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Obdachlosigkeit, soziale Ausgrenzung und rechte Gewalt

„Rechte TäterInnen praktizieren gegen obdachlose Menschen einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird“, heißt es im Klappentext des Buches Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus von Lucius Teidelbaum, das sich mit Obdachlosenfeindlichkeit im Kontext „sozialdarwinistischer Zustände“ (S. 15) beschäftigt. Infolge eines „weit verbreiteten Sozialdarwinismus“ käme es heute laut dem Autor zu einer „systematischen Ausgrenzung benachteiligter durch strukturell privilegierte Gruppen“. (S. 41) Mit dem Begriff Sozialdarwinismus meint der Autor in diesem Kontext „die Abwertung von Transferleistungs-Empfänger_innen und sozialen Randgruppen seitens breiter gesellschaftlicher Schichten“. (S.16) Dieser sog. latente Sozialdarwinismus führt in der Regel zu einem manifesten Sozialdarwinismus, der sich von ersterem dadurch unterscheidet, mit einer Aktivität verbunden zu sein wie beispielsweise Beschimpfung, physische Gewalt oder aber auch Repressalien von Seiten der Behörden.

Die offensichtlichste und schlimmste Facette dieser manifesten Ausformung sind offene Gewalt und Morde an Obdachlosen durch Rechtsradikale und Neonazis. Dieses Thema nimmt eine gesonderte Stellung im Buch ein. Obdachlose werden selten als eigene Kategorie gehandelt, wenn es um Opfer rechter Gewalt geht. Oft wird ein offensichtlicher rechtsradikaler/neonazistischer Hintergrund einschlägiger Taten ignoriert, relativiert oder unter den Tisch gekehrt. Gegen diesen Trend wendet sich das Buch mit voller Vehemenz. Bedrückende Schilderungen von Morden an Obdachlosen durch Neonazis sollen diese Opfer rechter Gewalt nicht in Vergessenheit geraten lassen und es verunmöglichen, diese Taten zu entpolitisieren. Wie es im Eingangszitat bereits angedeutet wird, hat dieser Sozialdarwinismus der Tat rechter GewalttäterInnen einen Sozialdarwinismus des Wortes als Basis – und diese Basis ist sehr viel breiter als einschlägige rechte Kreise. Der Autor sieht hier primär die „Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens“ (S. 19) als Hauptproblem dieses Phänomens, denn die „Bewertung von Menschen nach (wirtschaftlicher) Leistung ist eine grundsätzlich sozialdarwinistische Position“. (S. 19) Diese Zustände sind hier laut Autor Teidelbaum der Grund für eine „Transformation von Ungleichheit in Ungleichwertigkeit“. (S. 22) Diese sog. Ideologie der Ungleichwertigkeit sei wiederum „ein wichtiges Wesensmerkmal der extremen Rechten“ (S. 22), womit sich der Kreis zwischen gesellschaftlich akzeptierter Ausgrenzung von „Randgruppen“ und rechter Gewalt wieder zu schließen beginnt.

Ganz so einfach darf man es sich bei rechter/neonazistischer Gewalt gegen Obdachlose jedoch auch nicht machen. Wie der Autor beschreibt, gibt es durchaus auch so etwas wie rechte Solidarität mit Obdachlosen. Freilich kommen hier nur die „einheimischen“ Obdachlosen in den fragwürdigen Genuss dessen. Rechte Parteien wie die NPD sowie diverse Neonazi-Gruppen distanzierten sich immer wieder öffentlich von Morden an Obdachlose durch klar dem rechten Spektrum zuordenbare TäterInnen. In Frankreich gibt es Suppenküchen Rechtsradikaler für Obdachlose – gekocht wird dort jedoch stets mit Schweinefleisch, um Muslime und Juden auszugrenzen. Dass die Gewalt gegen Obdachlose, von denen der Autor spricht, aber stets sozialdarwinistische, also letztendlich rechte Argumentions- und Legitimationsmuster zugrunde liegen, lässt sich auch dadurch nicht relativieren.

Aus anarchistischer Perspektive ist zudem positiv hervorzuheben, dass der Autor in seinem kurzen Abriss zu historischen Fragen der Obdachlosigkeit auch auf die Vagabund_innen-Bewegung rund um Gregor Gog eingeht. Die 1927 gegründete Bruderschaft der Vagabunden war klar anarchistisch und rüttelte durch Losungen wie „Generalstreik das Leben lang!“ auf. Sie optierte für „ein ganzes Leben“ im „gottverdammte[n] Dasein in der Gosse“ statt auch nur „einen einzigen Tag Bürger [zu] sein!“ (S. 32).

Dieses Buch ist ein wichtiger und einer der wenigen Beiträge, die Ausgrenzung von und Gewalt gegen Obdachlosen unter sozialdarwinistischen Vorzeichen beleuchtet, problematisiert und die konkreten Auswirkungen und Ursachen, die dies hat, benennt. Die relative Kürze der Ausführungen mindert hierbei nicht die Qualität des Inhalts. Der Autor schafft es sogar, historische Fragen unterzubringen, ohne dass es oberflächlich wirkt. Den Fokus auf diese Aspekte sozialer Ausgrenzung und rechter Gewalt zu legen und wie sie interagieren, ist vor allem in Krisenzeiten wie diesen, in denen das soziale Klima stetig rauer wird, äußerst wichtig.

Sebastian Kalicha

Lucius Teidelbaum: Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus. Unrast Verlag, Münster 2013. 80 Seiten, 7,80 Euro, ISBN: 978-3-89771-124-2

Wider die Konsumgesellschaft – aber wie?

Die Konsumgesellschaft, als Kehrseite der kapitalistischen Produktion, ist von linker, emanzipatorischer Seite immer wieder kritisiert worden – sei es nun theoretisch aus einer generellen Kapitalismuskritik heraus, oder ganz konkret aufgrund ihrer zahlreichen und unleugbaren negativen Auswirkungen wie Umweltzerstörung, Ressourcenverschwendung, Menschenrechtsverletzungen, Armut, sozialer Ausgrenzung, etc. Peter Marwitz versucht in Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft einen knappen Überblick über die Probleme der Konsumgesellschaft zu bieten sowie mögliche Auswege aus dem Status quo zu diskutieren.

Begrüßenswert ist die vom Autor gleich zu Beginn getätigte Klarstellung, dass Konsumkritik „nur ein Teil einer grundsätzlichen Systemkritik sein kann“ und „veränderte Konsummuster“ nicht das „Allheilmittel“ sein könnten (S. 6). Im ersten Teil des Buches, das sich der Kritik des Bestehenden widmet, erfährt man viel über „grundlegende Probleme“ der Konsumgesellschaft. Konzernkritik wird behandelt, TheoretikerInnen der Konsumkritik werden vorgestellt und der Einfluss von Werbung diskutiert. Dass in dem kleinformatigen Büchlein von nicht mal 80 Seiten die Schilderungen teilweise sehr holzschnittartig daher kommen, ist ein Problem, dass sich schnell einmal bemerkbar macht. Wobei der inhaltliche Gehalt des Geschriebenen durchaus schwankt, trotz betonter Knappheit in den Ausführungen. So findet man teilweise sehr informative und pointierte Einblicke zu diversen Aspekten des Konsums. Andere Stellen sind dagegen erstaunlich oberflächlich, die gebotenen Argumente wenig stichhaltig. Stellenweise wirken sie wie bloße persönliche Meinungen, wie verschriftlichtes Brainstorming: „Shopping und Konsum hält uns von anderen, mitreißenden Aktivitäten ab“. (S. 29)

Der zweite Teil des Buches widmet sich Gegenstrategien und Auswegen. Auch hier ist die Grundintention sehr sympathisch. Marwitz betont, dass „die Probleme der Konsumgesellschaft nicht auf einer rein persönlichen Basis zu lösen sind“ (S. 65). Erstaunlich ist dann jedoch, dass man im gesamten Kapitel fast nur etwas über derartig individualisiertes Ausbrechen aus dem Kreislauf des Konsumismus erfährt. So z.B. eher allgemein über ethischen/politischen Konsum, etwas konkreter über Reparaturcafés, Vegetarismus und Veganismus, über Flohmärkte, Upcycling und Kleidertauschpartys ebenso wie über Tauschringe, Car-Sharing, Couchsurfing, Leihen, Containern etc. Bei seinem oben genannten, völlig richtigen Anspruch verwundert es, dass der Autor auf dieser individualisierten Ebene hängen bleibt. Phänomene wie Solidarische Ökonomie, Commons, Open Source, Parecon (Participatory economics) bleiben ebenso unerwähnt wie andere Ansätze, die individuelles Handeln mit einem fundamentalen Wandel in wirtschaftlichen, politischen und sozialen Belangen verknüpfen wollen. Und wenn der Autor die Macht des politischen/ethischen Konsums diskutiert, dann fällt auf, dass das wohl bekannteste und wirksamste Mittel des/der widerständischen KonsumentIn ebenfalls nicht substantiell behandelt wird: der Boykott.

Eine weitere Frage die sich stellt und in dem Buch glücklicherweise auch behandelt wird, ist, ob das positive Pendant zu Konsumkritik, der ethische/kritische/politische Konsum, als „erster Schritt in die richtige Richtung“ verstanden wird (also als notwendige und, ja, durchaus wichtige Symptombekämpfung, ohne aber die Grundlage des Problems aus den Augen zu verlieren), oder bloß tendenziell einkommensstarken Teilen der Bevölkerung dazu dient, sich vom schlechten Gewissen (so es da ist) freizukaufen und somit ein Phänomen der westlichen Wohlstandsgesellschaft und einer reichen „Oberschicht“ bleibt – eine Goodwill-Aktion der Wohlhabenden sozusagen, die sich mit der Hoffnung auf einen möglichen „Trickle-down-Effekt“ verknüpft. Wenn Konsumkritik und kritischer Konsum nicht mit einer generellen Kapitalismuskritik einhergehen, ist das Ganze, zumindest aus anarchistischer Perspektive betrachtet, nur begrenzt hilfreich (sicherlich aber nicht sinnlos!). Prinzipiell ist dem Autor aber zuzustimmen, wenn er schreibt: „[S]elbst wenn es kein ‚richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem‘ gibt […], so gibt es dennoch ein ‚falsches Einkaufen‘.“ (S. 49)

An tiefgreifenden und umfassenden Lösungs- und Handlungsvorschlägen mangelt es diesem Buch etwas. Es kann aber auf einer individuellen Ebene durchaus die nötige Sensibilität für das Thema verstärken und die persönliche Kreativität anregen, wie man dem „Hamsterrad“ entkommen kann. Und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass politischer/ethischer Konsum dem gedankenlosen Konsumismus im Kapitalismus die Stirn bieten und zu einem echten Wandel beitragen kann. Auch dafür ist Überdruss im Überfluss durchaus hilfreich.

