Archiv der Kategorie: Feierabend! #29

Das Handy als Wanze

Mythen und Realitäten der Telefonüberwachung

Zurzeit überschlagen sich die Spekulationen zur Handyüberwachung, speziell die Manipulationsmöglichkeiten der Handys be­treffend und die Angst geht um, dass sie als „Wanze“ benutzt werden können. Ent­sprechende Gerüchte gibt es schon seit dem Aufkommen von Mobilfunk. Die Über­wachung von Telefonen ist so alt wie das Telefon selbst. Was anfangs durch einfaches Aufklem­men auf die Te­le­fon­leitung passierte läuft heute digital. Es knackt nichts mehr, es rauscht auch nicht und es gibt kein Echo, kurz gesagt ist es unmöglich für einen Telefonbenutzer, sicher festzustellen, ob jemand in der Leitung hängt. Beim heutigen digitalen Te­le­fonnetz lassen sich die Datenströme nach Belieben manipulieren, ebenso Anrufbeantworter abhören, wie auch SMS und Datenver­bin­dungen. Vor allem kann es nicht nur von „berechtigten“ Stellen wie der Polizei abgehört werden, sondern im Prinzip von jedem ambi­tio­nierten Amateur und erst recht von Pro­fis. Davor schützen kann man sich nur durch starke Verschlüsselung, was für den/die Otto-Normalverbraucher/in kaum er­schwing­lich ist.

Handy-Überwachung

Eine recht gängige „Wanzen“theorie besagt, dass sich alle Handys aus der Ferne ein­schalten und zur „Wanze“ umbauen ließen. Dem muss klipp und klar entge­gen­gesetzt werden, dass es weltweit keinen einzigen öffentlich dokumentierten Fall gibt, bei dem ein Handy aus der Ferne eingeschaltet wurde. Das GSM-Protokoll – das Verfahren, mit dem Handys funk­tionieren – bietet rein technisch be­trach­tet keine Hintertür. Das bedeutet aber nicht, dass Handys nicht überwachbar sind. Die Polizei oder andere „Späher­Innen“ benutzen dafür die Up­date­funktion des Handys, über die sich neue Software installieren lässt. So konnten und können Trojaner auf das Han­dy ge­spielt und die komplette Kontrolle über das Gerät erlangt werden. Die Funk­tion zum Online­up­date der Software kam mit im­mer leistungsfähigeren Handys auf, deren Software der eines Compu­ters ähnlicher ist als der Firmware von Han­dys aus der Anfangszeit. Diese Mani­pu­lation er­mög­licht es den Angreifern aller­dings nicht, das Handy aus der Ferne ein­zu­schalten, aber es kann zum Beispiel so manipuliert werden, dass es sich nicht mehr ausschalten lässt. Display und Tasta­tur werden abgeschaltet, so dass es aussieht wie ausgeschaltet, aber es bleibt trotzdem im Netz eingebucht und könnte zur Raum­­über­wachung wie auch zur Posi­tions­be­stim­mung benutzt werden. Außerdem können so alle Daten, die auf dem Han­dy gespeichert wurden, heimlich ein­ge­sehen werden, seien es Fotos oder auch das Telefonbuch und natürlich gespeicherte SMS. Sol­che rein technisch möglichen Mani­pu­la­tionen sind so gut wie nicht zu ent­decken, denn Handys bestehen aus pro­prie­tärer Soft- und Hardware (1). Dies macht es dem/ der UserIn schwer bis un­mög­­lich, die Funk­tions­weise der Geräte zu durchschauen.

