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Kiffen, Koksen, Saufen, Rocken, Sterben

Da werden sich einige unserer Stammleser_innen beim Anblick des Titelbilds gefragt haben, ob sie wirklich den neuen Feierabend! in den Händen halten oder wir das libertäre Leipziger Leitmedium mittlerweile an die Springer AG verhökert und uns einen Altersruhesitz in Plaussig-Portitz zugelegt haben.

Nichts von alledem, nur die Erleuchtung höchstselbst war es, die uns ereilte. Man kann ja schlechtes über‘s Missionieren sagen und meckern, pöbeln, motzen – doch eines hat uns schlicht die Augen geöffnet und uns zu dieser Titelbildhommage inspiriert.

Ein Buch, so voller Wahrheit und Offenbarung, dass schon der Titel mir sündigem Empfänger ein Gefühl der himmlischen Geborgenheit gab, bevor sich die 37 packenden Reportagen gänzlich in mir entfalten konnten. Nicht einfach nur ein paar Schritte weiter von der Hölle entfernt, sondern die Rettung meiner Seele zum Greifen nah.

Ein kurzer Griff zum Katholikentag war es auch, der das kleine ergreifende Büchlein in meinen Besitz brachte und der Soulsaverin*, die sich aufopferungsvoll dem Verschenken des „DyingStars“ verschrieben hatte, ein Lächeln auf‘s Gesicht zauberte. Vom Greifenden zum Ergriffenen durch fesselnde Biografien verstorbener Stars wie Michael Jackson, Amy Winehouse und James Brown. Und neben den eingehenden Beschäftigungen mit Toten einer auf den Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll-Punkt gebrachten Lebensweise auch höchst ironische Erkenntnisse wie in der Einleitung: „Party, Rausch, Musik und Sex und alles so oft und so exzessiv wie möglich. […] Das ist ganz schön kaputt und führt ins totale Elend. Einsam, krank und süchtig verenden sie als no name in irgendeinem dreckigen Loch.“

Richtig ernst wird es dann aber schnell, bspw. beim „Schriftsteller, Drogenkonsument und Waffenfetischist“ William S. Burroughs: „Er wurde 83 Jahre und ein reicher und berühmter Schriftsteller, der in dem letzten Drittel seines Lebens noch die erstaunlichsten Eskapaden in anderen Genres vollführte.“ Der Titel ist bei diesem Buch Programm, die meisten Biografien der verstorbenen Stars lesen sich, als hätten die Autor_innen hier wirklich selbst den Sex, die Drugs und den Rock‘n‘Roll im Blut.

Über Ahmet Ertegun, den Begründer von Atlantic Records, der sich nach erfülltem Musik-Leben und anderen unternehmerischen Höhepunkten im Alter von ebenfalls 83 Jahren auf einem Stones-Konzert durch einen Sturz eine Gehirnblutung zuzog, an der er später verstarb, heißt es: „Ein würdiger Rock‘n‘Roll-Abgang: Er starb wirklich für seine Leidenschaft!“

So klar die betörende Botschaft auch sein mag, rhetorische Fragen à la „Ist es wirklich so erstrebenswert, als Star in die Annalen der Geschichte einzugehen? Ist es wirklich erstrebenswert, ein Leben im rhythmischen Rausch zu führen?“ konnten mich nicht über die bittere Wahrheit hinwegtäuschen: „Alle Träume, die uns Hollywood und die Popindustrie verkaufen, werden spätestens mit dem Tod wie Seifenblasen zerplatzen.“ Hier holten mich die Autor_innen dann vom Himmel wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Durchsetzt werden die morbid-motivierenden Reportagen immer wieder mit Ratschlägen und Zitaten eines gewissen Jesus. Hier haben die Soulsaver mich leicht in die Irre geführt, letztlich aber wahren Einblick in die Tiefen des Rock‘n‘Roll bewiesen. Denn dass gerade der als Jesus Christ Allin geborene „commanding leader and terrorist of Rock‘n‘Roll“** GG Allin dem Buch posthum einen roten Faden verleihen darf, ist angesichts der mannigfaltig beschriebenen Exzesse eine Offenbarung ohnegleichen.

Eine unbedingte Leseempfehlung also, dieses kleine Büchlein mit dem gewaltigen Inhalt sollte seinen Platz neben jeder gut sortierten Feierabend!-Sammlung finden. Wer nicht das Glück hat, bei einem Katholikentag ein Exemplar persönlich überreicht zu bekommen, bestellt es am besten bei soulbooks.de zusammen mit dem Vorgänger „Rock im Sarg“. Im 100er Pack.

Danke Soulsaver, rock on!

shy

 

*http://soulsaver.de

**aus: „GG Allin Manifesto“

Vom Denken in schwierigen Zeiten

Über Johannes Agnolis „Die Subversive Theorie“

Ein kluger Mensch – ich glaube, es war Christian Riechers – hat den Marxismus mal als eine „Theorie der Niederlage“ bezeichnet. Der Gedankengang dahinter ist so schlicht wie einleuchtend: In einer revolutionären Situation, wenn die Leute massenhaft revolutionär handeln, ergibt sich das entsprechende revolutionäre Denken von selbst. Schwieriger sind die Flauten zwischen solchen Zeiten, die oft mehrere Jahrzehnte dauern, wo zwar die Verhältnisse genauso elend sind, wie sie es den größten Teil der Menschheitsgeschichte über waren, aber jeder Widerstand fast aussichtslos erscheint – und gerade dann braucht es die Theorie, wenn mensch sich von der schlechten Realität nicht vollends blöd machen lassen will.

In diesem Sinne verstand auch Johannes Agnoli seine „Subversive Theorie“, oder, um die Sache mal aufzudröseln, die Aufgabe der Subversion wie der Theorie – als Gegenmittel für schlechte und Vorarbeit für bessere Zeiten. Oder, in seinen eigenen Worten, gerade dann, wenn „die Revolution gezwungen ist zu überwintern, [ist] ein Impuls zu Subversion notwendig […], sei es, um die soziale Spannung, oder sei es, um die Hoffnung auf eine radikale Änderung aufrechtzuerhalten.“ Die entsprechenden Gedankengänge entwickelte Agnoli in einer Vorlesungsreihe, die im Oktober 1989 begann – also in schöner Parallelität zu den weltgeschichtlichen Ereignissen, in denen der östliche „real existierende Sozialismus“ sein keineswegs bedauerliches Ende fand.

