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Der AZ-Wagenplatz in Osnabrück

Geschichte & aktuelle Entwicklungen

Der AZ-Wagenplatz Osnabrück besteht seit nunmehr über 2 Jahren. Entstanden ist er aus der Hausbesetzung für ein Autonomes Zentrum (Koksche Strasse 1.Mai 2002). Nachdem das Haus geräumt wurde und mehrere Leute auf der Straße standen, bot die Stadt den Ex-BesetzerInnen ein kleines Areal in der Nähe eines städtischen Jugendzentrums übergangsweise an. Hier wurden die ersten Bauwagen aufgestellt, jedoch kam es dort im Juni 2002 zu einem brutalen Angriff von über 30 Nazis/rechten Hooligans, wobei nur durch entschlossene Gegenwehr der Bewoh­nerInnen (und FreundInnen) Zerstörungen verhindert werden konnten.

Aufgrund der Sorge der AnwohnerInnen ein Vorfall dieser Art könnte sich wiederholen musste die Wagenburg zum Fürste­nauer Weg umziehen. Der Fürstenauer Weg liegt am nördlichen Rande der Stadt, ohne Strom und Wasser, zwischen Müllkippe, Klärwerk und bald auch einer Müll­verbrennungsanlage.

Dennoch bildete sich hier bald ein buntes Leben heraus. Immer mehr Aktivis­tInnen verzichteten auf das Leben in einer Wohnung und entschieden sich fürs Bauwagenleben. Auch konnten einige Menschen hierdurch von der Obdach­lo­sig­keit bewahrt werden. Zeitweilig wohn­ten hier über 25 Personen.

Zu betonen ist, dass der AZ-Wagenplatz die Zwischenlösung für ein Autonomes Zentrum darstellt. In diesem Sinne wurde auch ein großes Zirkuszelt gekauft, in welchem seit 2 Jahren vielfältige Veranstaltungen stattfinden (Theater, Konzerte, Lesungen, Politprogramm). Höhe­punk­te waren ein großes Fußballturnier, das bundesweite Vorbereitungstreffen für die Anti-Lager-Action-Tour 2004 sowie verschiedene zum Teil hervorragend besuchte Konzerte. Auch stellt der AZ-Wa­gen­platz Plenumsgrundlage für mehrere autonome Gruppen dar.

Den ersten Räumungstitel erhielt der Wa­gen­platz bereits im Oktober 2003, öffentlich wurde dem etwas entgegengewirkt, indem kurz zuvor offizielle Wagentage mit einer einigermaßen großen, kraftvollen Demo durchgeführt wurden. Gegen den Räumungstitel wurde vor dem Verwal­tungs­gericht Klage eingereicht, diese hatte letztlich aufschiebende Wirkung.

Damit ist es jetzt wohl allerdings vorbei. Zum 31.10. muß der AZ-Wagenplatz, geht es nach der Meinung einiger Starrköpfe der lokalen CDU/FDP, gehen. Eine fundierte Begründung dafür gibt es nicht (lediglich Hinweise auf Baunutzungsver­or­dnung und Flächennutzungsplan), Argumente ob der Zerstörung der un­kom­mer­ziellen, alternativen Kultur, der sozialen Funktion des AZ-Wagenplatzes werden schlichtweg ignoriert. Alternativen sind noch völlig unklar, ein vernünftiges Autonomes Zentrum nicht in Sicht.

Aus diesem Grunde wurde in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober das Luther-Haus in der Jahnstraße besetzt. Die symbolische Aneignung des leerstehenden Hau­ses zu sozialen Zwecken wurde aller­dings nach kurzer Dauer beendet. Ein leider allzu aufmerksamer Bürger berichtete der Polizei „von einer größeren Gruppe Rucksäcke tragender Jugendlicher, wel­che ins Luther­haus eingestiegen seien“.

Annähernd 40 PolizistInnen ,welche aus dem gesamten Landkreis zusammengezogen wurden, beendeten die Besetzung gegen 5.30. Sie zerschlugen die Eingangstür und die 16 BesetzerInnen wurden zur ED-Behandlung auf die Polizeiwache am Kollegienwall gebracht. Anzeige wegen „schweren Hausfriedensbruches“ wurde gestellt.

Zeitgleich machten sich einige weitere emsige NachtaktivistInnen mit diversen Zugmaschinen und Bauwagen auf den Weg, um einen neuen Wagenplatz zu besetzen: ein sich unweit des AZ-Wagenplatzes befindliches neues Areal. Was nicht gewusst werden konnte, die Stadt (als Eigentümer) hatte dieses dem in Osnabrück stationierten britischen Militär verpachtet. Militärpolizei stattete den neuen Be­woh­nerInnen einen Besuch ab, nach 2 Tagen mussten die Bauwagen zurück zum Fürstenauer Weg. Die Neue Osnabrücker Zeitung titelte „Autonome gehen britischen Panzern aus dem Weg“. Einen Tag später gleich wieder eine neue symbolische Besetzung. Mehrere LKW und Bauwagen besetzten für einige Stunden das symbolträchtige, brachliegende Areal des ur­sprüng­lich okkupierten Hauses an der Kokschen Straße.

Der Räumungstermin rückt näher, es wird ernster. Achtet auf Ankündigungen.

(Ein Beitrag der befreundeten Redak­tion der alternativen Osnabrücker Zeitung Die Zwille)

mehr Infos unter:
www.azwp.de.vu

Freiräume

WENDEBECKEN 2004: Deutsche Polizei auf dem Vormarsch

oder: Die Gewalt geht vom Staate aus!!   

