Archiv der Kategorie: Feierabend! #04

Die Kampagne in Ozarow

Warum wir helfen wollen und wie Du helfen kannst

Ozarow ist eine kleine Stadt nahe Warschau, die nur eine Hauptindustrie und Arbeitgeber hat: eine Kabelfabrik auf dem neuesten Stand der Technik, die Telefonika gehört, die auch auf vielen ausländischen Märkten präsent ist und dort z. Zt. ihre Anteile erhöhen will. Telefonika gehört einem der reichsten Männer Polens, Boguslaw Cupiala, und ist 1,7 Milliarden Dollar wert. Sein persönliches Einkommen stieg wie eine Rakete, nachdem er Telefonika erfolgreich restrukturierte; 700 Leute verloren in Krakow ihren Arbeitsplatz. Jetzt entschied er, dass Telefonika noch profitabler arbeite, wenn die Fabrik in Ozarow geschlossen und die Arbeit nach Szczecin und Bydgoszcz verlegt ist. Dort sind nämlich nicht nur die Löhne niedriger, sondern mit der Konzentration kann auch Verwaltung eingespart werden. Eine einfache kapitalistische Logik – die für hunderte Familien in Ozarow die Arbeitslosigkeit bedeutet.

Cupiala verfügte die Schließung im Frühling [2002], die ArbeiterInnen in Ozarow haben seitdem eine in acht Monaten nicht unterbrochene Besetzung hinter sich. Einige von ihnen campierten in Zelten auf dem Fabrikgelände – bei Temperaturen unter Null. Die meisten von ihnen haben seit fast einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten.

Am 26. November [2002] – nach sieben Monaten des Protests, der das Unternehmen daran hindern sollte, die Maschinerie abzutransportieren – kam Cupiala mit dem privaten Sicherheitsunternehmen IMPEL vor die Tore, um die ArbeiterInnen rauszuschmeissen und an die technische Ausstattung zu gelangen. Die Arbeiterinnen wurden brutal angegriffen. Die Polizei mischte sich da nicht ein, verhaftete aber besonders die widerständischen ArbeiterInnen. All das fand natürlich mitten in der Nacht statt. Gegen neun Uhr morgens war dann die ganze Stadt auf den Beinen und errichtete Straßenblockaden. Jetzt begannen die Polizei und Autoritäten, Kampfeinheiten zu mobilisieren. Es folgten wirklich schockierende Szenen, die im ganzen Land übertragen wurden; Frauen, die mit Blockaden und Gebeten Protest organisieren wollten, wurden von Polizeistöcken geschlagen. Einige ArbeiterInnen wurden verhaftet, und einige liegen im Krankenhaus. Einer wurde mit einem Knüppel gewürgt, bis er bewusstlos zusammenbrach.

Die nächsten Tage verliefen etwa genauso, mit vielen Konfrontationen. Den Höhepunkt erreichte die Polizeibrutalität mit der Erstürmung des örtlichen Kindergartens (in dem sich die Kinder der Arbeiterinnen befanden), was die Kinder traumatisierte. Ihr Vorwand war der Verdacht auf versteckte Molotow-Cocktails im Kindergarten! Wie tief kann man sinken? Über Monate hinweg griffen sie die Arbeiterinnen an, nannten sie selbstsüchtig und meinten gar, der Protest würde dem Unternehmen Kosten bescheren und daher würden andere Leute ihren Job verlieren. […] Als die Propaganda den Protest nicht brechen konnte, versuchten sie es eben mit Gewalt. Als auch das nicht half, machten sie unmissverständlich klar, dass auch Familien betroffen sein könnten… Aber der Protest geht weiter.

Obwohl in Polen eine große Sympathie für die Arbeiterinnen von Ozarow besteht, waren die Meinungsmacherinnen mit ihren Kampagnen doch recht erfolgreich. Cupiala ist eine einflussreiche Persönlichkeit und er wird in den Medien kaum oder gar nicht kritisiert. Die Blätter sind voll von Artikeln über staatseigene, höchst unprofitable Industrie, die den Leuten erzählen, wie viele ihrer Steuergelder verschwendet werden und dass all diese Betriebe stillgelegt werden müssten. […1 Wenn die Leute von Telefonika ganz klar über die finanzielle Situation ihres Unternehmens lügen (wir kennen nicht die exakten Zahlen, wir sind aber zu 100% sicher, daß Telefonika glänzende Gewinne macht) und bedauernd verkünden, die Arbeiterinnen von Ozarow müssten erkennen, dass sie nicht gebraucht werden und die Nächstenliebe, mit der ihre Jobs erhalten werden könnten, andere Arbeiterinnen um neue Jobs bringt – die Medien bringen diesen Stuss! Da die Gewerkschaften von großen Firmen und der Presse manipuliert werden können, ist es wichtig, dass es öffentliche Unterstützung für die Aktionen in Ozarow gibt und dass alternative Nachrichten zugänglich sind.

Auf mehr als 50 ArbeiterInnen aus Ozarow können jetzt juristische Verfahren zukommen. Viele von ihnen hatten zuvor nie Probleme mit der Polizei und glauben, vielleicht naiv, dass ihnen nichts passieren werde (selbst jene, die mit Molotow-Cocktails gefilmt wurden, sind davon überzeugt). Wir hoffen zwar, dass die Autoritäten Nachsicht walten lassen, bereiten uns aber auf das schlimmste vor. Wir würden gern in der Lage sein, bei anstehenden Prozessen helfen zu können.

Außer unserer Anwesenheit und vielleicht einigem Organisationstalent würden wir im Notfall gern noch finanzielle Unterstützung anbieten, um unsere Solidarität zu zeigen. […] Das Unternehmen baut natürlich darauf, dass der Frost die Leute entmutigt und man so an die noch verbliebene Maschinerie aus der Fabrik holen könne. Also sehen wir die Notwendigkeit, etwas mehr Geld für diese Kampagne herbeizuschaffen, anderenfalls würden finanzielle Probleme den Protest zerschlagen.