(Sebastian Kalicha)

Peter Marwitz: Überdruss im Überfluss. Vom Ende der Konsumgesellschaft. Unrast Verlag, Münster 2013. 76 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-125-9.

Eine Anarchismuseinführung ihrer Zeit

Kaum ein Thema wird in der öffentlichen Debatte so verzerrt dargestellt wie der Anarchismus. Knappe und niedrig­schwellige Anarchismuseinführungen sind daher ein an Wichtigkeit nicht zu unterschätzender Beitrag, um diese schiefe Optik etwas zu berichtigen. Zahlreiche AnarchistInnen aus Geschichte und Gegenwart haben sich daran bereits versucht.

Auch die US-amerikanische Anarchistin Cindy Milstein, die u.a. beim Institute for Anarchist Studies aktiv ist, steuert mit ihrem Buch Der Anarchismus und seine Ideale nun einen derartigen Beitrag bei. Von anderen, viel gelesenen und geschätzten Anarchismuseinfüh­rungen wie Alexander Berkmans ABC des Anarchismus (erschienen 1929) oder Nicolas Walters About Anarchism (erschienen 1969) unterscheidet sich dieses Buch dadurch, dass es ganz dezidiert den Anspruch hat, eine Einführung auf dem Stand des 21. Jahrhunderts zu sein – also eine, wie es im Klappentext heißt, „Einführung in den Anarchismus, die unserer Zeit gerecht wird.“

Glücklicherweise verwechselt Milstein diesen Anspruch nicht mit einer „Vergesst die alten Männer mit den langen Bärten“-Attitüde, sondern stellt klar, dass wir „die Bedeutung des Anarchismus nur begreifen [können], wenn wir seine Vergangenheit verstehen.“ (S. 15) Und so bezieht sie sich in ihren Ausführungen immer wieder abwechselnd sowohl auf klassische Theorien und Texte des Anarchismus aus dem 19. Jahrhundert als auch auf aktuelle Beiträge und Debatten. Zur Frage des historischen Erbes des Anarchismus regt die Autorin weiter an, dass die „anarchistische Geschichte […] nicht nur studiert werden [soll], um die Wiederholung von Fehlern zu vermeiden, sondern auch, um uns in Erinnerung zu rufen, wie viele Menschen bereits seit Langem die ‚Pfade in Utopia‘ wandern, von denen Martin Buber schrieb.“ (S. 15)

Das herausragendste Charakteristikum des Textes ist jedoch Milsteins Fokus auf die „Ethik des Anarchismus“, auf die „besonderes Gewicht“ (S. 8) gelegt werden soll – also auf „die Werte, die anarchistisches Handeln prägen und die dem Anarchismus einen besonderen Charakter verleihen.“ (S. 8). Sie schreibt hier metaphorisch von einem „gemeinsamen ethischen Kompass“ (S. 54), an dem sich Anarchist­Innen orientierten. Die „ethischen Werte“, die sie als zentral im Anarchismus betrachtet und die in einzelnen kurzen Kapiteln behandelt werden, lauten z.B. „Freiheit und Befreiung“, „Gleichheit und Ungleichheit“, „Gegenseitige Hilfe“, „Ökologie“, „Freiwillige Assoziation und Verantwortlichkeit“, etc. Für Milstein macht der Anarchismus „die Ethik zur wichtigsten Frage von allen“ (S. 56), was durchaus ein spannender Zugang ist. Ihre Ausführungen zu diversen Fragen anarchistischer Ethik sind anregend und gelungen. Das einzige, was hier jedoch etwas irritiert, ist die völlige Abwesenheit ausgerechnet der (ethisch höchst relevanten) Ge­walt­frage. Wenn man anarchistische Ethik schon so prominent platziert und anarchistische Werte wie „präfigu­rative Politik“ – also, dass es eine „ethische Entsprechung zwischen Mitteln und Zielen“ (S. 82) geben sollte – hervorhebt, verwundert es umso mehr, dass dieses Thema überhaupt gar nicht erst vorkommt (nur zweimal wird es indirekt gestreift, allerdings für mein Empfinden eher unglücklich, wenn im Kontext des Battle of Seattle der Schwarze Block positive Erwähnung findet und ein zweites Mal, etwas differenzierter, bei der Frage nach der „Vielfalt der Taktiken“).

Trotz dieses kleinen Einwandes wird das Buch jedoch dem, was es sich zur Aufgabe gemacht hat – nämlich eine Anarchis­museinführung für das 21. Jahrhundert zu sein – durchaus gerecht. Milsteins Reflexionen zu zahlreichen grundlegenden Themen des Anarchismus sind spannend und anregend. Sie schafft es sowohl historische mit aktuellen Beispielen, Ansätzen und Theorien zu verbinden, als auch die Heterogenität der anarchistischen Bewegung zu betonen, ohne dabei in die Beliebigkeit abzudriften. Zudem schafft das Buch etwas, was bei Einführungsbüchern beson­ders schwierig scheint: Es dürfte sowohl für EinsteigerInnen von Interesse sein, als auch für LeserInnen, die sich schon lange mit anarchistischer Theorie und Praxis auseinandersetzen.

Sebastian Kalicha

Cindy Milstein: Der Anarchismus und seine Ideale. Aus dem Amerikanischen von Gabriel Kuhn. Unrast Verlag, Münster 2013. 95 Seiten, 7,80 Euro, ISBN 978-3-89771-533-2.

Rezension

Michael Seidman: „Gegen die Arbeit“

Seidmans Buch ist ein Phänomen – dass eine 30 Jahre alte Dissertation heute noch größere Debatten auslöst, ist zumindestens ungewöhnlich.

Und ungewöhnlich umständlich gestaltete sich auch die Veröffentlichung dieser deutschsprachigen Ausgabe: Schon vor etwa zehn Jahren erarbeiteten FAU– und Wildcat-Aktivist_innen eine Rohübersetzung, die dann, mit einigen Jahren Verzögerung, von dem FAU-Mitglied Andreas Foerster nochmals überarbeitet und zu einem durchgängig lesbaren Text umgeformt wurde.

Dass das Buch nun so viel später im anarchistischen Graswurzelrevolutions-Verlag erschien, ist ebenso mutig wie begrüßenswert. Denn obwohl Seidmans Forschungsarbeit schon 1982 entstand, ist sie auch heute noch geeignet, einige liebgewonnene Legenden der anarchistischen Geschichtsschreibung ins Wanken zu bringen.

Dabei verfolgt Seidman den vordergründig recht unspektakulären Ansatz einer vergleichenden Sozialgeschichte. Das Buch gliedert sich entsprechend in zwei Teile, wobei der erste die Konflikte in den kollektivierten Betrieben während der spanischen Revolution ab 1936 behandelt. Im zweiten Teil werden die Ereignisse in Frankreich untersucht, wo nach dem Wahlsieg der linken ‚Volksfront’-Regierung im Mai 1936 eine Welle von Streiks und Fabrikbesetzungen begann.

Hier wie dort gilt Seidmans Interesse dem Arbeiter_innenwiderstand ‚von unten’, der sich immer wieder der Kontrolle der Parteien und Gewerkschaften (auch der ‚revolutionären’) entzog. Sein Anliegen, so erklärt Seidman mit Bezug auf die spanische Revolution, war es dabei, „eine ausschließlich politische oder ökonomische Bewertung zu vermeiden und stattdessen die sozialen Beziehungen in den kollektivierten Fabriken und Werkstätten zu erkunden“ [S. 245].

Revolte in der Revolution?

Genau an diesem Punkt beginnt die Verunsicherung, die das Buch in anarchistischen und anarchosyndikalistischen Kreisen hervorgerufen hat. Immerhin ist die spanische Revolution für heutige Anarcho­syndikalist_innen immer noch das historische Vorbild schlechthin – im revolutionären Katalonien wurde tatsächlich in großem Maßstab versucht, das anarchistische Organisationsmodell, die kollektive Selbstverwaltung der Wirtschaft umzusetzen.

Aber wie Seidman zeigt, stieß dieses von der spanischen anarchistischen Gewerkschaft CNT verfochtene Konzept der Selbstverwaltung (also die Übernahme der Fabriken und deren Verwaltung durch die Arbeiter_innen selbst) bald auf Schwierigkeiten. So sahen sich die Aktiven der CNT rasch mit den gleichen Formen der Verweigerung konfrontiert, die sich zuvor gegen die Bosse gerichtet hatten – „Sabotage, Diebstahl, Absentismus, Zuspätkommen, Krankfeiern und anderen Formen des Arbeiterwiderstandes gegen die Arbeit und den Arbeitsplatz“ [S. 236]. Trotz höherer Löhne, höherer Sozialleistungen, verlängerter Wochenarbeitszeit und vermehrter Zahl an Arbeiter_innen sank in vielen Betrieben die Produktivität.

