Archiv der Kategorie: Feierabend! #05

Die Großstadtindianer (Folge 4)

Eine Heimat, ein Springer und ein paar Gläser IV

‚Ich war beim letzten Male noch nicht ganz zu Ende gekommen.‘ Während ich am Bleistift kaute, das rotseitige Büchlein vor mir, schoss der Gedanke durch meinen Kopf. ‚Aber die erste Episode war immerhin fast fertig, ein wenig zu idyllisch und ein Schuss zuviel Realismus, trotzdem, für den ersten Versuch…‘ Ich schrieb den Gedanken auf und erinnerte mich noch einmal an den letzten Tag, als Kalle und ich mit Boris, Schlumpf und Schmatz losgezogen waren, um Buggemüller wegen seiner Wagenladung Gläser in der Kneipe „Zum Fass“ zu treffen. Der Wirt hatte mir das Brett in die Hand gedrückt, nachdem Kalle und Buggemüller sich lauernd gegenüber setzten. Boris, Schlumpf und Schmatz warteten am Wagen. Kalle gewann weiß, und ich zweifelte keine Sekunde an seinen Künsten. Buggemüller war ein einfältig geradeaus-denkender Linienspieler, gegen Kalles ausgefeilte Springertaktiken hatte er kaum eine Chance: Er musste ihn mittlerweile ein Dutzend mal geschlagen haben, und Buggemüller konnte einfach nicht begreifen, wie es einem „jungen Kerl ohne Erfahrung“, wie er sagte, gelang, ihm eine derartige Schmach zuzufügen. Doch von vorn.

Um an die Einweckgläser der Fabrik im Osten der Stadt heranzukommen, die Buggemüller in unregelmäßigen Abständen zur Deponie fuhr, mussten wir damals seine Schwachstellen herausfinden. Die Suche währte nur kurz. Sein ehrgeiziger Charakter verband sich mit seinem wöchentlichen Hobby zu einer der menschlichsten Schwächen auf unserer Scholle: er konnte einfach nicht verlieren. Schon gar nicht im Schachspielen! Es war ein leichtes gewesen, ihn zur Wette um seine Wagenladung zu reizen. Damals waren wir einfach zum sonntäglichen Treffen gegangen, und Kalle hatte Buggemüller herausgefordert. Der nahm selbstsicher an. Und der ganze Schachstammtisch sah zu. Kalle gewann zweimal. Matt und Matt. Buggemüller kochte vor Wut und sein feistes Gesicht lief rot an. Er presste zwischen den verbissenen Lippen nur ein Wort heraus. „Revanche!!!“ Das war der Moment, an welchem er sicher um fast alles gewettet hätte. Als Kalle ihm erklärte, dass wir nur die Gläser haben wollten, die er in jenem Monat von der Fabrik holte, stutzte er kurz und grinste dann verächtlich: „Top, die Wette gilt!“ Buggemüller müller hatte wohl erkannt, dass ihn das wenig kostete, im Gegenteil bezahlten Feierabend versprach. Kalle machte jedoch der aufkeimenden Euphorie Buggemüller ein jähes Matt und wir gewannen unsere erste Ladung Gläser. Dabei hatten wir Buggemüllers Ehrgeiz richtig eingeschätzt. Er konnte es einfach nicht ertragen, nicht gegen Kalle gewinnen zu können. Der Köder hatte gestochen. Und so verabredeten wir mit ihm, ein weißes Tuch an seine Lkw-Antenne zu binden, wenn er, wieder einmal Gläser geladen hatte, zur Kneipe zu fahren und dort auf uns zu warten. Es war schon zu einem Ritual geworden, und Buggemüller nutzte die gewonnene Zeit nach den verlorenen Spielen, um seinen Lohn und seine Ehrsucht im Alkohol zu ertränken.

Ich hörte Kalles Stimme: „Springer auf F5, Herr Buggemüller, haben Sie das nicht gesehen?“ und blickte zu ihm. Er war mittlerweile in eine tiefgrübelnde Haltung verfallen und brütete über seiner aussichtslosen Stellung. „Du Bastard“, zischte es zwischen seinen Zähnen hervor, „ich geb auf!“ Er warf mit einem für seine Handmaße fast zärtlichen Schubs seinen König um und wischte dabei ein Pferd vom Brett: Beim Bücken sagte Kalle zu ihm: „Vielleicht beim nächsten Mal, Herr Buggemüller!?“ Der Fleischberg schwieg einen Moment, fixierte den sich aufrichtenden Kalle und sagte dann gebrochen kurz: „Ja!“ Ich trat zum Tisch. „Wir laden jetzt die Gläser ab. Schönen Feierabend Herr Buggemüller. Wir sehen uns beim nächsten Mal.“ Er antwortete monton kurz: „Ja!“, und als Kalle ihm die Hand entgegenstreckte, war sein Blick in die Ferne entrückt. Erst als wir schon fast draußen waren, hörten wir das bekannt selbstbewußte Brummen und Tönen seiner Stimme, die wieder Sicherheit atmete. „Beim nächsten Mal schlag ich den Burschen. Bestimmt!“ Kalle schmunzelte mir zu, ich zwinkerte zurück.

Kaum waren wir durch die Tür getreten, vermischte sich das Brummen mit dem Gezeter einer reifen Frau, welches in Salven über die Straße hackte. Wir sahen uns an. Das war doch Charlotte Götz, oder Oma Lotte, wir wir sie liebevoll nannten. Sie besuchte uns an und wann und tauschte Einweck gegen den besten Kuchen der Stadt. Beim Handwagen hatte sich eine kleine Ansammlung gebildet. Ich hörte Schlumpf schrille Töne aus seiner Flöte blasen. Schmatz jagte seinen zottligen Schwanz, Boris stand ein wenig abseits, und Oma Lotte redete wie wild auf Oberwachtmeister Otto (Spitzname „00“) ein. Der hatte sich vor Schlumpf aufgebaut, um ihn wohl des Betteln zu bezichtigen. Doch Oma Lotte musste bereits eine ganze Weile zetern, denn der Wachtmeister war schon auf dem Rückzug. Als wir hinübergingen, hörten wir noch die letzten Worte, die sie dem flüchtenden Otto hinterherwarf „Kleine Kinder, Arme und dann am besten noch alte Omas, wart´, das werd´ ich Deiner Mutter erzählen! Kunstbanause!!!“ Wir bedankten uns für ihre Hilfe, und während des Umladens der Gläser gaben Schlumpf und Schmatz noch ein Konzert extra für Oma Lotte. Schlumpf spielte wie toll auf seiner kleinen Flöte und Schmatz jaulte und tanzte. Die Heiterkeit steckte nicht nur Charlotte Götz, sondern auch uns an, und so waren die Gläser flugs auf dem Handwagen und in den Kiepen verstaut. Samt Gummis und Deckel eine fette Beute! Wir verabschiedeten uns von Oma Lotte und traten den Heimweg an, den Berg hinauf in Richtung unserer Heimat. Am Tor empfing uns, vom Aussichtsturm winkend, Moni. „Wir sind alle zum Essen eingeladen, bei Fabian und Ilba. Aber vorher spült ihr noch die Gläser aus, bitte Jungs! Die stinken so …“, sie kniff sich in die Nase, „Pfui, pfui!“ Das Ende eine kleinen Episode. Ein Anfang. (Fortsetzung folgt.)

