Schlagwort-Archive: 2003

Ich-AG Berlin

Die dpa meldet Mitte Februar, dass die Ich-AG erstmals breitere Umsetzung finden soll: bei der Berliner Verkehrsgesellschaft. Der erste Vorstoß eines kommunalen Unternehmens in diese Richtung die bisher angestellten BusfahrerInnen sollen die Busse kaufen und dann im Auftrag der BVG die Linien eigenverantwortlich betreiben.

Auch wenn ob dieses Vorschlags von Vorstandschef Andres von Arnim ein allgemeines Kopfschütteln – es reichte von ver.di bis FDP – einsetzt, genau darauf zielt die neue Gewerbeform „Ich-AG“ (Modul 9, Hartz-Papier). Eine einfache Ausgliederung in Tochtergesellschaften (wie bei der LVB) reicht wohl nicht mehr. Demgegenüber bietet das Modell nach Modul 9 zahlreiche Vorteile: alle Sozialleistungen bezahlt die Ich-AG selbst, das wirtschaftliche Risiko trägt ebenfalls die Ich-AG, es gibt staatliche Subventionen und „eigenständige Unternehmen“ finden schwer zu kollektiven Kämpfen.

A.E.

Hartz-Gesetze

Umkämpfte Räume

Beim Durchforsten meines heimischen Bücherbestandes nach Titeln, denen eine Rezension im Feierabend! angemessen wäre, fand ich vor einigen Tagen das 1998 erschienene Buch ,,Umkämpfte Räume, Städte & Linke“, herausgegeben von der Gruppe Stadtrat.

Mehr als 15 Beiträge und 2 Interviews versuchen, das Thema des Buches zu umreißen. Die Stadt als spezieller Ort, an dem Menschen leben und arbeiten, ist nicht erst seit heute ein umkämpfter Raum. Hier stellen sich die Widersprüche des kapitalistischen Systems manchmal nackter und härter da als irgendwo sonst, als Beispiel wäre der Kampf gegen Obdachlosigkeit und Armut zu nennen. Der zweite Teil des Untertitels, „die Linken“ verweist auf einen roten Faden zwischen doch sehr unterschiedlichen Beiträgen. Spielen Linke überhaupt noch eine Rolle in der Umwandlung des Lebensraumes Stadt, wird noch gekämpft und wenn ja, welche Ansätze gibt es? Eine fürwahr unerquickliche Frage für marginalisierte, (selbst-)isolierte Linke, die beim täglichen Theoretisieren schon fast das Intervenieren in sozialen Konfliktpunkten verlernt oder aufgegeben haben. Ein Kritikpunkt an den Beiträgen des Sammelbandes, den selbst die Herausgeberinnen ausmachen, ist die nahezu ausschließliche Fixierung auf deutsche Großstädte, obwohl nicht hier die größten Städte zu finden sind und obwohl auch nicht hier die „härtesten“ Kämpfe geführt werden. Man kann es sogar noch eingrenzen, meistens, vom Thema abgesehen, dreht es sich um Berlin und Hamburg. Die HerausgeberInnen helfen sich damit, indem sie anmerken, dass man jeden Beitrag auch überregional lesen kann und man vorherrschende Probleme und Diskussionen wiederfindet.

Bevor ich kurz die einzelnen Beiträge des Buches darstelle, möchte ich schon einmal meine Kritik an dem Buch deutlich machen. „Umkämpfte Räume“ ist ein sehr ambitioniertes und interessantes Buch, die Themenvielfalt ist erstaunlich groß. Neben der im Jahre 1998 noch unvermeidlichen Auseinandersetzung mit der nahenden EXPO 2000, die einen großen Teil des Buches ausmacht, findet man Beiträge zu feministischen Diskursen über die Stadt, zu Drogenpolitik, Migranten, Behinderten. Es geht um Sicherheits- und Ordnungspolitik, Partyszene und Umstrukturierung, sowie den Kampf der Hausbesetzer und Autonomen in der Stadt. Am Schluss des Buches sind zwei internationale Beiträge zu lesen. Zum einen macht uns Dario Azzellini mit der Gestalt des Superbarrio in Mexiko bekannt. einer Art Held für die Armen und Benachteiligten, zum anderen beschreibt Nadine Gevret die französischen Banlieus (Vororte), die in Deutschland meist nur unter dem Stichwort Jugendgewalt und Ausschreitungen gesehen werden. So gelungen und interessant aber auch einige Beiträge sind, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen. dass sich das Buch vornehmlich auf einer theoretischen, akademischen Ebene, auf der das Geschehen in der Stadt versucht wird, in ein Konzept zu bringen, oder in der Beschäftigung mit vergangenen Kämpfen verharrt. Das ist natürlich eine etwas unredliche Kritik von meiner Seite, da ein theoretischer Ansatz unerlässlich ist und man von einem fünf Jahre alten Buch nicht erwarten sollte, dass es sich mit der Zeit danach beschäftigen kann. Nichtsdestotrotz ist „Umkämpfte Räume“ ein guter Überblick oder auch spannender Einstieg in ein wichtiges linksradikales Politikfeld.

Nun noch im Einzelnen zu einigen Beiträgen, damit ihr nicht die Katze im Sack kauft… Am Anfang des Buches sind zwei feministische Artikel zu finden, in denen der Raum Stadt kritisiert wird, diese Kritik geht aber über die angeblich „unsicheren“ Städte hinaus und hinterfragt die gesellschaftlichen Hintergründe, anstatt für mehr Polizei oder Videoüberwachung zu plädieren. Auf die darauffolgende Thematik EXPO 2000, die als „Zurichtung der Stadt auf Sicherheits- und Kapitalinteressen“ gesehen wird, gehe ich nicht weiter ein. Es liegt schon etwas zurück. Vielleicht der beste Beitrag des Buches stammt von Detlef Hartmann, der in „Metropolitane Stadt und sozialer Krieg“ einen Zusammenhang zwischen Ausgrenzung und Kapitalismus erkennt und dabei vor „linkem Reformismus“ warnt. In einem anderen Artikel wird die Rolle der radikalen Linken kritisiert, welche sich nicht für wirkliche Bedürfnisse der Mieter während der Umstrukturierung des Prenzlauer Bergs (Berlin) interessierte. Im Artikel von Udo Sierck, der die Ausgrenzung von Behinderten deutlich macht, bekommen auch Linke ihr Fett weg, eigentlich traurig, aber leider begründbar. Als letztes Beispiel sei noch das Interview mit einigen Leuten von den NachtTanzDemos in Frankfurt/Main genannt, in dem das Verhältnis von illegaler Party und Widerstand kritisch angegangen wird.

