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Am 6. Mai zur Demo „Gegen die Arbeit Für das Leben!“ in Erfurt!

Schluss mit der Zwangsjacke, die sich Arbeit nennt

Wer bisher Feierabend! aufmerksam gelesen hat, weiß, dass wir der (Lohn-)Arbeit keine große Sympathie entgegenbringen. Nicht weil wir nicht auch tätig sein und wirken wollen, was diese Zeitung ja beweist, sondern weil uns die Form, in der in dieser Gesellschaft Arbeit organisiert wird, nicht gefällt und unser Leben bedroht.

Lohnarbeit und Selbstausbeutung sind gesundheits- und damit lebensschädlich (1). Gefährliche Arbeitsunfälle sind nicht selten und werden mit der Verunsicherung der Arbeitsverhältnisse noch zunehmen. Oft ist aber auch schon mit der Verrichtung der Arbeit ein gesundheitlicher Schaden verbunden Dies betrifft beispielsweise alle BildschirmarbeiterInnen, die früher oder später Augenschäden davontragen und eine Brille brauchen oder einen Orthopäden wegen Rückenschäden aufsuchen müssen.

All diese Probleme treten nicht erst nach langjähriger Arbeit auf, sondern auch. schon nach wenigen Monaten. Schnell ergibt sich ein Teufelskreis aus Stress, Haltungsschäden und/oder chronischen Erkrankungen, mehr Stress und neuerlichen Beschwerden, wie z.B. bei PflegerInnen zu beobachten ist.

Das Problematische dabei sind nicht allein die Schmerzen, sondern auch, dass Menschen durch ihre Arbeit im Freizeitbereich (der immer mehr zusammenschrumpft) eingeschränkt und so an der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben massiv behindert werden. Sie können z.B. nicht mehr ihren Hobbys wie Fahrradfahren oder Zelten nachgehen, um nur zwei zu nennen. Hinzu kommen psychische Probleme, dass man sich ausgeschlossen fühlt, sich immer weniger getraut, sich über die Arbeitsumstände zu beschweren, da man fürchtet dann als einer der Ersten den Job zu verlieren. Selbst jemand der nicht arbeiten geht, kann sich dem Zwangssystem dadurch nur scheinbar entziehen. Denn man vermeidet bestimmte Gefahren, hat aber meist nicht das nötige Kleingeld um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Nur die wenigsten können dauerhaft von Luft und Überzeugung leben. Abgesehen davon, dass arbeitenden Menschen meist dieses Geld auch nicht haben oder wenn sie es haben, die Zeit fehlt, es auszugeben. Arbeitslosigkeit ist demnach nicht Befreiung von der Arbeit, sondern die Kehrseite der Medaille, die gerade im Zuge der politischen Entwicklung ebenso mit dem Zwang zur Verwertung verbunden ist. Stichworte sind hier Maßnahmen wie PSA, Arbeitsleihfirmen, Billiglohn, Ich-AG, sinnlose Fort- und Ausbildungsmaßnahmen.

Es ist nicht möglich, die kapitalistische Ausbeutung zu beseitigen, ohne das Gehäuse zu zerschlagen, das der Kapitalismus sich zu seinem Wachstum gemäß seinen besonderen Bedürfnissen gebaut hat.“

Erich Mühsam

Damit sich möglichst viele gegen den Zwang zur Lohnarbeit und gegen die Zumutungen, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt, wenden, müssen Alternativen her. Deshalb reicht Protest gegen die Arbeit nicht aus, wir müssen Alternativen zum bestehenden System denken und entgegen aller Widerstände zu realisieren beginnen. Entscheidend ist dabei, dass dies im Alltag geschieht, dort wo man sich gerade befindet. Nicht die arbeitenden Menschen und nicht die Arbeitslosen sind für die Misere verantwortlich zu machen, sondern unsere passive Erduldung dieses Systems.

Es geht um unser Lebensgefühl, unsere Freiheit, unsere Selbstverwirklichung, das Leben leben zu können und nicht einfach nur dahin zu vegetieren. All dies wird von der Zwangsjacke, die sich Arbeit schimpft, und oft als Lohnarbeit aber auch in den Zwängen der Selbständigkeit auftritt, bedroht.

Gezwungen die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um die Miete bezahlen und auch mal wegfahren zu können, bleibt immer weniger Zeit zur Muße und eigener schöpferischer Tätigkeit, geht das Familienleben den Bach runter und mensch fühlt sich wie der Hamster im Laufrad. Die erdrückende Furcht, den Arbeitsplatz zu verlieren, die nächste Woche kein Geld mehr zu haben, zwingt uns in dieses Rad. Doch der Mensch ist kein Hamster! Und selbst Hamster haben besseres verdient.

Auch wenn es schwer fällt, aus der kapitalistischen Routine auszubrechen, neue Wege zu finden, andere Möglichkeiten zu suchen: Gibt es denn eine Wahl? Auf die Rente wartend, hat sich schon mancher tödliche Krankheiten oder irreparable Beeinträchtigungen der eigenen psychischen und physischen Konstitution zugezogen und womöglich gibt es ja bald keine Rente mehr, auf die mensch sich freuen kann.

Jetzt gegen die Arbeit rebellieren, für eine selbstorganisierte Gesellschaft kämpfen, ein besseres Leben suchen und gestalten! Deshalb unterstützt FA! die Demonstration „Gegen die Arbeit – für das Leben!“, die am 6. Mai in Erfurt stattfinden wird. Den Mobilisierungsaufruf und aktuelle Informationen findet ihr auf ameisen.arranca.de

(1) Im Trikont (aktueller Begriff für „3.Welt“, bedeutet drei Kontinente: Afrika, Lateinamerika, Asien) sind die Lebens- und Arbeitsbedingungen bei weitem schlechter, als in den westlichen Postindustrieländern, tödliche Arbeitsunfälle keine Seltenheit. Dass dies auch in westeuropäischen Ländern möglich ist, zeigt Spanien, mit vier toten ArbeiterInnen täglich.