Bekanntlich lassen sich mit Handys auch Po­sitionen der Träger bestimmen. Das ist aller­dings nur dann möglich, wenn es eine Ver­bindung zwischen Handy und Handynetz gibt, zum Beispiel beim telefonieren. Des­halb werden solche Verbindungen vom Überwacher eher provoziert. Eine be­lieb­te Praxis ist dabei die der „stillen“ SMS, mit denen im Falle der Handy-Überwachung die Position des/der Ge­räte­­in­ha­ber­In bestimmt werden kann, ohne dass ein visuell erkennbarer Nachrichteneingang bemerkbar ist. Um diese Kon­taktauf­nahmen zum eigenen Handy zu erkennen, gibt es aber auch Anrufmel­der, die eingehende Handyanrufe anzeigen. Erhältlich sind sie ab 10 Euro im Tele­fon­laden oder bei Internethändlern. Diese Warngeräte lassen sich unkompliziert ans Handy hängen. Baut ein Handy im aus­geschalteten Zustand eine Verbindung auf oder wird bei eingeschaltetem Gerät dau­ernd eine Verbindung angezeigt, obwohl damit weder telefoniert wird, noch eine SMS eingeht, dann ist etwas faul.

Die eigentliche Gefahr im Zusammenhang mit Handy-Überwachung sind aller­dings weniger das mögliche Mithören von Te­le­fonaten oder manipulierte Geräte. We­sentlich wichtiger ist die Positionsbe­stimmung, die im Prinzip laufend statt­findet und seit dem 01.01.2008 auch für sechs Monate gespeichert werden darf, es sei denn, das Bundesverfassungsgericht (BVG) stoppt das Gesetz, das die Tele­kom­muni­ka­tionsdaten-Vorratsdatenspeich­erung er­laubt, endgültig. Was das für unsere Kommunikation bedeutet, dürfte inzwischen be­kannt sein: jeder individuelle Telefon- oder E-Mail-Verkehr, Informationen über Zeit, Häufigkeit, Standort und Kom­muni­kationspartner/in kann auf sechs Monate nachvollzogen werden. Tele­kom­muni­kationsanbieter müssen demnach die Ver­kehrsdaten ihrer Kunden speichern und an Polizei und Geheimdienste heraus­geben. Mit Urteil des BVG vom 19.03.2008 dürfen die Daten aller­dings nur mit Genehmigung einer/s Er­mit­tlungsrichter/in und im Zu­samm­en­hang mit schweren Straftaten eingesehen wer­den. Wie erfreulich diese Eilent­schei­dung auch ist, muss einerseits die laxe Praxis von Ermittlungsrichter­Innen, anderer­seits die Handhabe der Definition schwerer Straf­taten gerade in Zeiten der Terror­hys­­terie kritisch betrachtet werden.

Auswege?

Zum Glück gibt es Hoffnung in zweierlei Hinsicht. Mit VoIP (Internettelefonie) gibt es eine Trennung der Telefondienste von den klassischen Vermittlungsstellen und somit auch von den Abhörvorrich­tungen. Dazu wurden inzwischen auch Ver­schlüsselungs­programme entwickelt, mit denen man sich gegen Mithören, auch auf der Internet­leitung, schützen kann. Die spannendste Geschichte ist derzeit aber das OpenMoko-Projekt. Dessen Ziel ist es, eine offene Handyplattform zu entwickeln. Diese Geräte werden unter Linux laufen und die Hardware ist vollständig offen gelegt, so dass es dem/der ambitionierten UserIn möglich sein wird, das Handy an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, zum Beispiel Ver­schlüsselungs­­mög­lichkeiten einzurichten oder auch Manipulationen zu erkennen. Das Projekt ist schon sehr weit fortgeschritten. Damit würde zwar nicht das Problem der Positionsbestimmung gelöst, aber eine Im­plementation zur Warnung vor „stillen SMS“ sowie das sichere Abschalten des GSM-Teils werden kein großer Aufwand mehr sein und sofern nicht im Grundsystem bereits vorgesehen, wird es bald entsprechende – freie – Lösungen geben.

alex@blacksec.org

Bearbeitet von Rote Hilfe OG Leipzig

Der Text steht unter Creative-Commons-Lizenz

(1) „proprietäre Software ist jegliche Software, die keine „freie Software ist, da ihre Pro­gramm­co­dierungen geheim gehalten werden.

Beißen Revierköter, die bellen?