Wir bitten daher, diese Nachricht weit und breit bekannt zu machen. […]

Der Text stammt von der ArbeiterInnen-Initiative und ist mit dem 11.12.02 datiert. Aus Platzgründen musste gekürzt werden. www.workers-iniative.poland.prv.pl
Mit Hilfe des Anarchist Black Cross (Solidaritätsorganisation) sammeln wir Geld. Spenden können mit dem Verweis „for Ozarow“ an folgendes Konto gesendet werden:
PEKAO BP
XX odzial poznan
ul.Stary Rynek 44
61-722 Poznan (Polen)
swift code: bpkoplpwapoa
Inhaber: marek piekarski

PolitMix

Weihnachtsgrüße von Coca Cola

Entführung. Folter. Mord.

Die Wahrheit ist bitter, aber nur wer sie kennt kann sie versüßen – auch zu Weihnachten! Am 21. Dezember 2003 hatte sich der „legendäre“ CocaCola-Truck in Leipzig angesagt… fast schon ein gesellschaftliches Ereignis. Mitten im Getümmel des Weihnachtsmarktes stand er da, gar nicht mehr so eindrucksvoll wie in der Werbung.

Der Andrang war immens. Genau so hatten es die Aktivistlnnen der FAU Leipzig erwartet. Sie stürzten sich – mit Weihnachtsmannmützen und Bärten ansprechend gekleidet – frohen Mutes ins Gedränge und begannen, die 200 Flugblätter an Interessierte zu verteilen.

Dieser Auftritt ging fast reibungslos über die Bühne. Binnen einer halben Stunde waren Flugblätter unter die Leute gebracht. Hilfreich waren die kleineren Kinder, die erfrischend neugierig waren und so oft ihre eher gestressten Eltern dazu brachten, ein solches A4-Blatt mitzunehmen – vielleicht lag es auch daran, dass sie die Überschrift nicht entzifferten.

Dementsprechend fielen auch vereinzelte Reaktionen aus: „Muss das heute sein?!“ Andere kompensierten den Kontrast zwischen Weihnachtsmarkt – Informationen über Morde, indem sie sich dazu hinreißen ließen, eine andere Gesellschaft zu fordern. Und bittere Ironie, laut ausgerufen, half beim Verteilen: „Weihnachtsgrüße von CocaCola“.

Einige BesucherInnen reagierten darauf mit der Bemerkung, dass sie es nur lesen wollten, wenn es gegen das Unternehmen gerichtet sei. Dies trifft jedoch nicht den Kern der Aktion. Es ging den Gewerkschaftsaktiven nicht um eine Firma, sondern um eine weit verbreitete Praxis, gewerkschaftliche Organisation im Keim zu ersticken. In vielen Ländern Lateinamerikas reagieren die Unternehmen – darunter eben auch Coca Cola aber bspw. auch Nestle – mit paramilitärischer Gewalt auf ein legitimes Ansinnen der ArbeiterInnen. Seit 1990 wurden mehr als 120 Übergriffe auf die Ernährungsmittelgewerkschaft Sinaltrainal protokolliert, darunter sieben Morde! In einigen Fällen hatte das Fabrikmanagement die Übergriffe sogar öffentlich angekündigt.

Dies war auch einer Gruppe Jugendlicher Anlass genug, mittels Flyern und einem Transparent an die Anwesenden zu appellieren: „Stoppt den Terror der Unternehmen!“ Schließlich wurde in der Vergangenheit schon so mancher Sieg errungen mittels öffentlichen Drucks und einer Boykottbewegung.

Dazu kommt folgendes „Derzeit ist in den USA ein Gerichtsverfahren anhängig. Angestrebt wurde dies […] von der Gewerkschaft United Steel Workers, die aus Solidarität mit den kolumbianischen Arbeiter-Innen handelte.“ (aus dem Flugblatt der FAU-L.) Über den Fortgang der Angelegenheit unterrichtet man sich unter: www.kolumbienkampagne.de

Lokales

Sylvesterknaller

Leipziger Spezialitäten

Wozu strampeln sich eigentlich Lokalitäten wie das „CaféSahne“ in der Wiedebach-Passage zu Silvester ab, den Leuten für 35 Euro ein umfangreiches Programm aus liebevoll inszenierter Kriminalgeschichte und Portraitzeichner-Action zu bieten, wenn es die beliebten Bilder mit den schönsten Straßensperrungen, wagemutigsten Löscheinsätzen, erfolglosesten Verfolgungsjagden und anderen Show-Einlagen doch wieder kostenlos und frei (vorm) Haus und um die Ecke gibt? Auch in diesem Jahr fand das heißeste Gläserklingenlassen in town wieder am Connewitzer Kreuz statt.

Anstatt sich nun, nach mehr oder weniger riskanten Auseinandersetzungen mit Polizei, vorbeifahrenden Privat-PKWs, Glatteis und zu früh zündenden „Polen-Böllern“ wenigstens noch gemütlich im warmen „CaféSahne“ die Teigtaschen á la „Was-da-drin-iswird-abba-noch-nisch-verraten“ zu gönnen, stürzten sich die ca. 800 gewaltbereiten (BILD-Zeitung 02.01.03) und von den gebotenen Geländespielen extrem ausgehungerten Vokü-Touristlnnen auch noch auf die mittlerweile bundesweit in der radikalen Linken beliebten Backwaren (www.left-action.de/leipzigerlerchen) der dort ansässigen „Scheiß-System-Bäckerei“. Eine(r) der wenigen beim Räumpanzer-Dreh-Rum-Bumm in den Polizeigewahrsam ausgeschiedenen JugendfreundInnen, hatte zuvor sogar begonnen, diesen mittels Farbspray-Dose zu „beschädigen“. Er/sie wurde so zum ersten Opfer den Antigraffiti-Kampagne in diesem Jahr. Mehr zum Thema (Anti-)Graffiti im weiteren Verlauf dieses Heftes.