Demgegenüber gingen die Gewerkschafts-Aktiven nun selbst mit Zwangsmethoden gegen solche ‚Disziplinlosigkeit’ und ‚mangelnde Arbeitsmoral’ vor. Nachdem die Akkordarbeit zu Beginn der Revolution abgeschafft worden war, wurde sie schnell wieder eingeführt. Ausgeklügelte Anreizsysteme sollten die Arbeiter_innen zu höherer Produktivität bewegen. Mit verschärften Kontrollen wurde gegen jene vorgegangen, die unbefugt der Arbeit fernblieben.

Zugleich wurde vielerorts dem technischen Personal unbeschränkte Weisungsbefugnis gegenüber den einfachen Arbeiter_innen erteilt, etwa was die Produktionsziele betraf. Die CNT vollzog also einen deutlichen Bruch mit ihren eigenen egalitären Ansprüchen – wobei dieser Bruch scheinbar in keiner Weise problematisiert, sondern vielmehr als in der Natur der Sache liegend gerechtfertigt wurde.

Dies zeigt etwa ein (von der CNT-Gewerkschaft der Seeleute stammendes) Zitat, dass die Vorrangstellung des technischen Personals wie folgt begründet: „Kann ein Ingenieur wie ein ungelernter Arbeiter angesehen werden? Der Ingenieur steht für kreatives Denken, und der ungelernte Arbeiter [ist] das Objekt dieses Denkens.“ Auch in der sozialen Revolution gebe es eben Ingenieure und Ungelernte [S. 192].

Dabei betont Seidman immer wieder, dass diese Entwicklung nicht nur den Zwängen und Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft geschuldet war. Die durch den Bürgerkrieg verursachten Schwierigkeiten (Blockaden, Zerstörungen durch Luftangriffe, Mangel an Devisen, Rohstoffen, Ersatzteilen, fehlende Absatzmärkte usw.) beschreibt Seidman zwar sehr ausführlich. Die Konflikte in den kollektivierten Betrieben sieht er allerdings anderswo begründet – nämlich im ‚produktivistischen’ Programm, das die CNT schon lange vor Beginn des Krieges vertreten hatte.

Henry Ford für Anarchisten

In ihrer wirtschaftlichen Zielsetzung unterschied sich die CNT kaum von z.B. den russischen Bolschewiki: Mit der Übernahme der Produktionsmittel sollte die Abschöpfung des Mehrwerts durch die ‚parasitäre’ bürgerliche Klasse beendet werden. Ansonsten sollten die Arbeiter_innen wie bisher weiterarbeiten – nur jetzt eben selbstbestimmt. Diego Abad de Santillán, ein wichtiger Aktivist und Theoretiker der CNT, drückte das so aus: „Das Heil liegt in der Arbeit und der Tag wird kommen, da die Arbeiter es wollen. Die Anarchisten, die einzige Strömung, die nicht versucht auf Kosten anderer zu leben, kämpft für diesen Tag“ [S. 83].

Die Produktion sollte im Wesentlichen unverändert weiterlaufen. Santillán dazu: „Es ist nicht nötig, die derzeitige technische Organisation der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören, sondern wir müssen sie nutzen. Die Revolution wird der Fabrik als Privateigentum ein Ende bereiten. Aber wenn die Fabrik bestehen und, unserer Meinung nach, verbessert werden muss, dann muss man wissen, wie sie funktioniert. Die Tatsache, dass sie gesellschaftliches Eigentum wird, ändert das Wesen der Produktion oder die Produktionsmethoden nicht“ [S. 82].

Die Fabrik sollte also nur ‚verbessert’, d.h. modernisiert und effizienter gestaltet werden. Als Modell schwebte den CNT-Aktiven dabei die vom amerikanischen Ingenieur Frederick W. Taylor um 1900 entwickelte ‚wissenschaftliche Betriebsführung’ und die standardisierte for­distische Massenproduktion vor.

Santillán: „Wir bevorzugen die Ford-Fabrik, in der es keine Spekulation mehr gibt, in der die Gesundheit der Belegschaft gewahrt ist und die Löhne steigen. Das Ergebnis ist besser als ein winziger Betrieb in Barcelona“ [S. 89].

Der Vergleich mit dem „winzigen Betrieb in Barcelona“ ist wichtig – die Begeisterung der CNT-Aktiven für die fordistische Fließbandproduktion erklärt sich vor allem aus den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, denen sie sich gegenüber sahen. Die spanische Industrie war derart rückständig und ineffizient, dass sie sich in der Weltwirtschaft nur dank der hohen Schutzzölle halten konnte. Soweit es moderne Betriebe gab, gehörten diese meist ausländischen Firmen. Das heimische Bürgertum dagegen hatte wenig Interesse an einer Modernisierung gleich welcher Art. So war die spanische Industrie in unzählige kleine und kleinste Unternehmen zersplittert, die Maschinerie veraltet, die Arbeit hart und die Löhne niedrig.

So verwundert es nicht, dass mit diesem Zustand verglichen den CNT-Aktiven die „Ford-Fabrik“ als fortschrittliches Gegenmodell erschien – ein rationales Mittel, um hochwertiger, schneller und müheloser zu produzieren und den Arbei­ter_innen zugleich höhere Löhne und bessere Versorgung mit Konsumgütern zu sichern.

Der Alptraum der Industriellen

Der Vergleich zu den Fabrikbesetzungen in Frankreich 1936, den Seidman im zweiten Teil seines Buches unternimmt, trägt sehr dazu bei, das Problem klarer zu machen, weil sich dort (anders als in Spanien) die fordistisch-tayloristische Produktionsweise bereits durchgesetzt hatte. [Abgesehen davon bietet dieser Teil eine präzise und materialreiche Untersuchung, aber wenig Anlass zu großen Kontroversen. Ich werde hier also auf diesen zweiten Abschnitt des Buches nur soweit eingehen, wie er zum besseren Verständnis des ersten beiträgt.]

Denn anders als die spanischen Anar­chist_innen meinten, war die fordistische Fabrik keineswegs nur ein neutrales Mittel, um besser und leichter zu produzieren, oder Ausdruck einer ‚reinen’ Eigenlogik der technischen Rationalität. Vielmehr drückte sich in ihrer ganzen Struktur ein spezifisches Klasseninteresse aus. Das fing schon bei der Architektur der Fabrikhallen an, die so angelegt waren, dass jede_r Arbeiter_in leicht überwacht werden konnte. Ausführlich beschreibt Seidman das Bemühen der französischen Unternehmen, wirksame Kontrollen für Stückzahlen und Qualität der produzierten Teile zu installieren. Dies geschah durch an den Maschinen angebrachte Zähler, aber auch durch die Vorarbeiter und Inspektoren, die dann wiederum in ihrer Überwachungsarbeit von Oberinspektoren überwacht werden mussten [S. 273ff].

Und nicht zuletzt war die Maschinerie selbst ein Mittel der Kontrolle, dass den Arbeitenden jede Bewegung und den Arbeitsrhythmus vorschrieb. Auch die ‚wissenschaftliche Betriebsführung’ F.W. Taylors zielte in eine ähnliche Richtung: Nicht nur das Werkzeug, sondern auch die Bewegungsabläufe der Arbeiter_innen sollten standardisiert und sämtliche überflüssigen Handgriffe ausgeschaltet werden.

Hier liegt der harte Kern von Seidmans Kritik*, die auch die spanischen Anar­chosyndikalist_innen trifft: Denn während die CNT in ihrer inneren Gewerkschaftsorganisation Hierarchien und Bürokratie immer zu vermeiden suchte, befürwortete sie zugleich in ihrem Wirtschaftspro­gramm eine Form der industriellen Produktion, die auf Bürokratie, zentrale Lenkung und Planung der Pro­duktionsprozesse zwingend angewiesen war – eine Form der Organisation, die darauf abzielte, jede unreg­lementierte Kooperation zwischen den Arbei­ter_innen zu unterbinden.

Aus dieser Grundsatzentscheidung für die ‚Ford-Fabrik’ ergaben sich dann entsprechende ‚Sachzwänge’, die für die CNT-Aktiven als nicht mehr verhandelbar erschienen, und ebenso entsprechende Widerstände seitens der Arbeiter_innen.

Es ist Seidmans großer Verdienst, dass er diesen alltäglichen Widerstand ins Blickfeld rückt, wie er die kapitalistische Arbeitswelt seit Anbeginn prägt. Die Formen der Verweigerung waren, wie Seidman schreibt, „diffus, undeutlich und sowohl individuell als auch kollektiv“. Die Arbei­ter_innen schlugen „keine Alternative vor zur Partei, zur Gewerkschaft oder zur privaten Kontrolle der Produktionsmittel.“ Dennoch dürfe ihre Verweigerung, so Seidman, „nicht als falsches oder mangelndes Bewusstsein abgetan werden.“ [S. 257]

Es wäre also vermutlich auch zu kurz gegriffen, die renitenten Arbeiter_innen nun zum ‚eigentlichen’ revolutionären Subjekt erheben zu wollen. Auch in Frankreich beschränkten sie sich auf das nahe­liegendste Ziel: sich der Arbeit so weit wie möglich zu entziehen. Sie kamen zu spät, gingen früher, dehnten ihre Pausen aus, stoppten eigenmächtig die Maschinen, verlangsamten den Arbeitstakt… Sie handelten nicht heroisch, sie wollten kein Programm umsetzen.

Das wirft auch Fragen für eine wie auch immer geartete ‚revolutionäre’ Organi­sierung auf. Um Kurzschlüsse zu vermeiden: Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel bleibt ein sinnvolles Ziel – solange diese sich in Privatbesitz befinden, wird sich der Arbeitszwang nicht beseitigen lassen. Und auch die anarchosyndi­kalistische Kritik an den hierarchischen Organisationsformen von Zentralge­werkschaften, Parteien usw. bleibt weiter­hin gültig.