Am 08. September 2004 umzingeln 1400 schwer bewaffnete Polizeikräfte das als Wendebecken bekannte Areal zwischen dem Lager der Staatsoper und einer Parzelle des Gartenbauamtes in Hamburg/Barmbek, unter dem Vorwand, nur einen Befehl auszuführen. Genauer einen Räumungsbefehl, der auf dem politischen Willen des städtischen Parlaments fußt und der repressiven Linie seiner Prota­gonis­tInnen folgt. ‚Egal’, denkt sich der gemeine Polizist, der da am frühen Morgen sauer aufstoßend durchs Gestrüpp in das Gelände eindringt, ‚Befehl ist Befehl und Recht ist Recht’. Wie lautete die Begründung für die Räumung noch mal? Ach ja, auslaufender Mietvertrag und Grünfläche geplant. Zwar gibt es noch keinen Finanzierungsplan, aber der politische Wille bestehe schon. Alles klar!? Die Stadt will eine noch zu fi­nan­zierende Grünfläche anstelle eines kostenfreien Wa­genplatzes Wendebecken; beschauliche Blümchen anstelle eines alternativen soziokulturellen und politischen Zentrums. Wieso? Weshalb? Warum? – niemand aus dem riesigen Überfallkommando stellt sich an jenem Morgen diesen Fragen.

JedeR der Beamten rechnet scheinbar mit erbittertem Widerstand, anders sind Aufwand und Ausrüstung nicht zu erklären. Und was war da nicht alles an Vorbereitungen auf der Gegenseite gelaufen. Eine Aktionswoche seit dem Auslaufen des Mietvertrages am 31.08.2004 mit Soli-Veranstaltungen, Kulturprogramm, Demonstrationen, Protestaktionen und der Besetzung des Nachbargrundstücks. Aufrufe, Briefe, Stellungnahmen. Die ent­schei­dungstra­genden Parla­men­ta­rierInnen haben sich derweil auf die andere Seite gedreht und mü­de gegrunzt: Wir halten an unserer Linie fest (siehe Wohnwagengesetz). Auslauf des Nu­tzungsvertrages. Räumung. Ersatz gibt es nicht. Verhandlungen? Später … vielleicht. Genug Fruststau also, um … – der gemeine Polizist tastet unruhig nach den Waffen, während er zusammen mit einer Hundertschaft über eine Mauer vorrückt.

Wenig später. Einige Grünbehelmte popeln am verbarrikadierten Haupttor. Hunderte stehen ratlos davor und auf dem ganzen Platz. Höhere Beamte markieren gerade einen Wagen mit Eins – wie ers­ter Abtrans­port. An­stelle dass die städtisch beorderte Staatsmacht mit­ten in einem Bürgerkrieg steht, wie ihr Aufzug suggeriert, befindet sie sich in einem Laboratorium des gewaltfreien Widerstands. Eine Ankettung auf einem riesig ho­hen und wack­ligem Turm, zwei direkt am Tor. Eine in Fässer einbetonierte Menschenkette vor einem gekreuzten Wagen. Zwei weitere, einzelne Einbetonierungen auf dem Platz. Zusätzlich zwei Tripods (1) und eine Ankettung in einem Baum. Aber die Überraschung ist nur von kurzer Dauer. Alltag. Routine. Es ist zu bezweifeln, dass eineR der BeamtInnen vor Ort nur einen Moment über den Mut und die Entschlossenheit der Bewohner und Bewohnerinnen des Wendebeckens nachgedacht hat. Daß diesem ein ernstzunehmendes Bedürfnis zu Grunde liegen könnte, hat wohl keineR in Erwägung gezogen. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Die beiden am Tor wurden schnell losgelöst und verhaftet, der Turm erstürmt, die Tripods fasst umgekippt, bei dem schließ­lich erfolgreichen Versuch dutzender Beamter, sich der ausharrenden Menschen dort zu bemächtigen. Die Einbetonierten wurden teilweise aufgebohrt, teil-weise mitsamt dem Betonfaß aufs Nachbargelände transportiert. Einigen Ärger machte noch der Mensch im Baum, der nur unter Einsatz seines Lebens und rüdester Methoden „befreit“ werden konnte. Am frühen Nachmittag rollten die ersten Wagen vom Gelände. Zu ihrer letzten Fahrt. Adieu Wendebecken, das war’s dann wohl. Und ein Hoch auf die beschaulichen Blümchenwüsten!

Die Soli-Protest-Demonstration mit ca. 1000 TeilnehmerInnen am Abend verläuft unter dem Eindruck des massiven Polizeiaufgebotes ohne größere Zwischenfälle.

clov

Mehr Infos unter:
www.wendebecken.org
www.de.indymedia.org
www.bambule-hamburg.de
www.squat.net/de/

Freiräume

Freiräume erkämpfen

Soziale Zentren und Bauwagenplätze für Aachen und überall!

Schon im Vorfeld der unter diesem Motto geplanten Demonstration am 30.10.2004 in Aachen wollten Aktivis­tInnen ihrer politischen Forderung Ausdruck verleihen und gleichzeitig den Druck auf die politisch Verant­wort­lichen erhöhen. Deshalb besetzten sie am Samstag den 23.10. einen alten Stadtpalast in der Schildstraße. Aus diesem mussten sie sich jedoch bereits Dienstag wieder zurückziehen, die Verantwortlichen hatten Ver­handlungs­be­reitschaft signalisiert.

Auch wenn zur De­mons­tration am 30.10. lediglich 100 Demons­trantInnen erschienen und immer noch kein konkretes Objekt in Aussicht steht, war die konstatierte Aktion der Aachener ein Erfolg. Schließ­lich gelang es, das Thema eine ganze Woche lang aktuell zu halten und auf den überregionalen Kontext hinzuweisen: Eben nicht nur in Aachen sondern überall soziale Freiräume zu erobern! Um diesen Aspekt herauszustreichen wurde auf der abschließenden Kundgebung eine Grußbotschaft aus Venezuela verlesen. Es bleibt zu hoffen, daß die Aachener das bekommen, was sie fordern und brauchen: Politische Alternativen und mehr soziale Freiräume!

clov

Freiräume

Für mehr autonome Zentren, (Bau-) Wagenplätze und Kommunen!!!

