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Die Redaktion … fährt

fixed

Wie es sich für ordenliche anarchistische Hipster in Hypezig gehört, fahre ich ein Fixie. So ein Fahrrad mit starrem Gang, Ihr wisst schon. Kein Leerlauf, kein Rücktritt. Da kann ich an der Kreuzung stehend auf dem Rad balancieren und den ganzen zurückgebliebenen Normalos zeigen, wie cool ich bin. Oder mir von zugezogenen Teens Respekt zollen lassen, wenn ich an ihren Bremsmanövern und Beschleunigungsversuchen vorbeiziehe und auf die Frage „Ist das auch ein Fixie, Digger?“ mit ebensolchem Bremsmanöver antworten kann, so dass ich auch da ein ehrenvolles „Cool, Digger!“ als Anerkennung erhalte. Hach ja… Fixie fahren ist eben weitaus mehr als ein runder Tritt und das Einswerden der Beine mit den Pedalen, des Körpers mit dem Rad. Es ist Lifestyle, purer Lifestyle. Auch mit dem Flat Bar werde ich mich noch anfreunden, die passenden Karten für meine Rückgradspeichen suche ich noch. Soll ja schön individuell sein, so ein Fixie. Mich repräsentieren und meinem höchsteigenen Subjekt Geltung verschaffen in der Welt der Uniformitäten. Ich fahre Fixie, also bin ich ich.

(shy)

…nicht Fahrrad

Von meinen lieben Mitanarchist_innen beim Feierabend! bin ich mittlerweile ein paar Mal gefragt worden, warum ich zur Überbrückung der Distanzen zwischen Redaktions- und Wohnraum denn nicht ein Fahrrad nehme, die Strecke zu Fuß zurück zu legen, dauere doch zu lange und sei bestimmt recht anstrengend. Und mit beidem haben sie recht! Doch irgendwie gefällt mir das Laufen. Es ist meditativ. Oder um es mit Milan Kundera zu sagen, man spürt sich selbst, Alter und Gewicht.

(carlos)

… ab auf Literatur!

Ich weiß nicht, seit wann es so ist. Früher konnte ich mich nie wirklich dazu aufraffen, ein paar Seiten Belletristik am Stück zu lesen. Je älter ich werde, desto mehr scheint sich dies zu ändern. Es liegt nicht mal am Inhalt der Bücher, denk ich. Was mich mehr interessiert, ist der Stil, in dem das Werk geschrieben wurde. Metaphern, Allegorien, Bildnisse, wortgewaltige Reden, inspirierende Formulierungen, flinke und scharfe Witze und seltene Begriffe, die man sonst nie oder nur kaum im Leben so hört. Insgeheim suche ich wohl immer nach Inspiration. Die Sprache erscheint mir wie ein riesiges Kochbuch, aus dem wir meist nur die simpelsten Nudel- und Reisgerichte nutzen. Ein gutes Buch ist da wie ein Besuch in das feine Nobelrestaurant. Und danach denkt mensch sich: Kann ich das nicht auch vielleicht? Manche mögen mit meinen Gedanken nichts anzufangen wissen. Was spielt es für eine Rolle, wie man sich im Alltag ausdrückt? Wäre es nicht lächerlich, wenn sich Menschen so hochgestochen und langatmig ausdrücken würden, wie sie dies teilweise in der Literatur machen?

Vielleicht, aber ich glaube doch, dass sprachliche Kreativität ungemein wichtig ist. Ich denke, dass in seiner Sprache jeder ein kleiner Künstler sein kann! Vielleicht hat man zu unruhige Hände für das Malen und Zeichnen, zu wenig Geld und Zeit um Musik zu lernen oder zu wenig Geschick und räumliches Verständnis, um sich Faltarbeit wie Origami zu widmen. In seiner eigenen Gedankenwelt kann mensch hingegen immer rumstöbern und neue Assoziationen ausgraben, wie in einer frischen Goldgrube, um seinen Gedanken und Gefühlen die richtige Form zu geben. Die demokratische Kunst überhaupt, könnte mensch meinen. Die Dichtung gehört ja auch zu den ersten Künsten, die in der Antike bereits einige ihrer Höhen erklommen hat. Aber ach Gott, Gefühle! Die empfindet mensch ja heute als eher nervig und störend (die eine Bevölkerungshälfte wohl mehr als die andere). Vielleicht dichtet mensch heute deshalb ja nicht mehr so gern. In meiner Schulzeit hat glaub ich nie irgendjemand freiwillig gern gedichtet und es dann auch noch vorgetragen. Durch Wortwahl und Ausdrucksweise entblößt mensch sich ja vielleicht mehr als durch das Abfallen seiner Kleider. Gefühle, die Schamteile des Menschen?

(alphard)

… frei Bahn und aus der Haut

Man geht durch die Straßen, setzt sich in die Bahn und plötzlich ist die Batterie des MP3-Players alle. Auf einmal ist man mittendrin im alltäglichen Wahnsinn, und nicht nur die beißenden Gerüche fallen einem stärker auf und lassen leichte Übelkeitsgefühle entstehen, sondern ebenso kommt hinzu, dass man sich der laufenden Gespräche der Mitfahrenden nicht weiter des Hörens entziehen kann. Von rassistischen Äußerungen bis kruden, nach Mobbing mutenden Sprüchen von Halbwüchsigen ist die ganze Palette vorhanden. Ganz zu schweigen von Eltern, die die Versuche ihrer Kinder, Aufmerksamkeit zu bekommen, ignorieren oder gar niedermachen. Vor ein paar Tagen las ich einen Spruch, an den ich mich nicht mehr zur Gänze erinnern kann, aber er ging in etwa so: „Deutschland definiert: Alle sitzen in der Bahn und gucken grimmig. Ein Kind lacht. Die Eltern schimpfen, bis es genau das Gleiche macht.“ Erstaunlich passend, wenn man sich die Leute in der Bahn betrachtet. Ein paar Haltestellen weiter steigen dann Kontrolleure hinzu und man macht, dass man schleunigst aus der Bahn kommt. Skeptisch hinterher guckend zücken sie bereits ihr Scan-Gerät.

Aus der Bahn raus überlegt man, auf die nächste zu warten oder einfach den Weg zu Fuß fortzuführen. Die Entscheidung geht zum Laufen.