Der Irrtum beginnt, wo man diese falschen Organisationsformen durch eine ‚richtige’ ersetzen will. Es gibt eben keine richtige Organisierung, die als solche schon revolutionär wäre. Es kann zweckmäßig sein, sich zu organisieren, aber der Zweck einer revolutionären Organisation besteht eben nicht in der Organisation als solcher. Es geht nicht darum, neue Mitglieder oder neue Einflussbereiche zu gewinnen (also die Praxis aus nicht-revolutionärer Zeit endlos in die Zukunft zu verlängern), sondern darum, neue gesellschaftliche Verhältnisse zwischen den Menschen zu schaffen – womit dann auch die Unterscheidung von ‚Aktiven’ und ‚Unorganisierten’ tendenziell bedeutungslos werden müsste. Denn welches Konzept einer herrschaftsfreien Gesellschaft mensch auch haben mag: Wenn die ‘Unorganisierten’ bei dessen praktischer Umsetzung nicht mitreden dürfen, ist es mit der Herrschaftsfreiheit nicht weit her. Und ob eine Fabrik nun Privat-, Staats- oder Kollektiveigentum ist, bleibt eine rein scholastische Unterscheidung, solange die Leute hier wie dort keinen Einfluss auf Zweck und Mittel der Produktion haben. In diesem Sinne wäre ‚Revolution’ nicht als Umsetzung einer Utopie (im Sinne eines vorher aufgestellten Programms) zu denken, sondern vielmehr als Beginn eines Verhandlungsprozesses, um die Verhältnisse den Bedürfnissen jedes und jeder Einzelnen entsprechend neu zu ordnen.

Seidmans Buch zeigt, an welchen Klippen die spanischen Anarchist_innen dabei gescheitert sind. Damit wirft es wichtige Fragen auf – es wäre Zeit, sich damit auseinander zu setzen.

justus

Michael Seidman, „Gegen die Arbeit – Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38“, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011

* während manche Leute offenbar meinen, Seidman hätte nur die CNT schlechtreden wollen – siehe z.B. die Kommentare unter wordpress.com/2011/11/05/gegen-die-arbeit-aufruf-zur-diskussion/

Ausgelesen

outside the box #3: „Gebären“

Zum dritten Mal erschien nunmehr die outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik, die seit ihrer ersten Ausgabe im November 2009 versucht, linke, feministische Kritik präsenter zu machen. Sie hat den Anspruch feministische Gesellschaftskritik aus den Fußnoten linker Werke in den Mittelpunkt des Gesprächs zu rücken und den entsprechenden Themen ein Forum zu bieten.

Nachdem sich die letzten beiden Nummern mit Emanzipation bzw. Form beschäftigten, geht es dieses Mal um ein Thema das wie kaum ein anderes mit Natürlichkeit und Fremdzuschreibungen verbunden ist: Gebären.

Während viele andere (queer-)feministische Magazine lockerflockig daher kommen, nicht schwer im Magen liegen und sich durchaus auf dem Klo schmökern lassen, würde die outside als Klolektüre Hämorriden begünstigen. Kürzere und leichtere Texte gibt es auch, die meisten längeren Texte haben es aber in sich und wollen sowohl gründlich als auch gern mehrfach gelesen werden. Die Unterscheidung längerer Theorietexte von eher praktisch orientierten Textformen schlägt sich auch im Layout nieder, die Differenz fällt schon beim Durchblättern der Ausgabe auf. Interviewteil, lebensnahe Texte und Theoriebeiträge haben verschiedene Schriftarten und -größen. Die outside the box kommt gut gepolstert daher: 103 Din-A4-Seiten, dazu noch eine Einlage in A3.

Quer durch das Heft schlängelt sich der Interviewteil, der mich von allen Beiträgen am meisten ansprach. In vier Blöcken tauschen sich vier Personen über die Gebärensaspekte „Geburt/Schmerz“, „Aufklärung/Natursehnsucht“, ein „solidarisches Umfeld“ und „Anforderungen an Mütter, Väter und Andere“ aus. Drei der Personen haben selbst Kinder geboren, die vierte möchte nie selbst Kinder gebären und scheiterte mit dem Versuch als dritte Bezugsperson für ein Kind von Freund_innen da zu sein. Aus vielfältigen Perspektiven sprechen die vier auch Themen an, die sich sonst weder in den üblichen Schwangerschaftsratgebern finden lassen, noch Eingang in gängige feministische Texte finden: z.B. das Gefühl, als Frau versagt zu haben, weil das Kind per Kaiserschnitt geboren wurde und nicht ganz „natürlich“. Die scheinbar undenkbare Situation, als Mutter direkt nach der Geburt nicht sofort vor Mutterliebe zu vergehen, sondern sich erst einmal an das neue Wesen gewöhnen zu müssen und paternalistisches Verhalten aus dem Freund_innenkreis sind nur ein paar der Themen, die bewusst machen, wie viel über Schwangerschaft noch nicht gesagt wurde. Ich hätte gerne noch viele, viele Seiten mehr von diesem nachdenklich machenden Gespräch gelesen. Leider reichte der Platz im Heft nicht aus, um noch mehr Interview abzudrucken, was die Herausgeberinnen mit einer Liste an Themen kommentieren, die sie gerne noch angesprochen hätten, wie beispielsweise Sexualität und Schwangerschaft und die Entfremdung vom eigenen Körper.

Das Verhältnis zum eigenen Körper ist in zwei biografischen Texten präsent, in denen die Autor_innen darüber sprechen, wie sie ihre Abtreibungen empfanden, wie behördliche Fristen, ihre Selbstbestimmung über den eigenen Körper einschränkten und mangelnde ärztliche Begleitung sie verletzte. In diesen Beiträgen wird ein Thema präsent, das bei den „Betroffenen“ oft die Sehnsucht nach Gedankenaustausch weckt, in dieser Gesellschaft jedoch tabuisiert ist, weshalb viele mit ihren Gefühlen auf sich allein gestellt waren.

Die Außensicht auf das Gebären (lassen) ist das Thema zweier von Vätern verfasster Texte. Beide berichten vom Aufeinanderprallen alternativer Lebens- und Erziehungsmodelle und normalisierender Außenwelt. Es wird thematisiert wie schnell sich Unzufriedenheit breit macht und die Beziehung ebenso wie den eigenen Alltag bedroht, wenn mensch den ganzen Tag nur von Lohnarbeit und/oder Kind umgeben ist und keine Zeit mehr für die eigenen Interessen und Bedürfnisse hat.

Ein dritter Text aus männlicher Perspektive behandelt das Unaussprechliche – „die männliche Angst“. Die Angst, die eintreten kann, wenn der_die Sex­part­ner_in schwanger geworden ist/sein könnte – und man selbst ab dem Zeitpunkt die Entscheidung, wie es weiter geht, allein der potentiell schwangeren Person überlassen und das Ergebnis akzeptieren muss. Dieser Beitrag ist ein Hybrid, inhaltlich eher theoretisch teilt er das Layout und den leicht verständlichen Inhalt mit den anderen „Praxistexten“.

Die theorielastigeren Beiträge unterscheiden sich inhaltlich stark von­einander, den größten gemeinsamen Nenner weisen vier Artikel auf, die sich allesamt mit historischen Persönlichkeiten bzw. Persönlichkeitsmythen beschäftigen, die stets in identitären Spannungsfeldern standen. Die mexikanische La Malinche, die deutsche Bettina von Arnim und der polnische Mythos der Matka Polka. Die vierte im Bunde ist Maria Theotokos, Maria die Gottesgebärende, deren bild­licher Inszenierung auf den Grund gegangen wird.

Schnell wird deutlich, dass „Gebären“ von vielen Autor_innen durchaus sehr weit gefasst wurde, nicht immer geht es um das Zur-Welt-Bringen von Kindern, auch die Schöpfung von Ideen und die Produktion nationaler Identität wird behandelt.

Nah am körperlichen Thema sind beis­pielsweise noch die Kulturgeschichte der Gebärmutter und der Beitrag über das Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch.

Wie es sich für eine linke, sich kritisch-antideutsch verortende Zeitschrift gehört gibt es natürlich auch Texte mit NS-Bezug: Es werden die Geburtenpolitik im Nationalsozialismus – und deren heutige Interpretation behandelt und das Modell der „neuen Frau“ reflektiert, das nach und nach nationalsozialistisch geprägt und schließlich bedeutungslos wurde.

Wesentlich abstrakter kommt z.B. ein Text mit dem Titel „‘Nicht ohne Sträuben.‘ Libido und Fortpflanzungsfunktionen“ daher, der das Problem der Zuweisung von Frauen zur Natur sowie Männer zur Kultur mit Psychoanalyse zu widerlegen versucht, dabei jedoch auf reichlich krude Theorien Freuds zurückgreift.

Das Thema des Hefts erweckt bei manchen Texten den Eindruck eines Alibis, wenn ein Bezug zum Themenkomplex „Gebären“ kaum noch zu erkennen ist und der entsprechende Text an eine Haus- oder Abschlussarbeit erinnert, die sich in die Ausgabe geschlichen hat.

Mitunter liegt die Vermutung nahe, der_die ein_e oder andere Autor_in versuchte durch verklausulierte Formulierungen, übermäßigen Fachwortegebrauch und unzählige Referenzen über inhaltliche Schwächen hinwegzutäuschen bzw. einen besonders kompetenten Eindruck zu erzeugen. Zwar ist Stil Geschmackssache, doch leider besteht bei elitärem Sprachgebrauch die Gefahr, einen Teil der Le­ser_inn­enschaft auszuschließen.

Leichter verdaulich ist die Photostrecke, in der verschiedene Marienbilder – ohne Kind – nachgestellt wurden und auch die liebevollen Illustrationen, die sich quer durch das Heft ziehen, sollen nicht verschwiegen werden. Schade, dass es dieses Mal keinen Comic gibt, dafür liegt der Ausgabe als Geschenk ein Din A3 großer Extrabogen bei, der vom Layout her zur zweiten outside the box passt und zwei Texte beinhaltet.

Genau in der Mitte des Magazins findet sich das Editorial, das mit seiner ungewöhnlichen Lage wohl das queerste Element in dieser Ausgabe ist. Auch wenn sich die Redaktion in Interviews teilweise queer verortete und für eine ganzheitliche Sichtweise auf feministische Themen eintreten möchte, empfinde ich in #3 queere Perspektiven als unterrepräsentiert.