Nun, natürlich steht in „Umkämpfte Räume“ noch viel mehr, vielleicht findet ihr ja mal Zeit hineinzuschauen. Es lohnt sich nämlich.

kao

Stadtrat (Hg.), „Umkämpfte Räume, Städte & Linke“, Verlag Libertäre Assoziation/Verlag der Buchläden Schwarze Risse – Rote Straße, Hamburg, Berlin, Göttingen 1998

Rezension

Feierabend! vorm Arbeitsamt

Für den 5. und 6. Februar 2003 war zu einem Tag der Erwerbslosen aufgerufen worden, werden da doch allmonatlich die aktuellen Arbeitslosenstatistiken verkündet. Für Feierabend! Grund genug, etwas engeren Kontakt zu suchen mit den zu allererst Betroffenen. Mit Militanten der FAU Leipzig fanden wir uns an einem sonnigen Morgen zum Frühstück zusammen, schließlich dauert es eine Weile, bis zehn Liter Wasser zum Kochen gebracht sind. Es sollte an diesem Tag Tee geben vor´m Arbeitsamt, ein Schwätzchen, und die Schwerpunktausgabe zu den neuen Hartz-Gesetzen. So reisten wir frohen Mutes in der Straßenbahn zum Ort des Geschehens.

Der Stand war fix aufgebaut, die FAU-L verteilte Flugblätter, in denen der DGB wegen der Tarifverhandlungen für ZeitarbeiterInnen scharf kritisiert wurde, und wir harrten der ersten Durstigen. Die meisten Menschen aber eilten an uns vorbei, gehetzt zum Termin mit dem „Schicksal“.

Nur mit zwei [sic!] Erwerbslosen kamen wir ins Gespräch, und mit dem Ordnungschef des Arbeitsamtes. Jene zeigten sich rat- und hoffnungslos, dieser verwies uns des Privatgeländes Arbeitsamt, Wie ausbrechen aus der Tretmühle, wie helfen …? Diese Fragen bleiben offen, aber wir werden sie weiterhin stellen!

A.E.

Hartz-Gesetze

Die Kampagne in Ozarow

Warum wir helfen wollen und wie Du helfen kannst

Ozarow ist eine kleine Stadt nahe Warschau, die nur eine Hauptindustrie und Arbeitgeber hat: eine Kabelfabrik auf dem neuesten Stand der Technik, die Telefonika gehört, die auch auf vielen ausländischen Märkten präsent ist und dort z. Zt. ihre Anteile erhöhen will. Telefonika gehört einem der reichsten Männer Polens, Boguslaw Cupiala, und ist 1,7 Milliarden Dollar wert. Sein persönliches Einkommen stieg wie eine Rakete, nachdem er Telefonika erfolgreich restrukturierte; 700 Leute verloren in Krakow ihren Arbeitsplatz. Jetzt entschied er, dass Telefonika noch profitabler arbeite, wenn die Fabrik in Ozarow geschlossen und die Arbeit nach Szczecin und Bydgoszcz verlegt ist. Dort sind nämlich nicht nur die Löhne niedriger, sondern mit der Konzentration kann auch Verwaltung eingespart werden. Eine einfache kapitalistische Logik – die für hunderte Familien in Ozarow die Arbeitslosigkeit bedeutet.

Cupiala verfügte die Schließung im Frühling [2002], die ArbeiterInnen in Ozarow haben seitdem eine in acht Monaten nicht unterbrochene Besetzung hinter sich. Einige von ihnen campierten in Zelten auf dem Fabrikgelände – bei Temperaturen unter Null. Die meisten von ihnen haben seit fast einem Jahr keinen Lohn mehr erhalten.

Am 26. November [2002] – nach sieben Monaten des Protests, der das Unternehmen daran hindern sollte, die Maschinerie abzutransportieren – kam Cupiala mit dem privaten Sicherheitsunternehmen IMPEL vor die Tore, um die ArbeiterInnen rauszuschmeissen und an die technische Ausstattung zu gelangen. Die Arbeiterinnen wurden brutal angegriffen. Die Polizei mischte sich da nicht ein, verhaftete aber besonders die widerständischen ArbeiterInnen. All das fand natürlich mitten in der Nacht statt. Gegen neun Uhr morgens war dann die ganze Stadt auf den Beinen und errichtete Straßenblockaden. Jetzt begannen die Polizei und Autoritäten, Kampfeinheiten zu mobilisieren. Es folgten wirklich schockierende Szenen, die im ganzen Land übertragen wurden; Frauen, die mit Blockaden und Gebeten Protest organisieren wollten, wurden von Polizeistöcken geschlagen. Einige ArbeiterInnen wurden verhaftet, und einige liegen im Krankenhaus. Einer wurde mit einem Knüppel gewürgt, bis er bewusstlos zusammenbrach.

Die nächsten Tage verliefen etwa genauso, mit vielen Konfrontationen. Den Höhepunkt erreichte die Polizeibrutalität mit der Erstürmung des örtlichen Kindergartens (in dem sich die Kinder der Arbeiterinnen befanden), was die Kinder traumatisierte. Ihr Vorwand war der Verdacht auf versteckte Molotow-Cocktails im Kindergarten! Wie tief kann man sinken? Über Monate hinweg griffen sie die Arbeiterinnen an, nannten sie selbstsüchtig und meinten gar, der Protest würde dem Unternehmen Kosten bescheren und daher würden andere Leute ihren Job verlieren. […] Als die Propaganda den Protest nicht brechen konnte, versuchten sie es eben mit Gewalt. Als auch das nicht half, machten sie unmissverständlich klar, dass auch Familien betroffen sein könnten… Aber der Protest geht weiter.

Obwohl in Polen eine große Sympathie für die Arbeiterinnen von Ozarow besteht, waren die Meinungsmacherinnen mit ihren Kampagnen doch recht erfolgreich. Cupiala ist eine einflussreiche Persönlichkeit und er wird in den Medien kaum oder gar nicht kritisiert. Die Blätter sind voll von Artikeln über staatseigene, höchst unprofitable Industrie, die den Leuten erzählen, wie viele ihrer Steuergelder verschwendet werden und dass all diese Betriebe stillgelegt werden müssten. […1 Wenn die Leute von Telefonika ganz klar über die finanzielle Situation ihres Unternehmens lügen (wir kennen nicht die exakten Zahlen, wir sind aber zu 100% sicher, daß Telefonika glänzende Gewinne macht) und bedauernd verkünden, die Arbeiterinnen von Ozarow müssten erkennen, dass sie nicht gebraucht werden und die Nächstenliebe, mit der ihre Jobs erhalten werden könnten, andere Arbeiterinnen um neue Jobs bringt – die Medien bringen diesen Stuss! Da die Gewerkschaften von großen Firmen und der Presse manipuliert werden können, ist es wichtig, dass es öffentliche Unterstützung für die Aktionen in Ozarow gibt und dass alternative Nachrichten zugänglich sind.