Als es nach wenigen Minuten zu regnen beginnt, stellt man sich dann schon die Frage, ob das jetzt ernst gemeint ist. Aber wie auch immer, es ändert ja nichts. Eh man sich versieht, fährt dann ein Auto in gefühlter Höchstgeschwindigkeit durch eine durch ein Schlagloch entstandene Pfütze. Klasse. Aber weiter. Noch im Tran bemerkt man nicht, dass ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit hinter einem ein Fahrrad anrollt und so knapp vorbei fährt, dass man fast noch hin fällt und bei dieser Gelegenheit tritt man dann gleich noch selber in eine Pfütze und man beginnt zu überlegen was zur Hölle man denn falsch gemacht hat. Entnervt kommt man dann seinem Ziel näher und bemerkt, dass man wohl den Schlüssel vergessen hat, und ein pöbelnder Mensch, der augenscheinlich mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat, plärrt einen sinnentleert voll. Erfolgreich entkommen geht man nun Nummern im Handy durch, um aus der entstandenen Misere zu entkommen. Es regnet noch immer, mittlerweile aber als leichter Nieselregen, doch nun kommt noch ein toller Wind hinzu. Ans Handy scheint keiner zu gehen. Gut, dann eben zurück. Diesmal aber wieder mit der Bahn. Ja – Glück gehabt, da kommt sie bereits. „Endlich mal was Gutes“, denkt man sich, um sich etwas zu beruhigen, und lässt sich erleichtert auf den Sitz fallen. Den Kopf ans Fenster gelehnt und mit zynischem Lächeln über den bisherigen Tag, als vom hinteren Ende der Bahn ein Mensch auftauchte. Ein Mensch, den man bereits am gleichen Tag gesehen hat. Doch nicht auf den Menschen achtet man, nein. Denn er hält ein Gerät in der Hand, und feist grinsend kommen die Worte: „Fahrausweis bitte“ über seine Lippen.

(R!)

.weeeeiiiit weg.

Auch wenn ich aus Teilen der Redaktion dafür kritisiert werde, dass es inhaltlich falsch ist, vom Fahren zu sprechen, wenn ich doch nach Indien fliege, schreib ich hier jetzt trotzdem weiter.

Denn ich fahr mit einem modernen Luftschiff namens Flugzeug.

Viel spannender als die korinthenkackerische Begrifflichkeit ist aber derzeit mein Gefühl zur bevorstehenden gut drei Monate dauernden Reise. Gute Frage. Im Moment wird mögliche Vorfreude durch den Stressfaktor verhindert. Zu viele Punkte auf der ToDo-Liste, die vorher abgehakt werden müssen, damit es endlich losgehen kann. Aber irgendwie ist dieses Gestresstsein auch nicht wirklich ein neues Gefühl, wenn ich so an meinen Alltag denke…

Wenn ich dann doch mal Zeit habe, über Indien zu sinnieren, dann fällt mir auf, dass ich eigentlich gar nicht groß weiß, was mich erwartet. Aber ich freu mich trotzdem darauf. Oder gerade deshalb? Warum – weil ich Fernweh habe. Weil ich raus will. Weil ich neugierig bin. Weil mich fremde Welten interessieren und faszinieren. Angst hab ich eigentlich nur vor mir selbst: dass ich schlecht damit klar komme, mitunter viel krasse Armut zu erleben und gleichzeitig vielfach meinen Stempel als reiche Weiße zu bekommen. Damit umzugehen und sich selbst treu zu bleiben wird eine Herausforderung. Aber daran kann ich wachsen. Ja, ich freu mich darauf nach Indien zu fahren.

(momo)

Lyrik

Was ist los, was soll das hier?
Ist das eine Welt noch mehr?
Seht euch an, die ganzen Leute,
diese riesengroße Meute.
Auf Geld sind sie aus,
den großen Erfolg.
Das beste Aussehen
und ach – was solls.
So denken heute alle nur.
Die Welt ist nicht mehr bunt und schön,
grau ist sie,
man kann nichts mehr sehen.
Doch wartet,
es ist noch nicht zu spät,
ein kleiner Funken Hoffnung späht.
Die Menschen sind noch nicht verloren,
sie sind noch nicht ganz eingefroren.
Nun kommt schon her und glaubet mir,
was ändern, das kann jeder hier.

(R!)

HaiKu

Der Staat ruft zum Krieg
Heckler und Koch frohlocken
Oh, Pöbel tritt an!

(carlos)

Die Redaktion … spielt

… mit Kellen, Wölfen und Messern

Seit letztem Monat spiele ich wieder Tischtennis. Draußen, im Park oder gleich auf dem Spielplatz um die Ecke. Ich habe mir dafür eine kleine Tasche zugelegt, mit zwei Kellen und drei Bällen. Einer davon ist orange. Wenn ich jetzt bei Freunden an der Tür klingele und frage, ob sie mit auf den Spielplatz kommen, fühle ich mich wie fünf.

Außerdem spiele ich Okami – ein japanisches Videospiel, in dem ein weißer Wolf die Welt von finsteren Dämonen befreit. „Okami“ auf japanisch bedeutet Wolf, große Gottheit und weißes Papier. Mit mehreren Pinseln bewaffnet zerschneide ich Steine, male Wasser in ausgetrocknete Flüsse, lasse zerstörte Brücken neu entstehen und zeichne Sonnen in schwarze Wolken. Gottesgleich also. So richtig überzeugt von dem Spiel bin ich noch nicht. Die Idee mit den Pinseln statt Waffen hat aber was.

Letztes Jahr habe ich mit Freunden oft Flat Out gespielt – auch ein Videospiel, bei dem der Fahrer aus dem Auto in einem bestimmten Winkel und mit einer bestimmten Geschwindigkeit katapultiert wird, um auf eine Dartscheibe oder ins Tor oder durch Feuerringe zu fliegen. Am Ende liegt der Fahrer immer tot in der Ecke. Auch irgendwie gottesgleich, nur mit dem Unterschied, nicht die Welt zu retten, sondern einfach nur viele Punkte zu ergattern.

Ende letzten Jahres litt ich dann an einer Spiele-Überdosis. Non-Stop Flat Out, Romee, MauMau, Mensch ärgere dich nicht, Trivial Pursuit, Scrabble. Das Problem: Ich kann nicht verlieren und diskutiere bis aufs Messer, wenn ich Ungerechtigkeit wittere. Nicht mit allen. Eigentlich nur mit denen, die mir am nächsten stehen. Und eigentlich völlig sinnlos. Nicht so gut. In Spielen sehe ich dann nur noch Psychokriege, in denen sich jeder behaupten will.

Die Tischtennis-Saison ist aber noch jung. Bis jetzt habe ich mich noch nicht ins Spiel hineingesteigert. Bis jetzt will ich noch nicht immer gewinnen. Bis jetzt geht es noch um den Spaß. Manchmal muss ich mir noch still vorsagen, dass ich doch gewinnen will, um mich zu konzentrieren. Ich frage mich, wie lange es anhält. Gestern habe ich schon meinen Namen auf eine Kelle geschrieben.

tung

dagegen

Das Leben soll ja ein Spiel sein, ein Spiel des Lebens. Auf dieses Spiel hab’ ich aber keinen Bock mehr! Ein Kredit aufnehmen und das Studium beenden? Ich hab’ keinen Bock! Arbeiten und Karriere machen? Ich hab’ keinen Bock! Heiraten und Kinder kriegen? Ich hab’ keinen Bock! Eins ist mir mittlerweile klar geworden – an diesem Spielbrett bin ich falsch. Wird wohl Zeit, mir mein eigenes zu basteln. Ein Brett, wo ich über Los gehe, und alle um mich herum 20.000 Euro einziehen dürfen. Bis dieses Brett steht, dauert es aber noch ein Weilchen. Erstmal die Grundlagen schaffen: altes Brett nehmen und kaputtschlagen!