Die moderne Mietskaserne und die Reste der Überlebens-Einheit: Familie, sind zwei idealtypische Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft. In ihnen kommt der Zwangscharakter der gesamten modernen Vergesellschaftung zum Ausdruck, der die Menschen durch die Mechanismen der Hie­rarchisierung, Entsolidarisierung und Isolierung auf die Konkurrenz am Arbeitsmarkt zurichtet. Wenn mensch bei der Analyse der bürgerlichen Gesellschaft die sozioökonomische Verengung des historischen Materialismus teilt – Menschsein heißt in erster Linie produzieren und reproduzieren – sucht mensch auch folgerichtig das revolutionäre Potential zur Aufhebung dieses Zwangs in den Produktivkräften, das Subjekt eines solchen Umsturzes der Produktionsverhältnisse und damit der Grundlage bürgerlicher Vergesellschaftung in der ArbeiterInnenbewegung – und dementsprechend heute in den absterbenden Resten der gewerkschaftlichen. Aus dieser Perspektive bleibt jeder konstatierte Angriff auf die bürgerlichen Lebensverhältnisse von Vornherein sinnlos, solange nicht „weltgeschichtliche, empirisch universelle Individuen“ [1] (also der organische Zusammenhang von internationaler ArbeiterInnenbewegung und internationaler KP oder Gewerkschaft) die modernen Produktionsverhältnisse umwälzen. Aus dieser Perspektive und dem Abgleich mit den gegenwärtigen Zuständen ergibt sich aber auch der resignierende Rückzug der Aktiven in die Kritik, ins Private, der Austritt aus progressiver Praxis und der Eintritt in Mietskaserne und Familie. Da­bei war es gerade Marx, der sich in seinem Glauben nie erschüttern ließ.[2]

Sind wir also im 21. Jahrhundert in der Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft angekommen? Gibt es keine Kräfte mehr, die sich ernsthaft gegen ihre Zwangsverhäl­tnisse wehren? Doch, es gibt eine Praxis neben den ideologiekritischen Debatten – Kontinuitäten, an die die Kommunika­tions­netzwerke, die Organe, die punktuellen Demonstrationen und Manifestationen anknüpfen. Es gibt sie, die (sozialen) Freiräume, die Nischen der bürgerlichen Vergesellschaftung. Und sie sind umkämpft! Diese Freiräume leichtfertig und aus Haarspalterei aufs Spiel zu setzen ist grob fahrlässig gegen jedmög­liche Emanzipation aus den bürgerlichen Verhältnissen. Wo sonst könnte dann noch Alternativen erprobt, Experimente vollzogen, Widerstand geübt werden? Das Scheitern mit inbegriffen!

Der moderne Staat mit seinen aufgerüsteten Polizeieinheiten hat sich zum repressivsten Schutzpatron der bürgerlichen Ge­sell­schaft erhoben, seit sich eine Geschichte bürgerlicher Vergesellschaftung erzählen lässt. Und er ist im Namen des guten Bürgers auf dem Vormarsch, gerade in den deutschverwalteten Territorien. Aktionen, wie die Räumung des Wendebeckens, bezeugen das. Demonstrationen, Widerstand, selbst Protestaktionen sind mit einem nie da gewesenen Aufmarsch der Polizei konfrontiert. Und die „Sicher­heits­kräfte“ der deutschbürgerlichen Gesellschaft haben auch den Zusammenhang von Freiräumen und Aktionen erkannt. Die politische Hausbesetzungs-Szene wurde in den Neunzigern massiv zurückgedrängt – die meisten autonomen Zentren stehen heute mit einem Fuß auf bürgerlichem Recht. Neubesetzungen sind schwerer denn je. Die harte Linie in Hamburg und anderen Städten zeigt: Die politische (Bau-)wagen-Szene steht als nächstes auf der Liste. Einzig die (zugegebenermaßen wenigen) politischen Kommunen scheinen derzeit sicher. Allerdings ist diese Sicherheit schwer erkauft. Ihre Existenz fußt leider oft auf ganz bürgerlichem Eigentum.

Nun kann der gewaltigen Übermacht der Repressionsorgane einzig die Kreativität des Widerstands entgegengesetzt werden und vielleicht ist dieser Kampf aussichtslos. Aber ihn aufzugeben, hieße aus meiner Sicht, einen der letzten Zipfel möglicher Emanzipation aus den bürgerlichen Lebens- und Produktionsverhältnissen für sehr, sehr lange Zeit aus den Händen verlieren. Deshalb plädiere ich für mehr Zusammenhalt und Solidarität zwischen den einzelnen Projekten. Vom Land, über die Vororte, bis ins Zentrum der Städte. Von den autonomen Zentren und Projekten, über autonome (Bau-)Wagenplätze bis zu den autonomen Kommunen. Auch Selbstkritik ist dabei wichtig! Schließlich heißt Emanzipieren immer auch, sich auf dem Weg befinden. Schützt die verbliebenen (sozialen) Freiräume, erobert neue!

clov

[1] Karl Marx u. Friedrich Engels, „Deutsche Ideologie – I. Feuerbach“, in: „Gesammelte Werke Band III“, S. 35
[2] „[Marx] … hatte volles Vertrauen zur intellektuellen Entwicklung der Arbeiterklasse, einer Entwicklung, die sich aus der Verbindung von Aktion und Diskussion notwendig ergeben musste.“ Engels in der Vorrede vom „Manifest der Kommunistischen Partei“ zur englischen Ausgabe 1888, in: Karl Marx und Friedrich Engels, „Manifest der Kommunistischen Partei“, Reclam, Ditzingen, 1997

Freiräume

Osnabrück: Kampf um Freiräume geht weiter

In Osnabrück haben AktivistInnen am 26.12.2004 das Haus Bruchstrasse 18 direkt am Hauptbahnhof besetzt. Diese Aneignung leerstehenden Raumes ist nach der Räumung des AZ-Wagenplatzes ein erneuter Versuch, Freiräume für politische Aktivitäten und alternative Kulturangebote zu schaffen. Obwohl es noch keine weiteren Nutzungspläne gibt, soll das Haus am 10.01.05 abgerissen werden. Das Gebäude gehört zum BauBeCon-Konzern, welcher mit einem Strafantrag droht, wenn das Haus nicht bis zum 5.1. 2005 geräumt ist.

