß haben. Also wie sieht’s bei euch aus?“ Aber Kalle kam nicht mehr dazu, uns genauer auszufragen. Vom Eingang her ertönte kurz Gebell und ein schriller Pfiff.

Unverkennbar. Schmatz und Schlupf. Letzterer ruderte breitärmig durch die Luft und begann schon von Weitem im Laufen zu reden: „Ich komme gerade vom Bade­see …“, er holte Luft, als wollte er uns von jedem Einwand abhalten. „Da wollen wir hin.“ Kalle nickte Moni und mir zu. Schlumpf war kurz irritiert, fand aber dann gleich seinen Faden wieder. „Das ist gut. Sehr gut. Wir müssen uns da echt um was kümmern. Da gibt´s so `ne Brigade, die bau­en doch seit zwei Wochen den neuen Ki­osk. Direkt am Wasser. Im Rahmen des Beschäftigungsprogramms der Stadt. Wo sie Azubis, Frauen,Migranten, Drückis usw. an die Volksfront zwingen. Ich sag euch: Ich komme heute dahin. Die Sonne steht im Zenit, mensch kann sich kaum bewegen, und da steht doch so´n Affe von Vorarbeiter am Kiosk und triezt die Leute. So richtig mit ’schneller‘, ‚das muss heut noch fertig werden‘, ‚hier gibt’s keine Pausen‘ und so. Unglaublich! Und der macht dabei nicht einen Handschlag.“

Schlumpf hatte sich bei den Gedanken sichtlich erregt. „Die brauchen unbedingt eine Abkühlung, und der Großkotz eine Abreibung, das sag ich euch. Mir ist da auch schon was eingefallen.“ Alle nickten zu­stimmend und Schlumpf weihte uns in seinen Plan ein. Den in Taten einzuspan­nen wir uns wenig später Richtung Badesee in Bewegung setzten. Die Sonne brann­te. Immer noch.

Die Holzbaracke, in die der Kiosk einzie­hen sollte, war schon fast fertig und lag ca. 30m vom Badesee auf abschüssiger Anhö­he. Daneben türmten sich allerlei Bau­geräte und Materialien, unter anderem auch ein riesiger Stapel aufgeschichtetes Palisadenholz. Wir trennten uns. Boris und Kalle gingen zum Wasser. Schwimmen. Ich und Moni machten einen kleinen Spazier­gang zum Holzstapel, und Schlumpf und Schmatz tummelten sich am Strand. Es sollte alles ganz normal aussehen und dann möglichst schnell über die Bühne gehen. Die Sonne glitt gleißend über das ruhige Wassern uns lief stöhnend eine Frau in voller Berufsbekleidung vorbei und schleppte ein Palisadenholz in die Baracke hinein. Moni schüttelte den Kopf und ihre Augen kühlten merklich ab. Aus dem In­neren des Hauses hörten wir eine tiefe Stimme brüllen: „Die Großen, Mann, nicht die Kleinen. So kriegste nie `nen rich­tigen Job… Außer du kommst mich mal besuchen.“ Als sein widerwärtiges Lachen Moni erreichte, musste ich sie zurückhal­ten. „Gleich bekommt er sein Fett, Moni. Mach’s nicht kaputt.“ Der Funke Zorn, der ihren Körper spannte, ließ mich ein wenig schaudern. Ich zog sie schnell hinter den Palisadenhaufen. Die Halterungen hatten wir flugs gelöst und als sich unser gegen seitiges Zwinkern in der Mitte traf, eins zwei drei, war der ganze Haufen mit riesigem Getöse Richtung Wasser unterwegs.

Die ganze Brigade lief vom Lärm geschreckt vor der Baustelle zusammen. Während wir uns hinter einen Sandhaufen verdrückten, waren Boris und Kalle schon dabei, das im Wasser ankommende Holz weiter hinaus, in die Mitte des Sees zu schieben. Das hysterische Schreien des Vorarbeiters hackte in lan­gen Salven über den Strand. „Verdammt! Ihr Nichtsnutze. Muss man denn hier al­les selber machen. Holt das Holz zurück! Sofort! Los! Zack! Zack!! Das gibt’s doch nicht!!! Hey, und ihr da! Hände weg vom Holz! Los, Los! Oder soll ich euch Beine machen!“ Die versammelte Brigade setzte sich in Richtung Wasser in Bewegung, streifte die Arbeitskleidung ab und tauch­te in das kühlende Nass, um die mittler­weile über den halben Badesee verteilten Palisaden wieder einzufangen. Der Vorar­beiter blieb wild wetternd und gestikulie­rend an der Baracke zurück. Jetzt kam Schlumpfs Auftritt. Schmatz stürmte auf den lästig Geifernden zu, bellte und fletschte die Zähne. Der sah Schlumpf und schrie ihn an: „Nimm das Mistvieh weg, du oller Punker.“

Der antwortete prompt: „Vergiss es, Schinder.“ Schlumpf war zwar zwei Köpfe kleiner, ließ sich aber nicht ins Bockshorn jagen. Der Vorarbeiter griff zu einer Latte. Schmatz entfernte sich ein wenig, und Schlumpf stürmte Lattenschwingenden vorbei ins Innere der Baracke. „Na warte,“ er folgte ihm. Jetzt war der richtige Zeitpunkt. Ich trat schnell in Richtung Tür, kraulte Schmatz kurz und dann kam Schlumpf auch schon aus dem Haus gehechtet. Wir verrammelten schnell die Tür, und als der Gelackmeierte von Innen dagegen stieß, wurde ihm klar, dass er in der Falle saß. Wild trommelten seine Fäuste gegen das feste Holz und sei­ne Flüche verhallten im Haus. Schlumpf und ich klatschten ab. Der kleine Egon grinste breit vor Freude und wandte sich dann mit tiefgefärbter Stimme an den Eingeschlossenen. „Lass dir das eine Leh­re sein, andere Menschen zu verachten und zu misshandeln. Wir werden dich beob­achten. Das war nur eine Warnung.“ Schweigen. Ich wollte mich gerade um­drehen und zu Kalle und Boris gehen, als hinter uns im Haus ein spitzer Schrei er­tönte. „Au.“ Schlumpf sah mich an, wir zuckten beide zeitgleich mit den Schultern und drehten uns dann zum