carlos

mitunter mit Gedanken

Mit sinnvollen wie sinnfreien, hellen wie dunklen und (gesellschaftlich) wertvollen wie auch völlig indiskutablen. Gedankenspiele sind dabei vor allem eines – die freie Entfaltung im Inneren, die Alternative zu realen Handlungszwängen, die Möglichkeit, überhaupt über gesellschaftliche Normen und Grenzen hinauszudenken. Da die Freiheit des einen bekanntlich da aufhört, wo die der anderen beginnt, ist es (fast) nur im Selbst möglich, wahnwitzige Ideen zu entwickeln oder überhaupt die eigene Persönlichkeit so zu entfalten, dass die gesellschaftliche Determination keinen Zombie hinterlässt. Das freie Spiel mit den Gedanken ermöglicht es mir erst woanders und mit anderen spielerisch tätig zu werden. Bei Gesellschaftsspielen, Wettkampfspielen, Wortspielen, sexuellen Spielen oder im Schauspielerischen, ja auch bei Machtspielen.

Ich spiele, also bin ich.

k.mille

… Karten- und Rollenspiele

Vielleicht ein bisschen old school, aber ich steh drauf: am runden Tisch mit Freunden und allerlei Genussmitteln sitzen und mit viel Phantasie in analoge Spielewelten tauchen. Die ansonsten bekämpfte Konkurrenzgesellschaft leb ich hier auch gern mal aus, inklusive Rumpöbeln. Ohne schlechtes Gewissen.

Besonders gut funktioniert das bei Skat-Abenden. Man muss gar kein alter Mann sein, um dort mit viel tamtam aufzutrumpfen, oder bei schlechteren Karten den Skat-Gott ob der Kartenverteilung zu verfluchen. Besser noch den Gegner beschimpfen, wenn er am gewinnen ist. Aber ich will hier kein falsches Bild hinterlassen, denn oftmals spiele ich auch ganz friedfertig – vor allem dann, wenn ich selbst ganz vorne throne.

Eine andere gute Gelegenheit, um sonst beherrschte Emotionen, konträre Haltungen oder ungeahnte Facetten des selbst mal auszuleben, bieten sich in so genannten Krimi-Rollenspielen. Als Abendfüllendes Programm konzipiert, schlüpfen 8-10 Menschen (am besten Freund_innen) in ganz unterschiedliche Rollen und spielen beispielsweise einen Mönch, Magier oder Möchtegern-Popstar. Die Aufgabe besteht nun darin herauszufinden, wer aus der illustren Runde der_die Mörder_in einer fiktiven getöteten Person ist. Zwar sind die Mordgeschichte, diverse Indizien und personelle Verstrickungen durch das story-board vorgegeben, allerdings bleibt noch genügend Spielraum um der Rolle den eigenen Stempel aufzudrücken. Herrlich, mit welcher Genugtuung ich als arroganter Magier über den Pöbel herziehen kann. Noch dazu erfinde ich auch neue Zauber, so dass irgendwann alle hoffentlich vor Furcht erstarren….

Der Phantasie freien Lauf lassen kann man übrigens auch mit dem Dixit-Kartenspiel. Platz drei meiner aktuellen best-of-Liste. Wunderschöne, verspielte und interpretationsoffen gezeichnete Bilder bilden hier die Basis. Die Aufgabe besteht darin eines davon assoziativ mit Worten zu belegen, ohne zu viel dabei zu verraten. Denn bestimmte Karten der Anderen sollten auch irgendwie dazu passen können.

Ja ich steh auf Spiele. Vor allem dann, wenn sie zwischenmenschliche Geselligkeit fördern, Phantasie anregen und mir ermöglichen in fremde Welten zu tauchen oder mich mal richtig gehen zu lassen. Mit vielen analogen Karten-, Brett- und Rollenspiele geht das vortrefflich. Und zu entdecken gibt es da noch jede Menge. Vielleicht ein bisschen old school – aber ich steh drauf.

momo

… mit

Sehr schön, denn wer spielt nicht gern? Brettspiele, Kartenspiele, Wortspiele, Schauspiele etc..

Soweit so gut. Doch ist das schon alles? Was spiele ich? Denn immerhin heißt die Rubrik ja „Die Redaktion spielt“ und mir schwirren bei diesem Begriff so massenhaft Gedanken durch den Kopf. Daher habe ich vor mit dem Begriff spielen zu spielen und zu schauen, was denn eigentlich alles dahinter steckt.

Anfangs denkt man häufig an Kinder, denn die sind ja ständig am Spielen. Dies ist meist ein positives Spielen. Man hat Spaß, kann etwas dabei lernen und verbringt eine schöne Zeit. Mit steigendem Alter spielt man dann immer weniger. Zumindest diese Art von Spielen. Allerdings ist nicht jede Art von Spielen eine rein positive. Menschen spielen auch im Stillen, ohne der anderen Person davon zu berichten. An dieser Stelle wird das Spielen nicht nur einseitig, sondern zum Teil auch manipulierend. Ich will damit nicht sagen, dass dies in jedem Fall bewusst geschieht und immer eine genaue Absicht dahinter steht, aber es kommt durchaus vor. Manchmal spielt man Menschen aber auch etwas vor, um nicht oder weniger verletzbar zu sein bzw. eine andere Person nicht zu verletzen. Ob das nun gut oder schlecht ist – darüber lässt sich streiten. Darum soll es aber an dieser Stelle auch gar nicht gehen. Sehen wir mal eben davon ab und wenden uns wieder der positiven Art von Spielen zu. Ich mag zum Bleistift auch Wortspiele sehr gern. Und auch beim Sex wird des öfteren gespielt, die unschuldigen Rollenspiele der Kindheit wandeln sich so z.B. in eine ganz andere Richtung oder allein der Begriff Sexspielzeug weist darauf hin, dass Sex durchaus einen spielerischen Charakter haben kann und hey, macht ja auch Spaß – sollte es zumindest ;). Manchmal spielt man auch einfach mit Gedanken. Es ist interessant wie weitläufig, dieser Begriff ist, aber wie oft er nur so eindimensional betrachtet wird. Zugegeben, er ist so weitläufig, dass ich irgendwie nicht so recht einen roten Faden zustande bringe. Ich springe von einem Gedanken zum nächsten. Schreibe – verwerfe. Ein Teil sagt mir, dass ich mir doch ohne weiteres ein „Spiel“ raus suchen könnte, um das Ganze einfacher zu gestalten aber ein Anderer fände das schlichtweg viel zu langweilig. Dann lieber ein holpriger Text, der nicht so einfach von der Hand geht und außerdem ist es ja auch per se nichts schlechtes. Es kann durchaus einen positiven Effekt haben einmal feste Schemata zu überwinden und den Gedanken(spielen) freien Lauf zu lassen.

R!

Nix neues im Osten?!