Nun ist die „Subversion“ als Begriff in den letzten Jahrzehnten schon arg geschunden und überdehnt worden – wenn irgendwer sich irgendwo ein irgendwie revoluzzerhaft-widerständiges Ansehen geben will, dann muss fast immer die arme Vokabel „subversiv“ dafür herhalten. Agnoli benutzte den Begriff allerdings anders, im präzisen, hergebrachten Sinne: „subvertere, das Unterste nach oben kehren, umstülpen“, also ganz im Sinne des von Marx formulierten kategorischen Imperativs, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ Das ist nicht neu, aber die Klassengesellschaft ist ja auch eine jahrtausendealte abgeranzte Scheiße – solange uns dermaßen alte Probleme belästigen, bleiben die alten Forderungen aktuell.

Freilich ist die Klassengesellschaft von den sozialen Klassenkämpfen, von „oben“ wie von „unten“, stetig neu geprägt und verändert worden. So gibt es logischerweise auch nicht die Subversion, die eine Subversion schlechthin als irgendwie außergeschichtliche Größe, sondern vielmehr viele Formen der Subversion – und diese versuchte Agnoli in seinen Vorlesungen, durch die (europäische) Geschichte hinweg zu verfolgen und nachvollziehbar zu machen. Ein einigermaßen ambitioniertes Unterfangen, das aber in seiner Durchführung keineswegs so trocken ausfällt, wie mensch vielleicht befürchten könnte. Dafür sorgen nicht nur Agnolis Humor und seine lockere Vortragsweise. Vielmehr zeigt er in seiner Untersuchung immer wieder auf, dass die Konflikte „von früher“ auch heute noch nicht erledigt sind, und verdeutlicht, wie weit wir uns heute noch in den Fluchtlinien vergangener Klassenkämpfe bewegen.

Dabei ist der gespannte Bogen denkbar groß: Von Eva angefangen (wobei Adam eher schlecht wegkommt), geht es weiter über die griechische Sophistik, die Auseinandersetzungen zwischen Plebs und Patriziern im alten Rom, die millenaristischen Sekten des Mittelalters bis in die Neuzeit hinein, zu den Levellers und Diggers der englischen Revolution und zu den französischen Enzyklopädisten. Agnoli widmet sich also nicht nur den Bewegungen „an der Basis“, sondern macht – fast im Vorübergehen – deutlich, welche gesellschaftlichen Konflikte sich hinter vielen philosophischen und theologischen Debatten der Vergangenheit verbargen. Auch die Geschichte der Religion ist eben eine Geschichte von Klassenkämpfen, und die Geschichte der Philosophie sowieso.

Nun sind die ausgeteilten Denkanstöße zu zahlreich, als dass sich hier im Einzelnen auf sie eingehen ließe. Als Anregung zum kritischen Gebrauch des eigenen Hirns – als Mittel also, um sich den herrschenden Verhältnisse gegenüber wenigstens ein Stück gedankliche Freiheit zu erarbeiten – taugt diese „Subversive Theorie“ jedenfalls allemal sehr gut. In der Provinz Deutschland wird es wohl noch etwas länger dauern, bis sich wieder eine revolutionäre Situation ergibt. In der Zwischenzeit lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.

[justus]

 

Johannes Agnoli: „Die Subversive Theorie. ‚Die Sache selbst’ und ihre Geschichte“, Schmetterling Verlag 2014, 266 Seiten

Anarchismus zwischen den Stühlen

Errico Malatestas anarchistische Interventionen

Als „hochangesehener Querkopf der anarchistischen Bewegung“ wird Errico Malatesta im Klappentext des neuen, von Philippe Kellermann zusammengestellten, eingeleiteten und informativ kommentierten, Malatesta-Sammelbands„Anarchistische Interventionen“ bezeichnet. Die Bezeichnung trifft es recht gut, wie in diesem Buch, das repräsentative Artikel aus Malatestas Gesamtwerk von 1892 bis 1931 versammelt, deutlich wird.

Warum aber ein Querkopf? Generell wird Malatesta als von Bakunin beeinflusst und zunehmend dem anarchokommunistischen Spektrum nahestehend beschrieben. Ein Querkopf war er u.a. deshalb, weil er sich dennoch nie wirklich einer einzigen anarchistischen Richtung in die Arme warf, sondern sich eher immer zwischen vielen anarchistischen Stühlen bewegte. Er bezog sich auf Unterstützenswertes aus unterschiedlichen Traditionen, kritisierte aber ebenso unaufhörlich diese oder jene Szene, wenn ihm etwas zuwiderlief.

Ein gutes Beispiel ist hier die Frage der Organisation und des (Anarcho-)Syndikalismus. Für Malatesta waren zwei Dinge klar: der Anarchismus muss einerseits eine Massenbewegung und andererseits in der ArbeiterInnenklasse verankert sein. Er trat dafür ein, dass sich AnarchistInnen organisieren sollten und kritisierte anarchistische Tendenzen, die jeden Grad an Organisa­tion als autoritär und anarchismusfeindlich abtaten. Nun mag man bei solchen Vorlieben davon ausgehen, dass sich Malatesta vor allem in anarchosyndikalistischen oder plattformistisch-anarchokommunistischen Zusammenhängen wohl gefühlt hätte. Hat er auch. Dennoch trat er immer wieder als Kritiker beider Strömungen auf. Die (Anarcho-)SyndikalistInnen seiner Zeit kritisierte er dafür, dass sie sich selbst genügten, bei der Organisation und ihrem Engagement entlang gewerkschaftlicher Belangen (die für ihn potentiell reformistisch und nicht revolutionär waren) stehen blieben. Dies allein war ihm zu wenig und er forderte explizit anarchistische Organisation, die dann wiederum die Gewerkschaften beeinflussen sollten. „Klingt nach Plattformismus“(*), möchte man meinen. Doch dieser 1926 von russischen ExilanarchistInnen – unter ihnen Machno und Arschinoff – formulierte Organisationsentwurf, für den er durchaus gewisse Sympathien hatte, war ihm dann doch zu rigide und er befürchtete, wie viele andere AnarchistInnen seiner Zeit, eine „Bolschewisierung“ des Anarchismus.

Ein großer Verdienst Malatestas war seine Rolle als standhafter Kritiker der AnarchistInnen rund um Kropotkin, die sich während des Ersten Weltkriegs zu einer Pro-Kriegshaltung (auf Seiten der Entente) hinreißen ließen. Die beiden Texte „Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen“ (1914) und „Anarchisten als Regierungsbefürworter“ (1916) vermitteln einen guten Eindruck von diesem damals wütenden Grabenkampf in der anarchistischen Bewegung – auch wenn die Pro-Kriegsfraktion glücklicherweise eindeutig in der Minderheit war. Zum unvermeidbaren Zerwürfnis mit Kropotkin kam es dennoch. Eine schmerzliche Erfahrung für Malatesta.