Der Anblick des Badesees war eine Augenweide. Überall schwammen die Palisaden­hölzer herum und mittendrin die gesam­te Brigade als Badegruppe. Alle schienen etwas erleichtert, nicht nur wegen der Ab­kühlung, auch weil das Gezeter des Vor­arbeiters nicht mehr zu hören war. Boris und Kalle kamen die Böschung hinauf. „Und?“ Kalle sah mich fragend an. „Er brütet im Haus. Auf unbestimmte Zeit.“ Schlumpf nickte bekräftigend. „Bei den Winden der sieben Meere, gut gemacht!“ Wir wechselten zufriedene Blicke. Da viel mir plötzlich auf: „Wo ist eigentlich Moni?“ Keiner wusste es. Als wir zur Ba­racke zurückschlenderten, kletterte sie ge­rade von einem nahestehenden Baum. Die Zwille zwischen den Zähnen. „Moni?“ Ich sah in ihre Augen. Der zornige Schleier war einer heimlichen Freude gewichen. „Das Dach war noch nicht ganz fertig. Durch das Loch hatte ich ihn ganz genau im Visier.“ Ich schüttelte den Kopf, „Aber Moni, warum?“ Sie spitzte keck die Lip­pen, drehte sich auf ihren nackten Fersen Richtung Badestrand und sagte trocken: „Er hatte es verdient. Und jetzt lasst uns Baden gehen.“ Die Sonne brannte immer noch. Nur im Wasser war es einigermaßen erträglich.

(Fortsetzung folgt.)

clov

Lyrik & Prosa

Die GroßstadtIndianer (Folge 11)

Kein Krieg, Kein Gott, Kein Vaterland II

Während das Transparent über unseren Köpfen weht, ist unsere Gruppe merklich angewachsen, Zentrum und Kundge­bungs­ort sind nahgerückt. Ich sehe zu Schlumpf, der in Locke einen neuen willigen Zuhörer gefunden hat, zu Kalle, der langsam wach wird und zu Moni und Finn, die das Spruchband vor uns hertragen. Die schlechte Stimmung von heute morgen klärt sich langsam auf, denke ich und mir fällt dabei ein, daß wir ja einen riesigen Packen Flugblätter mitgenommen hatten. Langwierig ausge­tüfftelte Sätze und Thesen zum Sozialabbau und dessen Ursachen, zum Zusammenhang von Nation und Krieg, von Staat und Gott. Und das möglichst für jeden verständlich, vom Gewerkschafter bis zu nationalen Bür­gerin. Den ersten Stapel, den ich aus dem Rucksack fische, drücke ich Kalle in die Hand. Der hatte schließlich daran mitgeschrieben. Er nickt auch gleich zustimmend, klopft mir verschwörend auf die Schulter und raunt: „Den nationalen Fisch werden wir schon ordentlich pökeln, Boris!“

Jetzt ist er richtig wach, denke ich und geb zurück: „Aye, aye Sir.“ Wir grinsen und nachdem auch der Rest Meute seine Hand voll Zettel hat, verteilen wir uns rund um den Kund­gebungs­platz. Ich laufe an einer langen Reihe Six-Packs vorbei. Noch sitzen viele drinnen. Ohne Helm, am Lunchpaket mümmelnd, die Bildzeitung verschlingend oder müde auf das Lenkrad trommelnd. Fades Warten bis der Einsatzleiter ruft. Das wär mir echt zu doof. Ich laufe etwas versunken, eine mögliche Karriere als Robo-Cop vor Augen, um den letzten Wagen herum und prompt gegen die Plastikbrust eines Grenzschützers. Der wollte echt nicht nach der nächsten Grenze fragen. Der war sauer. Ich denke gerade an die Flugblätter, schiebe sie hinter meinen Rücken und gehe in die rhetorische Defensive, als sein Stöpsel knistert. Mann, was für ein Glück. Der Mann im Ohr. Mein Blick fällt auf seine grimmigen Falten auf der Stirn. Eine Glücks-Schwitz-Perle kriecht die meine entlang. Er dreht sich um. Drei Schritte. Und ich bin in der nächsten Menschentraube verschwunden. Mann, Mann, Mann – denke ich, schöpfe bei dem erfrischenden Gedanken neues Selbstbewußtsein und stehe einige Atemmeter später vor einer Gruppe junger Leute. „Wollt ihr ein Flugblatt?“, ich schaue in die kindlichen Gesichter, „Was die da vorne auf der Bühne reden, ist eh nur Quark. Es gibt weder Vollbeschäftigung noch eine nationale Lösung der Probleme. Lest das mal!“ Zwei greifen zu. „Wir machen auch öfter Veranstaltungen zu solchen Themen oben auf dem Berg … wißt ihr wo?“, es wird genickt. Einer sagt: „Vielleicht kommen wir mal rum.“

Ich wünsche noch viel Spaß und drehe weiter meine Runde. Viele nehmen mir die Zettel aus den Händen, doch nur wenige scheinen wirklich interessiert zu sein. Wie schwer es ist, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, denke ich, als mich plötzlich jemand von hinten antippt. „Hey du!“ Ich drehe mich um und starre verdattert in die tiefen Augenhöhlen eines Mannes Mitte fünfzig. Unser Flugblatt hält er in den Händen. „Ich hab das zwar noch nicht ganz gelesen, aber was hat Eure Parole denn mit Sozialabbau zu tun?“ Die Angriffslust schien ihm ins Gesicht geschrieben. Doch war ich vorbereitet: „Wir wollen damit auf den übergeordneten Zusammenhang hinweisen, der unseres Erachtens die Probleme und ihre politische Lösung bedingt. Sozialabbau ist ein Phänomen, mit dem wir umgehen müssen. Doch dabei können wir uns aber weder auf ein Vaterland als eine Nation, auf einen Gott als einen allmächtigen Staat oder einen Krieg zwischen Individuen, Standorten oder Nationalbünden berufen. Wir müssen solidarisch sein und nach neuen Wegen suchen, deshalb sind wir ja auch hier.“ „Aber wie stellt ihr euch denn das vor? Die Leute sind nunmal egoistisch. Ohne Staat würden sich doch alle bloß die Köppe einschlagen. Mit dem Konkurrenzkampf, da habt ihr ja recht, aber die Leute wollens doch nicht anders.“ Gerade will ich diese erzkonservative liberale Haltung weiter bearbeiten, als Schlumpf aus der Menge, die sich auf dem ganzen Platz gebildet hat, auftaucht und geradewegs in meine Richtung steuert. Ich antworte schnell: „Lesen Sie es mal. Und ein wenig Optimismus in die junge Generation können Sie schon investieren. Schön Tag noch.“