In den Mai

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Der Erste Mai naht und mit ihm der Geruch von Grillwürstchen im Park, der Qualm brennender Autos in Berlin, der mollige Mief einer verstaubten Tradition des vergangenen Jahrhunderts mit seinen staatstragenden Promenaden eines (F)DGB.

Viel Schindluder wurde – und wird noch! – getrieben am ersten Tag des Wonnemonats, ob staatstragender „Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“ einer Altherrenclique, ob korporativer „Tag der Arbeit“ eines Sozialstaats oder „Revolutionärer 1. Mai“ einer sporadischen Jugendbewegung (inklusive Geländespielen mit den Sicherheitsorganen der Republik)… gemein ist diesen so verschiedenen Stilblüten eines ihnen ist der Tag ein Jahresereignis, ein Strohfeuer symbolischer Politik und verheißungsvoller Sonntagsreden. Ein Tag ohne morgen, ein Tag des Vergessens … und das heute, da eine Alltagspraxis notwendig ist wie je!

Was uns heute aufgetischt wird als „Reform des Arbeitsmarktes“ (Hartz), als „Renten“ (Riester) und „Gesundheitsreform“ (Rürup), ist schon harter Tobak: gewerkschaftlich organisierte Lohndrückerei (Tarifverträge für Leiharbeit), Arbeits- und Mobilitätszwang durch Personal-Service-Agenturen, Verschieben des wirtschaftlichen Risikos auf de facto abhängige Ich-AGs, Kürzung der Arbeitslosenhilfe, Ausbildung als Bargeldgeschäft, Altersvorsorge am privaten Kapitalmarkt, und und und! Es ist zwar noch nicht ausgemacht, ob all das 1:1 umgesetzt werden kann, ob dieser Krieg nach innen so geführt werden kann – einige Maßnahmen sind seit April mit einem zweiten Gesetzespaket Wirklichkeit –, zumindest aber ist eine Drohkulisse errichtet. Die psychologische Kriegführung ist spätestens mit der „Faulenzer“-Kampagne in Gang gekommen: Einschüchterung und Angststarre überall. Dass Wort und Tat aller Beteiligten nicht gegen Erwerbslosigkeit, sondern gegen die Arbeiterinnen gerichtet sind, dürfte jedem klar sein, der kein Wachs in den Ohren hat Das Signal ist klar: schluckt die Kröten, kein Mucks, keine Lohnerhöhung, sei froh dass Du Arbeit hast!

Freiheit & Brot!

Eben diesen Ring der Angst zu durchbrechen, die Testballons des sozialen Rollbacks wieder runterzuholen, dazu kann der Tag ein erster Schritt sein. So könnte der Erste Mai – und wir mit ihm, denn niemand außer uns gestaltet ihn – aus dem Schatten seiner selbst treten.

Angefangen hat das, was heute zum staatlich anerkannten Feiertag mutiert ist, im vor vergangenen Jahrhundert Am ersten Mai 1886 streikten in den USA 340.000 Arbeiterinnen in 12.000 Fabriken, um die Einführung des Achtstundentags zu erzwingen. Bereits Mitte des Jahrhunderts hatten sich eight hours leagues gegründet, die die Forderung australischer Arbeiterinnen aufgriffen: „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden was wir wollen!“ 1868 verabschiedete der US-Kongress ein dieser Forderung entsprechendes Gesetz, er zeigte sich allerdings machtlos, diesem Geltung zu verschaffen. Die Begrenzung des Arbeitstags konnte nur nur direkten Aktionen durchgesetzt werden. Die wirtschaftliche Depression in den 70er Jahren richtete die noch jungen Gewerkschaften in den USA zugrunde. Die Angriffe der Bosse – 1871 zehnprozentige Lohnkürzung bei den Eisenbahnern – aber konnten (aus existentiellen Gründen) schlicht nicht hingenommen werden. Gegen den landesweit ausbrechenden Streik setzte die Regierung das Militär ein – damit drohte 2002 übrigens auch Präsident G. W. Bush den HafenarbeiterInnen an der Westküste (FA! #3). Die Ereignisse des Jahres 1886 (siehe Kasten unten) waren den Autoritäten der USA Anlass genug, die Bewegung mit einer ungekannten Welle der Repression und Verfolgung zu überziehen. Drei Jahre später, 1889, wurde auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris der erste Mai 1890 zum „Internationalen Arbeitertag“ erklärt und eine „große internationale Manifestation“ angeregt Die Resolution wurde im Deutschen Reich sowohl von der Polizei als auch von der organisierten Arbeiterschaft „als indirekte Aufforderung zum Streik interpretiert“ (Halfbrodt, S. 11). Diesem Ansinnen stellte sich die SPD-Leitung wiederholt entgegen, so am 13.4.1890 als sie forderte, „auf Arbeitsruhe ganz zu verzichten und die Aufforderung [formulierte], sich auf die Verabschiedung von Petitionen zu konzentrieren.“ Die Erfahrungen von 1868 in den USA nahm die Parteileitung nicht zur Kenntnis. Natürlich konnte das Bemühen um Legalität über alles lächerlich erscheinen: man mobilisierte die ArbeiterInnen weltweit und das nur, um den etablierten Mächten eine Petition zu überreichen und sich dann noch bei ihnen zu bedanken, dass sie einen freundlicherweise empfangen haben. Die Basis war dennoch so verunsichert, dass es nur in München und Hamburg zu einem Generalstreik kam. In anderen Städten – darunter auch Leipzig – beteiligten sich nur etwa zehn Prozent der Arbeiterinnen. Die Besitzenden reagierten mit massiven Aussperrungen, so dass die Streikbewegung selbst als Niederlage eingeschätzt werden musste.