Auch bezüglich der Gewaltfrage, die sich hieran anknüpft, lohnt es sich, bei Malatesta näher hinzusehen. Hier erscheint er zeitweise recht widersprüchlich. Einerseits wird man beim Lesen des Sammelbandes mit dem Gewaltkritiker Malatesta konfrontiert, der auf die schädlichen und antiemanzipatorischen Dynamiken von Gewaltanwendung hinweist, andererseits pochte er aber gleichzeitig beständig auf nichts weniger als den bewaffneten Aufstand der ArbeiterInnenklasse, auf eine Revolution, die auf ein militärisches Kräftemessen mit dem Staat hinausläuft. Dabei war er aber wiederum ein Gegner individueller Attentate und (terroristischer) Gewalttaten – der sog. „Propaganda der Tat“. Man sieht, der Mann lässt sich nicht so einfach in eine Schublade stecken.

Die Tatsache, dass Malatesta eben jener „anarchistische Querkopf“ war, macht das Lesen dieses Sammelbandes so spannend, weil man ständig damit beschäftigt ist, seine eigenen Standpunkte einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Er setzt sich nicht einfach in ein gemachtes anarchistisches Nest, sondern wägt ab, prüft, reflektiert, stellt Fragen und gibt auch Antworten – die man dann selbst wiederum überdenken kann. Malatesta ist auch heute noch ein Anarchist, dessen Ideen nicht in die Mottenkiste, sondern wieder und immer wieder kritisch diskutiert gehören. „Anarchistische Interventionen“ ist eine ausgezeichnete Basis für diese Diskussion.

Sebastian Kalicha

Errico Malatesta: „Anarchistische Interventionen. Ausgewählte Schriften ( 1892 – 1931)“. Herausgegeben von Philippe Kellermann. Unrast Verlag, Münster 2014, 244 Seiten, 14,80 Euro. ISBN: 978-3-89771-921-7

(*) Plattformismus bezeichnet einen 1926 von russischen ExilanarchistInnen formulierten Organisationsentwurf. Er strebt gut durchorganisierte anarchistische Gruppen an, die auf einer gemeinsamen und verbindlichen politischen, anarchokommunistischen Basis aufbauen.

Wo es keine Dilettanten und Laien gibt…

Anarcho-Poetry“ is for everyone

Bei dem Titel des kleinen, mir hier vorliegenden Gedichtbandes – „Hoch lebe sie die Anarchie!“ von Ralf Burnicki mit Zeichnungen von Findus – ist mensch versucht zu denken „Reim dich oder ich fress dich“. In der Tat: Der Titel lässt Schlimmstes befürchten.

Aber diese Sorge kann den Leser_innen gleich wieder genommen werden. Die Dichtung Ralf Burnickis besteht nicht in vierzeiligen Versen, die sich am Ende reimen. Im Gegenteil, der Dichter bewegt sich auf dem schmalen Grad zwischen Prosa und Poesie. Man könnte die einzelnen Gedichte tatsächlich für Kurzgeschichten halten, wenn sie denn einen Plot hätten, also eine Geschichte erzählen würden.

Es ist letztlich schwer zu beurteilen, ob sie das tun oder nicht. Sie haben zwar meistens keinen Plot, aber durchaus einen roten – oder vielmehr: schwarz-roten – Faden. Was Burnicki erzählt, hat durchaus immer ein Leitmotiv, das aber ganz woanders enden kann als erwartet. Es sind tatsächlich die Wörter, die Begriffe, die seine Dichtung zusammenhalten. Und die sind dann doch von ganz anderer Qualität als der Titel: Da fallen Mittage von den Chefetagen wie Steine, ziehen Fragen ins Sperrgebiet und die Eintagswut stirbt in Nachtlokalen. Burnickis Sprachempfindsamkeit zeigt sich schlicht immer wieder in ungewöhnlichen Wortkombinationen, die alltagssprachlich keinen Sinn ergeben, deren Sinn die Leser_innen aber trotzdem sofort erfassen können: Der Nicht-Sinn ist in dem veränderten Kontext der Dichtung völlig logisch.

Damit ist der Inhalt des Gedichtsbandes recht abstrakt und dem Zeichner Findus fällt die nicht ganz einfache Aufgabe zu, diese abstrakten Inhalte real zu zeichnen. Das ist wohl kaum anders lösbar, als Findus es gemacht hat: Er hat sich einzelne Zeilen, einzelne Sinnzusammenhänge, aus den Gedichten genommen und sie illustriert – meist sehr flächig in schwarz und weiß, im Stile von Stencils etwa. Einige dieser Motive wird man sicherlich irgendwann an Haus- und Fabrikwänden wiederfinden.

Hintangestellt an das Gedichtbändchen ist der literaturtheoretische Beitrag „Allgemeine Kriterien einer anarchistischen Ästhetik am Beispiel von ‚Anarcho-Poetry’ und: Wozu überhaupt ‚Anarcho-Poetry’?“ Aber auch ohne diesen Bei­trag gelesen zu haben, lassen die Gedichte für sich be­reits eine Re­flexion zu. Denn letztlich: Jede Kunst versucht immer – sehen wir von dezidierter Propaganda, etwa aus dem rechtsextremen Spektrum ab – ohne gesellschaftliche Konventionen auszukommen oder über diese hinauszugelangen. In einem bestimmten Sinne sind Literatur, Gemälde, Fotografie immer „anarchistisch“. Theodor W. Adorno hat 1965 in seinem Beitrag „Engagement!“„autonome“ und „engagierte“ Kunst differenziert und der autonomen Kunst den Vorrang eingeräumt – auch in dem Sinne, dass diese politisch mehr bewirke. Ein Beispiel: Die Absurdität des kapitalistischen Gesellschaftssystems wird in Franz Kafkas „Der Process“ oder „Das Schloss“ deutlicher als in vielen Stücken Bertold Brechts. Und „Autonomie“ ist ein schöner literarischer Anspruch, wenn die Ästhetik anarchistisch sein soll.