Er lächelt verkrampft, bleibt mit seinem Blick kurz an Schlumpf hängen und ist dann flugs in die Massen abgetaucht. Aus den Lautsprechern krächzt eine überdrehte Funktionärsstimme. Schlumpf imitiert ihn wild gestikulierend. „Daß mensch sich diesen nationalen Schrott anhören muß und das auch noch von Gewerkschaftlern. Auf seiner eigenen Demo. Was früher internationale Solidarität hieß, ist jetzt nationale. Wo soll das bloß hinführen?“ Er schüttelt den Kopf und ich nutze die Pause um vom Thema abzulenken. „Wie soll es eigentlich weitergehen? Ich hab fast alle Flugis verteilt. Es soll doch noch eine Demo geben, bis vors Rathaus, oder?“ „Nachdem dem da, redet noch der Pfarrer und dann wird der Zug organisiert. Wir treffen uns beim Transparent. Mit den Anderen vom Projekt und vom Club.“ „Ok. Ich werd mal Kalle suchen.“ „Ja such ihn mal, er ist hoffentlich nicht schon irgenwo negativ aufgefallen. Der Heißsporn.“, Schlumpf zwinkert, „Ich treff mich noch mit Puschel und Locke. Wir wollen mal sehen, ob Grün-Weiß auch noch was plant.“ Mein ‚sei vorsichtig‘ hört er schon gar nicht mehr. Ich zucke mit den Achseln und suche dann nach Kalle.

(Fortsetzung folgt…)

clov

…eine Geschichte

Die GroßstadtIndianer (Folge 12)

Kein Krieg, Kein Gott, kein Vaterland III

Das Plenum hatte es so beschlossen! Eine große Demo gegen Sozialabbau und Reform, da konnte nicht einfach zugesehen werden. So hatten sich am Morgen Kalle, Moni, Finn, Schlumpf und Boris etwas mißgelaunt aufgemacht

„Haut ab mit Eurem Scheiß!!!“ das überdrehte Kreischen von Kalles Stimme versetzt mich sofort in höchste Alarmbereitschaft. ‚Das kommt von da vorn!’ Meine Hände graben sich einen schmalen Weg durch die Klumpenmenge Menschen. ‚Was hat er bloß?’ Ein breiter Rücken schiebt sich zur Seite und gibt den Blick auf die Szenerie frei. Kalle steht mit erhobenen Fäusten und einem puderrot aufgeschwollenen Kopf gegenüber von drei jungen Typen. Überall auf der Erde sind Flugblätter verteilt. Einige von uns. Viele andere. Ich hebe eins auf. ‚Nationale Front bilden!’, ‚Der Bonze rafft, was das deutsche Volk schafft!’, ‚Deutsches Geld fürs deutsche Volk!’ … „Der kriegt gleich eine rein, der Bolschewistenmolch!“ … ‚Nazis, verdammt!’, ich werfe das aufgehobene Papier weg und versuche zu Kalle zu kommen. Dessen Lage hat sich erheblich verschlechtert. Es sind noch zwei aufgetaucht. Ein Pärchen, nur ihr Verhalten verrät sie. Kalle hat in seinem Eifer die Brenzlichkeit der Situation unterschätzt. Er wütet immer noch. „Keine Ahnung habt ihr! Fangt erst mal an zu denken!!!“ Der eine ist ihm jetzt schon ziemlich nah. Bin noch zu weit weg … zum Eingreifen. Doch welch Glück, wie aus dem Nichts tauchen plötzlich Locke und Puschel auf und schieben sich zwischen die Kampfhähne; hinter den fünf Nationalisten noch einige vom Wohnprojekt. Auch Finn, Moni und Schlumpf sind dabei. Ich atme erleichtert durch. Während Locke den Nazis klar macht, dass sie sich verdrücken sollen (O-Ton: Ihr habt die Wahl, entweder ihr sucht das Weite oder wir verarbeiten Euch zu Deutschländer-Würstchen), versuchen Schlumpf und Finn, Kalle zu beruhigen. Ich trete hinzu. „Das kann doch nicht war sein, dass die sich hier blicken lassen, und keiner tut was, die stehen alle rum, manche findens sogar richtig, diese Landratten, die trauen sich hierher, mit einem Riesenstapel Propaganda, das gibt’s doch nicht, das… „Kalle Mann, halt doch mal die Luft an!“, „Das hätte auch ins Auge gehen können.“ Schlumpf nickt. „Das waren nicht alle. Es sind noch viel mehr hier. Zwei Dutzend mindestens. Und die kommen ganz gut an. Noch was. Hinterm Rathaus. Drei Wasserwerfer, zwei Räumpanzer und die ganze Gasausrüstung. Ich glaub, die bewerten das mit den Montagsdemonstrationen und `89 etwas über.“ Schlumpf grient zu Kalle. „Ein mutig Herz in deinem Hühnerbrüstchen schlägt, Jenosse.“ Lachen. Moni kommt mit Puschel. „Danke.“, Kalle ist wieder bei Bewusstsein. „Keen Ding, aber paßt off, aus der Demo kriegen wir die nich, die haben zuviel Rückhalt. Vielleicht greift die Polente och zu, aber die sind vorsichtig und auf Grün-Weeß is keen Verlaß!“ „Daß die meisten auf der Kundgebung hier nicht weiter als bis zur Staatsgrenze denken, ist schlimm genug. Aber daß die aktive Kameraden hier Flugblätter verteilen und rekrutieren können, verdammt!“ Puschel kratzt sich an der Stirn. „Wie auch immer Kalle, zuviel Aufregung ist nicht gut fürs Herz. Wir werden noch jeden brauchen.“ „ Ja…“