Bedeutender als die Umsetzung aber war die Diskussion um den Ersten Mai in der SPD. Die oppositionellen Strömungen der Jungen und der Lokalisten, die sich der Zentralisation in Partei und Gewerkschaft widersetzten, fanden zwar keine Mehrheit. In den 90er Jahren kam es aber über der Frage des Streiks nicht nur zwischen Anarchisten und Sozialdemokraten, sondern auch innerhalb der Zweiten Internationale zu Verwerfungen. So beschloss die SPD auf dem Parteitag in Halle (Oktober 1890), alle Maiaktionen auf den ersten Sonntag im Mai zu verlegen und so „Konflikte mit Staat, Kapital und der eigenen Basis zu vermeiden“ (ebd., S. 20), und stellte sich gegen die Sektionen aus Funkreich und Österreich Letztlich wurde der Streik am 1. Mai auch von der SPD-Führung anerkannt, aber nie durchgeführt. Man berief sich auf die ungünstige konjunkturelle Lage, die grundsätzlich immer ungünstig erschien, auch wenn (wie 1890) das genaue Gegenteil der Fall war. Ganz so, als müssten die Kapitalisten ihr O.K. zum Streik geben – es drängen sich da heute gewisse Parallelen auf. An der Basis aber wurde immer wieder gestreikt, unter tatkräftiger Mitwirkung und wohlwollendem Beifall des anarchistischen Lagers der ArbeiterInnenbewegung.

Nach der Niederschlagung der Novemberrevolution 1919 und der Errichtung eines demokratischen Staates unter maßgeblicher Beteiligung der Sozialdemokratie wurde der 1. Mai kurzzeitig – und seit 1933 endgültig – zum allgemeinen Feiertag erklärt Was den Anschein einer Errungenschaft haben mag, zielte vor allem auf die Befriedung und Kontrolle sozialer Konflikte. In der nachträglichen Legalisierung einer bereits gängigen Praxis nahm der Staat die Achtstundenbewegung unter seine Fittiche, hegte sie ein und konnte denn auch gegen die Teile der Bewegung vorgehen, die sich damit nicht zufrieden gaben. Ähnlich der „Erhebung“ der revolutionären Marseillaise in den Stand der Nationalhymne Frankreichs, versteinert und tötet auch der Status als legaler Feiertag den Charakter des Ersten Mai als Aktionstag von unten – die Legalität integriert ihn in die herrschende Ordnung, macht ihn zum säkularen Sonntag, wiegt uns in der trügerischen Sicherheit des modernen Sozialstaats und behauptet einmal mehr den umfassenden Anspruch des Staates auf unser aller Leben. In diesem Sinne wäre über eine weitere Kampagne nachzudenken.

Nicht betteln, nicht bitten …

Wenn der „rheinische“ Sozialstaat heute angesichts des mangelhaften Wirtschaftswachstums rückgebaut wird, ist´s höchste Zeit, in die Gänge zu kommen, nicht nur auf´m Papier und am Sonntag, sondern vor allem auf der Straße und auf Arbeit! Wie schon Marconi Almeida, Organisator des „Brazilian Immigrant Centers Workers Rights Project“ im Mai 2002 auf einem Symposion der Industrial Workers of the World hinwies, müssen die Arbeiterinnen sich organisieren und darauf vorbereitet sein, sich mit Streiks, sowohl zur Bewahrung der aktuellen Rechte, als auch zur Rückgewinnung eines größeren Teils unseres Lebens für unsere eigenen Zwecke, einzusetzen. Sich dabei an der Vergangenheit gesellschaftlicher Friedhofsruhe zu orientieren, ist nicht nur aussichtslos, sondern kaum wünschenswert. Wer wollte sich schon in den eigenen Ambitionen beschneiden? Wir haben – auf der Straße – eine neue, andere Welt zu gewinnen! Oder wie es Emile Pouget, freilich im Rahmen der damaligen Zielsetzung, 1901 formulierte: „Gewiss, der Achtstundentag ist kein Ideal. Er ist eine Etappe. Überschreiten wir sie!“

A.E.

Materialien:
Halfbrodt, „Generalstreik, Achtstundentag und erster Mai“, Edition Blackbox, Bielefeld 1997. Zu beziehen über FAU-MAT, Fettstr. 23, 20357 Hamburg.
Hausmann, „Die deutschen Anarchisten von Chicago – oder: Warum Amerika den 1. Mai nicht kennt“, Wagenbach-Verlag, Berlin 2000.

Kasten: Der erste Erste Mai

In den 1880ern wurde die Achtstundenkampagne wieder aufgenommen und vereinte teils gar rivalisierende Organisationen – mit einem Generalstreik am 1. Mai 1886 sollte der Forderung Nachdruck verliehen werden. In Chicago versammelten sich etwa 80.000 Menschen, darunter auch die ArbeiterInnen der Mähmaschinenfabrik McCormick – sie streikten schon seit Februar gegen eine zehnprozentige Lohnkürzung. Die Mobilisierung hielt über den Tag hinaus an. Am dritten des Monats kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei, die McCormicks Streikbrecher schützte, und der ausgesperrten, streikenden Stammbelegschaft – zwei Tote blieben zurück. Daraufhin wurde für den folgenden Tag auf dem Haymarket eine Protestkundgebung anberaumt. Kurz vor Beendigung der Versammlung, es waren nur noch 300 Leute anwesend, marschierte die Polizei mit zwei Hundertschaften auf … das erste Bombenattentat in der Geschichte der USA tötete sieben und verletzte weitere 70 Polizisten, die übrigen feuerten wahllos in die Menge und erschossen vier Demonstranten. Wer den Sprengsatz geworfen hat, ist bis heute ungeklärt. Dennoch wurden in den folgenden Stunden hunderte Menschen verhaftet und verhört, acht Protagonisten der anarchistisch-sozialistischen ArbeiterInnenbewegung wurde der Prozess gemacht: vier wurden – trotz weltweiter Proteste – hingerichtet, einer brachte sich selbst um´s Leben, drei wurden nach der Revision des Urteils (1893) freigelassen.

In den Mai

In den Mai … mit FEIERABEND!