Auf mehr als 50 ArbeiterInnen aus Ozarow können jetzt juristische Verfahren zukommen. Viele von ihnen hatten zuvor nie Probleme mit der Polizei und glauben, vielleicht naiv, dass ihnen nichts passieren werde (selbst jene, die mit Molotow-Cocktails gefilmt wurden, sind davon überzeugt). Wir hoffen zwar, dass die Autoritäten Nachsicht walten lassen, bereiten uns aber auf das schlimmste vor. Wir würden gern in der Lage sein, bei anstehenden Prozessen helfen zu können.

Außer unserer Anwesenheit und vielleicht einigem Organisationstalent würden wir im Notfall gern noch finanzielle Unterstützung anbieten, um unsere Solidarität zu zeigen. […] Das Unternehmen baut natürlich darauf, dass der Frost die Leute entmutigt und man so an die noch verbliebene Maschinerie aus der Fabrik holen könne. Also sehen wir die Notwendigkeit, etwas mehr Geld für diese Kampagne herbeizuschaffen, anderenfalls würden finanzielle Probleme den Protest zerschlagen.

Wir bitten daher, diese Nachricht weit und breit bekannt zu machen. […]

Der Text stammt von der ArbeiterInnen-Initiative und ist mit dem 11.12.02 datiert. Aus Platzgründen musste gekürzt werden. www.workers-iniative.poland.prv.pl
Mit Hilfe des Anarchist Black Cross (Solidaritätsorganisation) sammeln wir Geld. Spenden können mit dem Verweis „for Ozarow“ an folgendes Konto gesendet werden:
PEKAO BP
XX odzial poznan
ul.Stary Rynek 44
61-722 Poznan (Polen)
swift code: bpkoplpwapoa
Inhaber: marek piekarski

PolitMix

OLYMP(ia): Idole und Millionäre

Es ist wohl kein Zufall, dass der Gründer der neuzeitlichen olympischen Spiele, Pierre Fredy de Coubertin – ein vermögender, nationalistischer Adliger – die Spiele im 19. Jahrhundert, im Sinne ihres antiken Mythos ins Leben rief. So war ihm ein Platz im modernen Olymp sicher. Wie es sich für einen Göttersitz gehört, kommen nur diejenigen rein die, die nötigen Voraussetzungen mitbringen. In unserer Zeit also eine hohe Verwertbarkeit oder Kapital. Aber weil wir hier auf Erden genug mit uns selbst zu tun haben, sollten wir die Finger von Göttern oder ähnlichen zwielichtigen Figuren lassen.

Aktualität gewinnt das Thema Olympia dadurch, dass es den Verwaltern der Stadt Leipzig zu Kopfe gestiegen, Olympia 2012 und damit lauter zwielichtige Gestalten nach Leipzig holen zu müssen. Im Juni 2004 soll die erste Bewerberauswahl getroffen werden. Olympia kann ein paar Investoren und Großverdienern nützlich sein, aber nicht denen, die auf Lohnarbeit angewiesen sind. Olympia nach Leipzig holen zu wollen, ist entweder dumm gedacht oder bösartig. Denn was im Mythos Götter sind, sind in unserer Zeit u.a. ein ehemaliger Minister unter dem faschistischen Regime Francos und ein Geheimdienstchef die mit dem olympischen Label Milliardengewinne einfahren. Was im Mythos sportliche Fairness ist, ist längst in Leistungszwang, härteste Konkurrenz und menschliche Werbeträger umgeschlagen. Es stimmt sicherlich, dass die Gewinnerinnen hohe Summen bekommen. Doch betrifft das immer nur zwei von Millionen, die restlichen Sportler bleiben auf der Strecke. Spätestens hier ist klar, dass Olympia alles andere eine „sportliche Internationale“ ist, sondern Sport, der dem kapitalistischen System komplett untergeordnet ist. Nicht mal von dem Mythos der sportlichen und friedlichen Zusammenkunft ist viel geblieben. Bei den Sommerspielen 2000 in Sydney machten die sogenannten „Sportsoldaten“ ein Viertel der deutschen Mannschaft aus. In Atlanta hatte der Anteil der Bundeswehrangehörigen noch bei deutlich unter 20 Prozent gelegen.

Dies ist eine Veranstaltung die niemanden gut tut, aber Sport ist deswegen nicht per se abzulehnen. Denn abseits von jeglichem Missbrauch, sind gesundheitliche Vorteile des sogenannten „Breitensports“ nicht zu leugnen. Es sollte sich also niemand dazu veranlasst fühlen, aus der Ablehnung des mörderischen Leistungssports heraus, auf seine eigene körperliche Fitness zu verzichten.

Doch nicht nur die Sportler werden zum Produktionsmittel der Firma „Olympia“, bei den olympischen Spielen sind wohl zuerst die Spiele gestorben. Denn wo der Profit eines Unternehmens sich mit Sport paart, bleibt von Spiel und Sport nichts. Weder einem Athleten dürfte es wirklich Spaß machen, noch den Zuschauern. Es ist langweilig horrende Summen bezahlen zu müssen, um dann nicht mal mitmachen zu können. Seinen Lieblingssportlern sollte der Fan eher wünschen, dass ihnen Olympia erspart bleibt.

Das einzige, was Olympia wenn überhaupt, an Positivem bringen könnte, wäre… ja was? Betrachten wir die „Argumente“ der Stadtoberen einmal genauer: Zuerst einmal wird man auf den offiziellen Webseiten vor allem mit seichten Argumenten und hohlen Phrasen abgespeist. Da heißt es, man brauche Olympia, weil die „friedliche Revolution“ auch von Leipzig ausgegangen sei. Dies ist aber eine leichte Geschichtsverdrehung, die Leipzigerinnen haben gewiss nicht irgendeinen Präsidenten bekehrt, sondern demonstrierten zu einem politisch günstigen Zeitpunkt. Auch scheint es überzogen, wegen vergangener Demonstrationen den Leipzigerinnen mit der Firma „Olympia“ zu drohen.