Die einzige Position zu nicht-monogamen Beziehungsformen findet sich im Interviewteil, in einem der „Vätertexte“ wird das Thema queer kurz touchiert.

Nachdem im Jahr 2008 der schwangere Transmann Thomas Beatie die Presse in Aufruhr versetzte und im Erscheinungsjahr der neuen outside das Bundesverfassungsgericht die Zwangssterilisierung von Trans*personen als Voraussetzung für die Personenstandsänderung abschaffte, habe ich beim Thema „Gebären“ mehr erwartet.

Zugegeben, im call for papers, der der dritten outside voraus ging, wurde zumindest die Schwangerschaft von Trans*personen erwähnt – in die Texte hat das Thema jedoch keinen Eingang gefunden. Es gibt auch tatsächlich nur einen einzigen Beitrag (und das Editorial), in dem das Gender_Gap verwendet wird und damit einen Hinweis darauf, dass zumindest in einem Text nicht-binärgeschlechtlichen Identitäten mitgedacht wurden. Explizit genannt werden sie in keinem Beitrag. Wenn von schwangeren Personen die Rede ist, sind allein Cisfrauen (1) gemeint, den väterlichen Part übernehmen stets Männer. Es scheint, als sei die outside the box der Natürlichkeit auf den Leim gegangen, die sie doch mit dieser Ausgabe in Frage stellen wollte.

Alles in allem kann ich die outside the box sehr empfehlen, da sie mit ihrem Mix aus niederschwelligen und schwerer zugänglichen Texten für fast alle Leser_innen interessante Aspekte zu bieten hat. Für 4,50 Euro hat mensch eine Menge Lesestoff (103+2² Seiten) – und wer gar nicht damit warm werden kann hat immer noch ein schickes, frühlingsgrünes Mitbringsel aus Leipzig für die Bekannten im tristen Restdeutschland.

Website mit Bezugsmöglichkeiten: outside.blogsport.de

gundel

(1) „Cis“ ist das Pendant zu „trans*“ und meint Personen, bei denen das nach der Geburt zugewiesene Geschlecht mit dem gelebten und gefühlten Geschlecht übereinstimmt.

Rezension

Blonde Bestien und antideutsche Kinnhaken

Bereits im letzten Jahr erschien beim „Archiv der Jugendkulturen“ in Berlin der Sammelband „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“. Schon der Titel verweist auf den sehr breiten Ansatz und so handelt es sich bei dem Buch auch nicht um eine konkrete Studie zum benannten Phänomen, son­dern eher um einen Rundumschlag. Hier wird alles unter die Lupe genommen, von NPD-Wahlkampf-Comics der letzten Jahr­zehnte bis hin zu italienischer Kriegs­pro­­pa­gan­da der frühen 1940er Jahre, von „Super­man vs Hitler“-Strips zum bahnbrechenden „Maus“-Comic eines Art Spiegelmann. Hier wird die Reproduktion rassistischer Klischees in Mainstream-Comics wie „Tim und Struppi“ ebenso betrachtet wie die Schattenwelten antilinker Hasscomics in Skinhead-Fanzines oder die hier­zu­lande eher unbekannten Ab­gründe zum Beispiel der aktuellen anti­zi­ga­nis­tischen Hetze per Comic in Ungarn. Selbst Neben­schau­plätze der „Nazi­sploitation“ und die fragwürdige Darstellung von NS-Täterinnen in der Sparte der erotischen Comics finden Beachtung. Alles in allem, das lässt sich so vorwegnehmen, bietet der Sammelband einen reichen Fundus sowohl an ressentimentgeladenen Bildwelten als auch ihrer gezeichneten Kritik und bietet allein aufgrund der Fülle an Material einen bislang einzigartigen Zugang zu dem Themenspektrum. Zugrunde lag dem Werk eine Tagung, die im Vorjahr stattgefunden hatte. Neben den genannten Ansätzen spielte hier die Frage nach der Rolle von NS- und Holocaust-Comics im Schulunterricht eine zentrale Rolle, die auch im Buch breite Beachtung findet.

„Wir zeigen euch, wer hier die Fremden sind! Feuer!“ – Die Comic-Adaption der deutschen Science-Fiction-Schmonzette „Perry Rhodan“ aus den 1960er Jahren ist nur ein Beispiel von vielen dafür, wie faschistoide Züge, rassistische Stereotype und antisemitistische Weltbilder in einer ganzen Reihe von populären Comics vertreten sind – Comics, die einem breiten Pub­likum zugänglich waren und sind und weitestgehend als völlig unbedenklich angesehen werden. Ob es nun der zitierte futuristische Held Perry Rhodan ist, der hier mal wieder im Dienste der Zivilisation die Ver­nichtung einer gesamten außerirdischen Kultur anordnet oder sein US-amerikanisches Vorbild Flash Gordon, spielt kaum eine Rolle. Viele der Abenteuer, gerade auch jene aus dem Superhelden- und Science-Fiction-Milieu, lassen in Wort und Bild keinen Zweifel daran, mit welchen ideologischen Grundlagen sie hantieren.

Das ist aber natürlich längst kein Geheimnis mehr, eben­so­wenig wie im Fall der vom Kolonialherrenblick durchdrungenen „Tim und Struppi“-Alben, bei denen selbst der Autor und Zeichner Hergé zugegeben hat, zeitgenössische rassistische Klischees und Vorurteile doch sehr unhinterfragt wie­der­gegeben zu haben. Und über die Comicszene hinaus bekannt ist auch der re­vanchistische Geist von „Fix und Foxi“-Schöpfer Rolf Kauka. Dieser besorgte seinerzeit die „Asterix“-Erstver­öffentlichung in Deutschland mit seinen eigenen Abwandlungen: So deutet er das gallische Heldenduo zu den grimmigen Germanen Siggi und Babarras um, welche die Trutzburg Bonnhalla gegen anrennende Völkerstürme verteidigen und sich am leidigen Schuldkomplex (ja, es ist der Hinkelstein…) abarbeiten müssen. Dass viele Autoren und Zeichner bei aller Fan­tasie aus ihren eigenen beklemmenden Welt­bildern nicht herauskamen und -kommen, systematisiert und veranschaulicht der Herausgeber des Sammelbandes, Ralf Palandt, schon in der ausführlichen Einleitung des opulenten Werkes.

Natürlich kommt der Befund nicht überraschend: Denn wenn es Antisemitismus, Rassismus und andere Ideologien der Un­gleichwertigkeit in der „gesellschaftlichen Mitte“ gibt, warum sollten dann gerade Comics verschont davon sein? Tatsächlich herrscht aber Palandt zufolge in Deutschland die Lehrmeinung vor, es gebe gar keine Comics von rechts. Das wäre ja „undeutsch“. Das erklären dann aber Vorwort und einige der Beiträge anhand zahlreicher Bei­spiele zum offenkundigen Nonsens und widerlegen auch den Mythos, Comics habe es vor 1945 in Deutschland nicht gegeben. Keinesfalls war die Verbreitung von Comics im NS verboten: So gab es vor dem Krieg nicht nur US-Publikationen zu kaufen, sondern entstanden mit Reihen wie „Mucki’s lustige Streiche“ auch Sprech­bla­sen­ge­schichten aus deutscher Feder. Und Comics von extrem rechts sind in der BRD seit den 1980ern zu finden, auch jenseits der Nazi-Skin-Fanzines. Man ver­zichtet halt nur oft auf die englische Be­zeichnung und greift zur „Bildge­schichte“. So goss der Nationaldemo­kra­tische Hochschulbund Ende 1979 in einer Publi­ka­tion den Mauertod eines linken Journalisten in Comicform – nicht ohne den Hin­weis, dass mit Wilhelm Busch angeblich der erste Comic-Zeichner ein Deutscher war. Bundesweite Öffentlichkeit erlangten rechte Comics mit dem illustrierten Beileger der NPD-Schulhof-CD (2005) und dem NPD-Wahl­kampf­comic „Enten gegen Hühner“ (2009). In letzterem wird der rechtschaffende Schnabeltier-Staat vom artfremden, gackernden Federvieh heimgesucht. Und der FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache ruft im Nach­barland als blassblauer Superheld in Strumpfhosen einen Jungen mit Zwille zur xenophoben Gewalt auf.

Bil­dergeschichten, so viel wird klar, eignen sich bestens zum Transport simpler Welt­bilder. Sie haben aber auch Potenzial zur Kritik, wie der Autor Ole Frahm argumentiert. In seiner kürzlich erschienen Comic-Theorie „Die Sprache der Comics“ geht er von der Grundthese aus, dass Comics im vergangenen Jahrhundert „eine parodistische Ästhetik“ etablierten, welche „die rassistischen, sexistischen und klassenbedingten Stereotypien reproduziert und zugleich aufgrund ihrer immanent erkenntniskritischen Anlage reflektiert“. Wenn immer wieder auch antisemitische Stereotype durch sogenannte Funnys und Fantastisches geistern – wie etwa Frahm im Sammelband schildert –, so können sie diese eben auch explizit aufs Korn nehmen.

Dabei zeigen sich ausgesprochen pädagogische Werke von staatlichen Institutionen nicht selten als peinlich-naiv wie „Ha­ni­sau­land“ der Bundeszentrale für Politische Bildung, wo „Hass-Hasen“ mit Möhrenklau die Demokratie untergraben. Oder eben unter nur spärlich verschleierter ideologischer Brille gezeichnet wie die „Andi“-Reihe, die vom nordrhein-westfälischen Innenministerium in Auftrag gegeben wurde und seither in diversen linken Kreisen als illustrierte Version der Extremismustheorie gilt.

