Warum Degrowth und nicht Klassenkampf?

Ein Beitrag von Autodidaktische Initiative e.V.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Degrowth. Neue Bewegungen geben sich nicht mehr mit den vorgefundenen Lebensbedingungen zufrieden, sondern gehen vielfältige Wege, um den Glauben an das „mehr ist besser“ zu erschüttern. Ob wissenschaftliche Studien und Reflexionen, offene Gemeinschaftsgärten und Werkstätten – alle eint, dass sie das unbegrenzte Wachstum als Königsweg für menschlichen Fortschritt in Frage stellen und mit der Idee des Degrowth einen neuen Diskurs entwickeln.
Dieser Diskurs äußert sich auf vielfältige Weise: Solidarisches Wirtschaften und Praktiken des „Commoning“, unmittelbare (Wieder-)Belebung des sozialen Miteinanders und „einfacher”, ressourcenschonender Techniken, regenerative Energien und Regionalisierung – es geht darum, Möglichkeiten des Miteinanders zu stärken, die der neoliberale, globalisierte Kapitalismus verunmöglicht oder an den Rand drängt.
Der Diskurs, den die AkteurInnen bilden, ist jung, frisch und modern, passend zur positiven Ästhetik unseres Jahrhunderts. Aktiv und experimentell treffen sich hier radikale DenkerInnen und tatkräftige PraktikerInnen aus der Mitte der Gesellschaft. Diese Mitte wird betont, denn das Ziel ist es, möglichst viele Menschen auf diesen Weg „mitzunehmen”. Es geht darum, einzusehen, dass es angesichts von Klimawandel & Co. so nicht weiter gehen kann und eine ökologisch-soziale Transformation im Sinne (fast) aller Mitglieder der Gesellschaft ist. Das Mittel dazu könne nur Aufklärung und nicht der Kampf eines Teils der Gesellschaft gegen einen anderen sein. „Degrowth ist realistisch, unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten nicht” – so formuliert es z.B. der Sozialpsychologe Harald Welzer.
Veränderung ökonomischer Rahmenbedingungen, Umverteilung, Stärkung regionaler Wirtschaftsräume, Lebensqualität, demokratische Teilhabe und Inklusion sind die zentralen politischen Schlagworte der Bewegung. Die Systemfrage hingegen wird nur selten laut ausgesprochen; das Wort Kapitalismus findet man in den Debatten kaum, Kommunismus ist keine Option. Zwar gibt es innerhalb der Degrowth-Strömungen auch solche, die versuchen Kritik am kapitalistischen System und Ökologie als eine Einheit zu sehen (attac, Kolleg Postwachstumsgesellschaften an der Uni Jena). Doch ist zu beobachten, dass der „Mainstream“ der Bewegung, vertreten bspw. durch den Volkswirt Niko Peach, sich stark auf „Bewusstseinswandel“, „ressourcensparende Produktion“ und „nachhaltigen Konsum“ fokussiert und kapitalismuskritische Analysen eher ausblendet.
Das macht ein bisschen stutzig, denn eigentlich sind Wachstum und Kapitalismus doch nur zwei Ausdrücke für dasselbe Problem. In der Kritik steht ja nicht irgendein diffuses Wachstum, schon gar nicht das Wachstum an Lebensqualität, sondern ein Wachstum basierend auf der Expansion von Märkten in jede Ecke des Globus und nahezu alle Lebensbereiche, getragen von permanenten Investitionen in die Überwindung zeitlicher und räumlicher Schranken, in die Steigerung von Produktivität und die Verdichtung von Produktionszeiträumen – mit all den bekannten Folgen für Mensch und Umwelt. Kurz: es geht um das kapitalistische Wachstum.

MARX – Nein danke?!