clov

…eine Geschichte

D.I.Y.-Revolutionscamp

Theorie, Direct Action und Anders Leben auf der Burg Lutter vom 14.04.-21.04.2003

Beim D.I.Y. -Revolutionscamp handelt es sich einfach gesagt um eine ,,Fortbildung“ für Linksradikale. Es geht darum Wissen zu vermitteln und Erfahrungen weiterzugeben, um Spezialisierung aufzubrechen und mehr Menschen eine breitere Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. Darüber hinaus ist das Treffen eine Chance, sich zu vernetzen und die Isolation von Aktionsgruppen und Einzelpersonen zu überwinden. Ein wesentliches Konzept des Camps ist es, die Zersplitterung unseres Alltags zu überwinden und Theorie, politischer Praxis und Leben als eine Einheit zu begreifen.

Wir möchten ein Grundgerüst mit vorbereiteten Themen, Kulturprogramm und Infrastruktur stellen, das genügend Freiraum für selbstorganisierte Workshops, AK’s und Diskussionen bietet. Der generelle Charakter des Camps basiert auf Selbstorganisation, d.h. bring Dich ein, statt einfach nur zu konsumieren. Folgende Themen sind angedacht:

Theorie: Vision & Utopie, Wertkritik, Arbeitskritik, Queertheorie, bolo’bolo & Subcoma, Subsistenzperspektive, Motivationsfrage…

Direct Action: Lock-ons bauen, Tripods bauen und aufstellen, Baumklettern, Pressearbeit, Anti-Repressionsarbeit, Organisationsstrukturen und Kollektive, Bezugsgruppensysteme, Entscheidungsfindung, Hacktivism, PGP, Pink and Silver, radical cheerleadering, Theater der Unterdrückten, verstecktes Theater, Scanner und eigene Kommunikation, eigene Medien, Internet, Zeitung- und Radio machen, Layout, Aktionsvideos drehen, Subvertising, Kommunikationsguerilla, Spaßguerilla, Verwendung und Bau von Puppen für Demos und Aktionen, movement action plan (map),

Anders Leben: Bildungssyndikat, Food-coop, Tips und Tricks sich der Lohnarbeit zu entziehen, Umsonstläden, Tauschringe, Selbstverteidigung, Körperarbeit, Capoeira, Einfälle statt Abfälle, Wie senke ich meine Lebenshaltungskosten, aber nicht meine Lebensqualität, alternative Wohnformen, Bauwagenplatz, Kommunen, Subsistenzproduktion, Woher nehme ich meine Motivation und Energie?

Wenn Du zu den genannten oder nicht genannten Themen Referentln sein kannst und Lust hast, das Camp zu bereichern, dann melde Dich doch einfach bei uns. Der derzeitige Vorbereitungsstand kann über folgende Adresse abgerufen werden: www.da-camp.de.vu

Die Kontaktadresse des Camps ist: D.I.Y-Revolutionscamp
FAU
c/o Alte Münze 12
49074 Osnabrück

Aktion

Leipzig & St. Pauli

Tapferes Leipzig. Das ist ja wie 1989 – kurz vor dem Umsturz. Die BürgerInnen der Heldenstadt schreien sich mal wieder auf emotionsgeladenen Diskussionsveranstaltungen ihre Wut aus dem Wanst und müssen von der Polizei bewacht werden, StudentInnen erheben sich gegen die Willkür der Landesregierung und fordern den Rücktritt von Wirtschaftsminister Rößler. Magnifizenz Bigl ist schon zurückgetreten und wird jetzt zur Ikone des Widerstands. Schade, dass es dabei nur um den (Nicht-)Wiederaufbau der 1968 von der Ulbricht-Regierung gesprengten Paulinerkirchenaula der Uni geht.

Die Sprengung der Kirche im Rahmen der „Sozialistischen Neugestaltung“ des Leipziger Stadtbildes, war eine stumpfe Machtdemonstration einer von Paranoia und Menschenverachtung besessenen Altmännerclique (1), bei der für Leipzig historisch einmalige Bausubstanz verloren ging. Ein Wiederaufbau würde dies, nach Meinung eines Großteils der an der Diskussion beteiligten, nicht ungeschehen machen und wäre nur ein Prestigeobjekt für gewisse Leute „da oben“. Wo aber sind diese jetzt so engagiert Protestierenden jedesmal, wenn ein (Um-)Bauvorhaben nach dem anderen mit mehr als fragwürdigem Sinn in, um und bald auch unter Leipzig beginnt? Prestigeobjekte, welche oft wirklich von ihren Steuergeldern und nicht durch Spenden finanziert werden und bei denen noch viel weniger nach deren Meinung gefragt wird.

Die einen wollen eine moderne, funktionale und für den härter werdenden „Bildungswettbewerb“ gerüstete Uni und die anderen einen teuren Original Wiederaufbau der Paulineraula. Beide Varianten schließen einander angeblich aus. Wer die Kirchenkopie ablehnt, ist noch lange keinE BefürworterIn der Sprengung. Aber sind, deshalb vielleicht auch nicht alle, die noch ein Fünkchen Empfinden für Ästhetik haben und das Aussehen der neuen Uni/des Augustusplatzes und ihren guten Geschmack nicht nur der Funktionalität und dem Leistungsprinzip unterordnen wollen, gleich CDU-WählerInnen, Ewiggestrige, religiöse Eiferer o.ä.?