Olympia soll Prestige und Arbeitsplätze bringen. Das Prestige wird sich wohl schnell in Mitleid für die Ortsansässigen wandeln und die Arbeitsplätze sind zuerst ehrenamtlich. Alle, die sich als Sportbegeisterte für lau abrackern werden, tragen zum weiteren Profit der Marke „Olympia“ bei. Überall wo die Olympiakarawane vorübergezogen ist, fahren private Sponsoren fette Gewinne ein, die Städte gehen pleite. Barcelona war pleite, München ist seit den Spielen zu einer der teuersten Wohnorte Deutschlands geworden und Athen (Olympia 2004) kommt schon mit den Vorfeldkosten nicht klär. Leipzig ist da einen Schritt weiter, die Stadtregierung steht auch ohne die Zusage für die olympischen Spiele 2012 vor der Pleite. Beispielsweise für Sportstätten für den Breitensport, geschweige denn kulturelle Veranstaltungen bleibt da kein Geld, aber ein Bürgerverein Pro-Olympia wurde schon mal gegründet. Wenn also die in der Stadt lebenden Menschen kein Plus machen, wer dann? Die selben wie im realen Leben eben auch.

Angeblich soll es 7800 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch dies sind natürlich keine Langzeitarbeitsplätze, sondern vorübergehend wie das Großereignis. Kurz vor den Spielen werden mehr Helfer gebraucht werden und danach geht es ab in den nächsten Leiharbeitsjob. Hartz und Rürupp lassen höflichst grüßen…

Die Drohung der Olympiaplaner, die Stadtentwicklung würde sich um zehn Jahre nach vorn entwickeln, sollte uns zu Denken geben. Denn ein überdimensionales Unternehmen wie dieses, verlangt einen kompletten Umbau, die langfristige Veränderung der Infrastruktur ganzer Städte zum Zweck der kurzzeitigen Nutzung. Gewiss ist, dass die Stadtentwicklung getrennt von der Lohnentwicklung verlaufen wird; eine moderne Architektur – und Löhne zum im Altbau wohnen. Bezahlbare Wohnungen und Lebenshaltungskosten dürften dann äußerst knapp sein, denn: „Die Olympische Spiele werden die ganze Stadt prägen, verändern und in den Dienst der Spiele stellen. Ganz Leipzig wird somit Olympisches Dorf.“ Eben dies soll auch noch folgendes bringen: „den Wegzug von Interessenten aus Leipzig zu verhindern.“

Jedoch werden sich noch vor Ankunft der ersten Leistungssportler, vor allem die LeipzigerInnen in und um Lindenau überlegen müssen, ob sie sich Mieten nach Olympia leisten können: „Das Olympische Dorf wird im Leipziger Stadtteil Lindenau geplant. Es soll auf mehr als 40 Hektar ein modernes Stadtquartier mit einem differenzierten Angebot an Geschosswohnungen und Einfamilienhäusern entstehen.“ Dass das Olympiadorf kein Platz zum Wohnen für Normalsterbliche sein soll, machen die Planer deutlich: „Im eigentlichen Wohnbereich des Olympischen Dorfes entsteht auf über 240.000 Quadratmetern Geschossfläche Wohnraum für rund 16.000 Teilnehmer. Funktionaler und gestalterischer Schwerpunkt des neuen Stadtquartiers ist der Bereich am südöstlichen Ende des Olympischen Dorfes an der Einmündung Plautstraße in die Lützner Straße. Während der Olympischen Spiele konzentrieren sich hier auf einer Geschossfläche von knapp 60.000 Quadratmetern die Mensa, gastronomische Einrichtungen, das Sport- und Informationszentrum der Nationalen Olympischen Komitees, medizinische Einrichtungen, Betriebs- und Personalräume, Büroräume und ein Freizeit- und Vergnügungszentrum.“ Es ist also klar: wo man Konkurrenzkampf betreibt, kann kein anderes Leben sein. Wünschen kann man es wirklich niemanden,. dass die Spiele (sie spielen mit denen, die hinterher die Zeche zahlen müssen) vor seiner/ihrer Haustür stattfinden.

Letztlich kann Olympia als ein Versuch des Mitgliedes der Hartz-Kommission, des Leipziger Oberbürgermeisters Tiefensee betrachtet werden zu beweisen, dass die Hartz-Pläne doch ein paar Leiharbeitsplätze „schaffen“. Die negativen ökonomischen, kulturelle und soziale Auswirkungen, (von den ökologischen gar nicht gesprochen) sind da egal. Soweit die Ansichten der Planer von Olympia. Antworten wir ihnen, dass wir ihre Spiele nicht spielen wollen. Wehren wir uns gegen Krieg und Kapitalismus, egal in welchem Gewand sie auftreten, innenpolitisch, außenpolitisch oder sportlich!

hannah

Zitate aus: www.Olympia-leipzig2012.de

Informationen zur NOlympiaKampagne auf: www.nein-zu-olympia.de

Weihnachtsgrüße von Coca Cola

Entführung. Folter. Mord.

Die Wahrheit ist bitter, aber nur wer sie kennt kann sie versüßen – auch zu Weihnachten! Am 21. Dezember 2003 hatte sich der „legendäre“ CocaCola-Truck in Leipzig angesagt… fast schon ein gesellschaftliches Ereignis. Mitten im Getümmel des Weihnachtsmarktes stand er da, gar nicht mehr so eindrucksvoll wie in der Werbung.

Der Andrang war immens. Genau so hatten es die Aktivistlnnen der FAU Leipzig erwartet. Sie stürzten sich – mit Weihnachtsmannmützen und Bärten ansprechend gekleidet – frohen Mutes ins Gedränge und begannen, die 200 Flugblätter an Interessierte zu verteilen.

Dieser Auftritt ging fast reibungslos über die Bühne. Binnen einer halben Stunde waren Flugblätter unter die Leute gebracht. Hilfreich waren die kleineren Kinder, die erfrischend neugierig waren und so oft ihre eher gestressten Eltern dazu brachten, ein solches A4-Blatt mitzunehmen – vielleicht lag es auch daran, dass sie die Überschrift nicht entzifferten.

Dementsprechend fielen auch vereinzelte Reaktionen aus: „Muss das heute sein?!“ Andere kompensierten den Kontrast zwischen Weihnachtsmarkt – Informationen über Morde, indem sie sich dazu hinreißen ließen, eine andere Gesellschaft zu fordern. Und bittere Ironie, laut ausgerufen, half beim Verteilen: „Weihnachtsgrüße von CocaCola“.

Einige BesucherInnen reagierten darauf mit der Bemerkung, dass sie es nur lesen wollten, wenn es gegen das Unternehmen gerichtet sei. Dies trifft jedoch nicht den Kern der Aktion. Es ging den Gewerkschaftsaktiven nicht um eine Firma, sondern um eine weit verbreitete Praxis, gewerkschaftliche Organisation im Keim zu ersticken. In vielen Ländern Lateinamerikas reagieren die Unternehmen – darunter eben auch Coca Cola aber bspw. auch Nestle – mit paramilitärischer Gewalt auf ein legitimes Ansinnen der ArbeiterInnen. Seit 1990 wurden mehr als 120 Übergriffe auf die Ernährungsmittelgewerkschaft Sinaltrainal protokolliert, darunter sieben Morde! In einigen Fällen hatte das Fabrikmanagement die Übergriffe sogar öffentlich angekündigt.