Nach dem geschichtlichen Exkurs im letzten Heft, welcher uns zu den Schriften Kropotkins führte, widmen wir uns hier und jetzt wieder der Aktualität. Aber was könnte in diesen Tagen aktueller sein, als die systematische Gewalt von sogenannten „präzisen“ Bomben, die schicksalsgleich über dem irakischen Staatsgebiet niedergehen und das konkrete Leid so vieler Menschen heraufbeschwören, dass die Vorstellung eines zukünftigen, möglichen, größeren Leids dagegen verblasst. Streckt die Waffen, möchte man den irakischen Militärs zurufen, macht diesem Spuk ein Ende, und dabei erwische ich mich bei dem heimlichen Groll, dass sich die US-amerikanische Politik der Macht und des Geldes wieder einmal gegen einige Vernunft durchgesetzt hat. Doch soll trotz alledem der militärische Krieg nicht Thema des folgenden Artikels sein. Vielmehr rückt in den heutigen Tagen wieder verstärkt die politische Ordnung unserer Gesellschaft ins Zentrum der Kritik. Engagierte Friedensbewegte, ob Frau oder Mann, Kind oder Greis, kommen immer seltener um die Erkenntnis herum, wie Politik (Macht) und Ökonomie (Geld) sich in unserer Gesellschaft fatal verzahnen. „Heraus ihr Menschen in den Häusern, auf die Steige, auf die Straßen! Auf zum Ersten Mai!“ – die Maiparolen waren stets im doppelten Sinne hoffnungsvoll: Widerstand gegen die gegebene Ordnung ist nötig und andere Vergesellschaftungsformen sind möglich. In diesem Sinne …

Wenn mit dem Wonnemonat Mai die schönsten Frühjahrstage des Jahres näherrücken, die erste Maiwoche ins Blickfeld (außerparlamentarischer) politischer Aktivität gelangt, müssen sich heute Engagierte mit der rauhen Wirklichkeit konfrontieren. Sicher, der Erste Mai ist vielen als staatlicher Feiertag bekannt, doch schon bei der Frage nach den Gründen seines Bestehens (s. Artikel auf S. 1 bzw. S.6/7) wird bei einigen das Bewusstsein lückenreich. Ganz zu schweigen von solch sekundärem (weil nicht staatlicher Feiertag) Anlass wie der Befreiung vom deutschen Faschismus am 8. Mai (s. S. 8/9) oder gar einer Demonstration gegen spezifische Formen der Arbeit in Erfurt am 6. Mai (s. S45). Aber letztere sind ja auch nicht durch den Staat von der Arbeit befreit. Warum eigentlich nicht? Mensch kann halt nicht zu jedem Anlass feiern und nicht arbeiten. Aha! … So? … Aber warum nicht!? Gibt es keinen Zusammenhang zwischen dem Tag, der zum Widerstand gegen die Auswirkungen unserer kapitalisierenden Ökonomie aufruft, dem Tag, der an die faschistischen Schrecken – Auswüchse nationalsozialistischer Ökonomie erinnert, und einem Tag, der den Stigmatisierten unserer sozialen Hierarchien gewidmet ist? Und ist nicht die Erwerbslosigkeit ein Stigma unserer Gesellschaft; der faschistische Umschlag eine reale (weil geschichtlich belegte) Möglichkeit des Nationalstaates; ist es nicht die Organisierung der Arbeit, die unsere individuellen und kollektiven Geschichten wesentlich prägt?

Aber die Wirklichkeit ist hart. Massenhaft könnte man die Trauben nennen, die sich am letzten Apriltag vor dem Supermarkt ballen, um an das begehrte Grillmaterial heran zu kommen, kreativ die verschiedenen Pläne für den freien Tag, aktiv den Verdauungsspaziergang nach dem Mittagsschläfchen, mächtig die Kraft, die mensch aus so einem erholsamen Tag ziehen kann … aber die Aktionen am 1. Mai: Massenhaft? Aktiv? Kreativ?? Mächtig??? Nein. Und am 6. und 8.? Vergessen. Die Wirklichkeit ist gnadenlos. Die Zeit, in der die Maikundgebungen die tiefen Gräben zwischen Nord und Süd, Ost und West überflügelten und so manches schwache Herz erzittern ließen, sind längst vorbei. Und angesichts der Agitationen, der sich die Massen teilweise ausgesetzt sahen, angesichts der Vermarktung weltweit ist das vielleicht auch gut so. Also doch lieber das kühle Bierchen, das erste Bad im Freien, abends Zucchini oder Schwein auf dem Grill und natürlich ein paar liebe Leute, davon gibt es Menschseidank noch immer genug.

So will ich Dir denn nicht von Massendemokratie, Großdemonstration, politischer Ökonomie, Streiks, Arbeit, Ohnmacht, dezentraler Aktion usw. sprechen, sondern von einem perfekten Maitag einem Tag, der politisch ist, weil das Problem der Arbeit jeden einzelnen von uns betrifft; einem Tag, der durch Abwechslung erholt, weil jeder einzelne auch ein bisschen müde vom Alltag ist; einem Tag, der Freude und Wissen stiftet, weil er die Begegnung mit dem Anderen ermöglicht. Von einem Tag also, an dem die Sonne strahlt, von einem lauen Abend und einer klaren Nacht möglich durch den Willen jedes einzelnen allein. Na ja, ich geb´ zu, das mit dem Wetter ist eine kleine Schwierigkeit, aber ich glaube fest daran, dass am ersten Mai in europäischen Breiten überdurchschnittlich gutes Wetter war und sein wird. Von einem solchen Tag will ich Dir erzählen.

Die Vorbereitung…

… ist natürlich um so fruchtbarer, je gründlicher sie erfolgt. Über die Jahre jedoch kannst Du mehr und mehr aus der eigenen Maierfahrung schöpfen. Mein Minimalvorschlag Zuerst, nichts anderes vornehmen! Ja nicht arbeiten! Weiterhin unentbehrlich sind natürlich einige liebe Menschen, nur mit ihnen kann der Tag gelingen. Keine Einzelgänge. Für den politischen Teil sollten auf jeden Fall auch Leute „von Arbeit“ einbezogen werden. Halt auch mal über persönliche Gräben springen! Im Vorfeld wird es nötig sein, sich mit den anderen Interessierten zu verständigen und konkrete Probleme am Arbeitsplatz zu sichten. Amtsträger der Gewerkschaften bieten meist einige erste Informationen und Kontakte. Hier allerdings nur vorsichtig verwickeln lassen, um Agitation zu vermeiden, lieber selbständig was machen. Hast Du Deine soziale Gruppe gefunden, mit der Du den ersten Maitag verbringen willst, könnt Ihr zu planen anfangen.