Ares, der im Editorial des Dezember-incipito noch dicke Tränen über die Scheibe des „Martha Focker“ vergoss, aber dann doch allen ein munteres „Wir sehn uns am Kreuz!“ zurief, wird sich nun auch bezüglich dieses Events „im Ernst“ fragen müssen: „Wer war so bescheuert?!“ („Da ist Schluss mit lustig!“) Ein anderer von uns, wegen eventuell bewusst inszenierten antisemitischen Propaganda-Bildern der Marke „hilflose(r) Gymnasiast(in) schleudert in ohnmächtiger Wut Sektflasche gegen Räumpanzer“, angefragter bekannter Skandal-Editorialschreiber und Experte für linksradikales Pogromverhalten wollte sich bis zum Redaktionsschluss nicht zu den Vorgängen äußern.

lydia

Lokales

Phase 2 eingesperrt

Da wollte die Phase-2-Redaktion mal was Neues ausprobieren und wohl auch kostensparend im Nachbarland Tschechien drucken. Da schnappt ihnen der Zoll am bayrischen Grenzübergang Schirnding die ganze Auflage der 6.Ausgabe der „Zeitschrift gegen die Realität“ weg und lässt sie wohl in der Asservatenkammer des Zollfahndungsamtes Nürnberg vergammeln. Begründet wurde dies vom Amtsgericht Wunsiedel am 11.12. 2003 mit dem Verdacht auf Steuervergehen und „verfassungsfeindliche Inhalte“. Das aktuelle Konzept der Zeitung beschreibt Lars Freitag der Jungle World folgendermaßen: „Wir begannen Ansätze aufzugreifen, von denen wir denken, dass sie für die gesamte Linke von Bedeutung sind, und versuchten dabei im Blick zu behalten, wie sich aus diesen Ansätzen eine Politik entwickeln ließe.“ Ob dieser Ansatz nun verfassungsfeindlich ist oder nicht, bleibt eurem subjektiven Geschmack überlassen: die zweite Auflage der 6. Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Gefangen im Kapitalismus – Bürgerlichkeit, Staat, Glückseligkeit“ ist nämlich im el libro, b12 und Conne Island käuflich zu erwerben. Und wer dieses angeschlagene Zeitungsprojekt (das Geld, um 4000 Hefte nachzudrucken, liegt ja nicht gerade auf der Straße) finanziell unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto überweisen: Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur – Kt.-Nr. 11 777 0 – Sparkasse Göttingen – BLZ 260 500 01 – Stichwort: „Gebt das Heft frei!“

francis

PolitMix

Technische Liquidierung der Projektwerkstatt

Inmitten vom Landkreis Giessen steht seit 1993 die Projektwerkstatt: Ein offenes Haus mit technischen Arbeitsräumen, Archiven, Seminarbereichen usw. Sie wurde genutzt von verschiedenen Gruppen für Projektarbeit, zur Vorbereitung von Aktionen und vielem mehr. Am Morgen des Freitags, 10.1.2003, war vieles davon beendet: Ein Kommando des Giessener Staatsschutzes stürmte die Projektwerkstatt liquidierte sie technisch – ohne Durchsuchungsbescheid und ohne Übergabe einer Beschlagnahmeliste wurden alle eingesetzten Computer, Bildschirme, Modems, Laufwerke, Monitore, Stromkabel, Tastaturen, Mäuse usw. weggeholt. Auf die Frage, warum eine Tastatur für die Polizei wichtig wäre, kam die Antwort einer Angestellten beim Staatsschutz Giessen: „Das kostet Euch 25 Euro“.

Auch das macht klar, dass es hier nicht um die Verfolgung etwaiger Straftaten geht, sondern um die technische Ausschaltung eines der letzten unabhängigen politischen Zentren in Deutschland.

Bereits am Abend vorher wurden zwei Personen der Projektwerkstatt ohne Angabe von Gründen auf ihrem Weg zu einer Veranstaltung von Ministerpräsident Koch verhaftet. Wie der Staatsschutz durchblicken ließ, geschah auch das zur besseren Durchführung der technischen Ausräumung der Projektwerkstatt. Die beiden Verhafteten wurden von den Leitern des Staatsschutzes und des Zentralen Kommissariats Giessen beschimpft („morgen gehts zum Doktor“ bis „Du kriegst aufs Maul“ oder „bei uns sind schon einige die Treppe runtergefallen“), getreten und ins Gesicht geschlagen.

Nähere Hintergründe sind bei der Projektwerkstatt zu erfragen. Aufgrund der technischen Liquidierung sind Faxe, Mauls usw. nur sehr eingeschränkt möglich. Dieser Text entstand auf dem ersten in Betrieb gesetzten 486er. Die Projektwerkstatt braucht Unterstützung in Form technischer Ausstattung. Bitte meldet Euch unter 06401/903283

(Presseinfo)

Politmix

AHA!

Im Januar richten wir besondere Aufmerksamkeit auf das Hartz-Konzept, das seit Anfang des Jahres auch gesetzlichen Rückhalt erfährt. Am 7.12.02 richtete die Freie Arbeiterinnen-Union Leipzig eine Informationsveranstaltung aus. Im Anschluss fand sich eine Initiative „AntiHartzAktion!“ zusammen.

Aha! Der Name klingt einleuchtend; einleuchtend und anstachelnd. Kein Wunder, denn was da seit ein paar Wochen Gesetz ist und noch ausgebaut werden soll, ist schlicht ein Affront! Der schon geläufigen Praxis der Zeit- und Leiharbeit, des Subunternehmertums und der Auslagerung wurde nun fester, legaler Boden unter die Füße und eine spezielle Verwaltungsstruktur (sogenannte PersonalServiceAgenturen) an die Seite gegeben … und die Praxis soll laut Regierungserklärungen in naher Zukunft noch mehr Raum greifen. Der Oberbürgermeister Leipzigs, selbst Mitglied der Hartz-Kommission, nutzt die Gelegenheit zur Profilierung des Standorts und will mit seiner Verwaltung eine Vorreiterrolle bei der Umsetzung des institutionellen Rahmens einnehmen.

Die Gewerkschaften werden Tarifverträgen für Zeitarbeiter zustimmen, die 20 Prozent unter den Löhnen der Stammbelegschaft liegen.“

Wirtschafts- & Arbeitsminister Clement (SPD) am 27.11.02 auf einem Symposium der Zeitarbeitsfirma Adecco in Berlin.