Man könne keiften ersten Platz vergeben, druckste man im letzten Jahr herum, als es um die Bewertung der 27 in die Endauswahl gekommenen Entwürfe für die Neugestaltung der Uni ging, was eigentlich schon an sich Bände über die Qualität dieser „Vordiplomarbeiten überforderter Architekturstudenten“ (FAZ) sprechen sollte. Sehr viele Bürgerinnen äußerten sich da offener, man könne sich maximal ein paar interessante Elemente aus mehreren Entwürfen kombiniert vorstellen, sähe aber ansonsten keine großen Veränderungen zu Ulbrichts Kasten.

Betrachtet man nun den nach „Konzeptqualifizierung“ favorisierten modernen Entwurf von Behet & Bondzio in der Computersimulation, kommt einem dann wirklich das kalte Grausen, wenn man realisiert, dass dieser Neubau vollendet, was selbst Ulbrichts ideologisch gelenkte Stadtplaner nicht gewagt haben: Der Eingang der Grimmaischen Straße wird wieder auf seine mittelalterliche Enge reduziert, das Uni-Gebäude überragt das Kroch-Hochhaus und wird so in seiner dicht an dieses grenzenden Kastenform zum ästhetischen Overkill dieser Seite des Augustusplatzes.

Wer Ideen wie diese abliefert bzw. deren Umsetzung ernsthaft in Erwägung zieht, treibt zwangsläufig immer ins Lager der NostalgikerInnen. Lieber eine Kopie der Paulinerkirche und das Rad der Geschichte zurückdrehen, sagen sich da sicher manche, als einen noch größeren Schuhkarton, der auch noch die Freifläche in der Grimmaischen Straße verschlingt (2).

Liegt das Problem dann nicht eher beim Mangel an guten, auch unter ästhetischen Gesichtspunkten vertretbaren Ideen, die eventuell einfach nur i(n eine)m verwandten Baustil (3) an die Paulinerkirche erinnern? Im Vergleich zu Behet & Bondzio’s Entwurf kommt dem bis jetzt leider nur die Idee einer originalgetreu wiederaufgebauten Paulinerkirche nahe und bleibt bis dahin der einzige auch optisch ansprechende Vorschlag.

mirek

Weiteres zum Thema im Internet:
www.uni-leipzig.de/-unineu/journal/0205/ 0205campussieger.html
www.uni-leipzig.de/campus2009/index2.html
www.paulinerverein.de
www.paulinerkirche.de
(1) Sicher hat hierbei auch die Verarbeitung gewisser traumatisch nachwirkender Kindheitserlebnisse, des ja aus Leipzig stammenden W. Ulbricht, eine Rolle gespielt.
(2) Im Zusammenhang mit der geplanten engen Bebauung der Grimmaischen Straße, ist sicher auch die Frage nach dem Sinn eines neuen „Café Felsche“ zu stellen, welches sicher auch nur irgendwelche Vorkriegs-Sentimentalitäten bedienen soll und dessen Platz der Uni sicher besser zugute käme.
(3) Hierbei wäre sicher zu klären, welche der verschiedenen Formen die St. Pauli im Laufe seiner 700jährigen Geschichte hatte, hierfür in Frage kämen. Eine Frage, um die auch der Paulinerverein nicht herumkommen wird, sollten sich wirklich die „So-Original-Wie-Möglich“-BefürworterInnen durchsetzen.

Lokales

Hänschen-klein, Jägerlein, lass das Schießen endlich sein!

Schon mal gefragt, warum der Militarismus wie ein Schatten durch unsere sozialen Netzwerke wandelt? Sind die Artefakte des Schrotthändlers wirklich so unwiderstehlich oder ist die Jugend einfach unfähig, vom Alter zu lernen? Stichwort: Traditionspflege. Frage: Wenn sich jährlich zu Pfingsten Reservisten aus Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr im bayrischen Mittenwald versammeln, um über die guten alten Zeiten zu plaudern, ist …? Ist das das Treffen des „Kameradenkreises der Gebirgstruppe“ (KdG), zu dem immerhin mehrere tausend junge und alte Militaris pilgern. Um bei Tee und Kuchen gemeinsame Tradition zu pflegen. Kultobjekt: Im Allgemeinen die Gebirgsarmee und im Besonderen die 49. Gebirgsarmee der Wehrmacht. Die hat zwar ’ne Menge Dreck am Stecken, aber wen interessiert´s? Hauptsache die Waffen glänzen, das Hemd sitzt gerade und die Orden blinken. Ausflüge gibt´s auch: Zum Beispiel mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Dann pilgert mann über die alten Kriegspfade, sammelt hier und da ein paar Knochen toter Kameraden und summt die ewig gleichen Lieder … Ich hör ja schon auf. Wehret dem Schatten!

Was tut der Staat? Ermitteln.

Der Arbeitskreis „angreifbare Traditionspflege“? Zum diesjährigen Treffen am 7. u. 8. Juni Aktionen, Demonstration und Hearings veranstalten, wobei auch Vertreter des griechischen Nationalrats der Opferverbände und Militärhistoriker mitwirken sollen.

Und Du?

Noch ein Tipp: über angreifbare.tradition@freenet.de findest Du Genaueres zu Terminen, Treffpunkten. Ideen und Aktionen. Siehe auch: www.linkeseite.de/Texte/antifatexte/1444.htm

Aktion

Editorial FA! #5

Es ist gar nicht so einfach in diesen „bewegten Zeiten“ mit einem 1-1/2-Monatsheft wirklich auf dem aktuellen Stand der Dinge herauszukommen. Wer weiß, wie die Welt schon wieder aussieht, wenn unsere gutgläubigen ZeitungsverteilerInnen dieses Heft in die Läden bringen: Der Kampf um die Entmachtung der Schnauzbärte ist endgültig losgebrochen, die „Ulbricht-Uni“ wurde von Fanatikerinnen über Nacht gesprengt, Feierabend!-RedakteurInnen werden massenweise zur Leiharbeit bei Leipziger Volkszeitung und Kreuzer verpflichtet…

Trotz unseres Titelbildes, was sich ehrlich gesagt einfach nur aufgrund des Blickfanges angeboten hat, ist der Paulinerkirchen-Zoff nicht unser Schwerpunkt. Dafür ist uns das Thema dann doch nicht wichtig genug und das Niveau der geführten Debatten zu peinlich. Ganz der Stimme enthalten werden wir uns allerdings trotzdem nicht.

Auch der sich, bei oberflächlicher Betrachtung, aufdrängende Zusammenhang der Begriffe NOlympia, B.A.F.F. und St. Pauli – der sich als diffuser roter Faden durch diese Ausgabe zieht – konnte uns nicht zur Konstruktion eines SPORT-Schwerpunktes bewegen. Um uns nicht auf Krampf ein Hauptaugenmerk aufzuhalsen, präsentieren wir deshalb lieber eine um so breitere Palette an Themen.