Gedicht-Foto-Band Leipziger KünstlerInnen

Sie sind vor allem Eines: Authentisch. Sie streunen um die Ecken und Kanten dieser Stadt, erkennen ihre Viertel am Geruch und erneuern beständig ihre Mar­ken, die sie an allen Ecken hinter­lassen. Revier­köter, die echten, nicht die künstlich aufgemotzten der Kultur­industrie, kläffen sich – wenn sie Grund dazu haben – gegenseitig an oder heulen gemein­schaftlich in Richtung des halb­herzigen Mondes. Sie würden auch gerne mal kräftig zubeißen, den ergrauten Leip­ziger Kul­tur­be­­trieb or­dent­­lich durch­­schüt­teln.

Das Rudel, wel­­ches sich in der vor­lie­gen­den Pu­bli­kat­ion ver­sam­melt hat, ist über­schaubar: Fünf Wort­akrobaten und zwei Zellu­loid­künstler­Innen. Wenn es zum ent­scheidenden Biss auch nicht ganz reicht, gelingt es den AutorInnen doch zumindest, das Bein zu heben und den Kultur­ver­äußerern ans Gewand zu pin­keln.

2007 fanden sich fünf Künstler zusammen, um den Geburtstag von Hauke v. Grimm mit einer gemeinsamen Veranstaltung zu begehen. Um diese zu be­wer­ben, ver­anstalteten sie ein Foto­shooting, mit befreundeten Fotografen. Die zahlreichen dabei entstandenen Bilder sollten nicht im Dataspace vergammeln und so war die Idee zu dem Buch „RevierKöter LE-Allstar-Team“ geboren.

Das LE-Allstar-Team sind: Bob der Brau­meis­ter, Kurt Mondaugen, Michael Schwe­ßinger, Volly Tanner, Hauke von Grimm, so­wie die beiden Fotografen „Schmieda“, ei­gent­lich Frank Schmied­bauer und Nora Blum­berg. Zwischen den Buchdeckeln dieser handlichen Mischung aus Lese- und Bilder-Buch finden sich biographische Selbst­zu­schreibungen der Mitwirkenden, gefolgt von ihren Schriften und Fotos, Schwarz auf Weiß.

Die Autoren

Der erste, der sich die Ehre gibt, ist Bob, der Braumeister: Wie alle anderen auch, hat er schätzungsweise zwischen 25 und 40 Jahre im Lebenslauf zu füllen. Bob, bürgerlich auch Oliver Dietrich genannt, gewann schon im zarten Alter von sieben Jahren einen Rezitatoren-Wettbewerb. Er ver­mittelt uns Einblicke, die wir eigentlich gar nicht haben wollen, so z.B. in das Universum des WG-eigenem Wasserklosetts.

Kurt Mondaugen holt den Leser schleunigst in die schnöde und doch lebensbedrohliche Welt der „ALG II-Veteranen der ersten Stunde“ zurück. Er lässt uns an seinen Erfahrungen bei einem Ein-Euro-Prak­tikum teilhaben und macht verständlich, wieso der Um­gang mit Forma­lin­leichen bisweilen zusätzliche Opfer fordert – PISA sei dank.

Michael Schweßinger, der die längste Biografie zu sich und seinen verschiedenen Ichs verfasst hat, lässt sein ethnologisch versiertes Ich sprechen. Er berichtet in einer sehr aufschlussreichen Abhandlung von seinen wissenschaftlichen For­schun­gen zu den Sitten und Bräuchen des indigenen Lin­denauers an sich.

Volly Tanner eröffnet der geneigten Leserschaft schwarz-rot gefärbte Einblicke in die Leipziger Bohème, die im­mer wie­der aufsteht und unverdrossen gegen die Mauer in den Köpfen an­rennt.

Hauke von Grimm schließlich bringt dem Leser ein­dringlich nahe, warum er Geburtstage hasst und was das mit Pegel­trinkern im Familienkreis zu tun hat und vor allem, warum man sich mit süf­figen Geburtstags­geschenken bei ihm nachhaltig unbeliebt machen kann.

Die Fotografen

Schmieda hat mich zugebenermaßen von den beiden Motivkünstlern am ehesten überzeugt. Auf den angenehm großen Fotos spielt er mit Motiven, Licht, Schärfe, Schatten und Strukturen. Die von ihm abgelichteten Künstler werden hinter ihren Mikrofonen hervorgezerrt: wirre Haare, glasige Augen, offen stehende Münder werden sichtbar.