In dem Sinne verstehe ich die „Anarcho-Poetry“ Burnickis durchaus ganz autonom als eine, die sich von künstlerischen, aber auch politischen Zwängen frei macht, sich aber spezifisch „Anarcho“ nennen kann, weil der Autor seine Wortspiele auf dem Wissenshintergrund des anarchistisch engagierten Menschen macht: Barrikaden, schwarze Fahnen, Demonstrationen und Revolutionen kann können künstlerisch aneinander gereiht werden, ohne in plumpe Parolen zu verfallen. „Hoch lebe sie, die Anarchie!“ ist dann ein augenzwinkender Titel.

Ralf Burnicki sieht das dann aber doch anders, wie der genannte Schlussaufsatz zeigt. Im Sinne des politischen Anarchismus fordert er gemeinsam mit Michael Halfbrodt einen Zweck-Mittel-Zusammenhang, eine politische Inhaltlichkeit („Entlarvung herrschaftlicher Bedingungen“, „Lob der Herrschaftslosigkeit“) und die Einbettung in ein anarchistisches Umfeld. Ganz der Idee verpflichtet, ist dies aber natürlich kein Regelkatalog, sondern „Anarcho-Poetry“ kann immer vorschlagsweise so sein. Am sympathischsten ist in diesem Zusammenhang die soziale Komponente, die für die anarchistisch geprägte DIY-Kultur immer auch schon in anderen Bereichen (Punk und HipHop, Fanzines) relevant war: Literat_innen sind keine Expert_innen für Literatur, die mehr oder weniger können als andere, sondern jede_r kann „Anarcho-Poet_in“ sein.

Übrigens kann dann auch jede_r Literaturkritiker_in oder -rezensent_in sein und braucht dafür kein Germanistik-Studium und muss weder Adorno, noch Brecht oder Kafka gelesen haben. Mensch kann das einfach gut finden. Interpretieren mussten wir ja alle schon genug in der Schule, und ob das richtig oder falsch war, war in gewisser Weise immer eine willkürliche Entscheidung der Lehrer_innen. Abschließend daher die durchaus anarchistische Empfehlung: Einfach mal lesen – und anschauen! – und genießen.

Teodor Webin

Ralf Burnicki & Findus: „Hoch lebe sie die Anarchie! Anarcho-Poetry.“ Verlag Edition AV, Lich 2014. ISBN 978-3868411027, 45 Seiten, 9,80 €.

Rezension: Gai Dáo #44

Seit gut drei Jahren erscheint nun schon die Gai Dáo, die Zeitschrift der Föderation deutschsprachiger AnarchistInnen, und zwar mit schöner Regelmäßigkeit monatlich. Da könnten wir von der FA!-Redaktion fast neidisch werden, auch wenn´s natürlich albern wäre – Zeitschriftenmachen ist schließlich kein Wettbewerb. Aber es nötigt schon Respekt ab, weil die Gai Dáo sich zugleich auf inhaltlich konsequent hohem Niveau bewegt.

Schön auch, dass in der Zeitschrift viel Platz für Debatten und Polemiken ist (das ist in der hiesigen anarchistischen Szene ja sonst eher unüblich). So wird hier ein Artikel über Waldbesetzungen aus dem vorigen Heft für seine überbordende Naturromantik kritisiert – nicht zu unrecht, wie es scheint. Und auch über „christlichen Anarchismus“ wird diskutiert (wie bei uns, siehe S. 33 hier im Heft). Der Buchautor Sebastian Kalicha antwortet hier auf eine Kritik aus der letzten Ausgabe, wobei dann freilich eher technische Details und weniger die tiefgreifenden philosophischen Fragen geklärt werden.

Was gibt es noch? Ein paar Rezensionen natürlich, ein Nachbericht zum diesjährigen Erich-Mühsam-Gedenktag in Ludwigsburg sowie ein Statement kurdischer Anarchist_innen zur derzeitigen Krise im Irak.

Des weiteren wird das Projekt „Gepflegte Stümperei“ vorgestellt, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, klassische anarchistische Texte als Hörbücher zu vertonen. In dem Text „Das staatliche Strafen“ wird die bürgerliche Rechtsordnung kritisiert, die natürlich – oh Wunder! – keineswegs neutral, sondern mit Herrschafts- und Verwertungsinteressen untrennbar verbunden ist. Last but not least findet sich hier der dritte Teil einer Artikelreihe über „Wanderarbeiter und italienische Anarchisten im Osmanischen Reich (1870-1912)“.

Viel Stoff zum Lesen und drüber Nachdenken also… Unter http://fda-ifa.org/category/gai-dao/ können übrigens alle bisherigen Ausgaben (kostenlos!) heruntergeladen werden. Es lohnt sich!

justus

Obdachlosigkeit, soziale Ausgrenzung und rechte Gewalt

„Rechte TäterInnen praktizieren gegen obdachlose Menschen einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird“, heißt es im Klappentext des Buches Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus von Lucius Teidelbaum, das sich mit Obdachlosenfeindlichkeit im Kontext „sozialdarwinistischer Zustände“ (S. 15) beschäftigt. Infolge eines „weit verbreiteten Sozialdarwinismus“ käme es heute laut dem Autor zu einer „systematischen Ausgrenzung benachteiligter durch strukturell privilegierte Gruppen“. (S. 41) Mit dem Begriff Sozialdarwinismus meint der Autor in diesem Kontext „die Abwertung von Transferleistungs-Empfänger_innen und sozialen Randgruppen seitens breiter gesellschaftlicher Schichten“. (S.16) Dieser sog. latente Sozialdarwinismus führt in der Regel zu einem manifesten Sozialdarwinismus, der sich von ersterem dadurch unterscheidet, mit einer Aktivität verbunden zu sein wie beispielsweise Beschimpfung, physische Gewalt oder aber auch Repressalien von Seiten der Behörden.