Die VS des (1-1/2-)Monats ist Heidruns APOTHEKE AM ZOO. Zwar ist sie erst mit dem letzten Heft hinzugekommen, durch den dramatischen Umfang der Chefin im fortgeschrittenen Vermehrungsstadium sahen wir uns hier jedoch zu schnellem Handeln veranlasst. Man bedenke: um so näher die Zeit für #6 dieses Heftes schon wieder heran sein wird, um so wahrscheinlicher ist, dass Heidrun nun erst recht keine Zeit mehr hat um müßig vor ihrer Apotheke herumzuposieren. Wir wünschen jedenfalls fröhliche Niederkunft.

Die Feierabend!-Redax

Kapitalismus / Im Prinzip / Ohne Klassen

Im letzten Feierabend! wurde ein Artikel über Klassen („Wieder – immer noch weben“) veröffentlicht, der mich zu einer Erwiderung reizte. Schließlich hat eine Rubrik wie Theorie & Praxis auch viel mit Diskussion zu tun.

 

Um kurz zu rekapitulieren: Der genannte Artikel kam zu der Feststellung, dass sowohl die Einteilung in Besitz-, Erwerbs- und soziale Klassen hinfällig wird, aber über die Stellung im Produktionsprozess als „reine“ (abstrakte) Klassen bestimmbar seien. Im Folgenden meine Sicht der Dinge. die die Sinnhaftigkeit der Klassenanalyse an sich in Frage stellt. Ich denke, dass nicht die Klassen Basis politischen Analysierens und Handelns sein können, sondern die kapitalistischen Prinzipien, auf die ich dann noch näher eingehe, sinnvolle Grundlage sind. (Dieser Artikel ist auch ohne Kenntnis des Artikels in Ausgabe #4 verständlich. Dieser befindet sich für die, die es genauer wissen wollen, hier.)

Ich stimme zu, dass beim Übergang von der Feudal- in die kapitalistische Gesellschaft, die Klasseneinteilung weitergegeben wurde, da sie zum Einen sozialisiert und normal war und zum Anderen natürlich nur derjenige investieren kann, der nach dem Erhalt des eigenen Lebens, noch Geld zum investieren übrig hat, und mensch natürlich nie aus dem Dreck rauskommt, wenn der Arbeitslohn gerade mal so reicht, sich und die Angehörigen über Wasser zu halten.

Wichtiger Aspekt dieses Übergangs ist, dass die Arbeit erst einmal anerzogen werden musste. Viele Menschen zogen mangels Perspektive im ländlichen Raum in die Städte oder wurden, wenn sie keine Lust hatten ihr Land mit der Fabrik zu tauschen, auch mal gewaltsam von dort in die Fabriken getrieben. Es wurden Arbeitshäuser eingerichtet, in denen sie lernen mussten, dass Arbeit nichts mit ihren eigenen Bedürfnissen zu tun hat.

So gab es Menschen, die keinen Besitz hatten und nichts als ihre Arbeitskraft zum Verkauf anbieten konnten und Menschen, denen Fabriken, Handelskompagnien etc. gehörten, die durch die zunehmende Industrialisierung und die Ausbeutung der Kolonien an Geld und Einfluss gewannen. Wenn mensch sich das Massenelend in dieser Zeit anschaut, dann bot es sich an, die kapitalistische Gesellschaft am besten durch den Klassenbegriff, oder gar durch den Klassenantagonismus zu erklären. Dieses Verständnis blieb auch für Generationen von Linken, ob mit dem Selbstverständnis als Kommunisten, Anarchisten oder Autonome (man verzeihe mir die argumentationsbedingte Vereinfachung) dominantes Erklärungsmodell.

Karl Marx hat in seinem Werk sowohl Klassenpositionen vertreten, wie auch die Grundlage für die Analyse der kapitalistischen Ökonomie gelegt. Er hat sozusagen hinter die Klassengesellschaft geschaut und zentrale Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise, wie Wert, Warenfetisch und Kapitalakkumulation erforscht. Daraus ist auch eine eigene neomarxistische Theorieströmung hervorgegangen: die Wertkritik. Ich werde nicht wertkritisch, sondern mit eigenen Begriffen argumentieren.

Bei der Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung fallen bestimmte Grundprinzipien ins Auge: die permanente Gewinnmaximierung als Selbstzweck, das betriebswirtschaftliche Denken, die Expansionsbestrebungen, bewusstloses Wachstum um jeden Preis, die Teilung in Arbeit und Freizeit zur Reproduktion, um den nächsten Arbeitstag (des Arbeiters wie Managers) ertragen zu können. Ganz wichtig ist der Prozess, der immer weitere gesellschaftliche und geographische Bereiche der kapitalistischen Logik unterzieht. Diese Logik umfasst, neben dem oben genanntem, den Druck der Selektion auf den Einzelnen, sich auf sich selbst gestellt in der Konkurrenz zu behaupten. Dies übt einen immensen Druck aus, Leistung zu erbringen.

Arbeit

Unter Arbeit verstehe ich eine durchrationalisierte, von den eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten entfremdete menschliche Tätigkeit. Es ist sinnvoll hier nicht den Begriff der Lohnarbeit zu verwenden, da die Entfremdung nicht nur auf die klassischen Arbeiter zutrifft. Nebenbei gesagt, macht die Gleichsetzung von Arbeit und Lohnarbeit nur dann Sinn, wenn mensch die Entfremdung auf die Lohnarbeitenden beschränkt und zum Beispiel die ganze Schar der Selbständigen ausschließt.

Dadurch werden den die Posten verteilt und die Hierarchien ermittelt. Diese Prinzipien sind die Basis für Einkommens- und Statusverteilung in der kapitalistischen Ökonomie mit ihrer bürgerlichen Gesellschaft.

Im 18./19. und 20. Jahrhundert brachten diese Prinzipien Klassen hervor bzw. übertrugen sich die Klassen der Feudalgesellschaft auf die entstehende kapitalistische Ordnung. Heutzutage bräuchte es einige Verrenkungen mit Klassen zu operieren.

Meines Erachtens ist es nicht möglich theoretische Klassen aufzumachen. Ich verstehe unter Klassen gesellschaftliche Bereiche in denen sich die Lebensbedingungen der Menschen so unterscheiden, dass sie in sich geschlossen bzw. nur mit wenigen Übergängen versehen sind. Von Klassen zu reden, hat nur Sinn, wenn sie gesellschaftlich auszumachen sind. Der Kapitalismus basiert nicht auf Klassen, sondern er kann Klassen hervorbringen.