Karl Marx hat in seinem Hauptwerk „Das Kapital” so gut wie kein anderer herausgearbeitet, dass die in Konkurrenz zueinander stehenden und nach Produktions- und Innovationsvorsprüngen suchenden Privatunternehmen gerade das Wachstum .hervorbringen, welches das System am Laufen hält. Dass der Begriff des Kapitalismus dennoch kaum eine Rolle in der Wachstums-Analyse der Degrowth-Bewegung spielt, hat einerseits strategische, andererseits perspektivische Gründe.
Strategisch scheint Kapitalismuskritik immer noch eng an die sozialistische Bewegung gebunden zu sein, die sich so schnell wohl kaum vom „Schock” des real existierenden Sozialismus erholen, d.h. so schnell nicht wieder hegemonial werden wird. Das ist auch gut so, mögen die meisten denken, zu sehr ist der Marxismus auch in der „linken“ Strömung als dogmatisch und altmodisch bekannt. Mit langen, abstrakten Analysen und Schlussfolgerungen, zu deren Gelingen die Einzelnen scheinbar nichts tun können. Dagegen ist die neue Bewegung auf das Hier und Jetzt ausgerichtet. Selber etwas tun, direkt neue Wege beschreiten – dieser Geist hat eine hohe Anziehungskraft, gerade auf die vielen jungen AktivistInnen.
Zudem stößt offensichtliche Kapitalismuskritik schnell die VertreterInnen von Unternehmen vor den Kopf – diese jedoch sollen für die Transformation der Gesellschaft mit ins Boot geholt werden. Initiativen wie die „Gemeinwohl-Ökonomie” wollen Unternehmen beispielsweise durch sozial-ökologische Rankings ermuntern ihren Kurs zu ändern. Dazu jedoch braucht es eine kommunikative Grundlage.
Perspektivisch trennt die Degrowth-Bewegung u.a. ihr soziokultureller Hintergrund von der marxistischen Bewegung. ArbeiterInnenbewegungen und Gewerkschaften spielen als Zielgruppen kaum ein Rolle, auch finden sich wenig VertreterInnen aus dem industriellen Gewerbe in den Degrowth-Organisationen selbst. Die gesellschaftlichen Diskurse der „Wissensgesellschaft“ und „Deindustrialisierung“ tragen dazu bei, dass diese Gruppen als nahezu irrelevant für die Kämpfe in den alten Industriestaaten scheinen.
Auf der theoretischen Ebene fällt der Unterschied im Abstraktionsgrad der Analyse ins Auge. Den wissenschaftlichen Vordenkern von Degrowth ließe sich aus marxistischer Sicht ein Mangel an Abstraktion unterstellen, welchen sie mit der Disziplin teilen, der sie entspringen: der VWL. Sie beschäftigt sich weniger mit grundlegenden Zusammenhängen und sozialen Verhältnissen. Anders als die Mainstream-VWL entlarven die Wachstumskritiker das alte Versprechen, dass Wachstum Wohlstand für alle schafft. Aber die Herangehensweise bleibt auf ähnliche Weise im Konkreten, Unmittelbaren gefangen. In fast programmatischer Art sucht die Postwachstumsökonomie nach systemimmanenten Strategien, wie dem Versprechen des Wohlstands näher zu kommen ist. Die Herangehensweise erinnert an die Utopisten des 19. Jahrhunderts, gegen die Marx sich mit seiner Analyse wandte.

Der kleine und der große gemeinsame Nenner

Folgt man der marxschen Analyse, liegt die Wurzel allen Übels darin, dass individuell agierende Einzelkapitalisten die Kontrolle über die Organisation der Produktion (inklusive der ArbeiterInnen) besitzen, um Waren für einen anonymen Markt zu produzieren – und den zahlreichen Spannungen, die sich hieraus ergeben. Denn ein Teil des produzierten Mehrwerts kommt weder dem Konsum der Kapitalisten noch der Lebenserhaltung der Arbeiter zu Gute, sondern fließt in die Ausweitung der Produktion (Erweiterung des Maschinenparks, Aufkauf von Konkurrenten etc.). Diese sogenannte Kapitalakkumulation wird durch die Konkurrenz zwischen den Einzelkapitalen beflügelt und kennzeichnet die gesamte Geschichte des Kapitalismus. Vergrößerte Kapitale gehen mit vergrößerten Mehrwerten einher, die sich in der Produktion verwerten sollen. So ist Kapital immer auf der Suche nach neuen Anlagequellen, und immer mehr Produktionszweige und Dienstleistungen werden der Logik des Kapitalismus unterworfen. Dadurch steigt wiederum der Ausstoß von Waren, die konsumiert werden müssen (statt „konsumiert“ müsste „verkauft“ stehen – was mit den Waren nach dem Verkauf passiert, kann den KapitalistInnen ja egal sein). Der Absatz muss ständig vergrößert werden. Eine Reduzierung des Konsums, wie Degrowth-Vertreter sie als Ziel für ein „besseres Wirtschaften“ vertreten, ist mit dieser Logik nicht vereinbar. Der Kapitalismus strebt seinem Wesen nach nicht nach einem Gleichgewicht. Die marxistischen KapitalismuskritikerInnen zielen in ihren Analysen und Bestrebungen folglich auf Veränderung dieser sozialen Konstellation ab. Eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel soll die Kontrolle über Bedingungen der Arbeit und des Ressourcenverbrauchs wieder in die Hand der Menschen legen und die anonyme Marktfunktion durch die gesellschaftliche Regelung von Produktion und Austausch ersetzen, so dass die Menschen wieder HerrInnen ihrer eigenen Produkte werden.
Auch Degrowth verfolgt das Ziel, dass die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht andersrum. Doch scheint man sich hier leichter auf einen „kleinsten gemeinsamen Nenner“ – die Abkehr vom Wachstum – einigen zu können, von dem sich mehr Menschen überzeugen lassen. Durch viele kleine Schritte auf politischem Wege, so die Idee, sowie durch kulturelles Umdenken und ein verändertes Bewusstsein der individuellen VerbraucherInnen könnte der wachstumsgetriebene Kapitalismus langsam in einen anderen Zustand transformiert werden. Ein schöner Gedanke! Erscheint er doch viel machbarer als eine komplette, gar gewalttätige Umwälzung. Ein friedlicher Wandel könnte aus der jetzigen Krise geradewegs in eine neue Zeit führen. Als Beleg dienen eben all die kleinen Pionier-Projekte, die ohne antikapitalistische Rhetorik ganz praktisch etwas anpacken.
Doch damit gerät oft gerade die Mehrheit der Gesellschaft aus dem Blick, die eigentlich „mitgenommen” werden soll. Die strukturelle Gewalt, die im Zwang liegt, seine eigene Arbeitskraft verkaufen und somit das Potential zur Mitgestaltung der materiellen, gesellschaftlichen Basis aus der Hand geben zu müssen, trifft in Deutschland immer noch auf einen Großteil der erwerbsfähigen Menschen zu. Für die junge, gut ausgebildete und sozial vernetzte, weiße und gesunde Schicht, aus der sich die Degrowth-Bewegung in Deutschland überwiegend speist, sind diese Zwänge möglicherweise nicht so unmittelbar spürbar.
Dies ist allerdings auch kein Aufruf, einen klassisch kommunistischen Standpunkt wiederzubeleben. Denn auch wenn die Kritik hier grundlegender und radikaler an sozialer Gerechtigkeit ausgerichtet scheint, kann es doch auch auf dieser Seite an Verständnis für die Probleme und Erfordernisse der aktuellen Zeit fehlen. Das beweisen die vielen kommunistischen WachstumsbefürworterInnen.