Irgendwer zupft mir schon wieder an der Jacke. Ich drehe mich jäh um und sehe auf eine altes Mütterchen hinunter. Am Stock. Fettig-weißes Haar, hastig hochgesteckt. In ihren Fingern hält sie eins der Flugblätter. „Sind die von Ihnen?!“ Noch ehe ich erklären kann, wie die Sache liegt, bricht die Freundlichkeit aus ihrem Gesicht und verzieht sich zu einer grimmigen Falte. „Früher hat man es euch wenigstens noch angesehen. Halunkenpack! Wir haben doch nicht all das durchgemacht, damit ihr den Wahnsinn wiederholt.“ Ich stammle: „Verzeihung, aber …“ Vergebens. „Widersprich mir nicht, auch noch Höflichkeit heucheln. Ich werd nachholen, was deine Mutter versäumt hat.“ Sie schwingt den Stock über ihren wutentbrannten Kopf und ehe ich die Gefahr begreifen kann, trifft mich ein gezielter Hieb oberhalb der Schläfe. Volltreffer! Weiche Knie. Alles dreht sich. Stimmfetzen. Nichts. … das Blut schlägt gegen die Innenwände der Adern. Togg. Togg. Betäubung. Verschwommene Bilder.

Schlumpf grinst mir häßlich verzerrt entgegen. Unterhalb des Rauschens höre ich seine Stimme – fremd, aufgeregt. Togg. Togg. „Boris, Boris! Du musst aufwachen. Boris. Du weißt nicht was hier los ist!“ Er bleibt mir fern. „Die Gewerkschaftler haben eine Barrikade errichtet! Boooriiis!!! Du musst auf die Beine.“ Ich blicke mich um. Überall stehen schwere Schwaden zwischen den Häusern. Toggtogg. Brummen. Stimmgewirr. Gas!!! Es schießt mir plötzlich in den Kopf. Völlig benommen taumle ich auf. „Looss! Boooorriiis! Schnnnelll…“ Stille. Lichtschatten. Finsternis. „Boooriss!!!“ Grausamer Traum tobender Kräfte – Strahlendes Eiswasser fegt über die in wilder Flucht wimmelnde Flut. Steine prasseln auf harten Plasteschutz. Togg. Der stechende Geruch von Gas. Togg. Etwas zieht mich fort. Eine mechanische Stimme hackt in monotonen Silben über das versprengte Menschengetümmel. Unter brummendem Motorengeräusch bebt die Straße, schwingt die Luft. Ketten zermalmen Kieselsteine, fressen sich über sandigen Untergrund. Zwischen Hüben und Drüben klafft eine verwaiste Lücke. Togg. Togg. Der abflachende Kampf hat seine Spuren in das aufgerissene Pflaster gesät. Flugblätter wälzen sich träge am Boden. Verhalten rauchende Hülsen gefährlicher Geschosse mischen sich verstohlen unter den vielerorts harmlosen Schlachtenmüll. Kalle, von stundenlanger Anspannung ausgezerrt, tritt aus einem dicht kauernden Pulk, entblößt die mutige Brust. Sein ächtender Blick schweift über die gleichförmig anonyme Mauer, die hinter der plastegrünen Wand mürbe Leben atmet. Blitzartiger Lichtkegel nimmt ihn ins Visier. Tosender Aufschrei taucht die Szene erneut in chaotisches Licht. Werfen. Schlagen. Menschengedränge. Togg. Angst. Aus der übergewaltigen Mauer reckten sich zwei Arme sehnend nach dem Ende. Fiebertraum. Hitze. Der Schlaf.

(Fortsetzung folgt.)

clov

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Die Großstadtindianer (Folge 8)

Ein Brief

An meine Mutter,

hörst Du noch? Siehst noch? Sprichst? Ich höre Deine Stimme, wie sie zu mir spricht, Deine Augen sehen auf mich herab. Sieh mich nicht an, bitte. Ein Gedanke huscht voller Scham durch meinen Kopf. Ich spreche ihn nicht aus, schreibe ihn nicht auf, ich höre weg … ganz schnell. Nimm die Puppe weg. Sieh mich an! Diese Augen… diese Stimme. Tief in meiner Erinnerung fühle ich ihre Nähe. Ich denke selten daran, während die Welt wie ein tumber Kreisel vor meinen Augen tanzt. Es schmerzt. Immernoch. Vielleicht will ich Dich wiedersehen, Deine Stimme hören … vielleicht. Du fragst Dich sicher, warum ich Dir schreibe, schließlich hast Du nie verstanden, was ich tat. Wie solltest Du auch … Sie übermannte mich unbemerkt, schlich in meine Gedanken, fesselte mein Herz, die Erinnerung – als würde sie dem Vergessen fliehen. Hörst Du noch? Ich spreche … ich schreibe zu Dir, weil ich am Schweigen satt geworden bin. Die erinnerte Nähe treibt mich zu Dir zurück. Warum? Schlußstrich? Neuanfang? Nicht für dieses Mal. Lassen wir es bei dem, was es ist, ein Zwischenspiel.

Über meine Kindheit

Ich hasse Puppen, ein für alle Mal! Diese toten Stoffleiber, denen selbst die unkonkreteste Phantasie kein Leben einhauchen konnte. Du hast es mir nie nachgesehen, wenn ich ihnen die Arme, Beine zuweilen auch den Kopf abriß. Wie solltest Du auch, sie waren ja Dein Ersatz für mich. Daß Kinder durch ihre Puppen die Welt entdecken, daran konntest Du noch glauben, Deiner Mutter dann, die von wichtigen frühen Rollenerfahrungen sprach, nicht mehr. Im Übrigen mit dem gleichen Recht, wie ich Deine Puppen zerriß. Als Du mich das erste Mal fragtest, woran ich glaube, hätte ich Dir die Antwort schon diktieren können. Auch ich hatte Fragen, soviele Fragen, Du keinen Reiz, mir zu antworten. Was soll’s, ich ging ja irgendwann zur Schule. Dort lernte ich nicht nur, die richtigen Antworten zu den richtigen Fragen zu sortieren, sondern auch Kratzen, Beißen, Spucken – gegen die lästernden Rotzlöffel half nur die geballte Faust. Du hast Dich nie gefragt, sicher, Du hättest antworten müssen. So sehr ich Deiner Nähe entstieg, nach welcher ich durch das Puppengrab griff, so sehr verzehrte sich mein erwachendes Herz nach jener Stimme, jenem Augenpaar. Gehört und gesehen, so oft. Ich glaube, Mutter und Kind wachsen voneinander weg, sobald sich der Nabel für jeden verschließt. Woran das Kind gesundet, krankt die Mutter – Erfahrung, die sich nicht von selbst versteht. Mein Weg führte geradeheraus aus Deinen Ansichten, Vorstellungen, Überzeugungen, Gewohnheiten. Heraus aus der Welt Deiner Notwendigkeiten in die Weiten meiner Möglichkeiten. Daß Du mich nur eine kurze Weile noch begleiten konntest, lag an Deinem Horizont, meiner Eile. Die Geister, die Du angebetet hast, kamen mir vor wie die nächtlichen Schatten trauernder Weiden, so fremd und übermächtig, so fern und ohne Halt. Du konntest mich halten, kurz, so kurz. Als ich das erste Mal darüber weinte, war ich kein Kind mehr. Aber wie solltest Du – wie soll das eine Mutter verstehen.