„Andi“ dominiert dann auch das schmale Kapitel über Antirechts-Comics im Buch. So kommt der Erfinder des „Bildungs­comic für Demokratie und gegen Extremismus“ Thomas Grumke zu Wort. Der Referent in der Abteilung Verfassungsschutz im NRW-Innenministerium preist die „subversive Verunsicherung“ der Reihe, die als eine Art „Inspektor-Colombo-Pädagogik“ „extremistische“ Weltanschauungen hinterfragen soll. Warum das im Falle Andi auf so langweilige Weise geschieht, erklärt Grumke nicht. Immerhin scheint Herausgeber Ralf Palandt der Comic so sauer aufzustoßen, dass er ihn im Vorwort ausführlich kritisiert. Es wird zudem empfohlen, „Andi“ bes­tenfalls zusammen mit dem „Mandi“-Comic pädagogisch zu verwenden, einem Anti-“Andi“ von der Mar­burger Antifa-Gruppe 5

Interessanter und wohl auch in Sachen Information erfolgversprechender als staatlich bestellte Bildgeschichten sind jene – zum Teil gegen den Mainstrich gebürstete –, die in anderen Beiträgen diskutiert werden. Dabei tritt ein ganzes Genre von Holocaust-Comics zu Tage, die hierzulande zu Unrecht im Schatten der gefeierten „Maus“-Geschichte von Art Spiegelmann stehen. So ist zu erfahren, dass die erste die Deportationen thematisierende Tierfabel („Die Bestie ist tot“) bereits 1944 zu Zeiten der Résistance in Frankreich erschien, in der Hitler als braune Bestie bildlich zum Leitwolf des deutschen mörderischen Rudels wird. Hellsichtig und im Struw­wel­petergewand attackierte die britische Hitler-Satire „Trüffel­esser“ schon 1933 den militanten Antisemitismus. Im Mi­ni­heft „Micky in Gurs“ wird der Mäuseprotagonist mit dem KZ-Grauen konfrontiert. Der Zeichner Horst Rosen­thal hielt 1942 im Internierungslager Gurs/Frankreich die Ver­hör- und De­mü­ti­gungs­praxis fest – kurz nach dessen Fertigstellung wurde er in Auschwitz ermordet.

Solche historischen Wertstücke einem breiteren Publikum vorzustellen macht den Sammelband allein schon zu einer lohnenden Lek­türe. Diese wird durch die Diskussion zeitgenössischer Comics und ihren Um­gang mit Shoah und Nationalsozialismus noch ergänzt, die auch das Risiko von Verklärung und Vereinfachung mit­einbeziehen. Demnach können sich Comics als Medien mit niedrig­schwelligem Zugang auszeichnen, denen im Mix aus Text und Bild eine differenziertere Erinnerungskultur gelingt als manch ritualisiertes Gedenken. Im Comic-Albumformat gedruckt, kommt im Band auch das Grafische gut zur Geltung. Denn mit den Unmengen an Bildmaterial ist er eine beispiellose Materialsammlung, die obendrein mit dem Komplettabdruck von Bernie Kriegsteins weitgehend unbekannt gebliebenem „Master Race“ (1955) aufwartet – einer dichten, virtuos erzählten Short Story über die NS-Vernichtungspolitik. Beim Durchstöbern dieses Fundus stößt man aber immer wieder auch auf komische Momente, die bei allem Ernst des Sujets eben zum Charakter des Comics gehören. So wie in einem Superman-Strip: Der Hüne packt Hitler am Schlafittchen und droht: »Ich würd’ dir liebend gern einen absolut nicht-arischen Kinnhaken verpassen«.

Bei aller Lobpreisung des Bandes sollen aber auch kritische Anmerkungen nicht unterlassen werden. Ein Problem stellt sich bei der Lektüre nämlich nicht trotz sondern wegen der Materialfülle und dem bewussten Verzicht auf Einschränkungen des Themas. Die Tour de Force durch das ganze Comic­uni­­ver­sum erscheint so mitunter un­ko­or­di­niert und zerfahren. Da wird mal chronologisch vorgegangen, dann wieder gar nicht; hier werden didaktische Fragen aufgeworfen, da ästhetische, dann diskutiert ein kurzer Absatz Aspekte der Zensur an, und schon fährt die Achterbahn weiter zur nächsten Fragestellung. Gerade die Einleitung erfüllt hier ihren Zweck nicht optimal, sie verwirrt mehr als zu klären und kann so gerade auf die im Comicgenre etwas unbedarften Leser_innen überfordernd und abschreckend wirken. Wer sich dieser Herausforderung jedoch stellt, wird eine Menge entdecken und erfahren.

waldschratt/teckla

Ralf Palandt (Hrsg.): »Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics«, Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2011, 450 S., 36 €

Ausgelesen

Verschlafen intervenieren

Jan Ole Arps: „Frühschicht – Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren“

Es scheint ewig her zu sein, dass sich die deutsche Linke mal für´s Proletariat interessierte, aber „was heute kaum vorstellbar klingt, war Anfang der 1970er Jahre weit verbreitet (…) Einige Tausend junge Linke tauschten den Seminarstuhl gegen die Werkbank ein, um sich mit den Arbeitern am Fließband zu vereinen.“ Nach dem Abflauen der 68er-Revolte schien der Gang „vom Seminar in die Fabrik“ neue Perspektiven für die studentische Linke zu eröffnen.

In seinem Buch „Frühschicht“ will Jan Ole Arps die Geschichte dieser Fabrikinter­ventionen der 70er Jahre nachzeichnen. Bei seiner Rekonstruktionsarbeit stützt er sich nicht nur auf Dokumente aus dieser Zeit, sondern vor allem auf Interviews mit ehemaligen Aktiven. Die Auswahl der Interviewpartner_innen engt allerdings auch den Fokus der Untersuchung beträchtlich ein – Arps legt sich damit von vornherein auf die Perspektive der studentischen Linken fest. Eine weitere Einschränkung macht Arps, indem er sich einerseits auf die marxistisch-leninistischen K-Gruppen, andererseits auf jene sponta­neistisch-antiautoritären Gruppen fokussiert, die sich um die Zeitung „Wir wollen alles“ sammelten, wie z.B. der Frankfurter Revolutionäre Kampf, die Hamburger Proletarische Front und die Arbeitersache aus München.

Arps rückt bewusst genau diese beiden Fraktionen in den Fo­kus, weil K-Grup­pen und Spon­tis (bei aller ober­fläch­lichen Ähnlichkeit in der Praxis der Fabrikinter­vention) recht gegensätzlichen Konzepten folgten: So ging es den K-Gruppen vor allem um den Aufbau einer straff organisierten „Arbeiterpartei“ nach lenin­schem Modell – ihre Praxis beschränkte sich folglich vor allem auf klassische Agitation. Dagegen be­zogen die „Wir-wollen-alles“-Gruppen sich auf das operaistische Konzept der Klassen­autono­mie, wie es in den 60er Jahren von der italienischen Linken entwickelt worden war: Durch den Gang in die Fabrik wollte mensch sich zunächst mal selbst Klarheit über die dortigen Verhältnisse schaffen, um im zweiten Schritt in bestehende Konflikte einzugreifen, diese zuzuspitzen und so die Arbei­ter_in­nen zu selbständigen Aktionen anzuregen.

Bei aller Gegensätzlichkeit war es aber für die ML- und Sponti-Aktivist_innen eine gleich große Herausforderung, sich in den maschinellen Arbeitsrhythmus der Fabrik einzufügen. Die im Buch immer wieder eingestreuten O-Töne tragen viel dazu bei, die individuellen Erfahrungen anschaulich zu machen: die Eindrücke beim ersten Betreten der Fabrik, das Verhältnis zu den Kolleg_innen, Gefühle der Frustration ebenso wie die Formen alltäglicher Renitenz innerhalb der Arbeiterschaft.

Sehr anschaulich beschreibt Arps auch die Absurditäten, die die Mitgliedschaft in einer K-Gruppe unvermeidlich mit sich brachte: die Versuche der Aktivist_innen, sich einen „authentisch-proletarischen“ Habitus anzueignen und das aussichtslose Bestreben, die tägliche Praxis mit der vorgegebenen Parteilinie in Einklang zu bringen. Das hat man zwar schon öfter und anders­wo gelesen, trotzdem wirkt diese Selbst­­ver­leug­nung im Diens­te ei­nes völlig welt­frem­den Pro­gramms aus jetziger Perspektive immer noch befremdlich. Die Abneigung, die ein Großteil der deutschen Linken heute gegen „das Proletariat“ hegt, dürfte genau hier ihre Wurzeln haben.

Die Sponti-Gruppen, wie der Frankfurter Revolutionäre Kampf (das einstige Umfeld von Joschka Fischer), waren weniger dogmatisch. Frustrationen blieben aber auch hier nicht aus – der Fabrikalltag bot eben kein Aben­teuer, son­dern die meiste Zeit nur öde Routine. Und wo es zu größeren Aktionen kam, ging die Initiative dazu meist nicht von den Sponti-Aktiven aus. Im Opel-Werk Rüs­selsheim (wo die Frankfurter Spontis ar­beiteten) waren es eher die linksradikalen italienischen Kolleg_innen, die die Militanz in der Belegschaft förderten. Aber auch die un­­organisierten türkischen „Gastarbeiter“ spiel­ten eine große Rolle bei den Ar­beits­kämpfen, etwa bei dem wilden Streik, der im August 1973 bei Ford in Köln begann. Ein Teil des Werks wurde mehrere Tage be­setzt gehalten. Die Arbeitsniederlegung wur­de schließlich durch Streikbrecher (bzw. Zivilpolizisten und bezahlte Schläger) gewaltsam beendet.