Es wurde scheinbar ruhiger in Leipzig Schönefeld. Die Geflüchteten sind angekommen und glücklicherweise wurden Drohungen einzelner Bürger nicht in die Tat umgesetzt. Doch was ist nun? Haben dortige Bürger nachgedacht, oder sind gar zu dem Entschluss gekommen, dass sie komplett falsch lagen? Leider nein.

Warum zeigen z.B. aktuelle Berichte über den Besuch von Schüler_innen der benachbarten Grundschule in der Unterkunft.

Geplant war, dass die dortigen Schüler_innen die Lebensbedingungen der in der Unterkunft wohnenden Menschen kennen lernen und der Dialog gesucht wird. Roman Schulz, Sprecher der zuständigen Sächsischen Bildungsagentur (SBA) meinte dazu: „Das Asylbewerberheim erhielt durch die Proteste etwas Dubioses, Verborgenes. Wir wollten es entdämonisieren und zeigen: Hier leben einfach nur Menschen in Not.” Doch seitens der Eltern gab es regen Protest. Die vor kurzem gegründete bürgerlich-rassistische Organisation „Leipzig steht auf” sprach plötzlich von einem Zwang, dort hingehen zu müssen, und eine Mutter holte sich sogar eine richterliche Anordnung, dass ihr Sohn nicht an dem Ausflug teilnehmen darf. Weitere Klagen blieben bisher aus.

Ein weiteres trauriges Beispiel dafür, dass es so ganz und gar nicht ruhig geworden ist, zeigt die NPD mit dem Bündnis „Leipzig steht auf”, das am Montag, den 03.02.2014 um 19:00 Uhr eine rassistische Kundgebung organisiert. Moment – die NPD mit dem Bündnis? Eher ist dieser Zusammenschluss lediglich eine Initiative der NPD, welche auch gegen den Moscheebau in Leipzig-Gohlis mobil macht. Ziel scheint lediglich, dem Ganzen einen seriösen Anstrich zu verleihen.

Für uns heißt das – Montag abend zahlreich in Schönefeld vor Ort zu sein und Solidarität mit den Geflüchteten praktisch werden zu lassen.

(R!)

 

Die Redaktion … fühlt

INNEN sein. innen SEIN

Wenn ich an fühlen denke, steckt da für mich meine ganze Welt drin. Ich finde, Gefühle sind etwas ganz wunderbares. Ich ziehe das Fühlen dem Denken vor. Denken strengt mich an, denn das impliziert bei mir, dass ich auch Taten folgen lassen muss. Im Fühlen aber bin ich weich und fließend. Und mit allem was ist oder nicht ist, was dem Fühlen folgt oder nicht folgt, bin ich milde und gnädig zu mir, denn es ist ja mein Gefühl. Mein tiefes Inneres – und da drinnen in mir ist alles erlaubt und alles herzlich willkommen.

Wenn ich an Fühlen denke, denke ich auch daran, mit mir im Kontakt zu sein, mit dem zu sein, was für mich zählt. Und ich denke an Wachsen. Insbesondere in den Momenten, in denen Gefühle wie Schmerz, Enttäuschung, Trauer, Ungeduld oder Wut da sind, versuche ich (mal mehr mal weniger, aber dafür immer besser) diese bewusst wahrzunehmen. Sie wahrzunehmen, indem ich sie einfach nur benenne. Und zwar ohne sie gleich zu bewerten oder, was mein Kopf sehr oft versucht, sie zu kategorisieren und den Ursprung erklärbar machen zu wollen. Und das bedeutet für mich, meine Gefühle weder festhalten zu wollen – also mich in meinem Schmerz baden, noch, sie wegzudrücken und zu ignorieren im Sinne davon, dass es ja wenn ich es mal ganz objektiv und nüchtern betrachte, schon gar nicht so schlimm ist. Bei dieser Art von Innenschau, zumindest zu den Zeitpunkten, wo mir das gelingt, spüre ich, dass daraus Entwicklungsschritte erwachsen. Im Rückblick zumindest fühlt es sich so an, Dinge zu mir genommen zu haben und zwar so wie sie waren – weder verharmlosend noch dramatisierend. Und damit fühlt es sich an, dass ich selbst die Verantwortung für mein Leben übernehme. Ich projiziere und leugne nicht und will auch nicht festhalten, was doch gerade so schön ist. Vielmehr stelle ich mich dem, was genau im Hier und Jetzt, in diesem Moment in mir ist und wachse daran, dringe in tiefe Schichten meines Selbst vor und erlebe dabei ganz bizarrerweise auch, dass ich mehr bin als meine Gefühle.

Und indem ich meinen Gefühlen so unbewertet in die Augen blicke, sie versuche einfach nur wahrzunehmen, schärft sich in mir die Gewissheit, dass ich so wie ich bin, mit all diesen meinen Gefühlen, genau richtig bin und das alles in mir sein darf. Das da drinnen, in meinem Fühlen, eine Welt – und zwar meine ganze Welt – liegt. Und der Welt da draußen, darf ich mich und meine Themen, mein Innenleben zumuten, ich darf meinen Raum haben. Das wiederum lässt mich eigenverantwortlich in meine Kraft kommen und Situationen nehmen wie sie sind. Und indem ich das tue, im besten Falle natürlich mit liebevollem Blick auf mich selbst, komme ich irgendwann ganz bei mir an und sehe immer klarer, wozu mich das Leben ruft. Ich wachse in die Person hinein, die ich bin.

Mein Blick wird frei von dem, was ich nicht habe, und geht zu dem, was ich alles habe. Er lässt mich erkennen, das ganz egal welcher Schmerz da auch war, ich alles mitbekommen habe, was ich brauche. So wachse ich in die Tiefe und stoße auf das wertvollste, das ich habe – meine Liebe.

mona d

…dieses und jenes

Gefühle sind ja ihrem Wesen nach unbeständig, unklar und fließend. Doch im Moment fühle ich mich tatsächlich verunsichert, oder besser: irritiert. Es flimmert in meinem Blick, immer mehr, je länger ich auf die Buchstaben hinstarre. Ich schließe mein eines Auge. Mit dem anderen peile ich über die Nasenspitze weg, zögere kurz, ehe ich dem Monitor links und rechts ein paar hinter die nicht vorhandenen Ohren gebe. Jetzt geht es besser, ich atme auf. Nur ein technischer Defekt, mit meinen Augen ist alles okay. Da kann ich ja weiter über Gefühle schreiben…

Männlich sozialisierte Wesen wie ich haben damit ja so ihre Probleme. Am einfachsten wäre es wohl, ich würde die Frage nach meinem Innenleben so beantworten wie Nelson, der hässliche Junge bei den Simpsons – mit einem mürrischen Achselzucken und den Worten: „In mir sind Gedärme.“ Das stimmt natürlich, technisch gesehen, ist eben nur ein wenig unterkomplex. Ich könnte auch heucheln und behaupten, dass ich gerade unheimlichen Zorn in mir fühle. Ja, Zorn! Einen rechtschaffenen Zorn natürlich, gegen Kapitalisten und Kriegshetzer, sowieso gegen Neonazis und die allgemeine Gesamtscheiße.