Über die Jugend

Wer ist ein Vater? Der Mann, mit dem Du damals geschlafen hast? Der, mit dem Du heute schläfst? Diese lästigen Blicke, Dein Neid. Ich glaube, ich hatte keinen. Nur frühe Freunde, die mir weis machen wollten, Rock und Knicks wären anständig, Prügeleien nichts für Mädchen und ihr Schwanz die letzte Granate vorm Pazifismus. Du hast nicht verstanden, warum ich so selten daheim war. Der Freiheit seltenes Glück. Ich schweifte umher, probierte mich an Drogen und dem Küssen von Mädchen, prügelte und litt, jauchzte und war betrübt. Du hast immer daran geglaubt, daß Dein rosa Gefängnis mir als sich’rer Hort erschien. Wie solltest Du auch anders. Schließlich lagen alle Deine Hoffnungen dort begraben. Nein, der Verführer lauerte nicht im dunklen Busch am See, er war überall, lockte mich weg mit all dem, von dem Du hättest lesen können, wenn Du gelesen hättest. Mit den Wünschen und Träumen, die in Deinem engen Heim erstickt wären. Mit betörenden Düften, betäubendem Lärm, mit dem flotten Schritt einer Walzerdrehung. Ich habe damals alles umschlungen, was versprach, mich davonzutreiben, hinaus aus den in Stein gegossenen Wänden Deiner Phantasie. Weg, nur weg. Von Dir? Nein, sooft ich der Nähe erinnerte, warf mich der Gedanke zu Boden, eingekauert in der Ecke einer Diskothek, zitternd auf der nächtlichen Bank, die Knie mit meinen Lippen liebkosend oder mit weitausgestreckten Beinen auf dem Bürgersteig, während das Erbrochene meiner Brüder und Schwestern unter meinen Schenkeln Rinnsale bildete. Manchmal meinte ich, Deine Stimme zu hören, wenn sich mein Mund bewegte, traf mich vom Spiegel her Dein Blick. Ich lief und lief, lief und lief, sah mich nicht mehr um, lief und lief. Bist Du mir gefolgt? Wie solltest … wie konntest Du. In der Jugend schließlich bleiben die Mütter als erste auf der Strecke. Bei Dir zumindest war es so.

Über das Altern

Wenn ich mich heute frage, ob hinter der ausgewachsenen Brust ein Mutterherz schlägt oder immer noch das unstete Zittern jugendlichen Überschwangs, sehe ich anstelle einer Antwort Deine Blicke, höre den sanften Ton Deiner Stimme. Ein wenig Angst kommt mir dabei. Doch beruhigt es mich zu wissen, daß nicht jeder Baum dem anderen gleicht, die Geschichte keine Kreisel zieht, weil jeder von uns sie mitbestimmt, mancher Apfel weit vom Stamm getragen wird, Männer sich bisweilen Jungfrauen nennen und nicht jede Frau gleich eine Mutter ist. Heute weiß ich, nicht jedes Zuhause ist ein Gefängnis, zwischen Leben und Leiden liegt das Glück, so wie ich damals, zwischen Dir und einem Mann. Ich weiß, daß ein Kind weder Mutter noch Vater braucht, sondern Menschen, die sich sorgen, lieben, wünschen, träumen. Altern bedeutet doch nicht, in seinen Rollen zu erstarren, aufzugeben, zu verlieren, sondern nach den Träumen zu greifen, sich die Wünsche zu erfüllen, deren unerbittliches Drängen Dich aus der Jugend befreit. Mein Trauern ist mit Dir, weil Du Dich schon so früh von Deinen Möglichkeiten verabschiedet hast. Aber wie solltest … wie konntest Du auch anders, hast Du doch an fast alles geglaubt, was man Dir erzählte. An den Mythos vom Kampf der Geschlechter, an die bürgerliche Beschränktheit im Wünschen und Träumen, an die einzige wahre Liebe, die Dir immer wieder mißriet, die zwischen Mann und Frau; und dabei hast Du all zu oft vergessen, wie nah Dein Glück bei Dir weilte, wenn auch kurz, so doch zum Greifen nah, wie sehr mein Herz Deiner Nähe sehnte. Bitte Mutter, vergiß mich nicht, solange ich Deine sanfte Stimme höre, das Leuchten in Deinen Augen spüre, erinnere ich mich an das, was ich für Dich war, Dein Kind. Moni

(Fortsetzung folgt.)