Dies war auch einer Gruppe Jugendlicher Anlass genug, mittels Flyern und einem Transparent an die Anwesenden zu appellieren: „Stoppt den Terror der Unternehmen!“ Schließlich wurde in der Vergangenheit schon so mancher Sieg errungen mittels öffentlichen Drucks und einer Boykottbewegung.

Dazu kommt folgendes „Derzeit ist in den USA ein Gerichtsverfahren anhängig. Angestrebt wurde dies […] von der Gewerkschaft United Steel Workers, die aus Solidarität mit den kolumbianischen Arbeiter-Innen handelte.“ (aus dem Flugblatt der FAU-L.) Über den Fortgang der Angelegenheit unterrichtet man sich unter: www.kolumbienkampagne.de

Lokales

Die klassische „Ente“

Absichtlich verbreitete Falschnachrichten – nerven so manchen Internetbenutzer, Doch „Enten“ sind keine Erfindung des Internetzeitalters. Tom Appleton machte sich auf die Spur der großen klassischen Zeitungsente.

Die klassische „Ente“ stammt von den Märchenbrüdern, Jakob und Wilhelm Grimm. „Hänsel und Gretel“, „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“, so behaupteten sie, seien echt deutsch bzw. „ächt hessisch“. „In diesen Volks-Märchen“, schrieben sie im Vorwort zu ihrer berühmten Sammlung, „liegt lauter urdeutscher Mythus.“ Im Vorspann des Buches zeigten sie dazu das Bild einer „alten Märchenfrau“, Dorothea Viehmann, genannt die „Viehmännin“. Diese „Märchenfrau von Niederzwehren“ sollte stellvertretend für alle anderen auf die Quellen der Grimm-Märchen verweisen: alte, des Lesens unkundige Bäuerinnen, Ammen, also Leute aus dem Volk, die auf einen Fundus mündlich tradierter Geschichten aus längst vergangener Zeit zurückgreifen konnten. Es sollte der Eindruck entstehen, als hätten die beiden jungen Männer (damals beide Mitte zwanzig) an den Lippen ländlicher Analphabetinnen gehangen und Wort für Wort ihre Äußerungen mitgeschrieben.

Die „Kinder- und Hausmärchen“ wurden ein Hit, sie wurden das deutsche Volksbuch. Dass sich der Inhalt der Sammlung von einer Auflage zur nächsten änderte, oder dass Wilhelm Grimm (der jüngere der beiden Brüder) die bereits gedruckten Märchen (zwischen 1812 und 1857) weiter bearbeitete, um den „richtigen Märchenton“ genauer zu treffen, störte niemanden. Nicht einmal die Germanistik, stieß sich daran, dass die Grimms für ihre Sammlung außer der einen „Märchenfrau“ offenbar keine weitere Quelle nennen konnten. Auch, dass sie ihre ursprünglichen Aufzeichnungen verbrannt hatten, weckte keinen Argwohn. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts – 40 Jahre nach dem Tod der Grimms – gab es einen ersten Hinweis auf die wahre Quellenlage. Hermann Grimm, der Sohn Wilhelms, zeigt, dem Literaturwissenschaftler Johannes Bolte die eigenen Exemplare der Erstauflage aus dem Besitz der Brüder. An den Seitenrand hatten sie hier zu jedem Märchen handschriftliche Notizen gesetzt. „Aus Cassel“, „aus Hessen“, stand dort etwa. Es waren, wie sich zeigte, irreführende Hinweise. Denn aus den dazugehörigen Namen der Märchenlieferantenlnnen ging hervor, dass diese Geschichten fast ausschließlich aus dem Kreis der engsten Freunde der Grimms stammten. Insbesondere handelte es sich um die Familien Wild und Hassenpflug, mit denen sie eheliche Bande knüpften. Die Quellen der Geschichten waren keineswegs alte Leute vom Land, sondern junge, gebildete Yuppies, die in der Stadt Kassel oder in ihrer näheren Umgebung wohnten. Und die Märchen selbst waren weit davon entfernt, authentisch deutsch zu sein. Die Familie Hassenpflug, z.B. war hugenottischer Abstammung und die Umgangssprache zuhause war Französisch. Als diese Fakten ans Licht kamen, um 1900, im Kaiserreich, schwieg man sie einfach tot. Schließlich konnte niemand ein Interesse daran haben, die Erkenntnis an die große Glocke zu hängen, dass das urtümlichste deutsche Volksbuch aus französischen Quellen abgekupfert war.

Frankreich galt zu dieser Zeit, lächerlicher Weise, als „Erbfeind“ der Deutschen. Hermann Grimm trug daher noch ein wenig zur bewussten Spurenverwischung bei, indem er um 1895 eine weitere Amine, „die alte Marie“, aus dem Hut zog. Diese alte Dienerin im Haushalt der Wilds, von der angeblich viele der Märchen stammten, stellte sich bei genauerem Hinsehen (allerdings erst 1975, also 80 Jahre später) als eine Tochter der Wilds heraus, nicht als eine Dienerin. Auch war sie nicht alt, sondern jung, wie alle Quellen der Grimms, ja, sogar die jüngste der Töchter. Selbst die einzig echte, „alte“ Märchenquelle, Dorothea Viehmann, war, wie sich 1955, zur Feier ihres 200. Geburtstags, herausstellte, zur Zeit der Erstauflage von Grimms Märchen noch keine 60. Und auch sie war keine deutsche Bauersfrau, sondern eine, gebildete Bürgerin. Eine Hugenottin auch sie, deren erste Sprache Französisch war. Die Märchen der Gebrüder Grimm stammten mitnichten aus den Urtiefen der deutschen Mythologie, sondern aus der Märchensammlung des Charles Perrault und manch anderen, schriftlichen, französischen Quellen. Gegen die schlichte Einsicht, dass es sich hier um einen literarischen Betrug, um eine Fälschung handelt, wehrt sich nicht allein die Germanistik, sondern wenn man so will, die gesamte deutsche Nation – bis heute. Grimms Märchen sind zwar ursprünglich keine deutschen Volksmärchen gewesen, aber sie sind es geworden. Die Konterfeis der Grimms zieren denn auch, fast wie zur Belohnung, den 1000 D-Mark-Schein, Deutschlands höchste säkulare Seligsprechung. Doch mit dem Euro ist dies wohl auch irrelevant.