Eine Klasse bedeutet annähernd gleiche soziale Lebenslagen, die ähnliche Interessen hervorbringen und auch als Klassenbewusstsein bezeichnet werden können. Dieses lässt sich nicht fordern, es ist da oder nicht. Die An- oder Abwesenheit eines solchen Bewusstseins ist Indikator für die Existenz von Klassen. Da hilft es auch nicht vorzurechnen, dass es besser wäre eins zu haben.

Auch der Organisierungsgrad der Arbeiter in Gewerkschaften ist ein Indikator. Während es Zeiten gab, in denen es eine schlagkräftige reformorientierte und eine relativ starke revolutionäre Arbeiterbewegung gab, ist der DGB heutzutage in der permanenten Krise, weil sich die Lebens- und Interessenlagen dermaßen stark ausdifferenziert haben, dass sich der DGB in der Gefahr sieht, seine Legitimität zu verlieren. Die einzige, sich noch revolutionär nennende anarchosyndikalistische Freie ArbeiterInnen-Union, scheint hoffnungslos marginalisiert. Dies liegt meines Erachtens unter Anderem an ihrer Unfähigkeit gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen, der Slogan „No War but Class War“ (Kein Krieg aber Klassenkrieg) auf einer Friedensdemonstration in Münster macht es deutlich. Diese Unflexibilität ist umso trauriger, da eine basisdemokratische Gewerkschaft für den Weg in eine selbstorganisierte Gesellschaft wünschenswert wäre. Eine Gewerkschaft, in der sich Menschen anhand ihrer sie prägenden Funktionen organisieren, um sich von diesen zu emanzipieren.

Der Wegfall der Klassen und seines Begriffsinstrumentariums ist kein Verlust, er öffnet den Blick auf die grundlegenden Prinzipien des Kapitalismus, in dem alles zur Ware und vermarktet wird, ob Mensch, Tier, Nahrung oder Lebensweisen, in dem die Menschen Humankapital sind, die sich auf dem Arbeitsmarkt selbst und möglichst gewinnbringend verwerten lassen sollen (dies wird anhand der Ich-AG besonders deutlich), in dem die Unternehmer der Marktkonkurrenz unterworfen sind und rationalisieren, entlassen und Produktionsstätten und Filialen schließen müssen, um nicht unterzugehen.

Dies damit zu erklären, „dass es schließlich Menschen mit Bewusstsein und Interesse sind, die derlei Prozesse tragen“, scheint mir zu kurz gegriffen, sind Bewusstsein und Interesse doch nicht einfach so aus dem Nichts da, sondern entstehen durch das lebenslange Wechselspiel von Sozialisation und Zwang. Um dies zu veranschaulichen: Die Konkurrenz ist bereits in den Schulnoten sichtbar, der Leistungsdruck setzt ein, weil diese Noten über die Versetzung entscheiden und die Eltern Druck ausüben, damit das Kind diese Versetzung schafft. In der Universität wird geübt, die Zwänge von Studien- und Prüfungsordnung weitestgehend freiwillig zu erfüllen um die Selektion durch Scheine und Prüfungen zu überstehen. Nach einer solchen 20jährigen Rosskur ist das bürgerliche Individuum bereit für den Arbeitsmarkt, bereit so zu funktionieren wie es das gelernt und im eigenen Umfeld erlebt hat. Wenn nicht, muss mensch sich Nischen suchen, sei es im negativen Fall das Obdachlosenheim und die Parkbank, oder im positiven Fall, eine Künstlernische, das Vagabundieren um die Welt oder einen sozialen Bereich, in dem sie oder er mit geringen Lebenshaltungskosten weniger mit Zwängen belastet ist.

Dass Menschen, die arbeiten wollen, in eine Sinnkrise stürzen, wenn sie niemand haben will, ist dem Arbeitsethos geschuldet, der dem Leben ohne Arbeit den Sinn abspricht. Dass nicht genügend Arbeit für alle da ist, liegt daran, dass sie nicht gebraucht wird. Trotzdem werden die Menschen bestraft, die keine Arbeit bekommen oder keine wollen, denn was würde passieren, wenn die Menschen sich von den kapitalistischen Prinzipien emanzipieren würden? Was würde passieren, wenn Manager oder Bauarbeiterin, Arbeitslose oder Künstler, Studentin oder Professor sagen würden: „Kein Bock mehr, mich permanent zu verbiegen und Zwängen unterzuordnen, die mich kaputt machen. Ich möchte mein Leben selbst bestimmen!“

kater francis murr

Mobile Wagentage in Leipzig vom 13.-16.03. 2003

Nachdem die Ex-Windscheid-Leute nun knapp ein Jahr Ruhe hatten, könnte es jetzt wieder stressig werden. Die Stadt will die Leute an die Raschwitzer Straße schicken – idyllisch unter Hochspannungsleitungen, zwischen S-Bahn, B2 & Umspannwerk. Ein paar Leute sind erst mal auf dem Gelände des Künstlerprojektes BIMBO TOWN untergekommen: Bisher hat sich das Ordnungsamt dort nur aufs Fotos sammeln beschränkt. Allerdings ist dies auch nur eine Übergangslösung.

Um auf diese für sie unerträgliche Situation aufmerksam zu machen, haben die Leipziger Wagenleute beschlossen vom 13.-16.03. die Wagentage in Leipzig auszurichten. Die Wagentage sind ein halbjährliches Treffen von Leuten, die in zu Wohnzwecken umgebauten Bauwägen, LKWs u.ä. wohnen und das jedes mal in anderen Stadt stattfindet. Für Futter, Barbetrieb, Unterhaltung etc. wird natürlich gesorgt. Treffpunkt ist das BIMBO TOWN in der Fockestr. 80 (B6 Abfahrt Connewitz, R.-Lehmann-Straße). Achtet bitte darauf nur mit polizeikontrollenresistenten Fahrzeugen anzureisen und lasst den Wuffi auch mal wieder zu Hause!

Einer der Hauptevents wird die am 15. 03. 03 stattfindende Demonstration sein. Weitere Infos folgen!