(clov)

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Die Großstadtindianer (Folge 0)

Ich erinnere mich noch als wäre es heute. Kalle und ich, wir waren wieder einmal unterwegs auf einem unserer Streifzüge durch die Städtische Bibliothek. Mit einiger Not hatten wir uns an den gestrengen Blicken der bebrillten Damen am Empfang vorbeigedrückt. Kalle war es zuvor gelungen, den Wachmann gleich neben der Eingangstür mit seinem altbewährten Trick abzulenken. Und da standen wir nun, inmitten der unzähligen Regale, die im schmalen Licht der Fenster unter der Last der Bücher gedankenschwer ächzten. Während ich unschlüssig meinen Zeigefinger über die Bücherrücken gleiten ließ, hatte sich Kalle sofort auf das Regal mit den Piratengeschichten gestürzt. Er liebte diese Erzählungen über raubeinige Seeleute. Das Meer als letztes Reservat von Freiheit und Müßiggang, das war Kalles Lieblingsgedanke. Ich blätterte etwas lustlos in Godwins Roman über den Bauernsohn Caleb Williams. Doch konnte ich mich nicht so recht entschließen, es einzustecken, und schob das Buch deshalb zurück ins Regal. Als plötzlich Kalles Warnruf neben meinem Ohr raunte: „Achtung, Aufsicht!“ Blitzschnell verschwanden wir über die nächste Treppe Richtung Keller. Ich spürte Kalles gefaßten Atem hinter mir, stieß die hindernde Tür vor uns mit dem Fuß auf und wir drückten uns hindurch.

„Materiallager“ hatte in fetten Lettern auf der Tür gestanden. Das matt zuckende Licht mehrerer defekter Neonlampen ließ die Ausmaße des Raumes nur schwer erkennen. Über die Regale zogen endlose Schlangen eingestaubter Bücher, auf dem Boden türmten sich Berge von Zeitungen und Papier. „Mann, das ist ja ein richtiger Freibeuterschatz!“, entfuhr es dem staunenden Kalle. Er rammte mir seinen Ellenbogen in die Seite und ging zu einem der Regale, „Sieh dir das an, Finn! Marx, Engels, Lenin, ganze Regale, und ein Haufen Literatur dazu.“ Er drehte sich zu mir: „Warum die das wohl hier horten?“ Ich zuckte etwas ratlos mit den Schultern: „Vielleicht hoffen sie auf bessere Zeiten.“ Kalle schmunzelte: „Mit Marx und Engels? Und Lenin??“ Im Vorbeigehen strich er über die Bücher. Ich folgte ihm und brummte: „Immerhin ein Anfang.“ Dabei blieb mein Fuß an einem der Papierberge hängen, die sich auf dem Boden stapelten, und riß ihn zur Hälfte um. „Paß doch auf!“, zischte Kalle, „Muß ja keiner merken, daß wir hier rumgeschnüffelt haben.“ Ich beugte mich über das lose Papier. Es waren Manuskripte, manche handschriftliche Kopien alter Zeitungen. Einige auch geheftet und gebunden. Beim Überfliegen las ich Titel wie: „Sozialist“, „Der arme Konrad“, oder „Die Revolution“. Als ich tiefer kramte, entdeckte ich zwischen den Seiten einer Ausgabe von 1895 ein kleines, schwarzes Büchlein mit rotgefärbten Seiten. Ich schlug es auf, doch die meisten Seiten waren leer, nur am Anfang waren einige Sätze in feiner Handschrift eingetragen. Ich begann zu lesen: „Für den Finder. Dieses Buch ist kein gewöhnliches. In seiner Entstehungszeit wurden nur wenige Dutzend von ihm angefertigt. Damals, es waren unruhige Zeiten, ging die Sage von einer neuen Zeit, die anbrechen sollte. Die Diener der dunklen Macht sollten endlich geschlagen und vom Erdenball verdrängt werden. Ein jeder mit reinem Herzen wartete auf jene Helden der neuen Zeit, doch sie kamen nicht. Von Jahr zu Jahr geriet jene alte Sage mehr in Vergessenheit, bis nur noch wenige Gelehrte sich an sie erinnerten. Aus jener Zeit stammt dieses kleine Büchlein …“, ein Geräusch ließ mich hochschrecken. Kalle stürzte um die Ecke und fiel beinahe über mich. Er presste hektisch zwischen seinen Zähnen hervor: „Sie haben uns entdeckt! Da hinten! Eins, zwei drei Leute, der Wachmann ist auch dabei. Los schnell! Wir hauen ab!!!“ Schon stob er in wilder Panik Richtung Tür. Schnell stopfte ich das Büchlein zwischen Gürtel und Hüfte und stürmte Kalle hinterher, der zielstrebig, zwei Stufen in einem nehmend, Richtung Hauptausgang flüchtete. Hinter uns hörte ich noch den Wachmann fluchen: „Verdammtes Pack!“ Dann waren wir durch die aufheulenden Kontrollsperren ins Freie gelangt. Die Sonne empfing uns herzlich warm. Es war ein später Frühlingstag im Jahre 1999. Ich lege den Stift beiseite und schlage das kleine, schwarze Buch mit den roten Seiten zu.

(Fortsetzung folgt)

clov

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Die Großstadtindianer (Folge 1)

Eine Heimat, ein Springer und ein paar Gläser I

„Ist das das Buch aus der Bibliothek?“ Kalle war hereingekommen und hatte sich das kleine, schwarze Büchlein vom Tisch geangelt. „Ja, steht aber nicht viel drin, nur die ersten paar Seiten sind bedruckt.“, ich verdrehte etwas die Augen, „Ziemlich mystisch.“. Kalle blätterte nachdenklich durch die rotschimmernden Seiten: „Merkwürdig!?“ „Ja, der Autor wartete wohl auf irgendwelche Helden, die alles Böse für immer vernichten würden.“ „Hmm.“ „Vielleicht wollte er ja ihre Taten aufschreiben, und die Helden sind nicht gekommen.“, ich lächelte Kalle etwas ungläubig zu, „Komische Vorstellungen hatten die damals – ach, wenn das alles so einfach wäre.“ Er brummte wenig überzeugt und vertiefte sich in die wenigen Zeilen.