Voneinander zu lernen, ist nicht trivial!

In beiden Bewegungen gibt es Strömungen, an deren emanzipatorischem Potential man zweifeln kann – und die dafür zu recht von dem jeweils anderen Lager kritisiert werden – andererseits sind sich die verschiedenen Strömungen aus einer bestimmten Perspektive ziemlich nahe. Und tatsächlich gibt es auch viele Menschen, die sich beiden Bewegungen zugehörig fühlen. Problematisch wird es, wenn eine der beiden behauptet, dass sich mit der Abschaffung ihres Hauptgegners (Lohnarbeit/ Wachstum) die jeweiligen „Nebenwidersprüche“ einfach so erledigen würden. Unsere Gesellschaft bildet eine Totalität: Wie wir leben, unsere aller-persönlichsten Beziehungen zu Mitmenschen und Dingen und die globalen Auswirkungen dieser Verhältnisse sind verknüpft.
Auch wenn eine „alternative“ Minderheit nun mehr Aufmerksamkeit bekommt, auch wenn der Kapitalismus sich langsam auf ein Überleben im post-fossilen Zeitalter einstellt, so werden sich seine Dynamiken – Zentralisierung von Geld, Macht und Ressourcen zu Ungunsten von Mensch und Umwelt – nicht abstellen lassen, wenn sich nicht eine Mehrheit gemeinsam gegen die Grundlagen dieses Systems stellt.
Der große Wunsch nach einem besseren System, der die Bewegungen eint, sollte dazu antreiben, voneinander zu lernen. Das klingt vielleicht trivial, ist es angesichts der herrschenden Berührungsängste aber nicht. Die Degrowth-Bewegung könnte die kapitalismuskritische Bewegung davon überzeugen, dass der Aufbau von utopischen Projekten im Jetzt wichtig ist – u.a., um Freiräume und ein Milieu für die Organisation einer breiten Bewegung zu schaffen. Die Vorurteile von SozialistInnen gegenüber den WachstumskritikerInnen sind oft viel zu undifferenziert und vorschnell.
Andersrum würde es der Degrowth-Bewegung viel bringen, wenn sie stärker auf die Bedürfnisse der arbeitenden Bevölkerung eingeht und bestehende Arbeitskämpfe wie bei Amazon tatkräftig unterstützt. Denn der fromme Wunsch nach einer freundlichen Gesellschaft bleibt garantiert wirkungslos, wenn er nur in den engen Grenzen von kleinen („Freizeit“-) Projekten verwirklicht wird. Hier können die Marx’ schen Analysen helfen, sich bewusst zu machen, in welchen Verhältnissen wir uns bewegen und welcher Situation wir mit unseren Projekten gegenüberstehen. Das Aufklärungs-Ideal ernstzunehmen heißt auch, sich selbst in Bezug auf schwierige Fragen kritisch zu schulen.
Eine Degrowth-Bewegung, die es mit einer wirklich sozialen und ökologischen Transformation ernst meint, sollte sich zudem mit der antikapitalistischen Bewegung darüber austauschen, wie ein Ansatz, der nicht nur das individuelle Handeln, sondern Institutionen und die Gesetze des Wirtschaftens verändern will, gegen bestehende Interessen durchgesetzt werden kann. Beide Bewegungen gemeinsam könnten eine starke neue linke Bewegung schaffen. Eine nicht-kapitalistische Welt ist möglich!

ADI

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