Lokales

Never stop dreaming

Eine „Fragestunde“ mit der Friedensbewegung

Eins vorneweg, ich werde das was ich Ihnen sage, nicht danach, entscheiden, was Sie hören wollen. Viel zu sehr beschneidet sich die Linke in ihren Möglichkeiten, wenn sie sich auf die Masse fixiert oder in einen linken aktivistischen Agitationspopulismus verfällt. Die Friedensdemo in Leipzig ist ein bestes Beispiel für Massenfixierung. Hauptsache es sind viele, da steigen die Teilnehmerzahlen in schwindelnde Höhen, erst zehn dann zwanzig dann dreißig- oder gar vierzigtausend und der Sprecher am Mikro bekommt fast einen Orgasmus, bei soviel an Masse vor seinen Füßen. (1)

Nachdem die Massen dann alle auf dem Augustusplatz versammelt waren, redeten attac, eine Ärzteorganisation und Sportler für den Frieden. Die Hauptfrage lautete: Warum sind wir hier? Der attac-Redner wusste das, denn zehntausende sind hier in Leipzig, weil woanders auch Zehntausende sind. Und noch besser, Millionen waren in Berlin und Rom und Paris und London weil sie wussten, dass auf anderen Kontinenten ebenfalls Millionen auf die Straße gingen. Halten Sie diese Argumentation auch für ausgemachten Blödsinn? Gehen Sie zur Demo um bei ´ner Demo mitzulatschen? Oder gehen sie aus inhaltlichen, ja aus politischen Gründen raus und zeigen ihre Meinung? Dazu später mehr.

Jetzt halten Sie sich erst mal fest: Der attac-Redner musste noch eine Frage stellen und die war so brisant, dass er sie gar nicht erst beantwortete: „Denn wer profitiert am Ende vom entfesselten Kapitalismus und den Kriegen?“ Ja wer? Die bösen Amerikaner, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, wie Pinky und Brain? Die transnationalen Konzerne, die die Macht übernehmen? Das Finanzkapital, dass ganze unschuldige Völker in den Abgrund reißt? Oder gar die Juden, die wie 40 % der Bundesbürger meinen, sowieso zu viel Einfluss auf das Weltgeschehen haben? (2)

Wie Sie vielleicht merken, unterstelle ich dem attac-Redner nicht, Antisemit zu sein. Er muss sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, durch seine Offenlassung der Antwort, oben genannten Kurzschlüssen und Ressentiments Vorschub zu leisten.

Dass bei attac nicht alles Gold ist was glänzt, zeigte die attac-Friedenstour mit Julie Fry aus den USA, der Journalistin Yvonne Ridley aus London und Alfonso De Vito, einem Aktivisten der Antiglobalisierungsbewegung aus Neapel, die auch im Januar. in Leipzig gastierte. In München setzte De Vito die Ereignisse im Warschauer Ghetto 1943 und die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila in Beirut im Jahre 1982 gleich. Und Julie Fry bezichtigte Israel des Völkermords und beschwor den heroischen Widerstand des palästinensischen Volkes. Zum unrühmlichen Abschluss erklärte der eingeladene islamische Geistliche Mohammed Herzog bei der letzten Veranstaltung in Berlin: „In 25 Jahren werden wir erfahren, wer die Täter waren. Wenn die Amerikaner ihre Geheimbücher aufschlagen. Es sieht ja fast so aus, als ob Amerika es selbst getan hätte.“ (3)

Doch zurück zur Friedensdemo in Leipzig Warum gehen Sie montags dorthin? Die Ärzteorganisation wusste warum: Weil der zweite Golfkrieg und das Embargo tausende Menschenleben und eine intakte Infrastruktur zerstört hat. Dem stimme ich zu, doch hätte ich mir gewünscht, dass sie auch erwähnt hätten, dass Hussein Lieferungen für sich und seine Familie reserviert hat und in Luxus und ohne Probleme leben konnte, während die Menschen im Irak ums Überleben kämpften und Hussein Giftgas gegen die kurdischen Siedlungen im Norden einsetzte etc.pp.

Die Sportler wussten auch warum sie da waren, dort wo Olympia sein soll, müssen auch Friedensdemos sein. Soweit so unklar? Okay.

Doch warum gehen Sie jeden Montag auf die Straße? Wegen ’89 und den Montagsdemos, die allerorten gehypt, instrumentalisiert und mystifiziert werden? Oder gehen Sie aus Sehnsucht nach Frieden? Erstmal ein guter Grund! Aber warum waren beim Kosovokrieg und Afghanistan-Krieg nicht mehr als 500 Leute auf der Straße und jetzt sind es über 10.000? Weil es diesmal gegen die USA geht und nicht gegen die eigene Regierung? Weil es gut tut, die Staatsgewalt auf der eigenen Seite zu haben? Die Differenz der Teilnehmerzahlen ist gravierend, also kann die Friedenssehnsucht nicht ausschlaggebend sein.

Und fast zum Schluss: Warum ist eine tiefgreifendere kapitalismuskritische Position, die nicht auf Personen oder einzelne Staaten fokussiert, kaum anzutreffen? Warum beschränken sich die meisten mit dem Bild des verrückten Cowboys, der Blut mit Öl tauschen will? Zum Beispiel: Resist Leipzig tragen nach einem Augenzeugenbericht ein Transpi, auf dem eine Tankstelle in Texas der Welt das Öl abzapft. Oder ein Straßentheater, in dem der peitschenschwingende Bush den CIA und MI6 vor sich hertreibt, die wiederum UNO und Völkerrecht in Ketten halten.

Eine Frage hätte ich noch, bevor es für heute genug ist: Warum rennt jemand mit dem Schild „Heil Bush???“ mitten in der Friedensdemo rum und wird nicht wegen zwar verschämter aber nicht desto trotz Gleichsetzung Bushs mit Hitler rausgeschmissen?

Haben Sie sich die Fragen gestellt?

Haben Sie Antworten?

Dann schreiben Sie uns!

Stichwort Ich, der Krieg und Frieden

kater francis murr

(1) letzten Endes waren es laut LVZ 18.000 DemonstrantInnen, da die LVZ aber selbst für die Montagsdemos trommelt, ist wohl eher mit weniger zu rechnen.
(2) laut einer Infratest-Umfrage im Oktober 2002 www.juden.de/newsarchiv/dezember 2002/16100202.shtml
(3) mehr auf jungle-world.com/ seiten/2003/06/228.php

…und Frieden

Die Grünen und die „Schwarzen“

Samstag Abend in Jena. Die Uhr hat gerade Mitternacht geschlagen. Cornelius ist mit einer Freundin unterwegs. Er geht von der Bar Grünowski in Richtung AfroCenter. Dort wollen sie sich noch mit ein paar Leuten treffen. Nur, Cornelius wird leider an diesem Abend dort nicht mehr ankommen. Den Beiden kommt ein schwarzer Wagen entgegen. Keiner nimmt Notiz. Es steigen zwei Männer und eine Frau aus. Nichts besonderes, auch nicht in Jena und auch nicht um diese Uhrzeit. Die drei Personen gehen auf Cornelius und seine Begleiterin zu. Sie fragen nach den Ausweisen der Beiden. Schon etwas ungewöhnlicher. Die Angehaltenen möchten wissen, mit wem sie es zu tun haben. Denn auch für gelangweilte Neonazis sind angebliche Ausweiskontrollen nicht nur in Jena beliebter Auftakt zu gewalttätigen Übergriffen.