Information

Sylvesterknaller

Leipziger Spezialitäten

Wozu strampeln sich eigentlich Lokalitäten wie das „CaféSahne“ in der Wiedebach-Passage zu Silvester ab, den Leuten für 35 Euro ein umfangreiches Programm aus liebevoll inszenierter Kriminalgeschichte und Portraitzeichner-Action zu bieten, wenn es die beliebten Bilder mit den schönsten Straßensperrungen, wagemutigsten Löscheinsätzen, erfolglosesten Verfolgungsjagden und anderen Show-Einlagen doch wieder kostenlos und frei (vorm) Haus und um die Ecke gibt? Auch in diesem Jahr fand das heißeste Gläserklingenlassen in town wieder am Connewitzer Kreuz statt.

Anstatt sich nun, nach mehr oder weniger riskanten Auseinandersetzungen mit Polizei, vorbeifahrenden Privat-PKWs, Glatteis und zu früh zündenden „Polen-Böllern“ wenigstens noch gemütlich im warmen „CaféSahne“ die Teigtaschen á la „Was-da-drin-iswird-abba-noch-nisch-verraten“ zu gönnen, stürzten sich die ca. 800 gewaltbereiten (BILD-Zeitung 02.01.03) und von den gebotenen Geländespielen extrem ausgehungerten Vokü-Touristlnnen auch noch auf die mittlerweile bundesweit in der radikalen Linken beliebten Backwaren (www.left-action.de/leipzigerlerchen) der dort ansässigen „Scheiß-System-Bäckerei“. Eine(r) der wenigen beim Räumpanzer-Dreh-Rum-Bumm in den Polizeigewahrsam ausgeschiedenen JugendfreundInnen, hatte zuvor sogar begonnen, diesen mittels Farbspray-Dose zu „beschädigen“. Er/sie wurde so zum ersten Opfer den Antigraffiti-Kampagne in diesem Jahr. Mehr zum Thema (Anti-)Graffiti im weiteren Verlauf dieses Heftes.

Ares, der im Editorial des Dezember-incipito noch dicke Tränen über die Scheibe des „Martha Focker“ vergoss, aber dann doch allen ein munteres „Wir sehn uns am Kreuz!“ zurief, wird sich nun auch bezüglich dieses Events „im Ernst“ fragen müssen: „Wer war so bescheuert?!“ („Da ist Schluss mit lustig!“) Ein anderer von uns, wegen eventuell bewusst inszenierten antisemitischen Propaganda-Bildern der Marke „hilflose(r) Gymnasiast(in) schleudert in ohnmächtiger Wut Sektflasche gegen Räumpanzer“, angefragter bekannter Skandal-Editorialschreiber und Experte für linksradikales Pogromverhalten wollte sich bis zum Redaktionsschluss nicht zu den Vorgängen äußern.

lydia

Lokales

Pjotr Kropotkin – Die Eroberung des Brotes

Heute leben wir Seite an Seite, ohne einander überhaupt zu kennen. An einem Wahltag treffen wir einander bei den Wahlveranstaltungen; dort hören wir das lügenhafte oder phantastische Wahlprogramm eines Kandidaten an und gehen wieder nach Hause. Der Staat hat die Aufsicht über alle Fragen von öffentlichem Interesse; er allein hat die Aufgabe, darüber zu wachen, dass wir nicht das Interesse unseres Nächsten verletzen und gegebenenfalls den Schaden wiedergutzumachen, indem er uns bestraft.“ [S. 45] (5)

 

Nachdem im letzten Heft der Klassenbegriff im Zentrum stand (der Diskurs wird auf S. 14/15 fortgesetzt), wollen wir in diesem wieder ein Schlaglicht auf die Geschichte und Ideen anarchistischer Theoriebildung werfen. Neben einem einführenden Exkurs sollen dabei in erster Linie Anregungen zur eigenständigen Beschäftigung geboten werden.

Wie bei vielen Anarchisten des 19. Jahrhunderts finden wir auch bei Pjotr Kropotkin, der zwischen 1842-1921 lebte, eine bewegte und von Höhen und Tiefen gekennzeichnete Biographie. Einer russischen Hochadelsfamilie entsprungen, diente er zuerst dem Pagenkorps Alexander des II., war dann mit dem Kosakenheer des Zaren in Sibirien unterwegs, bevor er Mathematik und Geographie in Moskau studierte. Durch seine geographischen. Arbeiten erlangte Kropotkin einige wissenschaftliche Reputation und von hieraus speist sich auch seine Vorstellung einer auf naturwissenschaftlicher Methodik fußenden Gesellschaftstheorie. Während seiner ersten Europareise knüpfte er Kontakt zur damals erstarkenden anarchistischen Arbeiterbewegung, ein Umstand, der sein sozialrevolutionäres Engagement weiter verstärkte. Nach seiner Festnahme und Inhaftierung (ohne Prozeß) 1874 und der späteren Flucht von der Peter-Paul-Festung, hatte die russische Tyrannei aus einem hochadligen „Gardeoffizier“ einen der glühendsten Verfechter der anarchistischen Bewegung gemacht. Wie viele der damaligen Anarchisten genötigt, ruhelos durch Europa zu ziehen (immer wieder verfolgt und verhaftet), findet er bei den Schweizer Uhrmachern aus dem Jura und den Tuchmachern aus Verviers (Belgien), damals dem Leitbild kommunaler Produktion und anarchistischer Organisation verpflichtet, immer wieder fruchtbares Asyl, um in Untersuchungen, Reisen, unzähligen Vorträgen, Zeitungsartikeln und Texten. sein Denken zu entfalten. Wie auch schon bei Proudhon, scheint der ganze Werkkorpus in wenig zufriedenstellender Form für die deutschsprachige Leserschaft aufbereitet. Was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass Kropotkin sowohl in russisch und französisch als auch deutsch und englisch schrieb. Ein Großteil der Artikelsammlungen ist vergriffen oder wird nicht mehr verlegt, auch sollen einige mehr schlechte als rechte Übersetzungen aus dem Französischen umherschwirren. Trotz alledem lassen sich, im Unterschied zu Proudhon die systematischen Eckpunkte der Philosophie Kropotkins ziemlich klar entdecken und beschreiben.