Die offensichtlichste und schlimmste Facette dieser manifesten Ausformung sind offene Gewalt und Morde an Obdachlosen durch Rechtsradikale und Neonazis. Dieses Thema nimmt eine gesonderte Stellung im Buch ein. Obdachlose werden selten als eigene Kategorie gehandelt, wenn es um Opfer rechter Gewalt geht. Oft wird ein offensichtlicher rechtsradikaler/neonazistischer Hintergrund einschlägiger Taten ignoriert, relativiert oder unter den Tisch gekehrt. Gegen diesen Trend wendet sich das Buch mit voller Vehemenz. Bedrückende Schilderungen von Morden an Obdachlosen durch Neonazis sollen diese Opfer rechter Gewalt nicht in Vergessenheit geraten lassen und es verunmöglichen, diese Taten zu entpolitisieren. Wie es im Eingangszitat bereits angedeutet wird, hat dieser Sozialdarwinismus der Tat rechter GewalttäterInnen einen Sozialdarwinismus des Wortes als Basis – und diese Basis ist sehr viel breiter als einschlägige rechte Kreise. Der Autor sieht hier primär die „Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens“ (S. 19) als Hauptproblem dieses Phänomens, denn die „Bewertung von Menschen nach (wirtschaftlicher) Leistung ist eine grundsätzlich sozialdarwinistische Position“. (S. 19) Diese Zustände sind hier laut Autor Teidelbaum der Grund für eine „Transformation von Ungleichheit in Ungleichwertigkeit“. (S. 22) Diese sog. Ideologie der Ungleichwertigkeit sei wiederum „ein wichtiges Wesensmerkmal der extremen Rechten“ (S. 22), womit sich der Kreis zwischen gesellschaftlich akzeptierter Ausgrenzung von „Randgruppen“ und rechter Gewalt wieder zu schließen beginnt.

Ganz so einfach darf man es sich bei rechter/neonazistischer Gewalt gegen Obdachlose jedoch auch nicht machen. Wie der Autor beschreibt, gibt es durchaus auch so etwas wie rechte Solidarität mit Obdachlosen. Freilich kommen hier nur die „einheimischen“ Obdachlosen in den fragwürdigen Genuss dessen. Rechte Parteien wie die NPD sowie diverse Neonazi-Gruppen distanzierten sich immer wieder öffentlich von Morden an Obdachlose durch klar dem rechten Spektrum zuordenbare TäterInnen. In Frankreich gibt es Suppenküchen Rechtsradikaler für Obdachlose – gekocht wird dort jedoch stets mit Schweinefleisch, um Muslime und Juden auszugrenzen. Dass die Gewalt gegen Obdachlose, von denen der Autor spricht, aber stets sozialdarwinistische, also letztendlich rechte Argumentions- und Legitimationsmuster zugrunde liegen, lässt sich auch dadurch nicht relativieren.

Aus anarchistischer Perspektive ist zudem positiv hervorzuheben, dass der Autor in seinem kurzen Abriss zu historischen Fragen der Obdachlosigkeit auch auf die Vagabund_innen-Bewegung rund um Gregor Gog eingeht. Die 1927 gegründete Bruderschaft der Vagabunden war klar anarchistisch und rüttelte durch Losungen wie „Generalstreik das Leben lang!“ auf. Sie optierte für „ein ganzes Leben“ im „gottverdammte[n] Dasein in der Gosse“ statt auch nur „einen einzigen Tag Bürger [zu] sein!“ (S. 32).

Dieses Buch ist ein wichtiger und einer der wenigen Beiträge, die Ausgrenzung von und Gewalt gegen Obdachlosen unter sozialdarwinistischen Vorzeichen beleuchtet, problematisiert und die konkreten Auswirkungen und Ursachen, die dies hat, benennt. Die relative Kürze der Ausführungen mindert hierbei nicht die Qualität des Inhalts. Der Autor schafft es sogar, historische Fragen unterzubringen, ohne dass es oberflächlich wirkt. Den Fokus auf diese Aspekte sozialer Ausgrenzung und rechter Gewalt zu legen und wie sie interagieren, ist vor allem in Krisenzeiten wie diesen, in denen das soziale Klima stetig rauer wird, äußerst wichtig.

Sebastian Kalicha

Lucius Teidelbaum: Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Unrast Verlag, Münster 2013. 80 Seiten, 7,80 Euro, ISBN: 978-3-89771-124-2

Wider die Konsumgesellschaft – aber wie?

Die Konsumgesellschaft, als Kehrseite der kapitalistischen Produktion, ist von linker, emanzipatorischer Seite immer wieder kritisiert worden – sei es nun theoretisch aus einer generellen Kapitalismuskritik heraus, oder ganz konkret aufgrund ihrer zahlreichen und unleugbaren negativen Auswirkungen wie Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung, Menschenrechtsverletzungen, Armut, sozialer Ausgrenzung, etc. Peter Marwitz versucht in Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft einen knappen Überblick über die Probleme der Konsumgesellschaft zu bieten sowie mögliche Auswege aus dem Status quo zu diskutieren.

Begrüßenswert ist die vom Autor gleich zu Beginn getätigte Klarstellung, dass Konsumkritik „nur ein Teil einer grundsätzlichen Systemkritik sein kann“ und „veränderte Konsummuster“ nicht das „Allheilmittel“ sein könnten (S. 6). Im ersten Teil des Buches, das sich der Kritik des Bestehenden widmet, erfährt man viel über „grundlegende Probleme“ der Konsumgesellschaft. Konzernkritik wird behandelt, TheoretikerInnen der Konsumkritik werden vorgestellt und der Einfluss von Werbung diskutiert. Dass in dem kleinformatigen Büchlein von nicht mal 80 Seiten die Schilderungen teilweise sehr holzschnittartig daher kommen, ist ein Problem, dass sich schnell einmal bemerkbar macht. Wobei der inhaltliche Gehalt des Geschriebenen durchaus schwankt, trotz betonter Knappheit in den Ausführungen. So findet man teilweise sehr informative und pointierte Einblicke zu diversen Aspekten des Konsums. Andere Stellen sind dagegen erstaunlich oberflächlich, die gebotenen Argumente wenig stichhaltig. Stellenweise wirken sie wie bloße persönliche Meinungen, wie verschriftlichtes Brainstorming: „Shopping und Konsum hält uns von anderen, mitreißenden Aktivitäten ab“. (S. 29)

Der zweite Teil des Buches widmet sich Gegenstrategien und Auswegen. Auch hier ist die Grundintention sehr sympathisch. Marwitz betont, dass „die Probleme der Konsumgesellschaft nicht auf einer rein persönlichen Basis zu lösen sind“ (S. 65). Erstaunlich ist dann jedoch, dass man im gesamten Kapitel fast nur etwas über derartig individualisiertes Ausbrechen aus dem Kreislauf des Konsumismus erfährt. So z.B. eher allgemein über ethischen/politischen Konsum, etwas konkreter über Reparaturcafés, Vegetarismus und Veganismus, über Flohmärkte, Upcycling und Kleidertauschpartys ebenso wie über Tauschringe, Car-Sharing, Couchsurfing, Leihen, Containern etc. Bei seinem oben genannten, völlig richtigen Anspruch verwundert es, dass der Autor auf dieser individualisierten Ebene hängen bleibt. Phänomene wie Solidarische Ökonomie, Commons, Open Source, Parecon (Participatory economics) bleiben ebenso unerwähnt wie andere Ansätze, die individuelles Handeln mit einem fundamentalen Wandel in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Belangen verknüpfen wollen. Und wenn der Autor die Macht des politischen/ethischen Konsums diskutiert, dann fällt auf, dass das wohl bekannteste und wirksamste Mittel des/der widerständischen KonsumentIn ebenfalls nicht substantiell behandelt wird: der Boykott.