Aber es sind keine Neonazis und Cornelius wird am nächsten Tag nicht mehr sicher sein, was schlimmer gewesen wäre. Es sind Polizisten, Polizeibeamte bei einer Routinekontrolle. Und die wollen die Ausweise der Beiden sehen, bloß selber ausweisen, das sehen sie nicht ein. Cornelius` Bekannte ist schnell eingeschüchtert, sie zeigt ihre Papiere. Ja, so sollte man sich verhalten, wann immer die Staatsgewalt die Bürgerpflichten von uns Untertanen einfordert. Was sonst geschieht, dass hat dieser aufmüpfige Cornelius für uns ausprobiert:

Er verlangte die Dienstmarken der drei angeblichen Beamten zu sehen. Nach mehreren Aufforderungen zeigten sogar zwei von ihnen ihre Hundemarken. Nur leider konnte Cornelius diese nicht lesen. Sein Fehler: Schließlich war das Blechlein lediglich zwei Meter von seinen Augen entfernt und ein freundlicher Polizeibeamter hielt sogar seine Taschenlampe drauf. Cornelius kam die Idee, die Polizei zu rufen, um die Identität der drei zu klären. Aber wo kommen wir denn da hin, wenn jeder immer gleich die Polizei anruft, bloß weil er wissen will, wer da zu später Stunde seine Papiere sehen will. Und außerdem, die Polizei war schließlich vor Ort.

Der Rest ist schnell erzählt; es ging dann alles auch ganz rasch. Einer der „Ordnungshüter“ schlug dem, inzwischen von den Beamten als gefährlich eingestuftem Cornelius, vorsorglich das Handy aus der Hand. Nun müsse er eh mit aufs Revier kommen, sagten sie. Noch bevor dieser sein Einverständnis kundtun konnte, packten die Beamten ihn bei den Schultern. Sie schlugen ihn ins Gesicht, pressten ihn gegen ihr Auto, legten ihm Handschellen an und drückten ihn auf den Boden. Wenn er nicht endlich kooperierte, würden sie ihm Pfefferspray ins Gesicht sprühen. Seine Begleiterin wurde weggeschubst. Ein Passant, der die Szene teilweise mitbekommen hatte, fragte was denn los sei. Auf die Auskunft hin, dass es sich lediglich um eine Ausweiskontrolle handle, konnte er sich nur wundern, dass man dafür so viel Gewalt benötigte. Dann wurde auch er weggeschubst.

Schnell weg, dachten sich dann die Beamten. In Windeseile wurde Cornelius in das Auto gepackt. Mittlerweile hatte er eine aufgeplatzte Lippe. Sie waren auch im Auto nicht gerade sanft zu ihm. Auf den Revier zogen sie ihm aus dem Wagen. Frech wie Cornelius war, wollte er nicht aussteigen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er mit den Handschellen und unter den Schmerzen einfach nicht aussteigen konnte.

Es folgten weitere Schläge und Tritte auf dem Revier, bis Cornelius sich mit Fußschellen in einer Zelle wieder fand. Aber Cornelius hatte wohl irgendwo mal gesehen, dass man im Gefängnis zwei mal telefonieren darf. Das wollte er nun tun. Er würde seinen Anwalt anrufen und dann seine Frau. Und dann würde sich alles klären. Die Anrufe wurden verweigert, Cornelius beschimpft, Anzeige erstattet: Wegen Beschädigung von wichtigen Arbeitsmitteln der Polizei (er hatte ihr Auto mit Blut besudelt) und wegen Widerstandes gegen die Polizei. Nach langem hin und her, durfte er dann doch anrufen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden konnte Cornelius das Polizeigebäude wieder verlassen.

Diese hässliche Begebenheit ist leider kein Einzelfall. Ist mir selbst noch nicht passiert, dachte ich, als ich davon hörte. Aber ein wichtiges Detail fehlt in meiner Schilderung: Cornelius heißt nämlich nicht etwa Cornelius Müller oder Cornelius Schmidt, sondern CorneliusYufanyi. Und schon klärt sich alles auf:

Cornelius Yufanyi hat schwarze Hautfarbe. Dass er seit längerem in Deutschland lebt und Familie hat, konnten die Beamten nicht wissen. Was sie auch nicht wussten, Cornelius Yufanyi ist auch Menschenrechtsaktivist. Er hat Zeugen für den brutalen Übergriff und erkennt seine wenigen Rechte. Dieser Fall ging bereits durch mehrere Medien. Rassistische Polizeikontrollen sind nicht selten. Flüchtlingsorganisationen und andere Anlaufstellen hören 2-3 mal im Monat von solchen Vorfällen und die Dunkelziffer dürfte erschreckend sein.

Die meisten trauen sich nicht an die Öffentlichkeit, weil sie vielleicht ein Asylverfahren laufen haben und eine Kontrolle Abschiebeknast bedeuten kann. Die restlichen Betroffenen werden durch Drohungen mit Anzeigen oder dem Hinweis auf laufende Ermittlungen mundtot gemacht. Ermittlungen, die sich in der Regel gegen die Opfer richten. Die Polizei gibt sich auf Nachfragen empört. Auch in einem Interview des Weimarer Lokalsenders Radio Lotte gab sich die Polizei unschuldig und gekränkt.

Doch wer schützt hier wen? Darf man immer und überall, wird man nach seinem Ausweis gefragt, geschlagen und beschimpft werden? Und wenn mich nun die Polizei erwischt, wenn ich mal blau mache oder die Uni schwänze? Aber ich bin ja nicht farbig. Angst vor den Grünen brauchen in Deutschland (fast) nur die Schwarzen, Braunen, Gelben und Roten haben.

syl

www.humanrights.de
bei google unter: Jena, Afrika, Center

Rassismus

Effektiver Reisen: mit Ausreisezentren

Um eine „Flüchtlingsschwemme“ einzudämmen, hat sich die Regierung seit ein paar Jahren was einfallen lassen. Das Problem ist wohl ein kompliziertes, denn ich habe noch niemanden gesehen, der solch‘ einer Katastrophe zum Opfer fiel

… wenn`s um „humanitäre“ Fragen geht: gegen Kriege und Flüchtlingselend helfen nur Selbstbestimmung und Solidarität.