Die Initiative Aha! (z. Zt. FAU Leipzig und Einzelpersonen) will dafür sorgen, dass sich die VertreterInnen des Standorts dieses Mal zu weit aus dem Fenster gelehnt haben … bis zu einem Prager Fenstersturz wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Denn zuerst müssen sich die Betroffenen, die einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung darstellen, über die Konsequenzen klar werden und den Mut wie die Ausdauer finden, selbst für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu kämpfen.

Um dabei etwas nachzuhelfen, wird es in nächster Zeit weitere Veranstaltungen und erste Aktionen zum Thema geben – so etwa am 1. Februar 2003 (Samstag) um 18:00 Uhr im Keller des Café Louis (Kochstr. 2, LVB-Haltestelle Südplatz).

A.E.

Leiharbeit – ein Erfahrungsbericht

Das Hartz-Konzept preist andere Formen der Arbeit an, wie etwa Leiharbeit oder „Minijobs“. Feierabend! fragt sich und Leute, die bereits das „Vergnügen“ von Leiharbeit hatten, was denn so toll daran ist.

Leiharbeit ist so ziemlich das Letzte was einem passieren kann. Als ich vor Jahren meinen Job bei einer Handwerksfirma verlor, war es das einzige für mich, was hier noch an Arbeit zu bekommen war, ohne in wochenlange Warterei zu verfallen. Ein vorherige Anfrage beim Arbeitsamt wurde mit „Sie sind jung und ihr Beruf wird gesucht“ verworfen. Daraufhin bewarb ich mich bei obiger Firma, in der ich nach 14 Tagen anfangen konnte. Der Stundenlohn betrug 13,50 DM. Die Aufgabe bei dieser Art von Arbeit bestand darin, allwöchentlich Montag früh bei je abwechselnden Baufirmen im gesamten Bundesgebiet anzutreten und Sachen wie Fenster einzubauen, Zu- und Abluftkanäle zu verlegen, Dachabdichtungen zu montieren sowie Sanitär- und Heizungsgeschichten durchzuführen. Am allerersten Montag Morgen bei meiner Verleihfirma. ging es von Leipzig aus zum Darmstädter Hauptbahnhof, wo eine bayrische Firma dabei war ein Kuppeldach zu montieren. Sie hatte uns angefordert.

So fuhren mein Kollege und ich in seinem Auto um drei Uhr morgens los. Als wir an diesem heißen Sommertag auf der Baustelle eintrafen, kam von den „Kollegen“ der anderen Firma nicht einmal ein Grußwort. Sofort wurden wir vom Vorarbeiter angeschnauzt, ob wir noch nicht bei der Arbeit seien. Diese sah dann wie folgt aus: Den ganzen Tag lang schleppten mein Leipziger Kollege und ich schwere Trapezbleche, die mehrere Zentner wogen und etwa 2×8 Meter groß waren, die Dachrundung hinauf, wo sie dann verlegt wurden. Nach geraumer Zeit mussten wir aufgrund unserer schmerzenden Hände (trotz Handschuhe) und Rücken eine Pause einlegen. Mein ganzer Körper bebte vor extremer Anstrengung. Durch die Hitze hatte ich Wahrnehmungsschwierigkeiten und fiel durch das Übersehen der Lüftungsschlitze ein paar mal hin. Wir waren am Ende unserer Kräfte. Als uns der Vorarbeiter rumstehen sah, brüllte er schon von großer Ferne, mit seinem Tiefbayrisch auf uns ein. Wir gingen sofort wieder an die Arbeit. Beschimpfungen und Beleidigungen hagelte es den ganzen Tag.

Abends um sieben war dann zum Glück Feierabend, bei gerade einer halben Stunde Mittagspause. Ein anderes Mal durfte ein dritter Kollege unserer Firma das Dach den ganzen Tag nicht verlassen, weil der Vorarbeiter meinte, er sei immer zu lang weg. Jeden Tag wurde man aufgefordert schneller und schneller zu sein. Bei einem Regenschauer mit schweren Sturmböen wurde man angehalten weiterzumachen, anstatt in Deckung zu gehen. Auf fast allen Baustellen wurde ich grundlos angemacht und angetrieben – damit die Sonderprämie für vorzeitige Fertigstellung stimmte. Stellte man sie zur Rede, so wurden sie noch lauter. Die Sonderprämie geht an die Vorarbeiter und seine Firma.

Falk

In einem Gespräch fasste Falk seine Erlebnisse nochmal zusammen. Er berichtet über die willkürliche Verlängerung der Arbeitszeit, beklagt das häufige Mobbing durch Kollegen der Kundenfirmen der I.eiharbeitsfirma. Hinzu kommt, dass er Arbeiten ausführen musste, die er nicht kannte. Außerdem war das Arbeitsumfeld schlecht: Das Verpflegungsgeld war zu gering und die Anreise quer durchs Bundesgebiet musste mit dem eigenen Auto geschehen.

v.sc.d

Kasten: Leiharbeit

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit – wir hängen 60 Jahre am Strick und zappeln. Aber wir werden uns losschneiden!“ [Georg Büchner, 1835]

Leih- oder ZeitarbeiterInnen zählen zu den klassischen prekär Beschäftigten. Sie sind bei einer Leihfirma angestellt, die sie dann an verschiedene Firmen für einen begrenzten Zeitraum weitervermittelt. Die Entleihfirmen haben gegenüber den Leihkräften Weisungsbefugnis, Bezahlung, Sozialversicherungspflicht usw. erfolgt jedoch durch die Verleihfirma. Durch Rückgriff auf die gegenüber fest angestellten Arbeitskräften zunächst teuere Leiharbeit können die betreffenden Unternehmen dennoch erhebliche Einsparungen erzielen, da dadurch Schwankungen in der Auftragslage oder beim eigenen Personalbestand – etwa durch Mutterschaftsurlaub, Krankheit, Urlaub, Wehr- oder Zivildienst – ausgeglichen werden können. Neueinstellungen werden somit vermieden, außerdem werden betriebliche Zusatzleistungen eingespart oder etwa gesetzliche Richtlinien, die sich auf die Anzahl der Beschäftigten im Betrieb beziehen, umgangen.

www.arbeitsalltag.de

Hartz-Gesetze

Krieg und der Alkohol

Im Rahmen umfassender Studien geht ein Feierabend!-Redakteur der Frage nach, was Krieg und Alkohol gemeinsam haben.