Am 4.1. 2005 wurde die Hausbesetzung mit einer öffentlichen „Ausziehaktion“ in der Innenstadt beendet. Zeitgleich wurde unter dem Motto „Nach der Räumung ist vor der Besetzung!“ erneut ein Haus in der Hamburger Straße mit der Forderung nach einem Autonomen Zentrum besetzt. Da dieses Haus auf dem Grundstück der Deutschen Bahn steht, wurde der Bundesgrenzschutz eingeschaltet, mit dessen Hilfe die Osnabrücker Polizeit es einen Tag später wieder räumen konnte.

Doch die Aktivitäten der AZ-Gruppe werden weitergehen, schließlich sind durch die Räumung des AZ-Wagenplatzes auch andere Projekte betroffen, wie die Zwille – das „autonome Szeneblatt aus Osna­brück, Lingen und Vechta“, das dadurch ihre Postadresse verloren hat.

Unterstützt die AktivistInnen! Für mehr Alternativen in Osnabrück!

d. & clov

Mehr Infos unter:
www.azwp.de.vu oder über
az-wagenplatz@gmx.de

Bewegung

Raum für ein Soziales Zentrum

Hausbesetzung und Räumung am Lutherplatz in Dresden

Am 1. Dezember 2004 wurden am Lutherplatz im Dresdner Stadtteil Neustadt ein fast vier Monate lang bewohntes und genutztes Haus und Hinterhaus von einem Großaufgebot der Polizei geräumt. Während die Einsatzkräfte allerlei Möbel, Klamotten und Kleinteile aus dem Haus trugen und in zwei überdimensionale Container verfrachteten, flatterte in einem der Fenster noch ein Transparent mit der Aufschrift: SOZIALES ZENTRUM.

Im August 2004 war es, als eine Gruppe junger, engagierter DresdnerInnen den Versuch startete, ein bis dahin ungenutzt verfallendes Haus wieder nutzbar zu machen und nach aussen zu öffnen. Ihre Vision war es, einen Raum zu schaffen, in dem jeder, ohne Zugehörigkeit zu einer politischen oder sozialen Gruppe und unabhängig von finanziellen Mitteln die Möglichkeit hat, selbstbestimmt Ideen und Projekte zu entwickeln und diese kreativ in die Tat umzusetzen. Ein Ort der freien Kom­munikation und des Informa­tionsaustausches, offen für alle, die ein solidarisches Leben miteinander teilen wollen und frei von jedem Konsumzwang. Kurzum: ein Refugium der Selbstbestimmung und ein Experimentierfeld für Selbstorganisation. Oder ganz einfach: Freiraum!

Freiraum. Etwas, was man im heutigen Stadtbild mehr und mehr vergeblich sucht. Gemeint sind damit nicht Frei- oder Grünflächen, Park- oder Sportplätze. Solche Orte sind in ihrer Funktion klar festgelegt und bieten bloße Nutzungs- und Aufenthaltserlaubnis in ihrem eingeschränkten Rahmen. Gemeint sind Orte, die räumlich wie sozial gesehen nicht in Schranken weisen, sondern zum Ausloten auffordern, zum Füllen mit Leben.

Das Potenzial für eine solche Nische fand die Gruppe in einem lehrstehenden Grün­der­zeitbau am Martin-Luther-Platz, im Zen­trum der Dresdner Neustadt gelegen. Das Haus, schon jahrelang ungenutzt, verfiel zusehends. Im Prinzip schon Freiraum in sich bergend, musste es also noch erschlossen und öffentlich nutzbar gemacht werden. Die Instandbesetzer beräumten Schutt, reparierten Teile der Fußböden und strichen Wände. So entstand im Erdgeschoss des Vorderhauses ein offener Veranstaltungsraum. Hier war auch auch das sogenannte „Umsonstkino“ zu Hause. Einmal wöchentlich wurde dort unentgeltlich ein Film vorgeführt.

Im ersten Stock eröffnete der „Umsonstladen“. Hier konnten Menschen intakte Gegenstände, die sie nicht mehr benötigten, abgeben. Auf drei Räume verteilt sammelten sich Klamotten, Bücher, Geschirr oder anderer Kleinkram. Wer etwas brauchte, konnte sich einfach bedienen, ohne Geld oder Tausch. Oder man tratschte einfach über das alte Erbstück, von dem man sich endlich trennen konnte…

Zweimal wöchentlich öffnete der Umsonstladen seine Tore und wurde trotz Kälte und notdürftiger Beleuchtung mittels einer Autobatterie in den vier Nachmittagsstunden von bis zu 40 Leuten verschiedenster Schichten besucht. In der Etage über dem Umsonstladen war ein offenes Atelier in Planung und eine Theatergruppe wollte die Räumlichkeiten daneben für sich nutzen. Im 3. Oberge­schoss begann eine Gruppe junger, politisch engagierter Menschen, Räume vorzubereiten, um eine Plattform des freien Informationsaustausches zu schaffen. Dies war als ein Ort gedacht, an dem Menschen an einer Art Litfaßsäule Informationen aufnehmen und ebenso loswerden könnten. Zwei mal im Monat sollte eine sogenannte „INFOKÜ“ stattfinden, ein themenbezogener Abend mit Vorträgen und Filmen gewürzt und dazu Gekochtes zum Selbstkostenpreis, um den Hunger nach Nahrung und Information gleicher­maßen zu befriedigen. Nebenan planten sie einen Seminarraum für Workshops zu unterschiedlichen Themen, wie Rassismus, Soziales, Verkehr …

Zusätzlich zeigten zum Zeitpunkt der Räumung noch die Redaktion einer Zeitschrift für künstlerische und politische Momentaufnahmen und ein Treffpunkt für Asylbewerber konkretes Interesse. Und Raum war im Vorderhaus auch noch reichlich vorhanden.