Ich ließ ihn lesen, ging zum hinteren Fenster und sah hinaus. Von hier konnte man die Ausmaße unseres kleinen Fleckchens Erde nur erahnen. Der Blick fiel geradewegs auf die langsam vor sich hin bröckelnden Ruinen des zusammengesackten Fabrikgebäudes von Gegenüber. Nur die Backsteine erinnerten noch an den einstigen Reichtum. Davor hatten wir mit viel Mühe einen winzigen Acker aufgeschüttet. Es reichte zumindest für das Notwendigste – Kartoffeln, Mohrrüben, ein paar hochgeschoßene Bohnenranken, allerei Gewürze und einiges mehr. Die Vielfalt ließ den Boden gesund bleiben und der eigene Schweiß sorgte für den doppelten Genuß. Wenn man die Nase an dem Fenster nach links plattdrückte, sah man noch geradeso die Verschläge fürs Holz, das Werkzeug und Anderes. Rechts blies der Wind kraftlos in die Wäsche. Die Sonne lachte. Zwischen den Bohnen tauchte kurz ein rot-schwarzer Haarwuschel auf. Mir fiel ein, daß sich Moni ja heute um die Pflanzen kümmern wollte. Ich spähte nach unserem Gartenengel, aber sie war schon wieder zwischen den Pflanzen verschwunden.

Kalle räusperte sich in meinem Rücken und ich drehte mich zurück zu ihm. Er hielt das Buch mit einer aufgeschlagenen Seite über eine der Kerzen. Mir fiel es schwer, nicht lauthals loszulachen. Mein Glucksen schien ihn ein wenig zu ärgern. „Man kann ja nie wissen, vielleicht hätte sich irgendein Hinweis versteckt, Wachsstifte waren einmal sehr beliebt!“, rechtfertigte er sich vorwurfsvoll. „Du bist aber auch immer auf Schatzsuche“, ich nahm ihm das Buch aus der Hand, „Das wird mein neues Notizbuch.“ Kalle starrte mich kurz an, aber dann gefiel ihm plötzlich die Idee. „Genau Finn, du wirst unser Chronist. Die Schreiberei lag dir ja schon immer nah. Wir reißen die beschriebenen Seiten einfach raus und schreiben unsere eigenen Taten hinein. Unsere Geschichte …“ Seine Augen blitzten auf und glitten über die sieben Weltmeere seiner Phantasie. „Das wird aber dann keine Piratengeschichte.“ Ich versuchte seine aufkeimende Euphorie ein wenig zu bremsen, weil ich mir über die Idee selbst noch nicht ganz im Klaren war, aber Kalle sah schon die Lagerfeuer vor sich, an denen unsere Taten erzählt würden: „Naja, ein kleinwenig wie Piraten sind wir schon. Los, Finn, die Idee ist gut. Schlag ein!“ Er streckte mir die Hand entgegen. „Ich probier mal ein wenig herum, aber versprochen ist nichts, ok.“ Kalle wollte gerade zu einer seiner fünfminütigen Predigten ansetzen, über die Notwendigkeiten, die Dinge beim Schopfe zu packen, Ideen immer sofort in die Tat umzusetzen, den Zweifel zu überwinden … als Boris in eiligem Schritt durch die Tür trat. „Kalle? Finn? Es ist soweit.“ Sein Atem war noch auf dem Weg zu uns. „Der Buggemüller ist losgefahren – das Tuch – das Tuch hängt am Wagen …“ Er verschnaufte kurz. Wenn Buggemüller das Zeichen gegeben hatte, dann blieb uns noch gut eine Stunde, dachte ich, er würde warten. Sein Ehrgeiz war unersättlich. Ich sah zu Kalle. „Du bist unser Mann für die Springerzange.“ Er grinste. „Kein Problem. Den Buggemüller steck‘ ich noch im Halbschlaf weg.“ „Na dann los, wir nehmen den Wagen, die Kiepen und vielleicht noch ein zwei Leute und dann holen wir uns die Gläser!!“ Über unsere Gesichter huschte ein Hauch von Vorfreude und wir stoben in drei Richtungen auseinander, um alles vorzubereiten.

(Fortsetzung folgt.)

clov

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Die Großstadtindianer (Folge 6)

Streifzüge – zur Kritik

Als ich Kalles Kapitel fertig gelesen hatte und er mich erwartungsvoll und lobessicher ansah, hätte ich die Seiten am liebsten aus dem Notizbuch herausgerissen. Sicher auch ein wenig wegen meines verletzten Stolzes. Ganz bestimmt aber, weil ich nicht glauben konnte, daß Kalle gerade in dem schwierigen Verhältnis zur Gewalt so verklärt, so kritiklos gedacht hatte. Eine harmlose Rempelei, für die Addi mit einem Urlaubstag wegen eines verstauchten Knöchels löhnen mußte; und an der er im Übrigen nicht ganz unschuldig war. Der Alleingang gegen jede Abmachung. Und nicht zuletzt der Zahn, den Kalle sich quasi selbst ausschlug, als er versuchte, eine harmlose Tür zu öffnen. Das Ganze aufgebauscht zu einer Blut-und-Ehre-Geschichte, Zahn um Zahn … nach einigem persönlichen Hickhack haben wir dann doch noch sehr lang und ausführlich über die ganze Sache diskutiert und uns auf die obige Formel der Kritik geeinigt. Danach war unsere erste Idee, die Diskussion als Weiterführung der Geschichte wiederzugeben. Als jedoch Boris, Moni und Schlumpf von dem Projekt mit dem Büchlein und unserem Streit erfuhren, mußten wir kurzerhand auf eine Gruppendiskussion umplanen, so sehr hatte die Idee die drei entflammt. Außerdem wollte jeder von ihnen in Kürze selbst eine Anekdote zum besten geben. Ein verheißungsvoller Gedanke, der mich schon jetzt entzückt.

Wir trafen uns also am Abend auf dem Dach des Wohnhauses. Kalle hatte eine erste Kostprobe des diesjährigen Holunderblütenweins vorbereitet, Moni einen mühlsteinförmigen Käse in der Käserei erworben und ich aus unserem eigenen Mehl drei Brote gebacken. Die Diskussion unter einem phantastischen Sternenzelt dauerte die halbe Nacht, und ich kann sie hier leider nur ungenügend, auf Grundlage einer Mitschrift wiedergeben, die im späteren Abend nicht zuletzt wegen des schweren aber äußerst mundenden Weins immer unsauberer wurde: …

Kalle: Ich glaub‘ halt, daß man sich ab und an auch wehren muß, als damals die Kameraden vom Oststurm vorm Tor standen, hat auch keiner daran gedacht, daß alles hier aufzugeben.

Schlumpf: Ich weiß nicht …

Finn: Wenn wir hier gewaltbereiter gewesen wären, hätte die Lage viel schneller eskalieren können. Außerdem Kalle, ging dem Ganzen ja eine Kette von Provokationen voraus.