Kriege waren in der Geschichte eher die Regel als die Ausnahme. Frieden wurde als „Nicht-Krieg“ erklärt. Das ist noch heute so. Oft am Rande eines dritten Weltkrieges, führte die Atomwaffenrüstung der NATO und des Warschauer Vertrages zu einem Abschreckungsfrieden und dazu, dass die meisten Leser/innen dieses Artikels nie einen Krieg erlebt haben. Dieser Frieden bestand aber keineswegs überall. Im Gegenteil. Auch in der „Nachkriegsperiode“ (des zweiten Weltkrieges) wurden zahlreiche Kriege geführt. In der Regel hat man gar keinen Überblick wo derzeit überall Krieg herrscht. Derzeit erleben wir die Vorbereitungsphase der Invasion des Irak durch die USA und Verbündete.

Das zumindest eine Bedingung für die derzeitige Weltpolitik das Erdöl ist, kann heute niemand ernsthaft in Frage stellen. Aufschlussreich ist etwa die Prognose der „Wirtschaftsweisen“ für das Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik. Die besagt etwa 1% Wirtschaftswachstum für das Jahr 2003, falls es keinen Krieg im Irak gibt. Denn ein Irakkrieg würde den Ölpreis weiter hochtreiben und das Wachstum weiter verringern. Dabei ist schon 1% Wachstum im Grunde Stagnation. Im übrigen neigen sich die Ölreserven merklich zur Neige. 40 Jahre soll das Erdöl bei derzeitigen Verbrauch noch reichen. Die zehn umsatzstärksten Unternehmen der Welt sind, mal abgesehen von Wal-Mart, Auto- und Ölproduzenten. In der Bundesrepublik stehen DaimlerChrysler und Volkswagen auf den ersten beiden Plätzen. Die Erschöpfung der Ölreserven wird zwangsläufig zu – vorsichtig ausgedrückt – ernsthaften Problemen führen.

Eine weitere Bedingung ist eine allgemeine Krise. Warum die Wirtschaft ständig weiter wachsen muss, fragt niemand. Dass dies so sein muss scheint so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. Andererseits führt dies nicht dazu, dass mit wachsender Produktmenge das Elend weniger wird. Gerade die nicht mehr zu verkaufende Warenmasse führt zu Stagnation und zu sinkendem Anteil der Arbeiter/ innen an dieser Masse (ihren eigenem Produkt!) aufgrund von Lohnkürzungen, Arbeitslosigkeiten, prekären Jobs, etc.

Wenn die Wirtschaft nicht weiter wächst, gerät das Kapitalverhältnis und mit ihm die auf dem Kapitalverhältnis beruhende Gesellschaft in die Krise. Das Kapitalverhältnis fußt auf der ständigen Ausweitung der Produktion und damit der Produktmasse. Es müssen also auch ständig neue Quellen und Märkte erschlossen werden. Das führte unter anderem im letzten Jahrhundert (dem 20.) zu einer Demokratisierung für Weltbankkreditpolitik. Mit Demokratisierung war aber nur gemeint, dass sich das jeweilige Land der Weltwirtschaft anschließen soll. Also Märkte öffnen, Im- und Export ermöglichen, Ressourcen dem Weltmarkt zugänglich machen. Das führte in der Regel zu einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen.

Das Kapital tritt nur im Abstrakten als allgemeines Weltkapital zutage. Wirtschaftswachstum (= Kapitalwachstum) ist eine regionale, nationale Sache. Es gibt eine ständige Konkurrenz zwischen den verschiedenen Einzelkapitalen. Der Nationalstaat schafft für den in seinem Einflussbereich stattfindenden Kapitalprozess relativ einheitliche Bedingungen. Das sind z.B. Schulausbildung, Straßen / Schienen / Leitungen, also Infrastruktur, Gesetze die die jeweiligen Aktivitäten regeln, eine einheitliche Sprache (die Amtssprache), Festlegungen über Arbeitszeiten / Ladenöffnungszeiten / Feiertage / Rente, Steuern und Subventionen, Handelsabkommen, Beherrschung anderer Länder und Regionen etc. Neben den Interessen als Weltkapital oder Interessen innerhalb der Branche etc., hat Kapital auch immer ein Interesse als nationales Kapital. Dieses beruht auf der polizeilichen/militärischen Gewalt, mit der der jeweilige Staat günstige Bedingungen für das eigene Kapital (und damit für das Wirtschaftswachstum) schafft und sichert.

Die USA wollen die Regierung Hussein stürzen. Das ist ihr erklärtes Ziel. Wenn die USA im Irak eine ihr wohlgesonnene Regierung etabliert, verbessert sich ihre Kontrolle über das Öl der Region zu Ungunsten etwa der EU. Wenn sich G. Schröder hinstellt und sagt, die Bundesrepublik beteilige sich nicht an einer Invasion im Irak, so bewährt er sich auch als europäischer Politiker. Der Umstand, dass er dies gerade im Wahlkampf geäußert hat, ändert daran nichts grundsätzlich. Es kommt dadurch hinzu, dass er bei Kriegsgegner/innen und Leuten mit antiamerikanischen Positionen auf Stimmenfang gegangen ist. Es ist falsch die USA einseitig als Kriegstreiber anzusehen. Die USA unterscheidet sich derzeit von allen anderen Ländern dadurch, dass sie die größte Kapitalmasse beherbergt, deshalb technologisch mit führend ist und die größte militärische Stärke hat und die Fähigkeit weltweit militärisch agieren zu können. Der Versuch, diese Führungsrolle in der derzeitigen Krise auszunutzen, zu sichern und auszuspielen, macht die (Regierung der) USA derzeit so aggressiv.