Abschiebelager, auch „Ausreisezentren“ genannt, sind Zwangsunterkünfte für Flüchtlinge ohne Pass, denen unterstellt wird, falsche Angaben über ihre Herkunft zu machen, oder sich nicht an der Beschaffung neuer Papiere zu beteiligen. Denn Papiere sind die Voraussetzung der Abschiebung; um die zu vermeiden, verweigern viele ihre Papiere. Unerhört? Nun, ist jemand aus einem Land geflüchtet, in dem er verfolgt wird, dies aber von der BRD nicht anerkannt wird, da z.B. derjenige „nur“ zu einer gesellschaftlich bedrohten Gruppe gehört, aber keine persönliche Verfolgung nachweisen kann, dann gibt es keine Aufenthaltserlaubnis, und schon lebt mensch illegal in der BRD und kann jederzeit aufgegriffen und abgeschoben werden.

In „Ausreisezentren“ sollen die meist schon traumatisierten Flüchtlinge zur Aufgabe der Suche nach einem menschlicheren Leben in der BRD gezwungen werden. Es wird alles getan, die Menschen spüren zu lassen: „Du bist kein Mensch, Du bist nur lästig.“ Als Abschiebelager sollen bestehende Unterkünfte für AyslbewerberInnen dienen, diese ersetzten keinen Abschiebeknast, sondern dienen den Behörden als Ergänzung. In Hamburg z.B. wird den Flüchtlingen von vornherein ein Alltag in der BRD verwehrt: „Einreisezentren“ sind gleichzeitig Abschiebelager. Von diesen geht es „freiwillig“ gleich (oder über den Umweg Abschiebeknast) zurück in´s Herkunftsland. So wird Perspektivlosigkeit erst geschaffen.

Diese Lager arbeiten mit einem ausgeklügelten, perfiden System. Die Insassen dürfen das Lager kurzzeitig verlassen, unterliegen aber einer täglichen Meldepflicht. Sie müssen sich beim Kommen und Gehen melden. Es ist verboten, das Stadtgebiet zu verlassen und sie dürfen über keine finanziellen Mittel verfügen. Ebenso wenig ist es erlaubt zu arbeiten (auch nicht ehrenamtlich). Sie erhalten das Taschengeld (40 Euro), dass ihnen nach dem Gesetz zusteht nicht, auch Deutschkurse sind streng verboten. So wird Eingewöhnen verhindert. Jederzeit können Durchsuchungen stattfinden, bei denen alles was auf die Identität hinweisen kann, beschlagnahmt wird. Hinzu kommen regelmäßige Verhöre der Polizei, die immer gleich verlaufen und einschüchternd wirken.

Äußerlich sind die Lager von Stacheldrahtzaun umgeben und videoüberwacht. Zum Schlafen gibt´s Baracken oder Container, pro Person 4 Quadratmeter. Die Versorgung erfolgt mit Lebensmittelpaketen oder durch eine Großküche, wobei auf Allergien o.ä. keine Rücksicht genommen wird.

Selbst die Sozialdienste – eine Farce: ein Betreuer für 200 Menschen – sind nur dazu da, mittels pvscho-sozialen Drucks den Insassen ihre „Perspektivlosigkeit“ in Deutschland zu verdeutlichen. Gleichzeitig dienen die Sozialarbeiterinnen dazu, die Persönlichkeit des Einzelnen zu erforschen, mit dem Ziel, das Herkunftsland zu erfahren, um Papiere besorgen und danach abschieben zu können – somit müssen die SozialarbeiterInnen von Amts wegen ihre Schweigepflicht verletzen.

Das erste Abschiebelager wurde Anfang 1998 nach niederländischem Vorbild in Niedersachsen eröffnet. Weitere Lager mit dem Namen „Projekt X“ befinden sich in Braunschweig und Oldenburg, sie fassen 250 Personen. Ein Abschiebelager in Nordrhein-Westfalen, wurde nach 18 Monaten geschlossen, da ein Insasse Selbstmord begangen hatte. Seit 1999 gibt es Abschiebelager in Rheinland-Pfalz mit 180 Pritschen und in Fürth (Bayern). Im niedersächischen Lager in Bramsche-Heppe, (200 Plätze) werden auch Personen aufgenommen, über deren Asylantrag noch nicht endgültig entschieden ist Sachsen-Anhalt verfügt über ein Ausreisezentrum in Halberstadt mit 100 Plätzen. Weitere werden folgen.

Wenn auch keiner mit den „Ausreisezentren“ reisen will, sind diese für die Behörden dennoch ein Erfolg: Von 248 eingewiesenen Personen im „Projekt X“ reiste nur eine Person aus, 29 wurden abgeschoben. Ähnlich in anderen Lagern: In Ingelheim reisten 5 von 174 Personen aus, 5 wurden abgeschoben. Die Hälfte der Insassen tauchen nach Erhalt des Einweisungsbescheids oder nach kurzer Zeit im Lager in die Illegalität unter – bei den Behörden heißt das „Erfolg“ und „unkontrollierte Ausreise“. So spart man die wenigen finanziellen Aufwendungen für Flüchtlinge und entrechtet sie völlig. Was letztendlich auch der deutschen Wirtschaft zugute kommt: ohne Pass (Recht), in höchster Not scheint jeder Hungerlohn annehmbar. Eingewiesene sind keineswegs nur Alleinstehende oder Nichtintegrierte: in Fürth wurde ein tschetschenisch-russischer Kriegsdienstverweigerer eingewiesen, der mit seiner deutschen Partnerin in einer Wohnung gemeldet ist und heiraten will.

Wer im Lager nicht abgeschoben werden kann; bleibt dort und zwar auf unbegrenzte Zeit! Abschiebelager kennen keine Zeit – legal raus kommt nur, wer ausreist, freiwillig oder nicht. „Ausreisezentren“ sind staatliche Beugemaßnahmen: ohne Ausweg vegetieren Menschen wie du und ich bei Wasser und Brot dahin. Weltweite Freizügigkeit gilt bisher eben nur für Güter und Waren – menschliches Leben ohne Pass hat hier und heute keinen Wert.

hannah

www.noborder.org
www.ausreisezentren.cjb.net

Migration