Nora Blumberg, die Jüngste und einzige Frau in der Runde, scheint eine Vorliebe für Fotostrecken zu haben. Diese sind teils gelungen, allerdings gehen durch die Vielzahl und die dadurch erzwungene Kleinheit der Fotos leider einige interes­sante Effekte unter. Ihr bestes Foto ist zu Recht auf der Titelseite ab­gebildet.

Alle zusammen

Die verschiedenen Texte verweben sich beim Lesen ineinander, ergänzen sich, kurz: treten in Beziehung zueinander. Zwischen den Zeilen schwebt beständig ein vages, zurück­haltend einladendes „Wir“. Der Leser begleitet das jeweilige Ich, das zweifelt, stirbt, trinkt, kläfft und sich nach durch­wachten Nächten die zerkratzte Schnauze kühlt.

Es handelt sich um bissige Straßenköter-Vorstadt-Poesie, schwankend zwischen Träumen von Revolte und Selbstreflexion. Die eigenwilligen Texte – erschienen im alternativen Leipziger Verlag Paperone – lesen sich wie Hass-Liebeserklärung an den Leipziger Westen, Süden und Osten. Angenehm wirkt auch das großzügige Layout, welches durch den durchgängigen Schwarz-Weiß-Kontrast besticht.

Was bleibt, ist ein Schwanken zwischen dem Wunsch, von und mit Kunst leben zu können und der ungeheuchelten Ver­achtung der Konsum-Kultur-Industrie. Michael Schwe­ßinger dazu: „Um die Antithese ein­zunehmen, braucht man immer noch die These, also ohne Kultur­industrie auch keine „alternativen“ Entwürfe, das gehört schon irgendwie zusammen.“

(hannah)

Blumberg, Nora/Grimm, Hauke von (Hg.): „Revierköter – LE-Allstar-Team“, Paperone Edition, Leipzig, 2007, 109 Seiten, 9,95 Euro.

Anarchie braucht keine Hosenträger

(ein poetisches Konzentrat in 6 Worttabletten)

Anarchie braucht keine Hosenträger Kra­wattennadeln oder Wahrheiten die sich in warme Socken verwandeln kaum daß die Sprache in ihnen Fuß gefaßt hat An­archie braucht keine Moral keine Tapete des Denkens keine Objektivität diese Lebensversicherung des Alltags die unter den Ach­seln juckt sie braucht keine Parteien jene Lutschbonbons aus dem Regal für Sonderangebote Anarchie braucht keine Religion oder Schiedsrichter Wegweiser Lehrstühle Anarchie ist Leben

Anarchie ist Leben Anarchie ist keine 4-Zim­mer-Wohnung und sie ist auch kein Swimming-Pool kein Vorgarten keine Schön­­heit kein Hauptgewinn sie ist auch keine Sitzhaltung Anarchie ist kein Fahrstuhl Da ist kein Knopf dran um sie zu regeln oder abzustellen Anarchie ist keine Me­thode keine Filteranlage kein Mikroskop un­ter dem sich das Leben seziert Sie ist auch kein Fahrschein kein Urlaubsziel keine Zeitreise Sie ist keine Psychologie keine Therapie kein Fußball Anarchie ist Lebensraum

An­archie ist Lebensraum Sie ist die Leerstel­le zwischen zwei Worten in die das Denken taucht Sie ist der Anfang vom Anfang oder der Aufsprung einer inneren Katze ge­gen die Wirklichkeit Sie fährt ihre Krallen aus gegen das verbeamtete Deutschland Sie ist ein Aufstand der Leidenschaft gegen die Fahr­pläne der Bildung in denen der Staat die Auswahl der Gedanken normiert Anar­chie ist die Karambolage auf den Straßen der Gelehrsamkeit eine Katastrophe in den Schab­lonen der Interpretation Anarchie ist sinnliche Praxis Ein Bluterguß am Kopf der Normalität Anarchie ist Bewegung