Die Bundesrepublik und die anderen EU-Staaten versuchen nichts anderes, nur sind insbesondere ihre militärischen Fähigkeiten bei weitem nicht so groß wie die der USA. Die Einführung des Euro ist gleichzeitig ein Versuch die Bedingungen für das Kapital innerhalb von Europa zu verbessern, als auch eine Attacke gegen die Vorherrschaft des Dollars als Weltwährung. Dies sind zwei Momente ein- und desselben Vorgangs. In dem Kampf um die Kontrolle der Ölreserven und dem Doppelcharakter der Euroeinführung zeigt sich exemplarisch die Konkurrenz zwischen den „nationalen“ Kapitalen, hier dem europäischen und US-amerikanischen.

Die offizielle Begründung, die für die Notwendigkeit einer Invasion angegeben wird, lautet, dass Hussein mit Massenvernichtungswaffen die Welt bedroht. Das Ziel sei somit Sturz des Regimes Hussein und die Errichtung einer demokratischen Regierung im Irak. Doch wie sieht es denn mit der Entwicklung der Demokratie aus, seit der ,,Krieg gegen den Terror“ begonnen hat? Der 11.09.01 markiert den Anfang vom Ende, von dem, was gemeinhin unter Demokratie verstanden wird. Ein Mittel dazu ist die offizielle Einführung einer Art „Untermensch“, genannt Terrorist oder manchmal auch Barbar. Dieser „Untermensch“ verkörpert das Böse schlechthin, für dessen Bekämpfung jedes Mittel Recht ist. Es gibt dabei keinerlei Halt: weder vor Folter, noch vor Massenexekutionen oder vor Bombardierung von Wohngebieten und auch nicht vor dem offenen Drohen mit Atomwaffen. Es wird Giftgas eingesetzt und keinerlei Rücksicht auf Zivilisten oder Unbeteiligte genommen. Sicherheitsgesetze spülen all das weg, was aus der Erfahrung des zweiten Weltkrieges an Schranken z.B. in das Grundgesetz aufgenommen wurde. Auch in Großbritannien können beispielsweise laut Antiterrorgesetz alle Ausländer, die des Terrorismus verdächtig sind, ohne richterliche Zustimmung unbegrenzt festgehalten werden. Den Beschuldigten muss der konkrete Grund ihrer Festnahme nicht genannt werden. Wie der Sydney Morning Herald vom 18.12.02 berichtet, mussten sich in den USA zehntausende arabische oder muslimische Männer über 16 Jahren (mit Aufenthaltsgenehmigung o.ä.) registrieren lassen und einer Art erkennungsdienstlichen Behandlung unterziehen, also Foto, Fingerabdrücke etc. Ansonsten drohte ihnen der Landesverweis. Überall auf der Welt wird und unter dem Deckmantel Terrorbekämpfung gemordet. Tschetschenien sei hier nur als ein Beispiel genannt.

Nun zieht die „böse“ USA gegen den Irak. Und das „gute“ Deutschland ist nicht dabei? Verbietet das. Grundgesetz nicht Angriffskriege? In der Tat. Das tut es. Doch das Grundgesetz ist im Zweifelsfall nicht das Papier wert auf dem es steht. Es beginnt schon bei Artikel 1. Laut Bundespräsident ist mit Schutz der Menschenwürde ein aktiver gemeint, der für alle Menschen gilt. Doch wer sich je mit der Asylpraxis in der Bundesrepublik befasst hat weiß, dass die Würde von Migrant/innen von staatlicher Seite aktiv mit Füssen getreten wird. Es passiert also das genaue Gegenteil von dem, was in Artikel 1.GG gefordert wird. Begründet wird das damit, dass es Asylsuchende in Deutschland nicht zu bequem haben sollen um nicht noch mehr anzulocken. Damit aus dem Angriffskrieg gegen Jugoslawien ein (tja was eigentlich?) humanitärer Einsatz wurde, bemühten Fischer und Co. ausgerechnet den systematischen Mord an sechs Millionen Menschen als Juden im Nationalsozialismus (Bild: „Sie treiben sie ins KZ“). Es wäre keinerlei Problem, ein ähnliches Konstrukt für den Irak zurechtzubasteln. Herr Schröder müsste sich dazu nur Bushs Ansicht von der „Achse des Bösen“ anschließen. Oder anders gesagt: Ob die Bundesrepublik Krieg führt oder nicht, hängt mitnichten davon ab, was im Grundgesetz steht. Auch hatte die Bundesrepublik nie Probleme Asylsuchende abzuschieben. Ob das Zielland als „Diktatur“ oder „Demokratie“ gilt, spielte und spielt dabei nie eine vordergründige Rolle. Oft genug führte der Weg der Abgeschobenen vom „Heimatflughafen“ direkt in die Folterkammer. Nein, Demokratie ist kein Kriegsziel. Nicht in Jugoslawien, nicht in Tschetschenien, nicht in Afghanistan, nicht im Irak und auch nicht auf irgendeinem anderen Kriegsschauplatz auf dieser Welt.

Apropos. Die Erfolgsmeldungen aus Afghanistan sind schnell verstummt. Noch Monate nachdem der Eindruck erzeugt worden war, der Krieg sei im großen und ganzen beendet, waren vereinzelt Meldungen zu hören, dass Spezialeinheiten eine neue Offensive in Afghanistan vorbereiten. Die Jubelbilder aus Kabul können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich auch durch den jüngsten Afghanistan-Krieg die Situation im Land nicht grundlegend geändert hat. Während in Kabul einmal mehr die „Regierung“ gewechselt hat, ist der Rest des Landes weiterhin durch den Konflikt lokaler Gruppen bestimmt. Im Grunde wird in Afghanistan seit 1980 Krieg geführt. In dieser Zeit ist über Kabul mehr Sprengstoff niedergegangen als über Dresden im zweiten Weltkrieg. Die jüngsten Bomben der USA noch gar nicht mitgerechnet. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, Millionen von Minen sind über das Land verstreut. Doch all dies lässt sich nur aufzählen und ist für die meisten Menschen hier kaum nachvollziehbar.