Gegenseitige Hilfe – ein Entwicklungsfaktor menschlicher Evolution

Laut Theoriegeschichte stellt der Ansatz Kropotkins den dar, den Anarchismus (natur-)wissenschaftlich zu begründen; Wie ist das zu verstehen? Im Streit mit dem damals heraufziehenden Sozialdarwinismus, der mit der Darwinschen Terminologie des „Kampfes ums Dasein“ die zeitgenössischen Praktiken der Ausbeutung und Unterdrückung legitimierte, wollte Kropotkin die evolutionstheoretischen Ansätze Darwins vertiefen, die Idee der gegenseitigen Hilfe, wir sie schon bei Proudhon in Form des Mutualismus kennengelernt haben, verstärken, die Gegenseitigkeit zweifelsfrei als Entwicklungsfaktor der Evolution nachweisen und somit die Theorie Darwins umgewichten. Hinter diesen hehren Absichten indes versteckt sich im Wesentlichen das anarchistische Argument gegen die liberalen Staatstheorien: dass nämlich der Mensch immer schon in Gesellschaft ist und nicht aus dem Naturzustand (Krieg aller gegen alle) via Vertrag in eben diese eintritt. Kropotkin versucht nun einen solchen Naturzustand zu konstruieren, in welchen neben dem Selbsterhaltungstrieb auch ein „Sozialtrieb“ („Sozialinstinkt“) ambivalent angelegt ist. Dabei macht er ihn für die hauptsächlichste Anpassungsleistung des Menschen als Art verantwortlich. Kooperations- und Selbstbehauptungswillen prägen ein natürlich ambivalentes Feld, aus dem der zwischen Individuation und Sozietät schwankende Mensch erwächst. Ein sehr naturalistisches Weltbild, wenn man es mit dem „vernünftigen“ (1) seiner Zeit vergleicht. Aber ohne Zweifel, der liberale Naturzustand war durchbrochen, zugunsten einer sozialen (libertären) Natürlichkeit. Dadurch allerdings scheint die Trennlinie zwischen Natur und Gesellschaft merkwürdig verschoben: Ist es denn nicht natürlich, dass mensch Natur korrumpieren lässt? Kann mensch sich nicht via Vernunft gegenüber der Natur emanzipieren?

Unkritischer Idealismus

Der wissenschaftliche Idealismus, welcher Kropotkins Schriften prägt, ist so unkritisch, dass ihn nur sein Forscherethos und seine guten Ideen vor einer vernichtenden Kritik bewahren. Er übertrug Beobachtungen aus dem Tierreich auf das Verhalten von Menschen, verglich Physik mit Gesellschaftstheorie und proklamierte eine naturwissenschaftlich exakte Methode (2). Ein Positivist sondersgleichen! Und damit bei weitem nicht der einzige seiner Zeit. Aber dennoch einer der einflussreichsten Theoretiker des Anarchismus. Im Widerspruch von Inhalt und Form hat sich doch der Inhalt über die Zeit getragen. Ich lass´ ihn am besten selbst reden:

[Die anarchistische Gesellschaft] sucht die vollständige Entwicklung der Individualität, verbunden mit der höchsten Entwicklung der unter allen Gesichtspunkten freiwilligen Verbindung für alle möglichen Stufen, für alle denkbaren Ziele: eine stets wandelbare Verbindung, die in sich selbst die Grundlagen für ihre Dauer trägt und die Formen annimmt, die in jedem Augenblick am besten den mannigfachen Bestrebungen aller entsprechen.“ (3)

Bei diesem Geschichtsidealismus wird auch deutlich, dass Kropotkins Untersuchungen und Studien keine kritische Geschichte der Idee der „gegenseitigen Hilfe“ darstellen. Geschichte ist für ihn empirische Forschung und dementsprechend nur die Suche nach Belegen für eine ‚richtige‘ These. Im Erkenntnissubjekt Pjotr Kropotkins verbinden sich empiristischer und idealistischer Geist zu einem Gemenge, aus welchem die Qualitäten der Texte (Subtexte) ihre innere Spannung entfalten. Der Charakter seiner Arbeiten ist wohl am ehesten mit dem Begriff ‚Anthropologie einer Idee‘ umschrieben. Sozietät ist immer vorausgesetzt. Kropotkin untersucht unsere Geschichte der Gesellschaftsformen, indem er formal freiheitliche (libertäre) von herrschaftlichen trennt. Dementsprechend findet sich bei ihm ein Geschichtsfaden, der die Horde, mit der Gemeinde, der freien Stadt und modernen Kommunen verbindet und ein zweiter, der von der Familie, dem Römischen Reich, der Römischen Kirche bis zu den Ausprägungen des modernen Staates im 16. Jahrhundert reichen soll. Kropotkins Schriftwerk ist voll von Parallelen und Vergleichen und in diesem Sinne lesenswert, weil sich die geneigte Leserin dem Glauben stärken kann, gegenseitige Hilfe sei zur kulturellen Ausprägung fähig. Und dass es so ist, dafür liefert Kropotkin viele gute Gründe, Beispiele und Anekdoten. Aber ist bei einem solchen unkritischen Idealismus die Vorstellung einer anarchistischen Gesellschaft überhaupt haltbar?

Anarchistischer Kommunismus

Aus den Wirren seiner Zeit, der Französischen Revolution und ihrer Nachbeben, dem krassen Elend vieler Menschen, der Ausbeutung und Unterdrückung trotz steigender Produktion, letztlich aus dem Organisierungswillen der ohnmächtigen Massen zog Kropotkin den Schluss, dass die nächste revolutionäre Phase auf jeden Fall kommen würde. Dabei kritisierte er die sozialistische bzw. marxistische Strategie vor allen Dinge dahingehend, dass sie sich immer auf Machtübernahme und Agitation zuspitzte, anstatt in den ersten Stunden der „Revolution“ vor allen Dingen an die Neuorganisation der stillstehenden Produktion, an die Versorgung der Bevölkerung mit Brot, Kleidung und Nahrung zu denken. Hier liegt seines Erachtens der Hauptgrund dafür, dass solche politischen Restrukturierungsprozesse immer wieder vor nennenswerten Erfolgen verebbten, von der Reaktion eingeholt wurden, der Rückhalt in der Bevölkerung sank. Um in solchen revolutionären Phasen eine freiheitliche anstelle einer herrschaftlichen Organisation zu etablieren, bedurfte es vor allen Dingen der sofortigen Expropriation (Enteignung), der Produktionsmittel, Produkte und des Bodens (Wohnraum) und damit einhergehend der Abschaffung jeder Entlohnung. Dabei denkt Kropotkin sehr konkret und schon in diesem Sinne ist sein Buch „Eroberung des Brotes“ (4) lesenswert. Gegen abstrakten Kollektivismus und zentralistische Bürokratie (wesentlich kritische Punkte des Staatssozialismus sind hier schon vorweggenommen) beharrt er auf lokaler Autonomie. Konkrete Bedürfnisse können nur in konkreten Verhandlungen, konkret befriedigt werden. Nach Kropotkins Meinung würde der revolutionäre Impuls eine Freiwilligkeit aufdecken, die zu einer verantwortlichen Neuorganisierung der kommunalen Strukturen in weitestgehend autonome Kommunen führen könnte, wenn man sie denn nur ließe. Dabei kommt sein von Idealismus durchdrungenes Menschenbild wieder zum Tragen. Der Mensch in seiner Ambivalenz von Egoismus und Geselligkeit, ließe sich schon zur Freiwilligkeit bewegen, würde er nur der individuellen und sozialen Vorteile ansichtig. Die Organisationsüberlegungen Kropotkins sind deshalb auch eher als Faustregeln formuliert. Ist es soweit, schließt euch zusammen, die einen werden schon Gefallen daran finden, die Warenhäuser einer Inventur zu unterziehen, andere die Wohnungen listen, dritte die Produktion in der Fabrik wieder aufnehmen, vierte aufs Land zu den Bauern fahren. Jeder bekommt das aus den Lagern, dessen er bedarf, gibt´s wenig, zu wird egalitär rationiert, gibt´s zu viel, deren Kommunen getauscht.