1. Die aktive Teilnahme an der nächsten erreichbaren Kundgebung [1];

2. Eure eigene Aktion, bei der Ihr über den Inhalt und die Form in Gänze bestimmen könnt;

3. Den Weg zum und das Picknick am nächsten Badesee (Pool?);

4. Ort und Versorgung für den Grillabend.

Zur Teilnahme an der Demonstration ist wesentlich nicht viel Vorbereitung erfordert, ein Transparent mit eigenem Inhalt (Kinder malen unheimlich gern!), bestenfalls ein paar Handzettel (evtl. mit konkreten Hinweisen, die Probleme des eigenen Arbeitsplatzes betreffend) und ein Proviantbeutel + ein bis zwei Wasserflaschen.

Für Eure eigene Aktion ist etwas mehr gefordert. Welche Themen wollt Ihr verbinden? Was erreichen? Wen ansprechen? Auch hier bietet sich eine Verbindung mit Eurem eigenen Arbeitsplatz an. Aber was machen? Der Phantasie sind eigentlich nur durch den Gesetzeshüter und Euch selbst Grenzen gesetzt. Die Leute in der Stadt oder im Dorf sind an Feiertagen meist in guter Stimmung und offen für kreative Ideen und Gedanken und je mehr Ihr seid, um so mehr Spaß ist garantiert.

Für den Badeausflug ist eigentlich nur Ort und Mobilität zu planen, der Einkauf kann mit dem Grilleinkauf verbunden werden und sollte am besten schon 2-3 Tage vor dem Feiertag erledigt sein, um sich nicht am Maivorabend völlig stressen zu lassen und am nächsten Morgen gar mit dem falschen Fuß aufzustehen. Beim Einkauf nicht das Frühstück am 1. Mai vergessen!!!

1. MAI – morgens

Relativ früh aufstehen und während des ausführlichen Frühstücks über konventionelle Medien [2] informieren. Wer schon zum Frühstück zusammen trifft, kann sich im gegenseitigen Austausch einstimmen. Pünktlich zur Demonstration aufbrechen, die Gewerkschaften warten nicht lang. Aktive und befriedigende Teilnahme bedeutet auf einer fremdbestimmte Demonstration vor allem, den eigenen Inhalt selbstbewusst zur Wirkung zu bringen. Sowohl das Aufnehmen von Informationen, das Gespräch mit Leuten (anderer Meinung, was äußerst häufig der Fall ist), als auch kreative Formen der Demonstration (Tanz, Musik, Theater etc.) tragen zum eigenen Wohlgefühl und auch zu dem Anderer bei, stärken zudem die Außenwirkung der Demonstration und vertiefen die eigenen Wissenspfründe. Das Publikum bei Maidemonstrationen ist oft bunt gemischt, von Kindern bis zu Greisen, so dass die Laufstrecken relativ kurz sind. Während der abschließenden Kundgebung kann man den Reden folgen, was nicht selten langweilig und die eigenen Vorurteile bestätigend ist (Vorsicht vor Wahlagitationen!!!), oder sich noch ein wenig im Meinungsbild umsehen, hier und da an einem Stand die Schriften sichten und ein zweites Frühstück einlegen.

1. MAI – mittags

Die Teilnahme an den Großkundgebungen ist m. E. gerade deshalb wichtig, weil sich mit ihrer medialen Repräsentation eine solidarische Funktion verbindet. In den sogenannten Peripheriestaaten und den Staaten der Dritten Welt stellt die Großdemonstration neben der Propaganda der Tat (militante bis paramilitärische Aktionen) oft die einzige Möglichkeit dar, politische Macht zu entfalten, um die eigenen Rechtsformen (Arbeitsrecht/Sozialrecht) weiterzuentwickeln. Die früher international, heute global genannte Verständigung darüber, dass jeder einzelne Mensch letztendlich zusammen mit vielen anderen in einem Boot sitzt; dass letztlich jeder aus den Fehlern des Andern zu lernen vermag [3]; dass politischer Reorganisierungsdruck im nationalen Rahmen heute undenkbar scheint, für diese Verständigung können die gemeinsamen Kundgebungen ein Funke sein [4].

Trotz alledem ist selbst die aktive Teilnahmen an solchen Großdemonstrationen nicht selten unbefriedigend, weil mensch sich fragt: Und nun? War das schon alles? Um dieses aufsteigende Gefühl der Ohnmacht beim zweiten Frühstück gleich wieder aus de Gliedern zu treiben, lautet meine Empfehlung für die frühen Mittagsstunden, bevor die Sonne die letzte Motivation ausdörrt: selbstbestimmte Aktion. Je konkreter desto besser. Das Sensibilisieren Deiner und Eure Mitmenschen für bestimmte Probleme und Zusammenhänge kann genauso fruchtbar sein wie konkretes Eingreifen [5]. Welcher konkrete Inhalt welcher Form bedarf, darüber müsst Ihr Euch in Eurer Gruppe selbst verständigen, schließlich müsst Ihr Euch auch zusammen klar sein, wie weit Ihr im einzelnen gehen wollt, zudem verfügt eben Ihr am Besten über den eigenen Inhalt. Lange Rede, kurzer Sinn: Geht nach den Kundgebungen nicht nach Hause, sondern macht was! Der 1. Mai ist schließlich ein politischer Tag, und jeder einzelne hat das Recht, seine Meinungen, Bedürfnisse und Interessen zur Geltung zu bringen. Erfolg (fruchtbares Gespräch, glückliche Verhandlungen, gelungene Aktion) und Spaß (mit lieben Freunden, Spiel u. Aufmerksamkeit) bei einer selbstbestimmten Aktion sind gutes Rüstzeug gegen Ohnmachtsgefühl und Pessimismus und stärken zudem die eigenen Resistenzen gegen den übermächtigen Alltag.