Unterdessen bietet sich ein ungeheures Schauspiel an Doppelzüngigkeit in der offiziellen Weltpolitik. Die UN-Waffeninspekteure bilden kaum mehr als ein Feigenblatt um die offene Kriegsabsicht gegen den Irak zu verbergen. Die USA wollen die Invasion, gleichgültig was für Waffen der Irak besitzt. Doch je kleiner das Feigenblatt, desto stärker das Interesse daran. Journalisten und Politiker verweisen mit großer Hingabe auf die Waffeninspektionen und reden davon, dass alles noch offen sei. Aber die Taten sprechen eine ganz andere Sprache. Denn im Grunde hat der Krieg gegen den Irak bereits begonnen. Ein Krieg beginnt nicht mit massiven Luftangriffen, sondern mit dem verdeckten Kampfeinsatz von Diversions- und Aufklärungstruppen. Und der ist bereits im Gange. Die Propaganda gewinnt dadurch Qualität, dass sie von Leuten gemacht wird die offenbar selbst daran glauben. Die Rede ist besonders von den Parlamentariern von B’90/Grünen. Das ist schon Meisterleistung. Man nehme beispielsweise den Einsatz von Urangeschossen im Jugoslawien-Krieg. Die Diskussion darüber endete damit, dass man sich Gedanken über amerikanische Übungsplätze in der BRD machte. Der Kosovo war vergessen. Doch im Ablenken sind Presse und Bundestag Meister. Man denke auch an das elende Gezerre um UN-Mandate, Angriffs- oder Verteidigungswaffen, Kriegs„verbrechen“, Menschenrechte. In dem immer wieder große Aufmerksamkeit auf Dinge gelegt wird, die mit dem wirklichen Geschehen wenig zu tun haben. Dabei wird gerade von jenem Geschehen abgelenkt und jedem/r ein paar Argumente geliefert, mit denen man sich beruhigen kann. Schätzungen gehen von hunderttausenden Toten im Falle einer Irak-Invasion aus. Müßig ist es zu erwähnen, dass es vor allem diejenigen am stärksten treffen wird, die zur „einfachen“ Bevölkerung gehören. Deren Möglichkeiten sich zu schützen, zu fliehen oder was auch immer sind am geringsten. Es handelt sich dabei keinesfalls um Kollateralschäden. Denn dies würde unterstellen, dass die Bombardierung von Wohngebieten gewissermaßen aus versehen geschieht. All denjenigen, die daran glauben, sei gesagt: „Aufwachen! Es gibt keinen Weihnachtsmann!“ Aber mit Krieg scheint es so zu sein, wie mit dem Alkohol. Das „Nie wieder!“ überdauert den Kater danach nicht.

v.sc.d

PolitMix

Rundumschlag: Graffiti

„Keine Macht dem Amtsblatt!“

Nachdem das Leipziger Amtsblatt ja bereits Mitte des letztens Jahres durch einen offenen Aufruf zur Denunziation negativ aufgefallen war (siehe FA! #1), fordert es in der Ausgabe vom 4. 2. 2003 „Keine Macht den Sprayern!“ und liefert uns eine Zwischenbilanz des städtischen Anti-Graffiti-Programms. So brüsten sie sich damit, dass 49 % aller Leipziger Schulen inzwischen keimfrei seien, das Brücken „gereinigt“ wurden und die „Blau-Gelben-Engel“ des Ordnungsamtes rund 280 m2 Bilder und Schriftzüge und 1272 Plakate entfernt haben. Auch die Propagandakampagnen in Schulen sollen inzwischen gestartet sein.

Soviel Aufwand um nichts kostet natürlich Geld: „Allein können wir angesichts der angespannten Haushaltslage das ehrgeizige Programm nicht schultern“, meint Bürgermeister Holger Tschense. Wenigstens ein positiver Aspekt der Finanzschwäche der Kommunen. „Trotzdem ist es eine unserer Schwerpunktaufgaben im nächsten Jahr, für die wir 70000 Euro einstellen wollen.“ Das Geld könnte mensch doch sicher sinnvoller einsetzen, zum Beispiel für Olympia, den City-Tunnel, mehr Marketing-Gags und vielleicht mal was ganz anderes, auch wenn es irgendwie surreal klingen mag: für soziale und kulturelle Projekte. Na, Tschense, wir können Sie sicherlich beraten!

Erste Opfer des Anti-Graffiti-Programms

Auch Andere brauchen Beratung, wenn auch die eines Rechtsanwalts: fünf Menschen wurden bereits Opfer des Anti-Graffiti-Wahns und müssen jetzt mindestens Bußgeld blechen, wenn sie nicht gar wegen Sachbeschädigung verurteilt werden.

Zur Erinnerung (siehe auch FA! #2 und #3): im September wurde eine Ergänzung der Polizeiverordnung beschlossen, nach der das „unerlaubte Beschriften, Bemalen, Besprühen und Plakatieren“ als Ordnungswidrigkeit eingestuft und mit einer Geldbuße bis zu 1000 Euro bestraft werden kann. Und damit das auch möglichst oft passiert, gibt es für Blockwarte, Obrigkeitshörige, frustrierte Kleinbürger und ex-Stasi-Mitarbeiter als Extra-Schmankerl ein Ordnungstelefon, wo nach Lust und Laune gepetzt werden kann. Drei der fünf Stadtverschönerer wurden auch schon Opfer solcher DenunziantInnen.

In den Weihnachtstagen wurden drei jugendliche „Hausbeschmierer“ mitgenommen. Zwei Männer wurden durch einen Wachmann beim Bemalen von Wänden und Schaufenstern mit schwarzen Stiften in der Innenstadt erwischt. Ein 17jähriger wurde von einer Anwohnerin beobachtet, wie er eine Hauswand in der Wiederitzscher Ecke „bekrakelte“. Nach LVZ-Angaben müssen sich alle drei wegen Sachbeschädigung verantworten, wobei das aber zweifelhaft ist, da Filzstiftspuren wohl ohne Beschädigung des Untergrunds entfernt werden können. (Quelle: LVZ vom 28./ 29. 12. 2003)

Am frühen Morgen des 12. Januar wurden zwei jugendliche Sprayer vorläufig festgenommen, vernommen und an ihre Eltern übergeben. Nach Polizeiangaben sollen sie eine Hauswand an der Naumburger Straße besprüht haben. Eine Anwohnerin zeigte Zivilcourage und rief sofort ihre Freunde und Helfer. „Kurz danach klickten in Tatortnähe die Handschellen.“ (Quelle: LVZ vom 14. 1. 2003) Über die Inhalte der Graffiti wurde nichts berichtet.