Dabei spielt bei ihm die friedliche, auf Freiwilligkeit beruhende Partizipation die größte Rolle. Will der olle Graf auf seinem Schloss hocken bleibt, soll er doch – seine Frau wird spätestens dann Terz machen, wenn niemand mehr gegen Lohn putzen kommt. Und wer sollte das tun, wenn es des Geldes nicht bedurfte, um an die existenzsichernden Güter zu gelangen? In Kropotkins Überlegungen zur Ökononomie einer solchen autonomen Kommune spielte vor allen Dingen die Ökonomie als Ökologie, auch der eigenen Körper eine zentrale Rolle. Handgreifliche und geistige Tätigkeit wechseln sich nach Bedarf des Individuums ab, Arbeitszeitverkürzung steht im Vordergrund. Es ist eher eine soziale als eine politische und eher eine kommunale als eine nationale Ökonomie.

Kropotkins Glaube an die ungeheuren Produktivkräfte seiner Zeit, an den technischen Fortschritt, an die zur Geselligkeit und gegenseitiger Hilfe fähige Natur des Menschen, sein tiefes Misstrauen gegen akkumulierendes (anhäufendes) Privateigentum, gegen das ausbeutende Lohnsystem, seine Inspiration durch die kreative, politische Aktivität seiner damaligen Zeitgenossen, beflügelte seine Gedanken hin zu den Vorstellungen einer Gesellschaftsform, in der der Mensch beides, Individuation (Konkurrenz) und Sozialität (Vertrauen), in Konflikt und Harmonie, freiwillig und friedlich, ohne systematisch physisches und psychisches Elend und Leid ausleben könnte. Eine Möglichkeit in einer Welt, in der an den weiten Rändern eines westlichen Horizontes, das physische Elend ertragen wird, während der „Zivilisierte“ im Zentrum sein psychisches Leid zum Psychiater schafft? Ein Idealismus ohne Zweifel, aber einer, für den es sich zu kämpfen lohnt!

Wenn Sie mit uns wollen, dass die völlige Freiheit des Individuums und damit auch sein Leben respektiert werde, dann müssen sie notwendigerweise die Herrschaft von Menschen über Menschen, egal welcher Gestalt, ablehnen und die so lange verhöhnten Grundsätze des Anarchismus akzeptieren. Sie müssen mit uns nach Gesellschaftsformen suchen, durch die dieses Ideal am besten verwirklicht und jeglichen Sie empörenden Gewaltakten ein Ende bereitet werden kann.“ [S.55] (5)

clov

(1) Geistesgeschichtlich ist es nach Kant und Hegel bürgerliche Konvention, dass Verhalten und Erkenntnis vernunftgesteuert werden. Es gibt keinen Grund, einen Sozialtrieb anzunehmen, gesellschaftliche Organisation ist Ausdruck allgemeiner Vernunft, alle haben die sittliche Pflicht sich anzupassen, und insofern sie zur Vernunft fähig sind, werden sie die rechtmäßige Ordnung schon einsehen… … …???
(2) Kropotkin unterwirft sich damit dem Forschungsideal seiner Zeit, Dinge als tote zu beobachten und ihre Prozesshaftigkeit (Dynamik) mit der eigenen Logik und Kausalität der eigenen Sprache zu erklären und zweitens dem ideologiekritischen Vorwurf, wie er denn seine Beobachtungsperspektive als objektive rechtfertige. Derlei Kontroversen über die „richtige“ Gesellschaftsanalyse finden sich heute im methodischen Streit der interpretativen (qualitativen) und quantitativen Soziologie, wobei erstere vor allen Dingen auf die Beweglichkeit der Forschungsobjekte im Forschungsprozess selbst hinweist.
(3) Pjotr Kropotkin, Der Anarchismus. Seine Philosophie – sein Ideal, Berlin, Der freie Arbeiter, 1923 (Ersterscheinung: 1896), S.6
(4) Pjotr Kropotkin, Die Eroberung des Brotes, Trotzdem-Verlag, Grafenau, 1999
(5) Pjotr Kropotkin, Der Anarchismus – Philosophie und Ideale, in: Ders., Die Eroberung des Brotes und andere Schriften, Hauser, München,1973
Desweiteren: Kropotkin zur Einführung, Junius Verlag GmbH, Hamburg, 1989; * Anm. von mir

Theorie & Praxis

Phase 2 eingesperrt

Da wollte die Phase-2-Redaktion mal was Neues ausprobieren und wohl auch kostensparend im Nachbarland Tschechien drucken. Da schnappt ihnen der Zoll am bayrischen Grenzübergang Schirnding die ganze Auflage der 6.Ausgabe der „Zeitschrift gegen die Realität“ weg und lässt sie wohl in der Asservatenkammer des Zollfahndungsamtes Nürnberg vergammeln. Begründet wurde dies vom Amtsgericht Wunsiedel am 11.12. 2003 mit dem Verdacht auf Steuervergehen und „verfassungsfeindliche Inhalte“. Das aktuelle Konzept der Zeitung beschreibt Lars Freitag der Jungle World folgendermaßen: „Wir begannen Ansätze aufzugreifen, von denen wir denken, dass sie für die gesamte Linke von Bedeutung sind, und versuchten dabei im Blick zu behalten, wie sich aus diesen Ansätzen eine Politik entwickeln ließe.“ Ob dieser Ansatz nun verfassungsfeindlich ist oder nicht, bleibt eurem subjektiven Geschmack überlassen: die zweite Auflage der 6. Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Gefangen im Kapitalismus – Bürgerlichkeit, Staat, Glückseligkeit“ ist nämlich im el libro, b12 und Conne Island käuflich zu erwerben. Und wer dieses angeschlagene Zeitungsprojekt (das Geld, um 4000 Hefte nachzudrucken, liegt ja nicht gerade auf der Straße) finanziell unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto überweisen: Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur – Kt.-Nr. 11 777 0 – Sparkasse Göttingen – BLZ 260 500 01 – Stichwort: „Gebt das Heft frei!“

francis

PolitMix