Aber wenn ich ehrlich bin, dann bin ich gerade mal überhaupt nicht zornig. Viel eher schon ist es ein leichter Weltschmerz, ein sanftes Gefühl von ennui (um es mal so schön frankophil bzw. frankophon zu formulieren), das mich da von innen her anrührt. Nein, ich bin nicht traurig – das Gefühl ist eigentlich ganz angenehm. Ein Gefühl von Herbst und milder, in Eichenholz gereifter Melancholie, wie sie mich regelmäßig befällt, wenn ich so rumsitze und darüber nachdenke, dass ich nun schon gut dreißig Jahre meiner Lebenszeit ziemlich zweckfrei verplempert habe. Ganz angenehm soweit. Ich sollte wohl noch mehr Schnaps trinken und mich mehr mit meinen Gefühlen beschäftigen, um auch die verbleibende Lebenszeit noch gut über die Runden zu bringen.

justus

Was fühlen…

…und wann?

Ich nehme einfach die jetzige Situation.

Ich schreibe einen Artikel für den Feierabend! und fühle Angst.

Wird der Artikel gefallen? Oder wird er zerrissen?

Er wird sicher zerrissen, antworte ich mir. Ich kann das doch nicht richtig. Mit Sicherheit bin ich nicht gut genug.

Schluss jetzt! Mach halt. Keine Angst, das wird schon, schließlich ist ja auch keiner perfekt und selbst wenn etwas geändert werden muss – passt schon. Aber doch bleiben die Zweifel und die machen es nur noch viel schwerer. Ich mache es mir quasi selber schwer. Jedes Wort wird mehrmals unter die Lupe genommen, bis es passen könnte und immer noch, bei all der „Sicherheit“ die ich langsam bekomme. Im Hinterkopf bleibt sie, diese Unbestimmte Versagensangst. Es bleibt nur dagegen anzukämpfen. Einfach schreiben. Reinhängen, denken.

Langsam wird es besser. Ich sehe was ich geschafft habe und werde ruhiger. Lese und lese dennoch immer wieder alles durch. Vielleicht ist es das, was mir die Sicherheit gibt. Ich kann es vielleicht ja doch und mach mich nur klein. Also nochmal, sage ich mir – reiß dich zusammen!

Aber die Anderen werden bestimmt viel tollere Texte haben, da kann ich ganz klar nicht mithalten.

Das Gerüst beginnt wieder zu brechen, doch nicht ganz. Immer wieder muss ich mich selber beruhigen und es funktioniert. Er ist fast fertig, der Artikel. Es wird leichter. Innere Euphorie beginnt aufzukeimen. Ich habe den Kampf mit mir gewonnen.

…Es folgt der Moment des Absendens und die Kritik der restlichen Redaktion. Der Puls steigt – was wird passieren? Die Gedanken überschlagen sich nun wieder. Aber sei es drum.Ich habe es gemacht, habe meinen Arsch hoch bekommen und geschrieben.

Und da ist es doch wie bei allem. Wir müssen es probieren, denn wenn wir das nicht machen, dann wird die Angst nie überwunden, dann bleiben wir stehen und entwickeln uns nie weiter. Also Mut zum Streit mit sich selber.

R!

Gefühlsexpertin?

Eigentlich halte ich mich ja voll für die Gefühlsexpertin: ich nehme sie bei mir und Anderen oft wahr, kann sie einordnen, reflektieren, analysieren und über Ursachen und Wirkungen philosophieren. Ständig umgeben von meinen Gefühlen, die zwischen Bergen und Tälern des Lebens wandern, machen sie mir das Leben mal leicht, mal schwer. Unbemerkt bleiben sie nur, wenn sie auf gerader Strecke laufen. Das gibt dann zwar meinem rationalen Ich mehr Raum, ist aber eigentlich auch ziemlich langweilig.

So und jetzt zum „eigentlich“ – denn eigentlich mach ich mir da auch ganz schön viel vor, mich selbst als Gefühlsexpertin zu sehen: Denn ich sehe meist nur, was ich sehen will – Negatives blende ich auch gern mal aus, wenns nicht passt oder rede es mir schön. Reflexion wird schnell zur Grübelei und die Analyse von Ursache und Wirkung verhindert vor allem eines: sie einfach mal anzugehen. Mal spontan so zu handeln, wie das Gefühl signalisiert. Nicht darauf zu achten, ob es jetzt in den Kontext passt, oder irgendwen verletzt, oder mich in komisches Licht stellt, oder die Situation ungünstig beeinflusst. Gefühle fühlen ist das eine – danach zu handeln etwas anderes. Gerade diese zweite Kunst ist noch mein Lernfeld. Aber es geht voran 🙂

momo

GEFÜHLE…

Echt jetzt? Muss ich wirklich über GEFÜHLE schreiben. Blöder B…m… Na ja, besser als über GEFÜHLE sprechen zu müssen. Da das hier ein politisches Heft ist, könnte ich ja mal erkunden, was mich da so umtreibt. Wie wäre es mit Empörung über gewisse soziale und politische Verhältnisse? Empört bin ich über die weit verbreitete Sinnfreiheit medialer Berichterstattung. Aktuelles Beispiel: Skiunfälle. Tragisch ja, aber muss das zwei Wochen lang auf Titelseiten prangen, nur weil es dem Schumi passiert ist?

Erschüttert war ich in letzter Zeit auch angesichts der rassistischen Ressentiments, die mal wieder verstärkt in der Mitte der Gesellschaft aufschwappen und sich in der aktuellen Diskussion um Flüchtlinge und Asylsuchende in Leipzig und Umland manifestieren.

Und einfach angepisst hat mich neulich ein Gespräch mit jemanden, der sich hauptberuflich als Sohn bezeichnete und dessen großes Lebensziel es ist, eine Menge Geld zu haben und sich ein schickes Auto zu kaufen, weil das ja schon irgendwie cool wäre. Idiot.

Aber wohin führt die Erkundung solcher GEFÜHLE? Im schlimmsten Fall lediglich zu einer Diskussion über diese GEFÜHLE. Mit etwas Glück aber auch zum Erkennen von Missständen und zum Drang, etwas daran zu ändern: Die sinnfreie Berichterstattung lese ich einfach nicht mehr und mache stattdessen meine eigene Zeitung. Den Alltagsrassismus akzeptiere ich nicht und gehe auf die Strasse oder werde aktiv in Initiativen, die versuchen das Leben der Asylsuchenden in den Unterkünften zu verbessern. Kapitalistische Lackaffen argumentiere ich nieder und verbreite den Gedanken von sozialem und bewusstem Konsum.

Was zu sagen bleibt: Gefühlt ist schon halb gekämpft. Also los rein ins erste Haus… Geschichte wird gemacht, es geht voran, es geht voran.

wanst

Zeckenrap: tight oder whack?