Kalle: Die wär’n auch so irgendwann gekommen, glaub‘ mir.

Moni: Das Problem ist doch, daß gerade diese Leute auf politischen Widerstand mit Gewalt antworten. Was bei uns aus einer Folge von Provokationen erwächst, ist bei denen schon von Anfang an mitgedacht.

Finn: Aber wer sind DIESE Leute, Moni?

Moni: Sexisten, Rassisten und Faschisten. Frauen im Schnitt weniger. Das kann man doch klar belegen.

Boris: Titel! Nichts als Titel. Ideologische Negativsubjekte. Selbst ein Arbeitgeber kann in Folge wechselnder Lebenslagen zum Arbeitnehmer werden. Das Leben ist im Fluß …

Moni: … Man muß das doch benennen können! Ich kenne genug Sexisten, auch einige Rassistinnen. Und die Leute damals, Finn, die vor unserem Tor standen, das waren organisierte Faschisten.

Finn: Woher weißt Du das so genau?

Moni: Demonstrationen, Flugblätter, Aktionen – aus ihrem politischen Handeln und ihrer Ideologie. Hier hat doch schon immer unsere Kritik angesetzt.

Kalle: Und unser Kampf gegen die Strukturen, die Logistik, die Kader …

Schlumpf: Drei von den jüngeren habe ich wiedererkannt. Wir haben mal zusammen ein Feuerchen gemacht. Am Badesee. Da kamen sie mir ganz nett vor, ein bißchen naiv, aber ganz harmlos.

Boris: Die haben sich halt beeinflussen lassen. Da fällt der Groschen vielleicht noch. Gerade solche sollten wir aufklären.

Kalle: Ja, vor allen Dingen, wenn sie mit Knüppeln vor Deiner Tür stehen …

Finn: Du bist unfair, Kalle. In Deiner Geschichte zieht ihr auch los, um den ‚Anderen‘ einen Denkzettel zu verpassen, „einen Hinterhalt legen“. Ich kann den Unterschied gerade nicht sehen.

Kalle: Die hatten es verdient!

Boris: Wir …

Schlumpf: Aber Addi hatte doch schon den ganzen Abend Stunk gemacht und …

Finn: … er war sturzbetrunken. Jemand hat ihm ein Bein gestellt. Nicht fein, aber davon geht doch die Welt nicht unter.

Boris: Wir… wir kannten die doch. Langjährige Kameraden.

Finn: Eben. Euer politischer Widerstand ist in Gewalt umgeschlagen. Murphy sei dank, ging die Sache glimpflich ab.

Moni: Finn, verharmlost Du das nicht? Addi hatte schließlich Glück. Die ganze Geschichte hätte auch viel böser enden können.

Boris: Es reicht eben nicht, nur ihre Ideologie zu kritisieren. Man muß auch handgreiflich werden, da hat Kalle schon recht.

Schlumpf: Physische Gewalt mit einbegriffen? Da renn ich doch lieber weg.

Finn: Ich glaub‘ auch nicht, daß jemals jemand durch den berüchtigten Schlag auf den Hinterkopf auf ganz neue Ideen gekommen ist. Jedenfalls nicht unmittelbar … oder wollt ihr den ‚Anderen‘ darniederstrecken, am Ende vernichten?

Boris: Und doch muß man sich schützen können.

Moni: Und nicht erst, wenn es zu spät ist!

Finn: Aktive Prävention, heißt dann für Euch: Dem ‚Anderen‘ eins überbraten, bevor der anfängt?Das ist doch absurd.

Kalle: Der Kampf wurde schon längst begonnen, Finn. Gegen Arbeiterinnen, Kommunisten, gegen Schwarze und Jüdinnen, gegen Anarchisten, Frauen und Ausländer, gegen indigene Stämme, gegen Volksgruppen, Minderheiten und das ‚Abnorme‘. Wieviele wurden umgebracht, Finn, wieviele.

Moni: Ich denke auch, daß man hier Gewalt von Gewalt unterscheiden muß. Man darf solchen Ideen nie wieder eine Chance geben.

Schlumpf: Und die Menschen dahinter total verteufeln?

Boris: Nein. Natürlich nicht. Aber sie sind es schließlich, die für ihr Tun und Lassen in Verantwortung gesetzt werden müssen. Das heißt auch, sich an heißen Kartoffeln die Finger zu verbrennen.

Finn: Ich glaub‘ halt nicht, daß das große Lernerfolge zeitigt. Jeder hat doch viel mehr davon, wenn man ihm erklärt, warum es besser ist, heiße Kartoffeln nicht anzufassen.

Kalle: Gerade Leute, die für ihr offenes Ohr und ihr Verständnis berüchtigt sind? Ich weiß nicht.

Boris: Aber ganz unrecht hat Finn nicht. Das Gespräch abzubrechen, ist auch ein gewisses Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit. Im Gespräch hat man immer noch die besten Chancen, den ‚Anderen‘ abzubringen, vom Besseren zu überzeugen.

Schlumpf: Schließlich wollen wir es selber ja auch besser machen, als die. Politischer Widerstand bedeutet deshalb für mich auch in gewisser Form Gewaltlosigkeit gegen andere Körper und Geister. Ich will weder das Bewußtsein noch die Tatkraft eines anderen manipulieren, sondern ich will, daß er selbst weiterkommt.

Moni: Du hast ja recht, aber trotzdem müssen wir uns und Schwächere schützen und gerüstet sein, damit ihre Gewalttätigkeit wirkungslos bleibt. Das ist ja kein Spiel, irgendwann kann man einfach keinen Schritt mehr zurückgehen, dann bleibt nur noch, sich zur Wehr zu setzen.

Finn: Aber erst dann. Vorher steht die Kritik der Ideen und Mittel ihrer Umsetzung, der Widerstand gegen politische Wirkungsmacht und kulturelle Repression. Die Taktik des Ausweichens und Aussprechens. Gewalt resigniert am Menschen. Das sollte mensch auch niemandem vorleben und schon gar nicht kritiklos verherrlichen.

Kalle: Da sind wir uns doch einig, oder?

(Fortsetzung folgt.)

clov

…eine Geschichte