Das große Interesse und der augenscheinliche Bedarf eines sozialen Zentrums, wie es sich am Lutherplatz Stück für Stück entwickelte, war wenig überraschend, wie auch die Idee nicht ganz neu ist. In Italien entstanden bereits in den siebziger Jahren sogenannte centri sociali. Leer stehende nicht mehr verwertbare Gebäude wurden dort übernommen und zu unabhängigen Politik- und Kulturzentren umgestaltet. Ein Mangel im sozialen und kulturellen Bereich sollte über­wunden und eine wirkliche Sou­veränität in der Freizeit erreicht werden. Im Gegensatz zu autonomen Zentren und Infoläden lag den Centri eine größere Offenheit und Nutzungs­brei­te zu Grunde. Jeder konnte hier gleichermaßen zum Nutzer und auch Gestalter von Projekten werden.*

Zu Zeiten der Massenproteste in Genua 2001 gab es zwischen 300 und 400 solcher selbstverwalteten Zentren. Sie bildeten auch die Basis für die Organisation des globali­sierungs­kritischen Widerstands zum Weltwirtschaftsgipfel. So ist es kein Wunder, dass heutzutage viele, selbst langjährig etablierte Centri, wieder vor der Räumung zu stehen. Auch in Deutschland gibt es Bestrebungen, in verschieden Städten wie beispiels­weise in Aachen und Berlin, Soziale Zentren aufzubauen. Einige existieren auch bereits.

In Zeiten, in denen öffentlicher Raum mehr und mehr privatisiert wird, scheint der Bedarf nach realer Teilhabe am öffentlichen Leben wieder zu wachsen. Immer mehr wird in den Städten fehlende Urbanität beklagt und eine soziale und räumliche Frag­­mentierung erlebt, die Stadtteile an bestimmte Schichten und Funk­tionen bindet. Die Innenstädte bei­spielsweise entwickeln sich mehr und mehr zu überwachten, inszenierten Ein­kaufswel­ten, in denen nur noch kapitalstar­ke, kaufwillige Klientel erwünscht ist.

In Stadteilen wie der Neustadt wird ersichtlich, wie sozial Benachteiligte schritt­weise aus den Zentren vertrieben werden.

Kurz vor der Wende stark vom Verfall bedroht, hatten sich hier Künstler, Studenten und Leute mit eher schmalem Geldbeutel angesiedelt. Diesen Bewohnern gelang es dann auch den drohenden Abriss des Quartiers zu verhindern. Nach der Wende entdeckten Investoren und die Stadt den Wert des einstigen „Stiefkindes“, welches als größtes zusammenhängend erhalten gebliebenes Gründerzeitviertel in Deutschland gilt. Es wurde zum Sanie­rungs­gebiet erklärt und ein neuer Laden nach dem anderen öffnete seine Pforten.

Das nun als Dresdner „Szeneviertel“ bezeichnete Gebiet hat zwar immer noch den höchsten Anteil an den unter 30 jährigen in Dresden, doch sein Gesicht hat sich stark gewandelt. Inzwischen kann man hier im Designeroutlet seinen Anzug kaufen und im französischen Fein­schmec­kerrestaurant speisen. Dafür leben jetzt nur noch 10 % der Bewohner von Anfang der Neunziger hier; für viele wurde die Miete in den chic sanierten Häusern schlichtweg zu teuer. Und auch Teilhabe am kulturellen Leben wird hier mehr und mehr zum Privileg der Besserver­die­nenden.

Dieser hier beschriebene Prozeß ist auch aus anderen deutschen und vor allem amerikanischen Großstädten bekannt. Er wird in der Stadtsoziologie Gentrification genannt, was übersetzt eine Aufwertung des Stadtviertels bedeutet.

Einige obdachlose Jugendliche, die im aufgewerteten Wohnraum der Neustadt keine Bleibe mehr gefunden hatten, waren in dem Hinterhaus am Lutherplatz 6 untergekommen. Sie bildeten dort ein selbstverwaltetes Wohnprojekt, als die Räu­mungsauforderung ins Haus flatterte. Acht Tage wurden darin den Bewohnern und Nutzern eingeräumt, um die Häuser zu verlassen. „Eine ordnungsgemäße weitere Nutzbarkeit“, so der Bescheid, sollte damit gewährleistet werden. Der bis dahin unbekannte Eigentümer aus Süddeutschland, der wahrscheinlich erst durch die Polizei von der Nutzung seines Hauses erfahren hatte, kündigte eine – so wörtlich – „kurzfristige Sanierung“ des seit Jahren verfallenden Gebäudes an.

Da es innerhalb der acht Tage unmöglich war, einen neuen Raum für den Umsonstladen und die anderen Projekte zu finden (schon gar nicht neuen Wohnraum für die fünf Bewohner des Hinterhauses), versuchte man schriftlich, mit dem Besitzer in Kontakt zu treten, um über ein befristetes Nutzungsrecht zu sprechen. So wäre es möglich gewesen, über den Winter ein neues Zuhause für das Soziale Zentrum zu suchen. Doch der Eigentümer zeigte sich nicht gesprächsbereit. Bis zuletzt auf eine gütliche Einigung hoffend, sahen sich die Menschen vom Lutherplatz 6 dann pünktlich am 1. Dezember dem Räu­mungs­kommando gegenüber.