Eine weitere Frage die sich stellt und in dem Buch glücklicherweise auch behandelt wird, ist, ob das positive Pendant zu Konsumkritik, der ethische/kritische/politische Konsum, als „erster Schritt in die richtige Richtung“ verstanden wird (also als notwendige und, ja, durchaus wichtige Symptombekämpfung, ohne aber die Grundlage des Problems aus den Augen zu verlieren), oder bloß tendenziell einkommensstarken Teilen der Bevölkerung dazu dient, sich vom schlechten Gewissen (so es da ist) freizukaufen und somit ein Phänomen der westlichen Wohlstandsgesellschaft und einer reichen „Oberschicht“ bleibt – eine Goodwill-Aktion der Wohlhabenden sozusagen, die sich mit der Hoffnung auf einen möglichen „Trickle-down-Effekt“ verknüpft. Wenn Konsumkritik und kritischer Konsum nicht mit einer generellen Kapitalismuskritik einhergehen, ist das Ganze, zumindest aus anarchistischer Perspektive betrachtet, nur begrenzt hilfreich (sicherlich aber nicht sinnlos!). Prinzipiell ist dem Autor aber zuzustimmen, wenn er schreibt: „[S]elbst wenn es kein ‚richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem‘ gibt […], so gibt es dennoch ein ‚falsches Einkaufen‘.“ (S. 49)

An tiefgreifenden und umfassenden Lösungs- und Handlungsvorschlägen mangelt es diesem Buch etwas. Es kann aber auf einer individuellen Ebene durchaus die nötige Sensibilität für das Thema verstärken und die persönliche Kreativität anregen, wie man dem „Hamsterrad“ entkommen kann. Und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass politischer/ethischer Konsum dem gedankenlosen Konsumismus im Kapitalismus die Stirn bieten und zu einem echten Wandel beitragen kann. Auch dafür ist Überdruss im Überfluss durchaus hilfreich.

(Sebastian Kalicha)

Peter Marwitz: Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft. Unrast Verlag, Münster 2013. 76 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-125-9.

„Der FC Bayern und seine Juden“

Subjektive Erlebnisse zum Buch

Bayern München ist für fast jede Person ein Begriff, unabhängig ob diese Interesse für Fußball hat oder nicht. Bei Gesprächen mit Leuten, die sich selber als Fußballfans definieren, kristallisieren sich häufig zwei Positionen heraus: „Das sind die reichen Typen, die alles und jeden aufkaufen“ (Ich hasse Bayern) oder „Ich find die super, die spielen einen tollen und attraktiven Fußball“ (Ich bin Bayern-Fan). Unabhängig davon, dass es anscheinend nur wenige Menschen gibt, die eine gemäßigte Meinung zu diesem Verein haben, hat man das Gefühl, dass die Themen „Reichtum“ und „attraktiver Fußball“ die einzigen sind, die den Hass bzw. das Bayern-Fan-Sein definieren. Dass Bayern viele Erfolgsfans hat, dürfte wohl jedem bewusst sein. Darum überrascht es auch nicht, wenn diese sich selber als Fans eines Vereins bezeichnen, aber nichts über dessen Geschichte wissen. Da die Welt aber nicht nur Schwarz-Weiß ist, gibt es natürlich auch sympathische Bayern-Fans. Als erstes fällt mir da die Schickeria München (Ultrà-Gruppierung) ein, die seit Jahren durch ihr antirassistisches Engagement im Stadion auffällt und die mit dem FCB wahrscheinlich sogar bis in die Regionalliga und noch viel weiter gehen würde. Das sympathische Auftreten der Schickeria und deren Glaube daran, dass hinter Bayern München mehr steckt als nur Geld, veranlasste mich also dieses Buch zu kaufen.

Inhaltlich befasst sich der Autor, ­Dietrich Schulze-Marmeling, mit der Geschichte des FC Bayern München kurz vor der Vereinsgründung (1897) bis heute. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf dem Einfluss jüdischer Spieler und Funktionäre auf den Verein selber. Aber auch der Einfluss des FCB auf den gesamten Fußball in Deutschland ist Themenschwerpunkt.

Das Buch umfasst zwölf Kapitel mit 287 Seiten. Für mich persönlich war es bis zum siebten Kapitel etwas schwer, in das Buch hinein zu kommen. Das lag vor allem am Aufbau des Buches und daran, dass meine Erwartungshaltung eine andere war. Nach meinem Gefühl beschreibt der Autor immer nur kurz die jüdischen Personen und ihre Funktion im Verein, um dann in den restlichen 2/3 des Kapitels ihre Biographien unabhängig vom Verein zu erzählen. Wie bereits erwähnt entsprach dies nicht meiner Erwartung, da ich mir erhofft hatte, konkretere Informationen zum Wirken der jeweiligen Person im Verein und vor allem genauere Angaben zur Positionierung des Vereins an sich zu erhalten. Ab dem siebten Kapitel („Neuordnung in Politik und Fußball“), das 1933 beginnt, erfüllt der Autor genau diese Erwartungen. Er spricht über die Positionierung und das Wirken des FCB in der Nazizeit. Im Vergleich zu vielen anderen Vereinen, die sich sofort und bereitwillig dem NS-Regime beugten, leistete dieser Verein wenigstens passiven Widerstand. So waren z.B. viele jüdische Personen noch im Umfeld der Bayern aktiv, obwohl sie keine Vereinsmitglieder mehr sein durften. Außerdem war Bayern München einer der letzten Vereine, der eine regimetreue Person zum Vorsitzenden bekam. Der Autor stellt in diesem Kapitel gut dar, dass der FCB, solange es ihm möglich war, auf kleiner Ebene Widerstand leistete, wogegen viele andere Vereine sich nur zu gerne dem Naziregime unterordneten. Schulze-Marmeling arbeitet die Positionierung des Vereins in der NS-Zeit gut heraus.