Der Versuch, solche Konflikte „zuzuspitzen“, endete für die Aktivist_innen oft genug mit ihrer Entlassung. Während die K-Gruppen aber dank straffer Parteidisziplin eisern bei der Sache blieben, war das Ausscheiden aus dem Betrieb für viele Spontis ein willkommener Anlass, dem „beschränkten Terrain der Fabrik“ den Rücken zuzukehren. Auch diese schrittweise Abkehr zeichnet Arps nach. Viele Spontis wandten sich anderen Konfliktfeldern zu, die mehr Action und rasche Erfolgserlebnisse versprachen. Dem emanzipatorischen Gehalt der jeweiligen Auseinandersetzungen kam das nicht immer zugute: So versackten z.B. die Frankfurter Häuserkämpfe (die 1970 durch Mietstreiks und Besetzungen von „Gastarbeitern“ initiiert worden waren) unter dem Einfluss des Revolutionären Kampfs schnell in quasi-militärischen Scharmützeln von Polizei und hochgerüsteten Aktivisten. Wie die Geschichte weitergeht, sollte bekannt sein: Joschka Fischer und eine Reihe anderer RK-Akti­vist_innen beendeten ihre „revolutionäre“ Phase und begannen eine parlamentarische Karriere bei den Grünen. Andere Aktive zogen sich immer mehr in die Nischen der eigenen Subkultur oder der „Al­ternativökonomie“ zurück. Nur die verbliebenen K-Gruppen mach­ten trotz schwindender Mitgliederzahlen und staatlicher Repression weiter wie zuvor, bis sie nach 1989 in wohlverdienter Bedeu­tungs­losigkeit versanken.

Ansonsten gerieten die Fabrik und die Arbeitswelt insgesamt als zentraler Ort gesellschaftlicher Ausbeutungsverhältnisse zunehmend aus dem Fokus der Linken. Die Initiativen, die sich in den 80er Jahren noch mit diesem Feld befassten (Erwerbslosen- und Wildcat-Gruppen) werden von Arps rasch und relativ oberflächlich abgehandelt.

An dem Punkt, wo er den Bereich der historischen Beschreibung verlässt und die Frage aufwirft, was sich aus den damaligen Erfahrungen für heute lernen ließe, kommt Arps dann allerdings völlig ins Schwimmen.

Sein Fazit ist relativ klar: Das „Fabrik-Experiment“ sei insgesamt fehlgeschlagen, „gute Beispiele für heutige politische Initiativen“ seien hier nicht zu finden (S. 211). Soweit es die K-Gruppen betrifft, ist das sicher richtig. In ihrer Allgemeinheit ist die Aussage aber auch eini­germaßen banal: Revolution ist nun mal ein riskantes Unternehmen mit dem Ziel, et­was grundlegend Neues zu schaffen – dafür kann es eben kein Patentrezept geben. Und was die antiautoritäre Linke an­be­langt, so wären die Gründe des Fehlschlags zumin­dest näher zu überprüfen.

Das tut Arps nur bedingt: Indem er sich darauf beschränkt, die Einschätzungen der Ak­tivist_innen wiederzugeben, übernimmt er unbemerkt auch viele ihrer Fehl­ein­schätzungen. Eine kritische Ausein­ander­setzung mit dem italienischen Ope­raismus fehlt z.B. völlig, obwohl dieser doch der wichtigste theoretische Bezugspunkt für die „Wir-wollen-alles“-Gruppen war. Dabei übernahmen die deutschen Linksradikalen einerseits bestimmte Rezepte, die zwar im italienischen Kontext gut und richtig waren, aber sich eben nicht um­standslos auf die bundesrepu­blika­ni­schen Verhältnisse übertragen ließen. An­de­rer­seits übernahmen die Spontis dabei auch das, was schon im italienischen Kon­text falsch war: Schließ­­lich fielen gerade die ope­ra­istischen Grup­­pen, die den größten Einfluss auf die deutsche Linke hat­ten (Lotta Con­­tinua und Po­tere Ope­­raio), bald in alte Fehler zurück, be­jubelten den be­waff­neten Kampf oder übten sich im Aufbau von Avantgarde-Parteien. Ei­ne genau­ere Aufarbeitung dieses Verhältnisses der deut­­schen zur italienischen Linken leistet Arps leider nicht.

Auch, wo er sich mit den heutigen Arbeitsverhältnissen befasst, ist seine Analyse eher schwach. So übernimmt er im Großen und Ganzen die gängigen Formeln von „Post­for­dis­mus“ und „Dienstleistungsgesellschaft“. Entsprechend fällt auch sein Fazit aus: „Die Fabrik ist nicht mehr die prägende Institution, sie ist eine unter vielen“ – sie könne also auch nicht mehr der zentrale Ort des gesellschaftlichen Antagonismus´ sein. Das stimmt insofern, dass die Fabriken hierzulande heute anders aussehen als vor 30 Jahren. Das heißt aber nicht, dass die Industrie ihre strukturelle Bedeutung für die kapitalistische Wert­schöpfung ver­loren hätte. Diese lässt sich nicht allein aus der Statistik ablesen, wie Arps es ver­­sucht, wenn er darauf verweist, dass heu­­­te 65% der deut­­schen Er­werbs­tätigen in Bereichen arbeiten, „die man dem Dienst­­­leis­tung­­ssektor zu­or­d­net“. So sind die „selbständigen Programmierer“ (die Arps als Beispiel nennt) in weiten Teilen noch im­mer mit Zuarbeit für die Industrie beschäftigt – die IT-Branche macht den Großteil ihrer Gewinne mit Software zur Steuerung von Produktionsvorgängen! In ähnlicher Weise wurden viele Bereiche der Produktion ausgelagert und tauchen nun in der Statistik in der Rubrik „Dienstleistung“ auf. Diese Kategorie verschleiert also mehr, als sie etwas über die realen Veränderungen aussagt. Die Rede von der Dienstleistungsgesellschaft ist, soweit es um Deutschland bzw. Westeuropa geht, zumindest zweifelhaft – im globalen Maßstab ist sie definitiv falsch.

Aber den Anspruch, ein unumstößliches Stan­dardwerk zu schaffen, hatte Arps sicher selber nicht. Diese Einwände sollten also niemand von der Lektüre abhalten. Das Buch ist informativ, gut lesbar geschrieben, und bietet einen guten (wenn auch keineswegs vollständigen) Überblick über die Praxis der Fabrikintervention und die Debatten der 70er Jahre. Schon dafür kann man Arps dankbar sein, schließlich beleuchtet er einen Teil linksradikaler Bewegungsgeschichte, der im heutigen Rückblick gerne ignoriert wird. Und letztlich geht es ja nicht nur darum, die Geschichte aufzuarbeiten, sondern auch darum, sie fortzuführen.

justus

Jan Ole Arps, „Frühschicht – Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren“, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2011, 238 Seiten

Ausgelesen

Über die Notwendigkeit der Überwindung des Extremismus-Modells

„Es gilt, Extremismus in jedweder Form zu bekämpfen.“ Dies Mantra ist aus den letzten Jahren hinlänglich bekannt. Es ist zu einem festen Bestandteil der (partei-)politischen Rede geworden. Es wird in Medienberichten ebenso wie in Kommentaren, Leser_innenbriefen und Foren wiedergekäut. Und es stört. Auch das wurde schon vielfach geäußert und in zahlreichen Debatten ausgetragen. Die „Extremismus-Debatte“ hat quasi Hochkonjunktur. Am häufigsten wird sich von Gegnern der „E“-Formel dabei an der Gleichsetzung von „Rechts“ und „Links“ gestoßen und vor der Gefahr gewarnt, derart die rechte Seite zu verharmlosen. Mitunter schließt sich dem die Kritik an, dass mit dem „E“-Modell solche menschenfeindlichen Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, die nicht nur am „rechten Rand“ auftauchen, nicht erfasst und damit vernachlässigt werden. Seltener werden die zentrale Idee des „Extremismus“, seine theoretische Basis und das zugrundeliegende Gesellschaftsmodell angezweifelt. Zu fest verhaftet scheint dafür der „E“-Begriff in unserem Sprachgebrauch, zu überzeugend und unanfechtbar das Bild der guten, heiligen, goldenen, gesunden Mitte, die vor extremen Auswüchsen bewahrt werden muss. Dabei liegen gerade hier die spannenden und, auf die politische Praxis bezogen, enorm dringlichen Fragen verborgen. Denn das „E“-Modell ist in den letzten Jahren weit in die Handlungsräume zivilgesellschaftlicher Initiativen und Vereine vorgedrungen. Die „Extremismusklausel“ (siehe FA! 39 und 41) ist das beste Beispiel dafür, aber auch andere, vom Bund unabhängige Stiftungs- und Fördermittelrichtlinien sprechen eine ähnliche Sprache. Das „E“-Modell wird hier zum Leitbild. Dabei gibt es nicht nur Handlungsrichtungen und -bedingungen vor (wenn gegen Rechts-“E“, dann auch gegen Links-“E“ und Ausländer-“E“), es bestimmt auch, wer überhaupt agieren darf (alles nicht-“E“).

Ordnung. Macht. Extremismus

Diese Wirkmächtigkeit und Funktionalität des „E“-Modells sind Untersuchungsgegenstand des im Juli erschienenen Sammelbands Ordnung. Macht. Extremismus. Herausgegeben wurde das Buch vom Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (1), zugrunde liegt eine im November 2009 stattgefundene Tagung in Leipzig. Diese folgte laut Tagungsbericht drei Fragestellungen: „Erstens, derjenigen nach Genealogie, Begründungslogik und Attraktivität des an die Totalitarismustheorie anknüpfenden „E“-Begriffs, der insbesondere von Eckhard Jesse und Uwe Backes als Ordnungsmarker für das politische Spektrum vorgetragen wird, zweit­ens der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem „E“-Modell und der Frage nach konzeptionellen Alternativen und drittens, der Rolle des Modells in Praktiken und Programmen, sowie konkreten Anstrengungen, Handlungskonzepte für den Umgang mit Neonazismus, Alltagsrassismus etc. ohne Rückgriff auf die „E“-Formel zu entwickeln. (…) Die allesamt kritischen Tagungsbeiträge näherten sich der „E“-Formel mit dem Verdacht, einem petitio principii aufzusitzen: Die E-Formel is begging the question, sie setzt als Axiom voraus, was sie behauptet, offen zu legen: Die Aufteilung von Gesellschaft in Mitte und extreme Ränder.“ (2) Ein großer Teil dieser Beiträge wird nun auf nahezu 400 Seiten in 16 Texten wiedergegeben. Aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Perspektiven und mittels diverser Methoden werden das „E“-Modell, seine Grundlagen und Begrifflichkeiten in all ihren Dimensionen, normativ wie deskriptiv, beleuchtet und hinterfragt. In drei Teilen, Kritiken, Praktiken und Alternativen stellt sich dem_r Leser_in eine breit aufgefächerte kritische Abrechnung mit dem „E“ dar. Die Artikel folgen dabei keinem einheitlichen Weg, Hintergründe und Ausrich­tungen variieren und sie bauen nicht aufeinander auf. Gemeinsamer Nenner ist die tiefe Skepsis dem „E“-Modell gegenüber. Es scheint ihnen allen darum zu gehen, diese Skepsis zu begründen, Probleme in Theorie und Praxis nachzuweisen und gleichzeitig nach Auswegen und Möglichkeiten zu suchen, das „E“-Modell zu überwinden.