Im Verlauf dieser Räumung wurde einer weiteren Nutzung des Hauses erst einmal ein Riegel vorgeschoben. Sämtliche, noch gut erhaltene Fenster und Türen wurden von eigens dafür angeheuerten Handwerkern herausgerissen. Dank der vielen Helfer, die Autos und ihre Arbeitskraft kurzfristig zur Verfügung stellten, konnten viele der Artikel aus dem Umsonstladen gerettet werden. Sie sind nun provisorisch bei Unterstützern zwi­schen­gelagert. Das Umsonstkino hat übergangsweise in einem anderen Raum Asyl gefunden und wird weiterhin wöchentlich betrieben. Doch wie lange der Raum genutzt werden kann ist fraglich.

Die Bewohner des Hinterhauses traf es am schlimmsten. Glück hatten die, die bei Freunden unterkamen, doch einige leben auch wieder auf der Straße.

Aus den ehemaligen Nutzern und aktiven Leuten beteiligter Projekte hat sich nun die Initiative für ein soziales Zentrum herausgebildet. Diese Menschen haben es sich ausdrücklich zum Ziel erklärt, ein Soziales Zentrum für Dresden möglich zu machen. Denn eins ist durch die Räumung umso deutlicher geworden:

Der Bedarf, einen solchen Freiraum mit Leben zu füllen, ist größer denn je. Und leere Gebäude gibt es in Dresden genug.

Initiative für ein soziales Zentrum

*als Bsp. für Centri Sociali und sozialer Bewe­gung: „Italienisch für Erwerbslose“, Direkte Aktion, #165

Lokales

Mehr Bewegung in Potsdam

Erst die Schließung des SpartacusClubs und des Jugendtreffs S13 und nun soll auch noch der Archiv e.V. in Potsdam Ende des Jahres dichtmachen. Laut den Be­trof­fe­nen stelle das Bauamt viel zu hohe An­for­derungen und versuche so, dem Projekt hin­ten­­herum den Saft ab­zu­drehen. Während die Stadt, die mitten im Speck­gür­tel Berlins liegt, umfangreichen Stadt­umbau plane, wür­­den soziokulturelle Zentren und linke Pro­­jekte im Stich gelassen bzw. nicht mehr ge­wollt. Um gegen diese Stadtpolitik Stel­lung zu be­ziehen, demonstrierte am Sams­tag, den 08.11. ein Bündnis aus Betrof­fe­nen und Sym­pathisanten Stärke und mar­schierte unter dem Motto „Frei­räume statt Schloss­­träume“ friedlich durch die Stadt. Die VeranstalterInnen zeigten sich im Nach­­hinein zufrieden, mit gut 1.400 Teil­nehmerInnen konnte man ein wirkungs­vol­les Signal in die Öffent­lichkeit senden. Viele seien zum Wider­stand bereit.

Um der politischen Forderung nach mehr statt weniger Freiräumen zusätzlichen Druck zu verleihen, besetzten AktivistIn­nen in den frühen Morgenstunden des da­rauf­folgenden Sonntags zudem die ehema­li­ge Skaterhalle und feierten dort eine Par­ty. Doch der Spasz währte nur kurz. Kaum eine Stunde später tauchte ein Spezial­kom­­mando der Polizei auf und räumte das ge­sam­te Gelände mit abschreckender Ge­walt­tä­tigkeit. Mehrere der BesetzerInnen wur­den mißhandelt und teils schwer ver­letzt. Der ärztliche Rettungsdienst wurde in sei­ner Arbeit behindert und laut einigen Zeu­gen­aussagen verweigerten die Berliner Beam­ten die Herausgabe von Dienstnum­mern und skandierten stattdessen Sprüche wie „Auswärtssieg“. Einer der Polizisten soll auf die Frage nach dem Grund des harten Vor­­gehens sogar geantwortet haben: „Heu­te ist doch Reichs­kristall­nacht.“ Die Anzeigen laufen …

Abgesehen davon, dass Kasernenluft of­fen­sichtlich nicht die Denkfähigkeit för­dert, bleibt abschließend festzuhalten, dass sich in Potsdam ein durchaus ernst zu neh­men­der politischer Widerstand gegen die Zu­mu­­tungen des aktuellen Stadtum­baus for­miert. Politische Aktionen, wie die Be­set­zung brachliegender Gelände, sig­na­li­­sieren, dass es den AktivistInnen dabei nicht um staatliche Subventionen sondern vor allem um Selbstermächtigung und Selbstver­wal­tung geht. Ein positives Bei­spiel ist hier die be­reits am 26.09. erfolgte, erfolgreiche Be­set­zung der Villa Wild­wuchs, einer ehe­ma­li­gen Beratungs- und An­laufstelle für Ju­gend­liche, die die Stadt Potsdam noch im Früh­jahr geschlossen hatte. Nach zähen Ver­­handlungen über die Betriebskosten ziert das Objekt nun der stolze Name „LaDatscha – Potsdams besetztes Haus mit Ha­velblick“. Naja, bei soviel Selbstver­trauen reserviert der Feierabend! schonmal ein Kontingent der zukünftigen Ansichts­karten mit dem Motiv: „Potsdams letzter Hausbesitzer“.

clov

 

Mehr Infos unter:

ladatscha.blogsport.de

wba.blogsport.de

kulturfriedhof.blogspot.com

archiv-potsdam.de

Unsere Träume kriegt ihr nie!