Den vorher von mir so erwünschten Stil behält er auch zur Aufarbeitung der Nachkriegszeit bei. Ein positives Resümee in Bezug auf die Geschichtsauf­arbeitung des FCB zieht Schulze-­Marmeling allerdings nur bis Ende der 60er Jahre, danach geriete das Thema in Vergessenheit, so der Autor. Er kommt in seiner Untersuchung dahin, dass die Geschichte willentlich nicht aufgearbeitet wird, um „unangenehm zu verarbeitende“ Kapitel der Vereinshistorie auszublenden. Was mich dann wirklich überraschte, war sein Lob für die Schickeria München, da Schulze-Marmeling nicht gerade als Sympathisant der Ultrà-Bewegung bekannt ist. Laut ihm hat die Gruppierung einen großen Anteil daran, dass Anfang des Jahrtausends ein Umdenken im Umgang mit der eigenen Vereinshistorie stattfindet. Die Aktionen der Schickeria, z.B. deren Choreographien zum Auswärtsspiel in Stuttgart für Richard Dombi (1), oder zum jährlich stattfindenden antirassistischen Kurt-Landauer-Turnier (2), sieht er als Fundament für das neue Geschichtsbewusstsein im Verein. Seiner Argumentation nach war dies auch der Auslöser dafür, dass der FC Bayern dem neugegründeten Verein Maccabi München eine Spende über 20.000 Euro übergab und ein Freundschaftsspiel zur Einweihung von dessen Sportstätte absolvierte. Am Ende zieht Schulze-Marmeling dann doch eher eine positive Bilanz zur Geschichtsaufarbeitung – auch wenn er betont, dass es noch viele Mängel gibt.

Somit habe auch ich am Ende eher einen positiven Eindruck von diesem Buch erhalten. Auch wenn der Anfang etwas holprig war, war ich dann doch damit zufrieden, dass mein Beweggrund, das Buch zu kaufen, sich auch im Inhalt bestätigte. Für mich festigte sich das Bild, dass hinter dem FC Bayern mehr steckt als Erfolgsfans und Geld. Der Schickeria München wünsche ich weiterhin viel Erfolg.

Klaus C.

(1) Dombi war der erste Meistertrainer des FCB mit jüdischen Wurzeln.
(2) Kurt Landauer war der jüdische Präsident des FCB, der den Verein sehr prägte.

Uebrigens

Eine Anarchismuseinführung ihrer Zeit

Kaum ein Thema wird in der öffentlichen Debatte so verzerrt dargestellt wie der Anarchismus. Knappe und niedrig­schwellige Anarchismuseinführungen sind daher ein an Wichtigkeit nicht zu unterschätzender Beitrag, um diese schiefe Optik etwas zu berichtigen. Zahlreiche AnarchistInnen aus Geschichte und Gegenwart haben sich daran bereits versucht.

Auch die US-amerikanische Anarchistin Cindy Milstein, die u.a. beim Institute for Anarchist Studies aktiv ist, steuert mit ihrem Buch Der Anarchismus und seine Ideale nun einen derartigen Beitrag bei. Von anderen, viel gelesenen und geschätzten Anarchismuseinfüh­rungen wie Alexander Berkmans ABC des Anarchismus (erschienen 1929) oder Nicolas Walters About Anarchism (erschienen 1969) unterscheidet sich dieses Buch dadurch, dass es ganz dezidiert den Anspruch hat, eine Einführung auf dem Stand des 21. Jahrhunderts zu sein – also eine, wie es im Klappentext heißt, „Einführung in den Anarchismus, die unserer Zeit gerecht wird.“

Glücklicherweise verwechselt Milstein diesen Anspruch nicht mit einer „Vergesst die alten Männer mit den langen Bärten“-Attitüde, sondern stellt klar, dass wir „die Bedeutung des Anarchismus nur begreifen [können], wenn wir seine Vergangenheit verstehen.“ (S. 15) Und so bezieht sie sich in ihren Ausführungen immer wieder abwechselnd sowohl auf klassische Theorien und Texte des Anarchismus aus dem 19. Jahrhundert als auch auf aktuelle Beiträge und Debatten. Zur Frage des historischen Erbes des Anarchismus regt die Autorin weiter an, dass die „anarchistische Geschichte […] nicht nur studiert werden [soll], um die Wiederholung von Fehlern zu vermeiden, sondern auch, um uns in Erinnerung zu rufen, wie viele Menschen bereits seit Langem die ‚Pfade in Utopia‘ wandern, von denen Martin Buber schrieb.“ (S. 15)

Das herausragendste Charakteristikum des Textes ist jedoch Milsteins Fokus auf die „Ethik des Anarchismus“, auf die „besonderes Gewicht“ (S. 8) gelegt werden soll – also auf „die Werte, die anarchistisches Handeln prägen und die dem Anarchismus einen besonderen Charakter verleihen.“ (S. 8). Sie schreibt hier metaphorisch von einem „gemeinsamen ethischen Kompass“ (S. 54), an dem sich Anarchist­Innen orientierten. Die „ethischen Werte“, die sie als zentral im Anarchismus betrachtet und die in einzelnen kurzen Kapiteln behandelt werden, lauten z.B. „Freiheit und Befreiung“, „Gleichheit und Ungleichheit“, „Gegenseitige Hilfe“, „Ökologie“, „Freiwillige Assoziation und Verantwortlichkeit“, etc. Für Milstein macht der Anarchismus „die Ethik zur wichtigsten Frage von allen“ (S. 56), was durchaus ein spannender Zugang ist. Ihre Ausführungen zu diversen Fragen anarchistischer Ethik sind anregend und gelungen. Das einzige, was hier jedoch etwas irritiert, ist die völlige Abwesenheit ausgerechnet der (ethisch höchst relevanten) Ge­walt­frage. Wenn man anarchistische Ethik schon so prominent platziert und anarchistische Werte wie „präfigu­rative Politik“ – also, dass es eine „ethische Entsprechung zwischen Mitteln und Zielen“ (S. 82) geben sollte – hervorhebt, verwundert es umso mehr, dass dieses Thema überhaupt gar nicht erst vorkommt (nur zweimal wird es indirekt gestreift, allerdings für mein Empfinden eher unglücklich, wenn im Kontext des Battle of Seattle der Schwarze Block positive Erwähnung findet und ein zweites Mal, etwas differenzierter, bei der Frage nach der „Vielfalt der Taktiken“).