Rap als Mittel, um politische Inhalte zu vermitteln? Die Verbindung zwischen beiden ist sicher nicht neu – schon Public Enemy haben den Sprechgesang als Transportmedium für gesellschaftskritische Botschaften genutzt. Neu ist dagegen das Stichwort „Zeckenrap“, unter der diese Verbindung heute verstärkt verhandelt wird und mediale Aufmerksamkeit erfährt. Künstler_innen wie Neonschwarz, Sookee, Refpolk und andere texten gegen die herrschenden Verhältnisse, gegen Sexismus, Homophobie, Nationalstolz und alles Schlechte in der Welt. Natürlich ist solche klare Positionierung und das politische Engagement der Zeckenrapper_innen allemal sympathisch. Aber ist nicht ein wenig zu verbissen? Kommt dabei nicht die Sprachkunst zu kurz, der Flow, oder vielleicht auch die politischen Inhalte selbst, wenn aus jedem Refrain eine Parole wird? Logisch – das mag letztlich reine Geschmacksfrage sein, und über Geschmack lässt sich bekanntlich endlos streiten. Also machen wir das einfach mal! Willst du Battle, kriegst du Battle!

PRO:

„Zeckenrap“. In letzter Zeit hörte man diese Bezeichnung durchaus öfter – gerade in der linken und anarchistischen Szene. Aber auch auf Seiten wie rap.de gewinnt er langsam an Aufmerksamkeit. Aber was ist es und warum sollte man es hören? Sind es nur gerappte Parolen und ist das immer schlimm? Mehrmals hörte ich auch Stimmen, welche die Qualität des Gehörten kritisierten. An dieser Stelle möchte ich einmal auf gestellte Fragen eingehen.

Die Schlange ist lang. Alles läuft ein wenig unorganisiert, aber irgendwann ist man doch drin. Anfang des Jahres im SO36 in Berlin. Dort fand sie statt – die erste Zeckenrap-Gala. „Wir wollen der Szene nicht die Hand reichen – wir sind mehr so anschleichen, angreifen, brandzeichen tick tick boom!“ Da wird der/die geneigte Höhrer_in doch aufmerksam. Aha, was ist denn das? Und hört man weiter, kommen schnell Antworten. Es sind Leute wie Sookee, Johnny Mauser und Kurzer Prozess, welche dort auftreten. Die Texte sind vielfältig. Gesellschaftliche Missstände, wie die Vereinsamung von Individuen durch den Arbeitswahn (z.B. „Rain“ von Neon­­schwarz) oder Rassismus. Auch Anti­homophobie und Antisexismus sind Themen. Aber ebenso ganz anderes, dem Leben entsprungenes. Zeckenrap bietet also die ganze Palette an, und das Vorurteil, dass nur Parolen gerappt werden, kann sehr schnell behoben werden.

Natürlich werden Themen klar und unmissverständlich angesprochen, das ist langsam aber sicher auch mal bitter nötig bei einer Hip-Hop Szene, die leider immer noch sehr stark von Sexismus, Rassismus, Homophobie und Ähnlichem dominiert wird. Dass man dadurch bei manchen Menschen aneckt, ist unausweichlich. Aber was wäre der andere Weg? Die Themen weiterhin totschweigen? Wohl eher nicht. Ich höre schon die Stimmen der Menschen, die nun einwerfen: „Aber man muss es doch nicht so deutlich sagen und einfach besagte -ismen nicht gebrauchen, und außerdem darf doch die Sprache nicht derart eingeschränkt werden, nur weil manches plötzlich nicht mehr PC ist.“

Nun – zum Einen: Ja sicher, das gehört auch dazu und das muss auch nicht bei jedem Song immer gesagt werden. Aber es braucht meiner Ansicht nach auf jeden Fall Texte, bei denen Thematiken direkt kritisiert werden, um ein Umdenken anzuregen, auch wenn sich dadurch erst mal Einige „auf den Schlips getreten fühlen“. Und zum Anderen: Wenn man es für einen Verlust hält, wenn Bezeichnungen wie „Hurensohn“ u.ä. nicht mehr verwendet werden und man sich dadurch in seinem/ihrem Sprachgebrauch behindert sieht, dann sollte man vielleicht mal die eigene Einstellung überprüfen und überlegen, warum einem das denn so wichtig ist und ob es nicht andere Wege, Begriffe und Arten gibt, etwas auszudrücken.

Die Entwicklung schreitet schnell voran. Und Zeckenrap ist durchaus nicht immer gleich. Die Bezeichnung „Punk-Rap“ ist auch bereits gefallen, z.B. Special K. Marie Curry singt und rappt gleichermaßen. Die Beats sind wechselnd, mal an den klassischen Rap angelehnt, mal mit Electroklängen versetzt. Natürlich gibt es immer Menschen, denen dies und das nicht zusagt. Dafür ist Musik einfach auch Geschmackssache und über Geschmack lässt sich natürlich immer streiten.

Meiner Ansicht nach ist Zeckenrap eine echte Bereicherung für die „Rapszene“ – er wühlt auf, eckt an und regt Debatten an. Von mir gibt es ein eindeutiges PRO.

R!

CONTRA:

Rap als Mittel der Meinungsäußerung – eingängig, wirksam, mit viel Potential, nicht nur, was die Textfülle betrifft. Kein Wunder also, dass soziale Konflikte nicht nur in der Hip-Hop-Kultur immer wieder mittels Rap thematisiert wurden. Seien es Rassismus, Polizeigewalt oder die üblichen Probleme, die so ein Kapitalismus mit sich bringt.

Doch was heutigen deutschsprachigen „politischen Rap“ vom ursprünglichen, in der Hip-Hop-Kultur angesiedelten veränderungswilligen Sprechgesang unterscheidet, ist die soziopolitische Verortung der Musiker_innen und die damit einhergehende linksradikale Attitüde. Gerade in einem Land wie der BRD, in der die deutsche Vergangenheit tiefgehende politische Beschäftigung und ebenso tiefe Gräben zwischen linken Spektren ausgelöst hat, ist Rap kaum mehr ein Mittel, mit dem Unüberzeugte agitiert werden können. Im Gegenteil sind mit Beats unterlegte Kampfparolen ein noch schlechteres Mittel als Flugblätter auf Demonstrationen. So wie die Demos, die von massiver Staatsgewalt umrahmt nicht nur räumlich vom Rest der Gesellschaft isoliert werden, so isolierten sich über die Jahre auch linke Rapper_innen, die sich textlich radikalisierten. Anarchist Academy hätte schon in den 90ern als warnendes Beispiel dienen sollen. Den Mangel an Flow und Rhythmusgefühl mit dem aggressiven Style brennender Barrikaden zu ersetzen, führte nicht zum erhofften revolutionären Anstoß. Im Gegenteil, die Combo stieß damit in der Rap-Szene auf Widerstände, die eine Rezeption ihrer im Grunde inhaltlich wertvollen Texte behinderten. Die rebellische Attitüde, die Public Enemy noch zum Welterfolg verhalf, ist in Zeiten der immer stärkeren musikalischen und politischen Ausdifferenzierung eher ein Stein im Weg der „Aufklärung“ der Massen. Und sei es nur der jugendlichen Massen.