1. MAI – nachmittags

Irgendwann ist dann aber auch der letzte Funke Aktivismus aufgebraucht Der Magen knurrt und die Beine werden schwer. Gut, dass das Picknick am Badesee geplant war. Richtig abkühlen, den Bauch vollschlagen und ein wenig ausruhen. Was gibt`s Schöneres, als wenn mensch dabei noch einmal die Ereignisse und Erlebnisse des langsam vergehenden Tages Revue passieren lassen kann, sich Freunde zum Austausch und zur Diskussion anbieten, die Ähnliches und Selbes erlebt haben. Jetzt noch in einem guten Buch geschmökert, das eine oder andere Flugblatt erschlossen, etwas Ballspiel oder einfach nur die Beine lang gemacht, und der Grillabend wird zum Sahnehäubchen des Tages.

1. MAI — abends

Wenn dann nachts die Feuer glühet, die Glut im Grill brütet – die wachsame Maisonne sich mit einen Zwinkern verabschiedet und die Nacht in all ihrer klaren Schwärze heraufzieht – wenn freundschaftliches Geplauder in unentwirrbaren Blasen über der abendlichen Stille liegt und sich die Gedanken in jener Unendlichkeit der Augenblicke spiegeln, warum sollten Pessimismus und Hoffnungslosigkeit dann noch Macht haben, warum sollten dann nicht Lösungen für Probleme gefunden werden, der Zusammenhang vom 1., 6. und 8. Mai plötzlich deutlich vor den Augen erscheinen, warum nicht die Kraft gewonnen sein, neue Möglichkeiten wirklich werden zu lassen. Warum, frage ich, sollte ein glücklich erlebter,weil erfolgreicher und fruchtbarer, Erster Mai nicht das ins Werk setzen, was kühne Träumer einst ersonnen; warum nicht zum kühnen Traume selbst beleben, Kräfte schenken, um dem Alltagsdruck ein Spänchen Freiheit abzutrotzen. Und ist es nicht jeder einzelne von uns, dem die Macht zukommen sollte, über die Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens, seine Möglichkeiten zu erkennen und in die Tat umzusetzen? Deshalb sage ich Feierabend! In den Mai …

clov

P.S.: Eine gründliche Nachbereitung kann sehr zweckmäßig sein.

(1) In allen großen Städten veranstalten diese traditionell die Gewerkschaften, es gibt aber auch immer wieder Demonstrationen von Personen und Bündnissen.
(2) Alternative Medien bestechen selten durch Aktualität und sind zudem weniger greifbar.
(3) Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass niemandem gedient ist, wenn die Geschichte der Europäer oder das US-Modell nur nachgeahmt wird.
(4) Es steht zu erwarten, dass an diesem 1. Mai vielerorts auch Anti-Kriegs-Demonstrationen stattfinden. Da auch hier Solidarität und Verständigung nötig sind, bietet sich die Möglichkeit, die ohnehin nahe beieinander liegenden Themen der ökonomischen Organisierung und der militärischen Gewalt (politischen Macht) in einer machtvollen, weil globalen und dezentralen Demonstration zu verbinden. Bei alledem sei jedoch nicht vergessen, dass die mediale Repräsentation, direkte Kontakte und Aktionen nicht ersetzen kann.
(5) Z.B. den Boss beim Mittagsschlaf zur Rede stellen, Blockieren von Produktionsbetrieben (z.B. Rüstung), Kasernen oder öffentlichen Einrichtungen (auch Bahn etc.) usw., Streiks oder etwa Vernetzung mit anderen Gruppen und Assoziationen (auch der Mobilitätsvorteil der westlichen Hemisphäre sollte genutzt werden, um Maiaktionen an anderen Orten der Welt zu unterstützen).

Theorie & Praxis

Das Ende der Barbarei

Am 8. Mai jährt sich der Tag der Befreiung vorn Nationalsozialismus

Zum 58. Mal jährt sich nun die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht vor den alliierten Streitkräften, die Befreiung vieler Menschen vom nationalsozialistischen Terror. Dieser offizielle Schlusspunkt des Hitler-Regimes sollte ein Tag des Feiern sein und ein Tag des Nachdenkens darüber wie und wodurch eine solche Barbarei entstehen konnte und welchen Charakter diese Barbarei trug.

Das Unfassbare war geschehen, ein rational arbeitendes Vernichtungsprogramm, das seinen Unterpfand in jahrhundertelang staatlich gepflegten deutschen Tugenden und tradierten Mythen hatte, wurde geplant und durchgeführt. Tugenden wie Disziplin, Ordnung, und Fleiß, der Wahn schaffender Arbeit kontra raffendem Kapital und die richtigen rassebiologischen Merkmale, sollten Deutsche über alles erheben. Mittels germanischer und antiker Mythen wurden die Idealvorstellungen der nationalsozialistischen Elite in romantische Rituale getaucht. Deutsche Tugenden, Brutalität und Romantik führten zum SS-Staat. Das Ziel war nach Eugen Kogon, Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald, ein aristokratisches Staatswesen, nach dem Muster der hellenischen Stadtstaaten zu etablieren. So schilderte im Spätherbst 1937 ein SS-Führer der Ordensburg Vogelsang: „5 bis 10 von 100 der Bevölkerung, ihre beste Auslese, sollen herrschen, der Rest hat zu arbeiten und zu gehorchen. Die Auslese der neuen Führungsschicht vollzieht die SS […] durch die Junkerschulen und die Ordensburgen […]; negativ durch die Ausmerzung aller rassenbiologisch minderwertigen Elemente und die radikale Beseitigung jeder unverbesserlicher politischen Gegnerschaft […]“ (1). Mitternächtliche SS-Fahnenjunkerweihen, die Himmler an den (vermeintlichen) Gebeinen Heinrich I. abhielt und der Besuch eines Konzentrationslagers am nächsten Tag gehörten zusammen. „Von der Symbolik des Sonnenrades führte der Hakenkreuzweg geradlinig zu den glühenden Öfen von Auschwitz.“ (Eugen Kogon) Das erhellt auch die Verbindung zwischen Weimar und Buchenwald – Kultur und Barbarei, den einen Tag wandelt der SS-Sturmführer auf den Spuren Goethes, den anderen stößt er Häftlinge in die Fäkaliengrube. Bei der Abholzung des Ettersbergs wurde kulturbewusst die bekannte „Goethe-Eiche“ bewahrt und zum Hohn der Inhaftierten als Lagermittelpunkt gewählt