Niederlage für Graffitijäger

Gleichzeitig mussten die Graffittijäger einen herben Rückschlag einstecken. Philip W, der als „SNOW“ wegen einem Eisenbahn-Graffiti vor Gericht stand, wurde freigesprochen, weil an dem Reisewagen der Deutschen Bahn kein „erheblicher Substanzverlust" festgestellt werden konnte.

Da nicht sein kann, was nicht sein darf; ging die Staatsanwaltschaft in Berufung und die Stadtoberen signalisierten ihre Enttäuschung darüber, dass an dem Bahnwagen keine Schäden entstanden sind und drohen: „Die Sprayer sollten dieses Urteil nicht als Ermutigung für ihr ungesetzliches Tun sehen!“ (Tschense)

Auch in der LVZ kam der Bürgersinn für Ordnung und Sauberkeit zu seinem Recht. Manche Leser wurden „bei solchen Urteilen wahnsinnig", andere wähnten sich „im Land Absurdistan“, hofften „dass man selbst nicht mit solchen Juristen zu tun bekommt“, verloren das Vertrauen in den Rechtsstaat, beklagten den schwachen Staat, der sich „von Sprayern so auf der Nase herumtrampeln lässt", befürchteten dass Graffitti Olympia gefährdet, oder fühlten sich demotiviert, „illegale Sprayer bei ihren Untaten zu stören“.

Da hatten die Richter wohl die falsche Objektivität im Schädel. Aber das kriegen wir schon wieder hin: Denn, jeder kann ja mal einen Fehler machen. Und wenn es beim zweiten Mal nicht klappt, werden halt die Richter entlassen, wenn sie das falsche Urteil fällen, oder es werden einfach die Gesetze verschärft…

Anti-Graffiti national

OBM Tiefensee schrieb einen Brief an „Justizministerin Brigitte Zypries [um] seine Unterstützung für eine Gesetzesinitiative des Bundesrates [zu] signalisieren, wonach die Anbringung illegaler Graffiti – unabhängig davon, ob sie eine Substanzverletzung der beschmierten Sache bewirken oder nicht – ein Vergehen der Sachbeschädigung darstellt.“ (Amtsblatt 4. 2. 03) Diese Bundesratsinitiative ging von Baden-Würtemberg aus (siehe Kasten unten) und wurde am 20. Dezember an die Bundesregierung weitergeleitet.

Fazit

Mir fällt negativ auf, dass sich in Leipzig kaum Widerstand gegen diese Hetzkampagne und systematische Verfolgung einer bestimmten Personengruppe, einer suburbanen Kultur und einer eigenen Form von Kunst regt. Hauptsache das eigene Häuschen wird nicht beschmutzt, der Rest scheint den meisten Menschen in Leipzig egal: Graffiti wird als entartete Kunst denunziert und der Standortideologie und einem halluziniertem „allgemeinem Wertesystem“ geopfert. Ziel ist die Verbesserung der Verwertungsbedingungen für Investoren in Leipzig und die Befriedigung des deutschen Sauberkeits- und Ordnungsfetisch.

Wir leben in Zeiten von weitreichenden Flexibilisierungen (siehe auch Hartz/Leiharbeit), der Ausweitung von Marktprinzipien auf viele Bereiche des menschlichen Lebens und der Renaissance des starken Staates. Eine Gefahr, die nicht unterschätzt werden sollte.

francis & kater murr

Mit dem Gesetzentwurf will der Bundesrat den Tatbestand der (gemeinschädlichen) Sachbeschädigung um die insbesondere durch Graffiti verursachten Verunstaltungen ergänzen. Das äußere Erscheinungsbild einer Sache gehöre zu den inneren Werten des Eigentums selbst und müsse dem Schutz des Gesetzes unterworfen werden. Der Entwurf schlägt deshalb vor, die Defizite des geltenden Rechts dadurch zu beheben, dass künftig alternativ zur Zerstörung oder Beschädigung einer Sache die nicht nur unerhebliche Veränderung des Erscheinungsbildes einer Sache gegen den Willen des Eigentümers oder sonst Berechtigten für die Erfüllung des Tatbestandes genügt.“

(aus der Pressemitteilung: „Bundesrat bringt Graffiti-Bekämpfungsgesetz beim Bundestag ein“)

Lokales

Keine Kindergartenplätze mehr für Arbeitslose

„Nur wer arbeitet, darf auch essen!“ Dieses alte Motto des Arbeitswahns, wurde vom CDU-dominierten Lokalparlament in Dresden neu interpretiert: Kindergartenplätze bekommen ab 1. Februar nur noch diejenigen, die sich per Lohnarbeit verwerten lassen. Denn: Wer keine Arbeit hat, hat nichts zu tun und kann folglich auf seine Kinder selbst aufpassen. Ein kausaler Kurzschluss, der typisch ist für die Anhänger der Religion „Arbeit Arbeit Arbeit“, denen jedes Anzeichen von Muße suspekt ist. Und wenn zu wenig Geld im Haushalt ist, fallen ja seit eh und je zuerst diejenigen runter, die nahe am Abgrund sitzen: die Arbeitslosen. Aber nicht nur sie werden diskriminiert, auch den Kindern werden die sozialen Kontakte zerstört.

Doch es regt sich Widerstand in Dresden: Von den über 8000 Eltern, deren Kindergartenplätze gekündigt werden, wenn sie nicht bis zum 17. Januar eine Arbeitsstelle nachweisen, legten Hunderte Widerspruch ein und schrieben Protestbriefe. Am Dresdner Verwaltungsgericht sind bereits Klagen anhängig. Und wenn das nichts nützt, sollten sich die Eltern mal nach anderen Protestformen umschauen und überlegen, wie sie die Kinderversorgung zusammen selbst organisieren können.

francis

Lokales