Anarchie ist Bewegung freies Spiel der Gedanken Revolte der Poesie gegen das lineare Denken Zuversicht die hinter den Ohren flutscht oder eine Seifenkiste in der die Spra­che die Hügel der Kriegsgräber hinabfährt Anarchie spuckt auf das Heldentum frei­williger Selbstunter­wer­fung unter die Herr­schaft und auf die Prophezeiungen der Po­litik Sie speit auf den Na­tio­nalgedanken in dessen Namen der innere Soldat ins äußere Regiment umschlägt Nein Anarchie stößt die Palette um auf der sich Na­tional­far­ben in Ge­sinnungen verwandeln Anarchie küßt sich frei Anarchie küßt sich frei durch die Holzwege der Tagesschau auf denen sich die euro-nationale Masthaltung der Wähler zur Meinungsbildung objektiviert An­archie holt die Na­chrichtenkutscher vom Kutschbock der Wahl­statistik herunter An­ar­­chie verknotet die Fernsehkanäle zu Ge­schen­kschleifen und zieht den Stecker raus An­­archie bindet Wahr­heiten zu Blumensträußen und lacht an gegen Werbemacher Wahl­forscher und Stra­tegen denen ihr aus Fang­quoten destillierter Zeitgeist abrutscht und als Kronkorken in die Auffangschalen der Lottoziehung fällt Anarchie braucht kei­ne Ersatzmittel Steig­bügelhalter des Daseins Stützmieder oder Körperkorsetts Hosenträger

Anarchie braucht keine Hosenträger keinen Tragegurt der irgendwelche zu Legislaturperioden zusammengewebten Versprechen als kurzbeinige Hosentracht am Bierbauch der Konventionen festhält Nein Anarchie löst die Halterungen der Wirklichkeit und läßt sie zu Boden fallen Anarchie verwandelt Kon­ven­tionen in Stangenlakritz – Anarchie: wie Wind der durch die Hosen fährt oder ein Schlag auf die lichtbespannten Trommeln der Vorstädte gegen den Rhythmus der Am­pelanlagen vor denen der blondierte Alltag seine Gewohnheiten zum Blind­flug formiert

(Ralf Burnicki)

Eigentlich drucken wir ja ausschließlich unveröffentlichte Lyrix, um auch dem „kleinen Reim“ ein Chance zu geben. Im Fall von Ralf Bur­nicki machen wir allerdings eine Ausnahme, denn der Text tingelt nun seit einem Jahrzehnt durch den Blätterwald der anarchistischen Or­­­gane und schleicht sich so immer wieder auf charmante Art und Wei­se in die Herzen der Bewegung. In diesem Sinne: Danke Ralf, dass Du Dich in diesem Jahr für uns entschieden hast. – Die Feierabend!-Redaktion

Editorial FA! #29

Das neue Heft ist da! Oder besser Magazin? Der Inhalt bestimmt die Form und eini­ge Themen brauchten eben mehr Platz. Und da es tagespolitisch ja nicht so heiß her geht in Leipzig, können wir uns auch be­ruhigt in den „Magazin-Sessel“ zurück­leh­nen und müs­sen nicht wöchentlich be­rich­ten, sondern können schmökern, diskutieren oder Thea­terstücke planen. In diesem Sinne haben wir uns von einem neuen Au­ßen­dienst­mit­­ar­beiter die Pantoffeln (das Ti­tel­bild) an den Ses­sel tragen lassen und in den Latschen zu­­dem ein Foto von Alexander Schielke entdeckt.

Es ließ sich da gerade noch genug Elan in den eigenen Redax-Reihen finden, um dem hochgelobten Stadtplanungsphäno­men der „Wächterhäuser“ auf den Grund zu gehen (S. 4-9). Aber kein Grund zur Hektik, das Thema soll uns auch in den weiteren Heften noch begleiten.

In einer Reihe marschieren… Ja, das war ein­mal, zumindest im Ostblock, der 01. Mai. Wie es heutzutage mit der Bewegung aussieht und ob es sich noch lohnt, am einstigen Arbeiterkampftag auf die Straße zu gehen, wird unter unserer Rubrik Neben­wider­sprüche (S. 14/15) diskutiert. Tja, und wer am internationalen Feiertag tatsächlich noch Zeit zum Nach­denken findet, der/die sollte überlegen, ob er/sie nicht dem Mot­to „Join the Union!“ folgt (S. 16-20) und sich stärker bei der Gewerkschaftsarbeit engagiert.