Trotz dieses kleinen Einwandes wird das Buch jedoch dem, was es sich zur Aufgabe gemacht hat – nämlich eine Anarchis­museinführung für das 21. Jahrhundert zu sein – durchaus gerecht. Milsteins Reflexionen zu zahlreichen grundlegenden Themen des Anarchismus sind spannend und anregend. Sie schafft es sowohl historische mit aktuellen Beispielen, Ansätzen und Theorien zu verbinden, als auch die Heterogenität der anarchistischen Bewegung zu betonen, ohne dabei in die Beliebigkeit abzudriften. Zudem schafft das Buch etwas, was bei Einführungsbüchern beson­ders schwierig scheint: Es dürfte sowohl für EinsteigerInnen von Interesse sein, als auch für LeserInnen, die sich schon lange mit anarchistischer Theorie und Praxis auseinandersetzen.

Sebastian Kalicha

Cindy Milstein: Der Anarchismus und seine Ideale. Aus dem Amerikanischen von Gabriel Kuhn. Unrast Verlag, Münster 2013. 95 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-533-2.

Rezension

Gekommen, um zu bleiben

Karl Meyerbeer, Pascal Späth (Hrsg.): „Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort“, Verlag Graswurzelrevolution 2012

Mit dem Topf-Squat in Erfurt verbinde ich nicht viele, aber gute Erinnerungen. Ein Konzert mit anschließender Party, bei der trashiger Elektropop und eine rosa Federboa zum Einsatz kamen… Ein böllernder Kanonenofen im Veranstal­tungsraum, der den Kunststoff meiner Regenjacke noch auf 40-Zentimeter-Distanz zum Schmelzen brachte. Verdammt leckeres Essen. Zu zwölft im Hochbett pennen. Ein verkatertes Frühstück, flockende Sojamilch im Kaffee. Im Regal neben der Couch Aktenordner mit politischem Bildungsmaterial. Der Ausblick aus dem Fenster im ersten Stock zeigt trübes Wetter und Industrieruinen… Und dann 2009, kurz nach der Räumung des Hauses, eine recht verpeilte Soli-Aktion in Leipzig, die schon im Polizeikessel startete. Später versuchten wir, ein Häufchen von ca. zwanzig Leuten, weit abgeschlagen vom Hauptfeld der Demonstration, den Berufsverkehr am Connewitzer Kreuz zu stoppen…

In ähnlicher Weise erinnern sich offenbar viele Menschen. Acht Jahre lang, vom April 2001 bis April 2009, war das besetzte Haus auf dem ehemaligen Gelände der Firma Topf & Söhne ein wichtiger Anlaufpunkt für Erfurt und darüber hinaus. Ein Ort für Subkultur und Politik, für Diskussionen und Partys, ein Ort, der geschichtliche Bedeutung mit aktueller antifaschistischer Praxis vereinte. Und es gibt unzählige Menschen, deren Lebensläufe durch die Besetzung geprägt wurden, die sich in irgendeiner Weise mit dem besetzten Haus verbunden fühlten.

So sollte „Topf & Söhne – Besetzung auf einem Täterort“, kürzlich im Verlag Graswurzelrevolution erschienen, auch ursprünglich bloß eine Broschüre werden. Wegen der Vielzahl der Zuschriften wurde dann doch ein Buch daraus…

Die Zeit der Besetzung wird im ersten Teil des Bandes beleuchtet. Die Form der Texte ist vielfältig, Analytisches wechselt sich mit persönlichen Rückblicken und Interviews ab. So entsteht nach und nach ein Gesamtbild der verschiedenen Fraktionen und Individuen, die das Haus belebten: Polit-Aktivist_innen und Party-Macher­_innen, gelegentliche Gäste und dauerhaft Engagierte. Bauwagenpunks erteilen gute Ratschläge an die jüngere Generation („Nicht so viel Müll rumliegen lassen, sonst kommen Ratten“). Und ganz nebenbei wird so auch ein Stück Bewe­gungs­geschichte geschrieben, spiegeln sich in der Geschichte des Hauses die großen Debatten der letzten zehn Jahre wider. So geht es natürlich um Antisemitismus und Israelsolidarität, um Antifaschismus und Arbeitskritik, aber auch um szeneinternes Macker­tum und die Definitionsmacht bei sexuellen Übergriffen.

Der zweite Abschnitt des Buches befasst sich dann mit der Geschichte des Geländes und führt damit tief in die Abgründe der deutschen Vergangenheit.– die Firma Topf & Söhne produzierte während des 2. Weltkriegs Krematoriumsöfen für Ausch­witz. Nach einem kurzen Abriss der Unternehmensgeschichte werden die Biographien der am Ofenbau beteiligten Ingenieure behandelt. Dabei ist es erschreckend, wie indifferent diese dem Zweck ihres eigenen Handelns, der industriellen Vernichtung von Menschen, gegenüberstanden. Dabei waren die weit davon entfernt, bloße Befehlsempfänger zu sein, sondern bemühten sich vielmehr darum, immer effizientere Methoden der Leichenverbrennung zu entwickeln. Auch die Lage der bei Topf & Söhne beschäftigen Zwangsarbeiter_innen wird beleuchtet, die Entwicklung der Firma nach 1945, und schließlich das Bemühen der Besetzer_innen um eine angemessene Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes – durch eigene Nachforschungen, Rundgänge, Vorträge und durch eine aktuelle antifaschistische und gesellschaftskritische Praxis.

Umso krasser erscheint es im Rückblick, dass das Gelände im April 2009 mit einem Großaufgebot schwer bewaffneter Polizei geräumt wurde – anschließend wurden mit dem ehemals besetzten Haus auch die meisten anderen Gebäude dem Erdboden gleich gemacht, um Raum für Gewerbeflächen, einen Supermarkt und einen Parkplatz zu schaffen. Die dramatischen Ereignisse der Räumung nehmen den dritten Teil des Buches ein. Auch hier wechselt die Form der Texte zwischen Interviews, Analysen und persönlichen Berichten. Wut, Hilflosigkeit und Enttäuschung scheinen ebenso durch wie der „kaputte Charme der letzten Tage“ (so eine Kapitelüberschrift). Und Bernd das Brot darf natürlich auch nicht fehlen…

Dabei wird noch einmal klar, was für eine riesige Lücke das Ende des Hauses hinterlassen hat. Dieses Buch ist ein würdiger, bewegender, vielschichtiger, komischer, chaotischer, wütender und natürlich auch etwas wehmütiger Nachruf auf ein Projekt, das in dieser Form sicher einzigartig war.

justus

Rezension