AZ Ex-Steffi geräumt

6. April, 6 Uhr – Schweres Geschütz rollt an, zum Sturm auf die Karlsruher „Ex-Steffi“: Wasserwerfer, Räumpanzer, Hebebühne, SEK, Sanitäter… Der Gerichtsvollzieher ist auch früh aufgestanden, um zuzusehen, wie die Bewoh­ner­­Innen in mehreren Anläufen nach und nach alle aus dem Haus gezerrt und festgenommen werden. Die ausgedehnte Verwahrungshaft endete für die ExbewohnerInnen dann mit einem Platzverweis für ganz Karlsruhe. Nach der Demolierung der Bausubstanz errichten die Baufirmen vor Ort einen Bauzaun – alles erledigt?!

Vor diesen Ereignissen, während die Räumung zwar drohte, aber noch verhandelt wurde, hatte „unser Mann in Karlsruhe“ auf Anfrage folgende Zeilen geschickt. Nach der plötzlichen Räumung und 24 Stunden Verwah­rungs­haft verständlicherweise aber keinen Nerv mehr den Text in seiner Gänze zu aktualisieren. (clara)

Hier nun also die Vorgeschichte:

Situationale Einblicke vor der Räumung

Ich sitze hier im Kerzenschein, die Luft hinter den vernagelten Fenstern ist stickig, die Stimmung unter den BesetzerInnen gedrückt. Ein Stockwerk unter uns bemühen sich gerade mehrere Hundertschaften der Polizei und ein Sondereinsatzkommando, Herr der Lage zu werden und zu uns vorzudringen.

Karlsruhe, im Februar 2006: Nach dem Auslaufen des Mietvertrages mit der Stadt ist das soziokulturelle Zentrum Ex-Steffi endlich wieder besetzt. Wir feiern unser 15-jähriges Bestehen, bauen fix ein paar Barrikaden vor der Tür auf und überschwemmen die Stadt während der ersten Aktionstage mit kostenlosem Essen, spontanen Aktionen und guter Laune. Parallel dazu laufen Ge­spräche mit der Stadt über das von uns für Wohn- und Kulturzwecke genutzte Gelände. Die Pläne der Stadt sehen anstatt eines linken Zentrums und ca. 40 Künstlerateliers eine schrottige Gewerbefläche, bzw. einen „Time Park“ vor. Die „Initiative Kulturoase“, die den Kauf des Geländes durch die NutzerInnen anstrebte, scheiterte an der ablehnenden Haltung der Stadtverwaltung.

Damit etwaigen Immobilienhaien nicht schon bei der ersten Besichtigung der Appetit vergeht, versucht man uns nun von unserem Gelände zu vertreiben, bzw. uns und un­sere Gäste zu isolieren: Ringsherum pa­trouillieren Beamte in Zivil an den Gleisbetten; es werden Ausweise kontrolliert, Taschen durchsucht. Eine Anzahl von Leuten hat inzwischen Aufenthaltsverbot in Karls­ruhe. In regelmäßigen Abständen kreisen Hubschrauber über dem Gelände, die uns das Gefühl geben, dass Sorglosigkeit ein Verbrechen ist. Und dass unsere generelle Verurteilung wie auch die Kontrollen neue (Schleich-)Wege nötig machen.

Es klopft an der Wand und Arthur kommt herein, seifig lächelnd und mit einem Telefon in der Hand. Am Apparat ist Sozialreferent Denecken, der uns als Vertreter der Stadt noch einmal beteuert, wie wenig er für uns tun könne, mit der Bitte doch irgendwann mal bei einem seiner Banketts für Obdachlose vorbeizuschauen. Geht klar. Auch OB Fehnrich telefoniert mit, auch er lädt uns zu einem Besuch seiner Wahlparty am 2.Juli. Ihr müsst wissen, dass hier nämlich die Stimmen für die CDU genetisch vererbt werden. Wir kommen!

Schließlich ist da noch der Obergerichtsvoll­zieher, der am 30. März mit ersten Räu­mungs­­­maßnahmen begann und in dessen Handlungsspielraum ein Aufschub der Räumung von bis zu sechs Monaten liegt. Diesen wollte er uns auch gewähren, solang wir unsere Bemühungen um Alternativen dokumentierten und friedlich blieben.

Mit der Unterstützung des Mietshäusersyndikats aus Freiburg gelang es der „Initiative Kussmaulstraße“ eine GmbH in Gründung auf die Beine zu stellen, die nun mit dem Erwerb eines riesigen Geländes in der Weststadt Platz schaffen will für alternatives Wohnen, für kollektive Werkstätten und Geschäfte, unseren geliebten Kulturraum und noch den ein oder anderen Obstbaum. Es liefen erneut Verhandlungen mit den Fraktionen im Stadtrat und die Initiative sammelt für die GmbH Anlagekapital durch Direktkredite und Bürgschaften.

Plötzlich klopft es wieder: „Kommt alle raus, die Sonne scheint!“. Irgendwer hatte die Sicherheitstür offen gelassen. Durch diese Alarmsimulation hat sich außerdem gezeigt, dass unsere UnterstützerInnen vor dem Haus noch nicht alle wussten, wie sie mit den Einsatzkräften umzugehen hatten. Was geht?

…Wir wurden also trotz dieser Bemühungen und trotz der Zusage des Gerichtsvollziehers geräumt. Dennoch: Linker Freiraum lässt sich mit Recht nicht verbieten!

mütz

Wagentage Frankfurt 2005

Die Bauwagenszene rockt. Für Freiräume und alternative Lebensgestaltung zu kämpfen, heißt für die BewohnerInnen und Fans der zahlreichen bundesweiten Bauwagenplätze auch, sich einmal im Jahr zu treffen und die eigene Existenz zu zelebrieren.

„Be on time once in your life!“ Der schmis­sige slogan der “Pünktlich sein”- Aktion des Jahres 2003, diesmal auf englisch als Diskostrahler – gutgefüllte Tanzhütte, hoch­be­liebtes Flaschenbier, Lagerfeuer, Bierbänke, Hundemeuten, Bauwägen.