Das Irrationale wurde rational durchgeplant und führte zu unermesslichem Leid in den Konzentrationslagern (KL). Menschenunwürdige Lebensumstände, Hinrichtungen, seelische und körperliche Folter, die Liste der Bestialitäten ließe sich fortführen. Für Millionen Menschen, politische Häftlinge, Homosexuelle, Sinti und Roma, Juden, polnische Partisanen, russische Kriegsgefangene, Gefangene aus anderen eroberten Ländern, Bibelforscher, Kriminelle und „Asoziale“, wurden die KL zum Friedhof. 6 Millionen Juden wurden dort in die systematische Massenvernichtung geführt, ein Verbrechen, zu dem es in der Menschheitsgeschichte bisher keinen Vergleich gibt, man spricht auch von der Singularität von Auschwitz.

Doch das NS-System konnte sich nicht ewig halten, mit dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad kam die Kriegswende, alsbald gewannen die Alliierten sowohl an der West- wie auch an der Ostfront die Oberhand. Am 6. April nahm die Rote Armee mit einem Zangengriff Berlin ins Visier. In zähen und verlustreichen Kämpfen gelang es ihr in das Stadtzentrum vorzudringen. Am gleichen Tag, den 30. April 1945, als Rotarmisten auf der Spitze des Reichstags die Rote Fahne hissten, beging Adolf Hitler in seinem Bunker Selbstmord. Großadmiral Dönitz übernahm die Führung, beabsichtigte eine Teilkapitulation gegenüber den Westmächten und wollte den Kampf gegen die Rote Armee noch fortsetzen, um möglichst viele „deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den vordringenden bolschewistischen Feind zu retten“. Er hoffte zudem auf ein Bündnis mit den Westmächten gegen die Sowjetunion. Vergebens, auch wenn es gelang noch große Truppenverbände in den Raum der westlichen Alliierten zu überführen.

Am 25.4. begegneten sich an der Elbe sowjetische und US-amerikanische Truppen, am 2.5. kapitulierte Berlin, am 7.5. die deutsche Wehrmacht in Reims. In der Nacht vorn 8. auf den 9. Mai wurde in Berlin-Karlhorst offiziell die Kapitulation der deutschen Wehrmacht besiegelt (2).Dieser Tag ging als „Tag der Befreiung“ in die Geschichte ein. Dieser Terminus ist nicht allgemein beliebt. Noch 1975 verweigerte sich die Mehrheit des deutschen Bundestags einer Veranstaltung am 8.Mai mit der Begründung, dass dieser Tag in der DDR als „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde. Gedenkveranstaltungen wurden auf andere Tage gelegt. Von der Rechten wird der Tag oftmals als „Tag der Niederlage“ umgedeutet und die „eigenen“ Opfer beschworen und hervorgehoben. Auch von linker Seite wird diese Begrifflichkeit kritisiert: man wollte nicht mit einer feiertagswütigen Volksgemeinschaft feiern, die die Befreiung aller Deutschen, ohne Unterscheidung von Opfern und Tätern, propagiert und zunehmend die deutschen Kriegsopfer in den Vordergrund schiebt Wenn mensch sich die Debatten zu dem Thema anschaut, dann fällt auf, dass die Bombardierung Dresdens öfters beklagt wird als die rauchenden Schlöte Auschwitzs.

Markstein dieser gleichsetzenden Entwicklung war der 8.Mai 1985, als Helmut Kohl mit Ronald Reagan nach dem Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen den SS-Friedhof in Bitburg besuchte. In Berlin wurde die „Straße der Befreiung“ umbenannt, die Gedenkstätte Seelow verlor ihren Beinamen „Gedenkstätte der Befreiung“. (3)

In dieselbe Kerbe der Normalisierung schlägt die SPD, die am 8.Mai 2002 eine Diskussion mit Martin Walser und Gerhard Schröder (4) über „Nation, Patriotismus, demokratische Kultur in Deutschland 2002“ veranstaltete. Ausgerechnet die Befreiung von Millionen von Menschen vom deutschen Sensenmann wurde hier für ein neu erwachtes sich geläutert gebendes Deutschland instrumentalisiert, dass wieder eine Nation unter vielen sein und in der Weltgeschichte mitspielen will. Die Normalisierung des deutschen Selbstverständnisses geht einher mit der. Militarisierung der Außenpolitik. Auschwitz, die deutsche Vernichtungsmaschine, wird zu den Akten gelegt, man hat schließlich daraus gelernt und konnte bereits mit diesen Lehren im Kosovo den ersten Angriffskrieg (5) führen. Und die rot-grüne Bundesregierung ist fleißig dabei, die Bundeswehr zu einer weltweiten Interventionsarmee umzubauen.