Wer schließlich die Augen ganz weit offen hält zwischen all den Blendgranaten der PR-Schlacht ‚Erster Mai‘, wird feststellen, wie wichtig es ist, über den nationalen Tellerrand zu schauen, um zu sehen, wo sich die Dinge entscheiden, die die Welt bewegen. Sei es die Technokratie aus Brüssel (S. 21-23) oder die Politik von Weltbank und Konsorten (S. 24-27).

Zur Verkaufsstelle des … *ähm* Monats haben wir „Onkel Toms Hütte“ gekürt, wo der Feierabend! dank selbstloser Verkäufer reißenden Absatz fand. Um letztlich nicht von der Straße des Erfolgs abzukommen, suchen wir ab sofort am anderen Ende der Autobahn, in Downtown Halle, Kontakt zu Schreibfreudigen, die dem Feierabend! regelmäßig zuarbeiten wollen. Meldet Euch bei Interesse!

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Feierabend!-Redaktion

Der Muff von 40 Jahren

Und täglich grüßen die 68er. Zum 40. Jahrestag wird im Feuille­ton eifrig um die richtige Deutung der damaligen Geschehnis­se ge­­strit­ten. Für den Alt-68er und Historiker Götz Aly ist die Sache klar wie Kloßbrühe, wenn er aus ganzer analytischer Kraft heraus po­stuliert: 68er = Nazis. Logisch, Goebbels hat schließ­lich auch stu­diert. Gut, dass es da noch die taz gibt, den Dutschke-Fan­club Num­mer 1. „Brauchen wir einen neuen Dutschke?“, fragt mensch sich da z.B. ganz unbefangen, um dann in scholastischer Ma­nier meh­rere Sei­ten mit Pros und Kontras zu aufzufüllen. Vor sol­chen Fans würde mensch den Dutschke doch gern in Schutz neh­men. Im Gegensatz zu Götz Aly findet die taz Dutschke und die 68er zwar im Prinzip rich­tig knorke, nur mit ihrer Staatskritik hät­ten sie halt etwas übertrie­ben. Der Na­tionalstaat sei schließlich mitt­lerweile selbst eine „bedroh­te Spe­zies“. Ein echter Geistesblitz – mensch sieht, beim langen Marsch in den Arsch der Berliner Republik haben die GenossIn­nen von der taz einiges dazugelernt. Weil unser armer Nationalstaat so arg bedroht ist, hat er auch gar keine andere Wahl, als z.B. überflüssige Ausländer abzu­schie­ben. Die Lage ist ernst, da müs­sen auch parlamentarische Ent­schei­dungs­gremien zu­rücktre­ten. Das mussten die hessischen Grü­nen, die SPD und die Lin­ke feststellen, nachdem sie sich im hes­sischen Landtag für einen Ab­schiebestopp für afghanische Flücht­linge aus­ge­sprochen hatten. Trotz Landtagsmehrheit sah es der Innenmini­ster überhaupt nicht ein, den Stopp auch umzuset­zen. Wieder ei­ne Lektion in Sa­­chen Parlamentarismus gelernt! Viel­leicht sollte mensch sich die Sa­che mit der außerparlamentarischen Opposi­tion doch noch ein­mal durch den Kopf gehen lassen. Daraus könnten sich zur Ab­wechs­lung mal Fragestellungen er­geben, die wirkliche Er­kennt­nis­se fördern. Die ehemals ach so re­bellischen Zeitge­nos­sen könnte mensch derweil ihrem unaufhalt­samen Verkal­kungs­prozess über­las­sen. Viel Vernünftiges wird dabei wohl nicht mehr her­auskom­men. Höchstens noch Fragen wie die­se: Würde Rudi Dutschke Chi­na boykottieren? Oder ist vielleicht gar der Dalai Lama der Ru­di Dutschke von heute? Wir wissen es nicht. Und wir brauchen es auch nicht wissen!

justus & karotte