Doch nicht nur für agitatorische, aufklärerische Inhalte sollte gelten, sie besser in vermittelbare Form zu bringen. Auch das klassische Empowerment in Texten, die auf’s erste Hören unpolitisch daherkommen, birgt ein weitaus größeres emanzipatorisches Potenzial als der radikale Duktus, mit dem mitunter gegen Bullen und Kapital angesungen wird. Lieber guter Rap mit Liebe zum Hip Hop und dem ein oder anderen gesellschaftskritischen und politischen Einschlag als politischer Rap, bei dem die Form um den Text herum austauschbar geworden ist und lediglich dem Zeitgeist folgt.

Wie auch die Bezeichnung „Zeckenrap“, die mittlerweile als probate Eigen­beschreibung einer subkulturellen Identität zu Selbstvertrauen verhilft, gleichermaßen ein Symbol für das abschreckende Moment heutigen politischen Raps ist. Die meisten Menschen wollen nicht agitiert werden, sie wollen die Wahrheit nicht übergeholfen bekommen. Auch nicht mit musikalischen Mitteln. Es sollte eher gelten, Rap als Mittel zu erkennen, mit dem Inhalte vermittelt werden können, nicht vertont. Es sollte gelten, in erster Linie Musik zu machen. Musik, die durch ihre Authentizität den Themen Gehör verschafft, da wo eine politische Überladung nur den Zugang versperrt. Freilich nicht für die linksradikale Szene, die gern Rap hört, selbst. Dort funktioniert Zeckenrap als identitätsstiftendes (sub)kulturelles Medium hervorragend. Aber es wird aus diesem Sumpf heraus niemand in die Breite der Gesellschaft, und sei es nur der Hip-Hop-Kultur, Botschaften senden können wie einst Looptroop mit „Fort Europa“ oder KRS One mit „Sounds Of The Police“. Übrigens kein Zufall, dass KRS auf dessen B-Seite mit „Hip Hop vs. Rap” den grundlegenden kulturellen Punkt gleich mit ansprach: Rap will gelebt werden. In einer Kultur, die dieser Ausdrucksform einen sozialen und künstlerischen Rahmen bietet. Daher ist dies weniger ein Contra politischer Rap, als vielmehr ein Pro Rap und Pro Hip Hop.

shy

Nebenwidersprüche

Der gemeine Deutsche

Erfahrungsbericht: Versammlung zur Unterbringung von Asylbewerber_innen

Stellen Sie sich vor, Sie fliehen aus einem Land auf der Suche nach neuen Perspektiven, aber wo Sie ankommen, warten eine Sammelunterkunft, Arbeitsverbot, Kontrolle der Privatsphäre und ständige Angst vor der Abschiebung zurück in das, wovor Sie geflohen sind.“

Allein das ist, wenn man so darüber nachdenkt, schon mehr als unmenschlich. Doch was ich im Folgenden beschrieben werde, übersteigt sogar meine bisherige Vorstellungskraft. In Rackwitz, bei Leipzig, soll ein Asylbewerber_innenheim entstehen und eben das stand am 29.08.2013 auf der Tagesordnung einer Bürger_innenversammlung. Etwa 180 Asylbewerber_innen sollen im Landkreis Nordsachsen, genauer gesagt im ehemaligen Lehrlingswohnheim, welches schon seit Jahren leer steht, bis Ende des Jahres 2013 untergebracht werden, und das gefällt vielen Rackwitzer_innen so gar nicht.

Rackwitz – 29.08.2013. Zu viert kamen wir an. Wir befürchteten schon ein wenig, das Rathaus nicht zu finden, aber als wir von Ferne eine Menschentraube sahen, war uns klar, wo unsere Reise hinführt. Und der Schein betrog uns nicht. Das Rathaus war bereits voll – ab und an hörte man von draußen laute Rufe und Gejubel durch die offenen Fenster. Was waren das für Leute? Einige standen in ihren Arbeitssachen dort, die meisten sahen eher unscheinbar, bürgerlich aus. Die Leute unten waren eher angespannt und sichtlich unzufrieden, dass sie nicht mit rein konnten. Ein ganz Engagierter rief dann aus dem Fenster des Rathauses, dass die Sitzung in der größeren Sporthalle weitergeführt werde. Also hieß das auch für uns – hin da, mit all den guten Deutschen.

Das Gefühl, das mich bewegte, als wir so vor der Turnhalle standen, lässt sich schwer beschreiben. Unbehagen trifft es am ehesten, immerhin wurden wir schon mehrmals fotografiert und mit Misstrauen beobachtet, aber wir wussten auch, dass wir es uns nicht so anmerken lassen dürfen… „die merken das“, da wir irgendwie nicht in die allgemeine Stimmung „der Hetze“ passten.

Als sich die Sporthalle füllte, manifestierte sich in mir dieses schon beschriebene Unbehagen, da nun alle nicht draußen ausgebreitet dastanden, sondern fast Schulter an Schulter in einer Halle waren.

Michael Czupalla (CDU) beginnt zu sprechen – leichte Worte – nur Fakten. Selbst das ist schon zu viel. Der deutsche Mob brüllt aus Leibeskräften: „Das interessiert uns nicht!“, „Unsere Kinder!“ und ähnliches. Er versucht es weiterhin, aber die Leute scheint das nicht im geringsten zu interessieren. Sie verneinen alles. Schreien „Lüge! Lüge! Lüge!“ usw.

Es folgt ein Hitlergruß.

Weder Polizei (gerade mal ein Polizist ist vor Ort) noch anwesende Politiker_innen sagen etwas dagegen. Stattdessen die Bitte des Politikers einmal ausreden zu dürfen. Das Zuhören fällt immer schwerer. Der Kreis um ihn verdichtet sich.

„Du Ochse“, ist aus dem Publikum zu hören.

„Dann brennen eben 200!“

Czupalla wird ein NPD Plakat überreicht. Greller Jubel – die Halle bebt. Ich fühle mich irgendwo zwischen Unverständniss, Ekel, Angst,…

„Demokraten raus!“, erklingt es aus der jubelnden Meute und erntet noch mehr Applaus.

Es folgt eine Rede von Christoph Wieland (NPD), wobei ich interessant finde, dass die NPD nicht einmal direkt erwähnt wird. Das schwimmt immer zwischen den Zeilen. Wieland wird fröhlich aufgenommen, und als er meint, dass angeblich bereits 1.232 Unterschriften gegen das Heim gesammelt wurden, freut sich der deutsche Mob wieder.

Dann ist es soweit – es musste ja so kommen. Der beliebte Spruch „Wir sind das Volk“, hallt durch die Halle. „Menschenrechte?“, und direkt danach „Wir haben auch Rechte!“ So war die Antwort, als Czupalla versuchte zu erklären, warum Flüchtende ein Recht auf Asyl haben.