Ausgangspunkte

Bei aller Vielfältigkeit der kritischen Ansätze, die in den Texten aufgeworfen werden, treten einige Aspekte in den Argumentationen wiederholt hervor.

So wird mehrfach auf die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des „E“-Modells eingegangen. Dies geschieht beispiels­wei­se diskurstheoretisch im ersten Teil des Buches, wobei aufgezeigt wird, wie der Begriff des „E“ in den 1970er Jahren Eingang in die deutsche Behördensprache fand und sich als Normativ zur Konstruktion und Beschreibung von Feindbildern in Verfassungsschutzberichten und im innenpolitischen Diskurs etablierte. (3) Zudem wird hier, wie auch an anderen Stellen des Buches, erläutert, wie der Begriff und das zugrundeliegende Gesell­schafts­modell in den Sozialwissenschaften behandelt und diskutiert wurden und werden. Deutlich wird hierbei, dass die „E“-Theorie außerhalb eines kleinen Flügels der deutschen Sozialwissenschaft, vor­nehm­­lich vertreten durch Uwe Backes und Eckhard Jesse, kaum Anerkennung, geschweige denn Anwendung in der Forschung findet. Anhand dieser durchaus ambivalenten Entwicklungsgeschichte versuchen die Autor_innen aufzudecken, wie sich die Wirkmächtigkeit und Allgemeingültigkeit des „E“-Modells hierzulande dennoch so konkurrenzlos durchsetzen konnte.

Einige Autor­­­­_innen fokussieren in diesem Zusammenhang auch den Part des „E“-Modells, der im öffentlichen Diskurs meist unhinterfragt bleibt: die „Mitte“, dieses vage Etwas, zu dem alle dazugehören wollen. (4) Der Idee dieser „Mitte“ scheint eine enorme Überzeugungskraft innezuwohnen, wobei es nahezu absurd erscheint, wie variabel und undifferenziert die Definition dieser allmächtigen „Mitte“ meist erfolgt. In einem Vergleich mit Großbritannien wird deutlich gemacht, wie hegemoniale Diskurse um nationale Identität die Ausgrenzung politischer Gegner_innen bestimmen und wie unterschiedlich diese Grenzziehung verlaufen kann. So wird diese, zusammengespitzt formuliert, in Großbritannien zwischen einer pluralistischen „community of british­ness“ und „extremistischen“ Rassist_innen vorgenommen, während die bundesdeutsche Grenzziehung zwischen „extremistischen Anti­de­mo­krat_innen und guten Demo­krat_in­nen“ verläuft. (5) Was also als unproblematische Mitte und was als problematisch erscheint, wird demzufolge mitnichten vom „E“-Begriff vorgegeben und determiniert. Es sind vielmehr die vorherrschenden Vorstellungen einer guten Gesellschaft, die dies bestimmen, und die daher bei der Suche nach Alternativen zum „E“-Modell hinterfragt werden müssen.

Das Verhältnis von „E“ und „Mitte“,“E“ und Demokratie spielt auch aus gesell­schafts­theoretischer Metaperspektive eine Rolle. Wie der Titel des Bandes „Ordnung. Macht. Extremismus.“ bereits andeutet, beschäftigen sich viele Fragestellungen mit den Zusammenhängen dieser Elemente und der Untersuchung der Kausalität dieses Verhältnisses. Dabei wird unter anderem auch die Herausforderung für die eigene Kritik am „E“-Modell deutlich: „Die Kritik des Extremismuskonzepts unter den bestehenden Verhältnissen muss sich dessen bewusst sein, dass das Konzept des Extremismus nicht nur wissenschaftliche Begleitmusik zu staatlicher Repressions- und Herrschaftspraxis ist, sondern vielmehr selbst Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen und der Verdinglichung des Politischen.“ (6)

Suche nach Alternativen

Ein anderes, vielleicht das am häufigsten wiederkehrende Thema im Buch widmet sich dem konkreten Sprachgebrauch und der Nutzung des „E“-Begriffs sowohl in der Alltags- als auch in der Wissenschaftssprache. Während die Vermeidung des reinen „E“-Begriffs leicht fällt, stellen sich in Bezug auf den Begriff „Rechtsextremismus“ vielerlei Probleme ein. Nicht zuletzt trägt das herausgebende Forum den Begriff selbst im Namen. In dem Buch werden hierzu verschiedene Begriffsalterna­tiven diskutiert. „Extreme Rechte“ (7), „Neonazismus“ (8), „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (nach Heitmeyer) sind einige Beispiele. Die Problemstellung bei der Suche nach Begriffsalternativen ist jedoch eine größere, mit der sich nicht nur Sozialwissenschaftler_innen, wie sie in dem Band vertreten sind, auseinandersetzen müssen. Eine begriffliche Alternative muss zahlreiche Anforderungen erfüllen und auch in der politischen Praxis durch­setzungs­fähig und greifbar sein. Sie sollte inhaltlich präzise und nicht mehrdeutig sein. Sie muss zur Skandalisierung eines Problems herhalten können, ohne dabei, wie im Falle des „E“ das zu problematisierende Phänomen als etwas Außen­stehen­des zu definieren. „Es reicht also nicht aus, das Hufeisen der Extremismuskonzeption à la Jesse und Backes gerade zu biegen, die Kriterien zur Identifizierung und Markierung der politischen Ränder aufzuweichen (…) oder das politische Kontinuum um weitere Dimensionen zu ergänzen. Stattdessen erscheint es für eine veränderte Problematisierungsweise hilfreich, sprachliche Elemente aus einer simplifizierten Links-Mitte-Rechts-Topographie des politischen Raumes grundsätzlich zu vermeiden, um den durch das Extremismus-Verständnis vorgeprägten Denk- und Hand­lungs­raum nachhaltig zu verlassen.“ (9)

Mit diesen Aspekten sind nur einige der Themen angerissen, die in dem Sammelband behandelt und diskutiert werden. Gewiss sind nicht alle hier formulierten Ansätze der Kritik am „E“-Modell neu, viele Leser_innen, insbesondere Ken­ner_innen der Materie werden auf Parallelen zur Totalitar­is­mus­­de­batte verweisen und grund­sätz­lich neue Theo­rie­­ver­su­che ver­mis­­sen. Dies scheint aber auch gar nicht der An­­spruch des Buches oder der zu­grun­de­lie­gen­den Ta­gung gewesen zu sein. Viel­mehr ging es offenbar darum, zu sichten, was aus all den kritischen Ansätzen her­aus­zuholen ist, wo die Lücken liegen, wo Dis­sens und wo längst Konsens besteht. Damit bietet der Band der/dem Leser_in einen ausgezeichneten, breit angelegten Ausgangspunkt für die weiterführende Diskussion und die Suche nach Alternativen und Problemlösungen und formuliert auch deren Notwendigkeit: „Wir wollen die Ortsbestimmung des Gesellschaftlichen nicht den Dynamiken von Parteipolitik, Medien und Verfassungsschutz überlassen, und genauso wenig dem konservativen Flügel der Sozialwissenschaft.“ (10) Nicht nur den Autor_innen des Bandes und dem Forum für kritische Rechtsex­trem­ismus­forschung sei dafür viel Erfolg gewünscht.

teckla

(1) Das Forum für kritische Rechtsextremismusforschung ist eine Gruppe kritischer und engagierter Student_innen und Nachwuchswissenschaftler_innen innerhalb der Initiative “Engagierte Wissenschaft” und besteht seit 2005. www.engagiertewissenschaft.de/de/fkr
(2) hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/index.asp?pn=tagungsberichte&id=3054
(3) Holger Oppenhäuser: Das Extremismus-Konzept und die Produktion von politischer Normalität, in: Ordnung. Macht. Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismus-Modells, Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (Hg.), Wiesbaden 2011, S. 35ff
(4) Tobias Prüwer: Zwischen Skylla und Charybdis: Motive von Maß und Mitte. Über die merkwürdige Plausibilität eines Welt-Bildes – eine genealogische Skizze. Ebd S. 59ff
(5) Elena Buck: Keine Gesellschaft ohne Grenzen, keine Politik ohne Gegner_innen. Auf dem Weg zu Kriterien demokratischer Grenzziehungen. Ebd. S. 281
(6) Matthias Falter: Critical Thinking Beyond Hufeisen. »Extremismus« und seine politische Funktionalität. Ebd. S.98
(7) Jörn Hüttmann: Extreme Rechte – Tragweite einer Begriffsalternative. Ebd S. 327ff
(8) Stefan Kausch/Gregor Wiedemann: Zwischen »Neonazismus« und »Ideologien der Ungleichwertigkeit«. Alternative Problematisierungen in einem kommunalen Handlungskonzept für Vielfalt und Demokratie. Ebd. S. 286ff
(9) Ebd. S. 294
(10) Anne Dölemeyer/Anne Mehrer: Einleitung: Ordnung.Macht.Extremismus. Ebd. S. 20

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