Was so intensiv die Atmosphäre eines herz­haften Alternativ-Festivals verströmt und bei Beobachtern den sofortigen Wunsch des Dazugehörens auslöst, ist das dies­jährige bundesweite Treffen der Bauwa­gen-Szene in Frankfurt am Main. Das Ge­län­de des hiesigen Wagenplatzes „Borsig“ befindet sich gegenüber einer dieser be­lieb­ten Autohaus-Einbauküchen­center-Gegenden, allerdings ohne dass man die recht lebensfeindliche Nachbar­schaft auf dem Platz wahrnehmen würde. Mit ge­schätz­ten 80 Wägen ist er groß genug, um einen eigenen Mikrokosmos zu bilden, der sich eindrucksvoll von der Frankfurter Vor­ort-Idylle absetzt. Das kontrastierende Ambiente bewundert man am besten vom Dach des nebenstehenden Parkhauses aus, bevor die Security auf­taucht.

Doch das dreitägige Getue auf dem auch sonst recht lebendigen Areal ist mehr als Schulterklopfen mit alten Freunden, Bierkonsum, Punkrock und Austauschen der unvermeidlichen Basteltipps betreffs Schrauberei an Kraftmaschinen oder Im­pro­vi­sations-Ökotechnik. Obwohl auch für die Bauwagenszene das Abfeiern der eigenen Identität im Vordergrund steht, gelingt es ihr im Vergleich zu den meisten anderen Subkulturen, eine gemeinsame Handlungsfähigkeit zu organisieren.

Auf einem gemeinsamen Städteplenum wird die Lage der jeweiligen Bauwagen­plätze besprochen. Ansätze von lokalen Kam­pag­nen werden vorgestellt und Termine für Aktionen und Demos rumge­reicht. Auf dem Finanzplenum wird der eindrucksvolle Stand des gemeinsamen „Krötenkontos“ vorgestellt und die weitere Verwendung des Geldes diskutiert, das ursprünglich als eine Art Prozesskos­tenversicherung gedacht war. Unter­stützung für alternative Projekte soll jetzt auch auf logistischer Ebene möglich werden. Kooperation mit dem Freiburger Mietshäuser-Syndikat ist darüber hinaus angedacht, um das Kapital politisch besser zu nutzen.

Schließlich haben die mehr und weniger kampferprobten Wagenleute trotz allen Plena und Konzerta noch die Chance, sich gegenseitig bei einer wilden Stadtrallye („tour l’armour“) zu befehden. Mit pompösen LKWs durch den Frankfurter Be­rufs­verkehr hupen und komische Aufgaben erfüllen. Durch die Kinder­geburtstagsatmosphäre angestachelt sind einige Teilnehmenden allerdings nicht mehr in der Lage, sich an irgendwelche Regeln zu halten. Zu größeren Verle­tzungen kommt es trotzdem nicht.

Bei einer berauschenden Siegesgala werden schließlich die Gewinner bekannt gege­ben: Das Leipziger Team „Fock off“ ge­winnt den Kreativpreis im Goldrahmen, „Follafiat“, auch Leipzig, immerhin einen Trostpreis. Die imposanten Trophäen sind seitdem in der Fockestraße (Montags Volxküche) zu bewundern!

soja

Häuserkampf im Bauwagen

Der politische Druck auf die selbst verwalteten Wohnprojekten wächst

Nach der Befriedung der Häuserkämpfe, dem Um­bau von Innenstädten und Bahnhöfen zu Ein­kaufspassagen und der Totsanierung der Altbauten, geraten nun die Bauwagen­plätze zunehmend ins Visier der Stadt­planer. Dabei unterscheiden sich die je­weiligen Städte natürlich in Bezug auf den Re­pressionsgrad:

In Hamburg beispielsweise läuft seit An­fang 2002 die bisher größte Anti-Wagen­platz-Kampagne der rechtsgerich­teten Landes­regierung, die im Konflikt um den Platz Bambule ihren bisherigen Höhe­punkt fand (bambule-hamburg.org) und deren erklärtes Ziel die Räumung sämt­licher Wagenplätze bis 2006 ist.

Während an der Elbe der neoliberale Um­bau brutal durchgreift und aufflam­men­der Protest mit gigantischen Polizei­kräften er­stickt wird, nimmt sich die Lage in anderen Städten wie Leipzig entspannter aus. Die SPD hat sich hier mit einem ambivalent-moderaten Kurs gegenüber alter­nativen Projekten angefreundet, ge­le­gent­lich angereichert mit Aktionen wie im Früh­jahr dieses Jahres als 50 Beamte samt Hubschrauber zur Räumung eines Ge­müse­beets in der Fockestraße anrückten. Während sich die hiesigen Platz­bewoh­nerInnen also entspannen und sich auf Volx­küchen und Ähnliches konzent­rieren können, befinden sich andere in juris­tischen Querelen: Die „Pünktlich Sein – Aktion“ am 24. April 2004, in der die Ham­burger Hafenstraße von 100 LKW be­setzt und anschließend mit Brachial­ge­walt geräumt wurde, zieht weiter ihre Kreise von Ins­­tanz zu Ins­tanz. Das Plenum in Frank­furt kann dank Solispenden und dem gemeinsamen „Krötenkonto“ der Bauwagenplätze verkünden: „Wir geben nicht auf!“ Die letzten Prozesstermine in Hamburg waren das ganze Jahr über von Demos und Happenings begleitet, die auch das skandalöse Verhalten der Polizei öffentlich machten und die Forderung nach Akzep­tanz von Bauwagenplätzen in den Vorder­grund stellten.

Um die Bauwagenplätze als einmalige kreativ-kollektiv-autonome Freiräume wird es also nicht so schnell ruhig werden. Der Kampf geht weiter – und die Party sowieso.

soja