Ob den Leuten bewusst war, welche Ironie in dieser Aussage steckt? Ich weiß es nicht, bezweifle es aber. Just in dem Moment fällt mir die starke Bedrängung Czupallas auf. Wo er anfangs noch ausreichend Platz hatte und eine Wand hinter sich, war er nun komplett von bürgerlichen Rassisten umringt. Die aufgebrachte Stimmung wird immer mehr zum Bedrohungszenario.

Der Mob tobt.

Es ist die Rede davon, die Montagsdemo wieder einzuführen.

Das Letzte, was wir dann noch klar verstehen können, ist – „Na ihr wisst ja, was ihr zu wählen habt.“

Dann verkommt es zu einem dauerhaften Gebrabbel mit vereinzeltem Applaus. So verlassen wir dann mit bitterem Nachgeschmack diese Turnhalle.

R!

Lokales

Die Identitären – alter Rassismus im neuen Gewand

Große Reden von Volk und Kultur. Hetze gegen Muslime aber nach eigenen Aussagen 0% Rassistisch. So geben sich die „Identitären“ auch gewollt jugendlich und es scharen sich gerade Online mehrere tausend Mitglieder und Sympathisant_innen um sie.

Die Identitäre Bewegung Deutschlands geht auf den französischen Bloc Identitaire zurück (eine Nachfolgeorganisation der Unité radicale, welche 2003 in Frankreich gegründet wurde). Im Oktober 2012 besetzten Mitglieder der nun wiederum neu gegründeten Génération Identitaire ein Moscheedach in Poitiers. Dies ist der Ort wo Karl Martell, der Heerführer der Franken, 732 ein Heer muslimischer Eroberer besiegte. Schnell schwappte die Bewegung der „Identitären“ nach Österreich über. Dort wurde ebenso im Oktober 2012 von ca. zehn mit Affen- und Schweinemasken Vermummten der Caritas-Workshop „Tanz für Toleranz“ in Wien mit rassistischen Parolen gestört und die Anwesenden schockiert. Es dauerte natürlich nicht lange, dass sie auch in Deutschland auf „fruchtbaren Boden“ stießen.

Wenn man einschlägigen Seiten glaubt, so gibt es hier bereits unter anderem in Berlin, Dortmund, Dresden, Essen, Hamburg, Köln, München und Leipzig Zusammenschlüsse.

In pseudolyrischen Texten rücken sie sich in den Opferstatus. Sie bezeichnen sich als orientierungslos und entwurzelt. Doch das ist nicht alles. In langen Reden nehmen sie die Krise zum Anlass, ihre menschenverachtenden Schlüsse daraus zu ziehen. So wird z.B. skandiert: „Eure multikulturelle Gesellschaft bedeutet für uns Hass und Gewalt.“ Andererseits will man aber nicht als Rassist dastehen, um mehr Menschen zu erreichen. Bei Sprüchen wie: „100% Identitär 0% Rassistisch“ muss man auf ihren Internetseiten, welche auch bewusst in erster Linie bunt, poppig und gewollt jugendlich daherkommen, erst einmal genauer hinsehen. Schnell wird aber klar, dass der Begriff der Rasse einfach durch den der Kultur ersetzt wird. Kurzum, das Ziel ist die „Bewahrung einer nationalen Identität“ welche sie durch die Krise, deren Ursprung sie in erster Linie in der, ihrer Aussage nach, Masseneinwanderung und Überfremdung ausmachen, bedroht sehen. – „Identität ist bunt, nicht braun und auch nicht Multikulti“.

Ihr Logo ist der elfte Buchstabe des griechischen Alphabetes ‘Lambda‘ auf schwarzem Grund.

Neu? Ist irgendetwas aus „der neuen Rechten“ wirklich neu? Natürlich nicht. So wurde dieses Symbol bereits von den Spartanern genutzt. Bewusst? Nun gehörten die Spartaner, wenn man den Berichten glauben darf, auch nicht gerade zu den nettesten Menschen – die Kinder wurden zu Kampfmaschinen erzogen und Frauen bekamen nur dann einen Grabstein, wenn sie im Kindbett starben und vieles mehr. Wenn jedoch von ihnen berichtet wurde, wie z.B. im Film „300“, wurden sie als Helden dargestellt. Als Kämpfer für Demokratie und Freiheit.

Langsam erkennt man, dass es hier wohl um eine fadenscheinige Identität geht. So sollen lediglich schnell neue Mitglieder geworben werden. Es gilt Vielfalt und Pluralismus einzusetzen. Neurechten Ethnopluralismus: Frankreich DEN Franzosen. Österreich DEN Österreichern und Deutschland eben DEN Deutschen. „Völkervielfalt statt Einheitsmensch“, Trennung nach Kultur und „Rasse“. Im Grunde sehen wir hier also nur Rassismus im neuen Gewand.

Nun, was soll man also davon halten? Nichts Gutes natürlich, aber geht eine Gefahr von dieser Bewegung aus? Meiner Ansicht nach schon, wenn auch keine akute. Ihre Hetzreden passen leider in vielen Fällen zum bedauerlicherweise weit ausgeprägten bürgerlichen Rassismus. Durch das „junge Auftreten“ scheinen sie vertrauenswürdig und in Zeiten, in denen Frei.Wild-Fans beinhart behaupten, dass die Band nicht rechts sei, merkt man, wie schnell sich Leute mitreißen lassen, ohne dabei nachzudenken. Auch bei Bürgerverbänden wie „Pro Köln“, „Ausländerstopp in München“ und vielen anderen zeigen sich die zum Teil schon starken rechten Tendenzen der bürgerlichen Mitte. Eine bereits erfolgte Zusammenarbeit der „Identitären“ mit NPD und JN zeigt deutlich auf, in welche Richtung sie sich bewegen. So ist etwa auf Facebook zu lesen: „eine identitäre Liebe – JN!“. Ein gemeinsames Zeichen der JN und der Identitären scheint eine weiße Hand auf schwarzem Untergrund zu sein. Gemeinsam wurden und werden bspw. Aufkleber mit einem Menschen, welcher eine Hand vorstreckt, mit einer Bildunterschrift wie z.B. „Volk, Heimat, Freiheit“, „Familie ist Revolution“ und andere dargestellt. Das wiederum ist aber auch noch nicht alles. Die „Identitären“ wollen raus ins wirkliche Leben, mittlerweile kann man im Onlineshop „blauenarzisse.de“ auch Werbematerial erwerben und in Dresden entsteht ein Zentrum für Jugend, Identität und Kultur. Mitorganisiert wird es von Felix Menzel, BN-Chefredakteur aus Chemnitz, Mitglied der pennalen Burschenschaften Theodor Körner zu Chemnitz sowie Germania zu Straßfurt, außerdem Gruppenführer im extrem rechten Freibund – Bund Heimtreuer Jugend. Weiterhin leitet er den als gemeinnützig anerkannten Verein Journalismus und Jugendkultur Chemnitz e.V.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Sache entwickelt. Bis dahin heißt es, Augen und Ohren offen zu halten…

R!

NazisNixHier