Die Rolle des Faschismus als Krisenbewältigungsstrategie sollte nicht unterschätzt werden, er entspringt der kapitalistischen Produktionsweise und ist eine mögliche politische Form ihrer Verwaltung. Solange es Kapitalismus gibt, gibt es auch die Möglichkeit im Krisenfall, wenn die Demokratie den Prozess der Verwertung und permanenten Gewinnmaximierung nicht mehr adäquat verwalten kann, faschistische Lösungsansätze zu suchen. Es stellt sich die Frage, inwieweit faschistoide Anknüpfungspunkte in unserer Gesellschaft bereits gegeben sind. Ein Beispiel für den Zusammenhang von bürgerlicher Demokratie und Faschismus sind die Arbeitswahn-Ideologie und die Hetze gegen „Sozialschmarotzer“ und Arbeitslose. In der derzeitigen Krise wird häufig der Sündenbock in denen gesehen, die nicht arbeiten wollen und der Gesellschaft parasitär das Geld wegnähmen. Während hier „nur“ Maßnahmen wie Arbeitszwang und Leistungskürzungen stattfinden, war der Nationalsozialismus konsequenter, da wurde das „arbeitsscheue Gesindel“ ins KZ gebracht. Eine Folge der Krise ist oft die Suche nach einem Sündenbock, dies können Arbeitslose, Ausländer oder andere Minderheitengruppen sein. Spezifisch für den Nationalsozialismus war der eliminatorische Antisemitismus, der in den Juden die Verursacher kapitalistischer Krisenhaftigkeit, d.h. konkret des Elends dieser Zeit, ausgemacht hatte. Dies mündete in Pogrome und nach Jahrhunderten von Antijudaismus und Antisemitismus im christlichen Abendland in die Massenvernichtung des „jüdischen Volkes“, dass als „parasitär“ von „normalen Völkern“ abgegrenzt wurde. Dabei spielte es keine Rolle, dass das Judentum eine Religion ist und schwerlich als Volk konstruiert werden kann. (6)

Es gilt also Relativierungen des Nationalsozialismus, geschichtsrevisionistische Tendenzen, antisemitische Reflexe, die Militarisierung deutscher Außenpolitik und natürlich das Treiben der Nadelstreifen- wie Straßen-Rechten nicht tatenlos hinzunehmen. Antikapitalistische Kritik und das Anstreben einer selbstorganisierten Gesellschaft reichen nicht aus. Wer die Emanzipation (7) der Menschen unterstützen will, muss möglichen Formen der Barbarei (8) entgegentreten.

kater francis murr

Eugen Kogon: „Der SS-Staat Das System der deutschen Konzentrationslager“
ISBN 3-453-02978 Heyne-Verlag
(1) Aus Eugen Kogon, „Der SS-Staat“, S.42
(2) www.documentarchi v.de/ns/1945/kapitulation.html
(3) www.ruhr-uni-bochum.de/bsz/512/512mai8.html
(4) auf www.bgaa.net (Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus) finden sich Gegenpositionen zu dieser Veranstaltung
(5) Werte Friedensfreunde: OHNE UN-Mandat; tja nicht nur der „Öl-Junkie“ Bush kann das, auch die „Marionette der Windkraft-Industrie“ Fischer…
(6) viele Texte auf www.antisemitismus.net/antisemitismus/theorie/texte-01.htm; Lektüre-Tip: Moishe Postone „Antisemitismus und Nationalsozialismus“
(7) Selbstbefreiung
(8) Dazu gehören auch religiöse Fundamentalismen, deren stärkste heutzutage der Islamische Fundamentalismus ist. Würden islamistische Gruppen ihre Gesellschaftsvorstellungen, die als einzige Alternative zum kapitalistischen System gedacht werden, durchsetzen, ließe sich meines Erachtens durchaus von einem Faschismus sprechen; für Hintergrundinformationen siehe auch das Dossier in der Jungle World 52/2002 „Wir sind die Moslems von morgen“ über die junge Generation islamistischer Eliten in Deutschland www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/52/29a.htm

Exkurs: Leipzig – Warten auf die Befreiung

Die ungarische Jüdin Judith Magyar Isaacson überlebte Auschwitz-Birkenau. Sie wurde bei der Selektion zur Zwangsarbeit in das Buchenwald-Außenlager Hessisch Lichtenau gebracht. In einem der letzten Transporte der SS kam sie Anfang April nach Leipzig.

Die nächsten zweieinhalb Tage verbrachten wir weder als Gefangene noch in Freiheit. Die Deutschen waren geflohen und die Amerikaner noch nicht da. Die Blockälteste ließ uns nach oben gehen, wo wir-in einem kleinen Küchenschrank köstliche Konserven fanden, die früher der SS vorbehalten waren: Schweinebraten, Gänseleberpastete und Sardinen. Wir dachten, es könne vielleicht die letzte Möglichkeit sein, sich satt zu essen und verschlangen gierig all die schönen Sachen. Kein Wunder, dass wir die halbe Nacht damit zubrachten, sie oben und unten wieder herauszulassen.

Die Freiheit kam am dritten Tag, nicht in Gestalt einer siegreichen Armee mit Trommeln und Generalen, wie wir es uns erträumt hatten, sondern in Gestalt eines staubbedeckten amerikanischen Fernmelders. Wir stürmten sofort hinaus, als er auf der Straße auftauchte, eine winzige uniformierte Gestalt auf einem Motorrad. Die polnischen Mädchen zogen ihn vom Sitz und küssten ihn ab, doch wir standen dabei und konnten es kaum fassen. „Nun mal langsam Mädels“, protestierte er mit errötetem Gesicht. „Tausende von anderen werden morgen hier einfallen. Entschuldigt mich bitte, ich muss ein paar Telefonkabel verlegen.“ Im nächsten Moment verschwand er wie eine Traumgestalt. Am folgenden Tag, dem 20. April 1945, wurden wir offiziell befreit, doch wir waren noch immer zu benommen, um es vollständig glauben zu können. Die deutschen Soldaten waren geflohen, die Zivilisten versteckten sich. Die Hauptverkehrsstraßen waren allesamt in der Hand von motorisierten amerikanischen Soldaten, die Zigaretten und Schokoladenriegel in die Massen befreiter Sklaven schleuderten, die in einem Gewirr aus verschiedenen Sprachen jubelten und sangen. Ganz Europa schien vertreten. „Wie beim Turmbau zu Babel!“, sagte Magda kopfschüttelnd. „Ich kann´s kaum glauben.“

aus einer Zeitung zum Tag der Befreiung, die 1995 in Göttingen herausgegeben wurde: www.gwdg.de/-gwgoe/extrablatt/

In den Mai